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Full text of "Die österreichische Revolution"

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V  DIN 


BIÜER 


DIE   ÖSTERREICHISCHE 
REVOLUTION 


VON    OTTO    BAUER 


WIEN    1 923 

WIENER   VOLKSBUCHHANDLUNG    /    WIEN    VI 


Inhalt. 


E  r  s  t  0  r  A  1)  s  c  h  II  i  1 1 :  Krieg  und  Revolution.  ^eite 

55     1.  Die  Südslawen  und  der  Krieg 1 

§    2.  Die  Tschechen  und  das  Reich 20 

§    3.  Die  Polen  und  die  Mittelmächte 37 

§    4.  Deutsohösterreich  im  Kriege 49 

Zweiter  Abschnitt:  Der  Umsturz. 

§    5.  Die  Bildung  der  Nationalstaaten 71 

t<    6.  Die  Auflösung  des  Reiches >S4 

§    7.  Die  deutschösterreichische  Republik 94 

§    8.  Nationale  und  soziale  Revolution 109 

Dritter  Abschnitt:  Die  Vorherrschaft  der  Arbeiterklasse. 

§    9.  Revolutionäre  und  konterrevolutionäre  Kräfte 116 

§  10.  Zwischen  Imperialismus  und  Bolschewismus 130 

§  11.  Die  Revolution  in  den  Betrieben 161 

§  12.  Der  Staat  und  die  Arbeiterklasse 182 

Vierter  Abschnitt:  Die  Zeit  des  Gleichgewichts  der  Klassenkräfte. 

§  13.  Wirtschaftliche  Umwälzung  und  soziale  Umschichtung    ....  196 

§  14.  Der  Kampf  um  die  Institutionen  der  Republik 213 

§  15.  Der  Kampf  gegen  die  Konterrevolution 225 

§  16.  Die  Volksrepublik 242 

Fünfter  Abschnitt:  Die  Restauration  der  Bourgeoisie. 

§  17.  Die  Währungskatastrophe 249 

§  18.  Der  Genfer  Vertrag 262 

§  19.  Die  Ergebnisse    der  Revolution   und   die  Aufgaben    der   Sozial- 
demokratie   • 275 

Sachregister 292 

/,) 
1/ 


Vorwort. 


■h  widme  dieses  Buch  den  Vertrauensmännern  der  österreichischen 
Arbeiterschaft:  den  Tausenden,  die  während  des  Krieges  blut- 
trunkenen Militärgewalten  tapfer  die  Stirn  boten;  den  Tausenden, 
deren  Einsicht,  deren  Verantwortungsgefühl,  deren  Mut  in  der 
Revolutionszeit  die  österreichische  Arbeiterschaft  aber-  und  abermals  gerettet 
hat  vor  den  Versuchungen  des  Hungers,  der  Verzweiflung,  der  Hiusionen 
in  den  eigenen  Reihen;  den  Tausenden,  die  heute  im  zähen  Abwehrkampfe 
gegen  einen  verständnislosen,  haßerfüllten  Feind  ringen.  Möge  dieses  Buch 
diesen  Tausenden  helfen,  den  Kleinkrieg,  den  sie  alle,  jeder  in  seinem 
Betriebe,  in  seiner  Gemeinde, 'in  seiner  Organisation,  geführt  haben,  im 
großen  geschichtlichen  Zusammenhange  zu  begreifen  und  aus  solchem  Ver- 
stehen neue  Einsicht,  neue  Kraft,  neue  Zuversicht  zu  schöpfen  für  die 
Kämpfe,  denen  wir  entgegengehen! 

Ich  widme  dieses  Buch  den  Kameraden  im  österreichischen  Heere:  den 
sozialdemokratischen  Offizieren,  Unteroffizieren  und  Soldaten.  Sie  haben 
jetzt  den  schwersten  Kampf  zu  bestehen;  einen  Kampf,  der  an  ihre  Über- 
zeugungstreue, an  ihre  Zähigkeit,  an  ihre  Klugheit  die  höchsten  Anforde- 
rungen stellt.  Möge  dieses  Buch  ihnen  sagen,  daß  der  Gegenstand  des 
Kampfes  der  Opfer  des  Kampfes  wert  ist!  ^^ 

Ich  widme  dieses  Buch  den  österreichischen  Intellektuellen,  den  In- 
genieuren, den  Ärzten,  den  Lehrern,  den  jungen  Studenten  zumal,  die  den 
Befreiungskampf  der  Arbeiterklasse  verstehen  lernen  wollen.  Möge  es  ihnen 
helfen,  das  Netz  zu  zerreißen,  in  das,  aus  unzähligen  Zeitungshiättern,  von 
unzähligen  Kathedern  auf  sie  einredend,  Kiassenvorurteil,  Klassenhaß, 
Klasseniüge  sie  verstricken! 

Aber  ich  wage  es,  dieses  Buch  auch  Marxens  Schule  in  aller  Welt  zu 
widmen.  Denn  auch  ihr  will  es  einiges  sagen. 

Der  wissenschaftliche  Sozialismus  ist  aus  der  Verarbeitung  zweier  großer 
Erfahrungen  entstanden:  der  Erfahrung  der  industriellen  Revolution  des 
neunzehnten  Jahrhunderts  und  der  Erfahrung  der  politischen  Revolutionen 
von  1789  bis  1871.  Die  Welt,  die  Marx  und  Engels  erforscht  haben,  ist  durch 
Krieg  und  Revolution  völlig  umgewälzt  worden.  Nur  durch  die  Verarbeitung 
der  Fülle  neuer  Erfahrungen,  die  wir  im  Kriege  und  in  der  Revolution 
erworben  haben,  kann  sich  der  wissenschaftliche  Sozialismus  der  verän- 


dorton  Uniwrlt  anpassen.  Nur  aus  der  wassenschaftlichen  Verarl)eilunjx 
dieser  neuen  Krfalirun<ren  kann  sich  der  Sozialismus  des  zwanzigsten  Jahr- 
hunderts entwickeln.  Km  kleiner  Beitrag  zu  dieser  großen  Arheil  will  dieses 
Buch  sein.  Die  Wechselwirkungen  zwischen  nationaler  und  sozialer  Jlevo- 
lulion;  die  Wandlunigon  des  Staates,  der  Demokratie,  der  Heziehungen  der 
Arheiterklasse  zum  Staat  und  zur  Nation,  die  sich  in  der  und  durch  die  iHe- 
volulion  vollziehen;  die  Entwicklung  eigenartiger  Slaatstypen  in  einer  Knt- 
wicklungsphase.  in  der  die  Kräfte  der  Klassen  einander  das  Gleichgewicht 
halten;  die  l-'unktion  vorübergehender  Kooperation  der  Klassen  im  Ent- 
wickluaiisgange  der  Klassenkämpfe;  die  Wechselwirkungen  der  Wirtschaft, 
der  Gewalt  und  des  Geistes  im  Entwicklungsgange  revolutionären  Klassen- 
kampfes —  das  sind  Prolvleme  von  höchstem  allgemeinen  Interesse  und  zur 
Klärung  dieser  Probleme  kann,  so  hoffe  ich,  die  Geschichte  der  öster- 
reichischen Revolution  manches  beitragen. 

W  i  e  n.  6.  Mai  1923. 

Otto  Bauer. 


Erster    Abschnitt. 

Krieg  und  Revolution. 

1.  Die  Südslawen  und  der  Krieg. 


Literatur: 


Ranke,  Die  serbische  Revolution.  Berlin  1844.  —  Källay,  Geschichte  der  Serben. 
Budapest  1878.  —  Novakovic,  Die  Wiedergeburt  des  serbischen  Staates.  Sara- 
jevo 1912. 

Seton-Watson,  Die  südslawische  Frage  im  Habsburgerreich.  Berhn  1913.  — 
Südland,  Die  südslawische  Frage  und  der  Yfeltkrieg.  Wien  1918.  —  Wendel,  Aus 
dem  südslawischen  Risorgimento.  Gotha  1921. 

Suman,  Die  Slowenen.  Wien  1881.  —  Dimitz,  Geschichte  Krains.  Laibach  1874. 

Georgevitch,  Das  Ende  der  Obrcnovitch.  Leipzig  1905,  —  Molden,  Graf 
Ährenthal.  Stuttgart  1917.  —  Conrad,  Aus  meiner  Dienstzeit.  Wien  1921.  — 
Bauer,  Der  Balkankrieg  und  die  deutsche  Weltpoütik.  Berlin  1912.  —  Kautsky, 
Serbien  und  Belgien  in  der  Geschichte.  Stuttgart  1917. 

Sisic,  Dokumenti  o  postanku  kraljevine  SIIS  1914—1919.  Zagreb  1920.  — 
Potocnjak,  Iz  emigracije.  Zagreb  1919.  —  Tomic,  Jugoslavija  u  emigraciji.  Beograd 
1921.  —  Djordjevic,  Srbija  i  Jugosloveni.  Beograd  1922. 


Das  Ultimatum  Österreich-Ungarns  an  Serbien  hat  den  Weltkrieg 
herbeigeführt.  Seine  unmittelbare  Ursache  war  der  Zusammenstoß  des 
habsburgischen  Imperiums  mit  dem  Freiheits-  und  Einheitsdrang  des 
südslawischen  Volkes. 

Im  Verlauf  des  19.  Jahrhunderts  hatte  sich  aus  den  südslawischen 
Bauernstämmen  das  südslawische  Bürgertum  entwickelt.  Unter  der 
Führung  ihres  Bürgertums  standen  die  südslawischen  Stämme  im  Kampfe 
gegen  den  Zustand  der  nationalen  Fremdherrschaft  und  der  nationalen 
Zersplitterung,  die  der  Feudalismus  in  Jugoslawien  begründet  hatte.  Dieser 
Kampf  war  die  bürgerliche  Revolution  der  Jugoslawen.  Sein  Ziel  war  die 
Liquidierung  der  feudalen  Herrschaftsverhältnisse  auf  südslawischem 
Boden.  Diese  nationale  Revolution  der  Jugoslawen  war  der  Ausgangspunkt 
des  Krieges.  Sie  leitete  die  nationale  Revolution  ein,  der  die  Habsburger- 
monarchie erlegen  ist. 

Schon  im  9.  Jahrhundert  sind  die  Sloweneji  —  der  nordwestliche 
Stamm  des  südslawischen  Volkes  —  unter  deuw^che  Fremdherrschaft  ge- 
fallen. In  ganz  Slowenien  wurden  die  slawischen  Bauern  deutschen  Grund- 
herren zins-  und  fronpflichtig.  Deutsch  war  der  Herrenhof,  slowenisch 
das  ßauerndorf.  Den  deutschen  Grundherren  folgten  deutsche  Bürger.  Sie 
begründeten  die  Städte  im  Wendenland;  die  Städte  waren  deutsch,  die 
Dörfer   blieben  windisch.  So   fielen  hier  Klassenscheidung  und  nationale 

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Sclicidung    zusammen.     Noch    im    ID.  .Tnlirlumdcrt    klaffte    der    krainische 
Dichter  Franc  rrcseron: 

Deutsch  sprechen  in  der  Regel  hicrzuhirule 
Die  Herrinnen  und  Herren,  die  hefchh;n; 
Slowenisch  die,  so   von  dem  Dienerstandc. 

So  war  ein  Jalniauscnd  lang  die  slowenische  Sprache  bloPie  Eauern- 
mundart,  das  slowenische  Volk  eine  geschichtslose  Nation.  Ein  slowenisches 
Schulwesen  konnte  nicht  entstehen;  denn  Schulen  gab  es  nur  für  die 
Söhne  der  deutschen  Grundherren  und  Bürger,  nicht  für  die  der  slawischen 
Bauern.  Eine  slowenische  Literatur  konnte  sich  nicht  entwickeln;  denn 
wer  hätte  in  einer  Sprache,  die  nur  die  \mwissenden,  analphabctischen 
Bauern  sprachen,  Bücher  schreiben  wollen?  Als  in  den  Sturmtagen  der 
Beformation  protestantische  Prädikanlen  auch  den  Bauern  das  Evangelium 
predigen  wollten,  stellte  einer  von  ihnen,  Primo2  Trubar,  fest,  daß  „kein 
Brief  oder  Begister,  noch  w^eniger  ein  Buch  in  unserer  windischen  Sprache 
zu  finden  war;  denn  man  hielt  dafür,  die  windische  Sprache  wäre  so  grob 
und  barbarisch,  daß  man  sie  weder  schreiben  noch  lesen  könne".  Trubar 
imd  Juri  Dalmatin,  die  die  Bibel  in  die  slawische  Bauernsprache  über- 
trugen, mußten  hunderte  Wörter  fremden  Sprachen  entlehnen;  denn  die 
slowenische  Sprache  hatte  Bezeichnungen  nur  für  Begriffe  des  bäuerlichen 
Lebens.  Habsburgs  blutige  Gegenreformation  bereitete  auch  diesen  ersten 
Versuchen,  eine  slowenische  Literatursprache  zu  schaffen,  ein  schnelles 
Ende:  Trubars  ketzerische  Schriften  wurden  verbrannt;  und  wiederum 
verschwand  für  zwei  Jahrhunderte  die  slowenische  Sprache  aus  der 
Literatur. 

Und  wie  an  allem  höheren  Kulturleben,  so  hatte  a,uch  an  allem  staat- 
lichen Leben  das  slowenische  Bauernvolk  ein  Jahrtausend  lang  keinen 
Anteil.  Denn  nur  die  Grundherrenklasse,  nicht  die  Bauernschaft  war  in 
diesem  Jahrtausend  Trägerin  des  staatlichen  Lebens.  Mit  der  Unterwerfung 
unter  die  deutschen  Grundherren  fielen  die  slowenischen  Bauern  unter  die 
Herrschaft  des  deutschen  Herzogtums  Karantanien;  mit  den  Ländern,  in 
die  das  Herzogtum  zerfiel,  fielen  sie  an  das  deutsche  Österreich.  Über  den 
Grundherrschaften,  in  denen  die  slowenischen  Bauern  den  deutschen 
Feudalherren  fronten,  baute  sich  die  politische  Herrschaft  des  deutschen 
Österreich  über  den  slowenischen  Volksstamm  auf. 

Ein  halbes  Jahrtausend  später  als  der  nordwestliche  verfiel  der  süd- 
östliche Zweig  des  jugoslawischen  Volkes  ähnlichem  Schicksal.  Nach  der 
Niederlage  am  Amselfeld  (1389)  wurden  die  serbischen  Fürsten  zu  Vasallen 
der  türkischen  Großherren;  nach  der  Katastrophe  von  Varna  (1444)  wurden 
die  serbischen  Länder  zu  türkischen  Provinzen.  Das  serbische  Volk  vvurde 
zur  geknechteten  ausgebeuteten  Rajah.  Die  Städte  wurden  zu  türkischen 
Festungen;  nur  die  Dörfer  blieben  serbisch.  Und  über  die  serbischen  Bauern 
herrschten  die  türkischen  Spahis  und  die  griechischen  Priester.  Nur  in 
Bosnien  behauptete  sich  ein  Teil  des  nationalen  Adels;  aber  er  behauptete 
Besitz  und  Würde  nur  um  den  Preis,  daß  er  den  Islam  annahm  und  damit 
in  dem  herrschenden  Osmanentum  aufging.  So  war  auch  das  serbische 
Volk  unter  Fremdherrschaft  gefallen. 

Niu"  irr  Zentrum  des  Siedlungsgebietes  der  Südslawen,  in  Kroatien,  hat 
sich  ein  nationales  Staatswesen  behauptet.  Nur  dort  lebte  das  Volk  unter 


der  Herrschaft  nicht  eines  fremden,  sondern  eines  nationalen  Adels.  Aber 
auch  dort  ging  in  furchtbaren  Stürmen  ein  Stück  nationaler  Selbständigkeit 
nach  dem  andern  verloren.  Von  den  Türken  bedroht,  war  das  dreieinige 
Königreich  nicht  imstande,  Dalmatien  gegen  die  Venezianer  zu  schützen. 
:So  verfiel  dieses  slawische  Land  italienischer  Fremdherrschaft.  Kroatien 
selbst  aber  warf  die  Türkennot  zuerst  den  Habsburgern  in  die  Arme.  Dann, 
nach  der  Zurückdrängung  der  Türken,  stürzte  sich  der  kroatische  Adel, 
vom  habsburgischen  Absolutismus  im  Besitz  seiner  ständischen  Privilegien 
iDedroht,  Ungarn  in  die  Arme,  um,  sei  es  auch  um  den  Preis  des  Vej-zichts 
auf  staatliche  Selbständigkeit,  mit  dem  mächtigeren  magyarischen  Adel 
vereint,  die  ständischen  Rechte  zu  verteidigen.  So  verlor,  zwischen  Türken 
und  Venetianern,  zwischen  Österreich  und  Ungarn,  der  kroatische  Adel 
nationale  und  staatliche  Selbständigkeit.  Viele  Adelsfamilien  wurden  in 
■den  Türkenkriegen  ausgerottet.  Andere  endeten  in  den  Kuru.zzenkriegen 
•auf  österreichischem  Schafott.  Deutsche,  magyarische,  italienische  Feudal- 
herren erbten  die  Latifundien  der  kroatischen  Magnaten.  Der  Rest  des 
höheren  kroatischen  Adels  erl^g  der  mächtigen  Anziehungskraft  der  Wiener 
höfischen  Sitte;  war  die  lateinische  Sprache  die  Verhandlungssprache  des 
Sabors  und  die  Amtssprache  der  Behörden,  so  bediente  sich  der  gebildete 
Adel  im  täglichen  Umgang  der  deutschen  oder  der  italienischen  Sprache. 
Nur  der  unwissende  Bauernadel,  die  „Zwetschkenjunker",  sprachen  noch 
kroatisch.  Die  staatlichen  Sonderrechte  Kroatiens  aber  gab  der  kroatische 
Adel  Ungarn  preis,  um  sich,  mit  dem  magyarischen  Adel  vereint,  als  una 
eademque  nobilitas,  des  habsburgischen  Absolutismus  zu  erwehren:  als 
Josef  IL  die  Leibeigenschaft  in  Ungarn  und  Kroatien  aufhob,  übertrug  der 
kroatische  Sabor  sein  Steuer-  und  Rekrutenbewilligungsrecht  dem  unga- 
rischen Reichstag,  um  in  ihm  seinen  Beschützer  gegen  die  Bauern- 
befreiung zu  finden.  So  ward  Kroatien  zum  bloßen  „angegliederten  Teil" 
Ungarns.  So  war  auch  der  kroatische  Adel  kein  Träger  nationaler  Kultur 
und  nationaler  Selbständigkeit  mehr. 

So  hatte  der  Feudalismus  den  jugoslawischen  Stämmen  eine  furchtbare 
Erbschaft  hinterlassen.  Österreich  und  Ungarn,  Venedig  und  die  Türkei 
hatten  ihr  Gebiet  untereinander  geteilt.  In  Slowenien  saßen  deutsche,  in 
Dalmatien  italienische,  im  Banat  und  in  der  Bacska  magyarische  Herren, 
in  Serbien  türkische  Spahis,  in  Bosnien  mohammedanische  Begs  über  den 
hörigen  slawischen  Bauern.  Überall  waren  die  Jugoslawen  zu  einem  ge- 
schichtslosen  Bauernvolk,  zu  Hintersassen  fremder  Grundherren  geworden;, 
selbst  in  Kroatien  war  der  nationale  Adel  seinem  Volkstum  entfremdet. 
Nur  der  Bauer  war  der  Träger  des  nationalen  Lebens.  Aber  der  Gesichts- 
kreis des  armen,  unwissenden  Bauern  reichte  über  die  Grenzen  der  Grund- 
herrschaft, der  er  fronte,  kaum  hinaus.  Den  windischen  Bauern  Kärntens 
galten  schon  die  Krainer  als  Fremde.  Die  katholischen  Bauern  in  Kroatien 
haßten  die  griechisch-orthodoxen  Nachbarn  als  Ungläubige.  Ein  Bewußtsein 
nationaler  Gemeinschaft  der  jugoslawischen  Stämme  gab  es  nicht.  Es  hat 
■einer  langen  Kette  gewaltiger  Umwälzungen  bedurft,  um  das  jugoslawische 
Volk  aus  diesem  Zustand  der  Knechtschaft,  der  Geschichtslosigkeit,  der 
Zerstückelung   emporzuführen. 

Der  Krieg,    den  Josef  IL  und    Katharina  IL    im  Jahre  1788    gegen  die 
Türkei  begannen,  war  der  Wendepunkt  der  serbischen  Geschichte.  Österreich. 


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rief  damals  die  serbische  Rajah  zum  Kampfe  gegen  die  Türkenherrschaft 
auf.  Den  lautesten  Widerhall  fand  dieser  Ruf  in  dem  kleinen  Splitter  des 
serbischen  Stammes,  der  sich  ein  .lahrhundert  vorher  unter  der  Führung 
des  flüchtiizen  Patriarchen  von  Ipek  in  Ungarn  angesiedelt  hatte.  Viele  von 
den  serbischen  Kolonisten  hatten  in  dem  fn-mden  Lande,  wie  es  ent- 
wurzelte, in  fremdes  Land  verpflanzte  Gastvölker  zu  tun  pflegen,  im  Handel 
Erwerb  gefunden;  so  hatte  sich  hier  ein  handeltreibendes  serbisches 
Rürgertum  entwickelt,  von  dessen  Söhnen  so  mancher  den  Weg  an 
deutsche  Universitäten  fand,  dort  unter  den  i'^influß  der  Aufklärungs- 
literatur des  18.  Jahrhunderts  geriet  und  gewahrte,  wie  eben  damals  in  der 
Wissenschaft  die  lateinische  Kirchensprache  durch  die  deutsche  Volkssprache 
ersetzt  wurde.  Da  setzte  luin  unter  den  ungarischen  Serben  lebhafte  Bewegung 
ein.  Schulen  und  Kirchengemeinden  wurden  gegründet.  Dositej  Obradoviö 
imd  Vuk  Karadzic  ersetzten  die  kirchenslawische  Schulsprache  durch  die 
Volkssprache,  „wie  sie  auf  dem  Markt  geredet  und  beim  Reigentanz  ge- 
sungen wird",  und  schufen  damit  die  neue  serbische  Schriftsprache  und 
die  Anfänge  des  neuen  serbischen  Schrifttums.  Zugleich  aber  weckte  der 
Waffenlärm  auch  die  Rajah  jenseits  der  Save.  Serbische  Freischaren 
kämpften  unter  österreichischem  Kommando  gegen  die  Türken.  Und  wenn- 
gleich Österreich  die  serbische  Rajah  den  Türken  wieder  preisgab,  als  die 
Schreckensnachrichten  über  die  Anfänge  der  gro.ßen  Französischen  Revo- 
lution die  Aufmerksamkeit  des  Wiener  Hofes  nach  dem  Westen  lenkten, 
haben  die  Waffentaten  der  Kriegszeit  das  Selbstbewußtsein  der  Serben 
doch  mächtig  gestärkt.  „Was  habt  ihr  aus  unserer  Rajah  gemacht?" 
klagten  nun  die  Türken. 

Der  Krieg  hatte  die  Schwäche  des  türkischen  Lehensstaates  gegen  den 
modernen  Absolutismus  geoffenbart.  Unter  dem  Eindruck  dieser  Erfahrung 
versuchte  der  Sultan  Selim  HL  eine  Reform  des  Staats-  und  Heerwesens 
nach  europäischem  Vorbild.  Gegen  diese  Reformversuche  erhoben  sich 
die  Janitscharen.  Der  Gouverneur  des  Belgrader  Paschaliks  Hadschi 
Mustafa  Pascha  bot  selber  die  serbischen  Bauern  gegen  die  rebellischen 
Dahia  auf.  So  erhoben  sich  1804  die  Serben,  von  Kara  Georg  geführt.  Aber 
sobald  sie  die  Dahia  besiegt  hatte,  richtete  die  rebellierende  Rajah  ihre 
Waffen  gegen  die  Türkenherrschaft  überhaupt.  So  begann  der  große  Be- 
freiungskampf des  serbischen  Bauernvolkes  gegen  den  türkischen  Feuda- 
lismus. Bald  von  Rußland,  bald  von  Österreich  benützt,  bald  von  dem 
Zaren,  bald  von  dem  Kaiser  verraten,  erkämpite  sich  der  serbische  Bauer 
schließlich  seine  Freiheit.  Der  erste  Aufstand  brachte  den  Serben  die  Auto- 
nomie, der  Friede  von  Adrianopel  (1829)  die  staatliche  Selbständigkeit,  der 
Friede  von  San  Stefano  (1878)  die  Unabhängigkeit  von  der  Türkei  Und  mit 
dem  Wachtum  des  Staates  wurde  die  Nation:  der  Staat  schuf  die  serbische 
Schule;  der  Staat  schuf  die  serbische  Bürokratie,  deren  Söhne  von  aus- 
ländischen Universitäten  europäische  Ideen  heimbrachten;  langsam,  all- 
mählich begann  sich  aus  dem  Bauernvolk  ein  Bürgertum  herauszulösen 
als  Träger  der  werdenden  nationalen  Kultur.  So  wurde  im  Verlauf  eines 
Jahrhunderts  aus  der  Rajah  eine  Nation. 

Was  der  'Türkenkrieg  von  1788  für  die  Serben,  war  der  Fran^osenkrieg 
von  1809  für  die  Kroaten.  Das  von  Napoleon  I.  gegründete  Königreich 
lUyrien  vereinigte  zum  ersten  Male  Slowenien,  Kroatien     und  Dalmatien  zu 


€  i  n  e  m  Staate,  es  befreite  die  Bauern  von  der  Fronpflicht  und  der  Patri- 
monialgerichtsbarkeit, es  führte  die  slawische  Sprache  in  den  Volksschulen 
«in.  Wohl  stellte  Österreich  schon  1813  das  alte  Regime  wieder  her;  aber 
•der  Anstoß,  einmal  gegeben,  wirkte  weiter.  Die  kroatischen  Studenten  an 
den  Hochschulen  von  Wien  und  Pest  schwärmten  nun  von  der 
^,illyrischen"  Freiheit,  von  der  nationalen  Einheit  aller  südslawischen 
Stämme.  Die  nationalen  Befreiungskämpfe  der  Deutschen  und  der 
Italiener,  der  Polen  und  der  Magyaren  wurden  ihnen  zum  Vorbild.  Die 
Lehren  der  entstehenden  Slawistik  nahmen  sie  gierig  auf.  Es  war  vorerst 
nur  eine  Bewegung  weniger  junger  Schwärmer.  Aber  sie  gewann  bald  ge- 
schichtliche Bedeutung.  Ljudevit  Gaj,  der  den  Kroaten  zuerst  eine  ein- 
heitliche Orthographie  schuf,  war  das  Haupt  der  illyrischen  Bewegung; 
der  nationalen  Einheit  der  drei  „illyrischen"  Stämme  zustrebend,  legte  er 
-seiner  Orthographie  denselben  stokawischen  Dialekt  zugrunde,  aus  dem 
Vuk  Karadzic  die  serbische  Schriftsprache  geformt  hatte;  so  gelangten 
Kroaten  und  Serben  zu  einer  gememsamen  Schriftsprache.  Und  diese 
literarische  Bewegung  wurde  zur  geschichtlich  wirksamen  Kraft,  als  sich 
•der  kroatische  Adel  ihrer  zu  bemächtigen  begann. 

Nach  der  französischen  Julirevolution  von  1830  gewann  der  Kampf  des 
ungarischen  Reichstages  gegen  den  Wiener  Hof  revolutionären  Charakter. 
Der  reaktionäre  kroatische  Adel  geriet  in  Gegensatz  zur  magyarischen 
Reformbewegung.  Er  widersetzte  sich,  als  der  ungarische  Reichstag  auch 
Kroatien  die  Gleichberechtigung  der  Protestanten  aufzwingen  wollte.  Er 
geriet  in  Wut,  als  man  in  Preßburg  und  Pest  die  Aufhebung  der  Hörigkeit 
der  Bauern  zu  fordern  begann.  Als  Ungarn  die  lateinische  Staatsprache 
■durch  die  magyarische  ersetzte,  widersetzte  sich  der  Sabor  ihrer  Ein- 
führung in  Kroatien;  nun  machte  er  sich  die  illyrische  Kulturbewegung 
zunutze  und  führte  in  Kroatien, die  kroatische  Staatssprache  ein.  Der 
Wiener  Hof,  von  dem  revolutionären  Ungarn  bedroht,  stellte  sich  an  die 
.Seite  der  Kroaten.  Als  1848  die  revolutionäre  Bewegung  Ungarns  zur  Revo- 
lution ward,  unterwarf  das  kroatische  Aufgebot  Jellacic'  den  Habsburgern 
das  revolutionäre  Ungarn  und  das  revolutionäre  Wien,  während  zugleich 
auch  die  Serben  des  Banats  der  ungarischen  Revolution  in  den  Rücken 
fielen.  Aber  bald  lernten  die  Jugoslawen  den  „Dank  vom  Hause  Österreich" 
kennen.  Wohl  löste  der  triumphierende  Absolutismus  Kroatien  und  die 
ungarisch-serbische  Wojwodina  von  Ungarn  los,  aber  nur  um  sie  derselben 
brutalen  Gewaltherrschaft  zu  unterwerfen,  der  Ungarn  unterworfen  ward. 
Und  nach  1859  und  1866  schloß  Habsburg  seinen  Frieden  mit  dem 
magyarischen  Adel  auf  Kosten  der  Südslawen.  Die  Wojwodina  wurde 
wieder  an  Ungarn  ausgeliefert.  Dalmatien  blieb  bei  Österreich,  der  An- 
schluß an  Kroatien  wurde  ihm  verwehrt.  Kroatien  selbst  aber  wurde  der 
Ausgleich  von  1868  gewaltsam  oktroyiert.  Und  der  Rest  der  alten  staats- 
rechtlichen Selbständigkeit,  den  er  Kroatien  ließ,  wurde  zum  bloßen 
Schein.  Der  Banus  wurde  von  der  ungarischen  Regierung  ernannt.  Der 
Landtag  ging  aus  Wahlen  hervor,  bei  denen  dank  dem  engen  Zensus- 
wahlrecht die  Beamten  die  Mehrheit  der  Wähler  bildeten;  da  das  Wahl- 
recht öffentlich  ausgeübt  werden  mußte,  konnte  es  kein  Beamter  wagen, 
gegen  die  Regierung  zu  stmimen.  So  konnte  der  von  der  ungarischen  Re- 
gierung ernannte  Banus  den  Landtag  nach  seinem  Gutdünken  zusammen- 

—    5    — 


setzen.  Kroatien  ward  damit  ein  magyarisches  Paschalik,  mit  brutalar 
Gewalt  und  zynischer  Korruption  regiert.  Der  doppelte  llaB  gegen  dea 
Wiener  Hof,  der  es  nach  1848  verraten,  und  gegen  die  magyarische  Herrcn- 
klasse.  die  es  seit  18G8  geknechtet  hat,  erfüllte  die  Seele  des  kroatischca 
Volkes. 

In  diesem  doppelten  Haß  crwuciisen  die  Kroaten  zu  einer  modernen 
Nation.  Mochte  die  magyarische  Fremdherrschaft  das  Land  noch  so  sehr 
benachteiligen,  so  verbreiterte  doch  auch  hier  die  wirtschaftliche  Ent- 
wicklung des  19.  Jahrhunderts  das  städtische  Bürgertum.  Mochte  der  Aus- 
gleich von  1868  von  der  staatsrechtlichen  Selbständigkeit  des  Landes  noch' 
so  wenig  übrig  lassen,  so  sicherte  er  ihm  doch  ein  nationales  Schulwesen 
von  der  Volksschule  bis  zur  Universität  und  Akademie.  So  erstand  auch 
hier  ein  nationales  Bürgertum  als  Träger  der  nationalen  Kultur.  Auch  int 
politischen  Leben  trat  nach  1868  das  Bürgertum  allmählich  an  die  Stelle- 
des  Adels. 

Aber  nicht  als  der  Stamm  eines  einheitlichen  südslawischen  Volkes, 
sondern  als  eine  besondere  Nation  fühlten  sich  noch  die  Kroaten.  Von  der 
illyrischen  Einheit  hatten  die  Studenten  der  dreißiger  Jahre  geträumt;  als 
d^r  Adel  die  Führung  der  nationalen  Bewegung  an  sich  gerissen  hatte,  war 
nicht  mehr  das  natürliche  Recht  der  „lUyrier '  auf  Einheit  und  Freiheit,., 
sondern  das  historische  Staatsrecht  Kroatiens,  an  dem  weder  Serben  noch 
Slowenen  Anteil  hatten,  die  Fahne  im  Kampf.  Die  von  europäischer 
Aufklärung  beeinflußten  Studenten  mochten  die  Kluft  zwischen 
katholischen  Kroaten  und  orthodoxen  Serben  nicht  für  breiter  ansehen  als 
die  Scheidung  zwischen  evangelischen  und  katholischen  Deutschen;  als 
aber  die  kroatischen  Ivleinbürger  und  Bauern,  von  ihrem  Klerus  geführt,. 
in  die  politische  Arena  eindrangen,  brachten  sie  ihren  Haß  gegen  die- 
serbischen  Schismatiker  mit.  Die  magA^arische  Herrschaft  beutete  den 
Gegensatz  aus  und  verschärfte  ihn,  indem  sie  sich  auf  die  geschichtslosen. 
Serben  gegen  die  ihr  historisches  Recht  fordernden  Kroaten  stützte. 

Noch  fremder  aber  als  der  Masse  der  Kroaten  war  den  Slowenen  der 
Gedanke  der  jugoslawischen  Einheit.  Die  Serben  hatten  sich  in  revolutio- 
närem Sturm  ihren  Staat  erkämpft.  In  Kroatien  konnte  sich  die  nationale 
Entwicklung  an  die  Überbleibsel  einstiger  staatlicher  Selbständigkeit 
klammern.  Die  Slowenen  hatten  keinen  Staat,  keine  Städte,  kein  Bürger- 
tum. Wohl  machte  auch  hier  die  österreichische  Volksschule  im.  19.  Jahr- 
hundert eine  nationale  Literatur  möglich,  indem  sie  auch  Bauern  und 
Kleinbürger  lesen  lehrte.  Aber  die  Literatur  —  nicht  für  Gebildete,  sondera 
für  Bauern  geschrieben  —  mußte  sich  der  bäuerlichen  Mundart  be- 
dienen, wenn  sie  Leser  finden  wollte.  Daran  scheiterte  trotz  der  nahen 
Verwandtschaft  zwischen  Slowenen  und  Kroaten  der  Versuch  des 
Illyrismus,  auch  die  Slowenen  der  gemeinsamen  kroatisch-serbischen 
Schriftsprache  zu  gewinnen;  aus  der  krainischen  Bauernmundart  schufen 
sich  die  Slowenen  ihre  eigene  Schriftsprache.  Es  konnte  freilich  nur  eine 
dürftige  Literatur  sein,  die  das  arme  Völkchen  hervorbringen  konnte;  und 
dürftig  erschien  zunächst  auch  seine  politische  Geschichte.  Erst  die  all- 
mähliche Demokratisierung  des  öffentlichen  Lebens  ermöglichte  es  den 
slowenischen  Kleinbürgern  und  Bauern,  sich  Keimzellen  einer  nationalen 
Selbstverwaltung  zu  erstreiten;  nach  der  Erteilung  des  Wahlrechtes  an  die 

—    fi       — 


Fünfguldenmänner  eroberten  die  slowenischen  Kleinbürger  1882  den  bis 
dahin  noch  von  der  deutschen  Bourgeoisie  beherrschten  Gemeinderat  von 
Laibach,  die  slowenischen  Bauern  ein  Jahr  später  den  bis  dahin  noch  von 
den  deutschen  Großgrundbesitzern  beherrschten  krainischen  Landtag.  Nur 
in  furchtbar  schwerem  Kampfe  konnte  das  kleine  Volk  die  bescheidensten 
Kulturerfordernisse  der  deutschösterreichischen  Bourgeoisie  abringen.  Sie 
stürzte  noch  1893  eine  Regierung,  über  die  Zumutung  erbost,  den  Slowenen 
ein  paar  slowenische  Parallelklassen  an  einem  deutschen  Gymnasium  zu 
bewilligen. 

Aber  so  gewaltig  auch  die  Hindernisse  waren,  gegen  die  sich  alle 
Stämme  des  südslawischen  Volkes  emporarbeiten  mußten,  das  Ergebnis 
der  ganzen  Entwicklung  im  19.  Jahrhundert  war  doch,  daß  sich  nun 
überall,  in  Serbien  wie  in  Kroatien,  in  Dalmatien  wie  in  Slowenien  ein 
nationales  Bürgertum  entwickelt  hatte,  das  die  geistige  Führung  der  jugo- 
slawischen Stämme  an  sich  gezogen  hatte  und  mittels  der  Schule,  der 
Presse,  der  Organisationen  auch  die  kleinbürgerlichen  und  bäuerlichen 
Volksmassen  mit  Nationalbewußtsein  erfüllte.  Diesem  Nationalbewußtsein 
mußte  der  unwürdige  Zustand  unerträglich  werden,  dem  noch  am  Anfang 
des  20  .Jahrhunderts  das  jugoslawische  Volk  unterworfen  war. 

Auch  am  Anfang  des  20.  Jahrhunderts  lebte  noch  der  bei  weitem  größere 
Teil  des  jugoslawischen  Volkes  unter  Fremdherrschaft.  In  Altserbien  und 
Mazedonien  herrschten  noch  die  Türken;  dort  kämpften  eben  damals 
Bulgaren,  Serben,  Griechen  gegeneinander  und  gegen  die  Türkenherrschaft 
in  wildem  Bandenkrieg.  In  Bosnien  herrschte  seit  1878  der  militärische 
Absolutismus  der  Habsburgermonarchie.  Kroatien  hielt  seit  1883  Graf 
Khuen-Hederväry  „mit  Peitsche  und  Hafer"  in  Fesseln.  Nur  in  Serbien  und 
in  Montenegro  genoß  das  jugoslawische  Volk  staatliche  Selbständigkeit. 
Aber  was  bedeutete  diese  Selbständigkeit!  Der  Fürst  des  montenegrinischen 
Zwergstaates  war  ein  Stipendiat  des  Wiener  und  des  Petersburger  Hofes. 
In  Serbien  aber  war  es  noch  schlimmer.  Die  Familienskandale  der  ent- 
arteten Dynastie  der  Obrenovic  waren  zum  Schicksal  des  Landes  geworden. 
Das  verachtete  Geschlecht  hatte  das  Land  einem  orientalischen  Despo- 
tismus unterworfen:  Parlamentswahlen,  Parlamentsabstimmungen,  Richter- 
sprüche wurden  vom  Hofe  kommandiert,  Häftlinge  in  den  Gefängnissen 
auf  königliches  Geheiß  ermordet;  noch  1898,  nach  dem  Attentat  auf  Milan 
Obrenovic  rettete  nur  ausländischer  Einspruch  den  oppositionellen  Partei- 
führern das  Leben.  Und  dieses  Regime,  despotisch  im  Innern,  war  zudem 
noch  knechtisch  nach  außen.  Unter  Milan  Obrenovic  war  Serbien  zum 
Vasallenstaat  Österreich-Ungarns  geworden,  als  Preis  für  den  Schutz  ihres 
schamlosen  Despotismus  im  Innern  entsagten  Milan  und  Alexander  jeder 
Selbständigkeit  gegenüber  dem  mächtigen  Nachbarn.  Aber  indessen  lasen 
junge  Menschen  mit  leuchtenden  Augen  und  brennenden  Wangen  die  große 
Geschichte  des  italienischen  Risorgimento.  Sie  lasen,  daß  auch  Italien  einst 
zerstückelt,  zerteilt,  von  Habsburg  beherrscht  war.  Und  sie  träumten  da- 
von, daß  Serbien  für  die  Jugoslawen  zu  leisten  berufen  sei,  was  Piemont 
für  Italien  geleistet  hat.  Noch  war  es  ohnmächtige  Idee,  lächerlich  fast  der 
furchtbaren  Wirklichkeit  gegenüber.  Aber  die  Idee  wurde  zur  Gewalt. 

Mit  dem  Jahre  1903  begann  die  jugoslawische  Revolution.  Der  Aufstand 
in  Mazedonien,  der  Sturz  der  Dynastie  Obrenovic  in  Serbien  und  der  Sturz 

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Kliui-u-Il» Uli v.uvs  in  Kroalit^u  —  da?  s-hul  die  drei  Ereignisse,  mit  denen 
die  revolutionäre  Umwälzung  einsetzte. 

Der  blulise  Handonkricg,  den  die  bulgarischen,  sorbischen  und 
griechischen  Komitalschi  in  Mazedonien  gegeneinander  führten,  hatte  die 
Türkei  schlioBüch  gezwungen,  den  Banden  mit  eiserner  Faust  entgegon/u- 
ireten.  Mit  blutigen  Gewalttaten  rächte  Abdul  Hamid  die  Opfer  des  Banden- 
krieges. Die  Banden,  die  eben  noch  im  Kampfe  gegeneinander  gestanden 
waren,  vereinigten  sich  nun  gegen  die  Türken.  Und  sobald  sie  sich  gegen 
die  verhaßten  Feudalherren  wandten,  fanden  sie  die  Unterstützung  der 
Bauern.  So  endete  der  Bandenkrieg  im  Jahre  1903  in  einer  revolutionären 
Erhebung  Mazedoniens  gegen  die  Türkenherrschaft.  Nun  griffen  die  Groß- 
mächte ein.  Rußland,  in  der  Mandschurei  beschäftigt,  verständigte  sich  im 
Oktober  1003  in  Mürzstcg  mit  Österreich-Ungarn  über  ein  Reformprogramm 
für  Mazedonien.  Europäische  Gendarmerie  stellte  die  Ruhe  im  Lande  not- 
dürftig wieder  her.  Aber  die  Balkanfrage  war  von  neuem  aufgerollt. 

In  demselben  Jahre  hatte  in  Serbien  Alexander  Obrenovic  die  Ver- 
fassung aufgehoben  und  eine  neue  Verfassung  oktroyiert.  Dem  Staats- 
streich des  Königs  antwortete  die  Militärrevolution.  Alexander  und  Draga 
wurden  ermordet,  Peter  Karadjordjevic  zum  König  gewählt.  Trotz  der 
orientalischen  Formen  war  es  eine  echte  Revolution:  der  Absolutismus  war 
gebrochen,  der  kleinbürgerlich-bäuerliche  Radikalismus  erlangte  die  Herr- 
schaft, eine  demokratische  Verfassung  wurde  geschaffen.  Preß-,  Vereins- 
und Versammlungsfreiheit  waren  gewonnen.  Das  neue  Regime  suchte  das 
Land  von  dem  Abhängigkeitsverhältnis  zur  Habsburgermonarchie  zu  be- 
freien. xVbcr  eben  damit  geriet  es  sehr  bald  in  Konflikt  mit  Österreich- 
Ungarn.  1906  bot  die  Habsburgermonarchie  Serbien  die  Erneuerung  des 
Handelsvertrages  nur  unter  der  Bedingung  an,  daß  es  q,uf  die  Ausfuhr  von 
Lebendvieh  nach  Österreich  verzichte  und  sich  verpflichte,.  Eisenbahn- 
material und  Geschütze  nur  aus  Österreich  zu  beziehen;  als  Serbien  das 
Diktat  ablehnte,  sperrte  die  Habsburgermonarchie  den  serbischen  Agrar- 
produkten  ihre  Grenzen.  Der  Zollkrieg  traf  die  serbische  Bauernschaft 
furchtbar  schwer.  Und  als  Serbien  in  einer  Zollunion  mit  Bulgarien  den 
Ausweg  aus  unerträglicher  wirtschaftlicher  Hörigkeit  zu  finden  hoffte,  er- 
hob Österreich-Ungarn  auch  dagegen  drohend  Einspruch.  Nun  verschärften 
sich  die  Gegensätze  zwischen  Serbien  und  Österreich-Ungarn  sehr  schnell. 
Aber  auch  den  Jugoslawen  in  Österreich-Ungarn  hatte  das  Jahr  1903  eine 
Wendung  gebracht.  Das  korrupte  Gewaltregime  Khuen-Hedervärys  in 
Kroatien  war  schließlich  unhaltbar  geworden.  Zugleich  aber  hatte  der 
Ausbruch  des  letzten  großen  Konflikts  zwischen  der  habsburgischen 
Königsgewalt  und  der  magyarischen  Grundherrenklasse  im  jugoslawischen 
Volk  neue  Hoffnungen  erweckt.  Der  Kampf  um  die  Kommandosprache  der 
ungarischen  Truppenkörper  war  zum  Entscheidungskampf  darum  ge- 
worden, ob  die  Krone  oder  das  ungarische  Adelsparlament  über  die  be- 
w-affnete  Macht  verfügen  solle.  Am  16.  September  1903  erließ  Franz  Joseph 
den  Armeebefehl  von  Chlopy;  er  werde  sich  nie  „der  Rechte  und  Befugnisse 
begeben,  welche  dem  Obersten  Kriegsherrn  verbürgt  sind.  Gemeinsam  und 
einheitlich,  wie  es  ist,  soll  Mein  Heer  bleiben".  Vergebens  versuchte  im 
ungarischen  Parlament  Stephan  Tisza  den  Widerstand  der  Unab- 
liängigkeitspartei     gegen     die     militärischen  Forderungen     des  Königs  zu 

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brechen;  die  Neuwahlen  vom  Jahre  1905  brachten  den  koalierten  Unab- 
hängigkeitsparteien  die  Mehrheit,  das  Parlament  verweigerte  Steuern  und 
Rekruten,  die  Komitate  hoben  die  Steuern  nicht  ein.  Da  nahm  die  Krone 
den  Kampf  auf:  im  Juni  1905  wurde  die  „Trabantenregierung"  Fejerväry 
gebildet,  im  Februar  1906  ließ  sie  das  Parlament  von  einer  Kompagnie 
Honvöd  auseinanderjagen.  Die  ganze  Verfassung  der  Habsburgermonarchie 
war  ins  Wanken  geraten.  Kroaten  und  Serben  hofften  die  schwere  Reichs- 
krise für  ihre  Sache  ausnützen  zu  können.  Am  2.  Oktober  1905  traten  Ab- 
geordnete aus  Kroatien,  Dalmatien  und  Istrien  in  Fiume  zusammen  und 
beschlossen  jene  berühmte,  von  dem  Dalmatiner  Trumbic  verfaßte  Re- 
solution, die  die  Grundlinien  der  neuen  jugoslawischen  Politik  festsetzte. 
„Kroaten  und  Serben",  so  hieß  es  nun,  ,,sind  durch  Blut  und  Sprache  eine 
Nation."  Auch  diese  Nation  habe  wie  jede  andere  „das  Recht,  frei  und  un- 
abhängig über  ihre  Existenz  und  ihr  Schicksal  zu  entscheiden".  Auf  dieser 
Grundlage  boten  Kroaten  und  Serben  den  um  die  Unabhängigkeit  kämpf  en- 
den Parteien  Ungarns  ein  Bündnis  gegen  die  „Wiener  Kamarilla"  an. 

Die  Fiumaner  Resolution  zeigte  an,  welch  tiefe  Wandlung  sich  im 
Denken  der  Südslawen  vollzogen  hatte.  Daß  sich  Kroaten  und  Serben,  deren 
Gegensätze  die  magyarische  Herrschaft  jahrzehntelang  ausgenützt  hatte, 
um  beide  zu  beherrschen,  für  eine  Nation  erklärten;  daß  beide  sich  in  der 
schweren  Reichskrise  nicht  wieder,  wie  1848,  an  die  Söite  Habsburgs 
gegen  ihre  magyarischen  Bedrücker,  sondern  an  die  Seite  ihrer  magyari- 
schen Gegner  stellten,  zeigte  zum  ersten  Male,  daß  die  Südslawen  nur  noch 
von  der  schwersten  Erschütterung  des  Habsburgerreiches  ihre  nationale 
Befreiung  erhofften.  In  der  Tat  war  ihre  Allianz  mit  dem  magyarischen 
Adel,  die  sie  in  diesen  Tagen  schlössen,  keineswegs  fruchtlos.  Zwar  schloß 
der  magyarische  Adel,  durch  die  Drohung  der  Krone  mit  dem  allgemeinen 
und  gleichen  Wahlrecht  erschreckt,  schon  im  Mai  1906  mit  der  Krone 
wieder  Frieden.  Aber  die  ungarische  Koalition,  die  nun  unter  der  Regierung 
Wekerle  zur  Macht  kam,  mußte  ihren  kroatischen  und  serbischen  Ver- 
bündeten doch  ein  Zugeständnis  machen.  Zum  ersten  Male  wurde  ein 
kroatischer  Sabor  ohne  Regierungsdruck  gewählt.  Ungarn  konnte  Kroatien 
nun  nicht  mehr  durch  einen  gefügigen  Sabor  regieren  lassen;  lebte  der 
Gegensatz  zwischen  Ungarn  und  Kroatien  wieder  auf,  so  mußte  er  die  Ge- 
stalt eines  Konflikts  zwischen  dem  Banus  und  dem  Sabor  annehmen  und 
damit  zum  Verfassungskonflikt  werden.  Das  geschah  in  der  Tat  sehr  bald. 
Als  die  ungarische  Regierung  im  Jahre  1907  die  Magyarisierungspolitik 
auf  den  kroatischen  Eisenbahnen  wieder  aufnehmen  wollte,  setzte  sich  der 
Sabor  kräftig  zur  Wehr.  Dem  Banus  Baron  Rauch  blieb  nichts  übrig,  als 
den  Sabor  zur  Seite  zu  stoßen  und  unverhüllt  absolutistisch  zu  regieren. 

Indessen  aber  hatte  die  Bewegung  schon  einen  neuen  Anstoß  gewonnen. 
Nach  dem  Russisch-Japanischen  Kriege  hatten  sich  England  und  Rußland 
einander  genähert.  Der  gemeinsame  Gegensatz  gegen  die  deutsche  Schutz- 
herrschaft über  die  Türkei  und  die  gemeinsame  Bedrohung  durch  die 
Gärung  in  der  mohammedanischen  Welt,  die  in  Persien  schon  1906  zu  re- 
volutionärem Ausbruch  geführt  hatte,  hatte  die  beiden  Mächte  einander 
nähergebracht.  Tölpelhaft  förderte  Ährenthal  ihre  Annäherung  durch  einen 
Vorstoß  auf  dem  Balkan:  die  österreichisch-ungarische  Konzession  für  den 
Bau  der  Sandschakbahn  (Jänner  1908)  rief  nicht  nur  den  Protest  Italiens 

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und  Serbiens  hervor;  sie  gab  auch  Rußland  den  Anlnß,  die  Vercinbnrung: 
von  Mürzslrg  für  aufgelöst  zu  erklären.  Der  alte  Gegensalz  zwischen 
lUiBland  und  Österreich-Ungarn  lebte  nun  von  neuem  auf  und  gab  damit 
Serbien  neue  Hoffnuiig.  Rußland  aber  verständigte  sich  im  Juni  1ÖÜ8  in 
Rcval  mit  England:  die  Entente  war  geschlossen.  Ihre  erste  Tat  war  ein 
neues  Reformprogramm  für  Mazedonien,  Gegen  dieses  Programm  bäumte 
sich  das  Nationalgefühl  der  türkischen  Offiziere  auf.  Am  24.  Juli  1908- 
mußte  Abdul  Hamid  vor  der  revolutionären  Armee  kapitulieren.  Die  jung- 
iürkische  Revolution  fand  in  Bosnien  und  der  Herzegowina  lauten  Wider- 
Jiall. 

Österreich-Ungarn  selbst  hatte  einmal  in  Serbien  Iloirnungen  auf  die 
Erwerbung  Bosniens  und  der  Herzegowina  erweckt.  18GÜ  hatten  Andrässy 
imd  Källay  Serbien  die  beiden  damals  noch  türkischen  Provinzen  ver- 
sprochen, um  dadurch  Serbien  vom  russischen  Einfluß  loszulösen  und  um 
den  Gegensatz  zwischen  Kroatien,  das  auf  diese  Provinzen  Anspruch 
erhob,  und  Serbien  zu  verschärfen.  Aber  diese  Hoffnungen  Serbiens  waren 
bitter  getäuscht  worden:  der  Berliner  Kongreß,  der  1878  die  Unabhängig- 
keit Serbiens  anerkannte,  ermächtigte  zugleich  Österreich-Ungarn  zur 
Okkupation  Bosniens.  Damals  schon  lehnte  sich  die  Volksleidenschaft  in 
Serbien  wild  dagegen  auf,  daß  abermals  ein  südslawisches  Land  der 
Fremdherrschaft  preisgegeben  wurde.  Die  Habsburgermonarchie  regierte 
seither  das  Land  mit  den  Methoden  eines  militärischen  Absolutismus.  Der 
kommandierende  General  schaltete  als  Vizekönig  im  Lande.  Fremde 
Beamte  —  Deutsche,  Magyaren,  polnische  Juden  —  führten  die  Ver- 
waltung. Im  Lande  selbst  stützte  sich  die  Monarchie  auf  den  mohamme- 
danischen Adel  und  hielt  sie  die  feudale  türkische  Agrarverfassung  auf- 
recht. Diese  Fremdherrschaft  wurde  um  so  unerträglicher,  als  sich  mit 
der  wirtschaftlichen  Entwicklung  und  mit  der  Entwicklung  des  Schul- 
wesens doch  auch  in  Bosnien  ein  nationales  Bürgertum  zu  entwickeln  be- 
gann, das  das  Leben  Belgrads  und  Agrams  mitlebte.  Als  selbst  in  der 
Türkei  schon  der  Absolutismus  fiel,  wurde  er  in  Bosnien  unhaltbar.  Nun, 
erinnerte  sich  Bosnien,  daß  es  völkerrechtlich  immer  noch  tü-'kische  Pro- 
vinz war,  und  drohte  mit  der  Beschickung  des  türkischen  Parlaments 
durch  bosnische  Abgeordnete. 

So  stand  die  Monarchie  1908  schon  im  Zollkrieg  mit  Serbien,  in 
schwerem  Verfassungskonflikt  mit  Kroatien,  vor  gefährlicher  Gärung  in 
Bosnien;  da  entschloß  sie  sich,  durch  eine  Tat,  die  ihre  Kraft  beweisen 
sollte,  die  Südslawen  einzuschüchtern.  Am  5.  Oktober  1908  wurde  die- 
Annexion  Bosniens  proklamiert.  Nun  lohte  der  Volkszorn  in  Serbien  wild 
auf.  Und  Serbien  stand  diesmal  nicht  mehr  allein.  Rußland,  England,. 
Frankreich  führten  seine  Sache.  Die  Jugoslawen  begannen  in  der  Entente 
ihren  Beschützer  gegen  Habsburg  zu  sehen. 

Im  Kampfe  gegen  den  magyarischen  Adel  hatte  die  Kroni  1905  das- 
allgemeine  Wahlrecht  für  den  ungarischen  Reichstag  gefordert;  so  hatte  sie 
den  Nationen  Ungarns  Hoffnung  auf  ihre  Befreiung  von  der  magyarischen 
Adelsherrschaft  erweckt.  Jetzt  erkaufte  die  Krone  die  Zustimmung  des 
magyarischen  Adels  zur  Annexion  Bosniens  mit  der  Preisgabe  der 
ungarischen  Nationalitäten.  Die  Wahlreform  Andrässys  erhielt  im  No- 
vember   1908    die  Vorsanktion    der  Krone.     Im  Mai  1912    warf  Stephan 

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Tisza  die  Revolte  der  ungarischen  Arbeiter  nieder  und  zwang  eine  Wahl- 
reform durch,  die  die  Rechtlosigkeit  der  ungarischen  Nationen  verewigen 
sollte.  Damit  war  wie  allen  Nationen  Ungarns  auch  den  Serben  der 
Wojwodina  alle  Hoffnung  auf  die  Unterstützung  der  Krone  im  Kampfe 
gegen  die  ungarische  Adelsherrschaft  genommen. 

Noch  unmittelbarer  und  stärker  waren  die  Wirkungen  der  Annexions- 
krise in  Kroatien.  Als  Österreich-Ungarn  seine  Truppen  drohend  an  der 
serbischen  Grenze  zusammenzog;  als  es  durch  Kriegsdrohung  Serbien. 
demütigte,  erkannte  es,  wie  stark  das  serbisch-kroatische  Einheitsgefühl 
nun  schon  geworden  war.  Die  Sympathien  nicht  nur  der  Serben,  auch 
eines  Teiles  der  Kroaten  in  der  Monarchie  waren  nun  schon  auf  Serbiens 
Seite.  Da  glaubten  Wien  und  Budapest  diesem  „Hochverrat"  mit  Richter- 
sprüchen beizukommen.  Aber  der  Agramer  Hochverratsprozeß  führte  nur 
zur  furchtbaren  Niederlage  der  Regierung;  der  Nachweis,  daß  ihre  Beweis- 
urkunden von  der  k.  u.  k.  Diplomatie  fabrizierte  Fälschungen  waren,  fügte 
zum  Haß  des  jugoslawischen  Volkes  die  Verachtung.  Die  Widerstandskraft 
der  Nation  erstarkte;  vergebens  bemühte  sich  der  Banus  Tomasic,  sieh 
durch  offenen  Terror  eine  Mehrheit  im  Sabor  zu  schaffen.  Da  alle  Be- 
mühungen mißlangen,  wurde  am  3.  April  1912  die  kroatische  Verfassung 
suspendiert  und  unter  Cuvaj  als  „königlichem  Kommissär"  die  nackte  Ge- 
waltherrschaft aufgerichtet. 

In  demselben  Jahre  1912,  in  dem  der  Staatsstreich  Tiszas  in  Ungarn 
und  das  Kommissariat  Guvajs  in  Kroatien  den  Südslawen  alle  Hoffnung 
auf  demokratische  Entwicklung  innerhalb  der  Habsburgermonarchie 
raubten,  im  Herbst  desselben  Jahres  griff  Serbien,  mit  Bulgarien  und 
Griechenland  verbündet,  die  durch  den  Tripoliskrieg  geschwächte  Türkei 
an.  In  ruhmvollen  Schlachten  schlug  das  serbische  Heer  die  Türkei  und 
befreite  die  Volksgenossen  in  Altserbien  und  Mazedonien  vom  Joch  der 
türkischen  Feudalherren.  Das  war  nicht  mehr  das  barbarische  Serbien  der 
Obrenovic,  auf  das  die  Kroaten  stolz  hinabgesehen.  Den  Siegern  von 
Kumanowo  schlug  das  Herz  aller  südslawischen  Stämme  zu.  Auch  die 
Slowenen  wurden  nun  von  der  mächtigen  Welle  des  Enthusiasmus  tür 
das  sieggekrönte  Serbien  mitgerissen.  „Dort,  bei  Tschataldscha/'  sagte 
Krek,  ein  katholischer  Priester,  im  österreichischen  Abgeordnetenhause, 
„kämpft  man  auch  für  den  letzten  slowenischen  Bauern  des  bedrohten 
Kärntner  Dorfes."  Der  Gedanke  der  nationalen  Einheit  der  Jugoslawen 
drang  nun  sieghaft  vor.  „iVls  Kroaten  und  Slowenen  bilden  wir  eine  natio- 
nale Einheit",  beschlossen  am  20.  November  1912  90  slowenische  und 
kroatische  Abgeordnete  aller  südslawischen  Kronländer.  Die  Habsburger-' 
monarchie  aber  trat  während  des  ganzen  Balkankrieges  Serbien  abermals 
als  Feind  entgegen,  sie  ließ  abermals  ihre  Truppen  drohend  an  der  ser- 
bischen Grenze  aufmarschieren,  sie  gab  sich  abermals  der  Verachtung 
preis,  als  sie  ihre  Agenten  jene  Lügen  über  die  Verstümmelung  des  Konsuls 
Prochaska  erfinden  ließ,  die  den  Kriegsvorwand  liefern  sollten.  So  setzte 
sich  Habsburg  in  den  furchtbarsten  Gegensatz  zu  dem  durch  den  Krieg 
gewaltig  entflammten  Nationalgefühl  der  Jugoslawen. 

Nun  sah  Habsburg  den  ganzen  slawischen  Süden  seines  Reiches  in 
Auflehnung.  Es  zitterte  vor  der  südslawischen  Revolution.  Die  Furcht 
peitschte  es  in  den  Krieg.  Längst  schon  hatte  die  Militärpartei  am  Wiener 

—    11    — 


irofe.  vor  allem  ilir  ITaupl,  der  Goiiemlslaltsi'hof  Conrad  v.  Ilötzcndorff, 
iiu  dem  Kriege  gedrängt.  Schon  1907  halle  er  in  einer  Denkschrift  die 
,.Einverlei!)ung  Serbiens  inklusive  des  Zentralraums  von  Nisch"  als  Ziel 
gestellt;  denn  „ein  selbständiges  Serbien  ist  der  konstante  Herd  jener 
Aspirationen  und  Macliinationen,  welche  auf  die  Abtrennung  aller  süd- 
slawischen Gebiete  abzielen".  Während  der  Annexionskrise  liatte  er  mit 
allen  Kräften  danach  gedrängt,  loszuschlagen  und  Serbien  zu  annektieren. 
Ährenthal  meinte  freilich,  man  müsse  zu  diesem  Zwecke  „eine  günstige 
« uropäische  Konstellation  abwarten",  und  Franz  Joseph  tröstete  den 
Drängenden:  „Dieser  Krieg  wird  ohnehin  von  selber  kommen."  Aber  all- 
mählich gewöhnte  man  sich  an  den  Gedanken.  Hatte  Ährenthal  noch 
widerstanden,  so  gab  Berchthold  nach.  Das  Attentat  von  Sarajevo  gab  den 
orschnton  Vorwand.  Diesmal  war  man  entschlossen,  sich  von  niemandem 
hindern  zu  lassen.  Das  Ultimatum  ward  so  gefaßt,  daß  der  Krieg  unver- 
iueidlich  wurde. 

Der  Mechanismus  der  Bündnisse  erweiterte  den  Zusammenstoß 
zwischen  der  Habsburgermonarchie  und  dem  jugoslawischen  Volke  zum 
Vv'eitkrieg  unerhörter  Ausdehnung.  Aber  was  immer  der  Krieg  sonst  in 
der  Welt  bedeuten  mochte,  auf  jugoslav/ischem  Boden  war  sein  Sinn  jedem 
Bauern  verständlich:  hüben  die  Deutschen,  die  Magyaren,  die  Türken,  die 
drei  Nationen,  die  seit  Jahrhunderten  die  südslawischen  Bauern  unter- 
worfen, in  ihre  Hörigen  verwandelt',  das  südslawische  Volk  zerstückelt 
hatten;  drüben  der  serbische  Bauer,  der  eben  erst  in  glänzenden  Waffen- 
laten  die  Volksgenossen  in  Altserbien  von  der  Fremdherrschalt  der 
türkischen  Feudalherren  befreit  hatte  und  jetzt  abermals  auszog,  die 
Volksgenossen  im  Habsburgerreich  von  der  Fremdherrschaft  der  deutschen 
und  der  magyarischen  Grundherren  zu  befreien.  So  war  der  Krieg  dem 
jugoslawischen  Volke  seine  nationale  und  seine  soziale  Revolution. 

In  den  Tagen,  in  denen  die  große  Offensive  der  Armeen  des  Feldzeug- 
meisters  Potiorek  auf  serbischem  Boden  furchtbar  zusammenbrach;  an 
demselben  7.  Dezember  1914,  an  dem  die  kaiserliche  Armee  hinter  die  Kolu- 
bara  zurückgeworfen  wurde,  erklärte  die  serbische  Regierung  ir.  der  in  Nis 
versammelten  Skupstina  zum  erstenmal  „die  Befreiung  und  Vereinigung  aller 
unserer  geknechteten  Brüder  Serben,  Kroaten  und  Slowenen"  für  das 
Kriegsziel  Serbiens. 

Diese  Erklärung  mußte  unter  den  Südslawen  innerhalb  der  Habsburger- 
monarchie ihr  fcho  finden.  Auf  südslawischem  Boden  waren  Habsburgs 
Heere  gegen  Serbien  aufmarschiert;  aber  in  jedem  serbischen  Dorfe  fürch- 
'teten  sie  den  Verrat.  Südslawische  Reservisten  hatte  Habsburg  zum  Kriege 
gegen  Serbien  aufgeboten;  aber  jeder  Serbe  im  kaiserlichen  Heere  war  den 
deutschen  und  magyarischen  Offizieren  des  Verrates  verdächtig.  So' arbeitete 
die  Kriegsmaschine  mit  furchtbarer  Gewalt:  ohne  vieles  Federlesen  ließen  die 
Offiziere  die  griechisch-orthodoxen  Popen  in  Bosnien,  in  Slawonien,  in  der 
Woiwodina  an  den  nächsten  Baum  aufhängen,  die  Kriegsgerichte  fällten 
täglich  ihre  Todesurteile,  alle  jugoslawischen  Patriotismus  verdächtigen 
Politiker,  Intellektuellen,  Geistlichen,  Lehrer  wurden  aus  der  Heimat  in  die 
Internierungslager  verschleppt;  die  Monarchie  führte  den  Krieg  gegen  die 
eigenen  Staatsbürger.  Der  Haß  wuchs  in  dem  mißhandelten  Volke.  In  der 
Monarchie  selbst    hielt  die    brutale   Gewalt    des  Kriegsabsolutismus    seine 

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stimme  nieder.  Aber  die  Emigration  konnte  sprechen  und  sie  sprach.  Schou 
am  Anfang  des  Krieges  nahmen  in  Amerika  Versammlungen  und  Kongresse 
der  Auswanderer  aus  dem  slawischen  Süden  der  Monarchie  leidenschaftlich 
gegen  die  Habsburgermonarchie,  für  Serbien  Partei.  Und  diese  Emigration 
fand  ihre  Führung  in  einer  Gruppe  von  Politikern  aus  dem  Süden  der 
Monarchie,  denen  es  zu  Kriegsbeginn  gelungen  war,  in  das  Ausland  zu 
fliehen.  Am  1.  Mai  1915  konstituierte  sich,  von  Trumbic  geleitet,  der„Jugo- 
slovenski  odbor"  in  London,  der  die  Propaganda  für  die  Losreißung  dei* 
südslawischen  Länder  von  der  Monarchie  und  ihre  Vereinigung  mit  Serbien 
und  Montenegro  zu. einem  unabhängigen  Staate  organisierte. 

Das  serbische  Königreich  und  die  jugoslawische ,  revolutionäre  Emi- 
gration hatten  sich  die  Befreiung  und  Einigung  der  Südslawen  als  Ziel 
gesetzt.  Aber  zwischen  den  Zielen  beider  bestand  doch  wesentliche  Ver- 
schiedenheit. Das  Ziel  der  serbischen  Regierung  war  em  Großserbien,  das 
sich  die  südslawischen  Gebiete  der  Habsburgermonarchie  einverleiben  solle. 
Das  Ziel  der  revolutionären  Emigration  war  ein  Jugoslawien,  in  dem  die 
Königreiche  Serbien  und  Montenegro  ebenso  aufgehen  sollten  wie  die  süd- 
slawischen Stämme  Österreich-Ungarns.  Die  serbische  Regierung  dachte 
sich  den  künftigen  Südslawenstaat  unter  serbischer  Hegemonie.  Die  jugo- 
slawische Emigration  lehnte  die  serbische  Hegemonie  entschieden  ab. 
„Wir  sind  sieben  Millionen,  ihr  nur  vier",  hielten  die  Südslawen  aus  der 
Monarchie  den  Serben  aus  dem  Königreich  entgegen.  Das  Selbstbewußtsein 
der  alten  historischen  Nation  der  Kroaten,  die  sich  dem  erst  im  letzten 
Jahrhundert  aus  geschichtslosem  Dasein  aufgestiegenen  Serbentum  kul- 
turell überlegen  fühlt;  die  alte  Stammeseifersucht  der  Kroaten  und 
Slowenen  gegen  die  Serben;  der  Gegensatz  des  kroatischen  und  sloweni- 
schen Katholizismus  gegen  die  serbische  Orthodoxie;  die  demokratische, 
revolutionäre,  rationalistische  Ideologie  der  Intelligenz  gegenüber  der 
historischen  Gestaltung  des  serbischen  Staatswesens  —  all  das  setzte  die 
jugoslawische  Emigration  in  sehr  entschiedenen  Gegensatz  gegen  das  Groß- 
serbentum  der  Karadjordjevic.  Das  Großserbentum  stellte  sich  den  künf- 
tigen Staat  der  Serben,  Kroaten  und  Slowenen  als  einen  Einheitsstaat 
unter  serbischer  Führung,  das  Jugoslawentum  als  eine  Föderation,  als  einen 
Bundesstaat  der  gleichberechtigten  südslawischen  Stämme  vor.  Das  Groß- 
serbentum stellte  sich  Belgrad,  das  Jugoslawentum  Agram  oder  Sarajevo 
als  Hauptstadt  des  Südslawenstaates  vor.  Das  Großserbentum  stellte  sich 
ihn  als  Monarchie  unter  dem  Zepter  der  Karadjordjevic  vor;  das  Jugo- 
slawentum wollte  die  Entscheidung  über  seine  Staatsform  einer  Kon- 
stituante vorbehalten,  der  sich  die  Dynastien  Serbiens  und  Montenegros 
ebenso  unterwerfen  müßten  wie  die  südslawischen  Stämme  Österreich- 
Ungarns.  Das  Großserbentum  träumte  von  der  Eroberung  und  Annexion 
der  südslawischen  Gebiete  der  Monarchie  durch  Serbien;  das  Jugoslawen- 
tum stellte  sich  vor,  daß  die  südslawischen  Gebiete  Österreich-Ungarns, 
von  der  Herrschaft  Habsburgs  befreit,  als  selbständiger  Staat  konstituiert, 
in  freiem  Vertrag  mit  Serbien  und  Montenegro  die  Bedingungen  der  Ver- 
einigung vereinbaren  werden.  Das  Jugoslawentum  betrachtete  auch  die 
Bulgaren  als  einen  Stamm  des  jugoslawischen  Volkes;  es  hoffte,  die 
künftige  südslawische  Föderation  werde  auch  die  Bulgaren  in  sich  auf- 
nehmen können.  Die  Serben  dagegen  betrachteten  die  Bulgaren  als  einen 


13    — 


Krb-  und  Todfeind  ihrer  Nation.  Die  revolutionäre  Emigration  war  zur  Adria 
Jiin  orientiert;  um  die  durch  die  Ansprüche  Italiens  bedrohten  slawischen 
händer  an  der  Adria  besorgt,  maß  sie  dem  Streit  der  Serben  mit  den  Bulgaren 
um  Mazedonien  geringe  Bedeutung  bei.  Serbien  dagegen,  zum  Agäischcn 
Meere  hin  orientiert,  hielt  hartnäckig  an  dem  Besitz  Mazedoniens  und  Alt- 
serbiens, der  mit  Slnunon  von  Blut  erkauften  Errungenschaft  der  beiden 
Balkankriege,  fest,  während  ihm  die  Grenzstreitigkeiten  der  Kroaten  und 
Slowenen  mit  Italien  die  entferntere  Sorge  waren.  Der  Jugoslovenski  odbor 
betrachtete  sich  als  berufenen  Repräsentanten  der  von  Österreich-Ungarn 
beherrschten  Südslawen,  er  verlangte  für  sich,  die  Verfügung  über  die  aus 
Auswanderern  und  Kriegsgefangenen  gebildeten  südslawischen  Erciwilligen- 
bataillone,  die  im  Verband  der  Ententearmeen  kämpften;  er  forderte 
schliei-ilich,  daß  aus  Vertretern  der  serbischen  Regierung  und  der  revo- 
lutionären Emigration  noch  während  des  Krieges  eine  gemeinsame  Re- 
gierung gebildet  werde,  die  allein  die  Gesamtnation  zu  führen  und  zu  ver- 
treten berechtigt  sei;  die  serbische  Regierung  lehnte  eine  solche  revo- 
lutionäre Neuerung  ab,  sie  beanspruchte  die  Befreiung  und  Einigung  der 
südslawischen  Stämme  als  die  liistorische  Aufgabe  der  verfassungsmäßigen 
Regierung  und  Skupstina  des  Königreiches  Serbien.  So  zog  sich  durch  die 
ganze  Geschichte  der  südslawischen  Emigration  während  des  Krieges  der 
Gegensatz  zwischen  Großserbentum  und  Jugoslawentum,  zwischen  der 
serbischen  Regierung  und  dem  Jugoslovenski  odbor,  zwischen  Pasic  und 
Trumbic  —  ein  Gegensatz,  wohl  dem  Gegensatze  zwischen  Bismarck  und 
dem  Nationalverein,  zwischen  Cavour  und  Mazzini  vergleichbar. 

Im  Jahre  1915,  dem  Jahre  der  großen  Siege  der  Mittelmächte,  mußte 
freilich  den  Massen  des  südslawischen  Volkes  in  Österreich-Ungarn  das 
Kampfziel  der  revolutionären  jugoslawischen  Emigration  ebenso  als  eine 
Utopie  erscheinen  wie  das  Kampfziel  des  Großserbentums;  ein  Ausgang 
des  Krieges,  durch  den  die  südslawischen  Länder  von  der  Habsburger- 
monarchie losgerissen  würden,  war  ihnen  unwahrscheinlich.  Der  Gedanke, 
daß  der  Krieg,  aus  dem  Kampfe  der  südslawischen  Stämme  nach  ihrer  Be- 
freiung von  der  Fremdherrsrjiaft,  nach  ihrer  Vereinigung  zu  einem  Staate 
entstanden,  die  Befreiung  und  Einigung  bringen  müsse,  hatte  die  Massen 
mächtig  gepackt;  erschien  es  aber  unwahrscheinlich,  Befreiung  und 
Einigung  gegen  Habsburg  zu  erringen,  so  lag  der  Gedanke  nahe,  sie  mit 
Habsburg,  durch  Habsburg  zu  erreichen.  So  mußte  der  großserbischen  und 
der  jugoslawischen  Idee  eine  dritte  politische  Konzeption  entgegentreten: 
der  Gedanke  einer  Vereinigung  der  südslawischen  Länder  der  Monarchie 
mit  Serbien  und  Montenegro  zu  einem  Staate  unter  Habsburgs  Zepter, 
der  zu  Österreich  und  Ungarn  als  dritter  Staat  der  Monarchie  hinzutreten 
sollte.  Der  Gedanke  des  Trialismus  war  nicht  neu;  am  Hofe  Franz 
Ferdinands,  in  den  Erörterungen  der  Militärpartei  war  er  seit  1905  oft 
erwogen  worden.  Er  lag  ihr  nahe  als  eine  Rechtfertigung  einer  kriegerischen 
und  annexionistischen  Balkanpolitik,  als  ein  Mittel,  die  jugoslawische  Ein- 
heitsbewegung, die  das  Gefüge  der  Monarchie  zu  sprengen  drohte,  in  einen 
Anlaß  zu  ihrer  Vergrößerung  zu  verwandeln,  auch  als  ein  Mittel  ihrer 
inneren  Politik:  den  Übergang  vom  Dualismus  zum  Trialismus  hoffte  sie 
benützen  zu  können,  um  die  Reichseinheit  zu  festigen,  der  ungarischen 
Staatlichkeit  engere  Grenzen  zu  setzen.  An  diese  Pläne  der  Militärpartei 

-    14    — 


felammerle  sich  nun  die  Hoffnung  vieler  Poltiker  in  Agram  und  Laibach. 
Was  wir  vor  allem  brauchen,  so  argumentierten  sie,  ist  die  Einigung;  ob 
sich  die  Einigung  unter  Franz  Josef  oder  unter  Peter  Karadjordjevic  voll- 
zieht, ist  weit  weniger  wichtig.  Und  die  Einigung  unter  Franz  Josef 
•erschien  damals  nicht  nur  leichter  erreichbar  als  die  Einigung  unter  Peter, 
sie  konnte  dem  kroatischen  und  slowenischen  Stammespartikularismus 
sogar  verlockender  erscheinen.  Mochte  sie  auch  nicht  die  volle  Freiheit, 
die  volle  Selbständigkeit  bringen,  so  mußte  sie  dafür  Agram  über  Belgrad, 
den  Kroaten  über  die  Serben,  den  ICatholiken  über  die  Orthodoxen  die 
Hegemonie  sichern.  So  trat  dem  revolutionären  Jugoslawentum  wie  von  der 
■einen  Seite  her  das  Großserbentum,  so  von  der  anderen  das  Großkroaten- 
tum  entgegen,  das  die  Lösung  des  nationalen  Problems  in  einem  Jugo^ 
•slawien  innerhalb  der  Habsburgermonarchie  erhoffte. 

Die  Kriegsereignisse  des  Jahres  1915  stärkten  die  großkroatische,  die 
trialistische  Richtu^ng.  Am  23.  Mai  1915  erklärte  Italien  der  Hubsburger- 
monarchie  den  Krieg.  Kannte  man  die  Einzelheiten  des  Londoner  Ver- 
trages nicht,  mit  dem  die  Westmächte  die  Waffenhilfe  Italiens  erkauft 
hatten,  so  wußte  man  doch,  daß  er  Italien  slawisches  Land  an  der  Adria 
zusprach.  Der  Angriff  Italiens  auf  die  Monarchie  erschien  den  Südslawen 
als  ein  Angriff  auf  südslawisches  Land.  Am  Isonzo  verteidigte  die  kaiser- 
liche Armee  slawischen  Boden  gegen  Italiens  Eroberungsgier.  Die 
Stimmung  in  den  südslawischen  Ländern  wendete  sich  der  Monarchie  zu. 
Am  14.  Juni  1915  trat  der  kroatische  Sabor  zusammen.  Er  demonstrierte 
nicht  gegen  Serbien,  nicht  gegen  Rußland;  aber  unter  stürmischen  Rufen 
„Es  lebe  das  kroatische  Meer!"  demonstrierte  er  für  den  Sieg  der  kaiser- 
lichen Waffen  über  Italien.  „Die  Erbitterung  gegen  Italien  ist  in  unseren 
Ländern  ungeheuer  und  allgemein.  Unsere  Regimenter  schlagen  sich  am 
Isonzo  wie  die  Löwen",  schrieb  am  11.  Juli  1915  Dr.  Trumbic. 

Brachte  schon  der  Angriff  Italiens  die  Südslawen  der  Monarchie  näher, 
so  mußte  die  Eroberung  Serbiens  durch  die  Armeen  Mackensens  im 
Herbst  1915  die  Richtung,  die  die  Einigung  der  Südslawen  durch  die  Mon- 
archie in  der  Monarchie  hoffte,  abermals  stärken.  Nun  war  der  ganze 
■slawische  Süden  Habsburg  unterworfen.  Nun  schienen  alle  großserbischen 
Pläne,  alle  Wünsche  der  revolutionären  Emigration  ganz  aussichtslos, 
schien  dagegen  die  Einigung  aller  jugoslawischen  Stämme  unter  Habs- 
burgs  Zepter  in  den  Bereich  des  Möglichen  gerückt. 

Aber  gerade  nun  zeigte  es  sich,  welche  Hindernisse  der  großkroatischen 
Lösung  des  jugoslawischen  Problems  entgegenständen.  Mochte  Conrad  von 
Hötzendorff  auch  jetzt  für  die  Annexion  Serbiens  eintreten,  Stephan  Tisza 
lehnte  sie  unbedingt  ab.  Er  wollte  Belgrad  und  die  Macva  annektieren, 
JSIis  und  Mazedonien  den  Bulgaren  übergeben,  das  übrige  Serbien  aber  als 
ohnmächtigen,  armen  Bauernstaat  bestehen  lassen.  Die  magyarische 
Herrenklasse  wollte  die  Annexion  Serbiens  nicht;  sie  verstand,  daß  solche 
Vermehrung  der  südslawischen  Untertanen  Habsburgs  unvermeidlich  den 
Trialismus  herbeigeführt  und  damit  Ungarn  vom  Meere  getrennt,  Ungarns 
Machtstellung  innerhalb  des  Reiches  geschwächt  hätte.  Selbst  ein  voll- 
ständiger Sieg  der  Mittelmächte  hätte  schwerlich  das  ganze  jugoslawische 
Volk  im  Rahmen  der  Monarchie  vereinigt. 

—    15    — 


Aber  so  vollständigen  Sieg  der  Millelmächte  ließen  die  Kriegsereignisse 
dos  Jahres  191G  höchst  unwahrscheinlich  erscheinen.  Und  damit  schwand 
jede  Hoffnung  auf  die  Vereinigung  der  drei  jugoslawischen  Stämme  lu 
einem  habshurgischen  Jugoslawien.  Denn  mochten  Kroaten  und  Slowcneiv 
die  Einheit  vor  die  Freiheit  stellend,  der  Annexion  Serbiens  durch  die 
Monarchie  zuzustimmen  bereit  sein,  um  nur  die  ganze  Nation  in  einem 
.'rtaatswosen  zu  vereinigen,  die  Serben  aus  dem  Königreich  dachten  ganz 
anders.  Sie  wollten  um  der  Einheit  willen  nicht  ihre  Freiheit  der  ver- 
haßten Monarchie  opfern;  ihnen  galt  jeder  Südslawe,  der  der  Annexion 
Serbiens  durch  die  Monarchie  das  Wort  sprach,  als  Verräter.  Und  hinter 
Serbien  stand  die  Entente;  sie  sicherte  Serbien  zu,  daß  sie  ohne  die 
Wiederherstellung  Serbiens  so  wenig  wie  ohne  die  Wiederherstellung 
Belgiens  Frieden  schließen  werde. 

So  erschien  die  Vereinigung  der  ganzen  Nation  zu  einem  Staat  un- 
erreichbar. Die  Südslawen  innerhalb  der  Monarchie  mußten  sich  vorerst 
ein  bescheideneres  Ziel  setzen:  die  Voreinigung  der  in  Österreich-Ungarn 
lebenden  Südslawen  zu  einem  Staat  innerhalb  der  Ilabsburgcrmonarchie. 
Aber  es  war  offenbar,  daß  sich  die  Monarchie  selbst  zu  dieser  Lösung 
nicht  freiwillig  entschließen  werde.  Südslawisches  Land  trennt  ja  sowohl 
Deutschüsterreich  als  auch  Ungarn  vom  Meer;  es  war  offenbar,  daß  die 
beiden  herrschenden  Klassen  des  Reiches,  die  deutschösterreichische  Bour- 
geoisie und  die  magyarische  Gentry,  der  Übergabe  Sloweniens  und 
Kroatiens  an  einen  südslawischen  Staat,  sei  es  auch  ein  Staat  im  Rahmen 
der  Monarchie,  stärksten  Widerstand  entgegensetzen  würden,  den  nur 
mächtiger  Druck  von  außen  brechen  könnte.  Daß  die  Entente  solchen 
Druck  üben  werde,  war  die  einzige  Hoffnung,  die  den  Südslawen  blieb. 
In  ihrer  Note  vom  10.  Jänner  1917  an  den  Präsidenten  Wilson  bezeichnete 
die  Entente  die  Befreiung  der  Slawen  Österreich-Ungarns  als  eines  ihrer 
Kriegsziele;  es  war  offenbar,  daß  die  Entente  bei  dem  Friedensschluß 
eine  innere  Umgestaltung  Österreich-Ungarns  zu  erzwingen  plante,  um  die 
Vorherrschaft  der  deutschen  Bourgeoisie  und  der  magyarischen  Gentry  in 
der  Monarchie  zu  brechen  und  dadurch  die  Monarchie  vom  Deutschen 
Reiche  zu  trennen.  Nur  solcher  Zwang,  von  der  Entente  geübt,  konnte  die 
Slowenen  von  der  deutschen,  die  Kroaten  von  der  magyarischen  Herr- 
schaft befreien,  die  Vereinigung  der  südslawischen  Gebiete  Österreichs^ 
Ungarns  und  Bosniens  zu  einem  Staat  im  Rahmen  der  Habsburger- 
monarchie erzwingen.  So  mußten  die  Südslawen  ihre  ganze  Hoffnung  auf 
die  Entente  setzen.  Das  Großserbentum  und  das  revolutionäre  Jugoslawen- 
tum  der  Emigration  standen  von  Anfang  an  im  Lager  der  Entente;  jetzt 
konnten  auch  diejenigen  kroatischen  und  slowenischen  Parteien,  die  die 
Lösung  noch  innerhalb  der  Monarchie  suchten,  nur  auf  den  Schutz  der 
Entente  ihre   Hoffnung   gründen. 

Der  Ausbrach  der  russischen  Revolution  im  März  1917  und  der  Ein- 
tritt der  Vereinigten  Staaten  in  den  Krieg  im  April  1917  stärkten  die  süd- 
slawische Einheitsbewegung.  Die  russische  Revolution  festigte  die  Über- 
:^eugung,  daß  dem  Krieg  große  innere  Umvv^älzungen  folgen  werden. 
Wilsons  Propaganda  des  Selbstbestimmungsrechtes  der  Völker  fand  im 
slawischen  Süden  lauten  Widerhall.  Habsburg  zitterte  seit  der  russischen 
Revolution     um     seinen     Thron.     Habsbuj'g     begann     geheime     Friedens- 

—    16    — 


Verhandlungen  mit  der  Entente.  Die  Südslawen  glaubten  den  Augenblick 
nahe,  in  dem  Österreich-Ungarn  den  Frieden  mit  innerer  Umgestaltung  er- 
kaufen werde. 

Im  Mai  1917  trat  zum  erstenmal  seit  dem  Beginn  des  Krieges  der 
österreichische  Reichsrat  wieder  zusammen.  Das  Auftreten  der  süd- 
slawischen Abgeordneten  ließ  keinen  Zweifel  mehr  oflen,  daß  ihre  Sym- 
pathie auf  der  Seite  der  Entente,  ihre  Hoffnung  der  Sieg  der  Entente  war. 
Es  ließ  keinen  Zweifel  mehr  offen,  daß  sie  sich  mit  keiner  Lösung  im 
Rahmen  der  dualistischen  Verfassung  der  Monarchie  mehr  begnügen 
wollten,  daß  nichts  mehr  die  Nation  befriedigen  konnte  als  der  selbst<ändige 
jugoslawische  Staat.  Aber  es  ließ  doch  die  Bildung  dieses  Staates  immer 
noch  im  Verband  der  Habsburgermonarchie  zu.  Die  Deklaration  des 
„Jugoslawischen  Klubs",  die  Korosec  am  30.  Mai  1917  im  Abgeordneten- 
hause verlas,  forderte  „auf  Grund  des  Nationalitätenprinzips  und  des 
kroatischen  Staatsrechtes  die  Vereinigung  aller  Gebiete  der  Monarchie,  in 
denen  Slowenen,  Kroaten  und  Serben  leben,  in  ein  selbständiges,  von  jeder 
Herrschaft  fremder  Nationen  freies,  auf  demokratische  Prinzipien  ge- 
gründetes Staatswesen  unter  dem  Zepter  der  Dynastie  Habsburg-Loth- 
ringen". Diese  „Maideklaration"  fand  im  kroatischen  Sabor,  in  zahllosen 
Kundgebungen  slowenischer  und  kroatischer  Organisationen  stürmisches 
Echo.  Sie  erschien  nun  als  das  eigentliche  Programm  der  Südslawen  in  der 
Monarchie. 

Das  Großserbentum  und  das  revolutionäre  Jugoslawentum  der  Emigra- 
tion waren  durch  die  geheimen  Friedensverhandlungen  zwischen  der  Mon- 
archie und  der  Entente  beunruhigt.  Sie  fürchteten,  daß  vorzeitiger 
Friedensschluß  Slowenien,  Kroatien  und  Bosnien  im  Besitz  der  Monarchie 
belassen  werde.  Um  die  Propaganda  für  die  Losreißung  der  südslawischen 
Länder  von  der  Monarchie  zu  verstärken,  suchten  sie  sich  unteremander 
zu  einigen.  Im  Juli  1917  verhandelte  auf  Korfu  die  serbische  Regierung 
mit  dem  Londoner  Jugoslovenski  Odbor.  Am  20.  Juli  unterschrieben  Pasic 
und  Trumbic  die  „Deklaration  von  Korfu".  Die  Deklaration  war  ein  Kom- 
promiß zwischen  dem  Großserbentum  und  dem  revolutionären  Jugo- 
slawentum der  Emigration.  Sie  forderte  die  Vereinigung  aller  süd- 
slawischen Länder  zu  einem  „Königreich  der  Serben,  Kroaten  und 
Slowenen".  Das  Königreich  solle  eine  „konstitutionelle,  demokratische, 
parlamentarisch  regierte  Monarchie  mit  der  Dynastie  Karadiordjevic  an  der 
Spitze"  sein.  Ihre  Verfassung,  die  den  drei  jugoslawischen  Stämmen  volle 
Gleichberechtigung  sichern  müsse,  sei  durch  eine  „Verfassunggebende 
Skupstina"  festzusetzen,  deren  Beschlüsse  aber  der  Sanktion  des  Königs 
bedürfen. 

So  stand  nun  der  Maideklaration  die  Deklaration  von  Korfu  gegen- 
über. Beide  Programme  warben  um  die  Seelen.  Je  mehr  der  Verlauf  der 
russischen  Revolution  die  Hoffnung  stärkte,  daß  dem  Kriege  überall  ge- 
waltige revolutionäre  Umwälzungen  folgen  werden;  je  mehr  Wilsons  Pro- 
paganda die  Überzeugung  festigte,  daß  aus  dem  Kriege  eine  neue  Welt- 
ordnung hervorgehen  werde,  die  jedem  Volke  sein  uneingeschränktes  Selbst- 
bestimmungsrecht sichern  werde;  je  mehr  sich  in  Österreich-Ungarn  selbst 
die  Anzeichen  wirtschaftlicher  Erschöpfung,  militärischer  Zersetzung, 
revolutionärer  Spannung  häuften,  desto  mehr  erstarkte  in  den  von  Habsburg 

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beherrschten  südslawischen  Stämmen  die  Iloffnune,  daß  sie  sich  mit  der 
unvoUständigeii  Lösung  im  Sinne  der  Maidcklaration  nicht  werden  be- 
scheiden müssen,  dali  sie  die  vollständige  Vereinigung  und  Befreiung  der 
ganzen  Nation  im  Sinne  der  Deklaration  von  Korfu  werden  erreichen 
können.  Das  Ideal  der  revolutionären  Emigration  erschien  den  Südslawen 
der  Monarchie  nun  nicht  mehr,  wie  1914  und  1915,  als  eine  Utopie,  im 
'Verlauf  des  Jahres  1917  verschwand  allmählich  aus  den  Kundgebungen 
der  südslawischen  Organisationen  für  den  selbständigen  jugoslawischen 
Staat  die  Einschränkung,  daß  dieser  Staat  „unter  dem  Zepter  der  Dynastie 
Hal->?burg-Lothringen"  leben  solle. 

Aber    noch    hatte   das    revolutionäre    Jugoslawentum    nicht   die    Unter- 
stützung der  Westmächte  erlangt.   Die   Westmächte  hofften   immer  noch, 
die  Ilabsburgermonarchie    zu    einem    Sonderfrieden    zu  bewegen.     Wohl 
waren  die  Verhandlungen,  die  Kaiser  Karl  im  Frühjahr  und  Sommer  1917 
durch  den  Prinzen  Sixtus  von  Parma  mit  Frankreich,  geführt  hatte,  an  dem 
Einspruch  Italiens  gescheitert;  waren  auch  die  Verhandlungen  mit  Frank- 
reich,  die    Czernin   durch   den  Grafen   Revertera   im   August    1917    anzu- 
knüpfen  versuchte,   ergebnislos    geblieben.    Aber   Ende    1917   und   Anfang 
1918  wurden   neue  Fäden   gesponnen;     es  war  die  Zeit  der   Konferenzen 
Smuts'  mit  Mensdorff,     des   Briefwechsels  des  Kaisers  mit  Wilson.     Die 
Friedenshoffnung     bestimmte     noch     die  Stellung     der  Entente  zum  süd- 
slawischen Problem.  Wilsons  14  Punkte  vom  8.  .Jänner  1918  forderten  für 
Serbien  nur  die   Wiederherstellung  und  einen  Zugang  zum  Meer,  für  die 
Südslawen     der    Monarchie     nur     „Möglichkeit     einer     autonomen   Ent- 
wicklung"; ebenso  verlangte  Lloyd-George  in  einer  Erklärung  im  englischen 
Parlament  am  9.  Jänner  1918  für  die  Nationen  Österreich-Ungarns  nur  die 
Autonomie.    Da   zerriß    plötzlich    Czernin   die   Friedensfäden.     Eine   Rede 
Czernins   vom  2.   April   1918   provozierte   leichtfertig  Clemenceau,   die   ge- 
heimen Verhandlungen  von  1917  zu  enthüllen.  Damit  war  alle  Hoffnung 
auf    neue  Verhandlungen    vereitelt.    Die    Entente    gab    den    Gedanken    an 
Sonderverhandlungen  mit   Österreich-Ungarn   auf.   Konnte   sie   nicht  mehr 
hoffen,   Österreich-Ungarn  von  Deutschland  loszureißen,   so   entschloß   sie 
sich,  das  so  locker  gewordene  Gefüge  des  österreichisch-ungarischen  Staats- 
wesens zu  sprengen.    Die    Haltung    der   Entente    gegen    die  Habsburger- 
monarchie änderte  sich  nun  vollständig. 

Der  Londoner  Jugoslovenski  Odbor  verkündete  die  Wendung  den 
Südslawen.  Italienische  Flieger  warfen  in  Istrien,  Slowenien  und  Kroatien 
eine  Proklamation  Trumbic'  ab,  die  verkündete:  „Die  Vorstellung,  daß  man 
Österreich  reorganisieren  und  von  Deutschland  trennen  könne,  ist  von 
allen  Verbündeten  aufgegeben.  Alle  Verbündeten  sind  nun  überzeugt,  daß 
Österreich  nach  dem  Kriege  nicht  mehr  existieren  kann.  Jetzt  können  wir 
unsere  Freiheit,  unsere  Vereinigung  erreichen."  Vollständige  Befremng, 
vollständige  Einigung  schien  nun  erreichbar.  Der  Gedanke  der  Losreißung 
der  südslawischen  Gebiete  von  der  Monarchie,  die  revolutionäre  Konzeption 
der  jugoslawischen  Einheit  und  Freiheit,  wie  sie  die  Emigration  seit  191^i 
verfochten  hatte,  gewann  nun  vollends  die  Südslawen  in  der  Monarchie. 
Die  inner»  Entwicklung  dieses  Gedankens  verstärkte  seine  Anziehungs- 
kraft Seit  der  russischen  Revolution  erstarkte  innerhalb  der  jugoslawischen 
Emierration     der    republikanische    Gedanke.     Die    Idee     einer    Föderativ- 


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republik  der  jugoslawischen  Stämme  miißte  Kroaten  und  Slowenen 
stärker  locken  als  der  Gedanke  einer  Monarchie  der  Karadjordjevice,  in 
■der  sie  die  Hegemonie  der  Serben  zu  fürchten  hatten.  Und  der  republi- 
kanische Gedanke  erschien  nun  keineswegs  aussichtslos.  Im  Sommer  191S 
zirkulierten  in  Kroatien  und  Dalmatien  Abschriften  eines  Briefes  Trumbic', 
in  dem  er  versicherte,  seit  dem  Eintritt  Amerikas  in  den  Krieg  herrsche 
unter  den  Verbündeten  die  demokratische  Strömung;  Wilsons  Macht  ver- 
bürge, daß  sowohl  über  die  Staatsform  des  jugoslawischen  Staates  als 
auch  über  seine  Grenzen  nach  dem  Grundsatz  des  Seibstbestimmungs- 
TBchtes  der  Völker  entschieden  werde.  Die  Hoffnungen,  die  Wilsons 
Propaganda  weckte,  bannten  so  sowohl  die  Furcht  vor  der  serbischen 
Hegemonie  als  auch  die  Furcht  vor  den  italienischen  Eroberungsgelüsten. 

Im  Sommer  1918  erkannte  die  Entente  die  tschechoslowakischen 
Legionen  als  verbündete'  kriegführende  Macht,  den  tschechoslowakischen 
Nationalrat  als  de  facto-Regierung  an.  Damit  hatte  sich  die  Entente  tat- 
sächhch  schon  für  die  Auflösung  der  Habsburgermonarchie  entschieden. 
Damit  stärkte  sie  die  Hoffnung  der  Jugoslawen  auf  volle  nationale  Selb- 
ständigkeit; und  diese  Hoffnung  erstarkte  mächtig,  als  sich  seit  dem  Juli 
das  Kriegsglück  an  der  Westfront  der  Entente  zuwendete.  Die  Monarchie 
aber  vermochte  den  Südslawen  auch  jetzt  noch  nichts  zu  bieten.  Man 
diskutierte  in  der  Monarchie  das  südslawische  Problem.  Aber  die 
magyarische  Herrenklasse  wollte  den  Südslawen  auch  jetzt  noch  nicht 
mehr  bieten  als  die  Vereinigung  Dalmatiens  mit  Kroatien,  das  unter 
tmgarischer  Oberherrschaft  bleiben  sollte,  und  die  Einverleibung  Bosniens 
in  das  ungarische  Königreich  mit  einem  eigenen  Banus,  einer  besonderen, 
•der  kroatischen  ähnlichen  Verfassung.  Der  deutschösterreichischen 
Bourgeoisie  aber  erschien  es  schon  als  ein  fast  unerträgliches  Opfer,  daß 
sie  diesem  Lösungsversuch  zuliebe  Dalmatien  und  Bosnien  an  Ungarn 
abtreten  sollte;  die  Slowenen  glaubte  sie  mit  lokaler  Autonomie  innerhalb 
der  historischen  Landesgrenzen  abfertigen  zu  können.  Das  war  alles,  was 
die  Monarchie  dem  Volke,  dem  die  Entente  volle  Einheit  und  Freiheit 
verhieß,  zu  bieten  vermochte!  Die  beiden  herrschenden  Klassen  der 
Monarchie  blieben  unbelehrbar  bis  zur  letzten  Stunde.  Selbst  noch  im 
September  1918,  als  die  Niederlage  der  Mittelmächte  schon  entschieden 
war,  donnerte  Stephan  Tisza,  als  Vertrauensmann  des  Kaisers  nach 
Sarajevo  entsandt,  die  Wortführer  der  bosnischen  Kroaten  und  Serben  an: 
„Es  ist  möglich,  daß  wir  untergehen;  aber  vorher  werden  wir  noch  stark 
genug  sein,  euch  zu  zerschmettern."  So  wendeten  sich  denn  die  letzten 
■Getreuen  der  Monarchie  im  slawischen  Süden  von  Habsburg  ab.  Der 
Prozeß  der  Revolutionierung  der  Südslawen  war  vollendet.  Der  revolu- 
tionäre jugoslawische  Einheitsgedanke  beherrschte   nun   die   ganze  Nation. 

Seit  dem  Sommer  sahen  die  Jugoslawen  Österreich-Ungarns  den 
militärischen  Zusammenbruch  der  Mittelmächte  nahen.  Im  Einvernehmen 
mit  dem  Londoner  Jugoslovenski  Odbor  entwarfen  sie  ihren  Revolutions- 
plan.  Zunächst  sollten  die  südslawischen  Gebiete  der  Monarchie  zu  einem 
unabhängigen  Staate  zusammengefaßt  werden;  der  sollte  dann,  mit  Serbien 
von  Macht  zu  Macht  über  die  Bedingungen  des  Zusammenschlusses  ver- 
handeln. Schon  am  16.  August  1918  konstituierte  sich  in  Laibach,  aus  allen 

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slowenischen  Parloien  zusammengesetzt,  der  Narodni  svet;  offen  verkündete 
er  als  seine  Aufgabe,  „als  ein  Teil  des  allgemeinen  jugoslawischen  Nalional- 
rates  in  Agram,  der  binnen  kurzem  zusammentreten  wird,  die  Übernahme 
aller  Rechte  der  staatliehen  Souveränität  vorzubereiten".  Die  Südslaw^r 
rüsteten  zu  dem  ersehnten  Tage  der  Befreiung. 

§  2.  Die  Tschechen  und  das  Reich. 

Liteiatm : 

Bauer,  Die  Nationahtätenfrage  und  die  Sozialdemokratie.   Wien   1907. 

Tobolka,  Ceskä  politika  za  svölov^  vdlky.  Praha  1922.  —  Masaryk  osvobodilei. 
Praha  1922.  —  Diplomaticke  dokumenty  o  ceskoslovensköm  statu.  Pafi2  1918.  — 
Papdnek,  La  Tch^coslovaquie.  Prague  1923. 

Steidler,  Ceskoslovensk^  hnutf  na  Rusi.  Praha  1921.  —  Papousek,  Zborow. 
Praha  1921.  —  Cervinka,  Cestcu  naseho  odboje.  Praha  1920.  —  Cervinka,  Na§i 
na  Sibii-i.  Praha  1920.  —  Kratochvil,  Cesta  revoluce,  Praha  1922.  —  Gajda,  Moje 
pamgti.  Vinohrady  1920.  —  Podwojski,  Prawda  o  tschechoslov.akach.  Moskau 
1918  (fussisch).  —  Logai,  Ceskoslovenskö  legie  v  Italii.  Praha  1922. 

Urteilsbegründung  des  k.  k.  Landwehrdivisionsgerichtes  Wien  gegen  Kramdf, 
Rasfn  und  Genossen  vom  3.  Juni  1916.  —  Anklageschrift  des  k.  k.  Militäranwalts 
in  Wien  gegen  Hajek,  Dusrk,  Soukup  und  Genossen  vom  2.  August  1916. 

Die  jugoslawische -Revolution  hat  Habsburg  in  den  Krieg  getrieben.  Der 
Krieg  hat  die  tschechische  Revolution  geweckt.  Unter  den  durch  den  Krieg 
entfesselten  national-revolutionären  Bewegungen  der  österreichischen 
Nationen  war  die  Bewegung  der  Tschechen  die  mächtigste,  die  folgen- 
schwerste;  sie   hat  das   Schicksal    der  Habsburgermonarchie  entschieden. 

Schon  unter  den  Triebkräften  der  habsburgischen  Außenpolitik,  die 
schließlich  zum  Kriege  führten,  war  die  Verschärfung  der  nationalen 
Kämpfe  zwischen  den  Tschechen  und  den  Deutschen  eine  der  stärksten. 
Seit  den  neunziger  Jahren  schon  hatten  die  nationalen  Kämpfe  innerhalb 
Österreichs,  halte  vor  allem  der  nationale  Kampf  zwischen  Deutschen  und 
Tschechen  immer  größere  Ausdehnung,  immer  bedrohlichere  Gestalt  ge- 
wonnen. Das  Parlament  war  seit  1897  durch  die  nationale  Obstruktion  ge- 
lähmt, die  bürokratische  Verwaltung  durch  die  nationalen  Gegensätze 
innerhalb  des  Beamtenkörpers  zersetzt,  »elbst  das  Gefüge  der  Armee  zeigte 
sich  immer  stärker  durch  die  nationalen  Kämpfe  bedroht.  Dieser  Auf- 
lösungsprozeß drängte  Habsburg  zu  dem  Versuch  einer  gewaltsamen 
Lösung  des  österreichischen  Problems.  Am  Hofe  Franz  Ferdinands  wurde 
längst  schon  ein  Plan  eines  militärischen  Staatsstreichs  gegen  die  durch 
die  nationalen  Kämpfe  tatsächlich  bereits  funktionsunfähig  gewordene 
Dezemberverfassung  ausgearbeitet.  Mit  kriegerischer  Gewalt  nicht  nur  die 
Jugoslawen  niederzuwerfen,  sondern  auch  die  durch  einen  siegreichen 
Krieg  gestärkte  Kraft  des  Militarismus  zu  einem  Verfassungsoktroi,  zur 
gewaltsamen  Einfügung  der  sich  auflehnenden  Nationen  in  ein  neu- 
geordnetes  Habsburgerreich  zu  benützen  —  das  war  die  eigentliche  Absicht 
der  schon  seit  1907  zu  dem  Kriege  drängenden  Militärpartei.  Die 
nationale  Revolution  war  nicht  nur  das  Ergebnis,  sie  war  auch  die  Ursache 
des  Krieges.  Denn  die  nationale  Revolution  hat  nicht  erst  1918,  sie  hat  im 
Grunde  schon  1897  begonnen. 

—    20    — 


Die  soziale  Grundlage  dieser  nationalen  Revolution  war  das  Erwachen 
des  Kleinbürgertums,  der  Bauernschaft  und  der  Arbeiterschaft  zu  selb- 
ständigem politischem  Leben.  Nur  solange  das  öffentliche  Leben  von  einer 
kleinen  Oberschicht  der  Völker,  von  dem  Feudaladel  und  der  Groß- 
bourgeoisie beherrscht  wurde,  blieb  das  Gefüge  des  österreichischen 
Staates  unerschüttert.  In  dem  Maße,  als  mit  der  Demokratisierung  des 
öffentlichen  Lebens  die  Volksmassen  selbst  das  staatliche  Leben  zu  be- 
stimmen begannen,  wurde  der  österreichische  Staat  durch  die  nationalen 
Kämpfe  zersetzt.  Es  ist  kein  Zufall,  daß  gerade  in  dem  im  Jahre  1897  ge- 
wählten Parlament,  dem  ersten  L^arlament,  da.s  wenigstens  zum  Teil  aus 
Wahlen  des  allgemeinen  Stimmrechts  hervorgegangen  war,  die  nationale 
Obstruktion  ausbrach,  der  sich  der  österreichische  Pariaro entarism.us  seither 
nicht  Mn:eder  zu  entwinden  vermochte.  Diese  Selbstauflösung  des  öster- 
reichischen Parlamentarismus  durch  die  nationale  Obstruktior.  war  der 
eigentliche  Anfang  der  nationalen  Revolution. 

Von  1860  bis  1890  war  das  politische  Leben  Österreichs  beherrscht 
durch  den  Gegensatz  zwischen  der  zentralistischen  Großbourgeoisie  auf 
der  einen,  dem  föderalistischen  Keudaladei  auf  der  andpren  Seite.  Die 
zentralistische  Großbourgeoisie  war  vertreten  durch  die  deutschliberalen 
Parteien.  Der  föderalistische  Feudaladel  vereinigte  unter  seiner  Führung 
die  deutschen  Klerikalen  mit  den  Alttschechen  und  den  Südslawen.  Es  war 
kein  nationaler  Gegensatz;  denn  Deutsche  standen  hüben  wie  drüben. 
Deutsch  war  die  liberale  Bourgeoisie.  Aber  deutsch  war  auch  die  klerikale 
Gefolgschaft  des  Feudaladels.  Beide  Parteien  aber  waren  gut  österreichisch. 
Gegenstand  des  Streites  war  die  Gestaltung  der  österreichischen  Ver- 
fassung, nicht  die  Existenz  des  österreichischen  Staates.  Die  deutschliberale 
Bourgeoisie  betrachtete  sich  als  die  eigentliche  Staatspartei;  die  Verteidigung 
der  Einheit  des  österreichischen  Staates  gegen  die  föderalistischen  Zer- 
setzungspläne galt  ihr  als  ihre  höchste  Aufgabe.  Nicht  minder  gut  öster- 
reichisch war  aber  dam-als  auch  das  alttschechische  Bürgertum  gesinnt,  das 
in  der  Gefolgschaft  des  Feudaladels  für  die  Föderalisierung  des  öster- 
reichischen Staates  kämpfte.  Denn  die  Auflösung  des  österreichischen 
Staates  hätte  ja,  solange  das  Deutsche  Reich  mächtig  war,  nichts  anderes 
bedeuten  können,  als  daß  die  alten  deutschen  Bundesländer  vom  Riesen- 
gebirge bis  zur  Adria  an  das  Deutsche  Reich  gefallen,  die  tschechischen 
Länder  also  unter  deutsche  Herrschaft  geraten  wären.  Aus  Furcht  davor 
hatten  die  Tschechen  schon  1848  für  Österreich,  gegen  die  nationalen 
Revolutionen  der  Deutschen,  der  Magyaren,  der  Italiener  Partei  ergriffen; 
man  müßte  Österreich  erfinden,  wenn  es  nicht  bestünde,  schrieb  damals 
Palacky. 

Schon  in  den  achtziger  Jahren  erstarkte  aber  im  deutschen  wie  im 
tschechischen  Lager  die  Opposition  gegen  die  Führung  der  Großbourgeoisie 
hier,  des  Feudaladels  dort.  Der  Feudaladel  hatte  1878  bis  1885  die  Gefolg- 
schaft der  Tschechen  mit  nationalen  Zugeständnissen  erkauft;  das 
tschechische  Schulwesen  wurde  ausgebaut,  tschechische  Beamte  drangen 
in  wachsender  Zahl  in  die  Xrnler  ein,  der  Gebrauch  der  tschechischen 
Sprache  im  Amt  und  Gericht  wurde  ausgedehnt,  viele  Gemeinde- 
vertretungen gingen  aus  den  Händen  des  deutschen  Großbürgertums  in  die 
der   tschechischen    Kleinbürger    über.     Der    deutsche   Liberalismus     hatte 


—     21 


gehofft,    der  Ausglcicli    von    1SG7    werde    der    deutschen   Bourgetiisie    m 
Osterreich  die  Herrschaft    sichern,    wie    er    der  magyarischen  Genlry    in 
Ungarn  die  Herrschaft  gesichert  hat;  in  den  achtziger  Jahren  erkannte  das- 
deutsche    Bürgertum,     daß    es    seine    Vorherrschaft     über     die    slawische 
Bevölkerungsmehrheil  nicht  zu  beliaupten  vermochte.  Unter  dem  Eindruck 
dieser    Enttäuschung     begann     in    der    deutschen    .Tugend     eine     deutsche 
Irredenta  zu  entstehen,  die  von  Dcutschösterreichs    Rettung  in  das  Hohen- 
zollcrnrcich   träumte      Die   Gegnerschaft  der   deutschen   Intelligenz    gegen 
das  feudal-klerikale  Regime  verschärfte  sich   zur.  Gegnerschaft  gegen  den 
österreichischen  Staat  selbst.  Die  entstehenden  deutschnationalen  Parteien 
stellten,   im  bewußten  Gegensatz  gegen  die  schwarzgelben  Liberalen,   das 
deutsche    Volksinleresse    dem    österreichischen    Staatsinteressc    entgegen. 
„Wir  wollen  im  Kampfe  um  die  nationalen  Rechte  der  Deutschen  keine 
anderen  Rücksichten  walten  lassen  als  diejenigen,  die  durch  die  nationalen 
Interessen   selbst    gegeben  sind";    erklärte    nach    den   Wahlen   1885    das 
Programm  der  Deutschnationalen  Vereinigung.  Das  Erstarken  der  deutsch- 
nationalen Bewegung  schreckte  den  Hof;  um  das  deutsche  Nationalbewußtsein 
nicht  zu  reizen,  kargte  man  nunmehr  mit  nationalen  Zugeständnissen  an 
die  Tschechen.  Die  Alttschechen  stützten  immer  noch  das  feudal-klerikale 
Regime;  aber  sie  konnten  nicht  mehr  nationale  Zugeständnisse  als  Preis 
dafür  heimbringen.  So  erstarkte  unter  den  Tschechen  der  Widerstand  gegen 
die  alttschechische   Politik.  Parallel   mit   der  deutschnationalcn  Bewegung- 
gegen   die   liberale   Großbourgeoisie   entwickelte   sich    die  jungtschechische 
Opposition    gegen  die  alttschechische  Gefolgschaft    des    feudalen  Regimes. 
Bei  den  böhmischen  Landtagswahlen  von  1889    wurden    die  Alttschechen 
von  den  Jungtschechen  hinweggefegt.    Damit   hatte    sich    das  tschechische 
Bürgertum  von  der  feudalen  Führung  befreit.  Der  „Eiserne  Ring",  der  die 
föderalistischen  Parteien  unter  der  feudalen  Führung  vereinigt  hatte,  war 
gesprengt. 

Zugleich  erhob  sich  aber  auch  die  Arbeiterklasse.  1890  hat  sie 
den  Kampf  um  das  Wahlrecht  begonnen.  Das  erste  Ergebnis  des  Wahl- 
rechtskampfes war  die  Wahlreform  von  1896.  Ein  neues  Parlament,  den 
früheren  nicht  vergleichbar,  trat  1897  zusammen.  Die  Liberalen  waren 
von  den  Deutschnationalen  und  den  Christlichsozialen,  die  Alttschechen 
von  den  Jungtschechen  verdrängt.  Trotzdem  versuchte  es  die  Regierung- 
Badeni  noch  einmal,  das  alte  Regime,  die  Koalition  der  föderalistischen 
Parteien  unter  feudaler  Führung,  wiederherzustellen.  Sie  kaufte  die 
Jungtschechen  mit  ihren  Sprachenverordnungen,  wie  1880  Taaffe  die 
Alttschechen  mit  den  Stremayrschen  Sprachenverordnungen  gekauft  hatte. 
Aber  Badeni  stand  anderen  Gegnern  gegenüber  als  Taaffe.  Die  deutsch- 
nationalen Parteien  beantworteten  die  Sprachenverordnungen  mit  der 
lärmenden,  jede  parlamentarische  Arbeit  vereitelnden,  die  Volksmassen 
aufwühlenden  Obstruktion.  Als  Badeni  die  Obstruktion  gewaltsam  nieder- 
werfen wollte,  sprengten  die  Sozialdemokraten  das  Parlament.  Als  Thun 
an  die  Stelle  des  zerstörten  Parlamentarismus  den  Absolutismus  des  §  14- 
setzte,  erhoben  sich  die  Arbeitermassen.  Der  Hof  kapitulierte.  Die  Regierung 
Thun,  die  letzte  Regierung  der  feudal-föderalistischen  Rechten,  wurde 
entlassen;    die  Regierung  Clary   hob  1899    die  Sprachenverordnungen    auf. 

—    22    — 


jüem  slawisch-feudalen  Regierungssystem  folgte  nunmehr  das  deutsch- 
bürokratische.  Die  Tschechen  hatten  eine  schwere  Niederlage  erlitten. 
Aber  nun  griffen  sie  zu  der  Waffe,  die  die  Deutschen  mit  so  großem  Erfolg 
gebraucht  hatten.  Die  deutsche  Obstruktion  wurde  von  der  tschechischen 
abgelöst.  Das  österreichische  Parlament  ist  ihrer  nie  mehr  ledig  geworden. 
Die  Periode  der  nationalen  Obstru!ition  hat  immer  breitere  Volksmasen 
mit  den  Leidenschaften  des  nationalen  Kampfes  erfüllt,  die  Nationen  ein- 
ander immer  tiefer  verfeindet,  die  internationalen  Bindungen  immer  voll- 
ständiger aufgelöst.  War  der  Nationalismus  zunächst  von  der  Intelligenz 
und  ihrer  kleinbürgerlichen  Gefolgschaft  -getragen,  so  gelang  es  ihm  mit 
der  Verschärfung  der  nationalen  Kämpfe  allmählich,  auch  die  anderen 
Klassen  der  Führung  des  nationalistischen  Bürgertums  unterzuordnen. 
Zuerst  erlag  ihm  die  Bauernschaft.  Deutsche  und  slav/ische  klerikale 
Bauernabgeordnete,  bis  1895.  im  Hohenwart-Klub  zu  einer  Partei  vereinigt, 
wurden  auseinandergerissen,  in  die  „nationale  Gemeinbürgschaft"  mit  den 
bürgerlichen  nationalen  Parteien  hineingezwungen  und  damit  der  Führung 
des  nationalistischen  Bürgertums  untergeordnet.  Dann  wurde  die  Beamten- 
schaft in  den  nationalen  Kampf  hineingezerrt.  Die  Landsmannministerien 
und  die  nationalen  Volksräte  machten  einander  jede  Beamtcnstclle  streitig, 
das  individuelle  Interesse  des   einzelnen  Beamten  an  seinem  Avancem.ent 

■  wurde  an  das  nationale  Interesse  im  nationalen  Machtkampf  gebunden, 
die  Beamtenschaft  begann  sich  den  nationalen  Volksräten  unterzuordnen. 
Die  tschechischen  Beamten  führten  „via  facti"  die  durch  die  Claryschen 
Sprachenverordnungen  aufgehobene  innere  tschechische  Amtssprache 
wieder  ein.  Die  deutschen  Richter  setzten  die  durch  die  Stremayerschen 
Sprachenverordnungen  eingeführten  Rechte  der  tschechischen  Sprache 
außer  Wirksamkeit.  Endlich  griff  der  Nationalismus  auch  auf  die  Arbeiter- 
schaft über.  Solange  das  tschechische  Bürgertum  die  feudalen  Regierungen 
Badeni  und  Thun  gestützt  hatte,  stand  die  tschechische  Arbeiterschaft  im 
heftigsten  Kampfe  gegen  sie;  sobald  nach  1899  das  tschechische  Bürgertum 
im  heftigsten  Kampfe  gegen  die  deutsch-bürokratischen  Regierungen  stand, 
geriet  die  tschechische  Arbeiterschaft  immer  stärker  unter  den  Einfluß  des 
tschechischen  Nationalismus;  der  tschechische  Separatismus  sprengte  die 
österreichische  Internationale.  So  entAvickelte  der  fünfzehnjährige  Kampf 
des  tschechischen  Bürgertimis  gegen  die  deutsch-bürokratischen  Regie- 
rungen von  Clary  bis  Stürgkh  allmählich  die  Kräfte,  die  über  alle  Klassen- 
und  Parteigegensätze  hinweg  die  ganze  Nation  geeint  dem  österreichischen 
Regierungssystem  entgegenstellten. 

Noch  einmal  wurde  diese  Entwicklung  unterbrochen.  Das  Kurien- 
parlament hatte  durch  die  nationale  Obstruktion  alle  Wirkensmöglichkeit 
verloren.  Die  Siege  der  russischen  Revolution  von  1905  gaben  dem  Wahl- 
rechtskampf des  österreichischen  Proletariats  neue  Wucht.  Der  Konflikt 
des  Kaisers  mit  dem  ungarischen  Adelsparlament  hatte  1905  in  Ungarn 
zur  Einsetzung  der  Regierung  Fejerväry-Kristoffy  geführt,  die  die 
rebellierende  magyarische  Gentry  mit  der  Drohung,  das  allgemeine 
Wahlrecht  einzuführen,  schreckte;  um  das  ungarische  Adelsparlament 
einzuschüchtern,  gestand  der  Kaiser  in  Österreich  das  allgemeine  und 
gleiche  Wahlrecht  zu.  Die  demokratische  Wahlreform  entfesselte  mächtige 
Gegenkräfte    gegen    den    Nationalismus.     Nach     den    Wahlen     von    1907 

—    23     - 


vereinigle  Beck  die  Vcrtrcler  des  deutschen,  des  tsclu'cliischcn  und  des 
polnischen  Bürjiertunis  zu  einer  Knalitionsretrierung.  Ein  gewalliger  Forl- 
schrilt  schien  errungen.  Die  bürokralischen  Obrigkeilsregierungen  waren 
von  einer  Regierung  der  Parlainenlsmehrlicil  abgelöst  An  Stelle  der 
Feudalherren  und  der  Bürokraten  saßen  die  Prade  und  Pacäk,  die  Pctschek 
und  Prä§ek.  die  Vertreter  der  deutschen  und  der  tschechischen  Bürger 
und  Bauern,  auf  der  Ministerbank.  An  die  Stelle  der  nationalen  Obstruktion 
war  die  gemeinsame  Regierung  des  Bürger-  und  Bauerntums  der  drei 
führenden  Nationen  getreten.  Die  Entwicklung  der  Demokratie  hatte 
seit  den  achtziger  Jahren  die  nationalen  Kräfte  geweckt  und  gestärkt, 
deren  Zusammenstoß  den  alten  Obrigkcilsstaat  zersetzt  hat;  die  Macht- 
ergreifung der  Demokratie  schien  nun  diese  nationalen  Kräfte  zu  gemein- 
samem Aufbau  eines  demokratischen  Völkerstaates  vereinigen  zu  sollen. 
Aber  gegen  die  Machtergreifung  der  bürgerlichen  Demokratie  ralliierten 
sich  sofort  die  durch  die  Wahlreform  entthronten  Mächte.  Die  großkapita- 
listische Presse  schürte  den  nationalen  Kampf.  Der  Feudaladel  intrigierte. 
Der  Militarismus  führte  den  entscheidenden  Streich.  Die  Militärpartei  haßte 
die  Regierung  Beck,  die  die  Forderungen  des  Militarismus  gegen  Ungarn 
und  gegen  das  österreichische  Parlament  nicht  kräftig  genug  vertreten  habe. 
Die  Mililärpartei  bereitete  die  Annexion  Bosniens  vor  und  brauchte  dazu 
eine  „Regierung  der  starken  Hand".  Auf  Franz  Ferdinands  Befehl  stürzte 
Geßmann  die  Regierung  Beck.  Mit  Bienerth  kehrte  das  deutsch-büro- 
kratische Regierungssystem,  kehrte  daher  auch  die  tschechische  Obstruktion 
wieder.  Der  Imperialismus  hatte  den  ersten,  den  einzigen  Versuch  der 
Demokratie,  mit  ihren  eigenen  Mitteln  das  durch  ihre  eigene  Entwicklung 
gestellte  österreichische  Problem  zu  lösen,  vereitelt.  Der  Imperialismus 
wollte  dieses  Problem  nunmehr  mit  seinen  Mitteln,  mit  den  Mitteln  einer 
kriegerischen  Außenpolitik  lösen  und  eben  dadurch  hat  er  es  aus  einem 
innerösterreichischen  zu  einem   europäischen  Problem   erweitert. 

Wenige  Wochen  nach  dem  Sturze  der  Regierung  Beck  wurde  die 
Annexion  Bosniens  proklamiert.  Die  Annexionskrise  stellte  zum  erstenmal 
die  Habsburgermonarchie  unter  Deutschlands  Schutz  den  Ententemächten 
gegenüber.  Die  neue  Weltlage  begann  nun  das  Verhältnis  der  Nationen 
zum  Staat  zu  bestimmen. 

Sehr  schnell  veränderte  sich  die  Stellung  des  deutschnationalen  Bürger- 
tums zum  Staat.  Die  deutschnationalen  Parteien  waren  in  den  achtziger 
Jahren  entstanden  im  Kampfe  gegen  die  Staatspolitik  des  Liberalismus,  der 
das  deutsche  Volksinteresse  mit  dem  österreichischen  Staatsinteresse 
identifizierte.  Sie  hatten  von  1897  bis  1899  in  ihren  Kämpfen  gegen  Badeni 
und  Thun  dem  habsburgischen  Staat  das  großdeutsche  Ideal  drohend 
entgegengestellt.  Jetzt  aber,  unter  dem  Druck  der  neuen  Weltlage,  kehrten 
sie  in  Habsburgs  Lager  zurück.  Deutschland  stand  im  W^esten  und  im 
Osten  gewaltigen  Feinden  gegenüber.  Die  Gefahr  eines  Krieges  zwischen 
Deutschland  und  den  Ententemächten  ward  sichtbar.  In  dem  drohenden 
Kriege  mußte  die  Habsburgermonarchie  an  Deutschlands  Seite  fechten. 
Nun  ward  den  Deutschnationalen  die  geschichtliche  Bestimmung  der 
Habsburgermonarchie  klar:  ihre  Aufgabe  war  es,  die  Bajonette  von 
vierzig    Millionen     Slawen,     Magyaren     Und    Romanen     unter     deutsches 


—    24    -- 


Kommando  zu  stellen.  Nun  forderte  deutsches  nationales  Interesse,  daß  der 
habsburgische  Staat  möglichst  stark,  möglichst  vollkommen  gerüstet  sei. 
Die  Deutschnationalen  wurden  schwarzgelb  —  mit  weniger  Vorbehalten 
schwarzgelber,  als  es  die  Liberalen  je  gewesen.  Sie  wetteiferten  in  patrio- 
tischem Eifer  mit  den  Klerikalen.  Sie  standen  an  Habsburgs  Seite  in  den 
Tagen  der  Annexionskrise  und  des  Balkankrieges.  Sie  bewilligten  in 
begeisterter  Stimmung  das  Wehrgesetz,  die  Rüstungskredite,  das  Kriegs- 
leistungsgesetz. 

Aber  eben  damit  änderte  sich  die  Stellung  der  Tschechen  zum  öster- 
reichischen Staat  in  der  entgegengesetzten  Richtung.  Habsburg  hatte  in 
Österreich  das  deutsch-bürokratische  Regime  wiederhergestellt,  das  die 
Obstruktion  der  Tschechen,  der  Slowenen,  der  Ruthenen  mit  dem  Absolu- 
tismus des  §  14  beantwortete.  Habsburg  hatte  in  Ungarn  mit  der  magya- 
rischen Herrenklasse  seinen  Frieden  geschlossen,  ihr  die  slawischen 
Nationalitäten  wieder  ausgeliefert.  Habsburg  bedrohte  Serbien.  Habsburg 
rüstete  zum  Krieg  gegen  Rußland.  Und  je  feindlicher  Habsburg  den 
slawischen  Mächten  gegenüberstand,  desto  mehr  ward  es  auf  Deutsch- 
lands Schutz  angewiesen;  desto  mehr  erschien  es  als  ein  Vasall  der  Hohen- 
2ollern.  Auch  den  Tschechen  erschien  es  nun  als  die  geschichtliche  Be- 
stimmung der  Habsburgermonarchie,  die  Slawen  in  Österreich  und  in 
Ungarn  niederzuhalten,  um  ihre  Volkskraft  in  dem  nahenden  großen  Kriege 
unter  Deutschlands  Führung,  unter  deutschem  Kommando  den  Slawen 
Rußlands  und  den  Slawen  am  Balkan  entgegenzuwerfen.  Damit  mußte 
sich  das  Verhältnis  der  Tschechen  zur  Habsburgermonarchie  verändern.  Nun 
steigerte  sich  ihre  Gegnerschaft  gegen  das  deutsch-bürokratische  Regime 
zur  Gegnerschaft  gegen  den  Staat  selbst.  Diese  Entwicklung  begann  mit  der 
Annexion  Bosniens,  sie  wurde  beschleunigt  durch  Habsburgs  antislawische 
Politik  während  des  Balkankrieges,  sie  fand  ihren  Abschluß,  als  Habsburg 
mit  dem  Ultimatum  an  Serbien  den  Weltkrieg  entfesselte. 

Die  habsburgische  Eroberung  im  Jahre  1620  hatte  nicht  nur  den 
böhmischen  Staat,  sondern  auch  die  tschechische  Kultur  zerstört.  Der 
rebellische  tschechische  Adel  war  ausgerottet,  das  tschechische  Bürgertum 
seines  evangelischen  Glaubens  wegen  des  Landes  verwiesen  worden.  Was 
den  Sturnj  der  blutigen  habsburgischen  Gegenreformation  überlebt  hatte, 
erlag  den  Wirren  des  Dreißigjährigen  Krieges.  Von  1620  bis  in  die  ersten 
Jahrzehnte  des  19.  Jahrhunderts  waren  die  Tschechen  ein  Volk  höriger 
Bauern,  die  deutschen  Gutsherren  fronten,  ein  Volk  ohne  Bürgertum,  ohne 
städtische  Kultur,  ohne  Literatur,  ohne  Anteil  am  staatlichen  Leben,  nicht 
anders  als  die  Slowenen  eine  geschichtslose  Nation.  Erst  mit  der  kapita- 
listischen Entwicklung  des  19.  Jahrhunderts  ward  aus  dem  Schöße  des 
tschechischen  Bauernvolkes  ein  neues  Bürgertum  geboren,  ward  der 
tschechische  Bauer  von  der  Hörigkeit  befreit,  entstand  ein  selbstbewußtes 
tschechisches  Proletariat.  In  hartem  zähen  Kampfe  gegen  die  Herrschaft 
der  deutschen  Bürokratie,  gegen  die  ökonomische  Übermacht  der  deutschen 
Bourgeoisie,  gegen  die  überlegene  Anziehungskraft  der  deutschen  Kultur 
stiegen  die  Tschechen  im  Verlauf  eines  Jahrhunderts  zu  neuem  nationalen 
Leben  auf.  Aber  in  ihren  Anfängen,  noch  um  1848,  erschien  diese  Bewegung 
schier  hoffnungslos.  Die  Sudetenländer  bildeten  damals  noch  einen  Bestand- 
teil des  Deutschen  Bundes;  innerhalb  des  Deutschen  Bundes  standen  drei, 

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höchstens  vier  Millionen  Tschechen  40  Millionen  Deutschen  gegenüber.  Ii> 
den  tschechischen  Ländern  selbst  waren  damals  ein  paar  hundert  Intellek- 
tuelle, auf  eine  schwache  Klcinbürgerscliicht  gcstülzt,  die  Träger  der 
nationalen  Bewegung-,  der  Bauer  hatte  an  ihr  noch  keinen  Anteil,  Bour- 
geoisie und  Bürokratie,  Kapital  und  Industrie,  Gemeindevertretungen  und 
Schulen  waren  damals  auch  in  Böhmen  überall  noch  deutsch.  Auf  ihre 
eigene  Kraft  angewiesen,  erschien  die  junge  tschechische  Bewegung  sich 
selbst' aussichtslos;  so  mußte  sie  Selbstvertrauen  in  dem  Gedanken  suchen, 
daß  hinter  dem  kloinen  tschechischen  Volke  die  große  hundcrtmillid^en- 
köpfige  slawische  Basse  stehe.  Schon  diese  Zeit  des  Erwachens  des  tschechi- 
schen Volkes  versenkte  in  seine  Seele  die  Hoffnung  auf  die  Gemein- 
schaft der  slawischen  Völker;  seit  Kolärs  „Slävy  dcera",  der  ersten  großen. 
Dichtung  des  wiedererwachenden  Volkes,  weckte  und  stärkte  die  tsche- 
chische Kunst  in  den  nachfolgenden  Generationen  den  romantischen 
Enthusiasmus  für  die  Einheit  der  slawischen  Basse.  In  dieser  Überlieferung 
waren  die  tschechischen  Soldaten  erzogen,  die  nun  einrücken  mußten,  um 
gegen  Serben  und  Bussen,  gegen  die  „slawischen  Brüder"  zu  kämpfen. 

Die  Ilabsburgermonarchie  war  entstanden,  als  Ferdinand  I.  die  König- 
reiche Böhmen  und  Ungarn  mit  den  deutschen  Erbländern  vereinigte.  Der 
Absolutismus  hat  1620,  1749,  1849  die  staatliche  Selbständigkeit  Böhmens 
vernichtet.  Als  auf  den  Schlachtfeldern  von  Magenta  und  Solferino  der 
Absolutismus  zusammenbrach,  forderten  die  Tschechen  so  gut  w^ie  die 
Magyaren  die  Wiederherstellung  ihrer  staatlichen  Selbständigkeit.  1865, 
als  Habsburg  zum  Kriege  gegen  Preußen  rüstete,  glaubten  sie  sich  dem  Ziele 
nahe;  Belcredi  sistierte  die  zentralistische  Verfassung.  Preußens  Sieg  ent- 
schied gegen  sie:  der  Ausgleich  von  1867  sollte  sie  der  Herrschaft  der 
deutschösterreichischen  Bourgeoisie  unterwerfen,  wie  er  die  Slawen  in 
Ungarn  der  Herrschaft  der  magyarischen  Gentry  unterwarf.  Als  Beust  1869 
den  Revanchekrieg  an  Frankreichs  Seite  gegen  Preußen  vorbereitete, 
wandte  sich  der  Kaiser  abermals  den  Tschechen  zu;  die  Regierung  Hohen- 
wart  wollte  1870  den  böhmischen  Staat  wiederherstellen.  Aber  nach  dem 
Ausgleich  von  1867  war  die  Macht  des  magyarischen  Adels,  nach  den 
deutschen  Siegen  in  Frankreich  die  Furcht  des  Kaisers  vor  deutschem 
Irredentismus  in  Böhmen  zu  stark,  als  daß  dieser  Plan  hätte  gelingen 
können.  Hohenwart  fiel,  die  deutsch-zentralistische  Verfassung  hatte 
gesiegt.  In  der  langen  Friedensperiode,  die  nun  folgte,  hatten  die  Tschechen 
keine  Hoffnung  mehr,  ihren  Staat  wiederherstellen  zu  können;  1878  gaben 
sie  den  passiven  Widerstand  gegen  die  zentralistische  Verfassung  auf,  sie 
traten  in  das  Parlament  ein,  sie  begnügten  sich  mit  der  „Brosamenpolitik", 
mit  Eroberungen  innerhalb  der  zentralistischen  Verfassung.  Aber  in  der 
jVation  lebte  die  Hoffnung  fort,  neue  europäische  Umwälzungen  würden  ihr 
dereinst  die  Möglichkeit  bieten,  den  Kampf  um  die  Wiederherstellung  ihres 
Staates  von  neuem  aufzunehmen.  Nach  jeder  ihrer  großen  Niederlagen,  nach 
1867,  nach  1871,  nach  1890,  nach  1899,  nach  1908  träumte  die  Nation  davon,, 
es  werde  „der  unvermeidliche  Weltkampf  des  Germanentums  mit  dem  Slawen- 
tum kommen",  der  der  Nation  ihren  Staat  wiedergeben  werde.  So  hatte  es 
Palacky  selbst  noch  1871  geschrieben;  seit  der  Annexionskrise  von  1908, 
seitdem  1913  der  deutsche  Beichskanzler  selber  von  dem  drohenden  Kampf 
zwischen  Germnientum  und  Slaw^entum    gesprochen    hatte,    waren    diese 

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Gedanken  zu  neuem  Leben  erwacht.  Als  sich  1914  die  russischen  Heeres- 
massen der  deutschen  Grenze  zuwälzten,  schien  die  Stunde,  von  der  die 
Nation  so  lange  geträumt  hatte,  gekommen.  Und  nun  mußten  tschechische 
Soldaten  kämpfen  und  sterben  für  die  Sache  des  Germanentums  gegen  das 
Slawentum ! 

So  mußte  sich  das  durch  die  ganze  Geschichte  der  Nation  bestimmte 
Fühlen  der  Massen  gegen  den  Krieg  auflehnen.  Die  tschechischen  Soldaten 
mußten  es  als  furchtbarste  Leibeigenschaft  empfinden,  daß  Habsburg  sie 
zwang,  für  eine  Sache  zu  kämpfen  und  zu  sterben,  die  ihnen  nicht  die 
Sache  ihres  Volkes,  sondern  die  Sache  der  Feinde  ihres  Volkes  war.  Das 
Gefühl  der  Nation  mußte  sich  gegen  Habsburg  aufbäumen.  ,,Wir  müssen 
die  Befreiung  vom  Habsburgerjoch  anstreben,"  schrieb  Bohdan  Pavlü, 
„um  für  die  Zukunft  den  ungeheuren  Seelenqualen  des  Zwanges,  an  der 
Seite  unserer  Gegner  kämpfen  zu  müssen,  zu  entgehen." 

Aber  nicht  nur  das  Gefühl,  nüchterne  politische  Erwägung  selbst  mußte 
die  Tschechen  gegen  Österreich  stellen.  Die  Tschechen  hatten  es  nicht  ver- 
gessen, daß  Königgrätz  und  Sedan  ihre  Niederlage  in  ihrem  Kampf  um  das 
böhmische  Staatsrecht  entschieden  hatten.  Siegten  im  Weltkrieg  die  Mittel- 
mächte, so  wurde  Deutschland  zur  Vormacht  Europas;  die  Vorherrschaft 
des  Deutschen  Reiches  in  Europa  mußte  die  Machtstellung  der  Deutschen 
innerhalb  der  Habsburgermonarchie  gewaltig  stärken.  Siegte  dagegen  die 
Entente,  dann  war  die  Wiederherstellung  des  tschechischen  Staates  gewiß. 
Zwar  mochten  am  Anfang  des  Krieges  nur  wenige  Tschechen  die  voll- 
ständige Zertrümmerung  des  Habsburgerreiches  für  möglich,  für  wünschens- 
wert halten.  Aber  wenn  die  Entente  siegte,  dann  war  es  offenbar  ihr 
Interesse,  die  Vorherrschaft  des  deutschen  Bürgertums  und  des  magyari- 
schen Adels  in  der  Monarchie  zu  zertrümmern  und  eine  Umbildung  der 
Monarchie,  die  der  slawischen  Bevölkerungsmehrheit  die  Führung  sicherte, 
zu  erzwingen,  um  Österreich  für  immer  von  Deutschland  zu  trennen.  So 
konnte  das  tschechische  Volk  nur  von  einer  Niederlage  der  Mittelmächte 
Freiheit  und  Macht  erwarten. 

An  der  Front  standen  die  tschechischen  Soldaten.  Die  Maschinerie  des 
Militarismus  hielt  sie  in  Zucht.  Und  im  Gefecht  vergaßen  auch  sie  alle 
Politik:  wer  auf  uns  schießt,  ist  unser  Feind.  Aber  freilich,  jene  höchste 
Kraftanspannung,  jene  volle  Selbstaufopferung,  die  nur  der  Enthusiasmus 
des  Kampfes  um  die  eigene  Sache  verleiht,  sie  durfte  man  von  den  tschechi- 
schen Regimentern  nicht  erwarten.  Brach  der  Feind  in  ihre  Linien  ein, 
kam  es  zum  Kampfe  Mann  gegen  Mann,  dann  streckten  sie  die  Hände  hoch; 
sie  waren  nicht  gewillt,  für  eine  ihnen  fremde,  ihnen  feindliche  Sache 
zu  sterben. 

Die  Heimat  aber  verstummte.  Sie  konnte  sich  nicht  offen  auflehnen. 
Aber  gegen  alle  Begeisterung,  alle  Opferwilligkeit  für  den  Krieg  stritten 
nicht  nur  alle  ihre  Gefühle,  stritt  auch  alle  politische  Erwägung.  „Nichts 
unternehmen,  was  als  eine  Billigung  des  Krieges  aussehen  könnte",  war 
Kramärs  Parole;  nur  diese  Haltung  konnte  der  Nation  im  Augenblick 
des  Friedensschlusses  den  Schutz  der  Entente  sichern. 

Indessen  hatten  die  russischen  Heere  Österreich  geschlagen.  Die  Russen 
standen  am  Dunajec,  in  den  Karpathen  hart  vor  den  Toren  des  tschechischen 
und  slowakischen  Siedlungsgebiets.  Ein  Manifest  Nikolaj  Nikolajewitsch',  des 

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russisphon  Oberkommandieronden,  vprsprach  dnn  Tschechen  die  staatliche 
^Selbständigkeit  Der  Ischechisohß  Nationalrat  in  Hußland  bot  einem 
russischen  Großfürsten  die  böhmische  Krone  an.  Die  Nation  horchte  auf. 
Der  Traum  vom  national-^n  Staat  schien  zum  ersten  Male  wieder  in  den 
15  reich  des  Möglichen  zu  treten. 

Die  politischen  Führer  blieben  stumm.  Der  Kriegsabsolulismus  hatte 
ihnen  den  Mund  geschlos.sen.  Aber  die  kleinen  Leute  im  Volke  wußten  ihr 
\ olles  Herz  nicht  vv,  vvahren.  Die  tschechischen  Soldaten  sangen: 

Weti",   roles   Tüchlein,   dreh'  dich  ringsum. 
Wir  ziehu  gegen  die  Bussen  und  wissen  nicht  wurum. 
Und    im    Hmterlande    drückte    einer    dem    andern    das    Manifest     des 
russischen  Großfürsten  in  die  Hand.  Da  begannen  die  i^fenker  ihr  Werk.  In 
den  ersten  Kriegsmonaten  wurden  in  Mähren  allem  500  Hochverratsprozesse 
eingeleitet.  Todesurteile  wurden  gefällt  und  vollzogen. 

Der  Durchbruch  von  Gorlice  machte  den  tschechischen  Hoffnungen  ein 
Ende.  Die  russischen  Heere  fluteten  zurück.  Habsburg  triumphierte.  Das 
Selbstbewußtsein  des  österreichischen  Militarismus  war  mächtig  gewachsen. 
Er  hatte  in  den  bösesten  Stunden  tschechische  Regimenter  wankend,  das 
tschechische  Hinterland  unzuverlässig  gesehen.  Jetzt  beschloß  er,  den 
fehlenden  Patriotismus  zu  erzwingen.  Die  Führer  des  tschechischen  Bürger- 
tums wurden  verhaftet  und  von  den  Militärgerichten  nicht  wegen  Hand- 
lungen, sondern  wegen  Gesinnungen  zum  Tode  verurteilt.  Täglich  sprachen 
die  Militärgerichte  ihre  Bluturteile  gegen  tschechische  Soldaten,  Arbeiter, 
Lehrer,  Frauen,  die  ein  unvorsichtiges  Wort  der  Kritik  gebraucht,  ein  Flug- 
blatt aufbewahrt  hatten  oder  einem  russischen  Gefangenen  allzu  freundlich 
begegnet  waren.  Die  Organisation  der  Sokoln  wurde  aufgelöst.  Den 
tschechischen  Zeitungen  schickte  die  Polizei  patriotische  Artikel  ins  Haus, 
die  sie  veröffentlichen  mußten.  Ein  Konfiskationskrieg  gegen  tschechische 
Bücher  aus  der  Vorkriegszeit,  gegpn  Denkmäler  der  tschechischen  Ge- 
schichte begann. 

Die  deutsche  Bourgeoisie  sah  den  nationalen  Gegner  von  der  eisernen 
Faust  der  Militärgewalt  niedergeworfen.  Jetzt  glaubte  sip  ihre  Stunde  ge- 
kommen. Sie  formulierte  ihre  ^.Belange".  Sie  forderte  einen  Staatsstreich, 
durch  den  die  deutsche  Staatssprache  und  die  „Sonderstellung"  Galiziens 
oktroyiert,  den  Deutschen  im  Abgeordnetenhause  die  Mehrheit  gesichert 
werden  sollte. 

Es  war  sehr  ernst  Bei  Luck  war  der  letzte  Rest  der  Selbständigkeit 
Österreich-Ungarns  zusammengebrochen."  Die  ganze  Ostfront  wurde  unter 
deutsches  Kommando  gestellt.  „Mitteleuropa",  die  Eingliederung  Österreich- 
Ungarns  in  einen  von  Deutschland  geführten  Staatenbund  bereitete  sich 
vor.  Sollte  Österreich  in  dem  deutschen  „Mitteleuropa"  aufgehen,  so  mußte 
man  die  deutsche  Vorh«^rrscha!(  inn'^rhalb  Österreichs  sichern. 

Nun  war  es  anschaulich  geworden,  was  der  Sieg  der  Mittelmächte 
bedeuten  sollte:  die  Herrschaft  des  deutschen  Imperialismus,  der  durch  die 
Deutschösterreicher  und  die  Magyaren  die  slawischen  Völker  der  Monarchie 
gewaltsam  niederhalten  wird.  Und  für  dieses  Ziel  sollten  tschechische 
Soldaten  bluten,  sterben! 

Die  Ära  der  Verfolgungen  und  Staatsstreichpläne  hatte  zwiefache  Wirkun- 
gen. Die  Führer  der  politischen  Parteien  trieben  sie  dem  „Opportunismus" 

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in  die  Arme.  Sie  demonstrierten  österreichischen  Patriotismus,  um  den 
Druck  der  Militärgewalt  zu  mildern,  das  Schlimmste  abzuwenden.  Die  Volks- 
massen aber  verstanden  diese  Diplomatie  der  nationalen  Führer  nicht.  In' 
den  Volksmassen  sammelten  sich  nur  Haß  und  Trotz  gegen  das  Reich  und 
die  Dynastie.  Und  diese  Volksstimraung  erfaßte  immer  stärker  auch  die 
Soldaten  an  der  Front.  Immer  häufiger  liefen  ganze  Bataillone  zum  Feinde 
über. 

Da  durchkreuzte  mit  einem  Male  die  russische  Märzrevolution  alle 
Oktroipläne.  Nun  war  es  klar:  Der  Krieg  muß  die  Revolution  zeugen^  die 
die  geknechteten  Völker  befreit.  Die  Vereinigten  Staaten  traten  in  den  Krieg 
ein.  Im  Westen  verkündete  Wilson  wie  im  Osten  die  Revolution  das  Selbst- 
bestimmungsrecht der  Völker  als  Ziel  des  Krieges.  Hüben  die  Blutjustiz,  der 
Absolutismus,  die  „Belange",  „Mitteleuropa";  drüben  die  Verheißung  der 
staatlichen  Selbständigkeit  jeder  Nation!  Mit  seinem  ganzen  Fühlen,  mit  all 
seinen  Hoffnungen  erwartete  nun  das  ganze  tschechische  Volk  von  der 
Niederlage  der  Mittelmächte  seine  Befreiung. 

Die  russische  Revolution  hat  den  österreichischen  Kriegsabsolutismus 
gesprengt.  Im  Mai  1917  wurde  das  Parlament  einberufen.  Nun  war  offene 
Sprache  möglich.  Die  tschechischen  Abgeordneten  aller  Parteien  begrüßten 
das  Parlament  am  30.  Mai  mit  einer  Erklärung,  die  die  Aufrichtung  eines 
tschechischen  Staates  forderte.  Freilich,  noch  forderte  sie  den  tschechi- 
schen Staat  im  Rahmen  der  Habsburgermonarchie.  Noch  ließ  der  Opportu- 
nismus der  nationalen  Führer  Habsburg  die  Möglichkeit  einer  Versöhnung 
mit  dem  tschechischen  Volke  hoffen.  Und  Habsburg  klammerte  sich  jetzt  an 
diese  Hoffnung.  Seit  der  russischen  Revolution  zitterte  Habsburg  um  seinen 
Thron.  Kaiser  Karl  suchte  den  Frieden  mit  den  Westmächten.  Durch  seinen 
Schwager,  den  Prinzen  Sixtus  von  Parma,  verhandelte  er  mit  Frankreich. 
Aber  wie  „Mitteleuropa"  die  deutsche  Vorherrschaft  in  Österreich  voraus- 
gesetzt hätte,  so  setzte  eine  Verständigung  mit  der  Entente  die  Versöhnung 
mit  den  slawischen  Nationen  der  Monarchie  voraus.  Der  Kaiser  wünschte 
der  Versöhnung  den  Weg  zu  bahnen.  Im  Juni  erteilte  er  den  tschechischen 
„Hochverrätern"  Amnestie.  Nun  tobten  die  Deutschnationalen.  Haben  nicht 
deutsche  Truppenkörper  infolge  des  Versagens  tschechischer  Nachbar- 
bataillone schwere  Verluste  erlitten?  Wohin  sollte  e^  kommen,  wenn  der 
Verrat  von  der  Strafe  freiblieb? 

Aber  waren  die  Deutschen  erbittert,  so  waren  die  Tschechen  nicht  be- 
friedigt. Davon,  daß  die  Parma  zwischen  Wien  und  Paris  Fäden  spannen; 
davon,  daß  Habsburg  den  Abfall  von  Deutschland,  die  Wendung  zur 
Entente  erwog;  daß  solche  Wendung  auch  die  Machtverhältnisse  innerhalb 
der  Monarchie  umwälzen  sollte  —  von  alledem  ahnte-n  die  tschechischen 
Volksmassen  nichts.  Sie  beherrschte  der  aus  den  blutigen  Verfolgungen  der 
beiden  ersten  Kriegsjahre  erwachsene  Haß.  Sie  revolutionierte  die  große 
Botschaft  der  russischen  Revolution.  Ihre  Hoffnungen  schwellte  die  Pro- 
paganda des  „Rechtes  der  kleinen  Nationen"  im  Westen.  Der  Zusammen- 
bruch des  Kriegsabsolutismus  war  ihnen  nur  ein  Anzeichen  der  Schwäche 
des  verhaßten  Feindes.  Die  neue  Ära  gab  ihnen  die  Möglichkeit,  endlich 
offen  zu  bekennen,  was  sie  unter  dem  Druck  des  Absolutismus  hatten  im 
Herzen  verschließen  müssen.  Die  Volksmassen  lehnten  sich  gegen  die 
opportunistische  Führung  der  tschechischen  Parteien  auf.  Im  Herbst  1917 

-    29    - 


'.vurde  die  opportunistisolie  Führung  der  Jun,c;tsclicchcn,  der  National- 
sozialen und  der  Sozia Idoniukraton  gestürzt  und  durch  eine  national- 
revolutionäre  ersetzt.  Die  neue,  aus  der  Massenstimmung  dos  revolutionierten 
Volkes  erwachsene  Tendenz  fand  ihren  Ausdruck  in  der  „Deklaration"  des 
„Gcnerallandtages"  aller  tschechischen  Abgeordneten  vom  6.  Jänner  1918. 
In  dieser  Deklaration  wurde  bereits  der  vollkommen  selbständige  tsche- 
ohische  Staat  gefordert;  der  noch  in  der  Deklaration  vom  30.  Mai  1917  ent- 
lialfene.  Zusatz,  daß  der  tschechische  Staat  unter  der  Dynastie  Ilabsburg 
Itben  solle,  wurde  hier  gestrichen.  Damit  erst  halte  sich  die  offizielle 
tschechische  Politik  in  der  Heimat  auf  den  Boden  der  nationalen  Revolution 
gestellt.  Die  Aktion  der  Tschechen  im  Heimatland  stellte  sich  damit  unter 
die  Führung  der  revolutionären  tschechischen  Emigration. 

Schon  seit  dem  Beginn  des  Krieges  ging  durch  die  tschechischen 
Kolonien  im  Ausland  eine  starke  Bewegung.  Schon  in  den  ersten  Kriegs- 
tagen hatten  die  tschechischen  Kolonien  in  Rußland,  Frankreich,  England, 
der  Schweiz  und  Amerika  gegen  den  Krieg  protestiert,  einen  „nationalen 
Staat  mit  einem  slawischen  König"  gefordert,  zur  Bildung  von  Freiwilligen- 
formationen, die  in  den  Ententearmeen  gegen  Habsburg  kämpfen  sollten, 
aufgefordert.  Aber  größere  Bedeutung  erlangte  diese  Bewegung  doch  erst, 
als  die  Heimat  ihr  den  Führer  und  die  Kämpfer  schickte:  den  Führer  in 
-der  Person  Masaryks;  die  Kämpfer  in  den  Massen,  der  tschechischen  Kriegs- 
gefangenen, die  in  den  Gefangenenlagern  Rußlands  und  Sibiriens,  Serbiens 
und  Italiens  die  revolutionäre  Propaganda  der  tschechischen  Auslands- 
kolonien erfaßte. 

Im  Dezember  1914  begab  sich  Professor  Masaryk  in  das  Ausland.  Er  hatte 
fin  Leben  lang  gegen  die  traditioneile  tschechische  Romantik,  gegen  die 
Vorurteile  der  Nation  gekämpft:  gegen  den  Aberglauben  an  die  Echtheit 
aev  Königinhofer  Handschrift,  gegen  den  romantischen  Historismus  des 
böhmischen  Staatsrechtes,  gegen  die  antisemitische  Pogromhetze,  gegen 
den  naiven  Glauben  an  die  allslawische  Geistesgemeinschaft.  Er  trat  auch 
in  der  Emigration  der  traditionellen  Romantik  entgegen.  Dem  Ideal  der 
Wiederherstellung  der  Krone  des  heiligen  ^Yenzel  stellte  er  da?  Ideal  einer 
dem.okratischen  tschechoslowakischen  Republik,  der  Hoffnung  auf  den 
russischen  Zarismus  die  Hoffnung  auf  die  Demokratie  des  Westens  ent- 
gegen. Nur  dadurch  gewann  er  die  Arbeiter,  die  die  überwiegende  Mehrheit 
der  tschechischen  Emigration  bildeten,  für  die  nationale  Bewegung.  Nur 
dadurch  konnte  er  sie  auch  nach  den  russischen  Niederlagen  im  Jahre  1915 
aufrechterhalten.  Nur  dadurch  konnte  sie  aus  der  russischen  Revolution 
von  1917  neue  Kraft  schöpfen.  Zugleich  aber  sicherte  seine  Persönlichkeit 
der  Bewegung  die  Sympathien  der  Intelligenz  des  Westens  und  Beziehungen 
zu  den  Regierungen  der  Ententemächte. 

Nachdem  Masaryk  im  Herbst  191-4  in  das  Ausland  gekommen  war,  ging 
er  zunächst  daran,  die  tschechischen  Kolonien  im  Ausland  zu  organisieren. 
Es  gelang  ihni,  sie  zusammenzufassen,  ihnen  in  dem  im  Mai  1916  konsti- 
tuierten „Nationalrat"  in  Paris,  dessen  führende  Männer  Masaryk,  Benes 
und  Stefanik  waren,  ein  einheitliches  leitendes  Organ  zu  schaffen,  inner- 
halb ihrer  die  Einflüsse  der  von  der  russischen  Regierung  unterstützten 
zarophilen  Strömung  zurückzudrängen  und  aus  den  eigenen  Kräften  der 
tschechischen  Auslandskolonien  die  Mittel  für  eine  großzügige  Propaganda 

—    30    — 


zugunsten  eines  selbständigen  tschechoslowakischen  Staates  zu  gewinnen. 
Zugleich  wurde  dafür  gesorgt,  daß  die  revolutionäre  tschechische  Emi- 
gration in  enger  Verbindung  mit  der  Heimat  blieb.  Schon  im  Herbst  1914; 
hatte  sich  in  Prag  eine  geheime  Vereinigung  revolutionärer  Politiker,  die 
später  sogenannte  „Maffie"  gebildet,  die  die  Verbindung  mit  der  revolutionären 
Emigration  aufrechterhielt  Sie  empfing  auf  illegalen  Wegen  von  Masaryk 
Informationen  und  Weisungen  und  schickte  ihm  Berichte  über  die  Heimat. 
Indessen  hatte  die  Bewegung  der  Emigration  bis  zum  Jahre  1917  doch  nur 
den  Charakter  einer  großen  Propagandaaktion.  Zu  realer  Macht  wurde  die 
tschechische  Emigration  erst,  als  es  ihr  gelang,  an  einer  Stelle  in  der  Welt, 
■der  "die  Kriegsereignisse  zeitweilig  besondere  Bedeutung  gaben,  ein  Heer 
in  ihren  Dienst  zu  stellen. 

Schon  im  Herbst  1914  hatte  die  zarische  Regierung  aus  in  Rußland 
ansässigen  Tschechen  eine  tschechische  ,, Druschina"  gebildet,  die  im 
Verband  des  russischen  Heeres  kämpfte.  Aber  die  Druschina  zählte  kaum 
mehr  als  1000  Mann.  Erst  nachdem  die  russische  Märzrevolution  die 
tschechischen  Kriegsgefangenen  in  den  Lagern  Rußlands  und  Sibiriens  mit 
revolutionärer  Kampflust  erfüllt  hatte,  erst  als  mit  dem  Zarat  auch  die 
zarophile  Führung  der  tschechischen  Emigration  in  Rußland,  deren  reaktio- 
näre Ideologie  die  demokratisch  denkenden  Kriegsgefangenen  abstieß, 
gestürzt,  Masaryk  selbst  nach  Rußland  gekommen  war  und  dort  die 
Emigration  reorganisiert  hatte,  erst  dann  erlangte  die  militärische  Bewe- 
gung der  Tschechen  in  Rußland  größere  Ausdehnung.  Nun  gelang  es,  binnen 
wenigen  Monaten  ein  tschechisches  Heer  von  42.000  Mann  in  der  Ulcraine 
zu  formen.  Seine  erste  Division  kämpfte  im  Juni  191^.  bei  Zborow  gegen 
die  Österreicher.  Als  sich  aber  im  Herbst  1917  die  große  russische  Armee 
aufzulösen  begann,  bewahrte  sich  das  tschechische  Korps  mitten  in  dieser 
allgemeinen  Auflösung  sein  Gefüge,  seine  Disziplin.  Die  russische  Armee 
wurde  durch  die  soziale  Revolution  aufgelöst;  dem  tschechischen  Korps 
gab  die  Idee  der  nationalen  Revolution  stärksten  Halt.  Im  Winter  1917/18, 
in  den  Wochen  von  Brest-Litowsk  war  das  tschechische  Korps  die  einzige 
•geordnete,  disziplinierte  militärische  Kraft  auf  dem  ganzen  weiten  Boden 
Rußlands.  Als  die  deutschen  und  österreichisch-ungarischen  Truppen  nach 
dem  Sonderfrieden  mit  der  ukrainischen  Rada  in  die  Ukraine  einbrachen, 
zog  sich  das  tschechoslowakische  Korps  kämpfend  nach  Osten  zurück. 
Schulter  an  Schulter  mit  den  bolschewikischen  Rotgardisten  schlug  es  bei 
Bachmatsch  und  Kiew  seine  Nachhutgefechte  gegen  die  Deutschen.  Als 
•dann  aber  auch  die  Sowjetregierung  mit  den  Mittelmächten  Frieden  schloß, 
als  sie  sich  verpflichtete,  auf  russischem  Boden  keine  fremden  bewaffneten 
Formationen  zu  dulden,  vereinbarten  die  Vertreter  des  Pariser  Nationalrates 
mit  der  Sowjetregierung,  daß  die  tschechischen  Soldaten  ihre  Waffen  den 
Sowjets  abliefern  und  als  ,, freie  Bürger"  in  geschlossenen  Transporten 
über  Sibirien  nach  Wladiwostok  gebracht  werden  sollten;  dort  wollten  sie 
sich  nach  Frankreich  einschiffen,  um  auf  französischem  Boden  den  Krieg 
gegen  die  Mittelmächte  weiterzuführen. 

Aber  dieser  Plan  konnte  nicht  durchgeführt  werden.  Die  Zerrüttung 
der  russischen  Eisenbahnen  machte  den  Transport  der  tschechischen 
Legionen  zu  einer  unlösbaren  Aufgabe.    Wochen-,  ja  monatelang  standen 

—    31    -' 


die  tschechischen  Transporte  auf  den  einzelnen  Eisenbahnstationen.  Im 
Mai  hatten  erst  drei  Regimenter  Wladiwostok  erreicht.  Vier  Regimenter 
standen  noch,  auf  verschiedene  Transporte  verteilt,  in  Westsibirien  und 
Transbaikalien  auf  dem  weiten  Raum  zwischen  Tscheljabinsk  und  Tschita. 
Drei  Regimenter  aber  harrten  des  Transports  noch  im  europäischen 
Rußland,  im  Raum  von  Pensa. 

Während  des  monatelangen  Wartens  aber  hatte  sich  eine  immer  größere 
Spannung  zwischen  den  tschechischen  Bataillonen,  die  auf  den  Eisenbahn- 
stationen müßig  des  Transports  harrten,  und  den  lokalen  Sowjets,  die  in 
den  benachbarten  Städten  herrschten,  entwickelt.  Die  Russen  sahen  die 
tschechischen  Legionäre  mit  großem  Mißtrauen.  Schon  daß  sie  sich 
militärische  Ordnung  und  Disziplin  bewahrt  hatten  und  unter  dem 
Kommando  ihrer  Offiziere  geblieben  waren,  ließ  sie  damals  als  Konter- 
revolutionäre erscheinen.  Und  daß  sie.  nachdem  sich  das  russische  Volk 
für  den  Frieden  um  jeden  Preis  erhoben  hatte,  den  Krieg  weitcrführen,^ 
ihn  als  Verbündete  des  der  Sowjetrepublik  feindlichen  französischen 
Imperialismus  weiterführen  wollten,  machte  sie  zu  Feinden  der  Proletarier- 
rcvolution.  Anderseits  betrachteten  die  tschechischen  Legionäre  die 
russischen  Kommunisten  als  Verräter.  Sie  hatten  ja  das  slawische  Rußland 
von  der  Entente  losgerissen,  hatten  mit  Deutschland  Frieden  geschlossen, 
hatten  dadurch  die  Hoffnung  auf  die  Niederwerfung  der  Mittelmächte,  von 
der  allein  sie  für  die  kleinen  slawischen  Nationen  die  Befreiung,  für  sich 
selbst  die  Möglichkeit  ungefährdeter  Heimkehr  erhofften,  erschüttert.  Mit 
diesem  politischen  Gegensatz  vermengten  sich  nationale  Gegensätze.  Die 
Bolschcwiki  hatten  in  Sibirien  aus  deutschen,  deutschösterreichischen  und 
magyarischen  Kriegsgefangenen  die  „internationalistischen"  Bataillone 
formiert,  die  damals  in  weiten  Teilen  Sibiriens  ihre  stärkste,  oft  ihre 
einzige  bewaffnete  Macht  bildeten.  Im  Gegensatz  zwischen  den  „Internatio- 
nalisten" und  den  tschechischen  Legionären  lebten  die  nationalen  Gegensätze 
der  Heimat  in  neuer  Verkleidung  auf.  Die  Bolschewik!  suchten,  stellenweise 
nicht  ohne  Erfolg,  ihre  Agitation  auch  in  die  tschechischen  Bataillone  zu 
tragen;  der  Abwehrkampf  der  tschechischen  Offiziere  gegen  die,=^e  Agitation, 
die-  die  nationale  Armee  zu  sprengen  drohte,  verschärfte  die  Gegensätze. 
Das  Mißtrauen  beider  Parteien  gegeneinander  wuchs.  Die  Bolschewiki 
fürchteten,  daß  sich  die  Tschechen  mit  der  russischen  Konterrevolution 
verbünden  könnten;  waren  doch  schon  am  Don  im  Verband  der  weißen 
Truppen  des  Generals  Alexejew  tschechische  Abteilungen  aufgetaucht.  Die 
Tschechen  wieder  fürchteten,  daß  die  Sowjetregierung  sie  den  Mittel- 
mächten, den  österreichischen  Henkern  ausliefern  werde.  Je  schroffer  die 
Gegensätze  wurden,  desto  hartnäckiger  verweigerten  die  Tschechen  die 
vereinbarte  Ablieferung  ihrer  Waffen  an  die  Sowjets.  So  trieben  die  Gegen- 
sätze einer  Krise  zu. 

Im  April  hatte  Japan  in  Wladiwostok  Truppen  auf  das  Land  gesetzt. 
In  Transbaikalien  hatten  sich  die  konterrevolutionären  Banden  Semenows 
weiter  Gebiete  bemächtigt.  Die  konterrevolutionäre  Intervention  der 
Entente  im  fernen  Osten  hatte  begonnen.  Nun  entschloß  sich  die  Sowjet- 
regierung, den.  weiteren  Transport  der  tschechischen  Legionen  gegen 
Wladiwostok  ni^ht  mehr  zuzulassen;  sie  wollte  nicht  selbst  der  Konter- 
/evolution  ein  schlagkräftiges  Heer  zuführen.  Die  Sowjetregicrung  verein- 

—    32     — 


harte  mit  dem  Vertreter  des  Pariser  „Nationalrats"  in  Moskau,  daß  die 
noch  im  europäischen  Rußland  und  in  Westsibirien  stehenden  tschechischen 
Regimenter  nicht  über  Wladiwostok,  sondern  über  Archangelsk  nach 
Frankreich  gebracht  werden  sollten.  Die  Regimenter,  die  monatelang 
unter  unsäglichen  Schwierigkeiten  einen  Teil  des  Weges  nach  Osten  zurück- 
gelegt hatten,  sollten  jetzt  plötzlich  umkehren,  den  Weg  nach  Westen 
nehmen.  Die  Legionen  lehnten  sich  gegen  diesen  Befehl  auf.  Sie  fühlten 
sich  stark.  Rußland  hatte  keine  Armee.  Die  schwachen  Roten  Garden,  in 
Sibirien  zumeist  aus  den  deutschen  und  magyarischen  Kriegsgefangenen 
zusammengesetzt,  zu  überrennen,  erschien  nicht  schwer.  In  den  tschechi- 
schen Legionen  erstarkte  der  Gedanke,  sich  gewaltsam  der  Herrschaft  über 
die  sibirische  Bahn  zu  bemächtigen,  um  sich  den  Transport  nach  Wladi- 
wostok zu  erzwingen. 

Die  Spannung  führte  schon  am  14.  Mai  zu  gewaltsamem  Zusammenstoß. 
Auf  dem  Bahnhof  von  Tscheljabinsk  hatten  die  Tschechen  einen 
magyarischen  Kriegsgefangenen  erschlagen.  Als  darum  der  Sowjet  von 
Tscheljabinsk  die  tschechische  Wache  verhaften  ließ,  drangen  die  Tschechen 
in  die  Stadt  ein,  sie  bedrohten  den  Sowjet,  sie  entwaffneten  einen  Teil 
der  Roten  Garde.  Zwei  Tage  später  traten  in  Tscheljabinsk  die  Delegierten 
der  Legionen  zu  einem  Kongreß  zusammen.  Sie  beschlossen,  die  Fahrt 
über  Archangelsk  abzulehnen  und  sich  „aus  eigener  Ordnung"  den  Weg 
nach  Wladiwostok  zu  bahnen.  Nun  entschloß  sich  die  Sowjetregierung  zu 
entschiedenster  Abwehr.  Am  23.  Mai  befahl  das  Kriegskommissariat  „alle 
tschechischen  Transporte  zu  entwaffnen  und  aufzulösen  und  aus  ihnen 
Teile  der  Roten  Armee  oder  Arbeitsabteilungen  zu  bilden".  Am  25.  Mai 
befahl  Trotzki:  „Jeder  Tschechoslowake,  der  mit  der  Waffe  in  der  Hand 
an  der  Bahn  betreten  wird,  ist  auf  der  Stelle  zu  erschießen.  Jede  Abteilung, 
in  der  auch  nur  ein  bewaffneter  tschechoslowakischer  Soldat  gefunden  wird, 
ist  in  einem  Gefangenenlager  zu  internieren.  Allen  Eisenbahnern  ist 
bekanntzugeben,  daß  sich  kein  Waggon  mit  Tschechoslowaken  mehr  nach 
Osten  bewegen  darf." 

An  demselben  Tage,  an  dem  Trotzki  diesen  Befehl  erließ,  schlugen  die 
Tschechen  in  Westsibirien  los.  Sie  bemächtigen  sich  der  Eisenbahn- 
stationen, drangen  in  die  Städte  ein,  überwältigten  und  entwaffneten  die 
schwachen  roten  Besatzungen,  verhafteten  die  Mitglieder  der  Sowjets. 
Binnen  wenigen  Tagen  war  die  ganze  sibirische  Bahn  von  Tscheljabinsk 
bis  zum  Bajkal  in  den  Händen  der  Tschechen. 

Nun  erhoben  sich  auch  die  noch  im  europäischen  Rußland  stehenden 
Regimenter.  Am  29.  Mai  nahmen  sie  Pensa.  Von  dort  erzwangen  sie  sich 
den  Transport  nach  Osten.  Bei  Lipjag  schlugen  sie  rote  Streitkräfte,  die 
sich  ihnen  entgegen  warfen;  so  fiel  Samara  in  ihre  Hand.  Hier,  an  der 
Wolga,  bildete  sich  eine  neue  Front.  Es  waren  in  der  ersten  Zeit  auf  beiden 
Seiten  der  Front  Österreicher,  die  den  rieuen  Krieg  führten:  hüben  Deutsche 
und  Magyaren  unter  roter  Flagge,  drüben  die  Tschechen.  Am  6.  Juni  wurde 
die  Verbindung  zwischen  Samara  und  Tscheljabinsk  hergestellt;  von  der 
Wolga  bis  zum  Bajkal  war  nun  die  Eisenbahn  in  den  Händen  der  Legionen. 

In  diesem  ganzen  Gebiet  hatten  die  Tschechen  die  Sowjets  gestürzt. 
Unter  dem  Schutze  der  tschechischen  Bajonette  bildeten  sich  die  „demo- 

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kratischen"  Regierungen  von  Samara  und  Omsk,  die  im  Namen  der  von 
den  Bolschewiki  auseinandergejagten  Konstituante  die  Herrschaft  über- 
nahmen. Es  waren  die  rechten  Sozialisten-Revolutionäre  und  die  Kadetten, 
die  das  Erbe  der  Sowjets  antraten.  Die  Tschechen  verband  mit  diesen 
Parteien  der  Glaube  an  die  Demokratie  und  die  Gegnerschaft  gegen  den 
Frieden  von  Brest-Litowsk.  Sie  glaubten,  durch  ihren  bewaffneten  Schutz 
das  große  slawische  Rußland  wiederherzustellen,  den  Frieden  von  Brest- 
Litowsk  zu  vernichten,  die  Ostfront  gegen  die  Mittelmächte  wieder 
aufzubauen.  Von  der  Fahrt  nach  Wladiwostok  war  nun  keine  Rede  mehr. 
Nun  galt  es,  die  tschechischen  Regimenter  an  der  neuen  Front  an  der 
Wolga  zu  konzentrieren,  damit  sie  die  Front  halten,  bis  die  russische 
Demokratie  in  ihrem  Rücken  eine  neue  nationale  Armee  aufstellt. 

Der  Maiaufstand  der  tschechischen  Legionen  war  ein  Ereignis  von  ge- 
schichtlicher Bedeutung.  Seine  Wirkung  war  konterrevolutionär  gegen  das 
proletarische  Rußland,  revolutionär  gegen  das  feudale  Österreich-Ungarn. 
Der  zwieschlächtige  Charakter  jeder  bürgerlichen  Revolution,  die,  revo- 
lutionär gegen  das  feudale  Regime,  zugleich  konterrevolutionär  wird  gegen 
das  Proletariat,  erweist  sich  mit  größter  Anschaulichkeit  an  der  nationalen 
Revolution  der  Tschechen. 

Die  russische  Revolution  geriet  infolge  des  Aufstandes  der  Tschechen  in 
die  schwerste  Gefahr.  Das  Wolgagebiet,  der  Ural  und  ganz  Sibirien  wurden 
von  der  Sowjetrepublik  losgerissen.  Rußland  verlor  die  Verfügung  über  die 
Getreidespeicher  Sibiriens  und  über  die  Bergwerke  des  Ural,  über  die 
Verkehrsstraßen  zum  Kaukasus  und  nach  Turkestan.  Die  Sowjetrepublik 
wurde  dadurch  in  die  schwerste  Nahrungsmittel-  und  Rohstoffkrise  ge- 
stürzt. Zugleich  mußte  die  Sowjetregierung  eine  neue  Armee  aufstellen, 
einen  neuen  Krieg  führen,  um  sich  an  der  Wolga  des  Ansturms  der  sich 
unter  dem  Schutz  der  tschechischen  Legionen  sammelnden  Konterrevolution 
zu  erwehren.  Zunächst  war  es  die  kleinbürgerliche  Demokratie,  der  die 
Tschechen  die  Herrschaft  in  den  von  der  Sowjetrepublik  losgerissenen 
Gebieten  übergeben  hatten.  Aber  die  Demokratie,  nur  von  fremden  Truppen 
eingesetzt,  geriet  in  dem  Maße,  als  sie  hinter  der  tschechischen  Front  ein 
neues  russisches  Heer  aufzustellen  versuchte,  unter  die  Kontrolle  des 
konterrevolutionären  russischen  Offizierskorps;  und  sobald  dieses  Offiziers- 
korps, auf  die  neugebildete  Armee  gestützt,  hinreichend  erstarkt  war, 
stürzte  es  die  demokratischen  Regierungen  und  erhob  den  Zarenadmiral 
Koltschak  zum  Diktator  des  von  den  Tschechen  „befreiten"  Gebietes.  Der 
zerstörende  Bürgerkrieg  zwischen  der  weißen  und  der  roten  Diktatur  war 
das  schließliche  Ergebnis  des  tschechischen  Aufstandes. 

Aber  so  sehr  der  tschechische  Aufstand  Rußland  gegenüber  konter- 
revolutionär gewirkt  hat,  so  sehr  hat  er  Österreich-Ungarn  gegenüber 
revolutionär  gewirkt.  Denn  nun  war  die  Stellung  des  tschechischen  Volkes 
in  der  Welt  mit  einem  Male  vollständig  verändert.  Der  Pariser  tschechische 
Nationalrat  war  nun  keine  bloße  Propagandagesellschaft  mehr.  Er  war  mit 
einem  Male  zu  einer  kriegführenden  Macht  geworden,  die  an  einer  für  den 
Ktiegsverlauf  überaus  wichtig  gewordenen  Stelle  über  ein  Heer  verfügte. 

Der  Friede  von  Brest-Litowsk  hatte  die  Sowjetrepublik  verpflichtet,  die 
Millionen  deutscher,  österreichisch-ungarischer,  türkischer  Kriegs- 
gefangener, die  in  Sibirien  gefangengehalten  wurden,   den  Mittelmächten 

—    34    — 


zu  übergeben.  Das  bedeutete  viele  neue  Armeen  gegen  die  Entente  I  Der 
Friede  von  Brest-Litowsk  gab  den  Mittelmächten  die  Möglichkeit,  über 
Rußland  die  Lebensmittel  und  Rohstoffe  Asiens  zu  beziehen.  Das  bedeutete 
den  Durchbruch  der  Blockade!  Es  war  eine  Lebensfrage  für  die  Entente, 
die  Sowjetrepublik  von  Sibirien  zu  trennen.  Das  haben  die  tschechischen 
Legionen  besorgt.  Ihre  Erhebung  riegelte  Sibirien  gegen  Rußland  ab,  sie  ver- 
eitelte den  Transport  der  Kriegsgefangenen  und  die  Zufuhr  von  Lebens- 
mitteln und  Rohstoffen  aus  Sibirien  nach  Deutschland;  sie  sicherte  der 
Entente  die  Verfügung  über  die  sibirische  Bahn.  Mit  Recht  sagte  Guinet,  der 
französische  Kommissär  bei  den  tschechischen  Legionen,  der  tschechische 
Aufstand  bedeute  nichts  weniger  als  die  „Wiederherstellung  der  Ostfront 
gegen  Deutschland".  Waren  es  auch  kaum  50.000  Mann,  die  diese  neue 
Front  hielten:  in  dem  Rußland  von  damals,  in  dem  die  Zarenarmee  nicht 
mehr  und  die  Rote  Armee  noch  nicht  existierte,  waren  50.000  Mann  eine 
gewaltige  Macht,  ihre  Wolgafront  trennte  den  Ural,  Sibirien,  Turkestan 
völlig  vom  europäischen  Rußland,  ihre  Bajonette  hielten  die  ganze  sibirische 
Bahn  im  Bann.  Und  diese  50.000  Mann  folgten  den  Beschlüssen  des  Pariser 
Nationalrates,  der  nunmehr  als  Verbündeter  der  Ententemächte  auftreten, 
von  Macht  zu  Macht  mit  ihnen  verhandeln  konnte. 

Das  Selbstbewußtsein  der  tschechischen  Nation- wurde  durch  diese  Ereig- 
nisse mächtig  gestärkt.  Zum  ersten  Male  wieder  seit  dreihundert  Jahren  gab 
es  ein  selbständiges  tschechisches  Heer.  Zum  ersten  Male  seit  der  Nieder- 
lage am  Weißen  Berg  hatte  die  Nation  selbständig  in  das  Weltgeschehen 
eingreifen  können.  Der  Gedanke  des  selbständigen  tschechischen  Heeres 
gewann  nun  wachsende  Kraft.  Auch  an  der  französischen  und  italienischen 
Front  kämpften  schon  tschechische  Freiwilligenfcrmationen;  die  an  der 
italienischen  Front  kämpfende  Legion  wuchs  im  Sommer  1918,  unter  dem 
mächtigen  Eindruck  der  Ereignise  an  der  Wolga,  durch  starken  Zuzug  aus 
den  Gefangenenlagern  zur  Stärke  Von  17.000  Mann  an.  Immer  häufiger 
drangen  zu  den  tschechischen  Soldaten  in  die  österreichischen  Schützen- 
gräben tschechische  Patrouillen  in  italienischer  Uniform  ein,  um  sie  aufzu- 
fordern, zu  ihnen  überzugehen,  mit  ihnen  für  die  Befreiung  des  tschechi- 
schen Volkes  zu  kämpfen.  Und  wenn  die  tschechischen  Legionäre,  ge- 
fangengenommen und  als  Überläufer  zum  Tode  verurteilt,  erhobenen 
Hauptes  zum  Galgen  schritten,  galten  sie  auch  den  tschechischen  Soldaten 
in  der  kaiserlichen  Uniform  als  Märtyrer  der  nationalen  Idee. 

In  den  tschechischen  Ländern  selbst  nahm  die  nationale  Bewegung  nun 
unzweideutig  revolutionären  Charakter  an.  Am  13.  Juli  wurde  in  Prag  der 
„Närodnl  Vybor"  gebildet.  Er  trat  mit  einer  Erklärung  ins  Leben,  die  kaum 
noch  einen  Zweifel  offen  ließ,  daß  er  sich  als  Keimzelle  der  künftigen 
Revolutionsregierung  betrachtete.  In  der  Tat  ging  er  unverzüglich  daran, 
die  Pläne  für  die  Übernahme  der  Staatsgewalt  in  den  tschechischen 
Ländern  auszuarbeiten. 

Aber  der  Maiaufstand  des  tschechischen  Heeres  an  der  Wolga  und  in 
Sibirien  hat  nicht  nur  die  Revolutionierung  des  Bewußtseins  der 
tschechischen  Volksmassen  vollendet,  er  hat  zugleich  auch  das  Ver- 
hältnis der  Entente  zu  der  tschechischen  Revolution  vollständig  umgewälzt. 

Noch  im  Jahre  1917  war  die  Zerstörung  Österreich-Ungarns  keineswegs 
ein  Kriegsziel  der  Entente.  In  den  durch  den  Prinzen  Sixtus  von  Parma 

—    35     —  a» 


• 
vcriiiiltellcn  Fricdensverhandlunjicn  zwisclien  dem  Wiener  Itofe  und  der 
französischen  Regierung  im  Frühjahr  1917,  in  dem  Friedensangebot,  das 
im  August  1917  der  französische  Generalstabsoberst  Graf  Armand  dem 
von  Czernin  bevoHmächtigten  österreichischen  Diplomaten  Grafen 
Revertera  übermittelte,  in  Wilsons  ,.1-i  Punkten"  vom  Jänner  1918  war 
von  der  Aufrichtung  eines  souveränen  tschechischen  Staates  nicht  die 
Rede.  Erst  nachdem  alle  Versuche,  zum  Frieden  zu  gelangen,  gescheitert 
waren  und  Czernins  Rede  vom  2.  April  1918  ihre  Fortführung  unmöglich 
gemacht  hatte,  gewann  zunächst  in  Paris  die  Neigung  Oberhand,  Öster- 
reich-Ungarn zu  zerschlagen,  um  auf  diese  Weise  Deutschland  den  Bundes- 
genossen, der  von  ihm  nicht  mehr  loszulösen  schien,  zu  entziehen.  Als  nun 
wenige  Wochen  später  der  Maiaufstand  des  tschechischen  Heeres  in 
Rußland  den  tschechischen  Nationalrat  in  Prag  plötzlich  zu  einer  krieg- 
führenden Macht  erhoben,  seine  Autorität  gegenüber  der  Entente  mächtig 
gestärkt  hatte,  konnten  Masaryk  und  Benes  diese  veränderte  Stimmung 
ausnützen,  um  der  tschechischen  Revolution  die  förmliche  Anerkennung 
durch  die  Entente  zu  erringen. 

Schon  am  4.  Juni,  unter  dem  unmittelbaren  Eindruck  des  Mai- 
aufstandes, teilten  die  Ententeregierungen  der  Sowjetregierung  mit,  daß 
sie  die  tschechoslowakischen  Verbände  als  eine  verbündete  kriegführende 
Macht  ansehen,  ihre  Entwaffnung  als  eine  feindliche  Handlung  betrachten 
würden.  Am  29.  Juni  erkannte  die  französische  Regierung  das  Recht  des 
tschechischen  Volkes  auf  Selbständigkeit  und  den  Pariser  Nationalrat  als 
das  oberste  Organ  des  tschechischen  Volkes  an.  Am  1.  Juli  schloß  sich  die 
englische  Regierung  dieser  Erklärung  an;  am  9.  August  erkannte  England, 
an  demselben  Tage  Japan  das  tschechische  Heer  als  eine  verbündete 
Kriegsmacht  an.  Am  2.  August  hatten  die  Vereinigten  Staaten  eine  ähn- 
liche Erklärung  abgegeben;  in  ihr  wurde  der  Pariser  Nationalrat  als 
de  facto-Regierung  anerkannt.  Endlich  teilte  am  3.  Oktober,  nachdem  sich 
die  tschechische  Legion  an  der  italienischen  Front  im  Kampfe  am  Doss' 
Alto  ausgezeichnet  hatte,  auch  Orlando  mit,  daß  auch  Italien  den  Pariser 
Nationalrat  als  de  facto-Regierung  anerkannt  habe.  So  hatte  das  selbständige 
Auftreten  des  tschechischen  Heeres  reiche  Frucht  getragen:  nachdem  die 
Tschechen  an  der  Wolga  ihre  Waffen  in  den  Dienst  der  Entente  gestellt 
hatten,  erkannte  die  Entente  die  Tschechen  als  verbündete  kriegführende 
Macht  an;  damit  wurde  die  Aufrichtung  des  tschechoslowakischen  Staates, 
wurde  also  auch  die  Zerstörung  des  österreichisch-ungarischen  Reiches 
zum  Kriegsziel  der  Entente. 

Und  dieses  Ziel  rückte  in  greifbare  Nähe,  als  im  August  das  deutsche 
Heer  in  Frankreich  geschlagen  ward.  Solange  Deutschland  stark  war,  galt 
für  die  Tschechen  immer  noch  Palackys  Wort:  daß  man  Österreich  erfinden 
müßte,  wenn  es  nicht  bestünde;  konnte  also  nur  der  tschechische  Staat 
innerhalb  des  habsburgischen  Reiches  ihr  Ziel  sein.  Sobald  Deutschland 
geschlagen  war,  sobald  nicht  mehr  die  Gefahr  bestand,  daß  nach  der 
Auflösung  des  Habsburgerreiches  auch  die  Sudetenländcr  an  Deutschland 
fallen  könnten,  hatte  das  tschechische  Volk  an  der  Existenz  des  habs- 
burgischen Reiches  kein  Interesse  mehr.  Nun  dachte  es  an  das  andere  Wort 
Palackys:  „Wir  waren  vor  Österreich  und  wir  werden  nach  Österreich 
sein."  Das  tschechische  Volk  kümmerte  sich  nicht  mehr  um  das  groteske, 

—    36    - 


in  iragikomischen  Widerspruch  zur  historischen  Wirklichkeit  geratene  Spiel 
der  österreichischen  PoUtilc,  die,  um  die  seit  der  Enthüllung  der  Parma- 
intrigen  von  1917  gegen  den  Kaiser  erbitterten  Deutschnationalen  zu 
versöhnen,  noch  unmittelbar  vor  der  Katastrophe  einen  „deutschen  Kurs" 
in  Österreich  proklamierte,  noch  im  August,  als  die  deutsche  Macht  an  der 
Westfront  schon  zusammengebrochen  war,  durch  die  Teilung  der 
böhmischen  Landesverwaltungskommission  in  nationale  Sektionen 
deutsche  „Belange"  zu  oktroyieren  versuchte.  Der  Närodni  Vybor  arbeitete 
die  Pläne  für  die  Übernahme  der  Staatsgewalt  in  den  tschechischen  Ländern 
aus.  Das  tschechische  Volk  harrte  der  unabwendbaren  Kapitulation  der 
Habsburgermonarchie. 

Dreihundert  Jahre  vorher  hatte  der  tschechische  Adel  die  nationale 
Adelsrepublik  vor  dem  Angriff  des  habsburgischen  Absolutismus  zu  retten 
versucht.  Er  war  den  Heeren  des  deutschen  Kaisers  erlegen.  Mit  zwei 
Jahrhunderten  der  Knechtschaft,  der  Geschichtslosigkeit  hatte  die  Nation 
■diese  Niederlage  bezahlt.  Aber  die  Entwicklung  des  Kapitalismus  und  der 
Demokratie  im  19.  Jahrhundert  hatte  die  tschechischen  Volksmassen 
geweckt.  Ihr  Aufstieg  hatte  sie  in  immer  heftigeren  Gegensatz,  hatte  sie 
schließlich  zum  offenen  Zusammenstoß  mit  dem  habsburgischen  Imperia- 
lismus geführt.  Als  das  deutsche  Kaisertum  zusammenbrach,  konnte  die 
tschechische  Volksmasse  die  nationale  Republik  wiederherstellen,  die 
dreihundert  Jahre  vorher  der  tschechische  Adel  verspielt  hatte. 

§  3.  Die  Polen  und  die  Mittelmächte. 

Liieiatui:  ' 

Feldman,  Geschichte  der  politischen  Ideen  in  Polen.  München  1917.  — 
Bernhard,  Die  Polenfrage.  Leipzig  1910.  —  Rosa  Luxemburg,  Die  industrielle 
Entwicklung  Polens.  Leipzig  1898. 

Wskrzeszenie  Panstwa  Polskiego.  Krakow  1920.  —  Rosner^  W  krytycznej 
chwili.  Wiederi  1916.  —  Moraczewski,  Zarys  sprawy  polskie]  w  obecnej  wojnie. 
Lausanne  1915.  —  Daszyiiski,  Cztery  lata  wojny.  Krakow  1918.  —  Anonymus, 
Jözef  Pilsudski.  Warszawa  1918. 

Czernin,  Im  Weltkriege.  Berlin  1919.  —  Glaise-Horstenau,  Die  Zeit  der  Friedens- 
schlüsse im  Osten.  „Der  österreichisch-ungarische  Krieg."  Leipzig  1922. 

Als  der  Krieg  begann,  jubelte  ein  großer  Teil  des  polnischen  Volkes  in 
Galizien  den  kaiserlichen  Armeen  zu,  die  gegen  Rußland  aufmarschierten, 
und  zu  Tausenden  meldeten  sich  polnische  Studenten,  Intellektuelle,  Ar- 
beiter, um  als  Kriegsfreiwillige  in  den  polnischen  Legionen  gegen  Rußland 
zu  kämpfen.  Standen  Südslawen  und  Tschechen  gegen  Habsburg,  so  schien 
hier  doch  eines  der  slawischen  Völker  des  Reiches  zu  Habsburg  zu  stehen; 
-auf  Habsburgs  Sieg  seine  Hoffnung  zu  setzen.  Als  der  Krieg  zu  Ende  ging, 
standen  die  Polen  nicht  anders  als  Jugoslawen  und  Tschechen  mit  allen 
ihren  Wünschen  und  Hoffnungen  auf  der  Seite  der  Entente,  erwarteten 
auch  sie  von  Habsburgs  Fall  ihre  Befreiung.  Auch  diese  große  Wandlung, 
-die  sich  im  Verlauf  des  Krieges  innerhalb  des  galizischen  Polentums  voll- 
•Eogen  hat,  stellt  ein  wichtiges  Kapitel  der  Geschichte  der  österreichischen 
Revolution  dar. 

—     37     — 


In  der  Slurmzcit  der  großen  Französischen  RcvoliiÜDn  war  die  polnische 
AdelsrepuMik  untergciiangcn.  In  den  Aufständen  von  1794,  1830,  1S16, 
18G3  hatte  die  polnisclie  Schlachta  vergebens  die  verlorene  stadtliche  Selb- 
ständigkeit wiederzuerobern  versucht.  Die  furchtbare  Niederlage  des  Auf- 
slandcs  von  1863  brach  die  revolutionäre  Energie  des  polnischen  Adels.  Der 
Sturz  Napoleons  III.  im  Jahre  1870  raubte  ihm  alle  Hoffnung,  daß  die 
polnische  Frage  von  außen  her  wieder  aufgerollt  werden  werde.  Nicht 
mehr  die  Wiedereroberung  der  nationalen  Staatlichkeit,  sondern  nur  noch 
die  Rettung  des  nationalen  Seins  war  nun  die  Aufgabe,  „organische  Arbeit" 
statt  revolutionärer  Romantik  die  Parole  des  Tages.  Schon  1846  hatte  die 
österreichische  Regierung  die  galizischen  Bauern  gegen  die  rebellierenden 
Edelleute  aufgeboten.  1864  hatte  die  russische  Regierung  das  Herrenland 
auf  die  Bauern  verteilt,  um  sich  auf  die  Bauern  gegen  die  revolutionäre 
Schlachta  zu  stützen.  Ebenso  glaubte  Bismarck,  den  „loyalen"  polnischen  , 
Bauern  gegen  die  rebellische  Schlachta  ausspielen  zu  können.  Der  Adel  sah 
seine  Klassoninteressen  bedroht,  wenn  die  Regierungen  die  Bauern  gegen 
den  Edelmann  schützten.  So  suchte  der  Adel  die  Versöhnung  mit  den  Re- 
gierungen der  drei  Kaisermächte.  „Dreifache  Loyalität"  war  nun  die 
Losung,  die  die  Krakauer  Stanczyken  dem  Adel  der  drei  Teile  Polens  gaben. 

In  Galizien  trug  diese  Politik  reiche  Früchte.  Nach  dem  Ausgleich  von 
1867  schlössen  der  Kaiser  und  die  deutsche  Bourgeoisie  ihren  Frieden  mit 
dem  polnischen  Adel.  Die  Schlachta  wurde  im  Reichsrat  und  in  den  De- 
legationen zur  sicheren  Stütze  jeder  österreichischen  Regierung.  Dafür 
aber  wurde  Galizien  ihr  völlig  ausgeliefert.  Hier  erstand  die  polnische 
Adelsrepublik  wieder.  Polnisch  waren  Verwaltung  und  Schule.  Und  die 
polnische  Schlachta  herrschte  unbeschränkt  über  den  polnischen  und  den 
rutlaenischen  Bauern.  Anders  im  russischen  und  im  preußischen  Ant^eil. 
Dort  blieben  alle  Bemühungen  der  Schlachta,  die  Gnade  der  Herrschenden 
zu  erlangen,  fruchtlos.  Mochte  der  Adel  im  Königreich  Polen  dem  Zaren 
huldigen,  mochte  das  Kolo  polskie  im  deutschen  Reichstag  mit  seinen 
Stimmen  die  Bewilligung  von  Militär-  und  Flotte nvorlagea  entscheiden: 
dem  polnischen  Volke  blieb  dennoch  die  nationale  Schule,  blieben  den- 
noch alle  Elemente  nationaler  Selbstverwaltung  versagt.  Die  preußische 
Regierung  hatte  schon  1832  die  deutsche  Amtssprache  in  Posen  einge- 
führt, 1833  die  Landratswahkn  in  Posen  suspendiert,  im  Jahre  1836  die 
Woyts  beseitigt,  an  die  Stelle  der  gewählten  Dorfvorsteher  ernannte 
Distriktskommissäre  gesetzt,  und  diese  Zertrümmerung  aller  Selbst- 
verwaltung hatten  die  Polen  mit  ihrem  Austritt  aus  dem  Staatsdienst  be- 
antwortet. 1873  führte  Preußen  dann  die  deutsche  Unterrichtssprache  in 
den  Volksschulen  ein,  1886  begann  die  Ansiedlungskommission,  polnische 
Güter  aufzukaufen  und  auf  ihnen  deutsche  Bauern  anzusiedeln.  So  standen 
die  Polen  in  Posen  und  Westpreußen  nach  völliger  Zerstörung  ihrer  Selbst- 
verwaltung unter  der  Herrschaft  einer  fremden  Bürokratie,  die  ihnen 
mittels  der  deutschen  Schule  die  Seelen  ihrer  Kinder,  mittels  der  Ansiedlungs- 
politik  ihren  Boden  zu  entreißen  suchte.  Nicht  anders  erging  es  nach  1863 
den  Polen  im  russischen  Anteil.  Seit  1863  war  alle  Selbstverwaltung  zer- 
stört, seit  1869  wurde  der  gesamte  Unterricht,  seit  1873  das  Gerichtswesen 
russifiziert.  In  Litauen  wurde  1865  den  Polen  der  Bodenkauf,  1868  der 
öffentliche  Gebrauch  der  polnischen  Sprache  verboten. 

—    38    - 


Aber  so  hart  der  Druck  dieser  nationalen  Fremdherrsctiaft  auch  war, 
die  wirtschaftliche  und  soziale  Entwicklung  wurde  durch  ihn  nicht  be- 
hindert. In  Posen,  dessen  Bauern  weit  früher  zu  freien  Grundeigentümern 
geworden  waren,  wo  Landwirtschaft  und  Volksbildung  weit  höhere  Ent- 
wicklungsstufe erreicht  hatten  als  in  den  beiden  anderen  Anteilen,  erwachte 
im  Kampf  gegen  die  germanisierende  Schulpolitik  und  Ansiedlungs- 
politik  der  preußischen  Regierung  der  polnische  Bauer.  Seit  den  achtziger^ 
Jahren  entwickelte  sich  unter  der  Führung  der  katholischen  Geistlichkeit 
ein  dichtes  Netz  von  Bauernvereinen  und  bäuerlichen  Genossenschaften. 
„Große  Politik"  war  nicht  die  Sache  des  Posener  Bauern;  aber  im  zähen 
Kleinkrieg  verteidigte  er  die  Nationalität  und  den  Grundbesitz  der  Volks- 
masse und  durchkreuzte  er  alle  Pläne  der  Ansiedlungspolitik. 

In  derselben  Zeit,  in  der  in  Preußisch-Polen  die  Führung  der  Nation  aus 
den  Händen  des  Adels  in  die  der  Bauernschaft  überging,  entwickelte  sich  in 
Russisch-Polen  dank  der  russischen  Schutzzollpolitik  seit  1877  eine  be- 
deutende Industrie,  mit  der  die  industrielle  Bourgeoisie  aufstieg.  Sie  ent- 
wickelte sich  im  heftigen  Gegensatz  gegen  die  gewaltsame  und  korrupte 
russische  Bürokratie.  Aber  auf  den  breiten  russischen  Markt  angewiesen, 
mit  dem  Handel  und  der  Industrie  Petersburgs,  Moskaus,  Rigas  eng  ver- 
knüpft, stand  sie  unter  starkem  Einfluß  der  russischen  Gesellschaft. 

Genoß  Gaiizien  ungleich  mehr  nationale  und  politische  Freiheit  als  die 
beiden  anderen  Anteile,  so  blieb  es  doch  wirtschaftlich  und  sozial  weit 
hinter  ihnen  zurück.  Es  hatte  keine  starken  Bauernorganisationen  wie  der 
preußische,  keine  aufstrebende  industrielle  Bourgeoisie  wie  der  russische 
Anteil.  Hier  blieben  bis  1914  die  Macht  im  Lande  und  die  Führung  der 
Nation  in  den  Händen  des  Adels.  Wohl  stand  auch  hier  schon  seit  dem 
Anfang  der  neunziger  Jahre  der  Adelsherrschaft  eine  allmählich  er- 
starkende Opposition  gegenüber.  Aber  Träger  dieser  Opposition  war  weder 
die  Bauernschaft  noch  die  industrielle  Bourgeoisie,  sondern  die  klein- 
bürgerliche Intelligenz,  der  das  polnische  Schulwesen  Galiziens  die  revo- 
lutionär-patriotischen Traditionen  der  polnischen  Emigration  von  1831  und 
1863,  die  großen  Überlieferungen  Mickiewicz'  und  Slowackis  vermittelte. 
An  diese  Überlieferung  knüpfte  die  neuromantische  Literatur,  knüpften  die 
Wyspiaiiski  und  2eromski,  an  sie  knüpfte  die  neue  historische  Schule 
Aszkenazys  an;  so  erwuchs  diese  Intelligenz  irn  Traum  von  dem  revolu- 
tionär-patriotischen Kampfe  um  die  Wiederherstellung  eines  unabhängigen 
Polen.  In  diesem  Kampfe  gegen  die  Adelsherrschaft  konnte  sich  die 
Intelligenz  nur  auf  die  Arbeiterbewegung  stützen,  die,  jung,  unentwickelt, 
auf  kerne  breite  industrielle  Basis  gestützt,  unter  die  Führung  der  revolu- 
tionär-patriotischen Intelligenz  geriet  und  sich  mit  ihren  Idealen  erfüllte. 

So  ging  die  Entwicklung  in  den  drei  Anteilen  schon  grundverschiedene 
Wege,  als  der  Russisch-Japanische  Krieg  im  Jahre  1905  die  erste  russische 
Revolution  auslöste.  Das  Königreich  Polen  ward  von  dem  mächtigen  Strom 
der  russischen  Revolution  mitgerissen.  Die  Arbeiter  erhoben  sich,  gewaltige 
Generalstreiks  erschütterten  das  Land,  Straßenkämpfe  schüchterten  die 
besitzenden  Klassen  ein.  Die  erschreckte  polnische  Bourgeoisie  flüchtete 
unter  den  Schutz  der  Bajonette  des  russischen  Zaren.  Die  Revolution  wurde 
niedergeworfen.  Aber  ihre  Schrecken  wirkten  nach.  Die  polnische  Bour- 
geoisie  wußte   nun,   daß   jeder  Aufstand   gegen  den  Zarismus  das  Prole- 

—    39    — 


tariat  auf  den  Plan  rufen,  ihre  eigene  Klassenherrschaft  gefährden  mußte> 
Sie  brach  nun  vollends  mit  der  ganzen  überlieferten  Ideologie  des  natio- 
nalen Aufstandes,  der  nationalen  Unabhängigkeit.  Dmowski  führte  die 
Nationaldeniokraten.  die  führende  Partei  der  polnischen  Bourgeoisie,  zur 
Versöhnung  mit  Rußland.  Die  Revolution  hatte  Rußland  die  Verfassung 
gebracht.  Auf  dem  Boden  der  Duma  begegneten  die  Vertreter  der  polnischen 
Bourgeoisie  den  russischen  Liberalen,  die  im  Kampfe  gegen  die  Bürokratie 
nicht  abgeneigt  schienen,  Polen  die  Autonomie  innerhalb  des  russischen. 
Reiches  zuzubilligen.  Auf  den  Aufstieg  des  russischen  Liberalismus  setzten 
die  Nationaldemokraten  fortan  ihre  Hoffnung,  die  Autonomie  Polens  inner- 
halb des  russischen  Imperiums  war  fortan  ihr  Ziel. 

Die  preußische  Polenpolitik  förderte  diese  Annäherung  der  polnischen 
Bourgeoisie  an  Rußland.  Im  Jahre  1904  hatte  Preußen  ein  Ausnahmegesetz 
gegen  den  polnischen  Landerwerb  erlassen.  Im  Jahre  1907  folgte  das  Enteig- . 
nungsgesetz,  das  den  polnischen  Grundbesitz  mit  zwangsweiser  Enteignung 
bedrohte.  Zugleich  hatte  das  deutsche  Vereinsgesetz  den  Gebrauch  der 
polnischen  Sprache  in  Versammlungen  verboten.  Während  sich  Russisch- 
Polen  mit  der  Revolution  von  1905  doch  wenigstens  die  freie  Entwicklung^ 
des  privaten  polnischen  Volks-  und  Mittelschulwesens  erobert  hatte,  griff 
Preußen  zu  Ausnahmegesetzen,  die  den  Polen  gewaltsame  Verdrängung 
von  ihrem  heimischen  Boden  ankündigten.  Ein  Sturm  der  Entrüstung  ging 
durch  die  polnischen  Lande.  Nicht  Rußland,  sondern  Deutschland  erschien 
nun  als  der  gefährlichste  Feind  der  Nation.  Der  Gedanke  der  slawischen 
Interessengemeinschaft  gegen  die  Deutschen  gewann  nun  auch  in  Polen 
Kraft;  1908  erschienen  polnische  Vertreter  auf  dem  Panslawistenkongreß^ 
in  Prag. 

Wandte  sich  die  polnische  Bourgeoisie  von  dem  Gedanken  der  nationalen 
Unabhängigkeit  ab,  so  stieß  sie  in  den  Volksmassen  Russisch-Polens  auf 
keinen  Widerstand.  Die  Bauernschaft  hatte  dort  an  der  Tradition  der  Schlach- 
zizenaufstände  von  1831  und  1863  keinen  Anteil;  in  jedem  Bauerndorf 
erinnerten  Kreuze  und  Steindenkmäler  daran,  daß  der  polnische  Bauer 
erst  nach  der  Niederwerfung  des  Adelsaufstandes  von  1863  aus  den  Händen 
des  russischen  Zaren  den  Boden  der  polnischen  Schlachta  empfangen  hatte. 
Die  Arbeiterschaft,  aus  diesem  bäuerlichen  Milieu  aufgestiegen,  war  in 
der  Revolution  von  1905  in  den  Strudel  der  russischen  Klassenkämpfe 
hineingeraten.  Während  der  Revolution  hatte  in  der  P.  P.  S.,  der  Polni- 
schen Sozialistischen  Partei,  die  „Linke"  die  Mehrheit  erlangt,  die  —  ebensa 
wie  früher  schon  die  von  Rosa  Luxemburg  begründete  S.  D.  K.  P.  i.  L. 
(Sozialdemokratie  des  Königreiches  Polen  und  Litauens)  —  den  gemein- 
samen revolutionären  Klassenkampf  des  russischen  und  des  polnischen 
Proletariats  proklamierte,  jeden  besonderen  nationalen  Kampf  des  polni 
sehen  Proletariats  für  nationale  Ziele  ablehnte,  die  nationale  Autonomie 
Polens  durch  die  Revolution  des  russischen  Proletariats  erreichen  wollte. 
So  ist  erst  durch  die  Revolution  von  1905  das  Königreich  auch  geistig  von 
Rußland  annektiert  worden:  sowohl  die  Bourgeoisie  als  auch  das  Prole- 
tariat verbündeten  sich  mit  ihren  Klassengenossen  in  Rußland,  sie  setzten 
auf  die  innere  Umwälzung  in  Rußland  ihre  Hoffnungen,  sie  setzten  der 
Nation  die  Autonomie  innerhalb  Rußlands  als  Ziel. 

—     40     — 


Freilich,  es  gab  auch  eine  Gegenströmung.  Mit  blutiger  Gewalt  hat  der 
Zarismus  die  Revolution  niedergeworfen.  Der  Warschauer  Generalgouver- 
neur Skallon  allein  setzte  unter  tausend  Todesurteile  seine  Unterschrift. 
Die  Kerker  füllten  sich.  Ein  Transport  nach  dem  andern  ging  nach  Sibirien 
ab.  Die  Gewerkschaften,  die  nationalen  Schul-  und  Turnvereine  wurden 
aufgelöst.  Die  Zeiten  der  Suworow,  der  Paskiewitsch,  der  Murawjew  waren 
wiedergekehrt.  Wild  loderte  der  alte  Haß  gegen  den  Zarat  empor.  Der  Ge- 
danke des  bewaffneten  Aufstandes,  der  Polen  von  der  Russenherrschaft  be- 
freien sollte,  lebte  wieder  auf.  Er  ward  verkörpert  in  dem  „rechten", 
patriotischen  Flügel  der  P.  P.  S.,  vor  allem  in  ihrer  von  Pilsudski  begrün- 
deten Kampforganisation.  Aber  die  Niederwerfung  der  Revolution  löste  den 
Partisanenkrieg  der  Kampforganisation  gegen  die  zarischen  Schergen  in 
zielloses  Banditentum  auf.  Pilsudski  und  die  Seinen  zogen  sich  nach 
Galizien  zurück  und  ihre  Parole  des  nationalen  bewaffneten  Aufstandes 
gegen  Rußland  fand  hier  in  der  revolutionär-patriotischen  Intelligenz  und 
der  von  ihr  geführten,  in  der  galizischen  P.  P.  S.  D.  (Polnischen  Sozial- 
demokratie) vereinigten  Arbeiterschaft  weit  stärkeren  Widerhall  als  in 
Russisch-Polen. 

Die  internationale  Lage  war  dem  Wiederaufleben  der  Idee  des  nationalen 
Aufstandes  gegen  den  Zarat  günstig.  Seit  der  Annexion  Bosniens  spitzte  sicli 
der  Gegensatz  zwischen  Österreich-Ungarn  und  Rußland  zu.  Pilsudski 
hoffte,  den  drohenden  Krieg  zwischen  Rußland  und  den  Mittelmächten  zum 
Kampf  für  die  Befreiung  Polens  ausnützen  zu  können.  Der  österreichisch- 
ungarische Generalstab  hoffte,  im  Kriegsfall  eine  polnische  Erhebung  gegen 
Rußland  der  Kriegführung  der  Monarchie  dienstbar  machen  zu  können.  So 
konnte  Pilsudski  1910  seine  Schützenverbände  gründen  und  sie  vor  den 
Augen  der  österreichischen  Behörden  mit  Waffen,  die  die  k.  u.  k.  Militär- 
behörden geliefert  hatten,  einexerzieren.  Als  der  Balkankrieg  1912  den 
russisch-österreichischen  Gegensatz  abermals  verschärfte,  bildete  sich  die 
Vereinigung  der  Unabhängigkeitsparteien,  die  den  Aufstand  gegen  Rußland 
als  Ziel,  die  Organisation  der  Schützenverbände  als  Kadres  der  im  Kriegs- 
falle aufzustellenden  polnischen  Legionen  als  nächste  Aufgabe  bezeichnete. 
Den  Kern  der  Vereinigung  bildeten  die  rechte  P.  P.  S.,  die  P.  P.  S.  D.  und 
eine  kleine  Intellektuellenpartei. 

Nun  begannen  sich  auch  in  Galizien  die  Geister  zu  scheiden.  Einerseits 
"nährte  die  preußische  Polenpolitik  immer  von  neuem  den  Haß  gegen 
Deutschland  und  trieb  viele  damit  den  seit  1905  russophilen  National- 
demokraten zu.  Im  Jahre  1912  beschloß  die  preußische  Ansiedlungskommission 
zum  erstenmal,  von  dem  Enteignungsgesetz  Gebrauch  zu  machen  und  vier 
polnische  Güter  zu  enteignen.  Anderseits  aber  trieb  die  russische  Polenpolitik 
immer  neuen  Wind  in  die  Segel  der  Unabhängigkeitsparteien.  Hatte  schon 
der  Staatsstreich  Stolypins  vom  3.  Juni  1906  die  polnische  Vertretung  in 
der  Duma  empfindlich  geschwächt,  waren  alle  Bemühungen  der  National- 
demokraten, auf  dem  Boden  der  Duma  Erfolge  für  die  polnische  Sache  zu 
erringen,  erfolglos  geblieben,  so  wurde  die  im  Jahre  1912  durchgeführte 
Losreißung  des  Gouvernements  Cholm  aus  dem  administrativen  Verbände 
des  Königreichs  Polen  vom  ganzen  Polcutum  wie  ein  Schlag  ins  Gesicht 
empfunden.  So  zwischen  preußische  und  russische  Feindseligkeit  gestellt, 

—    41    — 


stritt  die  palizische  Intelligenz  darüber,  oh  der  drohende  Krieg  Polen  an  der 
Seite  Rußlands  oder  an  der  Seite  der  Mittelmächte  finden  solle. 

Die  Scheidung  ä^r  Geister  vollzog  sich  im  Streit  um  die  Behandlung  der 
galizischen  Ruthcnen.  Der  ruthenische  Bauer  war  erwacht.  In  großen 
Agrarstrciks  hatte  er  sich  gegen  die  polnischen  Gutsherren  erhoben.  Die 
russische  Revolution  hatte  auf  ihn  machtig  eingewirkt.  Die  ersten  "Wahlen 
des  allgemeinen  Stimmrechts  zeigten  das  Erstarken  seines  Selbstbewußt- 
seins. Aber  die  junge  Intelligenz,  die  die  Bauern  führte,  war  in  zwei 
Parteien  geteilt.  Ukrainer  und  Moskalophile  stritten  um  die  Macht.  Den 
Ukrainern  galt  das  klcinrussische  Bauernvolk  als  eine  selbständige  Nation; 
von  Haß  gegen  Rußland  erfüllt,  das  den  Gebrauch  der  ukrainischen  Schrift- 
sprache verbot  und  der  Ukraine  die  großrussische  Schriftsprache  aufzwang, 
auf  die  landarme  Bauernmasse  gestützt,  waren  sie  demokratisch,  revo- 
lutionär gesinnt,  vom  Geiste  des  russischen  Narodnischestwo  erfüllt.  Den 
Moskalophilen  dagegen  galten  die  Kleinrussen  als  ein  Stamm  der  großen 
russischen  Nation;  ihre  Liebe  galt  dem  slawischen  Rußland  des  Zaren  und 
der  orthodoxen  Kirche.  Wie  unhaltbar  die  polnische  Adelsherrschaft  in 
Ostgalizien  geworden  war,  zeigte  die  energische  Opposition  der  seit  der 
Einführung  des  allgemeinen  Wahlrechts  (1907)  erstarkten  ukrainischen 
Fraktion  im  Wiener  Reichsrat,  lehrte  das  Attentat  Siczynskis  auf  den 
Statthalter  Potocki  (1908).  Die  Habsburgermonarchie  suchte  nun,  da  sie 
sich  auf  einen  Krieg  gegen  Rußland  vorzubereiten  begann,  die  Ukrainer 
mit  Österreich  zu  versöhnen,  während  sie  zugleich  die  Moskalophilen 
gewaltsam  niederzuhalten  bemüht  war.  Der  Versöhnung  der  Ukrainer  sollte 
die  Demokratisierung  des  galizischen  Adelslandtages  dienen,  die  der 
Statthalter  Bobrzyriski  unternahm.  Der  Streit  um  diese  Reform  spaltete 
den  galizischen  Adel.  Die  westgalizischen  Stanczyken,  immer  darauf 
bedacht,  ihrer  Klasse  die  Unterstützung  des  Wiener  Hofes  zu  sichern, 
wollten  sich  nicht  mit  einem  Gebot  österreichischer  Staatsraison  in  Wider- 
spruch setzen;  die  ostgalizischen  Gutsherren  dagegen,  die  „Podolier".  auf 
ihren  Gütern  von  der  ukrainischen  Bauernbewegung  unmittelbar  bedroht, 
ergriffen  für  die  konservativen  Moskalophilen  Partei.  Und  derselbe  Riß 
teilte  nun  die  ganze  polnische  Gesellschaft  in  Galizien:  die  Unabhängig- 
keitsparteien betrachteten  die  Ukrainer  als  ihre  natürlichen  Verbündeten 
im  Kampfe  gegen  Rußland:  die  Nationaldemokraten,  in  Lemberg  von  der 
ansteigenden  ukrainischen  Flut  bedroht,  proklamierten  den  „nationalen 
Egoismus",  die  „nationale  Machtpolitik"  im  Kampfe  gegen  das  Ukrainer- 
tum.  So  standen  die  Stanczyken  und  die  Unabhängigkeitsparteien  auf  der 
einen,  die  Podolier  und  die  Nationaldemokraten  auf  der  anderen  Seite  — 
der  Gegensatz  zwischen  der  österreichischen  und  der  russischen  Orien- 
tierung war  bereits  vorgezeichnet. 

Der  Krieg  brach  aus.  Am  6.  August  1914  überschritt  Pilsudski  mit  ein 
paar  hundert  Schützen  die  russische  Grenze  und  besetzte  Kielce.  Die  mili- 
tärische Geste  w^urde  von  den  Unabhängigkeitsparteien  mit  überschwäng- 
lichem  Enthusiasmus  begrüßt.  Sie  galt  ihnen  als  der  Beginn  des  nationalen 
Befreiungskampfes  für  das  unabhängige  Polen,  Pilsudskis  Schützen  als 
die  Erben  der  Legionen  D^browskis,  die  unter  den  Adlern  des  großen 
Napoleon  gekämpft  hatten.  Wenige  Tage  später  formierte  sich  in  Krakau 
das   N.  Iv.  N.    (Naczelny   Komitet  Narodowy),   als   Keimzelle   der   Regierung 

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des  selbständigen  Polenstaates  gedacht.  Die  Stanczyken  und  die  Unab- 
hängigkeitsparteien bestimmten  seine  Politik.  Ein  selbständiger  polnischer 
Staat,  aus  Russisch-Polen  und  Galizien  gebildet,  der  sich  als  drittes  Glied 
der  Habsburgischen  Doppelmonarchie  angliedern  sollte,  war  das  nächste 
Ziel.  Aber  Russisch-Polen  protestierte.  In  der  Duma  stellten  sich  die  Polen- 
führer auf  die  Seite  der  Entente.  In  Warschau  bildete  sich  ein  nationales 
Komitee,  das  dem  Krakauer  N.  K.  N.  das  Recht,  in  Polens  Namen  zu 
sprechen,  absprach  und  bald  auch,  wenngleich  mit  unbeträchtlichem  Erfolg, 
gegen  die  Legionen  Pilsudskis  eine  Legion,  die  an  Rußlands  Seite  kämpfen 
sollte,  zu  werben  versuchte.  Indessen  eroberten  die  russischen  Heere  den 
größten  Teil  Galiziens  und  der  russische  Oberkommandierende,  der  Groß- 
fürst Nikolai  Nikolajewitsch,  erließ  am  14.  August  ein  Manifest,  das  den 
Polen  aller  drei  Teile  die  Vereinigung  in  einem  autonomen  Polen  innerhalb 
des  Zarenreiches  verhieß.  Nun  wagte  sich  auch  in  Galizien  die  Opposition 
gegen  die  „österreichische  Orientierung"  hervor.  Die  Nationaldemokraten 
und  die  Podolier  traten  aus  dem  N.  K.  N.  aus  und  sie  zerstörten  die  ost- 
galizische  Legion.  Der  Gegensatz  zwischen  der  österreichischen  und  der 
russischen  Orientierung  innerhalb  des  galizischen  Polentums  wurde  nun 
sichtbar. 

Die  österreichische  Orientierung  —  das  war  der  Kampf  um  einen 
polnischen  Staat.  Freilich,  einen  Staat  ohne  den  national  am  schwersten 
gefährdeten  preußischen  Anteil.  Aber  doch  jedenfalls  einen  Staat.  Ersteht 
nur  erst  überhaupt  polnische  Staatlichkeit  von  neuem,  dann  wird  sie  für 
die  Vereinigung  aller  Polen  in  einem  Nationalstaat  schon  zu  kämpfen 
wissen. 

Die  russische  Orientierung  —  das  war  der  Kampf  um  die  Vereinigung 
Polens.  Freilich,  die  Vereinigung  unter  der  Zarenherrschaft.  Aber  vor  allem 
die  Vereinigung,  und  wäre  es  in  einem  Gefängnis!  Sind  erst  zwanzig  Mil- 
lionen Polen  innerhalb  eines  Staates  vereinigt,  dann  werden  sie  sich 
nationales  Eigenleben  schon  zu  erkämpfen  vermögen. 

,  Das  Ideal  der  Freiheit,  der  staatlichen  Selbständigkeit  war  so  in  Wider- 
streit mit  dem  Ideal  der  nationalen  Einheit  geraten.  Die  polnische  Ge- 
sellschaft war  in  zwei  Lager  zerrissen. 

Immerhin,  der  aktivste,  energischeste  Teil  des  galizischen  Polentums 
hatte  sich  für  die  Mittelmächte  erklärt.  Es  waren  sonderbare  Alliierte. 
Habsburg  und  Hohenzollern  als  Verbündete  der  von  revolutionären  Ver- 
schwörern organisierten,  mit  der  Ideenwelt  der  demokratischen  Revolu- 
tionen des  19.  Jahrhunderts  erfüllten  Legionen!  Österreich,  das  den  Krieg 
unternommen  hatte,  um  das  revolutionäre  Nationalitätsprinzip  im  Süden 
zu  brechen,  als  Vorkämpfer  des  revolutionären  Nationalitätsprinzips  im 
Norden!  Und  hinter  Österreich  das  hakatistische  Preußen-Deutschland,  das 
die  Entstehung  eines  selbständigen  Polen  als  Bedrohung  seiner  Herrschaft 
über  Posen  und  Westpreußen  betrachten  mußte! 

In  der  Tat  begannen  die  Reibungen  sofort.  Sie  begannen  damit,  daß  das 
k.  u.  k.  Armeeoberkommando  von  den  Legionen  den  Treueid  für  den  Kaiser 
forderte.  Sie  setzten  sich  fort  im  Kleinkrieg  zwischen  dem  Armeeober- 
kommando und  Pilsudski.  Aber  Bedeutung  erlangten  sie  erst,  als  die  große 
Offensive  1915  Russisch-Polen  den  Mittelmächten  unterwarf. 

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Nun  wurde  vor  allem  sichtbar,  wie  ganz  anders  die  Stimmung  in 
Russisch-Polen  war  als  in  Galizien,  wie  eng  das  Königreich  schon  seit  1905 
geistig  an  Rußland  geknüpft  war.  Warschau  empfing  Pilsudskis  Legionen 
stumm,  ohne  Gruß. 

Nur  eine  Tat  konnte  die  Stimmung  im  russischen  Antril  zugunsten  der 
Mittelmächte  wenden.  Aber  zu  solcher  Tat  waren  die  Mittelmächte  un- 
fähig. Gegen  die  austropolnische  Lösung  erhob  zunächst  Tisza  Einspruch; 
ein  dritter  gleichberechtigter  Staat  innerhalb  der  Habsburgermonarchie 
hätte  den  ungarischen  Einfluß  geschmälert.  So  einigte  man  sich  am 
Wiener  Hofe,  daß  Russisch-Polen,  mit  Galizien  vereinigt,  ein  autonomer 
Bestandteil  des  österreichischen  Staates  werden  solle.  So  hatte  auch 
Österreich  nun  nur  noch  Autonomie,  nicht  Staatlichkeit  zu  bieten;  so  viel 
bot  Xikolaj  Nikolajewitsch  auch.  Er  bot  mehr:  den  Anschluß  des  preußi- 
schen Anteils  dazu! 

Aber  nicht  Österreich,  sondern  Deutschland  hatte  über  Polens  Zukunft 
zu  entscheiden.  Und  in  Deutschland  war  man  nicht  einig.  Preußisches 
Herrschaftsinteresse  sprach  für  eine  neue  Teilung:  einen  Teil  Russisch- 
Polens  annektieren,  den  Rest  entweder  Rußland  zurückgeben  oder  zum 
kleinen,  Deutschland  hörigen  Pufferstaat  machen. 

Aber  so  wenig  sich  Habsburg  und  Hohenzollern  über  Polens  Zukunft 
einigen  konnten,  in  einem  waren  sie  einig:  sie  wollten  polnische  Rekruten 
für  ihren  Krfeg.  Im  Königreich  sollten  Rekruten  für  die  polnischen  Legionen 
geworben  werden.  Xun  begann  die  Spaltung  innerhalb  der  Anhängerschaft 
der  österreichischen  Orientierung.  Die  Stanczyken  förderten  die  Werbungen. 
Die  P.  P.  S.  unter  Pilsudskis  Führung  stellte  sich  ihnen  seit  dem  Herbst  1915 
entgegen:  Werbungen  für  ein  polnisches  Heer  erst  dann,  wenn  eine 
polnische  Regierung  existiert,  die  über  das  Heer  verfügt.  Im  Kampf  gegen 
die  Werbungen  war  nun  alles  vereinigt:  die  antirussischen  Unabhängigkeits- 
parteien mit  den  russophilen  Nationaldemokraten.  Beselers  Bemühungen 
um  die  Aufstellung  einer  „polnischen  W^ehrmacht"  unter  deutschem 
Kommando  blieben  erfolglos. 

Im  Sommer  1916  brach  Österreich  bei  Luck  zusammen.  Die  deutsche 
Oberste  Heeresleitung  kommandierte  nun  die  ganze  Ostfront.  Im  Sommer 
1916  lehnte  Deutschland  die  austropolnische  Lösung  ab.  Und  in  Deutschland 
kommandierte  Ludendorff.  Er  brauchte  polnisches  „Menschenmaterial". 
Er  verlangte  das  Recht,  in  Polen  Rekruten  auszuheben.  Beseler  glaubte, 
fünfzehn  Divisionen  aus  Polen  herausschöpfen  zu  können,  wenn  die 
Mittelmächte  Polen  die  Wiederherstellung  seiner  Staatlichkeit  versprechen. 
Am  5.  November  1916  erklärten  die  Mittelmächte  den  russischen  Anteil  zu 
einem  „selbständigen  Staat  als  Erbmonarchie  mit  konstitutioneller 
Regierungsform",  während  Franz  Josef  Galizien  Erweiterung  seiner 
Autonomie  innerhalb  Österreichs  versprach. 

Das  Manifest  behielt  die  Festsetzung  der  Grenzen  des  neuen  polnischen 
Staates  vor;  Preußen  wollte  sich  die  Möglichkeit,  einen  Teil  Russisch- 
Polens  zu  annektieren,  wahren.  Das  Verhältnis  des  neuen  Staates  zu  den 
Mittelmächten  blieb  späterer  Regelung  vorbehalten;  in  Berlin  dachte  man 
an  wirtschaft'iche  und  militärische  „Angliederung"  Polens  an  das  Reich. 
In  Warschau  wurde  ein  Staatsrat  eingesetzt;  aber  er  war  nur  ein  beratender 

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Körper,   die  ganze  Regierungsgewalt    blieb    in    den  Händen    des    deutschen 
Generalgouverneurs. 

Pilsudski  legte  das  Kommando  seiner  Legionen  nieder.  Er  trat  in  den 
Staatsrat  in  Warschau  ein.  Als  seine  Legioi'en  1915  an  der  Seite  der  Deutschen 
in  Warschau  eingezogen,  waren  sie  stumm  empfangen  worden.  Als  er  selber, 
nun  schon  im  Konflikt  mit  den  Mittelmächten,  1916  nach  Warschau  kam, 
wurde  er  wie  ein  Triumphator  empfangen.  Er  arbeitete  im  Staatsrat  Pläne 
für  den  Aufbau  eines  polnischen  Heeres  aus;  aber  er  blieb  bei  der  Parole: 
Aufstellung  des  Heeres  erst  dann,  wenn  eine  selbständige  polnische  Regie- 
rung da  sein  wird,  die  über  das  Heer  verfügt. 

Am  15.  März  1917  siegte  in  Rußland  die  Revolution.  Am  30.  März 
erließ  die  russische  Revolutionsregierung  eine  Proklamation  an  Polen,  in 
der  sie  das  Selbstbestimmungsrecht  Polens  anerkannte  und  Polen  die 
Unterstützung  des  revolutionären  Rußland  bei  der  Aufrichtung  eines 
polnischen  Staates  verhieß.  Die  Westmächte,  bisher  durch  die  Rücksicht 
auf  das  verbündete  Rußland  gebunden,  erklärten  jetzt  die  Aufrichtung 
eines  unabhängigen  polnischen  Staates,  der  alle  drei  Teile  Polens  umfassen 
müsse,  für  eines  der  Ziele  ihres  Krieges.  Als  im  Mai  die  letzte  Offensive 
Brussilows  gescheitert  war,  war  aller  Zweifel  geschwunden;  nun  war  es 
klar,  daß  der  polnischen  Unabhängigkeit  von  Rußland  keine  Gefahr  mehr 
drohte;  nur  die  deutschen  Teilungs-  und  Angliederungspläne  konnten  Polen 
noch  gefährden.  Und  nur  die  Entente  konnte  Polen  noch  gegen  Deutschland 
schützen.  Hatten  deutsche  Waffen  die  Herrschaft  Rußlands  über  Polen 
gebrochen,  so  konnten  nur  die  Waffen  der  Entente  die  Herrschaft  der 
beiden  anderen  Teilungsmächte  über  Polen  brechen.  Pilsudski,  der  1914  die 
Legionen  zum  Kampfe  für  die  Mittelmächte  gegen  Rußland  aufgeboten 
hatte,  ging  nun  daran,  die  Legionen  aufzulösen  und  die  konspirative  Organi- 
sation der  P.  0.  W.  (Polnische  Militäroganisation)  gegen  Deutschland 
zu  verwenden.  Als  im  Sommer  1917  die  Legionen  einen  Treueid  für  den 
Kaiser  Wilhelm  ablegen  sollten,  während  Wilhelm  eine  neue  Teilung 
Polens  vorbereitete,  verweigerten  Pilsudskis  Anhänger  den  Eid;  sie  wurden 
in  Gefangenenlagern  interniert,  Pilsudski  selbst  von  dem  deutschen 
Kommando  verhaftet  und  in  Magdeburg  gefangen  gehalten.  In  derselben 
Zeit  aber  vereinigte  auf  russischem  Boden  der  General  Dowbor-Musnicki 
die  polnischen  Formationen  der  russischen  Armee  zu  einem  polnischen 
Korps,  das  gegen  die  Mittelmächte  für  die  Befreiung  Polens  kämpfen  sollte, 
und  bildete  sich  in  Frankreich  eine  polnische  Legion  im  Verband  der 
französischen  Armee. 

Die  österreichische  Orientierung  war  tot.  Schon  im  Mai  1917,  als  das 
österreichische  Abgeordnetenhaus  zum  erstenmal  nach  dreijähriger  Unter- 
brechung zusammentrat,  zeigte  sich  in  den  Beschlüssen  des  Polenklubs  die 
neue  Stimmung.  Der  Polenklub  forderte  nun  „das  unabhängige  vereinigte 
Polen  mit  dem  Zugang  zum  Meer"  und  sprach  dem  polräschen  Problem 
„internationalen  Charakter"  zu.  An  die  Stelle  der  österreichischen  Orien- 
tierung war  die  Ententeorientierung  getreten. 

Polen  erschien  für  Österreich  verloren.  Nur  als  Tauschobjekt  glaubte  die 
Habsburgermonarchie  Polen  noch  verwenden  zu  können.  Kriegsmüde,  seit 
der   russischen   Revolution    mehr   denn   je   die   Revolution   fürchtend,   bot 

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Habslnirg  im  Frühjahr  1917  dem  Doulschen  Reich  ganz  Polen  einsehlicBUch 
Galizions  unter  der  Bedingung  an,  daß  sich  Deutschland  bereit  erklare, 
Elsaß-Lothringen  an  Frankreich  abzutreten  und  dadurch  die  Beendigung  des 
Krieges  zu  ermöglichen;  Österreich-Ungarn  hoffte,  sich  durch  Angliederung 
eines  Teiles  Rumäniens  entschädigen  zu  können.  Deutschland  lehnte  ab. 
Michaelis  antwortete  im  August  1917,  für  Deutschland  sei  nicht  nur  die 
Abtretung  ]']Isaß-LotIu-ingens  unmöglich,  sondern  es  müsse  darauf  bestehen, 
daß  der  F'riede  ihm  die  wirtschaftliche  Angliederung  Belgiens  und  des  Erz- 
gebiets von  Longwy  und  Briey,  die  militärische  Angliederung  Polens,  Kur- 
lands und  Litauens  bringe. 

Wenige  Wochen  später  brach  in  Rußland  die  Oktoberrevolution  aus. 
Die  völlige  Auflösung  der  russischen  Heeresmacht  schien  die  austropolnische 
Lösung  noch  einmal  beleben  zu  sollen.  Die  deutschen  Ostheere  waren  frei 
geworden.  Deutschland  hoffte  nun,  den  Durchbruch  im  Westen  erzwingen 
zu  können.  Der  deutsche  Imperialismus  glaubte  nun,  ein  großes  kontinen- 
tales Imperium  von  der  Nordsee  bis  zum  Persischen  Golf  begründen  zu 
können,  innerhalb  dessen  Kurland,  Livland,  Estland,  Litauen  und  Polen, 
Österreich  und  Ungarn,  Bulgarien  und  die  Türkei  an  Deu'tschland  mili- 
tärisch, wirtschaftlich  und  politisch  angegliedert  werden  sollten.  „Mittel- 
europa", die  enge  wirtschaftlich-militärische  Verknüpfung  der  Donau- 
monarchie mit  dem  Deutschen  Reiche  war  ein  Bestandteil  dieses  Planes, 
die  Angliederung  Polens  an  die  Donaumonarchie  der  Preis  für  ihre  Ein- 
gliederung in  das  deutsche  Imperium. 

Aber  diesem  Plan  standen  unüberwindliche  innere  Schwierigkeiten  ent- 
gegen. Der  Kaiser  Karl,  innerlich  längst  Deutschland  feind,  verbot  Czernin 
geradezu,  über  die  militärische  Angliederung  Österreich-Ungarns  an 
Deutschland  zu  verhandeln.  Und  die  Verhandlungen  über  eine  Zollunion 
wurden  zu  Verhandlungen  über  einen  Handelsvertrag  abgeschwächt.  Öster- 
reich-Ungarn war  nicht  bereit,  den  Preis  für  die  austropolnische  Lösung 
zu  bezahlen.  Es  war  es  um  so  weniger,  da  der  deutsche  Imperialismus  die 
Angliederung  an  unannehmbare  Bedingungen  knüpfte:  „Die  Deutschen", 
erzählt  Czernin,  „forderten,  abgesehen  von  ganz  enormen  territorialen  Be- 
schneidungen Kongreß-Polens,  die  Niederhaltung  der  polnischen  Industrie, 
das  Miteigentumsrecht  bei  den  polnischen  Eisenbahnen  und  Staats- 
domänen sowie  die  Überwälzung  eines  Teiles  der  Kriegsschuld  auf  die 
Polen.  Ein  so  geschwächtes,  kaum  lebensfähiges  Polen,  welches  naturgemäß 
äußerst  unzufrieden  sein  mußte,  konnten  wir  nicht  an  uns  anschließen." 

Der  ungarische  Imperialismus  nützte  die  vom  deutschen  Imperialismus 
geschaffene  Lage  aus.  Man  solle  Polen  samt  Galizien  dem  Deutschen  Reich 
überlassen,  dafür  Rumänien  gewinnen,  es  Ungarn  unterwerfen  und  Öster- 
reich für  den  Verlust  Galiziens  dadurch  entschädigen,  daß  Ungarn  auf 
seinen  Anteil  an  Bosnien  verzichtet  und  es  Österreich  übergibt! 

In  die  Zeit  dieser  Länderschacherphantasien  fielen  die  Friedensverhand- 
lungen in  Brest-Litowsk.  Da  vertrat  Trotzki  gegen  die  Mittelmächte  das 
Selbstbestimmungsrecht  Polens.  Neben  Trotzki  aber  erschienen  die  Ver- 
treter der  Kiewer  ukrainischen  Rada.  Die  Mittelmächte  wollten  die  Rada 
benützen,  um  sie  gegen  Sowjetrußland  auszuspielen,  um  die  Ukraine  von 
dem  bolschewikischen  Rußland  zu  trennen,  um  sich  der  Getreidevorräte 

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der  Ukraine  als  eines  riesigen  Reservoirs,  das  die  Fortführung  des  Krieges 
ermöglichen  sollte,  zu  bemächtigen. 

Aber  der  Macchiavellismus  fing  sich  hier  in  seinen  eigenen  Schlingen. 
Die  Teilnahme  der  Rada  an  den  Verhandlungen  wurde  zur  Köpenickiade. 
In  der  Ukraine  drangen  die  Bolschewiki  sieghaft  vor.  Die  Truppen  der  Rada 
wurden  bis  zur  galizischen  Grenze  zurückgeworfen.  Hinter  den  jungen 
Leuten,  die  in  Brest-Litowsk  im  Namen  der  Ukraine  verhandelten,  stand 
keine  Regierung,  keine  Militärmacht,  kein  Staat  mehr.  Aber  in  Österreich 
hatte  die  Ernährungskrise  ihren  Höhepunkt  erreicht;  Czernin  brauchte  um 
jeden  Preis  den  „Brotfrieden",  der  dem  hungernden  Wien  die  ukrainischen 
Getreidemagazine  erschließen  sollte.  In  Deutschöstereich  hatten  sich  die 
Arbeiter,  Frieden  fordernd,  erhoben;  Czernin  brauchte  um  jeden  Preis  ein 
Friedensdokument.  Die  Kiewer  Delegierten  nützten  die  Bedrängnis  der 
Donaumonarchie  aus.  „Die  Ukrainer  verhandeln  nicht  mehr,  sie  diktieren!" 
schrieb  Czernin  in  sein  Tagebuch.  Und  das  in  einem  Augenblick,  in  dem 
die  Ukraine  der  Rada  nicht  mehr  existierte! 

Czernin  ließ  sich  bluffen.  Und  Preußen,  immer  und  überall  nur  auf  die 
Schwächung  Polens  bedacht,  half  den  Ukrainern.  „Von  der  Forderung  nach 
dem  Cholmer  Lande,"  erzählt  das  Protokoll  der  österreichisch-ungarischen 
Friedensdelegation,  „die  wir  auf  den  Weg  der  Verhandlungen  mit  Polen 
gewiesen  wissen  wollten,  waren  die  ukrainischen  Bevollmächtigten  nicht 
abzubringen,  wobei  sie  offensichtlich  die  Unterstützung  des  Generals  Hoff- 
mann besaßen.  Überhaupt  war  man  von  deutscher  militärischer  Seite  den 
ukrainischen  Forderungen  sehr  geneigt,  polnischen  Ansprüchen  gegenüber 
jedoch  durchaus  ablehnend."  So  kam  am  8.  Februar  jener  tragikomische 
Friedensschluß  zustande,  in  dem  Österreich-Ungarn  den  Herren  Sewrjuk 
und  Lewicky  nicht  nur  das  Gouvernement  Cholm  abtrat,  sondern  sich  auch 
ihnen  gegenüber  zu  einer  Umgestaltung  seiner  inneren  Ordnung,  zur  Tren- 
nung Ostgaliziens  von  Kleinpolen  und  Vereinigung  Ostgaliziens  mit  der 
Bukowina  zu  einem  Kronland  verpflichtete. 

Ein  Sturm  der  Entrüstung  brauste  durch  Polen.  Nun  war  es  klar,  was  aus 
der  austropolnischen  Lösung  geworden  war:  im  Westen  Annexionen  zu- 
gunsten Preußens;  im  Norden  Annexionen  zugunsten  des  Deutschland  „an- 
zugliedernden" Litauen,  wo  sich  ein  deutscher  Prinz  als  Mindowe  II.  eta- 
blieren sollte;  im  Osten  Annexionen  zugunsten  der  Ukraine;  der  Rest  ein  arm- 
seliger Vasallenstaat  Deutschlands.  Der  Polenklub  im  Wiener  Parlament  ging 
in  die  Opposition  über;  für  die  Wiener  Regierung  gab  es  keine  Möglichkeit 
mehr,  noch  eine  Parlamentsmehrheit  zu  bilden.  An  der  Front  meuterte  das 
Polnische  Hilfskorps,  der  klägliche  Rest  der  Legionen  Pilsudskis.  Einem 
Teil  der  Meuterer  unter  dem  Kommando  des  Generals  Haller  gelang  es,  über 
die  Grenze  zu  marschieren,  sich  in  abenteuerlichen  Märschen  und  Kämpfen 
bis  zur  Küste  durchzuschlagen  und  nach  Frankreich  einzuschiffen;  dort 
trat  Haller  an  die  Spitze  der  polnischen  Legion,  die  an  der  Westfront  gegen 
die  Deutschen  kämpfte.  Ein  anderer  Teil  de^-  Meuterer  wurde  von  öster- 
reichisch-ungarischen Truppen  gefangengenommen  und  vor  das  Kriegs- 
gericht von  Marmaros-Szigeth  gestellt.  Pilsudski  in  Magdeburg  gefangen, 
seine  treuesten  Anhänger  unter  seinen  Legionären  teils  in  den  deutschen 
Lagern  Benjaminöw  und  Szczypiora  interniert,  teils  in  Marmaros-Szigeth 
vor   das   österreichisch-ungarische  Krieg'?frericht    gestellt,   Haller   aber  und 

—    47    — 


die  Seinen  auf  französischem  Boden  gegen  die  Mittelmächte  kämpfend  — 
das  war  das  Ende  des  Versuchs  eines  Teiles  des  polnischen  Volkes,  im 
Bunde  mit  Österreich,  durch  Österreich  die  Freiheit  Polens  zu  erobern. 

Ilabsburg  hatte  die  Polen  verloren.  Es  mochte  hoffen,  die  Ukrainer  zu 
gewinnen.  Aber  auch  das  war  eine  Selbsttäuschung. 

Als  am  Anfang  des  Krieges  die  russischen  Heere  in  Ostgalizien  ein- 
drangen, hat  es  der  ruthenische  Bauer  nicht  vorstanden,  daß  er  in  dem 
kleinrussischen  Kosaken,  der  dieselbe  Sprache  spricht  und  sich  zu  der- 
selben Religion  bekennt  wie  er,  den  Feind,  in  dem  magyarischen  Honved- 
husaren,  die  sein  Dorf  plünderten,  seine  Beschützer  und  Befreier  sehen 
sollte.  Die  Standgerichte  der  k.  u.  k.  Armee  hatten  dieses  politische  Un- 
verständnis der  ruthenischen  Bauern  blutig  gestraft.  Seitdem  grollte  es  in 
den  Bauernmassen. 

Die  kleinbürgerliche  ukrainische  Intelligenz  hoffte  trotzdem  auf  Üsterreicl 
und  Deutschland.  Ihr  Sieg  sollte  die  Ukraine  von  der  Herrschaft  Moskaus  be- 
freien. Ihre  österreichische  Orientierung  hatte  ihren  Sinn  verloren,  als  sich 
nach  der  russischen  Märzrevolution  in  Kiew  die  Rada,  die  Regierung  einei 
autonomen  Ukraine,  bilden  konnte.  Sie  hatte  ihren  Sinn  wiedergewonnen, 
als  nach  der  russischen  Oktoberrevolution  Moskau  es  unternahm,  die  auto-' 
nome  Ukraine  niederzuwerfen.  Der  Friede  von  Brest-Litowsk,  der  der 
Ukraine  die  Anerkennung  der  Mittelmächte  als  einem  souveränen  Staate 
gab,  war  dieser  österreichischen  Orientierung  höchster  Triumph. 

Aber  das  Bild  änderte  sich  sehr  schnell.  Deutsche  und  österreichisch- 
ungarische Truppen  setzten  sich  in  Bewegung,  die  Ukraine  den  Bolsche- 
wiken zu  entreißen.  Sie  besetzten  das  Land.  Aber  sie  besetzten  es,  um  den 
ukrainischen  Bauern  ihre  Getreidevorräte  zu  rauben,  um  den  Boden,  dessen 
sich  die  ukrainischen  Bauern  bemächtigt  hatten,  den  russischen  und 
polnischen  Gutsherren  zurückzugeben,  um  gegen  die  rebellierenden 
Bauern  blutige  Henkerarbeit  zu  verrichten.  Sie  nahmen  Kiew.  Aber  nicht 
die  kleinbürgerliche  Rada,  sondern  den  Hetman  Skoropadsky  .setzten  sie 
hier  in  die  Macht;  nicht  die  patriotisch-revolutionäre  ukrainische 
Intelligenz,  sondern  die  alten  zarischen  Generale  und  Gouverneure  über- 
nahmen unter  dem  Schutze  deutscher  und  österreichischer  Bajonette  die 
Herrschaft.  Was  die  kleinbürgerliche  Intelligenz  als  ein  Werk  nationaler 
Befreiung  erhofft  hatte,  war  zu  einem  Werk  der  Plünderung,  der  Konter- 
revolution, der  Fremdherrschaft  geworden.  Wut  bemächtigte  sich  der  Ent- 
täuschten. Habsburg  hatte  die  Polen  verloren  und  dafür  nicht  einmal  die 
Ukrainer  gewonnen. 

So  war  der  Ring  geschlossen.  Habsburg  hatte  den  Krieg  gegen  die  Jugo- 
slawen begonnen,  es  war  durch  den  Krieg  in  den  heftigsten  Gegensatz 
gegen  die  Tschechen  geraten,  es  hatte  im  Verlauf  des  Krieges  die  Polen 
verloren  und  die  Ukrainer  nicht  gewonnen.  Alle  slawischen  Völker  standen 
nun  gegen  Habsburg.  Alle  hofften  auf  den  Sieg  der  Entente.  Österreich- 
Ungarn  führte  den  Krieg  nicht  nur  gegen  äußere  Feinde  ringsum,  sondern 
auch  gegen  zuei  Drittel  seiner  eigenen  Bürger.  Das  Schicksal  der 
Habsburgermonarchie  war  besiegelt. 

—    48    — 


§  4.  Deutschösterreich  im  Kriege. 

Liteiafni: 

Renner,  Österreichs  Erneuerung.  Wien  1916.  —  Renner,  Marxismus,  Krieg  und 
Internationale.  Stuttgart  1917.  -  Renner,  Das  Selbslbestimmungsrecht  der 
Nationen.  Wien  1918. 

Friedrich  Adler,  Die  Erneuerung  der  Internationale.  Herausgegeben  von  Robert 
Danneberg.  Wien  1918.  —  Friedrich  Adler  vor  dem  Ausnahmegericht.  Berlm  1919. 

Denkschrift  über  die  Rechts-  und  Arbeitsverhältnisse  in  den  österreichischen 
Krie<^sleistungsbetrieben.  Wien  1916.  (Protokoll  des  Arbeitertages.)  —  Bericht  der 
Gewerkschaftskommission  Deutschösterreichs  an  den  Gewerkschaftskongreß  1919. 
Wien  1919  —  Die  Tätigkeit  des  Klubs  der  deutschen  sozialdemokratischen  Abge- 
ordneten im  österreichischen  Reichsrat.  5.  Heft.  Wien  1917.  —  Protokoll  der  Ver- 
liandlungen  des  Parteitages  der  deutschen  sozialdemokratischen  Arbeiterpartei 
in  Österreich.  Wien  1917. 

Glaise-Horstenau,  Österreich-Ungarns  Politik  in  den  Kriegsjahren  1914  bis  1917. 
„Der  österreichisch-ungarische  Krieg."  Leipzig  1922.  —  Czernin,  Im  Weltkriege. 
Berlin  1919.  —  Nippold,  Heinrich  Lammasch  als  Völkerrechtsgelehrler  und 
Friedenspolitiker.  „Heinrich  Lammasch.  Seine  Aufzeichnungen,  sein  Wirken  und 
seine  Politik."  Wien  1922. 

Um  Friede.  Freiheit  und  Recht!  Der  Jännerausstand  des  innerösterreichischen 
-Proletariats.  Wien  1918.  —  Ein  Nationalitätenprogramm  der  Linken.  „Der  Kampf", 
XI,  Seite  269  ff.  —  Diskussion  über  das  Nationalitätenprogramm  im  Jahrgang  1918 
des  „Kampf". 

Durch  die  ganze  neuere  Geschichte  Deutschösterreichs  zieht  sich  der 
Gegensatz  zwischen    unserem  Deutschtum    und    unserem  Österreichertum. 

Die  deutschösterreichische  Bourgeoisie  ist  in  dem  Jahrhundert  zwischen 
1750  und  1850  en-tstanden.  Sie  ist  entstanden  in  der  Zeit,  in  der  der  Gegen- 
satz zwischen  der  halDshurgischen  Kaisermacht  und  der  aufstrebenden 
hohenzollernschen  Königsgewalt  das  alte  römisch-deutsche  Reich  auflöste; 
entstanden  in  der  Zeit,  in  der  sich  die  deutschen  Bundesländer  Österreichs 
■von  Deutschland  loslösten,  um  in  dem  allmählich  zum  einheitlichen  Staat 
zusammenwachsenden  Länderbündel  der  habsburgischen  Hausmacht  auf- 
zugehen; entstanden  auf  der  Basis  des  einheitlichen  österreichischen 
Wirtschafts-  und  Rechtsgebiets.  Mochte  sie  deutsch  sprechen  und  ein  gut 
-Stück  eigenartiger  deutscher  Kultur  aus  sich  entwickeln:  ihrem  Fühlen 
nach  war  sie  doch  österreichisch,  nicht  deutsch;  nicht  das  zerfallende 
Deutschland,   sondern  das   völkerreiche  Österreich    war   ihr   ihr  Vaterland. 

Aber  seit  der  Julirevolution  von  1830  wuchs  ein  anderes  Geschlecht. 
Die  junge  Intelligenz,  die  im  Haß  gegen  den  Absolutismus  Metternichs 
heranwuchs,  die  die  Ideen  des  aufstrebenden  europäischen  Liberalismus 
in  sich  aufnahm,  geriet  in  den  Bann  des  deutschen  Geisteslebens  der  Zeit. 
Sie  fühlte  nicht  mehr  österreichisch.  Sie  fühlte  deutsch.  Nicht  das  alte, 
Tückständige,  undeutsche  Österreich,  das  große  Deutschland,  das  sie  im 
Kampf  und  Sturm  wieder  zu  vereinigen    gedachte,    war  ihr    ihr  Vaterland. 

Seither  streiten  in  der  Seele  des  deutschösterreichischen  Bürgertums 
.sein  Deutschtum  und  sein  Österreichertum  gegeneinander.  Ihr  Gegensatz 
findet  in  jeder  neuen  Generation  neue  Verkörperung.  Er  verkörpert  sich  m 
•den  Stürmen  von  1848  in  dem  Kampfe  zwischen  den  Schwarzrotgoldenen 
und  den  Schwarzgelben;  er  ersteht  wieder  am  Beginn  der  Verfassungsära 

—    49    - 


im  Gegensatz  zwischen  dem  deutschen  Liberalismus  und  dem  im  Gefolge 
des  Feudaladcls  cinhcrgehenden  österreichischen  Klerikalismus;  er  findet 
in  der  letzten  Generation  vor  dem  Kriege  seinen  Ausdruck  in  den  Kämpfen 
zwischen  Schönerer  und  Lueger,  zwischen  Deulschnationalen  und 
Christlichsozialen.  Die  altöslerrcichische  Tradition  lebt  fort  im  Altwiener 
Patriziat,  in  dem  Wiener  Kleinbürgertum,  in  der  vom  katholischon  Klerus 
erzogenen  Bauernschaft  der  Alpenländer.  Die  deutsche  Tradition  lebt  fort 
in  der  Intelligenz,  die  in  den  Grenzgebieten,  wo  der  Kampf  gegen  die  sla- 
wischen Nachbarn  im  Norden  und  im  Süden  die  Gemüter  beherrscht,  Klein- 
bürger und  Bauern  mit  ihrem  Denken  und  Fühlen  erfüllt. 

Die  große  europäische  Krise,  die  seit  1908  das  Deutsche  Beich  und 
Österreich-Ungarn  vereiijit  einer  Welt  von  Feinden  gegenüberstellte,  über- 
wand diesen  Gegensatz.  Deutscher  Nationalismus  und  österreichischer 
Patriotismus  schlugen  nun  in  eins  zusammen.  Der  österreichische  Patrio- 
tismus sah  sein  Beich  bedroht;  seit  1897  zerreiß't  der  Kampf  zwischen 
Tschechen  und  Deutschen  den  Staat,  seit  1903  wächst  gefahrdrohend  die 
Gärung  im  slawischen  Süden,  seit  1905  in  Galizien;  der  österreichische 
Patriotismus  hoffte  auf  Franz  Ferdinand,  den  Thronfolger,  der  mit  kriege- 
rischer Tat  den  äußeren  Feind  niederw^erfen,  das  Beich  im  Innern  erneuern 
werde.  Der  deutsche  Nationalismus  sah  Deutschland  bedroht:  seit  1908, 
seit  der  Zusammenkunft  von  Beval,  steht  Deutschland  dem  furchtbaren 
Bündnis  der  Westmächte  mit  Bußland  gegenüber;  der  deutsche  Nationa- 
lismus hoffte  auf  den  Krjeg,  der  den  Feind  niederschmettern  w^erde,  ehe 
russisches  Bevölkerungswachstum  und  russische  Eisenbahnbauten  die  Ge- 
fahr vergrößern.  Schon  während  der  Annexionskrise  1908/09,  schon  während 
des  Balkankrieges  1912  drängten  führende  Kreise  der  Christlichsozialen 
sowohl  w^ie  der  Deutschnationalen  zum  Kriege.  Als  1914  der  Krieg  kam, 
war  es  ihr  Krieg.  Den  einen  war  es  der  Krieg  für  Österreichs  Behauptung 
und  Erneuerung,  den  anderen  der  Krieg  für  Deutschlands  Macht  und  Größe. 
Beide  aber  jubelten  dem  Kriege  zu,  beide  stützten  den  Kriegsabsolutismus 
der  ersten  Kriegsjahre,  beiden  galt  der  Kampf  der  slawischen  Völker  um 
ihre  Befreiung  als  Hochverrat,  den  eine  eiserne  Hand  nieder\verfen  müsse. 
Der  Gegensatz  zwischen  dem  Deutschtum  und  dem  Österreichertum  des 
deutschösterreichischen  Bürgertums  schien  überwunden. 

In  ganz  anderer  Gestalt  wiederholt  sich  der  Gegensatz  zwischen  dem 
Deutschtum  und  dem  Österreichertum  in  der  Geschichte  der  deutsch- 
österreichischen Sozialdemokratie. 

Die  Revolution  von  1848  hatte  die  Demokratie  zum  erstenmal  vor  das 
österreichische  Problem  gestellt.  Italiener,  Ungarn  und  Polen  kämpften 
damals  um  ihre  Befreiung  aus  Habsburgs  Fesseln.  Das  deutsche  Volk  aber 
rang  nach  seiner  Einheit  und  Freiheit.  An  die  Stelle  der  erbärmlichen 
Kleinstaaterei  im  Deutschen  Bunde  ein  einheitliches  Deutsches  Reich  zu 
setzen  war  das  nationale  Ziel  der  deutschen  Revolution  von  1848.  Aber 
der  Erreichung  dieses  Zieles  stand  der  österreichische  Staat  im  Wege.  In 
ihm  waren  deutsche  Bundesländer  —  Westösterreich  vom  Riesengejpirge 
bis  zur  Adria  —  mit  Ungarn,  mit  Galizien,  mit  der  Lombardei  und  Venetien 
vereinigt.  Der  deutsche  Norden  wollte  die  deutschen  Bundesländer  Öster- 
reichs, aber  nicht  seine  italienischen,  ungarischen  und  polnischen  Provinzen 

—    50    — 


in  das  Deutsche  Reich  aufnehmen.  Die  Einigung  Deutschlands  setzte  also 
die  Auflösung  des  Habsburgerreiches,  die  Trennung  der  deutschen  Bundes- 
länder Österreichs  von  Italien,  Ungarn  und  Polen  voraus.  Dieses  Ziel  war 
nicht  durch  die  Dynastien,  es  war  nur  gegen  sie  zu  erreichen.  Habsburg 
wollte  sich  Hohenzollern.  Hohenzollern  wollte  sich  Habsburg  nicht  unter- 
werfen; die  Revolution  konnte  das  Deutsche  Reich  nur  schaffen,  wenn 
es  ihr  gelang,  in  Wien  und  in  Berlin  die  Dynastien  zu  stürzen,  ganz 
Deutschland,  einschließlich  der  deutschen  Bundesländer  Österreichs,  zu 
einer  deutschen  Republik  zu  vereinigen,  Habsburgs  andere  Länder  aber 
an  ein  geeintes  Italien,  ein  selbständiges  Ungarn,  ein  freies  Polen  fallen 
zu  lassen.  Das  war  das  nationale  Ziel,  das  die  Republikaner  im  Jahre  1848 
gegen  Habsburg  und  gegen  Hohenzollern  verfochten. 

Diese  Gedanken  lebten  nach  dem  Kriege  von  1859  und  der  italie- 
nischen Revolution  von  1860  wieder  auf.  Das  deutsche  Bürgertum,  durch 
die  Erfahrungen  von  1848  geschreckt,  war  nun  nicht  mehr  revolutionär. 
In  Norddeutschland  setzte  es  alle  seine  Hoffnungen  auf  Preußen:  ein 
deutsches  Kaisertum  mit  preußischer  „Spitze"  war  sein  Ziel;  aber  dieses 
Ziel,  setzte  die  Ausstoßung  der  deutschen  Bundesländer  Österreichs  aus 
dem  Reiche  voraus.  Dagegen  protestierten  die  Arbeiter.  Sie  waren  revolu- 
tionär geblieben.  Sie  hofften,  die  deutsche  Einheit  werde  nicht  durch  die 
Bajonette  der  deutschen  Fürsten,  sondern  durch  die  Fäuste  der  deutschen 
Arbeiter  erobert  werden.  Sie  stellten  dem  kleindeutschen  Ziel  des  nord- 
deutschen Bürgertums  das  gesamtdeutsch-republikanische  Ideal  von  1848 
entgegen.  In  diesem  Kampfe  vollzog  sich  in  Deutschland  die  Scheidung 
zwischen  der  bürgerlichen  und  der  proletarischen  Demokratie.  „Groß- 
deutschland moins  les  dynasties",  so  formulierte  Lassalle  das  nationale 
Programm  der  entstehenden  Sozialdemokratie.  Und  als  sich  nach  1866  auch 
die  deutschösterreichische  Arbeiterschaft  wieder  zu  regen  begann,  nahm 
auch  sie  den  gesamtdeutsch-republikanischen  Gedanken  auf.  Die  Hoffnung 
auf  eine  Revolution,  die  die  deutschen  Dynastien  stürzen,  Deutsch- 
österreich mit  dem  übrigen  Deutschland  zu  einer  deutschen  Republik  ver- 
einigen, den  anderen  Nationen  der  Habsburgermonarchie  ihre  staatliche 
Selbständigkeit  wiedergeben  werde,  war  einer  der  führenden  Gedanken 
der  entstehenden  Sozialdemokratie. 

Die  Geschichte  hat  zunächst  gegen  die  junge  Sozialdemokratie  ent- 
schieden. 1866  wurde  Österreich  aus  dem  Deutschen  Bunde  ausgeschlossen, 
1871  das  kleindeutsche  Kaisertum  aufgerichtet.  Aber  die  Sozialdemokratie 
hat  diese  Lösung  der  deutschen  Frage  zunächst  nur  als  vorläufig  ange- 
sehen. Engels  hielt  bis  zu  seinem  Tode  daran  fest,  daß  „die  vollständige 
Auflösung  Österreichs  die  erste  Voraussetzung  der  Einigung  Deutschlands" 
sei.  Wohl  habe  Österreich  als  Bollwerk  gegen  die  Expansionstendenzen 
des  russischen  Zarismus  noch  eine  Funktion  zu  erfüllen.  Aber  diese 
Funktion  werde  es  verlieren,  sobald  wieder  die  Revolution  durch  Europa 
zieht,  deren  „äußerste  Punkte"  bei  ihrem  neuen  Ausbruch  Petersburg  und 
Konstantinopel  sein  würden.  Die  nächste  Phase  der  europäischen  Revo- 
lution werde  Österreich  auflösen,  seine  deutschen  Gebiete  mit  Deutschland 
wiedervereinigen,  seinen  anderen  Nationen  ihre  Freiheit  geben.  Der  Ge- 
da,nke,  daß  die  Periode  der  sozialen  Revolution  die  Auflösung  Österreichs 
in  freie  Nationalstaaten  und  damit  auch  die  Vereinigung  Deutschösterreichs 

—    51     —  4* 


mit  dorn  übrigen  Doulschland  bringen  müsse,  bildete  seit  der  Enlslohuns 
der  Sozialdeniokralie  einen  Bestandteil   ihrer  politischen  Tradition. 

Vorerst  mußte  die  Sozialdemokratie  aber  ihren  Kampf  auf  dem  Boden 
des  österreichischen  Staates  führen.  Als  sie  seit  1890  zu  einer  großen 
Massenparlei  wurde;  als  seit  1897  der  nationale  Kampf  der  Bourgeoisien 
das  ganze  öffentliche  Leben  Österreichs  beherrschte,  den  Parlamentarismus 
zerstörte,  den  Absolutismus  des  §  14  aufrichtete;  ^Is  die  entfesselten  Leiden- 
schaften dels  Nationalismus  auch  die  internationale  Einheit  der  öster- 
reichischen Sozialdemokratie  selbst  zu  bedrohen  begannen,  konnte  sie  sich 
nicht  mehr  damit  begnügen,  die  Völker  auf  die  nahende  Revolution  zu  ver- 
weisen, die  mit  der  Auflösung  des  österreichischen  Staates  auch  das  natio- 
nale Problem  lösen  werde,  sie  mußte  nun  den  nationalen  Kampfzielen 
der  streitenden  Bourgeoisien  ein  gemeinsames  Kampfziel  des  gesamten 
österreichischen  Proletariats  entgegenstellen.  So  stellte  der  Brünner 
Parteitag  von  1899  dem  Zentralismus  der  deutschen  Bourgeoisie  und  dem 
Kronländer-Föderalismus  des  l'eudaladcls  und  des  in  seinem  Gefolge  ' 
einhergehenden  slawischen  Bürgertums  das  Programm  der  Verwandlung 
("•sterreichs  in  einen  Bundesstaat  autonomer  Nationen  entgegen. 

Die  schwere  Reichskrise  von  1905,  der  Konflikt  Habsburgs  mit  der 
magyarischen  Herrenklasse  gab  diesem  Programm  Aktualität.  Gegen  den 
Nationalismus  der  hadernden  Bourgeoisien  stand  auf  der  einen  Seite  die 
Krone,  der  die  nationalen  Kämpfe  ihr  Reich  zu  zerstören  drohten,  stand 
auf  der  anderen  Seite  das  Proletariat,  dem  der  nationale  Kampf  den  Auf- 
stieg behinderte.  In  Österreich  zwang  der  Druck  der  Krone  von  oben  und 
des  Proletariats  von  unten  dem  Privilegienparlament  die  Wahlreform  auf. 
In  Ungarn  bot  die  Krone  durch  das  Wahlreformprogramm  der  Regierung 
Fejerväry-Kristoffy  das  Proletariat  und  die  Nationalitäten  gegen  den 
magyarischen  Adel  auf.  Es  erschien  denkbar,  daß  die  Krone  und  das 
Proletariat  vereint  die  dualistische  Reichsverfassung  zerschlagen,  die 
nationalistischen  Bourgeoisien  niederzwingen,  den  Bundesstaat  auto- 
nomer Nationen  aufrichten.  Der  Verfechter  dieses  politischen  Gedankens 
war  Karl  Renner.  P'ür  den  Gedanken  kämpfend,  daß  die  „übernationale"^ 
Macht  der  Dynastie  und  die  internationale  Macht  der  Arbeiterklasse  aller 
österreichischen  Nationen  vereint  den  Nationalismus  der  kämpfenden 
Bourgeoisien  niederwerfen  und  Österreich-Ungarn  zu  einem  Bundesstaat 
freier  Völker  umgestalten  sollen,  revidierte  er  die  ganze  traditionelle 
Stellung  der  Sozialdemokratie  zu  dem  österreichischen  Problem.  In  jener 
Zeit  erschienen  Renners  „Grundlagen  und  Entwicklungsziele  der  öster- 
reichisch-ungarischen Monarchie"  und  meine  „Nationalitätenfrage".. 
Während  ich  aber  auch  in  diesem  Buch  jede  Lösung  des  österreichischen 
Nationalitätenproblems  innerhalb  der  Monarchie  nur  als  eine  vorläufige 
betrachtete,  feierte  Renner  die  österreichische  „Reichsidee",  die  Idee  einer 
,, Eidgenossenschaft  der  österreichischen  Nationen",  als  eine  geographische 
und  wirtschaftliche  Notwendigkeit.  Der  Zerfall  der  Monarchie  in  nationale 
Kleinstaaten  wäre,  so  meinte  er  damals  schon,  nur  die  Lösung  eines  reak- 
tionären Nationalismus.  Nicht  dem  Nationalstaat,  sondern  dem  autonome 
Nationen  föderierenden  „übernationalen  Staat"  gehöre  die  Zukunft. 

Als  der  Kaiser  mit  dem  magyarischen  Adel  wieder  Frieden  schloß,  als- 
die  Reichskrise  nicht  mit  der  Umbildung  der  Monarchie  in  einen  Bundes- 

—    52    — 


Staat  freier  Völker  endete,  sondern  mit  dem  Staatsstreich  Tiszas,  mit  dem 
Kom.missariat  Cuvajs,  mit  dem  Absolutismus  Bienerths,  schienen  Renner? 
Illusionen  zerstört.  Das  Nationalitätenprogramm  des  Brünner  Parteitages 
von  1899  erlangte  nun  andere  Bedeutung.  Seit  1908  rüstete  die  Monarchie 
zum  Kriege  gegen  Serbien.  Seit  1908  glaubte  sie  sich  nur  durch  kriege- 
rische Gewalt  die  sich  auflehnenden  Nationen  einordnen  zu  können.  Die 
Sozialdemokratie  stand  seit  1908  im  Kampfe  gegen  den  serbenfeindlichen, 
zum  Krieg  treibenden  Imperialismus.  In  diesem  Kampfe  war  es  unsere 
Parole:  Kein  Krieg  löst  das  österreichische  Staatsproblem;  nur  innerer 
Umbau  zum  Bundesstaat  autonomer  Nationen  versöhnt  die  Nationen  dem 
Staat  und  rettet  den  durch  die  Kämpfe  der  Nationen  bedrohten  Frieden. 
Am  Tage  der  Kriegserklärung  an  Serbien  noch  lehnte  die  Sozialdemokratie 
drohend  jede  Mitverantwortung  für  diesen  Krieg  ab;  stellte  sie  dem  Krieg: 
ihre  Forderung  entgegen:  „Ein  Österreich,  das  wirklich  ein  Bund  freier 
Völker  ist." 

Am  Anfang  des  Krieges  stand  Österreich-Ungarn  allein  gegen  Rußland. 
Das  deutsche  Heer  brach  in  Belgien  und  Frankreich  ein;  den  Ansturm  der 
russischen  Heere  hatte  Österreich-Ungarn  abzuwehren.  Ein  Reich  mit 
52  Millionen  Einwohnern  gegen  eines  mit  160  Millionen.  Eine  halbe  Million 
Mann  gegen  anderthalb  Millionen.  Am  Ende  der  ersten  großen  Schlacht 
'  war  Galizien  verloreB,  standen  die  Russen  vor  Krakau  und  vor  den 
Karpatenpässen.  Ein  Stoß  noch  —  und  die  Russen  brechen  durch  Mähren 
gegen  Wien  vor,  das  die  Heeresleitung  schon  mit  Befestigungswerken  um 
gürten  ließ.  Ein  Stoß  noch  —  und  Nikolai  Nikolajewitsch  kann  auf  tsche- 
chischem Boden  ein  böhmisches  Königreich  unter  dem  Zepter  eines 
Romanow  proklamieren.  Ein  Stoß  noch  —  und  die  russischen  Heeressäulen 
wälzen  sich  üb«*r  Ungarn  dem  Balkan  zu.  Die  Furcht  vor  den  Riesen- 
heeren des  Zaren  herrschte  in  Deutschösterreich.  Die  Niederlage  der 
habsburgischen  Armeen  —  sie  bedeutete  nun  die  Verheerung  und  Ver- 
wüstung Deutschösterreichs  durch  die  russischen  Truppen;  sie  bedeutete 
die  Aufrichtung  slawischer  Vasallenstaaten  des  Zaren  bis  hart  vor  die 
Tore  von  Wien,  von  Nürnberg,  von  Dresden;  sie  bedeutete  die  Unterwerfung 
ganz  Osteuropas  von  Petrograd  bis  Zarigrad  unter  den  russischen  Despotis- 
mus. Die  Furcht  vor  dem  Siege  des  Zarats  packte  alle  Klassen  des  deutsch- 
österreichischen  Volkes,  sie  packte  auch  die  deutschösterreichischen 
Arbeitermassen.  Sie  dachten  nicht  an  Serbien  und  nicht  an  Belgien,  nicht 
an  Habsburg  und  nicht  an  Hohenzollern.  Ihre  Wünsche  begleiteten  in  den 
ersten  Kriegsmonaten  die  kaiserliche  Armee,  die  mit  Blutopfern  ohne- 
gleichen die  Heimat  gegen  die  furchtbare  russische  Übermacht  verteidigte. 

In  den  ersten  Kriegsmonaten  stand  die  deutschösterreichische  Sozial- 
demokratie völlig  im  Banne  dieser  Massenstimmung.  Ohne  Vorbehalt  stellte 
sie  sich  an  die  Seite  der  Mittelmächte.  Ohne  Vorbehalt  stellte  sie  ihren 
Einfluß  auf  die  Massen  in  den  Dienst  der  Kriegführung. 

Aber  gegen  die  Mittelmächte  stritt  die  Propaganda  der  Entente,  die  im 
Namen  der  Demokratie,  im  Namen  des  Selbstbestimmungsrechtes 
der  Völker,  im  Namen  des  revolutionären  Nationalitätsprinzips 
der  Habsburgermonarchie  das  Recht  auf  das  Dasein  bestritt.  Gegen  die 
Habsburgermonarchie  stritt  die  Auflehnung  ihrer  slawischen  Völker,  die  es 
als  unerträgliche  Leibeigenschaft,  als  unerträgliche  Seelenqual  empfanden, 

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daß  sie  känipfon  mußlon  für  eine  ihnen  fremde,  ihnen  feindliche  Sache. 
Gegen  die  Habsburtrernionarchie  stritt  die  Talsache,  daß  sie'  gegen  die 
Bürger  des  eigenen  Landes  Krieg  führen  mußte,  nur  mit  den  furchtbaren 
Gewaltmilleln  des  Kriegsabsolulisnms  die  Völker  im  Kampfe  gegen  den 
äußeren  Feind  zusammenzwingen  konnte.  So  war  die  deutschösterreichische 
Sozialdemokratie  vom  ersten  Kriegstag  an  vor  das  österreichische  Staats- 
problem gestellt. 

Die  Zersetzung  Österreichs  durch  die  nationalen  Kämpfe  seit  1897  hatte 
das  Selbstvertrauen  der  österreichischen  Patrioten  schwer  erschüttert.  Daß 
trotz  alledem  die  Mobilmachung  im  Sommer  1914  gelang;  daß  trotz  der 
schweren  Niederlagen  im  September  und  Oktober  1914  immer  noch  ein 
gewaltiges  Heer,  aus  den  Söhnen  von  zehn  Nationen  zusammengesetzt,  in 
den  Karpathen  dem  russischen  Ansturm  standhielt;  daß,  sei  es  auch  nur 
unter  dem  harten  Zwange  des  Kriegsabsolutismus,  die  Nationen  im  Hinter- 
land stumm,  ohne  Auflehnung  die  Opfer  des  Krieges  trugen,  erschien  den 
Patrioten  als  freudige  Überraschung.  „Der  Staatsgedanke  hat  über  das 
Nationalitätsprinzip  gesiegt",  triumphierte  damals  Renner;  die  staats- 
bildende Kraft  des  Nationalitätsprinzips  sei  erschöpft,  die  Neubildung  von 
Nationalstaaten  auf  den  Trümmern  der  Monarchie  sei  zur  „reaktionären 
Utopie"  geworden,  die  Überlegenheit  des  großen  „übernationalen  Staates" 
über  nationale  Kleinstaaten,  die  Notwendigkeit  des  „großen  Wirtschaftsreiches 
der  kleinen  Völker",  das  Interesse  aller  Nationen  des  Habsburgerreiches 
an  ihrer  „Wehr-  und  Wirtschaftsgemeinschaft"  sei  durch  das  Urteil  der  Ge- 
schichte selbst  entschieden.  Forderten  nicht  polnische  Parteien  die  „austro- 
polnische",  südslawische  Parteien  die  „großkroatische  Lösung"?  Habsburg 
selbst  werde,  meinte  Renner,  den  Umbau  des  Reiches  zum  Bundesstaat 
autonomer  Nationen  durchführen  müssen,  um  Polen,  um  Serbien  seinem 
Reich  eingliedern  zu  können.  So  werde  Österreich  im  Sturm  der  Kriegs- 
ereignisse seine  Verfassung  seinem  Wesen  anpassen,  sich  selbst  zu  einer 
„demokratischen  Internationale"  entwickeln.  Nicht  die  Wiederherstellung 
der  alten,  durch  den  Kriegsabsolutismus  zerstörten  Verfassung  sei  die  Auf- 
gabe; Renner  hoffte  auf  ein  Oktroi  des  Kriegsabsolutismus  als  das  In- 
strument der  inneren  Umgestaltung,  der  „Erneuerung  Österreichs".  Da  er 
den  „übernationalen  Staat"  als  eine  höhere,  entwickeltere  Staatsform  be- 
trachtete als  den  Nationalstaat,  trat  er,  ganz  im  Sinne  des  habsburgischen 
Imperialismus,  für  die  „austropolnische  Lösung"  der  polnischen,  für  die 
„großkroatische  Lösung"  der  jugoslawischen  Frage  ein;  die  deutsche  Ein- 
heit suchte  er,  ganz  den  Plänen  des  hohenzollernschen  Imperialismus  ent- 
sprechend, in  der  „mitteleuropäischen  Zoll-  und  Schützengrabengemein- 
schaft" in  Naumanns  Sinne.  Das  mitteleuropäische  Imperium,  unter 
deutscher  Führung  die  kleinen  Nationen  föderierend,  werde  ein  weit 
höheres  soziales  Gebilde  darstellen  als  die  demokratischen  Staaten  des 
Westens.  „Altliberale",  die  noch  an  den  veralteten  „Ideen  von  1789" 
hangen,  mögen  für  die  Demokratie  des  Westens  schwärmen;  Sozialisten 
müßten  sehen,  wie  die  Kriegsnot  die  Mittelmächte  zur  „Durchstaatlichung" 
ihrer  Wirtschaft  und  damit  zu  einer  dem  Sozialismus  ungleich  näheren, 
ihn  vorbereitenden  Wirtschaftsverfassung  zwinge.  In  den  Monaten,  in  denen 
die  Furcht  vor  d°n  Heeren  des  Zaren  die  Massenstimmung  beherrschte,  in 
denen     sich     die  Sozialdemokratie     unter  dem  Eindruck     dieser  Massen- 

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Stimmung  ohne  Vorbehalt  an  die  Seite  der  Mittelmächte  stellte,  für  Krieg 
und  Sieg  der  Mittelmächte  ihren  Einfluß  auf  die  Massen  einsetzte,  lieferte 
Renner  so  der  Stimmung  der  Massen,  der  Haltung  der  Partei  die  Ideologie. 

Aber  im  weiteren  Verlauf  des  Krieges  mußte  diese  österreichisch- 
patriotische Ideologie  in  immer  schrofferen  Gegensatz  gegen  die  Massen- 
stimmung geraten.  Die  Blockade  der  Entente  hat  Österreich  noch  viel 
schwerer  getroffen  als  Deutschland.  Galizien  wurde  durch'  die  rus^^schen 
Armeen  verwüstet,  Ungarn  sperrte  sich  gegen  Österreich  ab;  so  verfiel 
Österreich  in  furchtbare  Lebensmittelnot,  die  die  Rationierungsmaßregeln 
des  bürokratischen  „Kriegssozialismus"  nur  wenig  zu  lindern  vermochten. 
Die  entsetzlichen  Verluste  der  Armee  in  den  ersten  Kriegsmonaten  zwangen 
zu  immer  neuen  „Musterungen";  der  Militarismus  holte  Kinder  von  den 
Schulbänken  und  alte  Männer  zogen  mit  ihren  Söhnen  ins  Feld.  Brutale 
Gewalt  suchte  die  hungernden  Arbeitermassen  der  Kriegsindustrie  zur 
Arbeit  zu  peitschen;  die  Fabriken  wurden  militarisiert,  die  Arbeiter  unter 
Kriegsrecht  gestellt,  militärische  Betriebsleiter  kom.mandierten  in  den  Be- 
trieben. Die  Verfassung  war  sistiert,  das  Parlament  geschlossen,  die  Presse 
geknebelt,  die  Zivilbevölkerimg  der  Blutjustiz  der  Militärgerichte  unter- 
worfen. Die  Massen  hatten  diesen  furchtbaren  Druck  ruhig  ertragen,  so- 
lange sie  noch  die  Furcht  vor  der  russischen  Invasion  beherrschte.  Nach 
dem  Durchbruch  von  Gorlice,  nachdem  die  russischen  Heere  weit  zurück- 
geworfen waren,  hielt  nicht  mehr  die  Furcht  vor  der  fremden  Invasion 
den  Groll  gegen  die  Fortsetzung  des  Krieges  nieder.  Nun  wuchs  die  Er- 
bitterung der  Massen. 

Der  Mann,  der  dieser  Stimmung  der  Massen  Ausdruck  gab,  war  Friedrich 
Adler.  „Wir  haben,"  das  war  sein  leitender  Gedanke,  „in  diesem  Kriege  die 
Pflicht,  als  Sozialdemokraten  zu  handeln,  unsere  sozialdemokratische 
Überzeugung  durchzuhalten."  Der  einzelne  Genosse  mag,  sei  er  nun 
Deutscher  oder  Franzose,  Österreicher  oder  Russe,  auf  dem  Schlachtfelde 
seine  Soldatenpflicht  erfüllen;  die  Partei  aber  darf  sich  nicht  „geistig 
assentieren  lassen",  sie  darf  nicht  zum  Werkzeug  der  Kriegführung  der 
herrschenden  Klassen  werden,  sie  darf  ihre  Sache  weder  mit  der  der 
Mittelmächte  noch  mit  der  der  Entente  identifizieren. 

Renner  glaubte,  in  der  Zeit  des  imperialistischen  Krieges  müsse  sich  das 
Proletariat  auf  die  Seite  des  Imperialismus  des  eigenen  Landes  stellen,  um 
nicht  vom  fremden  Imperialismus  !:;eknechtet  zu  werden.  Adler  forderte, 
das  Proletariat  müsse  in  imvcrsölinlicher  Opposition  gegen  den  Imperia- 
lismus überhaupt  bleiben,  vor  allem  aber  überall  gegen  den  Imperialismus 
des  eigenen  Staates  für  die  Beendigung  des  Krieges,  für  den  Frieden  ohne 
Annexionen  und  Kontributionen  kämpfen. 

Renner  betrachtete  als  Aufgabe  des  proletarischen  Internationalismus 
die  Verteidigung  und  Vergrößerung  des  „übernationalen"  Staatsgebildes. 
Adler  betrachtete  als  Aufgabe  des  proletarischen  Internationalismus  die 
Wiederherstellung  der  internationalen  Kampfgemeinschaft  des  Proleta- 
riats gegen  alle  nationalen  und  „übernationalen"   Imperialismen. 

Renner  forderte  vom  Kriegsabsolutismus  die  Verwaltungsreform  und 
Veriassungsrevision,  die  den  Grund  legen  sollen  zur  Umgestaltung  Öster- 
reichs in  einen  Bundesstaat  der  Völker.  Renner  feierte  die  Militarisierung,  die 
„Durchstaatlichung"  der  Wirtschaft  durch  den  Kriegsabsolutismus  als  den 

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Anfang  ihrer  Sozialisierung.  Adler  dagegen  rief  zum  Kampf  gojrpn  den 
Kriegsabsolulismus  auf.  „In  Österreich  und  Rußland  handelt  es  sich  noch 
gar  nicht  um  die  soziale  Revolution.  Hier  ist  die  bürgerliche  Revolution 
noch  nicht  zum  Siepe  gelangt,  hier  steht  die  Abrechnung  mit  dem  Absolu- 
tismus, die  Verwirklichung  der  Demokratie  noch  aus.  Gegenüber  dem  Ab- 
solutismus ist  zunächst  noch  nicht  die  Herstellung  dos  Sozialismus  nötig, 
sondern  es  ist  die  alte  bürgerliche  Revolution,  deren  Aufgaben  für  Öster- 
reich zu  erfüllen  bisher  versäumt  wurde,  durchzuführen." 

Dem  österreichischen  Slaalsproblem  gegenüber  stellte  sich  Adler  „auf 
den  Standpunkt  der  striktesten  Neutralität".  Er  identifizierte  die  Sache  des 
Proletariats  nicht  mit  der  Sache  der  national-revolutionären  Bewegungen 
der  slawischen  Nationen.  Aber  er  lehnte  es  auch  ab,  gegen  diese  Bewegun- 
gen die  Existenz  Österreichs  zu  verteidigen,  „die  Sache  des  Sozialismus  zu 
kompromittieren  durch  die  zu  enge  Verflechtung  mit  dem  Schicksal  eines 
Staats",  über  den  Wirren  der  Kämpfe  zwischen  Staaten  und  Nationen 
habe  die  internationale  Sozialdemokratie  ihre  besondere  Aufgabe  zu  er- 
füllen, den  Kampf  an  ihrer  Front  zu  führen:  den  Krampf  gegen  den 
Kriegsdespotismus  in  den  Betrieben  für  die  Freiheit  der  Arbeiter,  gegen 
den  Kriegsabsolutismus  im  Staate  für  die  Demokratie,  gegen  den  Krieg  für 
den  Frieden  ohne  Annexionen  und  Kontributionen,  gegen  Kriegsleidenschaft 
und  Kriegshaß  für  die  internationale  Solidarität  des  Proletariats.  Sie  habe 
ihren  Einfluß  auf  die  Massen  nicht  in  den  Dienst  der  Kriegführung  zu 
stellen,  sondern  Kriegsnot  und  Ivriegszerrüttung  zur  Revolutionierung  der 
Massen  auszunützen. 

Friedrich  Adler  scharte  imi  sich  eine  kleine  Gruppe  von  Genossen, 
die  sich  in  dem  Verein  „Karl  Marx"  organisierte  und  in  den  Spalten  des 
,, Kampf",  auf  den  Reichskonferenzen  der  Partei  ihre  Auffassungen  gegen 
die  überwiegende  Mehrheit  der  Partei  verfocht. 

Aber  der  Aktion  der  von  Friedrich  Adler  geführten  „Linken"  standen 
zunächst  unüberwindliche  Hindernisse  im  Weg.  Ihr  fehlte  vor  allem  der 
Boden  des  Parlamentarismus,  auf  dem  sich  im  Deutschen  Reich  die  Aus- 
einandersetzungen in  der  Partei  entwickeln  konnten.  Und  ihrem  Kampf  in 
der  Presse  setzte  die  Zensur  sehr  enge  Schranken.  So  konnte  sie  an  breitere 
Massen  nicht  heran.  Friedrich  Adler  erkannte  immer  deutlicher,  daß,  da  der 
Absolutismus  der  Opposition  alle  Möglichkeiten  legaler  Massenpropaganda 
geraubt  hatte,  nur  noch  eine  außerordentliche  individuelle  Tat  die  Massen 
aufrütteln,  die  latente  Energie  ihres  dumpfen  Grolls  in  bewußte  politische 
Aktion  transformieren  konnte.  Im  Herbst  1916  war  jede  Hoffnung  auf 
nahen  Frieden  geschwunden.  Die  Hungersnot  war  so  unerträglich  geworden, 
daß  im  September  trotz  dem  harton  Kriegsrecht  eine  Bewegung  in  der 
militarisierten  Kriegsindustrie  ausbrach,  die  die  Heeresverwaltung  zwang, 
eine  besonSere  Organisation  für  die  Lebensmittelversorgung  der  Kriegs- 
leistungsbetriebe zu  schaffen.  Die  Erbitterung  gegen  den  Absolutismus  der 
Regierung  Stürgkh  erfaßte  alle  Klassen.  Hochfeudale  Gruppen  des  Herren- 
hauses forderten  die  Einberufung  des  Parlaments;  Stürgkh  lehnte  sie  ab. 
Der  deutschnationale  Präsident  des  Abgeordnetenhauses  berief  die  Ob- 
männer der  Parteien  ein;  Stürgkh  lehnte  die  Teilnahme  an  der  Obmänner- 
konferenz ab.  Uaiversitätsprofessoren  beriefen  eine  Versammlung  ein,  in 
der  die  Präsidenten  des  Abgeordnetenhauses  sprechen  sollten;  Stürgkh  ver- 

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bot  die  Versammlung.  Es.  gab  keine  Möglichkeit  einer  legalen  Opposition 
mehr.  Da  entschloß  sich  Fritz  Adler  zur  Tat.  Am  24.  Oktober  1916  erschoß 
er  den  Ministerpräsidenten. 

Adlers  Tat  war  ein  Wendepunkt  in  der  Geschichte  der  Arbeiterbewegung. 
Den  Massen,  die  in  hoffnungs-  und  tatenloser  Verzweiflung  dahinlebten, 
war  er  ein  Held,  der  sein  Leben  geopfert,  um  ihre  Leiden  zu  rächen.  Der 
Eindruck  der  Tat  verstärkte  sich,  als  ihr  unmittelbarer  Erfolg  erkennbar 
wurde:  das  System  Koerbers,  der  Stürgkh  folgte,  lockerte  den  Kriegs- 
absolutismus, es  stellte  der  Diktatur  Tiszas  im  Reiche  stärkeren  Wider- 
stand entgegen,  es  gab  Hoffnung  auf  die  Einberufung  des  Parlaments.  Der 
Arbeitertag  am  5.  November  1916,  von  der  Partei  und  den  Gewerkschaften 
einberufen,  konnte  endlich  die  Greuel  des  militärischen  Despotismus  in  den 
Kriegsindustriebetrieben  enthüllen  und  damit  den  erschütternden  Motiven- 
bericht zu  Adlers  Tat  liefern.  Wenige  Wochen  später  folgte  die  russische 
Märzrevolution.  Sie  revolutionierte  auch  in  Deutschösterreich  das  Denken 
der  Massen.  Die  Furcht  vor  dem  russischen  Zarismus  ward  nun  von  der 
Begeisterung  für  die  russische  Revolution  abgelöst.  Gegen  den  Zaren  hatte 
man  sich  gewehrt;  gegen  die  Revolution  wollte  man  nicht  Krieg  führen.. 
Und  mit  dem  Kampf  um  den  Frieden  verknüpfte  sich  der  Kampf  um  die 
Demokratie;  nun  standen  die  Mittelmächte  auch  im  Osten  wie  früher  schon 
im  Westen  demokratischen  Gemeinwesen  gegenüber;  ihr  Krieg  war  nur 
noch  der  Krieg  halbfeudaler  Militärmonarchien  gegen  die  Demokratie.  Die 
Bewegung  in  den  Massen  fand  ihren  Ausdruck  in  immer  häufigeren  Streiks 
in  den  Kriegsindustriebetrieben,  die  der  Militarismus  mit  allen  seinen  Ge- 
waltmitteln nicht  mehr  zu  verhindern  vermochte;  die  Verordnung  vom 
18.  März  1917,  die  die  Arbeitsverhältnisse  in  der  Kriegsindustrie  neu  regelte, 
den  industriellen  Kriegsabsolutismus  lockerte,  war  die  erste  Kapitulation 
des  Absolutismus  vor  der  Massenbewegung.  Am  18.  und  19.  Mai  1917  fand 
vor  dem  Ausnahmegericht  die  Verhandlung  gegen  Friedrich  Adler  statt. 
Die  offene  revolutionäre  Sprache,  die  Adler  zum  ersten  Male  vor  den 
Schranken  des  Gerichtes  sprechen  konnte,  fand  in  den  Massen  leiden- 
schaftlichen Widerhall;  und  weit  über  die  Reihen  der  Arbeiterklasse 
hinaus  wirkte  und  warb  das  in  der  Gerichtsverhandlung  enthüllte  Bild 
seiner  Persönlichkeit,  in  der  sich  kritisches,  undogmatisches,  vom  Geiste 
inodernen  Relativismus  genährtes  Denken  mit  unbedingter,  zur  höchsten 
Selbstaufopferung  gesteigerter  Treue  zum  eigenen  Prinzip,  zum  eigenen 
politisch-moralischen  Charakter,  zur  sittlichen  Pflicht,  intellektueller 
Relativismus  und  ethischer  Absolutismus  so  seltsam  verknüpft  zeigten. 
Wenige  Tage  später,  am  30.  Mai  1917,  trat  endlich  nach  dreijähriger 
Unterbrechung  das  Parlament  wieder  zusammen.  Es  nahm  sofort  den 
Kampf  gegen  den  Terror  der  Militärgewalten  auf.  Die  Mehrheit,  aus  den 
Sozialdemokraten  und  den  Vertretern  der  slawischen  Nationen  zusammen- 
gesetzt, verweigerte  den  §-14-Verordnungen  über  die  Aufhebung  der  Ge- 
schwornengerichte  und  über  die  Unterstellung  von  Zivilpersonen  unter  die 
Militärgerichtsbarkeit  die  Genehmigung  und  entriß  dadurch  der  Schreckens- 
herrschaft des  Militarismus  seine  furchtbarste  Waffe;  Austerlitz  hatte 
diesen  Sieg  über  die  Militärjustiz  durch  die  Enthüllung  ihrer  Justizmorde 
in  der  „Arbeiter-Zeitung"  wirksam  vorbereitet.  Mit  der  Wiederherstellung 
der  Verfassung  war  die  Möglichkeit  der  Massenpropaganda  und  Massen- 

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aklion  wiedergewonnen,     das     zwei  Jahre  lang     durch  den  militärischen 
Terror  niedergehaltene  Selbstbewußtsein  der  Massen  mächtig  gestärkt. 

Im  Verlaufe  aller  dieser  Ereignisse,  unter  dem  Drucke  der  sich  wan- 
delnden Massenstimmung  hatte  sich  die  Haltung  der  Partei  zwar  nur  all- 
mählich, nur  schrittweise,  aber  vollständig  verändert.  Der  Parteitag,  der 
vom  19.  bis  zum  2i.  Oktober  1917  in  Wien  tagte,  gab  dieser  Entwicklung  den 
Abschluß.  Die  „Erklärung  der  Linken"  faßte  noch  einmal  die  Anklagen 
gegen  die  Haltung  der  Partei  in  den  ersten  Kriegsjahren  zusammen.  Die 
Abwehr  der  Mehrheit  war  nur  noch  ein  Rückzugsgefecht.  Dem  Parteitag 
folgten  große  Massenkundgebungen  gegen  den  Krieg  und  für  die  russische 
Revolution.  Das  Bild  der  „Arbeiter-Zeitung"  veränderte  sich  vollständig. 
Austerlitz  führte  nun  in  der  „Arbeiter-Zeitung"  den  Kampf  für  einen  demo- 
kratischen Verständigungsfrieden  gegen  den  österreichisch-ungarischen  und 
vor  allem  gegen  den  deutschen  Imperialismus;  seit  den  Tagen  von  Brest- 
Litowsk  rückte  die  „Arbeiter-Zeitung"  von  den  reichsdeutschen  Mehrheits- 
sozialisten ab.  Hatte  schon  die  Stockholmer  Konferenz  im  Sommer  1917  in 
den  Massen  die  Hoffnung  geweckt,  daß  der  Sozialismus  den  Frieden  bringen 
werde,  so  wurde  die  Partei  nun,  dank  der  entschlossenen  Wendung,  die 
sie  gemacht,  zur  Wortführerin  der  Friedenssehnsucht  der  kriegsmüden 
Massen  an  der  Front  und  im  Hinterlande,  ihr  Einfluß  wuchs  daher  weit 
über  ihre  alten  Kaders  hinaus,  sie  erwarb  so  das  Vertrauen,  die  Autorität, 
die  Kraft,  die  sie  befähigten,  in  der  nahenden  Revolution  die  Führung  zu 
übernehmen. 

Aber  nicht  nur  in  der  Sozialdemokratie,  auch  in  den  Reihen  der  herr- 
schenden Klassen  hatte  sich  1917  schon  eine  tiefe  Wandlung  vollzogen. 
Alter  Gegensatz,  in  den  ersten  Kriegsjahren  überbrückt,  klaffte  wieder  auf: 
der  Gegensatz  zwischen  dem  Deutschtum  und  dem  österreichertum  wurde 
wieder  lebendig. 

An  der  Front  hatte  es  begonnen.  Der  preußische  Offizier  ließ  es  den 
österreichischen  Kameraden  fühlen,  daß  deutsche  Divisionen  nach  jeder 
österreichischen  Niederlage  den  schwachen  Bundesgenossen  retten  mußten; 
preußischer  Hochmut  reizte  das  österreichische  Selbstgefühl.  Eifersüchteleien 
zwischen  der  deutschen  Obersten  Heeresleitung  und  dem  k.  u.  k.  Armee- 
oberkommando, Streit  zwischen  den  beiden  Diplomatien  um  das  Trentino, 
um  Polen,  um  „Mitteleuropa"  verschärften  den  Gegensatz.  Der  Kampf  um 
den  Frieden  ließ  ihn  offenbar  werden. 

Die  Tat  Friedrich  Adlers,  der  Ausbruch  der  russischen  Revolution,  die 
Maideklarationen  der  Tschechen  und  der  Südslawen  im  Parlament  hatten 
den  Wiener  Hof  eingeschüchtert.  Er  sah,  wie  nach  der  russischen  Revo- 
lution unter  Tschechen,  Polen,  Südslawen  die  Bewegung  für  den  Abfall  vom 
Reiche  erstarkte.  Er  sah  die  revolutionäre  Gärung  in  den  deutschöster- 
reichischen Arbeitermassen.  Der  Wiener  Hof  erkannte,  daß  nur  schneller 
Friedensschluß  das  Reich  noch  retten  konnte.  Durch  das  Jahr  1917  ziehen 
sich  die  Versuche  des  Wiener  Hofes,  durch  geheime  Verhandlungen  zu 
schnellem  Frieden  mit  der  Entente  zu  gelangen  und  den  deutschen  Bundes- 
genossen zu  schnellem  Friedensschluß  mit  der  Entente  zu  bewegen. 

Noch  war  Habsburg  nicht  bereit,  dem  Frieden  schwere  Opfer  zu  bringen. 
Wohl  bot  Czernin  im  April  1917  dem  Deutschen  Reich  die  Angliederung 
Polens  samt  Galizien  an,  um  es  zur  Abtretung  Elsaß-Lothringens  an  Frank- 

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reich  zu  bewegen;  aber  er  entwertete  das  Angebot  sofort,  indem  er  für  den 
Erzherzog  Karl  Stephan  die  pchiische  Königskrone  verlangte.  Wohl  er- 
klärte sich  im  Mai  1917  Kaiser  Karl  bereit,  das  Trentino  an  Italien  abzu- 
treten; aber  er  verlangte  als  Preis  dafür  die  Abtretung  italienischer  Kolonien. 
Wohl  wiederholte  im  Mai  1917  Czernin  das  Angebot  an  Deutschland,  ihm 
Polen  und  Galizien  zu  überlassen;  aber  diesmal  verlangte  er  als  Preis  dafür 
die  Angliederung  Rumäniens  an  die  Monarchie.  Je  schwerer  aber  die  Wirt- 
schaftsnot in  der  Monarchie  wurde,  je  drohender  die  revolutionäre  Bewe- 
gung ihrer  Völker,  desto  mehr  wuchs  Habsburgs  Friedenssehnsucht;  desto 
eher  war  der  Kaiser  bereit,  selbst  mit  schweren  Opfern  den  Frieden  zu 
erkaufen,  um  seinen  Thron  zu  retten.  Aber  in  Berlin  stieß  er  auf  ein 
starres  Nein.  Die  deutschen  Generale,  die  die  Politik  des  Reiches  be- 
stimmten, hofften  noch  auf  den  Sieg.  Sie  wollten  nicht  nur  von  der  Ab- 
tretung Elsaß-Lothringens  an  Frankreich  nichts  hören;  sie  sprachen  noch 
von  der  Annexion  Lüttichs,  von  der  Kontrolle  der  flandrischen  Küste,  von 
der  Angliederung  der  russischen  Randvölker.  In  Wien  wuchs  die  Erbitterung 
gegen  die  deutschen  Generale,  die  den  rechtzeitigen  Friedensschluß,  der 
allein  die  Monarchie  retten  konnte,  verhinderten.  Der  Wiener  Hof  begann 
die  Trennung  von  Deutschland  und  einen  Sonderfrieden  mit  der  Entente  zu 
erwägen. 

'Zum  Sonderfrieden  drängten  die  Kaiserin,  die  in  französischen  Tradi- 
tionen erzogene,  Deutschland  hassende  Familie  Parma-Bourbon.  Zum 
Sonderfrieden  rieten  magyarische  Diplomaten  und  kroatische  Generale. 
Bi^^marcks  Satz,  keine  große  Nation  werde  „je  zu  bewegen  sein,  ihr  Be- 
stehen auf  dem  Altar  der  Vertragstreue  zu  opfern",  wurde  am  Hof  das 
beliebteste  Zitat.  Der  Kaiser  schwankte.  Aber  schließlich  wagte  er  doch 
den  Sonderfrieden  nicht.  Er  fürchtete  die  Auflehnung  der  Deutschöster- 
reicher. Er  fürchtete  vor  allem  die  deutschen  Generale.  Er  fürchtete,  daß 
Deutschland  den  Sonderfrieden  mit  dem  Einfall  seiner  Heere  in  das  Gebiet 
der  Monarchie  beantworten  werde.  Schon  im  März  1917  hatte  der  Prinz 
Sixtus  von  Parma  dem  Kaiser  für  diesen  Fall  die  Waffenhilfe  der  Entente 
gegen  Deutschland  zugesichert.  Im  November  1917  urteilte  Czernin  über  die 
Wirkungen  eines  Sonderfriedens:  „Die  deutschen  Generale  werden  nicht 
so  dumm  sein,  zu  warten,  bis  die  Entente  über  Österreich  na,ch  Deutschland 
einfällt,  sondern  dafür  sorgen,  daß  Österreich  zum  Kriegsschauplatz  wird. 
Wir  beenden  also  damit  den  Krieg  nicht,  wir  wechseln  bloß  den  Gegner 
und  liefern  einzelne  bisher  noch  hievon  verschonte  Provinzen,  so  Tirol 
und  Böhmen,  der  Kriegsfurie  aus,  um  schließlich  doch  zertrümmert  zu 
werden."  Nach  der  russischen  Oktoberrevolution,  nachdem  die  Auflösung 
des  russischen  Heeres  die  große  deutsche  Ostarmee  freigesetzt  hatte,  war 
diese  Gefahr  unzweifelhaft  sehr  ernst. 

So  scheiterten  alle  Friedensbemühungen.  Aber  sie  hatten  ein  folgen- 
schweres Nachspiel.  Im  April  1918  deckte  Clemenceau  das  Geheimnis  der 
durch  den  Prinzen  Sixtus  geführten  Friedensverhandlungen  auf.  In  dem 
Augenblick,  in  dem  die  deutsche  Armee  an  der  Westfront  zu  dem  zweiten 
gewaltigen  Offensivstoß  eingesetzt  hatte,  von  dem  die  Deutschnationalen 
den  Durchbruch  nach  Paris  und  Calais,  den  endgültigen  Sieg  erhofften,  in 
diesem  Augenblick  erfuhr  Deutschösterreich,  daß  der  Kaiser  mitten  im 
Krieg  durch  seinen  im  feindlichen  Heere  dienenden  Schwager  ,,das  tapfere 

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französiselio  Hocr"  seiner  SympaUiicn  versichert  und  hinter  Deutschlands 
Rücken    seinen    Schwager    ermächtigt    hatte,    „Plerrn    Poincarö,    dem    Prä- 
sidenten der  französischen  Repubhk,  mitzuteilen,  daß  ich  mit  allen  Mitteln 
und  mit  Anwendung    meines  ganzen  persönlichen  Einflusses    bei    meinen 
Verbündeten     die     gerechten     Rückforderungsansprüche     l'>ankreichs     auf 
Elsaß-Lothringen   unterstützen    werde".   Alle   deutsch    Gesinnten    im   öster- 
reichischen Bürgertum  lehnten  sich  wild  auf.  Sie  waren  mit  dem  Kaiser 
unzufrieden,   als   er  nach    der   russischen   Revolution   die   „Belange"   nicht 
zu   oktroyieren    wagte.    Sie   waren    erbittert,    als   er,   in    der   Zeit   der   Be- 
mühungen um  den   Frieden,  den  tschechischen  „Hochverrätern"  Amnestie 
gewährte.    Jetzt,  da  des  Kaisers  Brief  an    den  Bourbonen    bekannt    vv^urde, 
erschien  ihnen  der  Kaiser  nur  noch  als  Verräter,  an  dem  deutschen  Bundes- 
genossen, der  seit  vier  Jahren  aber-  und  abermals  mit  deutschen  Blutopfern 
das  geschlagene  österreichische  Heer  gerettet  hatte.  Mißtrauen,  Verachtung, 
Haß  gegen  den  Kaiser  beherrschten  jetzt  das  deutschnationale  Bürgertum.' 
Ganz  anders  urteilten  die  altösterreichisch  Gesinnten.  Auch  sie  mochten 
•des   Kaisers   Methoden   für  falsch   halten.   Sein   Ziel   aber   hielten   sie   für 
richtig.  Daß  nur  schneller  Friede,  und  sei  es  selbst  ein  Sonderfriede,  das 
Reich  retten  könne,  daß  sich  Österreich  von  Deutschland  trennen,  sich  der 
Entente  in  die  Arme  werfen,  sich  in  einen  Bundesstaat  autonomer  Nationen 
umbilden   müsse,   um    nicht   gänzlich   zu   zerfallen,   war   auch   ihre   Über- 
zeugung. So  entstand  ein  ganz  eigenartiger  österreichischer  Pazifismus,  in 
dem  sich  menschlicher  Abscheu  vor  dem  Kriege  und  pazifistischer  Glaube 
■an  Wilsons  Friedensbotschaft  mit  altösterreichischem  Patriotismus  und  alt- 
<)sterreichischem  Preußenhaß.  mit  der  Sorge  um  die  Existenz  der  Monarchie 
und  der  Furcht  vor  der  nationalen  und  der  sozialen  Revolution  vermengten. 
Lammasch'  Persönlichkeit  gab  dieser  pazifistischen   Strömung  Bedeutung. 
Drüben  die  Deutschnationalen,  die  immer  noch  auf  den  Sieg  der  deut- 
•schen    Waffen    hofften,    immer    noch    bis    zu    dem     Deutschlands    Macht 
mehrenden   Siegfrieden   durchhalten   wollten.   Hüben   einerseits   der   patrio- 
tische Pazifismus,  anderseits  die  Sozialdemokratie,  die  beide  den  Frieden, 
heide    die    innere    Umbildung    Österreichs    zu    einem    Bundesstaat  .freier 
Völker   forderten.    Einen  Augenblick    lang   traten   dem   Alldeutschtum    das 
pazifistische  Altösterreichertum  und  die  Sozialdemokratie  vereint  entgegen. 
Als  Lammasch  im  Herrenhause  den  Schönburg  und  Pattai  tapfer  entgegen- 
trat, jubelten  ihm  die  Arbeitermassen  zu.  Aber  die  Allianz  zwischen  dem 
patriotischen  Pazifismus  und  der  Sozialdemokratie   währte  nicht  lang.   Sie 
wurde  gelöst  durch  die  weitere  innere  Entwicklung   der  Sozialdemokratie. 
Die  „Linke"  hatte  in  den  Jahren  1914  bis  1917  ihre  Aufgabe  innerhalb 
der  deutschösterreichischen  Sozialdemokratie  erst  zur  Hälfte  erfüllt.  Vor- 
erst war  es  nur  ein  demokratischer  Pazifismus,  der  in  der  Partei  obsiegt 
hatte.  Nun  galt  es,  die  Partei  vom  bloßen  Pazifismus  zur  Erkenntnis  ihrer 
revolutionären  Aufgaben  weiterzuführen. 

Im  Herbst  1917  war  es  uns  klar:  Kommt  der  Friede  nicht  bald,  dann 
endet  der  Krieg  mit  der  Revolution.  Und  auch  den  Inhalt  dieser  Revolution 
konnte  jeder,  der  die  innere  Entwicklung  der  nationalen  Bewegungen  der 
Tschechen,  der  Polen,  der  Südslawen  im  Jahre  1917  beobachtet  hatte,  vor- 
aussagen: zerbricht  die  Revolution  den  Herrschaftsapparat,  der  die 'zehn 
Nationen   im  Gehorsam   hält,   dann  werden   Tschechen,  Polen,   Südslawen 


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von  Österreich-Ungarn  abfallen,  wird  Österreich-Ungarn  zerfallen.  Nicht 
das  war  die  Frage,  ob  die  deutschösterreicliische  Arbeiterscliaft  wünsche, 
daß  das  Reich  zerfällt;  die  Frage,  die  wir  zu  beantworten  hatten,  war  viel- 
mehr, wie  sich  die  deutschösterreichische  Arbeiterschaft  verhalten 
solle,  wenn  Tschechen,  Polen,  Südslawen  das  Reich  zerfallen. 

Wir  forderten  seit  1899  die  Umbildung  Österreichs  zu  einem  Bundes- 
staat freier  Nationen.  Im  Verlaufe  des  Krieges  war  es  klar  geworden,  daß 
sich  Tschechen,  Polen,  Südslawen  mit  dieser  Lösung  ihres  nationalen 
Problems  nicht  mehr  begnügen  werden,  wenn  die  Revolution  ausbricht; 
daß  sie  in  der  Revolution  um  ihre  volle  nationale  Unabhängigkeit  kämpfen 
werden.  Unser  Problem  war:  Kann  sich  die  deutschösterreichische  Sozial- 
demokratie der  nationalen  Revolution  der  slawischen  Völker  entgegen- 
stellen? Soll  sie,  wenn  erst  die  Revolution  kommt,  die  Nationen,  die  ihre 
volle  Freiheit  fordern,  zu  zwingen  versuchen,  daß  sie  sich  mit  der  Auto- 
nomie innerhalb  Österreichs  bescheiden? 

Das  Brünner  Nationalitätenprogramm  war  eine  revolutionäre  Parole, 
als  wir  es  1899  dem  Zentralismus  der  deutscliösterreichischen  Bourgeoisie 
und  dem  Kronländerföderalismus  des  Feudaladels  entgegenstellten.  Es  war 
eine  revolutionäre  Parole,  als  wir  es  1908  bis  1914  dem  kriegerischen  Im- 
perialismus entgegenschleuderten.  Es  mochte  allenfalls  noch  für  eine 
revolutionäre  Parole  gelten,  als  die  Partei  es  1915  und  1916  der  Oktroi- 
politik,  den  „Belangen"  der  deutschösterreichischen  Bourgeoisie  entgegen- 
warf. 1917  aber  war  es  schon  klar:  Kommt  die  Revolution,  dann  wird  die 
Umbildung  der  Monarchie  zu  einem  Bundesstaat  autonomer  Nationen  zui- 
Parole  der  Konterrevolution  werden;  zu  dem  Programm,  das  die  Dynastie, 
die  deutschösterreichische  Bourgeoisie,  die  magyarische  Gentry  den  Nationen, 
die  um  ihre  vollständige  Befreiung  kämpfen,  entgegenstellen  werden.  Unsere 
Frage  war:  Soll  sich  die  deutschösterreic bische  Arbeiterklasse  in  der 
nahenden  Revolution  an  die  Seite  der  Dynastie,  der  deutschösterreichischen 
Bourgeoisie,  der  magyarischen  Gentry  gegen  die  ihr  uneingeschränktes 
Selbstbestimmungsrecht  fordernden  Nationen  stellen? 

Wir  erwogen:  Schlägt  die  Stunde  der  Revolution,  dann  kann  nur  noch 
konterrevolutionäre  Gewalt  die  Nationen  dem  Verband  des  österreichisch- 
ungarischen Staatswesens  wieder  einfügen.  Aber  konterrevolutionäre  Gewalt 
kann  nicht  einen  demokratischen  Bundesstaat  freier  Völker  aufrichten,  sie 
kann  nur  mit  den  Mitteln  der  Gewalt  die  niedergeworfenen  Völker  zu- 
sammenhalten. Siegt  die  Revolution,  so  wird  Österreich  nicht  zu  einem 
Bundesstaat  freier  Völker  werden,  sondern  zerfallen.  Siegt  die  Konter- 
revolution, so  wird  sie  nicht  einen  Bundesstaat  freier  Völker  aufrichten 
können,  sondern  nur  eine  despotische  Gewaltherrschaft,  die  mit  den  nieder- 
geworfenen Nationen  auch  die  deutschösterreichischen  Arbeitermassen 
despotisch  niederhalten  wird. 

Unsere  Erwägungen  führten  zu  dem  Schluß:  Kommt  die  Revolution,  so 
dürfen  wir  nicht  Arm  in  Arm  mit  den  konterrevolutionären  Mächten,  mit 
der  Dynastie,  mit  der  deutschösterreichischen  Bourgeoisie,  mit  der  magyari- 
schen Gentry  die  Existenz  Österreichs  gegen  die  revolutionären  Nationen 
verteidigen.  Wir  müssen  das  uneingeschränkte  Selbstbestimmungsrecht  der 
slawischen  Nationen  anerkennen.  Und  müssen  aus  dieser  Anerkennung 
unseren    Schluß    ziehen:    Erkennen    wir    das    Selbstbestimmungsrecht   der 

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slawischen  Nationen  an.  so  nuissrn  wir  dasselbe  Selbsthestimmnngsrecht 
für  das  deulschösterreichische  Volk  fordern.  Verwirklichen  die  slawischen 
Nationen  ihre  Einheit  und  Freiheit  in  neuen  Nationalstaaten,  so  müssen 
wir  die  Einheit  und  Freiheit  des  deutschen  Volkes  zu  verwirklichen  ver- 
suchen durch  den  Anschluß  Deutschösterreichs  an  Deutschland.  Sprengt 
die  nationale  Revolution  der  slawischen  Nationen  das  Ijeich,  so  müssen 
wir  die  revolutionäre  Krise  ausnützen  für  die  Sache  der  sozialen  Revo- 
lution; müssen  wir  auch  auf  unserem  Boden  die  Dynastie  stürzen,  die 
demokratische  Republik  aufrichten,  auf  dem  Boden  der  demokratischen 
Republik  den  Kampf  um  den  Sozialismus  beginnen. 

Wollten  wir  also  die  Partei  zur  Erfüllung  ihrer  Aufgaben  in  der  nahen- 
den Revolution  geistig  vorbereiten,  so  mußten  wir  den  Einfluß  der  Lehre 
Renners  von  der  Notwendigkeit  und  Überlegenheit  des  „übernationalen 
Staates"  brechen,  die  Massen  zur  bedingungslosen  Anerkennung  des  Selbst- 
bestimmungsrechtes der  Völker  erziehen,  das  Brünner  Nationalitäten- 
programm von  1899  überwinden,  auf  die  alte  Tradition  der  republikanischen 
Demokratie,  ihre  Tradition  von  1848  her,  zurückgreifen,  daß  die  Aufgabe 
der  österreichischen  Revolution  die  Auflösung  des  österreichischen  Staates 
selbst,  die  Aufrichtung  freier  Nationalstaaten  auf  seinen  Trümmern  sein 
werde. 

Ich  hatte  schon  vor  dem  Kriege,  schon  seit  der  Annexians- 
krise,  im  „Kampf"  die  Auffassung  vertreten,  daß  der  nahende 
Krieg  das  revolutionäre  Nationalitätsprinzip  wieder  auf  die  Tages- 
ordnung der  Geschichte  setzen  werde.  Als  ich  im  September  1917 
aus  der  russichen  Kriegsgefangenschaft  heimkehrte,  begann  ich 
die  Propaganda  dieses  Gedankens.  Freilich,  wollten  wir  öffentlich  zu  den 
Massen  sprechen,  so  mußten  wir  innerhalb  der  Schranken  bleiben,  die  die 
Preßzensur  uns  setzte.  Wir  konnten  also  nicht  offen  von  der  Revolution 
sprechen,  sondern  mußten  sie  als  ,, vollen  Sieg  der  Demokratie",  als  „Ein- 
berufung konstituierender  Nationalversammlungen"  umschreiben;  wir 
konnten  nicht  offen  die  Auflösung  Österreichs  proklamieren,  sondern  sie 
nur  umschreiben  durch  die  Forderung,  daß  den  Nationen  nur  diejenigen 
Angelegenheiten  gemeinsam  bleiben  sollen,  die  sie  durch  freie  Vereinbarung 
als  gemeinsam  feststellen.  So  fügte  ich  schon  in  die  „Erklärung",  die  die 
„Linke"  auf  dem  Oktoberparteitag  1917  verfocht,  den  folgenden,  gegen 
Renner  polemisierenden  Satz  ein: 

„Wie  das  soziale  Prcblem  nicht  in  bloßer  Verwaltungsarbeit  gelöst  werden 
kann,  sondern  nur  durch  die  Eroberung  der  politischen  Macht  durch  das  Prole- 
tariat, so  kann  auch  das  nationale  Problem  nicht  durch  ein  paar  Verwaltungs- 
gesetze gelöst  werden,  sondern  nur  durch  den  vollen  Sieg  der  Demo- 
kratie. Nicht  die  Kreisverwaltung  kann  unsere  Losung  sein  im  Kampfe  für 
die  nationale  Autonomie,  sondern  nur  die  Einberufung  Konstituieren- 
der Nationalversammlungen  der  einzelnen  Nationen,  von 
denen  jede  die  Verfassung  und  die  Verwaltungsorganisation  ihrer  Nation 
souverän  festsetzt  und  die  Besorgung  der  gemeinsamen  Angelegenheiten  mit 
den  anderen  Nationen  vereinbar  t." 

Aber  diese  Gedankengänge  waren  der  Partei  noch  imi  Oktober  1917  so 
wenig  vertraut,  daß  sie  von  dem  Parteitag  überhaupt  nicht  verstanden 
wurden.  Derselbe  Parteitag,  der  vor  den  Auffassungen  der  „Linken"  über 
die   Stellung   der   Partei   zum    Kriege    zurückwich,    nahm    eine    Resolution 

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Renners  an,  die  eine  demokratische  Verwaltungsreförm  als  Grundlage  der 
Umgestaltung  Österreichs  in  einen  NationaUtätenbundesstaat  forderte,  ohne 
daß  auch  nur  die  auf  dem  Parteitag  anwesenden  Vertreter  der  „Linken" 
dagegen  Einspruch  erhoben  hätten.  Erst  die  Ereignisse  des  Jänner  1918 
machten  die  deutschösterreichische  Arbeiterschaft  mit  dem  Gedanken  des 
Selbstbestimmungsrechtes  der  Nationen  vertraut. 

In  Brest-Litöwsk  verhandelten  die  Vertreter  der  Mittelmächte  mit  der 
Delegation  der  Sowjetrepublik  über  den  Frieden.  Gegen  alle  die  „Anglie- 
derungs"-Pläne  des  deutschen  und  des  österreichischen  Imperialismus  ver- 
focht Trotzki  das  Selbstbestimmungsrecht  Polens,  Litauens  und  Kurlands. 
Am  12.  Jänner  schlug  der  General  Hoffmann  mit  der  Faust  drohend  auf 
den  Verhandlungstisch;  die  Protestversammlungen,  die  die  Partei  am 
folgenden  Tage  in  Wien  veranstaltete,  zeigten  die  leidenschaftliche  Erregung 
der  Massen  über  den  imperialistischen  Vorstoß  der  deutschen  Obersten 
Heeresleitung  gegen  die  Sowjetrepublik.  Die  Erbitterung  über  die  Ver- 
schleppung der  Friedensverhandlungen  wurde  durch  eine  schwere  Krise 
des  Ernährungsdienstes  verschärft.  Als  am  14.  Jänner  1918  die  Mehlration 
auf  die  Hälfte  herabgesetzt  wurde,  traten  die  Arbeiter  in  Wiener-Neustadt 
in  den  Streik.  Am  folgenden  Tage  griff  der  Streik  auf  Ternitz,  Wimpassing, 
Neunkirchen,  das  Triestingtal  und  St.  Polten  über.  Die  Bewegung  breitete 
sich  ungeregelt  von  Betrieb  zu  Betrieb,  von  Ort  zu  Ort  aus.  Der  Partei- 
vorstand beschloß,  sie  zu  vereinheitlichen  und  ihr  ein  politisches  Ziel  zu 
geben.  Am  16.  Jänner  veröffentlichte  die  „Arbeiter-Zeitung"  ein  Manifest 
der  Parteivertretung,  das  erklärte,  das  Volk  wolle  nicht  „den  Krieg  gegen 
Rußland  zu  dem  Zweck  weiterführen,  damit  der  Kaiser  von  Österreich 
zum  König  von  Polen  gewählt  werde  und  damit  der  König  von  Preußen 
wirtschaftlich  und  militärisch  über  Kurland  und  Litauen  verfüge".  Das 
Manifest  schloß  mit  den  Worten: 

„Darum  fordern  wir  euch.  Arbeiter  und  Arbeiterinnen,  auf,  überall  und  immer 
wieder  laut  und  nachdrücklich  eure  Stimme  zu  erheben  und  mit  uns  zu  kämpfen: 

Für  die   schleunigste  Beendigung  des   Krieges! 

Für  den  Frieden  ohne  offene  und  ohne  verhüllte  Eroberungen! 

Für  den  Frieden  auf  der  Grundlage  des  unverfälschten  Selbstbeslimmungs- 
rechtes  der  Völker!" 

Es  zeugte  von  der  tiefen  Wandlung,  die  sich  bereits  vollzogen  hatte,  daß 
die  Parteivertretung  dieses  Manifest  erließ  und  daß  die  Zensur  es,  einer 
von  Viktor  Adler  und  Seitz  dem  Ministerpräsidenten  Seidler  aufgezwungenen 
Weisung  gemäß,  nicht  mehr  zu  unterdrücken  wagte.  Der  niederöster- 
reichische Streik  hätte  wohl  auch  ohne  dieses  Manifest  Wiener  Betriebe 
mitgerissen;  das  Manifest  aber  vereinheitlichte  die  ganze  Bewegung.  Am 
16.  Jänner  trat  die  ganze  Wiener  Arbeiterscha.c  in  den  Streik.  Am  17.  und 
18.  Jänner  wurden  auch  die  oberösterreichischen  und  die  steirischen  Indu- 
striegebiete von  der  Bewegung  erfaßt.  Am  18.  Jänner  trat  auch  die  unga- 
rische Arbeiterschaft  in  den  Ausstand.  Die  Riesenmasse  der  Streikenden, 
die  wilde  revolutionäre  Leidenschaft  ihrer  Massenversammlungen,  die  Wahl 
der  ersten  Arbeiterräte  in  den  Streikversammlungen  —  all  das  gab  der  Be- 
wegung grandiosen  revolutionären  Charakter  und  weckte  in  den  Massen  die 
Hoffnung,  den  Streik  unmittelbar  zur  Revolution  steigern,  die  Macht  an 
sich  reißen,  den  Frieden  erzwingen  zu  können. 

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Das  war  nun  froüich  eine  Illusion.  Den  mililärischcn  Kommanden 
gelang  es,  sehr  schnell  bedeutende  Streitkräfte  in  die  Streikgebicte  zu 
werfen:  durchwegs  rumänische,  ruthenische,  bosnische  Truppen,  mit  denen 
sich  die  streikenden  Arbeiter  nicht  verständigen  konnten,  eingeschüchterte 
junge  Rekruten,  die  fest  in  der  Hand  ihrer  Führer  waren.  Es  unterlag 
keinem  Zweifel,  daß  diese  Truppen  stark  und  verläßlich  genug  waren,  jeden 
Versuch  der  Massen,  den  Streik  zu  revolutionärem  Gewaltakt  weiterzu- 
treiben,  blutig  niederzuwerfen. 

Aber  selbst  wenn  der  österreichische  Militarismus  über  die  Abwehr- 
kräfte  gegen  eine  revolutionäre  Erhebung  nicht  mehr  verfügt  hätte,  wäre 
im  Jänner  1918  nicht  möglich  gewesen,  was  im  Oktober  1918  möglich 
geworden  ist.  Denn  eben  damals,  in  den  Tagen  von  Brest-Litowsk,  war  der 
deutsche  Imperialismus  auf  dem  Höhepunkt  seiner  Macht.  Die  russische 
Armee  hatte  sich  seit  der  Oktoberrevolution  vollständig  aufgelöst.  Das 
Riesenheer  der  deutschen  Ostfront  war  verfügbar  geworden.  Eine  Million 
Mann  konnte  der  deutsche  Militarismus  in  den  folgenden  Wochen  vom 
Osten  nach  dem  Westen  werfen.  In  dem  Augenblick,  in  dem  der  deutsche 
Imperialismus  über  eine  größere  Reservearmee  verfügte  als  jemals  vorher 
oder  nachher  während  des  ganzen  Krieges,  hätte  die  österreichische  Revo- 
lution nichts  anderes  bewirken  können  als  die  Invasion  Österreichs  durch 
die  deutschen  Heere.  Deutsche  Armeen  hätten  Österreich  besetzt,  wie  sie 
kurze  Zeit  später  unvergleichlich  größere  Gebiete  in  Rußland  und  der 
Ukraine  besetzt  haben,  und  hätten  die  österreichische  Revolution  nieder- 
geworfen, wie  sie  kurze  Zeit  später  die  Revolution  in  Finnland  nieder- 
geworfen haben.  Und  da  die  Revolution  zugleich  die  Südfront  aufgelöst 
hätte,  wären  auf  österreichischem  Gebiet  die  vom  Süden  vordringenden 
Ententeheere  mit  den  von  Norden  einbrechenden  deutschen  Heeren  zu- 
sammengestoßen; Österreich  wäre  zürn  Kriegsschauplatz  geworden. 

Wir  wußten,  wie  ernst  die  Gefahr  einer  deutschen  Invasion  war.  Es 
war  uns  bekannt^  daß  nur  die  Furcht  vor  der  deutschen  Invasion  den 
Wiener  Hof  von  dem  Sonderfrieden  abschreckte.  Es  war  uns  bekannt,  daß 
auch  die  tschechischen  Revolutionäre  die  deutsche  Invasio  ■>.  fürchteten. 
Nichts  war  uns  während  des  Jännerstreiks  ein  wichtigeres  Symptom  als  die 
Haltung  der  tschechischen  Arbeiterschaft.  Nur  Brunn,  wo  die  den  Wiener 
Gewerkschaften  angeschlossenen  Zentralisten  die  Führung  hatten,  wurde 
von  dem  Streik  erfaßt.  Das  ganze  große  tschechische  Gebiet,  in  dem  die 
tschechoslawische  Sozialdemokratie  führte,  blieb  ruhig.  Die  tschecho- 
slawische  Sozialdemokratie  stand  längst  schon  unter  dem  starken  Einfluß 
der  tschechischen  revolutionären  Führer,  die  die  nationale  Revolution  der 
Tschechen  vorbereiteten  und  von  dem  Nationalrat  der  tschechischen  Emi- 
gration ihre  Weisungen  empfingen.  Offenbar  wünschten  die  Führer  der 
tschechischen  nationalen  Revolution  die  Teilnahme  der  tschechischen 
Arbeiter  an  dem  Streik  nicht.  Den  Streik  als  Demonstration  für  den  Frieden 
mit  Sowjetrußland  konnten  sie  als  Verbündete  der  Entente  nicht  wünschen; 
denn  die  Entente  hatte  soeben  mit  Sowjetrußland  gebrochen,  weil  es  über  den 
Frieden  mit  den  Mittelmächten  zu  verhandeln  beschloß.  Die  Steigerung  des 
Streiks  zur  Revolution  konnten  sie  noch  weniger  wünschen;  denn  ihre 
Taktik  während  des  ganzen  Krieges  war  durch  die  Überzeugung  bestimmt, 
daß  jede  tschechische  Revolution,  solange  der  deutsche  Imperialismus  noch 

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nicht   geschlagen   war,   nur   zur   Besetzung  Böhmens   und  Mährens   durch 
reichsdeutsche  Truppen  führen  konnte. 

Diese  Erkenntnisse  mußten  unsere  Entschlüsse  bestimmen.  Wir  hatten 
den  Streik  als  eine  große  revolutionäre  Demonstration  gewollt.  Die  Steige- 
rung des  Streiks  zur  Revolution  selbst  konnten  wir  nicht  wollen.  Darum 
mußten  wir  dafür  sorgen,  daß  der  Streik  beendet  werde,  ehe  Hungersnot 
die  Streikenden  zur  Kapitulation  zwingt,  so  beendet  werde,  daß  die  Macht 
und  das  Selbstvertrauen  der  Massen  gestärkt  wird.  Der  Parteivorstand  for-  « 
mulierte  schon  am  ersten  Tage  des  Wiener  Streiks,  am  16.  Jänner,  Forde- 
rungen an  die  Regierung.  Der  in  den  Streikversamralungen  gewählte  Ar- 
])eiterrat  genehmigte  diese  Forderungen  in  seiner  ersten  Sitzung  am 
18.  Jänner.  Die  Regierung  gab  nach.  Am  19.  Jänner  überreichte  der 
Ministerpräsident  einer  Abordnung  des  Arbeiterrates  eine  Erklärung  des 
Ministers  des  Äußern  Czernin,  in  der  sich  dieser  feierlich  verpflichtete,  die 
Friedensverhandlungen  an  keinerlei  territorialen  Fragen  scheitern  zu 
lassen,  keinerlei  Gebietserwerbungen  auf  Rußlands  Kosten  anzustreben, 
Polens  Selbstbestimraungsrecht  vorbehaltlos  anzuerkennen;  außerdem  ver- 
sprach er  Reformen  des  Kriegsleistungsgesetzes  und  des  Ernährungs- 
dienstes und  die  Demokratisierung  des  Gemeindewahlrechtes.  In 
der  Nacht  vom  19.  auf  den  20.  Jänner  nahm  der  Arbeiterrat  nach  leiden- 
schaftlichen Debatten  den  Antrag  des  Parteivorstandes  an,  die  Arbeiter- 
schaft aufzufordern,  sie  solle  die  Arbeit  am  Montag,  den  21.  Jänner,  wieder 
aufnehmen.  Dieser  Beschluß  stieß  in  den  von  revolutionärer  Leidenschaft 
erfaßten  Massen  auf  heftigen  Widerstand.  In  stürmischen  Riesenver- 
sammlungen wurde  um  ihn  gekämpft.  In  den  meisten  Betrieben  wurde 
die  Arbeit  erst  am  Dienstag,  in  vielen  erst  am  Mittwoch  oder  am  Donners- 
tag wieder  aufgenommen. 

In  den  stürmischen  Versammlungen  vor  der  Beendigung  des  Streiks 
trieben  die  „Linksradikalen"  eine  heftige  Agitation.  Diese  kleine,  von  Franz 
Koritschoner  geführte  Gruppe  hatte  im  Sommer  1917  auf  einer  Konferenz 
in  St.  Ägyd  im  Föhrenwalde  bei  Wiener-Neustadt  Verbindungen  mit  der 
Arbeiterschaft  des  Wiener-Neustädter  Industriegebietes  angeknüpft.  Im 
Jänner  hatte  ihre  Agitation  an  der  Ausbreitung  des  Wiener-Neustädter 
Streiks  auf  das  niederösterreichische  Industriegebiet  einigen  Anteil. 
.Jetzt  warf  sie  sich  dem  Beschluß,  den  Streik  abzubrechen,  ent- 
gegen. Das  militärische  Aufgebot  in  den  Streikgebieten,  die  ablehnende 
Haltung  der  tschechischen  Arbeiter,  die  millionenköpfige  Armee- 
reserve des  deutschen  Imperialismus  —  all  das  kümmerte  sie  nicht;  ihr 
war  die  Beendigung  des  Streiks  nackter  „Verrat".  Sie  richtete  ihren  Angriff 
nicht  nur«  gegen  den  Parteivorstand,  sondern  auch  gegen  die  „Linke",  weil 
wir  für  die  Durchführung  der  Beschlüsse  des  Arbeiterrates  eintraten.  Die 
Wege  der  „Linken"  und  der  „Linksradikalen"  schieden  sich  nun.  Während 
die  „Linke"  allmählich  die  Partei  für  ihre  Auffassungen  gewann,  stellten 
sich  die  „Linksradikalen"  gegen  die  Partei.  Im  November  1918  kon- 
stituierten sie  sich,  mit  einer  Gruppe  aus  Rußland  heimkehrender  Kriegs- 
gefangener vereinigt,  als  Kommunistische  Partei. 

Der  Jännerstreik  konnte  nicht  unmittelbar  in  die  Revolution  münden. 
Aber  er  war  eine  revolutionäre  Demonstration  von  großer  geschichtlicher 
Wirkung,  die  überaus  viel  dazu  beigetragen  hat,  die  Vorbedingungen  der 

—    65    —  9 


Okiober-  und  Novemberrevolution  zu  schaffen  Zunächst  hat  der  Streik  die 
Kecierung  eingeschüchtert.  Anfangs  dachte  man  am  Hofe  daran,  eine 
Militärdiktatur  aufzurichten,  die  die  rebellischen  Arbeiter  niederwerfen 
sollte;  der  General  der  Kavallerie  Fürst  Schonburg  war  zum  Minister- 
präsidenten ausersehen.  Aber  der  Kaiser  wagte  diese  Herausforderung  der 
Arbeiter  nicht  mehr.  Vor  dem  Wiederausbruch  des  Streiks  zitternd,  wagte 
CS  der  Militarismus  nicht  mehr,  seine  Gewaltmittel  gegen  die  Arbeiterschaft 
voll  zu  gebrauchen.  Der  Einfluß  der  Sozialdemokratie  war  gestärkt,  unsere 
Bewegungsfreiheit  erweitert,  das  Kriegsrecht  in  den  Fabriken  wesentlich 
gelockert. 

Noch  folgenschwerer  war  die  Wirkung  des  Sireiks  auf  die  Armee.  Der 
Kampf   der  Arbeiterschaft  um  den   Frieden   fand  unter  den   kriegsmüden 
hungernden   Soldaten    lautes  Echo.   Die    Gärung   in   den   Truppen   äußerte 
sich  in  einer  Kette  von  Meutereien,  die  dem  Jännerstreik  folgten.  In  Juden- 
burg  meuterten     slowenische,     in   Fünfkirchen     serbische,     in   Rumburg 
tschechische,    in     Budapest    magyarische     Truppen.     In     Gattaro     schlug 
in     den     ersten  Februartagen     ein  Streik     der  Arsenalarbeiter     auf     die 
Kriegsmarine     über.     Die      Mannschaft     der     Kriegsschiffe     hißte      rote 
Flaggen,     sie     setzte     die     Offiziere     gefangen     und     forderte     Friedens- 
schluß    auf  Grund     der     „14  Punkte"     Wilsons.     Erst     die     vom  Hafen- 
kommando   zu    Hilfe    gerufene    Flottendivision    von   Pola,      von    deutschen 
U-Booten  unterstützt,  zwang  die  Meuterer  zur  Kapitulation.  Die  Meutereien 
wurden    niedergeworfen.    Aber    wie    sehr   der   Jännerstreik    unsere    Macht 
gestärkt,   die   Herrschenden   eingeschüchtert   hatte,   zeigte   sich   darin,   daß 
es  dem  Eingreifen  der  sozialdemokratischen  Abgeordneten  in  den  meisten 
Fällen  gelang,  die  Hinrichtung  der  zum  Tode  verurteilten  Meuterer  zu  ver- 
hindern. Unter  den  Truppen  aber  breiteten  sich  revolutionäre  Ideen  immer 
weiter  aus.  Sie  gewannen  noch  an  Kraft,  als  nach  dem  Friedensschluß  mit 
der  Sowjetrepublik  Zehntausende  Kriegsgefangene,  die  in  Rußland  die  Re- 
volution erlebt  hatten,  heimkehrten  und  in  die  Truppen  eingereiht  wurden. 
Zugleich  gewann  aber  die  revolutionäre  Idee  selbst  auch  größere   Be- 
stimmtheit.  Der  Jännerstreik  hatte  die  Forderung  nach  dem  Frieden  mit 
der  Forderung  nach  der  Anerkennung   des   Selbstbestimmungsrechtes  der 
Völker   verknüpft.     Daß   nur   die   vorbehaltlose    Anerkennung   des   Selbst- 
bestimmungsrechtes der  Nationen  dem  Krieg  em  Ende  setzen  könne,  wurde 
im  Jännerstreik  und  durch  den  Jännerstreik  zur  Überzeugung  der  deutsch- 
österreichischen   Arbeiterschaft.      Damit     erst    begann    die     deutschöster- 
reichische  Arbeiterschaft   die   Aufgabe  zu  begreifen,   die  ihr   die   nahende 
nationale  Revolution  der  Tschechen,  Jugoslawen  und  Polen  stellen  mußte. 
Diese  Aufgabe  mußte  nun  näher  bestimmt  werden. 

An  demselben  20.  Jänner,  an  dem  in  stürmischen  Massenversamm- 
lungen für  und  wider  die  Beendigung  des  Streiks  gekämpft  wurde,  kamen 
im  Eisenbahnerheim  in  Wien  einige  Vertreter  der  „Linken"  und  der 
tschechischen  Zentralisten  zusammen;  auch  ein  polnischer  und  ein 
slowenischer  Sozialdemokrat  waren  gekommen.  Wir  waren  überzeugt,  daß 
der  Augenblick  der  Revolution  noch  nicht  gekommen  war;  darum  waren 
wir  mit  der  Einstellung  des  Streiks  einverstanden.  Wir  waren  überzeugt, 
daß  der  Augenblick  der  Revolution  nahte;  darum  waren  wir  zusammen- 
gekommen, um  uns  über  die  konkreten  Aufgaben  des  Proletariats  in  der 

—    66    — 


nationalen  Revolution  zu  verständigen.  Das  Ergebnis  dieser  Beratungen  war 
das  „Nationalitätenprogramm  der  Linken". 

Die  Darlegungen  des  Nationalitätenprogramms  gingen  von  der  l''est- 
stellung  aus,  daß  die  slawischen  Nationen  der  Monarchie  einen  Entwick- 
lungszustand erreicht  haben,  in  dem  sie  die  Fremdherrschaft  und  die  Zer- 
stückelung nicht  mehr  ertragen.  „Sie  fordern  ihr  volles  Selbstbestirnmungs- 
recht.  Sie  werden  es  erringen,  sobald  der  volle  Sieg  der  Demokratie  die 
Gewalten,  die  die^  Völker  knechten,  überwindet."  Was  wird  nun  —  das  ist 
die  Frage,  die  das  Programm  zu  beantworten  sucht  • —  die  internationale; 
Sozialdemokratie  in  dieser  nahenden  Stunde  zu  tun  haben?  Das  Programm\ 
sagt  darüber: 

„Die  deutsche  Sozialdemokratie  kann  als  demokratische,  als  internationale,, 
als  revolutionäre  Partei  diese  Entwicklung  nicht  bekämpfen.  Sie  nnuß  das- 
Selbstbestimmungsrecht  der  tschechisclien  Natiuu,  sie  muß- 
das  Recht  der  Slowenen,  Kroaten  und  Serben  auf  ili re  Ver- 
einigung in  einem  südslawischen  Gemeinwesen  anerkennen^ 
Sie  muß  die  Forderung  nach  der  Vereinigung  des  ganzen  polni- 
schen Volkes,  also  auch  des  polnischen  Volkes  in  Galizien  und  Schlesien,, 
mit  dem  unabhängigen  Polen  unterstützen. 

Die  Deutschen  bilden  nur  eine  Minderheit  der  Bevölkerung  Österreichs.  Die 
Vorherrschaft  der  deutschen  Bourgeoisie  in  Österreich  beruht  nur  auf  poli- 
tischen und  sozialen  Vorrechten.  Sie  wird  daher  durch  den  wirtschaftlichen  und 
kuturellen  Aufstieg  der  anderen  Nationen  erschüttert.  Sie  wird  vollständig 
zusammenbrechen  durch  den  Sieg  der  Demolcratie.  Durch  ihn  gelangen  die 
slawischen  und  romanischen  Völker  Österreich-Ungarns  zu  ihrer  eigenen 
Staatlichkeit;  eben  dadurch  löst  sich  aber  aus  dem  österreichischen  Völker- 
gemenge Deutsch  Österreich  als  ein  besonderes  Gemein- 
wesen heraus.  Ist  dieses  konstituiert,  so  wird  es  seine  Beziehungen  zum 
Deutschen  Reiche  nach  seinen  Bedürfnissen  und  seinem  Willen  selbständig 
ordnen  können. 

Für  das  Proletariat  ist  die  Demokratie  Lebensbedürfnis.  Die  deutsche  Sozial- 
demokratie kann  daher  die  politischen  und  sozialen  Vorrechte  nicht  aufrecht- 
erhalten, auf  denen  die  nationale  Vorherrschaft  der  deutschen  Bourgeoisie  in 
Österreich  beruht.  Aber  gerade  indem  die  deutsche  Arbeiterklasse  diese  Vor- 
rechte niederreißt  und  dadurch  die  Befreiungsbestrebungen  der  nichtdeutschen 
Nationen  unterstützt,  bereitet  sie  die  Einheit  und  Freiheit  der 
deutschen  Nation,  die  Vereinigung  aller  Deutschen  in 
einem   demokratischen    deutschen   Gemeinwesen   vor. 

Anderseits  muß  die  tschechische,  die  polnische  und  die  südslawische 
Sozialdemokratie  jeden  Versuch  der  Bourgeoisien  ihrer  Nationen  bekämpfen,  im 
Namen  der  Freiheit  der  eigenen  Nation  andere  Nationen  zu  knechten.  Die 
tschechische  Sozialdemokratie  muß  die  Forderung  der  tschechischen  Bourgeoisie, 
daß  dem  tschechischen  Staate  auch  die  deutschen  Gebiete  Böhmens 
und  Mährens,  die  deutschen  und  die  polnischen  Gebiete  Schlesiens 
einverleibt  werden  sollen,  unbedingt  bekämpfen.  Die  polnische  Sozial- 
demokratie muß  die  nationalistische  Forderung,  daß  dem  polnischen  Staate  die 
ukrainischen  Gebiete  Ostgaliziens,  daß  ihm  auch  litauische  und 
weiß  russische  Gebiete  einzuverleiben  seien,  unbedingt  ablehnen.  Die  süd- 
slawische Sozialdemokratie  muß  jeden  Plan  der  Bereicherung  ihres  Volkes  auf 
Kosten  der  Italiener,  der  Albaner  oder  der  Bulgaren  unbedingt 
zurückweisen." 

Von  diesen  Grundsätzen  ausgehend,  forderte  das  Programm:  eine  voll- 
kommen souveräne  Konstituierende  Nationalversammlung  für  jedes  ge- 
schlossene Sprachgebiet;  Entscheidung  der  Grenzstreitigkeiten  durch  Volks- 
abstimmung, keine  staatsrechtliche  Gemeinsamkeit  zwischen  den  Nationoii 
als  diejenige,  die  sie  etwa  freiwillig  miteinander  vereinbaren. 

-     67     -  r* 


Das  Programm  zog  aus  der  Anerkennung  des  Selbslbestimmungsrechtos 
der  Nationen  die  letzte  Konsequenz,  indfem  es  zum  erstenmal  die  „Ver- 
einigung aller  Deutschen  in  einem  demokratischen  deutschen  Gemein- 
vvresen"  —  so  mußten  wir  der  Zensur  wegen  die  Republik  umschreiben  — 
also  den  Anschluß  Deutschösterreichs  an  Deutschland,  forderte.  Es  griff  damit 
auf  die  Traditionen  a'ou  1818.  die  Traditionen  der  sechziger  .fahre  zurück. 
Freilich,  mit  einer  wesentlichen  Abweichung.  Im  Jahre  1848  waren  die 
Tschechen  und  die  Südslawen  noch  unentwickelte  Bauernyölker  gewesen; 
alle  bürgerliche  Kultur  in  Böhmen,  Mähren,  Krain  war  noch  deutsch.  Ihr 
Gegensatz  gegen  die  nationale  Revolution  der  Deutschen,  der  Magyaren,  der 
Italiener  halte  damals  Tschechen  und  Slowenen  zu  Stützen  der  habs- 
burgischen  Konterrevolution  gemacht.  Ein  tschechischer,  ein  jugoslawi-scher 
Nationalstaat  wäre  damals  nur  als  Vasallenstaat  des  zarischen  Rußland 
denkbar  gewesen.  Darum  hat  die  Demokratie  von  1848  den  Tschechen 
und  den  Slowenen  keineswegs  das  Recht  auf  selbständige  Staatlichkeit  zu- 
gesprochen. Ihr  Ziel  war  das  Aufgehen  der  historischen  deutschen  Bundes- 
länder Österreichs  einschließlich  der  tschechischen  und  der  slowenischen 
Gebiete  in  einer  deutschen  Republik,  neben  der  nur  die  revolutionären 
historischen  Nationen  —  Italiener,  Magyaren  und  Polen  —  ihre  selbstän- 
digen Nationalstaaten  begründen  sollten.  In  den  siebzig  Jahren  seither  hatte 
£!ch  die  Lage  völlig  verändert.  Tschechen  und  Südslawen  hatten  ihre  eigene 
bürgerliche  Kultur  entwickelt,  sie  waren  jetzt  die  Träger  der  nationalen 
Revolution  gegen  Habsburg,  sie  konnten  nach  der  russischen  Revolution 
nicht  mehr  zu  Werkzeugen  des  Zarismus  werden.  Das  Nationalitäten- 
programm der  Linken  konnte  daher  nicht  mehr  den  Anschluß  der  histori- 
schen deutschen  Bundesländer,  sondern  nur  den  Anschluß  der  deutschen 
Sprachgebiete  Österreichs  an  Deutschland  fordern.  Es  mußte  nicht  nur  den 
historischen  Nationen  —  Italienern,  Polen  und  Magyaren  —  sondern  auch 
den  ehemals  geschichtslosen  Nationen  —  Tschechen,  Jugoslawen  und 
Ukrainern  —  das  Selbstbestimmungsrecht  zuerkennen. 

Das  Nationalitätenprogramm  der  Linken  ist  in  den  Tagen  von  Brest- 
Litowsk,  den  Tagen  des  Kampfes  der  russischen  Revolution  mit  dem 
deutschen  Imperialismus  formuliert  worden.  Als  eine  Proklamation  gegen 
den  deutschen  Imperialismus  war  das  Programm  zunächst  gedacht.  Da- 
mals, nach  der  Auflösung  der  russischen  Armee,  war  der  deutsche  Im- 
perialismus siegessicherer  denn  je.  Es  war  die  Zeit  seiner  verwegensten 
Pläne.  In  Brest-Litowsk  wollte  er  Kurland  und  Litauen  an  Deutschland  an- 
gliedern, Polen  zwischen  Deutschland  und  Österreich  teilen.  Wenige  Tage 
später  erstreckten  sich  die  deutschen  Angliederungspläne  auch  schon  auf 
Livland  und  Estland.  In  Finnland  sollten  deutsche  Truppen  einen  deutschen 
Fürsten  einsetzen,  in  der  Ukraine  setzten  sie  den  Hetman  als  Deutschlands 
Vasallen  ein.  Der  Friede  von  Bukarest  sollte  Rumänien  der  deutschen  Volks- 
wirtschaft hörig  machen.  Zugleich  bereitete  Ludendorff  die  große  Offensive 
im  Westen  vor,  die  Frankreich  niederwerfen,  Deutschland  die  wirtschaft- 
liche und  militärische  Verfügung  über  die  flandrische  Küste  sichern  sollte. 
So  gestaltete  sich  damals  als  Ziel  des  deutschen  Krieges  ein  ungeheures 
Imperium,  das  in  dem  zur  Wehr-  und  Wirtschaftsgemeinschaft  vereinten 
„Mitteleuropa"  die  zehn  Nationen  Österreich-Ungarns  unter  deutsches 
Kommando  stellen,  im  Westen  Belgien  und  die  französischen  Err-gebiete 


—    68    — 


von  Longwy  und  Briey,  im  Os^en  die  russischen  „Randvölker"  vom 
Finnischen  Meerbusen  bis  zum  Schwarzen  Meer,  im  Südosten  Rumänien, 
den  Balkan  und  die  Türkei  bis  zum  Persischen  Golf  unter  deutsche  Ober- 
hoheit stellen  sollte.  Diesen  Herrschaftsplänen  des  deutschen  Imperialismus 
stellten  wir  das  Prinzip  des  Selbstbestimmungsrechtes  der  Völker,  dem  all- 
deutschen Gedanken  eines  „Mitteleuropa",  durch  das  die  deutsche  Bour- 
geoisie über  fünfundzwanzig  kleinere  Nationen  herrschen  sollte,  den  alten 
Gedanken  der  großdeutschen  Republikaner  von  1848  entgegen,  daß  das 
deutsche  Volk  seine  Einheit  und  Freiheit  nur  erlangt,  wenn  es  die  Freiheit 
und  Einheit  der  anderen  Nationen  anerkennt.  Im  Kampfe  gegen  die  all- 
deutschen Eroberungspläne  ist  der  großdeutsche  Einheitsgedanke  wieder- 
erstanden. Friedrich  Adler  hat  später  den  Gegensatz  so  formuliert:  „Nicht 
.alldeutsch,  das  heißt:  so  weit  der  deutsche  Säbel  reicht,  sondern  groß- 
deutsch, das  heißt:  so  weit  die  deutsche  Zunge  klingt."  Während  der 
deutsche  Imperialismus  den  phantastischen  Projekten  der  Ausdehnung 
seiner  Herrschaft  über  fremde  Völker  Gut  und  Blut  der  Nation  opferte, 
dachten  wir  bereits  die  Politik  der  deutschen  Zukunft  vor:  den  Weg,  d^-n 
allein  das  deutsche  Volk  gehen  konnte,  sobald  erst  das  Unentrinnbare 
geschehen,  der  deutsche  Imperialismus  an  der  Übermacht  der  von  ihm 
herausgeforderten  Völker  der  Welt  gescheitert,  alle  deutsche  Herrschaft 
über  fremde  Völker  zusammengebrochen  war. 

Die  geschichtliche  Bedeutung  des  Nationalitätenprogramms  der  Linken 
bestand  eben  darin,  die  Partei  auf  die  Aufgaben  der  Zukunft  vorzubereiten, 
in  der    ihr    die  Führung    der  Nation   zufallen    mußte.     Zunächst    rief    das 
Programm  innerhalb   der  Partei    heftigen  W^iderstand    hervor;    besonders 
von  Renner  wurde  es  leidenschaftlich  bekämpft.  So  führte  das  Programm 
■zu  einer    heftigen  Debatte    in    den    Spalten    des    „Kampfes",   die    in   viele 
Parteisitzungen    und    Parteikonferenzen     übertragen     wurde.     In     diesen 
Debatten,   durch  diese  Debatten  rang  sich  die  Partei  allmählich  zu  bestimmten 
Vorstellungen  von  der   nahenden  Revolution   und   von    den    Aufgaben   der 
Partei  in  der  nahenden  Revolution  durch.  In  dem  Maße,  als  die  Niederlage 
der  Mittelmächte  und  die  innere  Auflösung  Österreichs  den  Parteigenossen 
erkennbar  wurden,    setzten  sich    im  Verlauf    des  Sommers  1918    die  Auf- 
fassungen, die  die  Linke  in  dem  Nationalitätenprogramm  formuliert  hatte, 
innerhalb  der  Partei  durch.  Am  3.  Oktober  beschloß  der  Klub  der  deutschen 
sozialdemokratischen  Abgeordneten  eine  Resolution,  durch  die  er  sich  die 
Grundsätze     des    Nationalitätenprogramms     der    Linken     aneignete.     Wir 
Averden    diese    Resolution    noch    kennen    lernen;     denn    mit     ihr    begann 
eigentlich  die  Oktoberrevolution.  Noch  in  der  Vorberatung  dieser  Resolution 
hatte   Renner,     nur    mehr     von     wenigen   Abgeordneten    unterstützt,     sie 
bekämpft;  wenige  Tage  später  beugte  auch  er  sich  der  Entscheidung,  die 
die   Geschichte  bereits   gefällt  hatte,   erkannte  auch   er,  daß    es   nunmehr 
keinen  anderen  Weg  mehr  gab  als  den,  den  die  „Erklärung"  der  Linken 
schon  auf  dem  Oktoberparteitag  1917  angedeutet,  den  das  Nationalitaten- 
programm    der   Linken   schon    während   des    Jännerstreiks    1918    deutlich 
beschrieben,    zu    dem    sich    die    Partei    in    den    Diskussionen     über     das 
Nationalitätenprogramm  der  Linken  im  Verlauf  des  Sommers  1918  allmählich 
durchgerungen    hatte.    Damit    erst    waren    die  Gegensätze    innerhalb  der 
Partei   vollständig    überwunden.    Die    Partei    hatte    eine   einheitliche    Auf- 


69    — 


fassung  ihrer  näclislon  Aufirabcn  wiedoriüowonncn.  Einig  und  geschlossen 
ging  sie  im  Oktober  und  November  1918  den  Weg  des  Nationalitäten- 
programms der  Linken. 

Die  „Linke"  war  die  treibende  Kraft  der  großen  inneren  Entwicklung 
gewesen,  die  die  Partei  im  Verlauf  des  Krieges  durchgemacht,  durch  die  sie- 
sieh auf  die  Erfüllung  ihrer  Aufgaben  in  der  Revolution  vorbereitet  hat. 
Beide  Riclitungen  innerhalb  der  Partei  aber,  die  Rechte  und  die  Linke^ 
haben  gleiches  Verdienst  da.ran,  daß  die  Gegensätze  innerhalb  der  Partei 
nicht  durch  die  Siialtung  der  Partei  versteinert,  sondern  durch  die  innere 
Entwicklung  des  Parteiganzen  überwunden  wurden.  Unter  der  weisen 
Führung  Viktor  Adlers,  Seitz'  und  Austerlitz'  hat  die  Mehrheit  der  Partei 
ihre  Auffassungen,-  die  sich  verändernde  historische  Situation  erkennend,, 
allmählich  berichtigt,  ihre  Haltung  der  sich  wandelnden  Stimmung  der 
Massen  allmählich  angepaßt,  den  Gegcnsatz^^  der  Linke  und  Rechte  schied,, 
allmählich  aufgelöst.  Der  ganze  Verlauf  der  Revolution  ist  wesentlich 
dadurch  bestimmt  worden,  daß  die  Partei  als  einheitliche  Kraft  in  die 
Revolution  eintrat. 


7n    — , 


Zweiter    Aoschnitt 

Der  Umsturz. 

§  5.  Die  Bildung  der  Nationalstaaten. 

Liteiatni: 

Nowak,  Der  Sturz  der  Mittelmächte.  München  1921.  —  Kerchnawe,  Der  Zu- 
sammenbruch der  österreichisch-ungarischen  Wehrmacht  im  Herbst  IJlö. 
München  1921. 

Redlich,  Heinrich  Lammasch  als  Ministerpräsident.  „Heinrich  Lammasch.  Seme 
Aufzeichnungen,  sein  Wirken  und  seine  Politik."  Wien  1922  -Nowak,  Chaos. 
München  1922  —  Andrässy,  Diplomatie  und  Weltkrieg.  Berlin  1920.  —  bteno- 
graphische  Protokolle  über  die  Sitzungen  der  Provisorischen  Nationalversamm- 
lung für  Deutschösterreich.  Wien  1919. 

Rasin  Pfevrat  z  28.  fijna,  und  Scheiner,  Vojensky  pfevrat  v  Praze.  „Maffie", 
Praha  1919  —  Soukup  a  Rasin,  Närodni  Vybor  a  28.  fljen.  „Närodni  shromazdgnf 
V  prvnim  roce  republiky."  Praha  1919.  —  Tschuppik,  Die  tschechische  Revolution. 
Wien  1920. 

Siäic,  Dokument!  o  postanku  kraljevine  SHS.  Zagreb  1920. 

Vierjähriger  Krieg  hatte  die  k.  u.  k.  Armee,  das  einst  so  gewaltige 
Herrschaftsinstrument,  das  die  auseinanderstrebenden  Nationen  Habsburg 
im  Gehorsam  erhielt,  zerbröckelt.  Noch  hielt  sie  an  der  Piave  stand.  Noch 
hielt  sie  in  Polen  und  in  der  Ukraine,  in  Serbien  und  in  Rumänien,  in 
Montenegro  und  in  Albanien  weite  Gebiete  besetzt.  Aber  Monat  für  Monat 
-schwand  ihre  Kraft  dahin. 

Das  „Menschenmaterial"  war  versiegt.  „Von  den  fünfzehn  Einheiten 
der  Isonzoarmee",  meldete  Ende  September  1918  der  Verbindungsoffizier 
•dem  Armeeoberkommando,  „verfügen  sieben  über  weniger  als  ein  Drittel, 
drei  über  die  Hälfte  und  nur  fünf  Divisionen  über  zwei  Drittel  der  vor- 
geschriebenen Feuergewehrstände."  Die  Artillerie  einzelner  Brigaden  hatte 
nicht  mehr  Mannschaft  genug,  den  vollen  Geschützstand  zu  bedienen.  Bei 
vielen  Formationen  mußten  vier,  sechs,  acht,  ja  seihst  zehn  Pferde  von 
einem  Manne  gewartet  werden. 

Man  war  nicht  mehr  imstande,  die  Truppen  zu  ernähren.  Die  fleisch- 
losen Tage  wurden  immer  häufiger.  Und  fleischlose  Tage  waren  Hunger- 
tage. ,,Früh  und  abends  leerer  schwarzer  Kaffee,  mittags  ein  inhaltloses 
Dörrgemüse  ohne  Fett,  hiezu  bestenfalls  60  Gramm  Käse  oder  Kürbis", 
■das  war  nach  dienstlicher  Meldung  Ende  Septem*Der  die  Ernährung  der 
Kampftruppen  an  der  unteren  Piave.  Der  Hunger  machte  die  Truppen 
aktionsunfähig.  „Eine  normale  mehrstündige  miUtärische  Schulung  halten 
die  Mannschaften  körperlich  nicht  mehr  aus",  meldeten  die  Kommandanten. 

—    71    — 


„Bei  einer  nivision  ist  das  Durchschnitlskörpcrgcwicht  des  Mannes 
50  Kilogramm",  meldete  das  Kommando  der  6.  Armee.  „Monatelange  Auf- 
besserung der  Verpflegung  wäre  not\v(>ndig,  um  die  Armee  erst  wieder 
zum  Bewegungskrieg  physisch  fähig  zu  machen",  meldete  dasselbe 
Kommando.  „Jeder  Deserteur  im  Hinterland,  selbst  wenn  er  in  den 
Wäldern  versteckt  leben  muß,  kann  sich  besser  ernähren  als  der  Sdldat 
an  der  Front",  damit  erklärten  Offiziere  und  Mannschaften  dem  Ver- 
bindungsoffizier des  Oberkommandos  die  Zunahme  der  Desertion. 

Wie  mit  der  Ernährung  stand  es  mit  der  Bekleidung.  „Jeder  Mann 
besitzt  durclischnittlich  eine  Garnitur  Wäsche.  Es  kommen  aber  Fälle 
vor,  wo  nicht  einmal  mehr  eine  volle  Garnitur  vorhanden  ist,  da  Hemd 
oder  Unterhose  fehlen.  Man  muß  diese  Wäsche  gesehen  haben,  um  erst 
einen  Begriff  über  das  Elend  zu  bekommen!  Der  eine  hat  keine  Ärmel 
mehr  am  Hemd,  dem  anderen  fehlt  der  Rückenteil,  der  dritte  besitzt  nur 
halbe  Unterhosen  oder  Fragmente  von  Fußfetzen ...  Bei  einem  Front- 
regiment fehlt  jedem  dritten  Mann  der  Mantel",  so  meldete  der  der  Isonzo- 
armee  zugeteilte  Generalstabsoffizier  des  AOK.  „Der  ärmste  Bosniak 
schämt  sich  vor  der  venezianischen  Zivilbevölkerung  seiner  Lumpen; 
Mannschaften  aus  den  ärmsten  Gegenden  Dalmatiens  sagen:  Mi  nismo 
junaci,  nego  prosjaci  (Wir  sind  nicht  Helden,  sondern  Bettler)",  fügte 
derselbe  Offizier  hinzu. 

Mit  unzulänglicher  technische^  Rüstung  sah  sich  der  Soldat  dem  Feinde 
preisgegeben.  Die  feindliche  Artillerie  donnerte  die  Infanteriestellungen 
nieder. "^Die  eigene  Artillerie  mußte  schweigen,  weil  ihr  Munitionsnachschub 
längst  versiegte.  Unmittelbar  vor  feindlichem  Angriff  mußten  viele- 
Geschütze  aus  der  Stellung  gezogen  werden,  weil  es  an  Pferden  fehlte,  sie 
zu  bespannen.  Im  Luftkampf  war  der  Feind  weit  überlegen;  der  Infanterist 
sah  sich  ohne  Schutz  dem  feindlichen  Flieger  preisgegeben. 

All  das  lastete  auf  den  Seelen.  Die  schwachen  Stände  erlaubten  nicht 
hinreichend  häufige  Ablösung,  hinreichend  häufigen  Urlaub.  Den  jungen 
Burschen,  die  man  aus  den  Mittelschulen  geholt  und  über  alte  Familien- 
väter als  Kommandanten  gesetzt,  fehlte  jede  moralische  Autorität.  Jeder 
Brief  aus  der  Heimat  erzählte  von  der  Verzweiflung  der  Frauen,  von  dem 
Hunger  der  Kinder.  Und  mitten  in  all  der  Verzweiflung  sah  der  Mann  bei 
den  höheren  Stäben  aufreizende  Gelage,  hörte  er  von  den  Profiten  des 
Kriegsgewinnertums  daheim,  wußte  er  in  den  Kanzleien  des  Hinterlandes 
die  Unentbehrlichen  zu  Hunderttausenden  in  Sicherheit .  . .. 

Die  Mannszucht  begann  sich  zu  lösen.  In  Bergen  und  Bauerngehöften 
hielten  sich  Heere  von  Deserteuren  versteckt.  Zwischen  den  Fronten  fuhren 
Heere  von  Drückebergern,  Geschäfte  machend,  hin  und  her.  In  den  Wäldern 
des  Südens  sammelten  sich  die  „grünen  Kaders". 

'Mit  dieser  Armee  hatte  man  im  Juni  noch  eine  Offensive  gewagt.  Sie 
hatte  um  den  Preis  furchtbarer  Menschenopfer  nichts  gebracht  als  den  Be- 
weis der  sich  vollziehenden  Auflösung.  Nun  wußte  es  jeder:  es  ging  dem 
Ende  zu. 

Freilich,  österreichisch-ungarische  Niederlagen  war  man  seit  dem  Be- 
ginn des  Krieges  gewöhnt.  In  der  Stunde  der  Not  hatten  deutsche  Heere  den 
vom   Kriegsbeginn   an   geschlagenen   Verbündeten   immer   wieder   gerettet. 


72    — 


Jetzt  aber  wußte  man,  daß  auch  Deutschland  nicht  mehr  reden  konnte.  Im 
Westen  war  Ludendorfts  große  Offensive  gescheitert.  Der  Marscliall  J^och 
war  am  18.  Juli  zum  Gegenangriff  übergegangen.  Und  nun  kam,  was  früher 
oder  später  kommen  mußte.  Der  Feind  hatte  die  Übermaclit  du  Zaiil.  Der 
Feind^  der  über  den  Ozean,  der  über  die  fruchtbaren  Ebenen,  über  die  Roh- 
stofflager, über  die  Industrien  der  Welt  verfügte,  hatte  den  ungleich  besser 
genährten  Soldaten,  die  ungleich  vollkommenere  technische  Rüstung.  In 
entsetzlichem  Ringen  räumten  Schritt  für  Schritt  die  deutschen  Heere  den 
-blutig  eroberten  Boden.  Seit  dem  8.  August  war  Deutschlands  Niederlage 
nicht  melir  zu  bezweifein.  In  banger  Spannung  harrte  nun  alles  des  Un- 
vorsteilbaren.  Unentrinnbaren,  das  nun  komm.en  mußte. 

Und  jeder  wußte,  daß  es  gekommen  war,  als  am  15.  September  die 
iranzösische  Infanterie  des  Generals  Franchet  d'Esperey  die  bulgarische 
Front  auf  dem  Dobropolje  durchbrach.  Die  bulgarische  Armee,  längst  schon 
physisch,  technisch,  moralisch  noch  tiefer  zerrüttet  als  die  österreichisch- 
ungarische, löste  sich  völlig  auf.  Die  geschlagenen  Truppen  stürmten  das 
Hauptquartier  in  Küstendil  und  marschierten  drohend  gegen  Sophia.  Am 
29.  September  unterzeichnete  Bulgarien  den  Waffenstillstandsvertrag. 

An  demselben  Tage  forderte  Ludendorff,  die  Mittelmächte  mögen  die 
Entente  um  sofortigen  Waffenstillstand  bitten.  Das  System  der  preußisch- 
deutschen Obrigkeitsregierung  brach  zusammen.  In  Berlin  wurde  unter  der 
Leitung  des  Prinzen  Max  von  Baden,  unter  der  Mitwirkung  der  Sozial- 
demokratie eine  parlamentarische  Regierung  gebildet.  In  der  Nacht  vom 
3.  auf  den  4.  Oktober  ging  Deutschlands  Bitte  um  Waffenstillstand  und 
Friedensverhandlungen  an  den  Präsidenten  Wilson  ab;  Österreich-Ungarn 
und  die  Türkei  schlössen  sich  dieser  Bitte  an. 

Die  Mittelmächte  hatten  die  vierzehn  Punkte  Wilsons  als  Grundlage  der 
Friedensverhandlungen  angenommen.  Der  zehnte  der  vierzehn  Punkte  hatte 
für  die  Völker  Österreich-Ungarns  „Möglichkeit  autonomer  Entwicklung" 
gefordert.  Die  Entente  hatte  den  Tschechen,  den  Polen,  den  Jugoslawen  die 
Befreiung  feierlich  versprochen.  ^Es  war  klar,  daß  ohne  die  Befreiung  der 
slawischen  Völker  der  Friede  nicht  zu  erlangen  war.  Aber  noch  hoffte 
Habsburg,  die  Nationen  mit  der  Autonomie  innerhalb  seines  Reiches  be- 
friedigen zu  können.  Am  1.  Oktober  verkündete  der  Ministerpräsident 
Hussarek  im  Abgeordnetenhaus  als  Programm  der  Regierung  die  Föderali- 
sierung  Österreichs,  die  Umwandlung  des  österreichischen  Staates  in  einen 
Bundesstaat  autonomer  Nationen.  Was  das  Brünner  Nationalitätenprogramm 
der  österreichischen  Sozialdemokratie  im  Jahre  1899  gefordert  hatte;  was  in 
der  Reichskrise  von  1905  als  ein  mögliches-  Ziel  aufgetaucht  und  mit  dem- 
Verrat  Habsburgs  an  der  ungarischen  Demokratie  im  Annexionsjahr  1908 
für  immer  zur  Utopie  geworden  war  —  daran  suchte  sich  jetzt,  in  der 
Sterbestunde,  Habsburg  zu  klammern.  Zu  spät!  Tschechen,  Jugoslawen, 
Polen  antworteten  Hussarek:  nichts  könne  sie  mehr  befriedigen  als  völlige 
Unabhängigkeit!  Ratlos  stand  Habsburg  den  Nationen  gegenüber,  die  nun 
ihre  Stunde  gekommen  sahen. 

Und  ebenso  ratlos  war  die  deutschösterreichische  Bourgeoisie.  Sie  hatte 
■Bich  soeben  noch  über  die  tschechischen  „Hochverrätter"  entrüstet,  soeben 
noch  der  abermaligen  Ankündigung  eines  „deutschen  Kurses"  durch  den 
Ministerpräsidenten  Seidler  zugejubelt,  hatte  bis  zur  letzten  Stunde  noch 

—     73     - 


die  Aufrcchlcrhaltung,  ja  dio  Bofosligung  dor  deutschon  Vorherrschaft 
innerhalb  Österreichs  erhofft.  Auch  ihr  war  nun  alles  zusatnmengel)ro('hon. 
Nie  waren  die  Gegensätze  zwischen  den  deutschbürgerlichen  Parteien 
und  der  dculschösterreichischen  Sozialdemokratie  so  schroff  gewesen  wie 
im  letzten  Kriegsjahr.  Jetzl,  da  ihre  ganze  Politik  gescheitert  war,  wandten 
sich  die  bürgerlichen  Parteien  an  die  Sozialdemokratie.  „Bei  den  Tschechen'' 
sind  bürgerliche  Parteien  und  Sozialdemokraten  längst  im  Cesky  svaz,  bei 
den  Polen  alle  Parteien  im  Polenklub  vereinigt;  wäre  solches  Zusammen- 
wirken nicht  auch  für  uns  Deutsche  möglich?"  Am  3.  Oktober  versammelte 
sich  der  Klub  der  deutschen  sozialdemokratischen  Abgeordneten,  um  die 
Anfrage  der  deutschbürgerlichen  Parteien  zu  beantworten.  Seine  Antwort 
lautete: 

„Die  Vertreter  der  deutschen  Arbeiterschaft  in  Österreich  erkennen  d  a  s- 
Selbstbestimmungsrecht  der  slawischen  und  rumä- 
nischen Nationen  Österreichs  an  und  nehmen  dasselbe  Recht  auch 
für  das  deutsche  Volk  m  Österreich  in  Anspruch.  Wir  erkennen  das  Heclit  der 
slawischen  Nationen  an,  ihre  eigenen  Nationalstaaten  zu  bilden;  wir  lehnen  aber 
unbedingt  und  für  immer  die  Unterwerfung  deutscher  Gebiete  unter  diese- 
Nationalstaaten  ab.  Wir  verlangen,  daß  alle  deutschen  Gebiete  Österreichs  zu 
einem  deutschösterreichischen  Staat  vereinigt  werden,  der  seme- 
Beziehungen  zu  den  anderen  Nationen  Österreichs  und  zum  Deutschen 
Reiche   nach  seinen   eigenen   Bedürfnissen   regeln   soll." 

Unsere  Antwort  war  klar.  Wir  forderten  als  Bedingung  des  Zusammen- 
wirkens mit  den  bürgerlichen  Parteien  den  völligen  Bruch  mit  aller  bis- 
herigen deutschösterreichischen  Politik:  Anerkennung  des  uneingeschränkten 
Selbstbestimmungsrechtes  der  nichtdeutschen  Nationen.  Wir  forderten  eine 
revolutionäre  Tat:  nicht  die  gesamtösterreichische  Gesetzgebung  soll  unsere 
Zukunft  bestimmen,  unsere  Beziehungen  zu  den  anderen  Nationen  regeln; 
wir  wollen  unseren  eigenen  deutschösterreichischen  Staat  bilden,  der,, 
unbekümmert  um  den  bisherigen  österreichischen  Rechtszustand,  selbst 
entscheiden  soll,  ob  er  sich  mit  den  Nationalstaaten,  die  die  anderen  öster- 
reichischen Nationen  bilden  werden,  zu  einem  Staatenbund  vereinigen  oder- 
ob  er  sich  dem  Deutschen  Reiche  anschließen  soll. 

An  demselben  Tage,  an  dem  der  Klub  der  deutschen  sozialdemokrati- 
schen Abgeordneten  diesen  Beschluß  gefaßt  hat,  wurde  in  Berlin  die  erste 
parlamentarische  Regierung  gebildet,  und  entsagte  in  Sofia  Ferdinand  von 
Bulgarien  dem  Thron;  wenige  Stunden  später  wurde  die  Waffenstillstands- 
bitte der  Mittelmächte  an  Wilson  abgeschickt.  Nun  gab  es  für  Deutsch- 
österreich keinen  anderen  Weg  mehr  als  den,  den  die  Sozialdemokratie  ihm 
wies.  Am  4.  Oktober  schon  beschlossen  die  deutschnationalen  Parteien, 
„die  allgemeinen  Grundsätze  der  Resolution  der  deutschen  sozialdemo- 
kratischen Partei  als  Grundlage  der  weiteren  Verhandlungen  anzunehmen". 
Die  Christlichsozialen  zögerten  noch;  erst  am  9.  Oktober  stimmten  auch  sie, 
auch  jetzt  noch  mit  dem  Vorbehalt  zu.  Österreich  solle  in  „eine  Föderation 
freier  nationaler  Gemeinwesen"  umgewandelt  werden,  der  sich  der  zU' 
schaffende   deutschösterreichische  Staat  einzugliedern   habe. 

Nun  begannen  die  mündlichen  Verhandlungen  zwischen  den  deutschen 
Parteien.  Die  bürgerlichen  Parteien  dachten  zunächst  immer  noch  an  die 
Bildung  eines  gemeinsamen  Parteienverbandes  innerhalb  des  österreichi- 
schen  Abgeordnetenhauses   nach   dem    Beispiel    des   Cesky    svaz   und   des- 

—     74     — 


Folenklubs.  Wir  antworteten:  Nichts  da!  Es  handelt  sich  nicht  um  das 
österreichische  Abgeordnetenhaus,  dessen  Uhr  abgelaufen  ist,  sondern  um 
den  deutschösterreichischen  Staat,  der  gegründet  werden  muß.  Alle  Ab- 
geordneten deutschösterreichischer  Wahlbezirke  zusammen  sollen  die  Grün- 
dung des  deutschösterreichischen  Staates  proklamieren,  sich  als  Provisorische 
Nationalversammlung  dieses  Staates  konstituieren  und  eine  Regierung 
für  diesen  Staat  einsetzen.  Es  war  eine  parlamentarische  Revolution,  die 
wir  vorschlugen.  Die  bürgerlichen  Parteien  zögerten.  Aber  die  Ereignisse 
■der  folgenden  Tage  zwangen  sie  auf  unseren  Weg. 

Im  Süden  drang  die  Armee  Franchet  d'Espereys  schnell  vor.  Die 
schwachen  deutschen  und  österreichisch-ungarischen  Streitkräfte  mußten, 
der  Übermacht  weichend.  Schritt  für  Schritt  zurückgehen.  Die  serbischen 
Truppen  näherten  sich  den  Grenzen  Bosniens  und  Kroatien^.  Die  süd- 
:slawischen  Länder  rüsteten  zu  ihrem  Empfang.  Am  5.  Oktober  trat^  in 
Agram  eine  Versammlung  von  Abgeordneten  aller  Parteien  und  aller  Gebiete 
'des  slawischen  Südens  der  Monarchie  zusammen.  Sie  begründete  am  fol- 
genden Tage  das  „Narodno  Viiece".  In  seiner  Proklamation  an  die  Nation 
erklärte  das  Vijece,  seine  Aufgabe  sei  die  „Vereinigung  aller  Slowenen, 
Kroaten  und  Serben  zu  einem  nationalen  freien  und  unabhängigen  Staat" 
-und  schon  in  den  folgenden  Tagen  begann  es,  die  Organisation  des  wer- 
denden jugoslawischen  Staates  vorzubereiten. 

Am  7.  Oktober  proklamierte  der  polnische  Regentschaftsrat  in  Warschau 
die  Bildung  eines  unabhängigen  polnischen  Staates  aus  allen  drei  Teilen 
Polens.  Der  Regentschaftsrat  löste  zugleich  den  Staatsrat  auf  und  kündigte 
die  Einsetzung  einer  Regierung  an.  Der  Polenklub  im  österreichischen 
Abgeordnetenhause  huldigte  am  9.  Oktober  dem  Regentschaftsrat.  Am 
15.  Oktober  erließ  die  polnische  Abgeordnetenversammlung  in  Krakau  eine 
Proklamation  an  das  polnische  Volk:  „Das  unabhängige  freie  vereinigte 
Polen  beginnt  sein  eigenes  staatliches  Leben  zu  führen.  Wir  betrachten 
uns  als  Bürger  des  polnischen  Staates,  dem  allein  wir  Treue  und  Gehorsam 
schulden."  Die  ukrainischen  Abgeordneten  beantworteten  diese  Kund- 
gebung damit,  daß  sie  einen  ukrainischen  Nationalrat  nach  Lemberg 
für  den  19.  Oktober  einberiefen. 

Für  den  14.  Oktober  ordnete  der  tschechische  Närodni  Vybor  große  Massen- 
kundgebungen gegen  die  Ausfuhr  von  Lebensmitteln  und  Kohle  aus  dem 
tschechischen  Sprachgebiet  an.  Der  Prager  „Sozialistische  Rat"  beschloß,  diese 
Kundgebungen  mit  einer  Demonstration  für  die  Republik  zu  verbinden. 
Es  war  die  erste  unzweideutig  republikanische  Kundgebung:  im  ganzen 
tschechischen  Gebiet  ruhte  die  Arbeit,  die  demonstrierenden  Arbeitermassen 
forderten  die  unabhängige  tschechische  Republik.  Aber  diese  Kundgebung 
war  mehr  als  eine  mächtige  Demonstration.  Die  Massen  hatten  gegen  die 
Ausfuhr  von  Nahrungsmitteln  aus  den  Sudetenländern  nach  Deutsch- 
österreich und  an  die  Front  demonstriert.  Und  in  der  Tat  begann  vom 
folgenden  Tag  an  diese  Ausfuhr  zu  stocken:  die  tschechischen  Landwirte 
steUten  die  Lieferungen  an  die  staatliche  Getreideverkehrsanstalt  ein,  die 
tschechischen  Beamten  der  Prager  Filiale  der  Kriegsgetreideverkehrsanstalt 
leiteten  keine  Transporte  mehr  nach  Wien,  die  tschechischen  Eisenbahner 
hielten  alle  Lebensmitteltransporte  an  der  nieder-  und  der  oberöster- 
reichischen Grenze  an.  Die  Tschechen  hatten  die  Blockade  über  Deutsch- 


-    75 


öslcrroich  und  über  die  Fronl  verhängt;  sie  wurde  binnen  wenigen  Tagen 
fühlbar. 

An  demselben  Hr.  Oktober,  an  dem  der  Generalstreik  der  tschechischen 
Arbeiter  den  Umsturz  in  den  tschechischen  Ländern  ankündigte,  teilte 
Dr.  Benes  den  Enlcntcrcgicrungen  mit,  daß  sich  in  Paris  „im  Einvernehmen 
mit  den  politischen  Führern  in  unseren  Ländern"  die  erste  tschechische 
Regierung  konstituiert  habe;  Masaryk  sei  zum  Präsidenten,  Bene§  zum 
Minister  des  Äußern,  Stcfanik  zum  Kriegsminisler  ernannt.  Schon  am 
folgenden  Tage  erkannte  Frankreich  diese  Regierung  an.  Zwei  Tage  später, 
am  17.  Oktober  proklamierte  Masaryk  in  Washington,  die  tschecho- 
slowakische Republik  trete  ins  Leben. 

Im  Hauptquartier  in  Baden  wußte  mAn.  daß  die  italienische  Heeres- 
leitung eine  gewaltige  Offensive  gegen  die  hungernde,  zerlumpte,  zerrüttete 
k.  u.  k.  Armee  in  Venetien  vorbereite.  Wilson  aber  ließ  Habsburgs  Bitte 
um  Waffenstillstand  immer  noch  unbeantwortet.  Er  wechselte  mit  dem' 
Deutschen  Reiche  Noten  über  die  Waffenstillstandsbedingungen;  Österreich- 
Ungarn  würdigte  er  überhaupt  keiner  Antwort.  Eine  furchtbare  Angst  wurde 
am  Hofe  wach:  Wollte  die  Entente  der  Monarchie  überhaupt  keinen  Frieden 
mehr  bewilligen? 

Der  Kaiser  versuchte  es,  mit  den  Nationen  selbst  zu  verhandeln.  Am 
12.  Oktober  empfing  er  in  Baden  32  Abgeordnete  aller  Nationen.  Er  hatte 
ein  „Völkerministerium"  im  Sinne.  Aber  Tschechen  und  Südslawen  ant- 
worteten, sie  hätten  in  einer  österreichischen  Regierung  nichts  mehr  zu 
tun.  Sie  hätten  nur  eines  zu  fordern:  Übergabe  der  ganzen  Regierungs- 
gewalt in  ihrem  Gebiet  an  ihre  Nationalräte  und  Räumung  ihres  Gebiets 
durch  alle  Truppen  fremder  Nationalität. 

Der  Hof  sah,  daß  sich  der  offene  Aufruhr  in  Böhmen,  in  Kroatien,  in 
Galizien  vorbereitete.  Aber  hatte  man  noch  die  Macht,  den  Aufruhr 
niederzuschlagen?  Sind  die  schwachen  hungernden  Landsturmformationen 
im  Hinterland  gegen  die  Volksmassen  noch  verläßlich?  Und  wenn  sie  es 
selbst  wären:  alles  hing  davon  ab,  ob  die  Entente  doch  noch  vor  dem 
Beginn  der  drohenden  italienischen  Offensive  einen  Waffenstillstand 
bewilligt;  konnte  man  die  Gnade  der  Entente  hoffen,  wenn  man  die 
Volker,  die  die- Entente  als  ihre  Bundesgenossen  anerkannt  hatte,  blutig 
niederwarf?  So  verzichtete  denn  Habsburg  auf  jede  Gegenwehr. 

Nun  sahen  auch  die  deutschbürgerlichen  Parteien,  daß  sich  das  deutsch- 
österreichische Volk  nicht  an  das  untergehende  Reich  klammern,  daß  es 
sein  Geschick  in  seine  eigene  Hand  nehmen  mußte.  Sie  stimmten  unserer 
Forderung,  daß  sich  die  deutschösterreicjii sehen  Abgeordneten  als  Provi- 
sorische Nationalversammlung  des  deutschösterreichischen  Staates  kon- 
stituieren und  die  volle  Gesetzgebungs-  und  VoUziehungsgew^alt  in  dem  neu 
zu  errichtenden  Staate  für  sich  in  Anspruch  nehmen  sollten,  endlich  zu.  Dem 
Kaiser  blieb  nun  nichts  anderes  mehr  übrig,  als  den  Schein  der  Macht 
noch  dadurch  aufrechtzuerhalten,  daß  er  ausdrücklich  erlaubte,  was  ohne 
seine  Erlaubnis  schon  beschlossen,  schon  in  Durchführung  war.  So  ent- 
schloß sich  der  Kaiser  zu  dem  Manifest  vom  16.  Oktober.  „Österreich  soll",. 
so  sagte  das  kaiserliche  Manifest,  „zu  einem  Bundesstaat  werden,  in  dem. 
jeder  Volksstamm  auf  seinem  Siedlungsgebiet  sein  eigen(>s  staatliches  Ge- 

—    76    — 


meinwesen  bildet.  Der  Vereinigung  der  polnischen  Gebiete  Österreichs  mit 
dem  polnischen  unabhängigen  Staate  wird  hiedurch  in  keiner  Weise  vor- 
gegriffen." An  dieser  Umgestaltung  sollen  die  Völker  „durch  Nationalräte 
mitwirken,  die,  gebildet  aus  den  Reichsratsabgeordneten  jeder  Nation,  die 
Interessen  der  Völker  zueinander  sowie  im  Verkehr  mit  Meiner  Regierung 
zur  Geltung  bringen  sollen".  Soweit  das  Manifest  zur  Bildung  dieser 
Nationalräte  aufforderte,  legalisierte  es  nur  einen  schon  im  Gange  befind- 
lichen Prozeß.  Zugleich  aber  zeigte  das  Manifest  nur  noch  einmal,  wie 
unmöglich  es  war,  die  sich  auflehnenden  Nationen  mit  der  Monarchie  zu 
versöhnen.  Die  ungarische  Regierung  hatte  es  durchgesetzt,  daß  in  das 
Manifest  Hie  Bestimmung  aufgenommen  wurde,  durch  die  Neugestaltung 
Österreichs  dürfe  „die  Integrität  der  Länder  der  ungarischen  heiligen  Krone 
in  keiner  Weise  berührt  werden";  damit  war  den  Südslawen  die  nationale 
Vereinigung  auch  nur  innerhalb  des  Reichsrahmens,  war  den  Tschechen 
die  Angliederung  der  Slowakei  verwehrt.  Und  die  ganze  Umgestaltung 
wollte  das  Manifest  „auf  gesetzlichem  Wege  vollenden";  als  ob  die  Völker 
noch  bereit  gewesen  wären,  sich  das  Maß  ihrer  Selbständigkeit  von  der 
Krone  und  den  beiden  Häusern  des  österreichischen  Reichsrates  zuweisen 
zu  lassen!  Mit  Hohn  lehnten  alle  slawischen  Völker  dieses  Manifest  ab. 
Nichts  anderes  mehr  als  die  volle  Unabhängigkeit  —  so  antwortete  der 
Närodni  Vybor,  der  am  19.  Oktober  in  Prag  zusammentrat,  und  an  dem- 
selben Tage  das  Narodno  Vijece  in  Agram. 

So  stellte  sich  nun  endlich  auch  Deutschösterreich  auf  den  Boden  der 
nationalen  Revolution.  Am  21.  Oktober  versammelten  sich  im  Sitzungssaal 
des  niederösterreichischen  Landtages  die  Reichsratsabgeordneten  aller 
deutschen  Wahlbezirke.  Dr.  Waldner,  der  Obmann  des  Verbandes  der 
deutschnationalen  Parteien,  eröffnete  die  Versammlung.  „Die  Geschichte", 
sagte  er,  „hat  uns  Deutsche  zu  Gründern  des  alten  Staates  Österreich  ge- 
macht, und  wir  haben  diesem  Staat  durch  die  Jahrhunderte  in  unver- 
brüchlicher Treue  und  in  selbstloser  Aufopferung  unser  Bestes  an  Kultur 
und  Wirtschaft  hingegeben.  Ohne  Dank  scheiden  wir  nun  aus  diesem 
Staate,  um  unsere  Volkskraft  auf  uns  allein  zu  stellen  und  aus  ihrem  un- 
versiegbaren Born  hoffnungsvoll  ein  neues,  nur  unserem  Volke  allein 
dienendes  Gemeinwesen  aufzubauen."  Einstimmig  faßte  die  Versammlung 
den  folgenden  Beschluß: 

„Das  deutsche  Volk  in  Österreich  ist  entschlossen,  seine  künftige  staatliche 
Ordnung  selbst  zu  bestimmen,  einen  selbständigen  deutschöster- 
reichischen Staat  zu  bilden  und  seine  Beziehungen  zu  den 
anderen  Nationen  durch  freie  Vereinbarungen  mit  ihnen  zu 
regeln. 

Der  deutschösterreichische  Staat  beansprucht  die  Gebietsgewalt  über  das 
ganze  deutsche  Siedlungsgebiet,  insbesondere  auch  in  den  Sudeten- 
ländern. Jeder  Annexion  von  Gebieten,  die  von  deutschen  Bauern,  Arbeitern  und 
Bürgern  bewohnt  werden,  durch  andere  Nationen  wird  sich  der  deutschöster- 
reichische Staat  widersetzen.  Den  Zugang  des  deutschen  Volkes  zum  Adriatischen 
Meer  wird  er  durch  Vereinbarungen  mit  den  anderen  Nationen  sicherzustellen 
suchen. 

Das  deutsche  Volk  in  Österreich  wird  eine  Konstituierende  Natio- 
nalversammlung wählen.  Die  Konstituierende  Nationalversammlung,  auf 
Grund  des  allgemeinen  und  gleichen  Wahlrechtes  gewählt,  wird  die  Ver- 
fassung des  deutschösterreichischen  Staates  festsetzen. 

—    77     - 


Bis  zum  Zuscunmenlritt  der  Konstituierenden  Nalionalvoisaiunilung  obliegt 
den  Reichsratsabgeordneton  der  deutschen  Wahlbezirke  die  Pflicht,  das  deutsche 
Volk  in  Österreich  zu  vertreten.  Die  Gesamtheit  der  deutschen  Abgeordneten  des 
österreichischen  Reichsrales  bildet  daher  die  Provisorische  National- 
V  e  r  s  a  m  m  1  u  n  g  für  Deutschosterreich. 

Die  Provisorische  Nationalversammlung  beansprucht  das  Recht,  bis  zum 
Zusannnentritt  der  Konstituierenden  Nationalversammlung  das  deutsche  Volk 
in  Österreich  bei  den  Friedensverhandlungen  zu  vertreten,  Verhand- 
lungen mit  den  anderen  Nationen  über  die  Übertragung  der  Ver- 
waltung an  die  neuen  Nationalstaaten  und  über  die  Neugestaltung 
der  Beziehungen  zwischen  den  Nationen  zu  führen  und  eine  Gesetz- 
g  e  b  u  n  g  s-  und  V  o  1 1  z  u  g  s  g  e  w  a  1 1  einzurichten.  Die  Provisorische 
Nationalversammlung  wird  die  Wahlordnung  festsetzen,  auf  Grund  deren 
die  Konstituierende  Nationalversammlung  gewählt  werden  soll,  und  sie  wird  die 
Organisation  der  neuen  Verwaltung  des  deutschösterreichischen  Staates  vor- 
l)ereilen.  Die  Provisorische  Nationalversammlung  wird  ihre  besondere  Aufmerk- 
samkeit der  schweren  wirtschaftlichen  Not  des  deutschen  Volkes  in  Österreich 
zuwenden,  sie  wird  sich  vor  allem  bemühen,  die  Gefahren  zu  bekämpfen,  die 
■infolge  des  Stockens  der  Lebensmittelzufuhr  drohen,  und  wird  die  zu 
diesem  Zwecke  erforderlichen  Verhandlungen  führen." 

Demgemäß  beschloß  die  AbgeordnetenversaiTimlung,  sich  als  Provi- 
sorische Nationalversammlung  zu  konstituieren  und  einen  Vollzugsaus- 
.-^(•huß  als  Keimzelle  der  zu  schaffenden  deutschösterreichischen  Regierung 
EU.  wählen. 

Im  Namen  der  Sozialdemokraten  sprach  Viktor  Adler.  Er  begann  mit 
einem  Gruß  an  die  Nachbarvölker.  „Wir  entbieten",  so  sagte  er,  „in  dieser 
Stunde  unseren  brüderlichen  Gruß  unseren  slawischen  und  romanischen  ■ 
Genossen.  Wir  beglückwünschen  sie  dazu,  daß  ihre  Völker  der  Verwirk- 
lichung ihres  so  leidenschaftlich,  so  zäh,  so  opferbereit  erstrebten  Selbst- 
bestimmungsrechtes endlich  nahe  sind.  Wir  erkennen  dieses  Selbst- 
bestimmungsrecht ohne  Vorbehalt  und  ohne  Einschränkung  an.  Wir  fordern 
es  ebenso  ohne  Vorbehalt  und  ohne  Einschränkung  auch  für  unser  deutsches 
Volk."  Deutschösterreich  solle  sich  „mit  den  Nachbarvölkern  zu  einem 
freien  Völkerbund  vereinen,  wenn  die  Völker  dies  wollen.  Lehnen  aber  die 
anderen  Völker  eine  solche  Gemeinschaft  ab  oder  wollen  sie  ihr  nur  unter 
Bedingungen  zustimmen,  die  den  wirtschaftlichen  und  den  nationalen  Be- 
dürfnissen des  deutschen  Volkes  nicht  entsprechen,  dann  wird  der  deutsch- 
österreichische Staat,  der,  auf  sich  selbst  gestellt,  kein  wirtschaftlich  ent- 
wicklungsfähiges Gebilde  wäre,  gezwungen  sein,  sich  als  besonderer 
Bundesstaat  dem  Deutschen  Reiche  anzugliedern".  In  jedem  Falle  aber 
solle  sich  Deutschöstereich  als  demokratische  Republik  konstituieren  und 
solle  es  zunächst  ohne  Säumen,  „ohne  sich  durch  die  Schranken  der  bis- 
herigen, nun  völlig  zusammengebrochenen  Verfassung  hindern  zu  lassen", 
eine  deutschösterreichische  Regierung  bilden,  die  die  Verwaltung  Deutsch- 
Österreichs  schleunigst  übernehmen  müsse.  Damit  waren  die  nächsten  Auf- 
gaben klar  bezeichnet:  Bildung  einer  Regierung,  tatsächliche  Übernahme 
der  Regierungsgewalt,  Republik,  Anschluß  an  Deutschland! 

Aber  so  weit  waren  die  bürgerlichen  Parteien  noch  nicht.  Schrafil  er- 
klärte im  Namen  der  Christlichsozialen,  Steinwender  im  Namen  der 
Deutschnationalen,  daß  sie  an  der  konstitutionellen  Monarchie  festhalten. 
Erst  die  Ereignisse  der  folgenden  Woche  rissen  auch  diese  Schranken 
tiicder. 


Am  18.  Oktober  hatte  Wilson  endlich  auch  Österreich-Ungarns  Bitte  um 
Waffenstillsland  beantwortet;  an  demselben  Tage,  an  dem  Masaryk  dem 
Staatsdepartement  in  Washington  die  tschechische  Unabhängigkeits- 
erklärung übergeben  hatte.  Wilsons  Antwort,  die  in  Wien  erst  am  21.  Ok- 
tober, am  Tage  der  Konstituierung  der  Provisorischen  Nationalversammlung, 
bekannt  wurde,  raubte  Habsburg  die  letzte  Hoffnung.  Sie  lautete: 

„Der  Präsident  hält  es  für  seine  Pflicht,  der  österreichisch-ungarischen 
Regierung  zu  erklären,  daß  er  sich  dem  gegenwärtigen  Vorschlag  dieser  Regierung 
wegen  gewisser  Ereignisse  von  großer  Bedeutung,  die  sich  seit  Abgabe  seiner 
Adresse  vom  8.  Jänner  zugetragen  haben,  nicht  anschließen  kann. 

Unter  den  14  Bedingungen,  die  der  Präsident  damals  formuliert  hatte,  kam 
die  folgende  vor:  ,,Den  Völkern  Österreich-Ungarns,  deren  Platz  unter  den 
Nationen  wir  gescliützt  und  gesichert  zu  sehen  wünschen,  soll  die  Möglichkeit 
autonomer  Entwicklung  gewährt  werden." 

Seitdem  dieser  Satz  geschrieben  und  vor  dem  Kongreß  der  Vereinigten 
Staaten  ausgesprochen  wurde,  hat  die  Regierung  der  Vereinigten  Staaten 
anerkannt,  daß  der  Kriegszustand  zwischen  den  Tschecho- 
slowaken  einerseits,  dem  'Deutschen  und  dem  öster- 
reichisch-ungarischen Staat  anderseits,  besteht  und  daß  der 
tschechoslowakische  Nationalrat  eine  de  facto  krieg- 
führende Regierung  ist,  berufen,  die  militärischen  und  politischen 
Angelegenheiten  der  Tschechoslowaken  zu  vertreten. 

Sie  hat  auch  in  weitestgehender  Weise  die  Gerechtigkeit  der  nationalen 
Ansprüche  der  Jugoslawen  nach  Freiheit  anerkannt. 

Der  Präsident  verlügt  daher  nicht  mehr  über  die  Freiheit,  die  bloße  Auto- 
nomie dieser  Völker  als  Grundlage  des  Friedens  anzuerkennen.  Er  ist  vielmehr 
gezwungen,  darauf  zu  bestehen,  daß  diese  Völker  selbst,  nicht  er 
Richter  darüber  sein  sollen,  welche  Maßnahmen  der  öster- 
reichisch-ungarischen Regierung  genügen  werden,  um  die 
Ansprüche  dieser  Völker  und  ihre  Auffassung  von  ihren  Rechten  und  von  ihrer 
Bestimmung  als  Mitglieder  der  Familie  der  Nationen  zu  befriedigen." 

Der  Präsident  erklärte:  Keinen  Frieden  ohne  volle  Befriedigung  der 
Tschechen  und  der  Jugoslawen.  Die  Tschechen  und  die  Jugoslawen  aber 
hatten  längst  erklärt,  daß  nichts  sie  voll  befriedigen  könne  als  die  voll- 
ständige Unabhängigkeit.  Die  vollkommene  Unabhängigkeit  der  Tschechen 
und  der  Jugoslawen   war  zur  Bedingung  des  Waffenstillstands  geworden! 

Auf  den  Waffenstillstand  aber  konnte  Habsburg  nicht  länger  warten. 
Der  Beginn  der  großen  italienischen  Offensive  an  der  italienischen  Front 
stand  unmittelbar  bevor.  Am  24.  Oktober  setzte  sie  tatsächlich  ein.  Es  war 
klar,  daß  die  hungernde,  zerlumpte,  technisch  mangelhaft  ausgerüstete 
Armee  dem  Angriff  nicht  werde  standhalten  können.  Es  war  um  so  klarer, 
als  sich  die  Anzeichen  der  Aullösung  in  der  Armee  selbst  mehrten.  Seit  dem 
20.  Oktober  liefen  täglich  Meldungen  über  Meutereien  magyarischer  und 
slawischer  Trappenkörper  auf  dem  Balkankriegsschauplatz  ein.  Seit  dem 
24.  Oktober  forderten  magyarische  Truppen  in  Tirol  und  in  Venetien  ihren 
Abtransport  nach  Ungarn,  wo  sie  die  bedrohte  Heimat  verteidigen  wollten. 
Am  23.  Oktober  hatten  kroatische  Truppen  in  Fiume  die  nationale  Fahne- 
gehißt, die  ungarischen  Honveds  und  die  Stadtpolizei  entwaffnet,  sich  der 
Stadt  bemächtigt.  Habsburg  mußte  es  versuchen,  den  Kampf  an  der 
italienischen  Front,  der  zu  vollständiger  Zerschmetterung  der  Armee  führen 
mußte,  um  jeden  Preis  zu  beenden,  sofortigen  Waffenstillstand  um  jeden 
Preis  zu   erlangen,  um   sich  wenigstens  einen  Teil  der   Armee  zu  retten. 

-     79     — 


Denn    nur   wenn   das   gelang,   konnte   Habsburg   hoffen,   seine   Herrschalt 
wenigstens  in  Deutschösterreich  und  in  Ungarn  noch  zu  behaupten. 

Indessen  ging  der  Notenwechsel  zwischen  Wilson  und  der  deutschon 
Regierung  weiter.  Am  2-i.  Oktober,  dem  Tage  des  Beginns  der  italienischen 
Offensive,  wurde  eine  neue  Note  Wilsons  an  die  deutsche  Regierung 
bekannt.  Wilson  ericlärte  da:  „Wenn  die  Vereinigten  Staaten  jetzt  mit 
militärischen  Beherrschern  und  monarchischen  Autokraten  verhandeln 
sollen,  oder  wenn  es  wahrscheinlich  ist,  daß  sie  später  mit  ihnen  über  die 
völkerrechtlichen  Verpflichtungen  des  Deutschen  Reiches  zu  verhandeln 
haben  werden,  müssen  sie  nicht  Friedensverliandlungen,  sondern  Übergate 
verlangen."  Damit  war  die  Frage  der  monarchisclieii  Staatsform  für 
Deutschland  aufgeworfen.  Damit  war  zugleich  klar  geworden,  daß  Öster- 
reich-Ungarn sofortigen  Waffenstillstand  an  Deutschlands  Seite  nicht 
erlangen  konnte.  Nun  entschloß  sich  Habsburg,  seine  Sache,  von  der  Sache 
Deutschlands  zu  trennen.  Durch  Angebot  eines  Sonderfriedens  hoffte 
Habsbu.rg  den  sofortigen  Waffenstillstand  zu  erlangen,  Habsburgs  Schicksal 
von  dem  der  Hohenzollern,  deren  Sturz  Wilson  forderte,  zu  trennen  und  die 
monarchische  Staatsform  in  dem  Rest,  der  von  der  Habsburgermonarchie 
jioch  übrig  bleiben  konnte,  zu  retten.  Am  26.  Oktober,  an  demselben  Tage, 
an  dem  Ludendorff  seines  Amtes  enthoben  wurde,  telegraphierte  der  Ivaiser 
Karl  an  den  Kaiser  Wilhelm: 

.,Die  Ordnung  im  Innern  und  das  monarchische  Prinzip  sind  in  der 
ernstesten  Gefahr,  wenn  wir  dem  Kampf  nicht  sofort  ein  Ende  bereiten.  Selbst 
die  nuiigsten  bundesbrüderlichen  Gefühle  müssen  vor  der  Erwägung  zurück- 
stehen, daß  ich  den  Bestand  jener  Staaten  rette,  deren  Geschick  mir  die  göttliche 
Vorsehung  anvertraut  hat.  Deshalb  kündige  ich  Dir  an,  daß  ich  den  unabänder- 
lichen Beschluß  gefaßt  habe,  innerhalb  vierundzwanzig  Stunden  um  einen 
Separatfrieden    und   um   einen    sofortigen    Waffenstillstand   anzusuchen." 

■  Die  magyarische  Oligarchie  hatte  zum  Sonderfrieden  gedrängt;  nur 
durch  ihn  glaubte  sie  Ungarn  noch  retten  zu  können.  Als  ihr  Vertrauens- 
mann war  schon  am  24.  Oktober  Graf  Julius  Andrassy  zum  Minister  des 
Äußern  ernannt  worden.  Zugleich  hatte  der  Kaiser  den  Professor  Lammasch 
mit  der  Neubildung  der  österreichischen  Regierung  betraut,  da  sich  der  Hof 
zum  Sonderfrieden,  zur  Kapitulation  vor  Tschechen  und  .fugoslav\'en  ent- 
schloß, suchte  er  Zuflucht  bei  dem  patriotischen  Pazifismus,  der  längst 
schon  nur  durch  den  Bruch  mit  Deutschland,  durch  die  Verständigung  mit 
der  Entente,  durch  die  Versöhnung  mit  den  Nationen  das  Reich  retten  zu 
I^önnen  glaubte.  Am  26.  Oktober,  dem  Tage  des  Telegramms  an  den  ICaiser 
Wilhelm,  wurde  die  Regierung  Lammasch,  deren  bedeutendste  Mitglieder 
die  Professoren  Josef  Redlich  und  Ignaz  Seipel  waren,  gebildet.  Da  nach 
der  Antwortnote  Wilsons  die  Übergabe  der  tatsächlichen  Regierungsgewalt 
an  die  Tschechen  und  Jugoslawen  als  Bedingung  des  Waffenstillstandes 
anerkannt  werden  mußte,  erhielt  die  Regierung  Lammasch  den  Auftrag, 
„im  fortlaufenden  Einvernehmen  mit  den  Nationalregierungen  die  Über- 
leitung der  zentralen  Verwaltung  in  die  Verwaltung  der  Nationalstaaten 
durchführen".  In  der  Nacht  vom  27.  auf  den  28.  Oktober  ging  die  Antwort- 
note Andrassys  an  Wilson  ab  und  gleichzeitig  bekam  der  General  der 
Infanterie  v.  Weber  den  Befehl,  in  das  italienische  Hauptquartier  mit  der 
Bitte  um  sofortigen  Waffenstillstand  abzugehen. 

—    80    - 


Andrassys  Antwort  an  Wilson  war  die  Todesurkunde  der  Monarchie.  Die 
österreichisch-ungarische  Regierung  erklärte,  daß  sie  „der  in  der  letzter 
Note  des  Herrn  Präsidenten  enthaltenen  Auffassung  über  die  Rechte  dei 
Völker  Österreich-Ungarns,  speziell  jene  der  Tschechoslowaken  und  Jugo- 
slawen, zustimmt".  Damit  war  die  Unabhängigkeit  »der  Tschechoslowakei 
und  der  Jugoslawen  tatsächlich  anerkannt,  hatte  Habsburg  jedem  Wider- 
stand gegen  ihre  Trennung  von  der  Monarchie  bereits  entsagt.  Zugleicl'. 
erklärte  sich  Österreich-Ungarn  aber  auch  bereit,  „ohne  das  Ergebnis 
anderer  Verhandlungen  abzuwarten,  in  Verhandlungen  über  einen 
Frieden  zwischen  Österreich-Ungarn  und  den  gegnerischen  Staaten  und  über 
einen  sofortigen  Waffenstillstand  einzutreten";  damit  -hatte  Habsburg  dem 
Separatfrieden  zugestimmt,  es  hatte  mit  dem  Deutschen  Reich  gebrochen 
imd  dadurch  wurde  nun  'auch  das  Verhältnis  des  deutschösterreichischen 
Bürgertums  zu  Habsburg  vollständig  umgewälzt,,  wurde  auch  in  Deutsch- 
österreich die  Revolution  vorwärtsgetrieben. 

Am  28.  Oktober  wurde  Andrassys  Note  in  Prag  bekannt.  Die  Massen 
strömten  jubelnd  auf  die  Straße.  Die  Häuser  wurden  mit  den  nationalen 
Fahnen  geschmückt.  Auf  der  Straße  wurde  geredet,  gesungen,  getanzt.  Die 
österreichischen  Hoheitszeichen  wurden  von  den  Häusern  gerissen.  Die 
Soldaten  schmückten  ihre  Kappen  mit  der  Nationalkokarde.  Indessen 
fuhren  Vertreter  des  Närodni  Vybor  zuerst  in  die  Kriegsgetreideverkehrs- 
anstalt,  dann  in  die'  Statthalterei  und  in  das  Gebäude  der  Landes- 
verwaltungskommission, um  die  Behörden  im  Namen  des  Närodni  Vybor  zu 
übernehmen.  Sie  stießen  auf  keinen  Widerstand.  Überall  leisteten  die 
Beamten  dem  Närodni  Vybor  sofort  das  Gelöbnis  der  Treue.  Um  3  Uhr  nach- 
mittag ließ  das  Militärkommando  ein  ungarisches  Bataillon  auf  den  Alt- 
städter-Platz ausrücken,  um  den  Platz  zu  räumen;  auf  energisches  Ver- 
langen des  Närodni  Vybor  wurde  das  Bataillon  wieder  zurückgezogen. 
Zugleich  wurden  die  wichtigsten  Plätze  der  Stadt  von  bewaffneten  Kom- 
pagnien tschechischer  Sokoln  (Turner)  besetzt;  die  Mannschaft  einiger 
militärischer  Magazine  und  Formationen  hatte  ihnen  die  Waffen  aus- 
geliefert. In  den  Abendstunden  stellten  sich  tausend  tschechische  Offiziere 
und  die  in  Prag  anwesende  tschechische  Mannschaft  in  den  Dienst  des 
Närodni  Vybor;  aus  ihnen  wurden  militärische  Abteilungen  formiert,  die 
die  Sokoln  verstärkten.  Um  8  Uhr  abend  verhandelten  die  Vertreter  des 
Närodni  Vybor  mit  dem  kommandierenden  General  Kestranek,  während 
bewaffnete  Sokoln  in  das  Gebäude  des  Militärkommandos  eindrangen.  Der 
General  erkannte  an,  daß  die  in  den  Dienst  des  Närodni  Vybor  über- 
getretenen tschechischen  Offiziere  und  Soldaten  den  Kommanden 
der  Sokoln  unterstehen,  verpflichtete  sich,  nichts  gegen  die 
neuen  Gewalthaber  zu  unternehmen,  behielt  sich  aber  das  Kom- 
mando über  die  in  Prag  stehenden  deutschen  und  ungarischen  Truppen- 
körper bis  zu  ihrem  Abtransport  vor.  Am  folgenden  Tage  proklamierte 
der  Närodni  Vtbor,  daß  der  tschechoslowakische  Staat  ins 
Leben  getreten,  die  Regierungsgewalt  im  .ganzen  tschechischen  Sprax;h- 
gebiet  in  seiner  Hand  sei.  Der  böhmische  Statthalter,  der  an  diesem  Tage 
i^on  Wien  nach  Prag  zurückkehrte,  wurde  bei  seiner  Ankunft  verhaftet.  An 
demselben  Tage  unterstellte  sich  die  k.  k.  Staatspolizei  dem  Närodni  Vybor. 
^ber  noch  war  die  militärische  Gewalt  nicht  ganz  in  seiner  Hand.     An 

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diesem  Ta^c  ergaben  sich  Konflikte  zwischen  dem  neifen  tschechischen  und 
dem  noch  bestehenden  k.  u.  k.  Militärkommando.  Am  30.  Oktober  drangen 
tschechische  Truppen  in  das  Militärkommando  ein,  die  ungarischen  Truppen 
lieforten  ihnen  ohne  Widersland  Waffen  und  Munition  aus,  der  General 
Kestranek  legte  die  Kommandogewalt  nieder  und  übergab  sie  dem  Mrodnf 
Vybor.  Damit  erst  war  die  ganze  Macht  in  die  Hände  der  neuen  nationalen 
Regierung  übergegangen. 

Dramatischer,  pathetischer  vollzogen  sich  die  Ereignisse  in  Kroatien. 
Die  ]\Ieuterei  der  kroatischen  Truppen  in  Fiume  am.  23.  Oktober  hatte  die 
Bewegung  eingeleitet.  Große  Demonstrationen  im.  Gebiet  von  Ogulin  waren 
gefolgt,  zu  deren  Unterdrücku];ig  die  Militärbehörden  keine  Assistenzen 
mehr  aufzutreiben  vermochten.  Am  28.  hatte  die  kroatische  Mannschaft  der 
Kriegsflotte,  von  der  Mannschaft  der  anderen  Nationen  passiv  unterstützt, 
zu  meutern  begonnen;  auf  jedem  Schiff  wurden  Mannschaftskomitees' 
gebildet,  die  am  folgenden  Tage  schon  die  Kommandogewalt  übernahmen. 
Am  29.  Oktober  trat  in  Agram  der  Sabor  zusammen.  Er  beschloß:  „Alle  bis- 
herigen staatsrechtlichen  Beziehungen  zwischen  dem  Königreich  Kroatien, 
Slawonien  und  Dalmatien  einerseits,  dem  Königreich  Ungarn  und  dem 
Kaisertum  Österreich  anderseits  sind  aufgehoben.  Der  kroatisch-ungarische 
Ausgleich  wird  für  nichtig  erklärt.  Das  Königeich  erklärt  sich  für  einen 
unabhängigen  Staat,  der  beitritt  dem  nationalen  souveränen  Staat  der  Slo- 
wenen, Kroaten  und  Serben.  Der  Sabor  erkennt  das  Narodno  Vijece  als  die 
oberste  Regierung  an."  Auf  Grund  dieses  Beschlusses  des  verfassungs- 
mäßigen Landtages  übernahm  das  Narodno  Vijece  die  Regierungsgew^alt. 
Der  Banus  IMihalovic  und  der  kommandierende  General  Snjaric  unter- 
stellten sich  der  nationalen  Regierung.  Am  folgenden  Tage  erzwangen  die 
meuternden  Matrosen  in  Pola  die  förmliche  Übergabe  der  gesamten  k.  u.  k. 
Kriegsflotte  an  den  südslawischen  Staat. 

Zugleich  gewann  aber  auch  in  Deutschösterreich  die  republikanische 
Bewegung  Kraft.  Sie  ging  von  der  Arbeiterschaft  aus.  Sie  war  geweckt 
worde^n  durch  die  republikanische  Demonstration  der  tschechischen 
Arbeiter  am  14.  Oktober.  Sie  hatte  ihr  Stichwort  empfangen  aus  der  Er- 
klärung, die  Viktor  Adler  bei  der  Konstituierung  der  Provisorischen  National- 
versanimlung  am  21.  Oktober  abgegeben,  in  der  er  die  Republik  gefordeft. 
hatte.  Sie  drängte  nach  der  Vollendung,  als  die  Prager  Ereignisse  vom 
28.  Oktober  in  Wien  bekannt  wurden.  Am  29.  Oktober  schickten  die- 
Arbeiter  vieler  Wiener  Betriebe  Deputationen  in  das  Parlament,  die  von  der 
Partei  forderten,  sie  solle  unverzüglich  eine  Massendemonstration  für  die- 
Republik  organisieren. 

Aber  seit  Andrassys  Bitte  um  den  Separatfrieden  hatte  die  republi- 
kanische Bewegung  mit  einemmal  auch  das  deutschnationale  Bürgertum 
erfaßt.  Schon  seit  Clemenceaus  Enthüllung  der  Friedensintrigen  des  Kaisers 
mit  Sixtus  von  Parma  standen  die  Deutschnationalen  dem  ,  Kaiser  voll 
Mißtrauens,  voll  Verachtung  gegenüber.  Jetzt,  da  Habsburg  in  der  Stunde  der 
höchsten  Not  Deutschlands  mit  Deutschland  brach,  brachen  sie  mit  Habs- 
burg. Sie  hatten  Habsburgs  blutige  Gewaltherrschaft  gestützt,  so  lange  sie- 
deutschem  Kommando  die  Verfügung  über  die  Volkskraft  der  slawischen 
und  romanischen  Völker  sicherte.  Jetzt,  da  sich  Habsburg  in  der  Hoffnung 
von  Deutschland    trennte,    durch    die  Gnade  der  Entente    den  Rest  seines 

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Reiches  zu  retten,  konnte  Habsburgs  Herrschaft  nur  nocli  das  Gegenteil 
bedeuten:  die  Eingliederung  Deutschösterreichs  in  ein  von  Ungarn 
beherrschtes,  der  Entente  gegen  Deutschland  dienstbares  Reich.  So  ver- 
schieden die  Beweggründe  auch  v/aren:  Deutschnationale  und  Sozialdemo- 
kraten waren  nunmehr  darüber  einig,  daß  sich  Deutschösterreich  nunmehr, 
ohne  sich  um  die  kaiserlichen  Rechte  und  die  kaiserliche  Regierung  zu 
kümmern,  eine  provisorische  Verfassung  geben,  eine  nationale  Regierung 
■einsetzen,  die  tatsächliche  Regierungsgev/alt  im  deutschösterreichischen 
Gebiet  an  sich  reißen  müsse.  Zu  diesem  Zwecke  wurde  für  den  30.  Oktober 
'die  Provisorische  Nationalversammlung  einberufen;  die  Sozialdemokratie 
aber  forderte  die  Arbeiterschaft  auf,  an  diesem  Tage  um  3  Uhr  nachmittag 
die  Arbeit  einzustellen  und  zum  Landhaus,  wo  die  Nationalversammlung 
^zusammentreten  sollte,  zu  ziehen. 

Der  Kaiser  sah,  daß  sich  das  Schicksal  der  Dynastie  zu  vollenden 
■drohte.  Er  geriet  auf  den  verzweifelten  Einfall,  an  die  Treue  der  Soldaten 
zur  Dynastie  zu  appellieren.  Am  29.  Oktober  telegraphierte  das  Armeeober- 
kommando an  die  Truppen: 

„Bestrebungen  der  Nationalräte  gehen  dahin,  die  republikanische  Staats- 
form in  den  zu  schaffenden  Gebieten  zu  propagieren.  Hierüber  wird  aber  die 
Armee  im  Felde  nicht  befragt,  die  alle  IVIänner  vom  18.  bis  50.  Lebensjahr  umfaßt 
und  eigentlich  die  Völker  repräsentiert. 

Telegraphische  Kundgebungen  von  Truppen  und  Formationen  aller  Nationali- 
täten erwünscht,  die  ohne  Zwang  durch  Offiziere  für  Monarchie  und  Dynastie 
sich  aussprechen.  Solclie  sofort  an  das  Armeeoberkommando  leiten,  das  sofort 
für  Weiterbeförderung  sorgen  wird. 

Sehr  dringend  sind  solche  deutscher  Nationalität,  da  am  30.  mittags  ent- 
scheidende Sitzung  des  deutschen  Nationalrates  in,  Wien  stattfindet." 

Die  Fronttruppen  erreichte  diese  Frage  des  Kaisers  nicht  mehr.  In  der 
'Etappe  ließen  einzelne  Kommandanten  Mannschaft  und  Offiziere  über  Mon- 
archie oder  Republik  abstimmen.  Sie  beschleunigten  damit  nur  den  Auf- 
lösungsprozeß in  der  Truppe. 

Gewaltige  Massen  folgten  am  30.  Oktober  unserem  Ruf.  In  eine  Unzahl 
von  Riesenversammlungen  löste  sich  die  Kundgebung  vor  dem  alten  Hause 
der  niederösterreichischen  Landstände  auf.  Die  Republik  und  die  Befreiung 
Friedrich  Adlers  aus  dem  Kerker  waren  die  Forderungen  des  Tages.  Soldaten 
in  großer  Zahl  waren  unter  den  Demonstranten.  In  den  Abendstunden  zogen 
ungeordnete  Massen  von  Soldaten  und  jungen  Leuten  durch  die  Stadt.  Sie 
rissen  die  kaiserlichen  Adler  von  den  Häusern.  Die  Soldaten  rissen  die 
Rosetten  mit  dem  kaiserlichen  Namenszug  von  ihren  Kappen;  sie  zwangen 
ihnen  begegnende  Offiziere,  dasselbe  zu  tun. 

Indessen  tagte  im  Landhause  die  Provisorische  Nationalversammlung. 
Sie  beschloß,  was  die  Masse  auf  der  Straße  stürmisch  forderte.  Zwar  ver- 
mied man  es  noch,  die  Republik  förmlich  zu  proklamieren;  noch  hielten 
'die  bürgerlichen  Parteien  daran  fest,  daß  erst  die  Konstituierende  National- 
versammlung über  die  Staatsform  entscheiden  könne.  Tatsächlich  aber 
beschloß  die  Provisorische  Nationalversammlung  bereits  an  diesem  Tage 
eine  republikanische  Verfassung.  Der  Beschluß  über  „die  grundlegenden 
Einrichtungen  der  Staatsgewalt"  besagte:  Das  Recht  der  Gesetzgebung  übt 
die  Provisorische  Nationalversammlung  aus.  Die  Regierungs-  und  Vollzugs- 
gewalt überträgt  die  Nationalversammlung  einem  von  ihr  gewählten  S'aats- 

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rat;  der  Staatsrat  ernennt  die  Staatssekretäre,  die  die  einzelnen  Slaatsäiuter 
zu  leiten  haten.  Der  Staatsrat  wurde  sofort  gewählt  und  beauftragt,  die  tat- 
sächliche Regierung  des  deulschösterreichischen  Gebiets  sofort  zu  über- 
nehmen. So  war  in  dieser  provisorischen  Verfassung  für  die  kaiserliche 
Gewalt  kein  Raum  mehr;  am  30.  Oktober,  genau  70  Jahre  nach  dorn  Tage, 
an  dem  Windischgrätz  Wien  genonnnen,  die  revolutionäre  Hauptstadt  dem 
Kaiser  zu  Füßen  gelegt  hatte,  ward  Deutschösterreich  Republik. 

Am  folgenden  Tage  zog  die  Revolution  durch  ganz  Österreich.  In  Laibach 
übernahm  am  31.  Oktober  der  Narodni  Svet  die  Rcgierungsgewalt  und 
setzte  eine  Regierung  ein.  In  Triest  übernahm  ein  Wohlfahrtsausschuß 
die  Macht.  In  Krakau  bemächtigte  sich  die  von  den  polnischen  Abgeord- 
neten eingesetzte  Liquidationskommission  im  Namen  der  Reczpospolita 
der  gesamten  Zivil-  und  Militärgewalt.  Der  ukrainische  Nationalrat  setzte 
sich,  auf  einige  ruthenische  Truppenkörper  gestützt,  in  den  Besitz  Lem- 
bergs.  Am  1.  November  übergab  der  General  Sarkotic  die  Regierungsgewalt- 
m  Bosnien  dem  Narodno  Vijece. 

Nirgends  hatte  Habsburg  der  Bewegung  Widerstand  «-"ntgegengesetzt. 
Und  dennoch  glaubte  Habsburg,  glaubten  seine  Generale  und  Diplomaten 
ihre  Sache  noch  keineswegs  verloren.  Denn  mi  Süden,  in  entsetzlichem 
Ringen  vor  dem  Feinde  zurückweichend,  lebte  trotz  allem  ja  immer  noch 
die  kaiserliche  Armee.  Gelang  es,  nur  einen  Teil  des  geschlagenen  Heeres 
aus  der  allgemeinen  Auflösung  zu  retten  und  ihn  in  der  Hand  seiner 
Kommandanten  zu  erhalten,  dann  konnte  man  inuaer  jioch  hoffen,  wenig- 
stens in  Deutschösterreich  und  in  Ungarn  die  Revolution  niederzuwerfen. 
Das  war  die  Hoffnung  der  kaiserlichen  Generale.  „Was  sich  im  Hinterland 
abspielt,  ist  ein  Rausch,  der  morgen  vorbei  ist",  tröstete  noch  am  30.  Ok- 
tober der  Feldmarschall  Boroevic  das  Armeeoberkommando.  Unter  einer 
Bedingung  freilich;  „Wenn  nur  die  Armee,  das  Instrument,  vor  dem  allein 
das  Hinterland  noch  Respekt  hat,  nicht  verschwindet."  In  der  Tat:  nicht 
m  den  wohlfeilen  Siegen  der  Revolution  im  Hinterland,  dort  im  Süden,  wo 
noch  am  30.  Oktober  italienische  Anstürme  am  Monte  Asolon-.  und  Pertica 
zusammenbrachen  und  tapfer  kämpfende  ^Nachhuten  noch  den  Rückzug 
der  sechsten  und  der  Isonzo-Armee  deckten,  dort  mußte  sich  das  Schicksal 
des  Reiches  entscheiden. 

§  6.  Die  Auflösung  des  Reiches. 

Literairii: 

Jäszi,  Magyariens  Schuld,  Ungarns  Sühne.  München  192:3.  —  Hatvany,  Das- 
verwund'ete  Land.  Leipzig  192L  —  Szanto,  Klassenkämpfe  und  die  Diktatur  des 
Proletariats  in  Ungarn.  Wien  192L 

Nowak,  Der  Weg  zur  Katastrophe.  Berhn  1919.  —  Nowak,  Der  Sturz  der 
Mittelmächte^  München  1921.  —  Krauß,  Die  Ursachen  unserer  Niederlage.  München 
1921.   Cramon,  Unser    österreichisch-ungarischer   Bandesgenosse   im   Weltkrieg. 

Berlin   1920. 

Kerchnawe,  Der  Zusammenbruch  der  cisterreichisch -ungarischen  "Wehrmacht  im 
Herbst  1918.  München  1921.  —  Horsetzhy,  Die  vier  letzten  Kriegswochen.  Wien 
X920.^  —  Glaise-Horstenau,  Der  Zusammenbruch.  ,.Der  österreichisch-ungarische 
Krieg."  Leipzig  i922.  —  Nowak,  Chaos.  München  1922.  —  Berichte  der  Kommission 
zur  Erhebung  militärischer  Pflichtverletzungen  ira  Kriege.  97-i  der  Beilagen  zu 
den  PfolokoUen  der  Konstituierenden  Nationalversammlung.  —  Rager,  Warum  hat 
nsterreuh-Ungarn   den  Krieg  verloren?   Wien   192U,     . 

—     84    — 


In  einem  ganz  anderen  Zustand  als  Österreich  war  Ungarn  in  den  Krieg 
eingetreten.  In  Ösierreicli  hatten  alle  Nationen  längst  ein  nationales  Bürger- 
tum hervorgebracht,  das  die  Volksmassen  in  den  nationalen  Kampf  geführt 
hatte.  Seit  1897  schon  erschütterte  der  nationale  Kampf  die  Grundlagen  des 
österreichischen  Staatswesens.  Während  des  Krieges  traten  die  nationalen 
Gegensätze  immer  schroffer  hervor.  Die  nationale  Revolution  im  Oktober 
1918  erschien  hier  als  der  natürliche  Abschluß  der  inneren  Entwicklung 
Österreichs.  Die  herrschende  Klasse  selbst,  die  deutschösterreichische 
Bourgeoisie  gab  hier  schließlich  den  Widerstand  gegen  das  revolutionäre 
Nationalitätsprinzip  auf  und  stellte  sich  auf  seinen  Boden.  Ganz  anders  in 
Ungarn.  Dort  saßen  immer  noch  über  analphabetischen  slawischen  und 
rumänischen  Bauern  magyarische  Grundherren  und  magyarische  Bürger. 
Dort  waren  Slowaken,  Walachen,  Ruthenen  immer  noch  geschichtslose 
Bauernvölker.  Ungarn  war  immer  noch  ein  Nationalstaat,  von  den 
magyarischen  Herrenklassen  allein  beherrscht.  Die  Ansprüche  der 
Tschechen  auf  die  Slowakei,  der  Rumänen  auf  Siebenbürgen,  der  Jugo- 
slawen auf  das  Banat  erschienen  dort  nicht  als  das  Ergebnis  der  inneren 
nationalen  Entwicklung,  sondern  als  Annexionsgelüste  fremder  Eroberer. 
Gegen  sie  verteidigte  die  ganze  magyarische  Gesellschaft  die  „Integrität"  des 
historischen  Ungarn. 

Deutschösterreich  hatte  sich  von  der  Führung  durch  die  Grundherren- 
klasse längst  emanzipiert.  Das  Bürgertum,  die  Bauernschaft,  die  Arbeiter- 
schaft standen  längst  im  Parlament  und  außerhalb  des  Parlaments  als 
organisierte  Mächte  einander  gegenüber.  In  Ungarn  dagegen  war  das 
Parlament,  auf  ein  Zensuswahlrecht  aufgebaut,  immer  noch  vom  Adel 
beherrscht,  der  nur  eine  schmale  Schicht  der  großen  Finanz-  und  Handels- 
bourgeoisie an  seiner  Macht  teilnehmen  ließ.  Das  Kleinbürgertum,  die 
Arbeiterschaft,  die  Bauernschaft  standen  noch  „außerhalb  der  Schanzen  der 
Verfassung". 

Der  Krieg  hatte  die  Macht  der  herrschenden  Adelsklasse  mächtig 
gestärkt.  Dem  zerklüfteten  Österreich  gegenüber  ward  das  von  der  Oligarchie 
mit  eiserner  Hand  geführte  Ungarn  übermächtig.  Stephan  Tisza  war  der 
eigentliche  Herr  der  Monarchie.  Aber  zugleich  entwickelte  der  Krieg  doch 
auch  die  Kräfte  der  magyarischen  Demokratie. 

Im  Jahre  1905  hatte  der  König  das  widerspenstige  Adelsparlament  mit 
dem  allgememen  Wahlrecht  bedroht.  Der  Adel  hatte  sich  dem  König  zu 
Füßen  geworfen,  um  der  Demokratie  zu  entrinnen.  Die  Unabhängigkeits- 
partei hatte  sich  imi  Jahre  1909  gespalten.  Die  Mehrheit,  von  Franz  Kossuth 
geführt,  gab  die  Tradition  Ludwig  Kossuths,  den  Kampf  um  die  nationale 
Unabhängigkeit  auf,  um  dafür  den  Verzicht  des  Königs  auf  die  demo- 
kratische Wahlreform  zu  erkaufen.  Eine  Minderheit  aber,  von  Justh 
geführt,  dachte  anders.  Die  Erfahrung  von  1905  hatte  sie  gelehrt,  daß  das 
ungarische  Parlament  die  nationale  Unabhängigkeit  nicht  zu  erringen 
vermochte,  solange  die  Demokratie  in  jedem  Augenbjick  zum  Instrument 
Habsburgs  gegen  den  nationalen  Parlamentarismus  werden  konnte.  Den 
Idealen  von  1848  treu,  wollte  sie  Habsburg  diese  Waffe  aus  der  Hand 
schlagen.  Sie  v/ollte  die  Demokratie  in  ein  Instrument  des  nationalen 
Parlamentarismus    gegen  Habsburg    verwandeln.    Der    von  Justh    geführte 

—    85    — 


flügcl  der  Unabhängigkeitspartei  schrieb  nun  selbst  das  allgemeine  Wahl- 
recht auf  seine  Fahnen.  Wollte  die  Mehrheit  des  Adelsparlanients  die 
militärischen  Forderungen  des  Königs  bewilligen,  um  der  denioKratischen 
Wahlreform  zu  entgehen,  so  stellte  Justh  dieser  Politik  der  Kapitulation 
•  die  Parole  gegenüber,  keine  militärischen  Forderungen  zu  bewilligen,  ehe 
nicht  die  demokratische  Wahlreform  durchgeführt  ist.  Diese  Parole  scharte 
um  ihn  die  Kräfte  des  neuen,  aus  der  industriellen  Entwicklung  hervor- 
gegangenen Ungarn,  das  gegen  das  alte,  in  dem  Adelsparlament  verkörperte 
Ungarn  anstürmte:  den  bürgerlichen  Radikalismus,  der,  um  die  Budapester 
Soziologische  Gesellschaft  und  die  Zeitschrift  „Kuszadik  Szäzad"  geschart, 
die  junge,  von  der  Gedankenwelt  der  Demokratien  des  Westens  erfüllte 
bürgerliche  Intelligenz  vertrat,  und  die  sozialdemokratische  Arbeiterschaft. 
Stephan  Tisza  hat  den  proletarischen  Widerstand  der  Justh-Partei  und  die 
Straßenrevolte  der  Arbeiter  im  Mai  1912  gewaltsam  gebrochen;  aber  die 
demokratische  Koalition,  in  jenen  Kämpfen  begründet,  lebte  fort. 

Juslhs  Erbe  trat  der  Graf  Michael  Kärolyi  an.  Er  war  der  letzte  Träger 
der  kossuthistischen  Tradition;  sein  Name  und  sein  Ziel  verknüpften  die 
moderne  Demokratie  mit  dem  historischen  Ungarn.  Sein  Ziel  war  die 
Zertrümmerung  des  Ausgleichs  von  1867,  die  nationale  Unabhängigkeit. 
Durch  eine  demokratische  Wahlreform  und  eine  demokratische  Agrar- 
reform wollte  er  die  magyarische  Bauernmasse  zum  Kampf  für  die  von 
der  Gentry  verratene  Unabhängigkeit  Ungarns  mobilisieren.  Als  seit  der 
Annexion  Bosniens  die  auswärtige  Politik  der  herrschenden  Oligarchie 
immer  mehr  in  die  Gefolgschaft  des  deutschen  Imperialismus  geriet,  stellte 
er,  auch  darin  ein  Erbe  kuruzzischer  und  kossuthistischer  Traditionen,  der 
deutschen  Orientierung  die  westliche  gegenüber.  Er  suchte  vor  dem  Kriege 
Beziehungen  zur  westlichen  Demokratie  und  zum  russischen  Liberalismus. 
Er  vertrat  während  des  Krieges  den  dem  deutschen  Imperialismus  feind- 
lichen demokratischen  Pazifismus.  Die  Partei,  die  seinen  Namen  trug,  war 
nur  klein.  Aber  der  bürgerliche  Radikalismus  stellte  ihr  einen  Stab  rede- 
und  schriftgewandler  Intellektueller,  die  Sozialdemokratie  gesellte  ihr  die 
kampfgewohnten  organisierten  Arbeitermassen.  Das  waren  die  demokrati- 
schen Kräfte,  die  in  den  Oktobertagen  der  herrschenden  Oligarchie  ent- 
gegentraten. 

Der  Zusammenbruch  Bulgariens  stellte  Ungarn  vor  die  furchtbarsten 
Gefahren.  In  Serbien  rückte  die  Armee  des  Generals  Franchet  d'Esperey 
gegen  die  ungarische  Grenze  vor.  Die  Besetzung  Bulgariens  durch  Truppen 
der  Entente  stellte  die  Verbindung  Rumäniens  mit  der  Salonikiarmee  der  Ver- 
bündeten wieder  her;  nun  erhob  sich  Rumänien  gegen  den  schmählichen 
Gewaltfrieden,  den  Czernin  in  Bukarest  auf  Geheiß  der  ungarischen  Oligarchie 
diktiert  hatte.  Österreich  zerfiel ;  Tschechen  und  Jugoslawen  forderten  ungari- 
schen Boden.  Und  in  Ungarn  selbst  wagten  es  nun  endlich  die  bisher 
stummen  geknechteten  Völker  ihre  Ansprüche  anzumelden.  Am  18.  Oktober 
verlas  der  Abgeordnete  Vajda  im  ungarischen  Reichstag  eine  Erklärung,  in 
der  er  der  ungarischen  Regierung  das  Recht  absprach,  im  Namen  der 
Rumänen  Siebenbürgens  Verhandlungen  zu  führen.  Am  19.  Oktober  for- 
derte der  Abgeordnete  Juriga  im  Reichstag  das  Selbstbestimmungsrecht  für 
die  Slowaken.  Am  23.  Oktober  wurden  die  magyarischen  Truppen  in  Fiume 
von  einem  kroatischen  Regiment  entwaffnet. 

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Wenige  Wochen  vorher  hatten  sich  die  Magyaren  noch  sehr  sicher  ge- 
fühlt: Österreich  mag  zerfallen,  Ungarn  wird  leben.  Jetzt  sahen  sie  mit 
einemmal  ihr  tausendjähriges  Reich  von  furchtbarer  Katastrophe  bedroht. 
Aus  wilder  tanik  und  leidenschaftlichem  Patriotismus  wuchsen  die  Ge- 
danken: Was  kümmern  uns  Trient  und  Triest?  Die  ungarischen  Truppen 
gehören  in  die  Heimat,  unseren  Boden  gegen  Rumänen  und  Serben  zu  ver- 
teidigen! Österreich  und  Deutschland  sind  verloren.  Trennen  wir  uns  von 
ihnen!  Werfen  wir  uns  der  Entente  in  die  Arme,  um  Ungarn  zu  retten! 

In  diesem  Geiste  erhob  sich  die  magyarische  Demokratie.  Am  16.  Ok- 
tober demonstrierten  die  Abgeordneten  der  Kärolyi-Partei  im  Reichstag  für 
die  Entente.  Die  Verbindung  mit  Österreich  und  das  Bündnis  mit  Deutsch- 
land haben  Ungarn  in  Gefahr  gebracht;  nur  der  Anschluß  an  die 
Entente  könne  die  Integrität  des  Vaterlandes  retten.  Darum  Aufhebung  aller 
staatsrechtlichen  Verbindung  mi*  Österreich,  Bruch  mit  Deutschland, 
Separatfrieden  mit  der  Entente!  Vor  allem  aber  dürfen  die  ungarischen 
Truppen  nicht  mehr  für  eine  fremde  Sache  gegen  die  Entente  kämpfen.  Es 
ist  Wahnsinn,  daß  ungarische  Truppen  in  Tirol  österreichischen  Besitzstand 
verteidigen,  während  Ungarns  Grenzen  gegen  Rumänien  und  gegen  Serbien 
ungeschützt  sind.  Darum  vor  allem  sofortige  Rückberufung  der  ungarischen 
Truppen  von  der'  italienischen  Front  zur  Verteidigung  der  bedrohten 
ungarischen  Grenzen! 

Die  öffentliche  Meinung  wendete  sich  der  Demokratie  zu.  Nicht  die 
Klasse,  die  Ungarn  in  den  Krieg  und  im  Kriege  geführt  hat,  kann  die  In- 
tegrität Ungarns  retten;  Kärolyi,  der  schon  vor  dem  Kriege  freundschaft- 
liche Beziehungen  zu  der,  Demokratie  des  Westens  angeknüpft  hat,  die 
Demokratie,  die  den  imperialistischen  Krieg  bekämpft  hat,  sie  werden,  so 
glaubte  man,  von  der  Entente  gnädiger  behandelt  werden.  Und  nicht  die 
Oligarchie,  die  die  Nationalitäten  unterdrückt  hat,  sondern  die  Radikalen 
und  die  Sozialdemokraten,  die  längst  schon  für  die  politische  Gleichberech- 
tigung und  die  nationale  Autonomie  der  Nationalitäten  eingetreten  sind, 
werden  die  Slowaken,  Rumänen,  Serben  für  Ungarn  gewinnen.  Die  öffent- 
liche Meinung  forderte  die  Übertragung  der  Macht  an  die  Demokratie. 

Noch  hielt  die  Oligarchie  die  Macht  in  ihren  Händen.  Aber  auch  sie 
glaubte  nun,  nur  durch  den  Bruch  mit  Österreich  und  mit  Deutschland 
Ungarn  und  ihre  Herrschaft  in  Ungarn  retten  zu  können.  Am  16.  Oktober,, 
dem  Tage,  an  dem  Kaiser  Karl  das  Manifest  über  die  Umgestaltung  Öster- 
reichs in  einen  Bundesstaat  unterschrieb,  erklärte  der  Ministerpräsident. 
Wekerle  im  ungarischen  Reichstag,  mit  der  Föderalisierung  Österreichs 
seien  die  Voraussetzungen  des  Ausgleichs  von  1867  zerstört;  zwischen 
Ungarn  und  Österreich  könne  es  kein  anderes  Verhältnis  mehr  geben  als 
das  der  bloßen  Personalunion.  Am  22.  Oktober  erklärte  Wekerle  im  Reichs- 
tag, auch  die  Regierung  sei  darauf  bedacht,  die  ungarischen  Regimenter  in 
die  Heimat  zurückzubringen.  Am  24.  Oktober  setzte  die  Oligarchie  die  Er- 
nennung Andrassys  zum  Minister  des  Äußern  durch,  der  der  Entente  den 
Separatfrieden  anbieten  sollte.  Zwischen  der  Politik  der  Oligarchie  und  der 
Politik  der  Demokratie  bestand  im  Grunde  kein  Unterschied  mehr;  aber 
die  Macht  wollte  die  Oligarchie  nicht  aus  ihren  Händen  geben. 

Wohl  verhandelte  der  König  mit  Kärolyi.  Aber  die  Oligarchie  war  immor 
noch  stark  genug,  die  Betrauung  Kärolyis  mit  der  Regierungsbildung  zu 

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verhindern.  Nicht  Kärolyi,  sondern  der  Graf  Joh.ann  Hadik  wurde  am 
29.  Okiober  zum  Minislerpräsidonlen  ernannt.  Der  Nationalrat,  den  die  drei 
demokratischen  Parteien  gebildet  und  dem  Adelsparlament  entgegengestellt 
hatten,  erwog  nun,  sich  durch  einen  revolutionären  Handstreich  der  Gewalt 
zu  bemächligen.  Noch  schob  er  die  Tat  hinaus.  Aber  einige  meuternde  Kom- 
pagnien, die  sich  am  30.  Oktober  dem  Befehl  zum  Abmarsch  von  Budapest 
widersetzten  und  sich  dem  Nationalrat  zur  Verfügung  stellten,  handelten 
auf  eigene  Faust.  In  der  Nacht  vom  30.  auf  den  31.  Oktober  bemächtigten 
sie  sich  im  Namen  des  Nationalrates  der  Kommanden  und  Behörden.  Noch 
suchte  der  Hof,  sich  dadurch  zu  retten,  daß  er  nachträglich  legalisierte,  was 
bereits  aus  dem  Recht  der  Revolution  vollzogen  war:  am  31.  Oktober 
ernannte  der  König  den  Grafen  Ivärolyi  zum  Ministerpräsidenten  und  die 
neue  Regierung  leistete  dem  Erzherzog  Josef  als  dem  Stellvertreter  des 
Königs  das  Gelöbnis.  Aber  dagegen  erhob  sich  die  Arbeiterschaft:  „Keine 
Regierung  des  Königs  mehr!  Kärolyi  ist  Ministerpräsident  aus  dem  Rechte 
der  Revolution!"  Der  König  mußte  die  Regierung  ihres  Eides  sofort  wieder 
entbinden.  So  war  auch  Ungarn  am  31.  Oktober  tatsächlich  schon  Republik. 
Der  Abfall  Ungarns  hat  Habsburgs  Schicksal  entschieden.  Denn  ehe 
noch  die  Bewegung,  die  durch  Ungarn  ging,  in  Budapest  selbst  den  Sieg 
erkämpft  hatte,  hatte  sie  schon  auf  die  Truppen  an  der  Front  übergegriffen 
und  damit  die  nationale  Revolution  an  der  entscheidenden  Stelle,  in  der 
Armee,  ausgelöst.  Keine  geheimnisvollen  „Emissäre"  Karolyis,  keine  „Pro- 
klamationen" des  Nationalrates  haben  die  Revolution  in  der  Armee  ent- 
fesselt. Die  historischen  Ereignisse  selbst,  die  das  tausendjährige  Reich  der 
Magyaren  in  die  Katastrophe  stürzten,  haben  die  magyarischen  Offiziere  und 
■die  magyarischen  Soldaten  an  der  Front  mit  derselben  Leidenschaft  erfüllt 
wie  die  magyarischen  Volksmassen  im  Hinterland,  mit  der  Leidenschaft 
eines  aus  Panik  wild  auflodernden  Patriotismus,  aus  dem  an  der  Brenta 
und  an  der  Piave  ebenso  wie  an  der  Donau  die  ungarische  Revolution 
erwuchs. 

Am  24.  Oktober  begann  im  Gebiet  des  Monte  Grappa,  zwischen  Brenta 
und  Piave  die  italienische  Offensive.  Eine  bedeutende  Übermacht  war  auf 
der  Seite  des  Feindes:  780  österreichisch-ungarischen  standen  841  feind- 
liche Bataillone  gegenüber.  Und  dieser  Übermacht  sollte  sich  die  hungernde, 
in  Lumpen  gekleidete  k.  und  k.  Armee,  diese  Armee  mit  Divisionen,  in 
denen  das  durchschnittliche  Körpergewicht  des  Mannes  50  Kilogramm  be- 
trug, mit  Regimentern,  in  denen  kein  Mann  mehr  eine  ganze  Garnitur 
Wäsche  hatte,  mit  Batterien,  die  keine  Pferde  und  keine  Munition  mehr 
für  4hre  Geschütze  hatten,  erw^ehrenl  Aber  nicht  nur  an  Mann  und 
Material  war  der  Feind  weit  überlegen.  Überlegen  war  er  vor  allem  am 
Geist.  Hüben  ein  Heer,  das  an  die  Möglichkeit  des  Sieges  nicht  mehr  glaubte 
und  dessen  aus  zehn  Nationen  zusammengewürfelte  Bataillone  kein  ge- 
meinsames Vaterland  mehr  zu  verteidigen  hatten;  drüben  eine  Armee,  die, 
nach  vierjährigem  vergeblichem  Ringen,  nun  endlich  die  Möglichkeit  sah, 
mit  einem  großen  Schlag  den  Sieg  und  den  Frieden  zu  erzwingen!  „Voll 
Bchwerster  Besorgnis",  erzählt  der  Oberstleutnant  Glaise-Horstenau, 
„harrten  auf  österreichischer  Seite  die  höheren  Führer  der  ersten  Meldungen 
vom  Schlachtfeld.  Nur  ein  Wunder  Gottes  konnte  die  Lage  retten." 


Aber  trotz  alledem  bewährte  sich  noch  einmal  die  gewaltige  suggestive 
Kraft,  mittels  deren  der  militärische  Mechanismus  den  Offizier  und  den 
Mann  im  Kampf  in  seiner  Gewalt  zu  erhalten  vermag.  Koch  einmal  opferten 
Deutsche  und  Tschechen,  Polen  und  Ukrainer,  Magyaren  und  Slowaken, 
Schulter  an  Schulter  tapfer  kämpfend,  Leife  und  Leben  für  ein  Vaterland, 
das  nicht  mehr  war.  Die  Berichte  der  italienischen  Obersten  Heeresleitung 
geben  von  diesen  letzten  Waffentaten  der  k.  und  k.  Armee  ein  anschau- 
liches Bild.  Vom  24.  Oktober  meldete  sie:  „Der  Asolone,  welcher  im  ersten 
Anlauf  genommen  w^urde,-  mußte  unter  dem  Druck  heftiger  feindlicher 
Gegenangriffe  wieder  geräumt  werden.  Die  Brigade  Pesaro  nahm  den 
Pertica,  das  23.  Sturmbataillon  und  andere  Abteilungen  die  Höhe  1484  des^ 
Prassolan;  aber  durch  das  feindliche  Feuer  zusammengeschmolzen,  mußten 
auch  diese  in  den  erreichten  Stellungen  stelienbleiben."  Vom  25.  Oktober: 
„Der  Gegner  führte  nach  Erho'lung  von  der  Überraschung  von  allen  Seiten 
Gegenangriffe  auf  die  eingebrochenen  Sturmtruppen,  welchen  es  gelang, 
durch  die  feindlichen  Kräfte  mit  den  Gefangenen  in  die  Ausgangsstellung 
zurückzugelangen."  Es  war  die  zu  zwei  Dritteln  aus  tschechischer  Mann- 
schaft zusammengesetzte  4.  Infanterie-Truppendivision,  die  die  Italiener 
im  Asoloneabschnitt  zurückwarf;  es  waren  Egerländer  und  Szekler, 
Slowaken  und  Rumänen,  Magyaren  und  Tschechen,  deren  „heftigen 
^Yiders^and"  der  italienische  Heeresbericht  feststellte.  Nicht  mit  Unrecht 
rühmte  der  österreichisch-ungarische  Heeresbericht  vom  26.  Oktober: 
„Die  Leistungen  unserer  Truppen  stehen  gegenüber  den  größten  Vi^affen- 
taten  früherer  Schlachten  in  nichts  zurück."  * 

Im  Hinterland  war  das  Reich  schon  in  voller  Auflösung.  Hier,  an  der 
Front,  schien  es  noch  zu  leben  in  der  alle  die  Nationen  umspannenden 
Einheit  der  Armee.  Die  Lage  vom  Sommer  1848  schien  wiedergekehrt: 

In  deinem  Lager  ist  Österreich, 
Wir  anderen  sind  einzehie  Trümmer. 

Und  doch,  es  war  nur  Schein.  Das  Volksheer  von  1918  konnte  nicht  von 
der  nationalen  Revolution  unbeeinflußt  bleiben  wie  Radetzkys  kleines  Be- 
rufsheer von  1848.  Das  in  hundert  Schlachten  geschlagene,  das  hungernde, 
verfallende,  von  furchtbarer  Übermacht  bedrängte  Heer  von  1918  Jvonnte 
die  Monarchie  nicht  retten,  wie  es  das  siegreiche  Heer  von  1848  durch 
leichten,  schnellen  Sieg  konnte.  Während  die  Kampftruppen  am  Monte 
Grappa  zum  letztenmal  den  Ansturm  des  Feindes  abwehrten,  zeigten  sich 
in  ihrer  unmittelbaren  Nachbarschaft  schon  drohende  Anzeichen,  daß  die 
Revolution  in  das  Heer  selbst  eingezogen  war. 

Schon  am  24.  Oktober,  dem  Tage  des  Beginns  der  italienischen  Offen- 
sive, meldeten  die  Armeen  bedrohliche  Erscheinungen.  Die  6.  Armee  mel- 
dete, daß  die  Marschbataillone  zweier  ungarischer  Regimenter  forderten, 
in  die  Heimat  zur  Verteidigung  des  bedrohten  Vaterlandes  gebracht  zu 
werden.  Das  Gruppenkommando  Belluno  meldete,  die  42.  kroatische  Divi- 
sion sei  in  solchem  Zustand,  daß  man  es  kaum  noch  wagen  könne,  sie  ein- 
Eusetzen.  Das  Gruppenkommando  Boroevic  meldete  Meutereien  bosnischer 
Truppen.  Immerhin  mochte  man  all  das  doch  nur  als  Einzelfälle  ohne 
größere  Bedeutung  ansehen;  die  Masse  der  Armee  schien  noch  fest.  Erst  am 
folgenden  Tage,  dem  25.  Oktober,  begann  eigentlich  die  nationale  Revolution 

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in  der  Armee.  Die  Bewegung  ging  von  der  38.  Honvedinlanteriedivision,  die 
sich  nus  Siebenbürgern  rekrutierte,  und  von  der  oberuugarischen  27.  In- 
fanteriedivision aus.  Die  Siebenbürger  halten  soeben  noch  am  Sisemol 
tapfer  gekämpft.  Auch  jetzt  noch  blieben  sie  in  militärischer  Zucht  und 
Ordnung.  Aber  sie  weigerten  sich,  weiterzukämpfen.  Sie  verlangten  in  die 
Heimat  gebracht  zu  werden.  Sie  wußten  aus  Zeitungen,  aus  Briefen,  aus 
den  Erzählungen  der  Urlauber,  daß  sich  Rumänien  wieder  erhob,  daß  die 
Grenze  Siebenbürgens  bedroht  war,  daß  die  Grenzbevölkerung  flüchtete; 
sie  wollten  nicht  das  fremde  Tirol,  sondern  die  eigene  Heimat  verteidigen. 
Der  Erzherzog  .Josef,  der  am  26.  Oktober  bei  der  Division  war,  meldete 
an  das  Armeeoberkommando: 

„Das  in  Resen-e  stehende  Honvedinfanterieregiment  Nr.  22  war  bei  der 
Parade,  die  ich  abhielt,  ganz  besonders  stramm.  Kein  einziger  Mann  sprach. 
Ba^taillonskommandant  meldete  mir,  dasselbe  sei  am  25.  Oktober  der  Fall  ge-, 
wesen,  mit  Ausnahme  eines  Mannes,  der  ihm  meldete,  daß  sie  nicht  in  die 
Stellung  gehen  werden.  Als  er  erklärte,  diesen  Mann  zu  verhaften,  rief  das 
ganze  Bataillon  einstimmig:  „Das  dulden  wir  nicht",  dann  wieder  volle  Stramm- 
heit. Ich  nahm  das  Regiment  um  mich  herum,  hielt  eine  Ansprache  im  Sinne 
der  Allerhöchsten  Weisungen,  wurde  begeistert  akklamiert.  Als  aber  „Ruht!" 
kommandiert  wurde  und  ich  mit  einzelnen  Leuten  sprach,  erklärten  von 
mehreren  Kompagnien,  ohne  gefragt  zu  sein,  Infanteristen  im  Namen  ihrer  Kom- 
pagnien, daß  sie  nicht  in  die  Stellung  gehen  werden.  Sie  versprachen  bis  zum 
letzten  Atemzuge  tapfer,  diszipliniert  und  treu  zu  kämpfen,  aber  in  Sieben- 
bürgen, an  ihrer  Grenze,  um  nicht  nochmals  dasselbe  erleben  zu  mtüssen  wie 
1916,  daß  Eltern  oder  Frauen  und  Kinder  von  den  Rumänen  ermordet  werden, 
bevor  sie  hinkommen.  Daher  ihr  rechtzeitiger  Abtransport  nach  Siebenbürgen 
ihre  dringendste  Bitte." 

Die  beiden  Divisionen  mitten  in  der  Schlacht  zum  Gehorsam  zurück- 
zuführen, erwies  sich  als  unmöglich.  Man  mußte  ihre  Forderung  erfüllen. 
Am  26.  Oktober  wurde  der  Abtransport  der  beiden  Divisionen  befohlen. 
Das  Beispiel  war  gegeben.  Nun  breitete  sich  die  Bewegung  unter  den 
ungarischen  Truppenkörpern  schnell  aus.  „Es  ist  nicht  zu  leugnen,"  meldete 
das  6.  Armeekommando,  „daß  bei  den  ungarischen  Truppen,  bei  Offizieren 
und  Mannschaften,  der  Gedanke  wach  geworden  ist,  daß  das  Vaterland 
durch  eine  Invasion  der  Feinde  bedroht  sei.  und  daß  es  notwendig  sei, 
die  ungarischen  Truppen  zum  unmittelbaren  Schutz  der  Heimat  zurück- 
zuberufen." Am  26.  Oktober  wurde  die  40.  Honvedinfanteriedivision,  am 
27.  die  7.  Infanteriedivision  und  andere  magyarische  Divisionen  von  der 
Bewegung  erfaßt.  Und  jetzt  griff  die  Bewegung  auch  auf  die  slawischen 
Truppenkörper  über. 

Die  Stimmung  der  slawischen  Soldaten  war  längst  keine  andere  als  die 
Stimmung  der  slawischen  Volksmassen  im  Hinterland.  Trotzdem  hatten 
sie,  den  Haß  gegen  das  Reich  im  Herzen,  immer  noch  für  das  Reich  ge- 
kämpft. Die  Furcht  hatte  sie  noch  im  Gehorsam'  erhalten.  Jetzt,  da  die 
Ungarn,  während  des  ganzen  Krieges  neben  den  Deutschösterreichern  der 
festeste  Kern  der  Armee,  das  Beispiel  der  Gehorsamsverweigerung  gaben, 
faßten  auch  die  tschechischen,  die  südslawischen  Bataillone  Mut.  Wo 
magyarische  Truppenkörper  den  Gehorsam  verweigerten,  griff  die  Meuterei 
auf  die  benachbarten  slawischen  Abteilungen  über.  Auch  sie  verweigerten 
dem  Befehl  zum  Vormarsch  den  Gehorsam.  Auch  sie  begannen  ihre 
Stellungen    zu    verlassen.    Am    27.    Oktober    meldete    das    Heeresgruppen- 

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kommando     Boroevic      schon     Meutereien      tschechischer,      slowenischer; 
polnischer  und  ukrainischer  Bataillone. 

Aber  größeren  Umfang  gewann  die  Bewegung  doch  erst,  als  die  Nieder- 
lage den  eisernen  Mechanismus  der  Disziplin  aufzulösen  begann,  der  sich 
noch  gegen  die  revolutionäre  Bewegung  in  den  Truppen  wehrte. 

Am  26.  Oktober  gelang  englischen  Truppen  der  Übergang  über  die  ■ 
Piave.  Am  28.  Oktober,  dem  Tage  des  Umsturzes  in  Prag,  wurde  die 
österreichisch-ungarische  Front  am  linken  Piaveufer  durchbrochen.  Am 
29.  Oktober  verweigerten  die  zum  Gegenangriff  eingesetzten  tschechischen 
Truppen  den  Gehorsam.  An  demselben  Tage  befahl  das  Armeeoberkommando - 
die  Räumung  Venetiens.  Auf  der  ganzen  venezianischen  Front  flutete  die 
Armee  nun  zurück.  Die  die  Mannszucht  auflösenden  Wirkungen  der  Nieder- 
lage und  des  Rückzuges  wurde  nun  voll  wirksam.  Die  Gehorsamsverweige- 
rung der  ungarischen  und  der  slawischen  Truppen  breitete  sich  nun  durch  die 
ganze  Armee  aus.  Magyaren  und 'Slawen  wollten  nicht  mehr  für  das  ver- 
haßte Österreich  kämpfen.  Aber  die  Deutschösterreicher  hielten  noch  stand. 
Sie  verteidigten  immer  noch  die  bedrohte  Heimat:  löste  sich  die  Armee 
vor  dem  nachdrängenden  Feind  in  wilder  Unordnung  auf,  dann  drohte  ja 
den  deutschen  Alpentälern  in  ihrem  Rücken  furchtbare  Verheerung.  Aber  • 
als  sich  links  und  rechts  von  den  deutschen  Bataillonen  alles  auflöste, 
konnten  schließlich  auch  sie  nicht  mehr  Widerstand  leisten. 

Am  27.  Oktober  wurde  zum  erstenmal  in  einer  Meldung  des  Heeres- 
gruppenkommandos Tirol  an  das  Armeeoberkommando  eine  deutsche 
Formation  als  nicht  mehr  verläßlich  bezeichnet.  Es  war  nicht  ein  durch- 
bolschewikischo  Heimkehrer  zersetztes,  nicht  ein  aus  sozialdemokratischen 
Arbeitern  zusammengesetztes  Regiment.  Es  waren  gerade  die  Treuesten 
der  Treuen,  die  zuerst  zu  wanken  begannen.  Die  Tiroler  Standschützen 
waren  es,  die  alten  Tiroler  Bauern,  denen  nun,  da  Südtirol  bedroht  erschien, 
bang  wurde  um  Weib  und  Kind,  um  Flab  und  Gut,  und  die  darum  in  ihre 
Dörfer  zurück  wollten. 

Am  28.  Oktober  hatten  dann  wirklich  auch  schon  deutsche 
Formationen  gemeutert.  Es  waren  das  die  alpenländischen,  überwiegend 
bäuerlichen  Formationen  der  Edelweiß-Division,  einige  Tiroler  Kaiserjäger- 
und  Kaiserschützenbataillone,  das  oberösterreichische  Regiment  Nr.  14  und 
das  Salzburger  Regiment  Nr.  59.  Als  die  beiden  ungarischen  Divisionen, 
von  denen  die  ganze  Bev/egung  ausgegangen  war,  abgelöst  und  abtrans- 
portiert wurden,  schickte  das  Kommando  diese  deutschen  Formationen  an. 
ihre  Stelle.  Da  wurden  die  alpenländischen  Bauern  wild:  „Wir  sind  nicht 
dazu  da,  an  Stelle  der  Ungarn  zu  kämpfen." 

Aber  das  waren  doch  nur  vereinzelte  Zwischenfälle.  Die  Masse  der 
deutschösterreichischen  Soldaten  war  noch  verläßlich.  Als  nach  den  Nieder- 
lagen vom  28.  und  vom  30.  Oktober  die  slawischen  und  die  magyarischen 
Truppen  beinahe  auf  der  ganzen  Front  den  Gehorsam  verweigerten,  warf 
man  überall  die  deutschen  Truppenkörper  dem  nachdrängenden  Feinde 
entgegen.  Es  war  nutzlose  Aufopferung:  da  links  und  rechts  von  ihnen  die 
nichtdeutschen  Truppenkörper  nicht  mehr  kämpfen  wollten,  drohten  den 
Deutschösterreichern  überall  Umzingelung  und  Vernichtung.  So  begannen 
denn  auch  sie  sich  aufzulehnen.  Nun  erst  erfaßte  die  Rebellion  auch  die- 
deutschen  Bataillone. 

—    91     — 


So  lösten  sich  denn  alle  Bande  der  Disziplin.  Es  war  ein  Schauspiel, 
wie  die  Kriegsgeschichte  kein  cTlmliches  kennt.  Der  Feind  drängte  mit 
ungeheurer  Übermacht  stürmisch  nach.  An  manchen  Stellen  —  vor  allem 
im  Bereich  der  sogenannten  Isonzoarmee,  die  am  Unterlauf  der  Piave 
stand  —  leisteten  ihm  Truppen,  die  noch  in  den  Händen  ihrer  Führer 
waren,  in  schweren  Nachhutgefechten  zähen  Widersland.  An  anderen 
■Stellen  aber  waren  die  Nachhuten  schon  von  der  Rebellion  erlaßt;  sie 
liefen  kampflos  davon.  Wo  die  Kommanden  Gegenstöße  gegen  den  nach- 
rückenden Feind  anordneten,  wußten  sie  nicht,  über  welche  Kräfte  sie  zu 
diesem  Zwecke  verfügen  werden.  I>enn  während  sich  manche  Bataillone 
noch  zum  Gegenangriff  bereitstellten,  kümmerten  sich  andere  um  den 
Befehl  nicht  mehr.  Die  Etappentruppen  waren  in  voller  Anarchie;  die 
Truppen  marschierten,  um  alle  Befehle  unbekümmert,  das  Kriegsgerät 
•preisgebend,  eigenmächtig  der  Heimat  zu.  Die  Revolution  im  Hinterland 
vervollständigte  die  Auflösung.  Am  31.  Oktober  hatte  sich  der  slowenische 
Narodni  Svet  der  Verkehrs-  und  Verbindungsmittel  der  wichtigsten  Etappen- 
linie bemächtigt,  er  erklärte  sich  für  neutral,  ordnete  die  Entwaffnung  aller 
fremden  Truppen  auf  seinem  Gebiet  an  und  zerriß  die  wichtigsten 
Telegraphen-  und  Telephonlinien  zur  Front. 

Niederlage  und  Revolution  vermengten  sich  so  zu  unlösbarer  Einheit. 
Gew4ß  hat  die  Revolution  die  Niederlage  beschleunigt  und  vergrößert:  waren 
schon  die  materiellen  Machtmittel  der  Armee  denen  des  Feindes  unter- 
legen, so  raubte  die  Revolution  der  Armee  auch  noch  die  moralischen  Kraft- 
quellen; die  Slawen  und  die  Magyaren  schlugen  sich  nicht  mehr  für  das 
Reich,  das  ihnen  eben  nicht  mehr  ihr  Vaterland  war.  Aber  anderseits  hat 
doch  erst  die  Niederlage  die  Revolution  in  der  Armee  entfesselt.  Erst  nach 
-der  Niederlage  vom  28.  Oktober  gewann  sie  breiteren  Raum.  Die  11.  Armee, 
die  zwischen  dem  Stilfserjoch  und  dem  Pasubio  stand,  war  von  den 
Italienern  nicht  angegriffen  worden,  sie  hatte  keine  Niederlage  erlitten; 
sie  ist  von  der  Revolution  überhaupt  nicht  erfaßt  worden,  bis  zum  3.  No- 
vember in  voller  Ordnung  geblieben.  Zugleich  aber  zeigte  der  Verlauf  der 
Ereignisse  auch  sehr  deutlich  den  Charakter  der  Revolution,  die  die  Armee 
und  mit  der  Armee  das  Reich  zerschlug.  NT)ch  war  sie  durchaus  nicht 
soziale,  sondern  nationale  Revolution.  Nicht  die  Regimenter  der  Industrie- 
arbeiter Wiens  und  Niederösterreichs,  Deutschböhmens  und  der  Steiermark, 
sondern  die  magyarischen  und  die  slawischen  Bauernregimenter  waren  die 
Träger  der  Bew^egimg. 

Am  29.  Oktober  hatte  die  Monarchie  um  Waffenstillstand  gebeten.  Aber 
die  italienische  Heereslaitung  verschleppte  unter  immer  neuen  Vorwänden 
-die  Waffenstillstandsverhandlungen.  Nach  dem  ruhmlos  geführten  Kriege 
wollte  sie  sich  den  Ruhm  des  vollen  Sieges,  der  jetzt  so  wohlfeil  zu  er- 
ringen war,  nicht  entgehen  lassen.  Erst  am  1.  November  wurden  die 
Waffenstillstandsbedingungen  dem  General  Weber  übergeben. 

Am  Tage  vorher  hatte  die  Revolution  in  Ungarn  gesiegt.  Die  magyarische 
Demokratie  hatte  dagegen  protestiert,  daß  ungarische  Truppen  noch  gegen 
Italien  kämpfen  sollten.  Ihre  erste  Tat  war  der  Versuch,  diesem  Kampf  ein 
Ende  zu  machen.  Der  Kriegsminister  der  Regierung  Kärolyi,  der  Oberst- 
leutnant im  Generalstab  Bela  Linder,  gab  am  1.  November  den  Armee- 
kommanden  den  Befehl,  die  ungarischen   Truppen  sollten  sofort  auf  der 

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stelle  die  Waffen  niederlegen  und  unbewaffnet  in  die  Heimat  zurück- 
marschieren. Der  Fernspruch  Linders  wurde  durch  die  Funkstation  des 
Badener  Oberkommandos  an  die  Armeekommanden  weitergegeben,  ohne 
daß  das  Oberkommando  Weisung  gegeben  hätte,  ob  Linders  Befehl  befolgt 
werden  solle  oder  nicht.  „Ich  bin  gezwungen,  zu  melden,  daß  die  zwei- 
deutige Haltung  des  Oberkommandos  und  dessen  Mangel  an  klarem  Wollen 
die  korrekte  Führung  der  Heereskörper  im  höchsten  Maße  gefährdet.  Ich 
lehne  jede  Verantwortung  für  diese  Heeresführung  ab,  da  sie  nicht  nur  den 
Bestand,  sondern  auch  die  Ehre  der  Wehrmacht  zu  vernichten  droht",  tele- 
graphierte Feldmarschall  Boroevic  an  das  Oberkommando. 

Aber  auch  in  Deutschösterreich  drängten  schon  viele  nach  unbedingter 
Kapitulation.  In  Tirol  herrschte  furchtbare  Angst.  Man  fürchtete  Plün- 
derung, Verwüstung,  Brandlegung,  wenn  die  Armee,  undiszipliniert  und  un- 
verpflegt,  durch  das  Land  zurückströmte.  Am  26.  Oktober  hatten  sich  die 
Reichsrats-  und  Landtagsabgeordneten  Deutschtirols  als  Landesversamm- 
lung konstituiert  und  einen  „Tiroler  Nationalrat"  aus  ihrer  Mitte  gewählt, 
der  am  1.  November  proklamierte,  er  übernehme  „die  gesamte  Zivil-  und 
Militärgewalt  Deutschtirols".  Der  Nationalrat  forderte  die  „Abriegelung" 
Nordtirols  gegen  die  zurückflutende  Armee.  Er  forderte  zu  diesem  Zweck 
zuerst  reichsdeutsche,  dann  sogar  Ententetruppen.  Lieber  solle  die  ganze 
Armee  in  Gefangenschaft  geraten,  als  daß  ganz  Tirol  verwüstet  wird. 

Nicht  geringer  war  die  Angst  der  Herrenklasse  in  Wien  vor  der  heim- 
kehrenden Armee.  Seit  dem  30.  Oktober  sah  Wien  täglich  stürmische 
Soldatenversammlungen^  Der  Hof  und  das  Oberkommando,  die  Generale 
und  die  Diplomaten,  der  Adel  und  die  Bourgeoisie  zitterten  vor  der  Rache 
der  heimkehrenden  Truppen.  Auch  sie  dachten  nun,  das  beste  wäre,  die 
Armee  in  Gefangenschaft  geraten  zu  lassen. 

Und  selbst  einzelne  Kommanden  an  der  Front  dachten  nun  schon 
nicht  anders.  Das  Heeresgruppenkommando  Tirol  telegraphierte  am  2.  No- 
vember an  den  Chef  des  Generalstabs,  wenn  sofortiger  Waffenstillstand 
nicht  zu  erreichen,  sei  die  Waffenstreckung  der  ganzen  Armee  die  ein- 
zige Rettung. 

Unter  solchen  Einflüssen  stand  das  Oberkommando,  als  es  endlich  die 
Waffenstillstandsbedingungen  der  Entente  erhielt.  Nun  war  es  erst  recht 
ratlos.  Die  Entente  forderte  das  uneingeschränkte  Recht  zum  Durchmarsch 
durch  österreichisches  Gebiet.  Tirol  sollte  zu  ihrem  Aufmarschraum  gegen 
Süddeutschland  werden.  Der  Kaiser  wußte,  wie  sein  Abfall  von  Deutsch- 
land in  Deutschösterreich  gewirkt  hatte.  Der  Kaiser  fürchtete  wilden 
Zornesausbruch  in  Deutschösterreich,  wenn  er  auch  dieser  Forderung  der 
Entente  zustimmte.  Während  jede  Stunde  die  Anarchie  an  der  Front  ver- 
größerte, verging  der  ganze  2.   November  in  ergebnislosen  Beratungen. 

Der  Kaiser  versuchte  es,  die  Entscheidung  dem  deutschösterreichischen 
Staatsrat  zuzuschieben.  Der  Staatsrat  lehnte  sie  ab:  Deutschösterreich  hat 
keinen  Krieg  geführt.  Deutschösterreich  hat  keine  Armee.  Den  Waffenstill- 
stand schließen  kann  nur  die  Macht,  die  den  Krieg  geführt  hat  und  auch 
jetzt  noch  die  Armee  kommandiert.  Es  ist  ihre  letzte  Aufgabe,  aber  nur  ihre 
Aufgabe. 

In  der  Nacht  vom  2.  auf  den  3.  November  gab  der  Kaiser  endlich  den 
Befehl,    die    Waffenstillstandsbedingungen   anzunehmen.    Zugleich    gab    er 

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den  Truppen  den  Befehl,  die  Ka^npfhandlungen  sofort  einzustellen.  Als 
das  Armeeoberkommando  diesen  Befehl  ausgab,  mußte  es  wissen,  daß  viele 
Stunden  vergehen  mußten,  ehe  der  Befehl  zur  Unterzeichnung  des  Waffen- 
stillstandsvertrages den  General  Weber  in  Villa  Giusti  erreichen  konnte;. 
weitere  Stunden,  ehe  der  Vertrag  wirklich  unterschrieben  werden  konnte;, 
weitere  Stunden,  ehe  die  vorderste  Linie  der  italienischen- Truppen  den  Ab- 
schluß des  Waffenstillstandes  erfahren  konnte.  Ga'b  das  Oberkommando' 
den  österreichischen  Truppen  trotzdem  den  Befehl,  den  Kampf  sofort  ein- 
zustellen, so  mußte  es  damit  rechnen,  daß  der  Feind  die  Kampfhandlungen 
selbst  im  besten  Falle  erst  viele  Stunden  später  einstellen  werde  als  die 
eigenen  Truppen.  Es  mußte  also  wissen,  daß  der  Befehl  einen  großen  Teil, 
der  eigenen  Armee  in  feindliche  Gefangenschaft  bringen  werde. 

In  Wirklichkeit  war  es  aber  noch  schlimmer.  Denn  das  Oberkommanüc-' 
hatte  den  Befehl  zur  Einstellung  des  Kampfes  ausgegeben,  ohne  auch  nur 
den  definitiven  Text  des  Waffenstillstandsvertrages  zu  kennen.  Dieser  Text 
enthielt  die  Bestimnmng,  daß  die  Feindseligkeiten  erst  2-i  Stunden  nach 
der  Unterzeichnung  des  Waffenstillstandsvertrages  einzustellen  seien. 

Durch  diesen  Befehl  zu  einseitiger  Einstellung  des  Kampfes  hat  da? 
Oberkommando,  hat  der  Kaiser  selbst  zerstört,  was  von  der  Armee  noch 
übriggeblieben  war.  Die  österreichisch-ungarischen  Truppen  stellten,  dem 
kaiserlichen  Befehl  gemäß,  in  den  Morgenstunden  des  3.  November  die 
Kampfhandlungen  ein.  Die  Italiener  setzten,  dem  Wortlaut  des  Waffen- 
stillstandsvertrages gemäß,  die  Feindseligkeiten  bis  zum  4.  November,  drei 
Uhr  nachmittag,  fort.  Italienische  Panzerautomobile,  Kavallerie-  und  Fahr- 
radabteilungen brachen  durch  die  sich  nicht  mehr  wehrenden  öster- 
reichisch-ungarischen Truppen,  stürmten  so  weit  als  möglich  vor  und 
nahmen  alles  gefangen,  was  sich  südlich  und  westlich  der  Linie  befand. 
die  sie  bis  zum  4.  November,  drei  Uhr  nachmittag,  erreichten.  Hundert- 
tausende österreichische  Soldaten  gerieten  in  Gefangenschaft;  auch  solche, 
die,  wie  die  IL  Armee  und  grofDC  Teile  der  Isonzoarmee,  bis  zur  letzten 
Stunde  noch  in  voller  militärischer  Ordnung  geblieben  waren.  Was  sich  aber 
der  Gefangenschaft  noch  entziehen  konnte,  drängte  in  panischer  Angst,  in 
chaotischer  Unordnung  rückwärts.  Diese  Soldatenhaufen,  die  zu  den  Eisen- 
bahnen drängten,  die  Depots  plünderten,  sich  gewaltsam  der  Eisenbahnzüge 
bemächtigten  und  die  Heimfahrt  erzwangen,  waren  keine  Armee  mehr. 
Am  3.  November  hatte  das  kaiserliche  Heer  aufgehört  zu  bestehen;  der 
Kaiser  selbst  hatte  ihm  den  letzten  tödlichen  Schlag  versetzt. 

Der  eiserne  Mechanismus,  der  zehn  auseinanderstrebende  Nationen  zu- 
sammengehalten, sie  unter  Habsburgs  Herrschaft  erhalten  hatte,  war  zer- 
stört. Damit  war  das  Reich  aufgelöst.  Damit  war  Habsburgs  Herrschaft  zu 
Ende. 

§  7.  Die  deutschösterreichische  Republik. 

Literahii: 

Deutsch,  Aus  Österreichs  Revolution.  Wien  192L  —  Bauer,  Die  Offiziere  und 
die  Republik.  Wien  1921. 

0  B  Der  deutschösterreichische  Staat,  und  die  folgenden  Artikel  in  der 
„Arbeiter-Zeitung"  vom  13.  bis  17.  Oktober  1918.  —  Friedrich  Adler,  Nach  zwei 
Jahren.  Wien   1918. 

-     94    — 


Kelsen,  Die  Verfassungsgeselze  der  Republik  Deutschösterreich.  1.  Teil.-  \Yi?n 
1910. 

Freißler,  Vom  Zerfall  Österreichs  bis  zum  tschechoslowakischen  Staat.  Berlin 
1921.  —  Granichstädten-Czerva,  Tirol  und  die  Revolution.  Innsbruck  1920. 

In  den  vier  Tagen  vom  28.  bis  zum  31.  Oktober  hatte  sich  die  Auf- 
lösung der  Habsburgermonarchie  vollendet.  In  diesen  vier  Tagen  war  die 
Armee  an  der  Front  zusammengebrochen,  hatten  sich  die  neuen  natio- 
nalen Regierungen  im  Hinterlande  der  Regierungsgewalt  bemächtigt.  Es 
war  eine  nationale  und  eine  demokratische  Revolution,  was  sich  da  voll- 
zog: statt  der  Dynastie,  ihrer  „übernationalen"  Bürokratie,  Generalität  und 
Diplomatie  übernahmen  in  Deutschösterreich  wie  in  Tschechien,  in 
Galizien  wie  im  südslawischen  Gebiet  nationale  Volksregierungen,  aus  den 
Wortführern  der  Parteien  des  Bürgertums,  der  Bauernschaft  und  der  Ar- 
heiterschaft  zusammengesetzt,  die  Regierungsgewalt.  Aber  der  Zusammen- 
bruch der  alten  Mächte  entfesselte  zugleich  auch  die  bisher  von  der  Gewalt 
des  Militarismus  niedergehaltenen  Arbeitermassen.  In  den  täglichen 
stürmischen  Soldatendemonstrationen,  die  in  Wien  mit  der  großen  Massen- 
kundgebung am  30.  Oktober  begonnen  hatten,  kündigte  sich  an,  daß  die 
national-demokratische  Revolution  zugleich  auch  die  soziale  Revolution 
weckte,  der  Übergang  der  Regierungsgewalt  von  der  Dynastie  auf  die 
Völker  zugleich  auch  den  Klassenkampf  innerhalb  des  Volkes,  die  Ver- 
schiebung der  Machtverhältnisse  zwischen  den  Klassen  innerhalb  der  Nation 
einleitete.  Die  Entfaltung  dieses  dreifachen  ^evolutionären  Prozesses  der 
demokratischen,  der  nationalen  und  der  sozialen  Revolution  ist  die  Ge- 
schichte des  entstehenden  deutschösterreichischen  Staates  vom  30.  Oktober 
bis  zum  12.  November. 

Am  30.  Oktober  hatte  die  Provisorische  Nationalversammlung  den 
Staatsrat  beauftragt,  die  Regierungsgewalt  in  Deutschösterreich  zu  über- 
nehmen und  eine  deutschösterreichische  Regierung  einzusetzen.  Deutsch- 
österreich war  damit,  ebenso  wie  alle  die  anderen  entstehenden  National- 
staaten in  diesen  Tagen,  vor  das  Problem  der  Regierungsbildung  gestellt. 
Es  handelte  sich  nicht,  wie  sonst  bei  Regierungsbildungen,  um  den  Über- 
gang einer  bestehenden  Staatsgewalt  aus  den  Händen  einer  Machtgruppe 
in  die  einer  anderen,  sondern  um  die  Schaffung  neuer  Staaten,  um  die 
Organisierung  noch  nicht  bestehender  Staatsgewalten.  Die  Regierungen,  die 
da  gebildet  wurden,  verfügten  zunächst  über  keinerlei  materielle  Macht- 
mittel, weder  über  den  Verwaltungsapparat  noch  über  eine  Militärmacht; 
sie  konnten  sich  nur  durch  ihre  moralische  Autorität  durchsetzen,  nur 
durch  ihre  moralische  'Autorität  sich  die.  Verwaltungsmaschinerie  der  zer- 
fallenden Monarchie  unterordnen  und  sich  eine  nationale  Wehrmacht 
schaffen.  Sollte  die  moralische  Autorität  der  neuen  Regierungen  groß  genug 
sein,  diese  Aufgabe  zu  bewältigen,  sollte  sie  sich  in  der  Großstadt  wie  im 
Dorfe,  in  den  Industriegebieten  wie  im  Landvolk,  in  den  Ämtern  wie  in 
den  Kasernen  durchsetzen,  dann  mußten  die  neuen  Regierungen  aus  Ver- 
trauensmännern aller  Volksschichten  zusammengesetzt  werden.  So  erklärt 
es  sich,  daß  die  neuen  Regierungen  in  all  den  neuen  Nationalstaaten 
damals  aus  den  Vertretern  aller  großen  politischen  Parteien  der  sich 
konstituierenden  Nationen  zusammengesetzt  werden  mußton.  Daß  „Bürger, 

—    95    — 


Eaucrn  iinci  Arbeiter"  gemeinsam  die  neue  Regierung  bilden  mütUen,  war 
das  Schlagwort  jener  Tage. 

Auch  der  deulschösterreichische  Slaal  war  im  Grunde  aus  cintMU 
Conlrat  social,  einem  staalsbegründenden  Vertrage  der  durch  die  politischen 
Parteien  vertretenen  Klassen  des  deutschöst(>rreichischen  Volkes  hervor- 
gegangen. Die  Gesamtheit  der  deutschösterreichischen  Abgeordneten  hatte 
sich  auf  Grund  von  Vereinbarungen  zwischen  den  Parteien  als  Provisorische 
Nationalversammlung  '  konstituiert  und  die  Gründung  des  deutsch- 
österreichischen  Staates  proklamiert.  Nur  diese  Gesamtheit  konnte  jetzt  die 
Regierungsgcwalt  übernehmen.  Der  von  der  Provisorischen  National- 
versammlung nach  dem  Verhällniswahlrecht  gewählte,  also  aus  Vertretern 
aller  Parteien  zusammengesetzte  Staatsrat  bildete  die  eigentliche  Regjerung. 
Nur  als  seine  Beauftragten  übernahmen  die  vom  Staatsrat  ernannten  Staats- 
sekretäre die  Leitung  der  einzelnen  .Staatsämter;  nicht  ihnen,  sondern 
dem  Staatsrat  selbst  "teilte  die  provisorische  Verfassung  vom  30.  Oktober 
die  Verordnungsgewalt  zu.  Wie  der  Staatsrat  selbst  aus  allen  in  der 
Provisorischen  Nationalversammlung  vertretenen  Parteien  zusammengesetzt 
war,  so  wurden  auch  die  von  ihm  bestellten  Staatssekretäre  allen  Parteien 
entnommen.  So  übernahmen  denn  zum  erstenmal  auch  Sozialdemokraten 
die  Leitung  von  Staatsämtern.  Aber  es  entsprach  dem  vorerst  noch  nur 
nationalen  Charakter  der  Revolution,  daß  die  Sozialdemokraten  zunächst 
nur  einen  bescheidenen  Anteil  an  der  Regierung  beanspruchten.  Viktor 
Adler  wurde  zum  Staatssekretär  für  Äußeres  gewählt;  denn  nur  ein 
Sozialdemokrat  konnte  die  neue,  auf  das  Selbstbestimmungsrecht  der 
Völker  zu  gründende  Außenpolitik  Deutschösterreichs  einleiten.  Ferdinand 
Hanusch  wurde  zum  Staatssekretär  für  soziale  Verwaltung  bestellt;  denn 
die  Arbeiterschaft  hatte  in  dem  Augenblick  der  Abrüstung  der  Kriegs- 
industrie das  stärkste  Interesse  daran,  dieses  Staatsamt  unter  ihre  Kontrolle 
zu  stellen.  Die  Leitung  aller  übrigen  Staatsämter  überließen  wir  vorerst 
den  bürgerlichen  Parteien.  Dr.  Karl  Renner  wurde  nur  zum  Leiter  der 
Kanzlei  des  Staatsrates  bestellt.  Dem  christlichsozialen  Staatssekretär  für 
Inneres  gaben  wir  den  Sozialdemokraten  Otto  Glöckel,  aem  deutsch- 
nationalen Staatssekretär  für  Heerwesen  den  Sozialdemokraten  Dr.  Julius 
Deutsch  als  Unterstaatssekretäre  bei.  Erst  die  Ereignisse  der  folgenden 
Tage,  die  die  nationale  Revolution  zur  sozialen  vorwärtstrieben,  verstärkten 
unser  Gewicht  in  der  Regierung.  Erst  sie  machten  den  Leiter  der  Kanzlei 
des  Staatsrates  zum  Staatskanzler.  Erst  sie  ließen  in  den  beiden  wichtigsten 
Staatsämtern,  im  Staatsamt  des  Innern,  das  über  die  innere  Verwaltung, 
über  Polizei  und  Gendarmerie  verfügte,  und  im  Staatsamt  für  Heerwesen, 
das  die  Demobilisierung  zu  leiten  und  eine  neue  Wehrmacht  aufzustellen 
hatte,  die  bürgerlichen  Staatssekretäre  weit  hinter  die  sozialdemokratischen 
Unterstaatssekretäre  zurücktreten.  Es  war  eine  Machtverschiebung.,  die  sich 
durch  die  Ereignisse  selbst  vollzog,  in  der  sich  der  Fortgang  der  Revolution 
ausdrückte. 

Aus  dem  Kriege  entstanden,  ist  die  soziale  Revolution  nicht  so  sehr 
von  der  Fabrik  als  vielmehr  von  der  Kaserne  ausgegangen.  Als  an  der 
Massenkundgpbung  des  30.  Oktober  auch  Soldaten  und  Offiziere  in  großer 
Zahl  teilnahmen;  als  an  diesem  Tage  auf  den  Soldatenkappen  die  roten,  auf 
den   Offizierskappen   die    schwarzrotgoldenen   Kokarden   aufzutauchen    be- 

—    96    — 


gannen;  als  am  Abend  des  30.  Oktober  Soldatenhaufen  den  Offizieren  auf 
der  Strafte  die  Rosetten  mit  den  kaiserlichen  Initialen  \'on  den  Kappen 
rissen,  war  es  klar,  daß  die  militärische  Disziplin  in  den  Wiener  Kasernen 
vollends  zusammengebrochen  war.  Die  furchtbare  Allmacht,  die  die  mili- 
tärische Organisation  im  Kriege  dem  Offizierkorps  gegeben  hatte,  schlug  mit 
einem  Schlage  in  völlige  Ohnmacht  um;  vierjährige  Unterdrückung  der 
Menschenwürde  des  Soldaten  rächte  sich  nun  in  wild  aufloderndem  Haß 
des  Mannes  gegen  den  Offizier.  Wo  bisher  der  stumme  Gehorsam  gewaltet 
hatte,  setzte  nun  die  elementare,  instinktive,  anarchische  revolutionäre  Be- 
wegung ein.  Soldatenhaufen,  von  Heimkehrern  aus  Rußland  geführt,  ver- 
sammelten sich  nächst  der  Roßauer  Kaserne  und  berauschten  sich  an 
wilden  Reden.  Sie  versuchten  die  Bildung  einer  „Roten  Garde",  sie  zogen 
bewaffnet  durch,  die  Stadt,  sie  „expropriierteii"  Kraftwagen  und  „beschlag- 
nahmten" Lebensmittelvorräte.  Die  Offiziere  selbst  wurden  von  der  Be- 
wegung erfaßt.  Reserveoffiziere  aus  den  Reihen  der  Intelligenz  beteiligten 
sich,  von  der  Revolutionsromantik  des  Bolschewismsus  mitgerissen,  an  der 
Bildung  der  Roten  Garde,  während  sich  deutschnalionale  Offiziere  im  Par- 
lamentsgebäude als  ,, Soldatenräte"  auftaten.  Die  überwiegende  Mehrheit  der 
Soldaten  aber  packte  unwiderstehlicher  Drang,  nach  Hause,  zu  Weib  und 
Kind  zurückzukehren.  Die  slawischen  Soldaten  eilten  ungeordnet  nach 
Hause,  sobald  sie  von  der  Bildung  der  Nationalstaaten  in  ihrer  Heimat  er- 
fuhren; ihr  Beispiel  verbreitete  die  Desertionsbewegung  sofort  auch  auf  die 
deutschen  Soldaten.  Niemand  tat  mehr  Dienst,  die  Kader  lichteten  sich^ 
die  Wachen  liefen  davon,  die  wichtigsten  Depots  und  Magazine  waren  un- 
bewacht. Kriegsverwilderung,  Hunger,  Verbrechertum  nützten  diese  Selbst- 
auflösung der  Garnisonen  aus:  Plünderungen  begannen.  In  den  Gefangenen- 
lagern waren  die  fremden  Kriegs.'^efangenen  nicht  mehr  bewacht;  ein  paar 
Stunden  zitterte  das  durch  die  Selbstauflösung  der  Garnison  wehrlos  ge- 
V7ordene  Wien  vor  dem  Anmarsch  italienischer  Kriegsgefangener  aus  dem 
Lager  von  Sigmundsherberg,  die  sich,  nachdem  die  österreichischen 
Wachen  desertiert  waren,  eines  Waffenlagers  bemächtigt  und  gegen  Wien 
in  Marsch  gesetzt  hatten.  Nicht  minder  groß  war  die  Gefahr  auf  den  Eisen- 
bahnen. Da  brachte  jeder  Eisenbahnzug  hungerilde,  undisziplinierte  be- 
waffnete Heimkehrer  von  der  Front;  täglich  wurde  auf  den  Bahnhöfen  ge- 
schossen, täglich  drohte  die  Gefahr  der  Plünderung  der  Städte  durch 
slawische  und  magyarische  Heimkehrer,  die  durch  deutschösterreichisches 
Gebiet  ihrer  Heimat  zustrebten.  Nur  die  Aufstellung  einer  neuen  bewaff- 
neten Macht  konnte  die  volle  Anarchie  verhindern. 

Der  Staatsrat  versuchte  zunächst  die  Reste  der  Garnisonen  der  alten 
Armee  in  seinen  Dienst  zu  stellen.  Sie  wurden  auf  die  provisorische  Ver- 
fassung beeidigt.  Und  da  die  Wiederherstellung  der  Autorität  der  Offiziere- 
zunächst  aussichtslos  erschien,  forderte  der  Staatsrat  selbst  die  Mann- 
schaften auf,  Soldatenräte  aus  ihrer  Mitte  zu  wählen,  die  Ordnung  und 
Disziplin  in  den  Kasernen  herstellen  sollten.  Aber  diese  ersten  Bemühungen 
blieben  erfolglos.  Die  Soldaten  leisteten  den  Eid  und  liefen  dennoch, 
auseinander,  zu  Weib  und  Kind.  Die  Reservisten  bei  den  Fahnen  zurück- 
zuhalten war  unmöglich.  Es  gab  nur  einen  Ausweg:  gegen  Sold  Frei- 
willige anzuwerben  und  aus  ihnen  eine  neue  Wehrmacht  zu  formieren.  So 
ordnete   der   Staatsrat   am   3.   November,   dem   Tage   des    Abschlusses   des 

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Waffenstillstandes,  die  Werbung  für  die  Volkswolir  an.  Und  liier  nun 
setzte  die  Aktion  der  Sozialdemokratie  ein. 

Der  Gedanke  lag  nalie,  die  Ersatzkörper  der  alten  Armee  als  Kadres 
der  aufzustellenden  Volkswehr  zu  verwenden.  Aber  der  Gedanke  war  ge- 
fährlich. Bei  den  Ersatzkürpern  sammelten  sich  die  Berufsoffiziere  der 
alten  Armee,  die  letzten  Träger  des  altösterreichischen,  der  Monarchie  er- 
gebenen Geistes.  Sollte  die  Yolkswehr  nicht  zu  ihrem  Werkzeug  werden,  so 
mußte  ihre  Aufstellung  vollständig  unabhängig  von  den  Formationen  der 
k.  u.  k.  Armee  erfolgen.  Das  war  es,  was  Julius  Deutsch  zunächst  im 
iStaatsaml  für  Heerwesen  durchsetzte.  Man  gab  nunmehr  den  aussichts- 
losen Kampf  gegen  die  sofortige  Demobilisierung  der  Mannschaften  auf,  die 
noch  bei  den  Ersatzformationen  im  Hinterland  verblieben  waren  oder  die 
mit  ihren  Abteilungen  von  der  Front  heimkehrten.  Die  sofortige  Entlassung 
aller  Mannschaften  und  Reserveoffiziere  wurde  nunmehr  geradezu  an- 
geordnet; die  sich  zunächst  noch  bei  den  Ersatzkadern  der  alten  Armee 
sammelnden  Offiziere  wurden  ungefährlich,  da  sie  über  keine  Mannschaft 
mehr  verfügten.  Dafür  aber  stellte  man  völlig  unabhängig  von  diesen  Er- 
satzkadern die  Volkswehrbataillone  auf. 

Die  Bauernsöhne  eilten  in  ihre  Dörfer  zurück,  um  sich  nach  den 
Hungerjahren  ihrer  Kriegsdienstzeit  endlich  wieder  sattzuessen,  und  die 
Söhne  des  Bürgertums  lockte  nichts  in  die  Volkswehr.  Anders  die  in- 
■dustrielle  Arbeiterschaft.  Die  Kriegsindustrie  stellte  ihre  Produktion  ein. 
.Zehntausende  Arbeiter  wurden  arbeitslos.  Zehntausende,  die  von  der  Front 
zurückkehrten,  fanden  keine  Arbeit.  Der  vergleichsweise  hohe  Sold  von 
sechs  Kronen  lockte  die  Arbeitslosen  in  die  Volkswehr.  So  setzten  sich  die 
Volkswehrbataillone  fast  ausschließlich  aus  Industriearbeitern  zusammen. 
Freilich,  es  waren  zumeist  politisch  ungeschulte,  durch  den  Krieg  ver- 
wilderte, für  die  Lockungen  alles  politischen  Abenteurertums,  für  die  Ver- 
suchungen der  Revolutionsromantik  jener  Tage  sehr  empfängliche 
Menschen,  die  sich  in  den  ersten  Tagen  in  den  neuen  Bataillonen 
sammelten;  und  auch  nicht  wenige  verbrecherische  Elemente  hatten  sich 
zum  Söldnerdienst  gemeldet.  Diese  Masse  unter  feste  Führung  zu  stellen, 
sie  vor  dem  drohenden  Mißbrauch  ihrer  politischen  Naivität  zu  schützen 
und  die  lumpenproletarischen  Elemente  aus  ihr  hinauszudrängen,  das  war 
nun  die  Aufgabe  der  Sozialdemokratie. 

Auch  während  des  Krieges  waren  die  Verbindungen  zwischen  den  Ge- 
nossen in  den  Kasernen  und  den  Organisationen  der  Partei  nie  ganz  ab- 
gerissen. Die  zum  Ivriegsdienst  eingerückten  Genossen  verkehrten  in  den 
Arbeiterheimen  und  brachten  ihre  Beschwerden  in  die  Parteisekretariate. 
Im  Sommer  1918  hatte  Julius  Deutsch  diese  lockere  Verbindung  zu 
den  Wiener  Kasernen  verdichtet  und  organisiert.  Er  hatte  in  jedem  Truppen- 
körper einige  Genossen  als  Vertrauensmänner  bestimmt,  die  in  persön- 
licher Verbindung  mit  ihm  blieben.  Während  des  Krieges  diente  dieses  Ver- 
trauensmännersystem  nur  dem  Zwecke,  uns  über  alles,  was  in  den 
Kasernen  vorging,  zu  informieren.  Jetzt  aber  konnten  wir  uns  dieser  Ver- 
trauensmänner bedienen,  auf  die  Bildung  der  Volkswehr  Einfluß  zu  ge- 
winnen. Sie  vor  allem  waren  es,  die,  in  die  sich  formierenden  Bataillone 
übertretend,  möglichst  viele  verläßliche  Genc/;sen  aus  den  Kaders  der  alten 
■Armee  in  die  Bataillone  der  Volkswehr  überzuführen,  die  Wahl  der  Soldaten- 

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rüte  in  den  neuen  Bataillonen  zu  orgaiiisieren,  die  die  Führung  der  neuen 
Bataillone  an  sich  zu  ziehen  hatten.  Zugl&icli  setzten  die  Parteiorganisationen 
mit  der  Agitation  für  die  Volkswehr  ein;  sie  bemühten  sich,  alte,  verläßliche 
Genossen  zum  Eintritt  in  die  Volkswehr  zu  bewegen  und  ihnen  die  Aufgabe, 
die  sie  innerhalb  der  Volkswehr  lösen  sollten,  verständlich  zu  machen.  So 
bildeten  sich  innerhalb  der  neuen  Bataillone  Kader  organisierter  Sozial- 
demokraten, die  die  Volkswehr  unter  ihre  Führung  und  damit  unter  die 
Führung  der  Partei  stellten,  sie  mit  ihrer  Ideologie  erfüllten,  den  Ansturm 
des  politischen  Abenteurertums  auf  die  Volkswehrmänner  in  harten,  zähen 
Kämpfen  abwehrten  und  die  verbrecherischen  Elemente  aus  der  Volkswehr 
allmählich  hinauszudrängen  versuchten. 

Die  Volkswehr  war  nicht  von  Anfang  an  eine  Parteitruppe,  In  den  Tagen 
ihres  Entstehens  war  sie  ein  recht  bunt  zusammengewürfelter  Haufe 
armer,  unwissender,  durch  den  Krieg  verrohter  Menschen,  die  der 
Sold  in  die  Kasernen  gelockt  hatte.  Hätte  man  diese  Haufen  sich 
selbst  überlassen,  so  wären  sie  zu  Söldnerbanden  geworden,  die 
ihre  Waffen  nur  benützt  hätten,  das  Land  zu  plündern,  und  zur  Beute 
des  politischen  Abenteurertums  jener  Tage,  zur  Beute  jener  politischen 
Naivität,  die  damals  glaubte,  man  brauche  nur  ein  paar  hundert  Be- 
waffneter und  ein  paar  Maschinengewehre,  um  von  Ternitz  oder  von 
Traisen  aus  die  Gesellschaftsordnung  Europas  umzustürzen.  Sollte  die 
neue  Truppe  nicht  zu  ernster  Gefahr  werden,  so  mußte  sie  unter  feste, 
zielbewußte  Führung  gestellt  werden.  Dazu  gab  es  nur  zwei  Wege.  Der  eine 
war,  die  Macht  der  Offiziere  wiederherzustellen.  Aber  das  wäre  in  jener 
Zeit,  in  der  die  Autorität  des  Offizierskorps  völlig  zusammengebrochen,  der 
Haß  gegen  die  Offiziere,  eine  Frucht  der  Kriegserlebnisse,  die  Volksleiden- 
schaft des  Tages  war;  schwerlich  gelungen;  und  wenn  es  gelungen  wäre, 
so  hätte  es  die  Revolution  in  die  schwerste  Gefahr  gebracht,  die  bewaff- 
nete Macht  in  der  entstehenden  Republik  dem  konterrevolutionären, 
monarchistisch  gestimmten  Offizierskorps  überantwortet.  Es  war  daher  nur 
der  andere  Weg  offen.  In  diesen  Tagen  des  Zusammenbruchs  aller  über- 
lieferten Autoritäten  war  mächtiger  denn  je  die  Autorität  der  Sozialdemo- 
kratie. Sie  allein  konnte  die  Haufen  bewaffneter  Proletarier,  die  sich  in 
den  Kasernen  sammelten,  disziplinieren,  sie  ihrer  Führung  unterordnen, 
mit  ihrer  Ideologie  erfüllen  und  dadurch  verhindern,  daß  sie  der  nach  vier 
Kriegsjahren  so  großen  Versuchung  zum  Mißbrauch  ihrer  Waffen  erliegen. 

Die  Aufstellung  der  Volkswehr  hat  das  Land  vor  der  drohenden  Gefahr 
der  Anarchie  bewahrt.  Die  Volkswehr  übernahm  die  Bewachung  der  Depots 
und  Magazine.  Volkswehrbataillone  wehrten  —  am  14.  und  15.  November 
in  blutigen  Kämpfen  —  die  Angriffe  tschechischer  und  magyarischer 
Truppen,  die  durch  deutschösterreichisches  Gebiet  in  die  Heimat  trans- 
portiert wurden,  ab.  Die  Volkswehr  ordnete  sich  die  „Rote  Garde"  ein  und 
zwang  sie,  sich  ihrem  Kommando  und  ihrer  Ordnung  zu  unterwerfen.  Aber 
es  war  eine  von  Sozialdemokraten  geführte,  mit  roten  Fahnen  unter  den 
Klängen  der  Arbeitermarseillaise  marschierende  Truppe,  die  nun  über  die 
Sicherheit  des  Landes  zu  wachen  hatte.  Dadurch  wude  die  Aufstellung  der 
Yolkswehr  zum  revolutionären  Akt,  zu  dem  ersten  Akt  der  proletarischen 
Revolution,  in  die  die  nationale  Revolution  damit  umzuschlagen   begann. 

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In  den  klassischen  Revolutionen  der  Verganftenheit  fiel  die  Ent- 
scheidung im  Barrikadenkampf.  Durch  den  Sieg  auf  den  Barrikaden  ent- 
waffnete die  Revolution  die  Gewalten  des  allen  Regimes  und  aus  dem  Sieg 
auf  den  Barrikaden  ging  ihre  eigene  bewaffnete  Macht  hervor.  Was  sich 
sonst  im  Barrikadenkampf  vereinte,  zerlegt  sich  in  der  deutschösterrei- 
chischen Revolution  in  zwei  Akte.  Die  Entwaffnung  des  alten  Regimes 
ward  durch  die  Selbstauflösung  der  kaiserlichen  Armee  vollzogen.  Die 
bewaffnete  Macht  des  neuen  Regimes  entstand  in  der  Volkswehr.  Der 
Übergang  der  Waffengewalt  aus  den  Händen  des  alten  in  die  des  neuen 
Regimes,  der  in  anderen  Revolutionen  nur  im  blutigen  Bürgerkrieg  er- 
folgen konnte,  konnte  hier  nach  der  Selbstauflösung  der  alten  Armee  ohne 
blutigen  Kampf,  als  bloße  organisatorische  Leistung  durch  die  Aufstellung 
der  Volkswehr  vollendet  werden.  Daß  diese  Leistung  der  Romantik  der 
Barrikadenschlacht  entbehrt,  darf  nicht  darüber  täuschen,  daß  ihre  ge- 
schichtliche Wirkung  dieselbe  war,  die  in  anderen  Revolutionen  nur  auf 
den  Barrikaden  erkämpft  werden  konnte.  An  die  Stelle  der  kaiserlichen 
Armee  war  die  republikanische  Volkswehr  getreten;  und  diese  republi- 
kanische Wehr  war  ein  proletarisches,  ein  von  sozialistischem  Geist  er- 
fülltes Heer.  Die  tatsächliche  Verfügung  über  die  Waffengewalt  war  nicht 
nur  vom  Kaiser  auf  das  Volk,  sie  war  zugleich  innerhalb  des  Volkes  von 
den  besitzenden  Klassen  auf  das  Proletariat  übergegangen.  ■ 

Diese  Revolution  in  den  Kasernen  entfesselte  sofort  die  Revolution  in 
den  Fabriken.  Während  des  Krieges  hatte  das  industrielle  Unternehmertum 
die  Arbeiter  unter  dem  unmittelbaren  Schutz  der  Militärgewalt  beherrscht: 
militärische  Betriebsleiter  kommandierten  in  den  Fabriken  und  Militär- 
wachen hielten  die  Arbeiterschaft  in  Zucht.  Jetzt  brach  mit  der  Militär- 
gewalt die  ganze  Autorität  des  Unternehmertums  und  seiner  Organe  zu- 
sammen. Das  Selbstbewußtsein,  das  Machtbewußtsein  der  Arbeiter  erstarkte 
gewaltig.  Die  drohende  Gärung  in  den.  Arbeiterbezirken  schüchterte  die 
bürgerlichen  Parteien  ein  und  unterwarf  sie  dem  Willen  der  Sozialdemo- 
kratie. So  ging  die  Revolution  ihren  Gang  weiter. 

Deutschösterreich  hatte  sich  am  30.  Oktober  schon  eine  talsächlich 
republikanische  Verfassung  gegeben;  aber  in  Wien  saß  noch  der  Kaiser, 
ohne  auf  den  Thron  zu  verzichten.  Die  vom  Staatsrat  ernannten  Staats- 
sekretäre hatten  in  den  ersten  Novembertagen  die  Zweige  der  k.  k.  Mini- 
sterien, die  deutschösterreichisches  Gebiet  zu  verwalten  hatten,  über- 
nommen. Aber  daneben  bestanden  als  „liquidierende  Ministerien"  immer 
noch  die  Departements  fort,  die  Einrichtungen  und  Vermögenschaften  des 
alten  Reiches  verwalteten,  deren  sich  zu  bemächtigen  die  deutschöster- 
reichische Regierung  nicht  gewagt  hatte,  weil  sie  noch  als  gemeinsamer 
Besitz  aller  Nachfolgestaaten  des  Reiches  angesehen  wurden.  So  waren 
denn  diese„liquidierenden  Ministerien"  vorläufig  noch  in  der  Verwaltung 
der  Regierung  Lammasch  geblieben.  In  allen  Zentralstellen  saßen  noch 
der  vom  Staatsrat  ernannte  deulschösterreichische  Staatssekretär  und  der 
vom  Kaiser  ernannte  österreichische  Minister  nebeneinander.  Dieser  Dua- 
lismus republik;. nischer  und  monarchischer  Verwaltung  auf  demselben 
Boden  war  unhaltbar.  Er  wurde  unerträglich,  als  endlich  auch  im 
Deutschen  Reich  das  Kaisertum  zusammenbrach.  Als  am  9.  November 
Deutschland   zur  Republik  wurde,  drängte 'dife  republikanische   Bewegung 

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der  Arbeitermassen  auch  in  Dcutschüsterreich  nach  der  Beseitigung  der 
letzten  Reste  der  monarchischen  Ordnung.  Am  folgenden  Tag  erklärten  die 
Vertreter  der  Sozialdemokratie  im  Staatsrat  den  bürgerlichen  Parteien,  die 
gewaltsame  Erhebung  der  Arbeiter  und  der  Soldaten  sei  unvermeidlich, 
wenn  nicht  unverzüglich  auch  in  Deulscliusterreich  die  Republik  pro- 
klamiert werde.  Die  bürgerlichen  Parteien,  durch  die  Bewegung  in  den 
Fabriken  und  in  den  Kasernen  eingeschüchtert,  wagten  keinen  Wider- 
stand mehr.  Die  Christlichsozialen,  die  noch  am  9.  und  10.  November  zur 
Monarchie  standen,  entschlossen  sich  am  11.  November,  ihren  Widerstand 
.aufzugeben,  da  ein  Beschluß  des  Tiroler  Nationalrats  für  die  Republik  und 
Rsrichte  aus  Oberösterreich  und  Kärnten  anzeigten,  daß  auch  durch  die 
Bauernschaft  schon  eine  mächtige  republikanische  Welle  ging.  Der  Staats- 
rat beschloß  mit  Stimmenmehrheit,  die  Provisorisclie  Nationalversamm- 
lung für  den  12.  November  einzuberufen  und  ihr  einen  Gesetzentwurf  über 
die  Proklamierung  der  Republik  vorzulegen.  Auch  der  Kaiser  gab  nun,  von 
Lammasch  beraten,  allen  Widerstand  auf.  Am  11.  November  legte  der 
letzte  Habsburger  die_  Regierung  nun  auch  förmlich  nieder.  „Nach  wie  vor", 
so  sagte  die  Proklamation  des  Kaisers,  „von  unwandelbarer  Liebe  für  alle 
meine  Völker  erfüllt,  will  ich  ihrer  freien  Entfaltung  meine  Person  nicht 
als  Hindernis  entgegenstellen.  Im  voraus  kenne  ich  die  Entscheidung  an, 
die  Deutschöst£rreich  über  seine  künftige  Staatsforra  trifft.  Das  Volk  hat 
■durch  seine  Vertreter  die  Regierung  übernommen.  Ich  verzichte  auf  jeden 
Anteil  an  den  Staatsgeschäften.  Gleichzeitig  enthebe  ich  meine  öster- 
reichische Regierung  ihres  Amtes." 

Mit  dem  Gedanken  der  Republik  hatte  sich  schon  im  Verlauf  des  Oktober 
der  Gedanke  des  Anschlusses  Deutschösterreichs  an  Deutschland  vermählt. 
Der  Anschlußgedanke  war  zuerst  in  unserem  Nationalitätenprogramm 
der  „Linken"  ausgesprochen  worden.  Sobald  die  revolutionäre  Situation,  für 
die  unser  Nationalitätenprogramm  gedacht  war,  eingetreten  war,  hatten  wir 
begonnen,  ihn  zu  propagieren.  Schon  am  13.  Oktober  hatte  ich  die  Artikel- 
■serie  in  der  „Arbeiter-Zeitung"  begonnen,  die  den  Anschlußgedanken  auf 
die  Tagesordnung  stellte.  Er  hatte  sehr  schnell  Macht  gewonnen. 

Mit  dem  Zusammenbruch  seiner  Herrschaft  über  die  anderen  Nationen 
sah  das  deutschnationale  Bürgertum  seine  geschichtliche  Mission  beendet, 
um  derentwillen  es  bisher  die  Trennung  vom  deutschen  Mutterland  willig 
ertragen  hatte;  konnte  es  der  Machtstellung  der  deutschen  Nation  nicht 
mehr,  vom  Deutschen  Reiche  getrennt,  durch  seine  Herrschaft  über  die 
anderen  Völker  der  Habsburgermonarchie  dienen,  so  wollte  es  sich  durch 
•seinen  Anschluß  an  das  Reich  davor  schützen,  selbst  unter  Fremdherrschaft 
-ZU  fallen,  wo  es  bisher  Fremdherrschaft  geübt  hatte.  Die  Deutschen  in 
Böhmen,  Schlesien,  Nordmähren,  von  den  deutschen  Alpenländern  durch 
•das  tschechische  Gebiet  räumlich  geschieden,  hatten  ja  keine  andere  Wahl 
.als  die  zwischen  der- tschechischen  Fremdherrschaft  und  dem  Anschluß  an 
das  Reich.  Die  sechs  Millionen  Deutschen  der  Alpenländer,  seit  Jahr- 
hunderten mit  den  drei  Millionen  Deutschen  der  Sudetenländer  eng  ver- 
bunden, konnten  diese  Verbindung  nur  im  Rahmen  des  Deutschen  Reiches 
aufrechterhalten.  Wie  hilflos  Deutschösterreich,  auf  seine  eigene  Kraft 
angewiesen,  den  neuen  Nationalstaaten  gegenüberstand,  hatte  man  schon 
in    den    ersten    Anfängen    der   Revolution   erfahren:     Hungersnot     war   in 

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Dcutschöstcrroich  sofort  oirüxotrctcn,  als  die  Tschechen  die  NahriinffsmiUel- 
iind  Kohlonzufuhr  cinj^cstollt  hatten.  Der  erste  Schritt  dos  entstehendcrr 
deutschöstorreichischon  Staates  hatte  sein  müssen,  die  Berliner  Regierung 
um  eine  Aushilie  mit  Getreide  zu  bitten.  Deutschösterreichs  Volkswirtschaft, 
auf  das  große  österreichisch-ungarische  Wirtschaftsgebiet  gegründet,  mußte 
durch  den  Zerfall  des  Wirtschaftsgebietes  in  furchtbarste  Bedränf^nis  geraten. 
Allein  war  es  der  Feindseligkeit  der  neuen  Nationalstaaten  wehrlos  preis- 
gegeben; nur  der  Rückhalt  des  großen,  wirtschaftsstarken  Reiches  konnte 
seine  wirtschaftliche  Machtstellung  gegen  die  Nachbarstaaten  stärken  und' 
die  notwendige  Umschichtung  der  deutschösterreichischen  Volkswirtschaft 
erleichtern.  Unter  dem  mächtigen  Eindruck  dieser  Erwägungen,  Interessen,. 
Gefühle  hatten  schon  im  Verlauf  des  Oktober  breite  Schichten  des  Bürger- 
tums, zumal  der  Intelligenz,  in  der  Hoffnung  auf  den  Anschluß  Trost  über 
den  Zusammenbruch  ihres  alten  Herrschaftsgebäudes  gefunden. 

Die  Masse  der  Arbeiterschaft  dagegen  stand  dem  Anschlußgedanken 
damals  noch  kühl  gegenüber,  obwohl  Sozialdemokraten  seine  ersten  Ver- 
künder waren;  sie  hatte  den  deutschen  Imperialismus  während  des  Krieges 
allzu  tief  gehaßt,  als  daß  sie  sich  nun  hätte  für  den  Anschluß  an  dasselbe 
Deutschland  begeistern  können.  Erst  der  9.  November  eroberte  dem 
Anschlußgedanken  die  Arbeitermassen.  Erst  als  das  Kaisertum  im  Deutschen 
Reiche  gestürzt  war  und  eine  sozialistische  Regierung,  auf  Arbeiter-  und 
Soldatenräte  gestützt,  die  Macht  ergriffen  hatte,  als  die  deutsche  Revolution 
so  mit  einem  gewaltigen  Schlage  die  unsere  weit  überholt  zu  haben  schien,. 
ward  den  Arbeitermassen  der  Gedanke  verständlich,  daß  das  große,  hoch- 
industrielle  Reich  dem  Kampf  um  den  Sozialismus  weit  günstigere  Bedin- 
gungen biete  als  das  kleine,  von  agrarischen  Nachbarländern  hilflos 
abhängige  und  selbst  zur  Hälfte  agrarische  Deutschösterreich. 

Wie  aber  erst  der  Sieg  der  Republik  im  Reiche  der  Anschlußbewegung 
in  Österreich  die  Massen  erobert  hat,  so  stützten  auch  in  Deutschösterreich 
selbst  der  republikanische  und  der  Anschlußgedanke  einander  gegenseitig. 
Die  republikanische  Bewegung  schöpfte  aus  der  Forderung  nach  dem 
Anschluß  starke  Kraft.  Denn  daß  ein  habsburgisches  Österreich  im  Reiche 
nicht  aufgehen  könne,  Deutschösterreich  also  erst  mit  Habsburg  brechen- 
müsse, um  zum  Anschluß  fähig  zu  werden,  war  einleuchtend.  So  warb  der 
Anschlußgedanke  der  Forderung  des  Proletariats  nach  der  Republik  Bundes- 
genossen im  Bürgertum.  Anderseits  aber  schöpfte  auch  der  Anschluß- 
gedanke selbst  aus  der  republikanischen  Bewegung  starke  Kräfte.  Der 
Streit  zwischen  Habsburg  und  HohenzoUern  hatte  Deutschösterreich  von. 
Deutschland  getrennt;  stürzte  nun  Habsburgs  und  Hohenzollerns  Herr- 
schaft zugleich,  so  erschien  die  Vereinigung  des  einen  Volkes  zu  einem 
Gemeinwesen  als  die  natürliche  Folge  des  Sturzes  der  Dynastien,  die  es 
zerrissen  hatten.  So  knüpfte  die  Bewegung,  den  ^Gedanken  der  Republik 
mit  dem  der  deutschen  Einheit  vermählend,  an  die  Überlieferung  der 
Demokratie  von  1848  wieder  an. 

Soeben  erst  war  der  Waffenstillstand  auf  der  Grundlage  der  J4  Punkte 
Wilsons,  die  allen  Völkern  das  Selbslbestimmungsrecht  verhießen,  ab- 
geschlossen worden.  Wollte  Deutschösterreich,  mit  keiner  anderen  Waffe- 
ais dem  Appell  an  das  auch  ihm  verheißene  Recht  ausgerüstet,  den  An- 
schluß durchzusetzen   versuchen,    dann    durfte    der  Anschluß    nicht    der 

—    lOJ    — 


Traum  einzelner,  nicht  das  Programm  von  Parteien  bleiben;  dann  mußte 
das  deutschösterreichische  Volk  zeigen,  daß  es  in  demselben  Augenblick, 
in  dem  es  seine  Freiheit  erlangte  und  sein  Schicksal  in  seine  Hände  nahm, 
sofort  auch  einig  war,  sich  dieses  Ziel  zu  setzen.  Darum  beantragten  die 
Vertreter  der  Sozialdemokratie  im  Staatsrat,  daß  gleichzeitig  mit  der 
Republik  auch  der  Anschluß  verkündet  werden  solle.  Dieser  Antrag  wurde 
am   11.  November  mit  Stimmenmehrheit  angenommen. 

Am  folgenden  Tage  trat  die  Provisorische  Nationalversammlung  zu  ihrer 
dritten  Sitzung  zusammen.  Der  Gesetzesbeschluß  dieses  Tages  faßte  die 
Ergebnisse  der  großen  Umwälzung  zusammen.  Er  schloß  die  demokratische 
Revolution  ab:  er  erklärte  Deutschösterreich  zur  demokratischen  Republik, 
übertrug  alle  Rechte  des  Kaisers  dem  Staatsrat,  erklärte  alle  Vorrechte  der 
Familie  Habsburg  für  aufgehoben,  alle  auf  politische  Privilegien  ge- 
gründeten Körperschaften  —  die  Delegationen,  das  Herrenhaus,  die  auf 
Grund  des  Zensuswahlrechtes  gewählten  Landtage  und  Gemeinde- 
vertretungen —  für  aufgelöst,  er  ordnete  die  Wahl  der  Konstituierenden 
Nationalversammlung  und  die  Neuwahl  der  Landes-  und  der  Gemeinde- 
vertretungen auf  Grund  des  allgemeinen  und  gleichen  Wahlrechtes  aller 
Staatsbürger  ohne  Unterschied  des  Geschlechtes  auf  Grund  der  Verhältnis- 
wahl an.  Die  Republik,  die  Zertrümmerung  der  plutokratischen  Wahl- 
rechtsprivilegien in  den  Ländern  und  in  den  Gemeinden,  das  Frauen  Wahl- 
recht, der  Proporz  waren  die  Errungenschaften  der  demokratischen 
Revolution.  Zugleich  zog  derselbe  Gesetzesbeschluß  die  letzte  Folgerung 
aus  der  nationalen  Revolution:  „Deutschösterreich",  erklärte  der  Artikel  2, 
„ist  ein  Restandteil  der  Deutschen  Republik."  Und  dieser  Abschluß  der 
demokratischen  und  der  nationalen  Revolution  war  zugleich  der  erste  Akt 
der  sozialen  Revolution,  der  Machtverschiebung  zwischen  den  Klassen,  die 
sich  vollzogen  hatte.  Denn  es  war  der  Wille  der  Arbeiterklasse,  der  den 
besitzenden  Klassen  die  Republik  aufgezwungen  hatte.  Am  21.  Oktober, 
in  der  ersten  Sitzung  der  Provisorischen  Nationalversammlung,  hatten  sich 
noch  die  beiden  großen  bürgerlichen  Parteien  für  die  konstitutionelle 
Monarchie  erklärt;  am  12.  November,  in  der  dritten  Sitzung  der  Provi- 
sorischen Nationalversammlung,  haben  sie  beide,  zitternd  vor  der  drohen- 
den Erhebung  des  Proletariats,  für  die  Republik  gestimmt.  Auch  hier  war 
es,  wie  nach  Marxens  Darstellung  am  25.  Februar  1848  in  Paris:  das  Prole- 
tariat befahl  der  Rourgeoisie,  die  Republik  auszurufen. 

Die  Arbeitermassen  hatten  am  12.  November  die  Arbeit  eingestellt, 
Während  die  Provisorische  Nationalversammlung  im  Saale  des  Herren- 
hauses tagte,  war  die  Wiener  Arbeiterschaft  vor  dem  Parlamentsgebäude 
versammelt.  Aber  die  gewaltige  soziale  Gährung  in  den  Massen  offenbarte 
sich  auch  in  dieser  riesigen  Demonstration.  Als  zum  erstenmal  die  rot- 
weißrote  Fahne,  die  sich  die  Republik  an  Stelle  der  schwarzgelben  Fahnen 
Habsburgs  gab,  auf  den  Fahnenmasten  des  Parlamentsgebäudes  gehißt 
v/erden  sollte,  rissen  revolutionäre  Arbeiter  die  weißen  Teile  aus  dem 
Fahnentuch  heraus.  Kurze  Zeit  später  stürzte  sich  ein  Haufe  kommu- 
nistischer Soldaten  auf  das  Parlamentstor  und  begann  eine  ziel-  und  sinn- 
lose Schießerei,  die  zwei  Menschen  das  Leben  kostete  und  die  versammelte 
Masse  zersprengte.  So  sinnlos  das  war:  der  grelle  Mißklang,  mit  dem  die 
Kundgebung   endete,  war  doch   ein   Symptom   und   Symbol  der  Erregung, 

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der  Gürunp,  der  elementaren  Beweguns!  in  den  Massen,  die  über  die  er- 
rungene politische  Freiheit  und  Gleichheit  hinausdrängte. 

Die  Republik  hat  im  April  1919  den  12.  November,  den  Tag  des  Ab- 
schlusses der  demokratisch-nationalen  Revolution,  zum  Nationalfeiertag: 
erklärt.  Aber  die  Bourgeoisie  hat  den  gesetzlichen  Feiertag  nie  mit- 
gefeiert; ihr  ist  er  immer  der  Tag  ihrer  Kapitulation  vor  dem  Proletariat 
geblieben.  Die  Arbeiterklasse  dagegen  feiert  den  Nationalfeiertag  alljähr- 
lich als  den  Tag  ihres  Sieges.  Darin  drückt  sich  tiefer  geschichtlicher  Zu- 
sammenhang aus:  als  die  nationale  Politik  der  Bourgeoisie,  deren  Ziel  die 
Aufrechterhaltung  und  Befestigung  ihrer  Herrschaft  über  die  anderen 
Nationen  gewesen  war,  zusammengebrochen  war,  hatte  das  Proletariat  die 
Führung  der  Nation  übernommen.  Unter  der  geistigen  Führung  der  Sozial- 
demokratie war  der  deutschösterreichische  Staat  begründet  worden;  unter 
dem  Drucke  der  Arbeitermassen  hatte  er  sich  von  dem  habsburgischen 
Imperium  gelöst  und,  sich  allem  Streben  nach  der  Wiedervereinigung 
mit  den  jungen,  befreiten  Nationen  entsagend,  die  Vereinigung  mit  dem 
Deutschen  Reiche  zum  Ziel  gesetzt.  Die  nationale  Revolution  war  zur 
Sache  des  Proletariats,  die  proletarische  •  Revolution  zur  Trägerin  der 
nationalen  Revolution  geworden. 

Am  12.  November  hatten  wir  erreicht,  was  die  „Linke"  schon  im  Jänner 
1918  als  erste  notwendige  Etappe  der  nahenden  österreichischen  Revolution: 
vorgezeichnet,  was  sich  dann,  unter  dem  mächtigen  Eindruck  VN"elt- 
geschichtlicher  Wendung  den  Gegensatz  zwischen  links  und  rechts  über- 
windend, die  ganze  Partei  in  den  erst-en  Oktobertagen  als  nächstes  Ziel 
gestellt  hatte.  Und  dieses  Ziel  hatten  wir  im  Verlauf  von  sechs  Wochen 
ohne  Straßenkampf  und  Bürgerkrieg,  ohne  Gewaltanwendung  und  Blut- 
vergießen erreicht.  Wohl  war  wie  jede  Revolution  auch  diese  ein  Werk 
der  Gewalt.  Aber  die  Gewalt,  die  die  Revolution  ermöglichte,  wirkte  nicht  in 
den  Straßen  Wiens.  Auf  den  Schlachtfeldern  am  Balkan  und  in  Venetien 
zerschlug  sie  den  ehernen  Mechanismus,  der  der  Revolution  im  Wege 
stand.  Deshalb  konnten  wir  die  Revolution  im  Hinterland  ohne  Gewalt, 
vollziehen.  Wir  vollzogen  sie,  indem  wir  in  dies.in  ontscheidangsvollen 
Wochen  vom  3.  Oktober  bis  zum  12.  November  an  jedem  Tage  immer  nur 
das,  was  .schon  gereift  war,  forderten,  immer  nur  das,  was  schon  ohne 
schweje  Opfer  durchsetzbar  war,-  durchsetzten,  so  erreichten  wir,.  Schritt 
für  Schritt  vorgehend,  schließlich  doch  das  Ganze,  das  wir  uns  als  Ziel 
gesetzt  hatten.  Zum  letzten  Male  leitete  in  diesen  Wochen  Viktor  Adler  die 
Aktion  der  Partei.  Sein  unvergleichlicher  Tatsachensinn  erfaßte  an  jedem 
Tage,  was  nun  gerade  schon  möglich,  schon  notwendig  geworden  war.  Sein 
Verantwortlichkeitsgefühl  duldete  nicht,  daß  wir  um  den  Preis  schwerer 
Opfer  heute  schon  zu  nehmen  versuchten,  was  uns  morgen  als  reife  Frucht 
in  den  Schoß  fallen  mußte.  Sein  Ansehen,  sein  menschliches  Verständnis 
für  den  unterliegenden  Gegner  erleichterte  den  Besiegten  das  Zurückweichen 
Er  starb  am  11.  November  angesichts  der  vollendeten  Tat.  Er  starb,  als  die 
Erziehung,  die  Organisation,  die  Kraft  der  österreichischen  Arbeiterschaft, 
die  seiner , .Lebensarbeit  Ergebnis  war,  ihren  höchsten  Triumph  feierten; 
als  der  Sieg  der  Partei,  die  er  in  der  Jugend  geeint,  die  er  im  Mannesalter- 
zur  Macht  empor  geführt,  der  er  in  den  letzten  Lebensjahren  die  Einheit, 
gerettet  hatte,   ihre  inneren   Gegensätze  aufhob,   als  sich  in  dem   revolu- 

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tlonären  Erlebnis  seiner  letzten  Lebenstage  der  nationale  Traum  seiner 
Jugend  mit  dem  sozialen  Werk  seines  Mannesalters  vermählte.  Er  hinter- 
ließ der  Arbeiterklasse  das  große  Erbe  eines  revolutioncären  Sieges,  der,  nicht 
.mit  Handgranaten  und  Maschinengewehren,  sondern  als  geistige  Tat,  als 
Werk  taktischer  Kunst  und  organisatorischer  Leistung  errungen,  den 
weiteren  Verlauf  des  revolutionären  Prozesses  als  geistiger  Umwälzung,, 
geistiger  Selbstbestimmung  der  Masse  ermöglichte. 

Denn  der  revolutionäre  Prozeß  ging  weiter.  Er  erfaßte  sozial  immer 
•weitere  Gesellschaftsschichten,  er  gewann  räumlich  immer  weitere  Aus- 
dehnung. Längst  schon  hatte  er,  von  Wien  ausgehend,  auch  die  Länder  er- 
faßt und  dort  eine  Bewegung  entfesselt,  die,  in  ihren  Anfängen  derselben 
revolutionären  Wurzel  entsprossen  wie  die  Wiener  Bewegung,  in  ihrem 
weiteren  Verlauf  doch  unvermeidlich  in  Gegensatz  gegen  das  revolutionäre 
Wien  geraten  mußte. 

Als  nach  dem  14.  Oktober  die  tschechische  Grenzsperre  die  Lebens- 
mittelnot in  Deutschösterreich  furchtbar  verschärfte,  waren  in  Steiermark 
die  Organisationen  der  industriellen  Unternehmer  und  der  industriellen 
Arbeiter  in  Verhandlungen  über  die  Sicherung  der  Lebensmittelversorgung 
der  Industriearbeiter  eingetreten.  Da  der  Ernährungsdienst  der  Statthalterei 
vollständig  versagte,  beschlossen  sie,  den  Ernährungsdienst  selbst  in  ihre 
Hand  zu  nehmen.  Mit  Vertretern  der  politischen  Parteien  gemeinsam 
bildeten  sie  in  Graz  den  Wohlfahrtsausschuß,  der  sich  schon  am  25.  Oktober 
••des  ganzen  Verwaltungsapparats  der  Statthalterei  bemächtigte,  die  Leitung 
der  Statthalterei  dem  Industriellenvertreter  Dr.  Wutte  als  Wirtschafts- 
kommissär und  dem  Sozialdemokraten  Dr.  Eisler  als  seinem  Stellvertreter 
übertrug;  der  kaiserliche  Statthalter  trat  zurück. 

Wie  in  Steiermark  die  Ernährungsnot,  so  trieb  in  Tirol  die  Furcht  vor 
der  Verheerung  des  Landes  durch  die  von  der  Front  zurückflutenden 
Truppen  die  Parteien  dazu,  sich  der  Landesregierung  zu  bemächtigen.  Am 
26.  Oktober  wählten  die  Reichsrats-  und  Landtagsabgeordneten  Tirols  einen 
.„Nationalrat",  der  am  1.  November  die  Landesregierung  übernahm.  Vorarl- 
berg, bisher  von  der  Tiroler  Statthalterei  mitverwaltet,  folgte  sofort  diesem 
Beispiel,  es  trennte  sich  von  Tirol,  der  autonome  Landesausschuß  über- 
nahm die  Geschäfte  der  Statthalterei. 

Am  28.  Oktober  hatten  sich  di-e  Tschechen  der  böhmischen  und  der 
mährischen  Statthalterei  bemächtigt.  Aber  die  tatsächlicjie  Macht  des  an 
■diesem  Tage  entstandenen  tschechischen  Staates  erstreckte  sich  nur  auf 
das  tschechische  Sprachgebiet.  Die  deutschen  Gebiete  der  Sudetenländer, 
-die  ihre  Unterwerfung  unter  die  tchechische  Staatsgewalt  einmütig 
ablehnten  und  sich  zum  deutschösterreichischen  Staat  bekannten,  zerrissen 
ihre  Verbindungen  mit  der  böhmischen  und  der  mährischen  Statthalterei. 
Für  diese  Gebiete  mußte  daher  eine  ganz  neue  Verwaltungsorganisation 
geschaffen  werden.  Am  29.  Oktober  konstituierten  sich  die  Reichsrats- 
abgeordneten  Deutschböhmens  als  deutschböhmische  Landesversammlung 
und  wählten  aus  ihrer  Mitte  eine  deutschböhmische  Landesregierung,  die 
in  Reichenberg  ihren  Sitz  nahm.  Am  folgenden  Tage  versammelten  sich 
die  Reichsratsabgeordneten  der  zusammenhängenden  deutschen  Bezirke 
Schlesiens,  Nordmährens  und  Ostböhmens,  sie  beschlossen,  diese  Gebiete 
.2U  einem  neuen  Lande,  dem  sie  den  Namen  Sudetenland  gaben,  zu  ver- 

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einigen  und  wählten  eine  Landesregierung  für  dieses  Land.  Die  neuen 
Landesregierun^ien  der  beiden  von  dem  übrigen  Dcutschöstcrrcieh  räumlich 
getrennten  Gebiete  mußten  unter  unsäglichen  Schwierigkeiten  -eine  ganz 
neue  Verwaltungsorganisation  einrichten,  neue  Eisenbahn-,  Post-,  Finanz-, 
Gerichtsbehörden  organisieren,  um  die  Verwaltung  dieser  Gebiete  von  den 
tschechischen  Behörden  in  Prag  und  in  Brunn  loszulösen  und  den  Fort- 
gang der  Verwaltung,  des  Verkehrs,  der  Lebensmittelversorgung  notdürftig 
zu  sichern.  Dieselbe  Organisationsarbeit  mußte,  hier  unter  etwas  günstigeren 
Bedingungen,  in  den  an  Nieder-  und  Oberösterreich  angrenzenden  deutschen 
Gebieten  Südmährens  und  Südböhmens  geleistet  werden,  die  sich  in  den 
ersten  Novembertagen  als  Znaimer  Kreis  und  als  Böhmerwaldgau 
konstituierten  und  sich  autonome  Kreisregierungen  einsetzten.  So  kurz- 
lebig alle  diese  Gebilde  auch  waren,  sie  haben  ni'jht  nur  in  der  Übergangs- 
zeit bis  zur  gewaltsamen  Unterwerfung  dieser  Gebiete  durch  die  tschecho- 
slowakische Republik  ihre  Verwaltung  ermöglicht,  ihre  Lebensmittelver- 
sorgung gesichert,  sondern  zugleich  auch  vor  aller  Welt  den  Anspruch  ihrer 
Bewohner  auf  ihre  Selbstbestimmung,  ihren  Pretest  gegen  ihre  Annexion 
durch  die  Tschechoslowakei  durch  die  Tat  kundgetan. 

In  allen  diesen  revolutionären  Gebilden  aber  war.  in  Steiermark  wie 
in  Tirol,  in  Deutschböhmen  wie  im  Sudetenland,  ein  neuer  Typus  von 
Landesregierungen  entstanden.  An  die  Stelle  df'-r  k.  k.  Statthalter  waren 
von.  den  Volksvertretern  des  Landes  gewählte,  aus  den  pohtischen  Parteien 
des  Landes  verhältnismäßig  zusammengesetzte  Landesregierungen  getreten. 
Der  der  altösterreichischen  Verwaltungsorganisation  eigentümliche,  aus 
der  Organisation  des  ständischen  Staatswesens  überlieferte  Dualismus  der 
landesfürstlichen  und  der  autonomen  Verwaltung  wurde  überwunden,, 
indem  die  von  der  Volksvertretung  des  Landes  gewählte  Landesregierung 
die  Funktionen  des  kaiserlichen  Statthalters  übernahm.  Die  Bewegung 
drängte  nun  in  allen  Ländern  nach  diesem  Ziele:  die  Ersetzung  der  k.  k. 
Statthalter  durch  autonome  Landesregierungen  erschien  als  die  notwendige 
Folge  des  Zusammenbruchs  des  Kaisertums.  Der  Staatsrat  hatte  nicht  die 
Macht,  sich  dieser  Bewegung  .~u  widersetzen.  Die  Nationalver.'^ammlung 
konnte  nur  sanktionieren,  was.  sich  in  den  Ländern  schon  auf  revolutio- 
närem Wege  vollzog.  So  fand  das  Grundgesetz  vom  12.  November  seine 
Ergänzung  in  dem  Gesetz  übe?  die  Übernahme  der  Staatsgewalt  in  den 
Ländern,  das  die  Provisor! .sehe  Nationalversammlung  am  14.  November 
beschloß.  Das  Gesetz  setzte  an  die  Stelle  der  aus  dem.  Privilegienwahlrecht 
hervorgegangenen  Landtage  provisorische  Landesversammlungen;  sie 
wurden  in  der  Weise  gebildet,  daß  zu  den  Landtagsabgeordneten  des 
Bürgertums  und  der  Bauernschaft  Vertreter  der  Arbeiterschaft  hinzutraten. 
Diese  Landesversammlungen  hatten  die  Landesregierungen  zu  wählen,  die 
die  Amtsgeschäfte,  welche  bisher  die  Statthalter  versehen  hatten,  über- 
nahmen. Die  Landesregierungen  wurden  nach  dem  Verhältniswahlrecht 
gewählt,  so  daß  die  Arbeiterschaft,  die  bisher  von  den  Landtagen  gänzlich, 
ausgeschlossen  gewesen  war,  überall  unmittelbaren  Anteil  an  den  Landes- 
regierungen erlangte. 

Zugleich  wurde  aber  damit  auch  das  Verhältnis  der  Länder  zum  Staat 
vollständig  umgewälzt.  Der  Statthalter,  vom  Kaiser  auf  Antrag  der 
Regierung   ernannt   und    abberufen,    war    ein    Organ    der   Zentralregierung 

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gewesen.  Der  von  der  Landesversamnilung  gewählte,  nur  von  ihr  abberuf- 
bare Landeshauptmann  wurde  von  der  Zentralregierung  vollständig  unab- 
hängig. Nicht  die  Weisungen  der  Staatsregierung,  sondern  die  Beschlüsse 
der  Landesversammlung  bestimmten  seine  Amtsführung.  Die  Länder 
wurden  damit  tatsächlich  zu  selbständigen  Republiken,  der  Staat  zu  einer 
losen  Föderation  der  Länder.  Der  Verfassungskampf  zwischen  dem  Staat 
und  den  Ländern,  die  Entwicklung  Deutschösterreichs  zum  Bundesstaat 
waren  damit  bereits  vorgezeichnet. 

Es  war  die  demokratische  Revolution  in  den  Alpenländern  und  die 
nationale  Revolution  in  den  Sudetenländern,  die  die  Ersetzung  der  Obrig- 
keitsregierung  in  den  Ländern  durch  die  Selbstverwaltung  erzwungen  hatten. 
Aber  auch  diese  Ergebnisse  der  demokratischen  und  der  nationalen  Revo- 
lution mußten  sofort  soziale  Bedeutung  erlangen.  Die  Staatsregierung  stand 
unter  dem  mächtigen  Druck  des  Proletariats  Wiens  und  der .  Industrie- 
gebiete. Die  Landesregierungen  der  agrarischen  Alpcnländer  mußten  unter 
den  bcstimm.enden  Einfluß  der  Bauernschaft  und  des  kleinstädtischen 
Bürgertums  geraten.  Im  Gegensatz  zwischen  dem  Staat  und  den  Ländern 
'barg  sich  von  Anfang  an  der  Klassengegensatz. 

Anfänge  dieser  Entwicklung  wurden  schon  in  den  Sturmtagen  der 
Revolution  erkennbar.  Das  erste  Land,  das  sich  dem  Staat  drohend  ent- 
gegenstellte, war  Tirol.  Unter  dem  Eindruck  der  Panik,  die  in  den  Tagen 
der  Auflösung  der  alten  Armee  in  Tirol  entstanden  war,  hatte  der  Tiroler 
„Nationalrat"  zuerst  das  Deutsche  Reich  gebeten,  mit  reichsdeutschen 
Truppen  den  Brenner  zu  sperren,  um  die  Verwüstung  Nordtirols  durch  die 
rückflutenden  Truppen  zu  verhüten.  Als  dann  aber  die  Deutschen  wirklich 
die  Tiroler  Grenze  überschritten,  fürchtete  der  Tiroler  Nationalrat,  Tirol 
könne  zum  Kriegsschauplatz  der  Deutschen  und  der  Entente  werden.  Jetzt 
protestierte  der  Tiroler  „Nationalrat"  gegen  den  Einmarsch  der  Deutschen, 
die  er  selber  gerufen  hatte,  und  er  suchte  jetzt  umgekehrt  bei  der  Entente 
Hilfe.  Er  schickte  eine  förmliche  Gesandtschaft  in  die  Schweiz,  die  unmittel- 
bare Verbindungen  mit  der  Entente  anknüpfen  sollte.  Gegen  diese  Versuche 
«iner  selbständigen  auswärtigen  Politik  Tirols  mußte  der  Staatsrat  pro- 
testieren. Der  Konflikt  vertiefte  sich  sehr  schnell.  Der  Tiroler  „National- 
rat", um  das  Schicksal  Deutschsüdtirols  zitternd,  glaubte  durch  Trennung 
Tirols  von  Deutschösterreich  seinem  Lande  die  Gnade  der  Sieger  zuwenden 
zu  können.  Diese  Hoffnung  war  der  Ursprung  der  Tiroler  Selbständigkeits- 
bewegung. Aber  mit  dem  Gegensatz  zwischen  dem  partikularen  Landes- 
interesse und  dem  allgemeinen  nationalen  Interesse  verknüpfte  sicli  der 
Klassengegensatz.  Die  Tiroler  Bauernschaft  hatte  im  Kriege  den  Milita- 
rismus hassen  gelernt.  Der  republikanische  Gedanke  gewann  sie  sehr 
schnell.  Am  11.  November  forderte  der  Tiroler  Nationalrat  die  Proklamierung 
der  Republik.  Aber  sehr  bald  stieß  er  sich  daran,  daß  die  Republik  in  Wien 
proletarischen  Charakter  zu  gewinnen  begann.  Das  bäuerlich-kleinbürger- 
liche Tirol  wandte  sich  gegen  das  „rote"  Wien.  So  beschloß  die  Tiroler 
Landesversammlung  am  21.  November  eine  förmliche  Selbständigkeits- 
erklärung. Der  Zusammenhang  Tirols  mit  den  anderen  deutschöster- 
reichischen Ländern  habe  auf  der  Pragmatischen  Sanktion,  auf  der  Ge- 
meinschaft des  Herrscherhauses  beruht.  Mit  der  Entthronung  der  Habs- 
burger sei  dieses  Band  zerrissen.     Dadurch  sei  Thol  frei  geworden,  selbst 

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über  seine  Zukunft  zu  entscheiden.  Seine  nur  vorläufige  staatliche  Zuge- 
hörigkeit zu  Deutschösterreich  könne  sein  wiedergewonnenes  Selbst- 
bestimmungsrecht nicht  aufheben.  Das  Beispiel  Tirols  wirkte  auf  die 
anderen  Alpenländer.  Die  bäuerlich-bürgerliche  Mehrheit  verteidigte- 
überall  gegen  das  proletarische  Wien  die  Selbstherrlichkeit  des  Landes. 

Während  sich  aber  die  Alpenländer  gegen  die  staatliche  Einheit  Deutsch- 
österreichs aufzulehnen  begannen,  führten  Deutschböhmen  und  das 
Sudetenland,  der  Böhmerwaldgau  und  der  Znaimcr  Ivreis  den  schwersten 
Kampf  um  ihre  Zugehörigkeit  zu  Deutschösterreich.  Denn  die  junge 
tschechische  Republik  erhob  Anspruch  auf  alle  diese  deutschen  Gebiete. 
In  Deutschösterreich  war  die  nationale  Folitik  der  Bourgeoisie  zusammen- 
gebrochen, die  Führung  der  Nation  war  in  die  Hände  des  Proletariats  über- 
gegangen, nicht  mehr  die  Herrschaft  über  andere  Nationen,  sondern  die- 
Behauptung  des  Selbstbestimmungsrechtes  der  eigenen  Nation  war  hier  nun 
der  Inhalt  der  nationalen  Politik;  in  der  Tschechoslowakei  dagegen  hatte 
die  nationale  Politik  der  Bourgeoisie  am  28.  Oktober  ihren  größten  Sieg  er- 
rungen, der  triumphierende  nationale  Gedanke  ordnete  ihrer  Führung  die 
Volksmassen  unter  und  sie  griff,  kaum  erst  selbst  von  fremder  Herrschaft 
befreit,  schon  nach  der  Herrschaft  über  fremde  Völker.  Der  junge 
tschechische  Imperialismus  bereitete  der  Aufrichtung  der  deutschöster- 
reichischen Verwaltung  in  Deutschböhmen  und  im  Sudentenland,  der 
Aufrechterhaltung  des  Verkehrs  und  der  Lebensmittelversorgung  in 
diesen  Ländern  unendliche  Schwierigkeiten.  In  den  Grenzgebieten  gab 
es  täglich  Konflikte,  nicht  selten  Scharmützel  zwischen  deutschöster- 
reichischer Volkswehr  und  tschechischen  Truppen.  Die  deutsch- 
böhmische Landesregierung  versuchte  es,  zu  einer  Vereinbarung  mit  der 
tschechischen  Regierung  zu  gelangen,  die  bis  zur  Entscheidung  des 
Friedenskongresses  über  das  Schicksal  Deutschböhmens  das  friedliche 
Zusammenwirken  beider  Verwaltungen  sicherstellen  sollte.  Aber  der 
tschechische  Minister  Rasin  antwortete  dem  deutschböhmischen  Landes- 
hauptmann-Stellvertreter Seliger  am  4.  November:  „Mit  Rebellen 
verhandeln  wir  nicht."  Die  tschechische  Bourgeoisie,  soeben  noch  selbst. 
wegen  Hochverrats  an  Österreich  verfolgt,  weil  sie  für  das  Selbst- 
bestimmungsrecht ihres  Volkes  gekämpft  hatte,  betrachtete  nun  die  um  ihr 
Selbstbestimmungsrecht  kämpfenden  Deutschböhmen  als  Hochverräter.  So^ 
drohte  der  jungen  Republik  ein  schwerer  Konflikt  mit  der  Tschecho- 
slowakei. Und  zugleich  bedrohten  auch  schon  die  slowenischen  Truppen 
des  Generals  Majstr  deutsche  Städte  in  Untersteiermark  und  deutsche  Ge- 
biete in  Kärnten.     - 

Hatte  sich  die  nationale  Revolution  in  Wien  und  in  den  Industriegebieten 
Deutschösterreichs  zur  proletarischen  Revolution  weiterentwickelt,  so- 
wurden  zugleich  doch  auch  schon  die  Schranken  erkennbar,  die  der  Ent- 
faltung der  proletarischen  Revolution  gesetzt  waren.  Sie  wurden  sieht  bar- 
in dem  Widerstand  der  Bauernschaft  und  des  Bürgertums  der  agrarischen 
Alpenländer,  die  sich  gegen  die  Weiterentv/icklung  der  Revolution  über  den 
Rahmen  der  bürgerlichen  Demokratie  hinaus  zur  Wehr  setzten,  und  in  der 
Bedrohung  durch  die  Bourgeoisie  der  befreiten  Nachbarvölker,  die,  über 
ihre  Grenzen  hinausgreifend,  Deutschböhmen  und  das  Sudetenland  —  die 
größten  Induslriegi.biete  Deutschösterreichs,  die  stärksten  Zentren  der  Kraft 

•—    lOS    — 


des  deutschüsterreichlschen  Prololarlats  —  ihrer  iTerrschaft  zu  unterwerfen 
suchte.  Die  Repubhk,  eben  erst  aus  dem  Willen  des  Proletariats  erstanden, 
war  schon  bedroht  durch  den  Länderpartikularismus  der  alpenländischen 
Bauernschaft  im  Innern  und  durch  den  Imperialismus  der  tschechischen  und 
der  jugoslawischen  Bourgeoisie  von  außen.  Der  12.  November  hatte  die 
Republik  nur  proklamiert;  es  bedurfte  der  Arbeit  und  der  Kämpfe  von 
Jahren,  sie  zu  schaffen  und  zu  sichern. 

§  8,  Nationale  und  soziale  Revolution. 

Liteiaim: 

Redlich,  Das  österreichische  Staats-  und  Reichsoroblem.  Leipzig  1020.  —  Wieser, 
Österreichs  Ende.  Berlin  1919.  —  Kautsky,  Habsburgs  Glück  und  Ende.  Berlin  1918. 

Marx,  Herr  Vogt.  London  18G0.  —  Engels,  Gewalt  und  Ökonoxr,ie  bei  der  Her- 
stellung des  neuen  Deutschen  Reiches.  „Neue  Zeit",  XIV,  1.  —  Schulze,  Marx, 
oder  Radetzky?  „Der  Kampf",  1918. 

Wir  haben  den  Verlaut  der  Ereignisse  von  den  nationalen  Kämpfen, 
die  die  Habsburgermonarchie  in  den  Krieg  hineintriei)en,  durch  die  natio- 
nalen Bewegungen  der  Kriegszeit  hindurch  bis  zur  Auflösung  der  Habs- 
burgermonarchie dargestellt.  An  diesem  ^¥endepunkt  wollen  wir  einen 
Augenblick  innehalten  und  nochmals  einen  Blick  auf  die  Ereignisse,  denen 
das  habsburgische  Imperium  nach  vierhundertjälirigem  Bestand  erlegen 
ist,  werfen,  um  aus  der  verwirrenden  Fülle  der  Erscheinungen  ihren 
wesentlichen  Inhalt  herauszuschälen  zu  versuchen. 

Die  Gegensätze  zwischen  den  Weltmächten  hatten  den  Krieg,  der  im 
Jahre  1914  aus  dem  Zusammenstoß  zwischen  der  habsburgischen 
Monarchie  und  dem  Einheits-  und  Freiheitsdrang  des  jugoslawischen 
Volkes  entstanden  war,  zum  Weltkrieg  erweitert.  Der  Krieg  selbst  hatte 
in  seinem  Verlauf  seinen  Charakter  verändert.  Ursprünglich  nichts  als  ein 
Kampf  zweier  imperialistischer  Mächtegruppen  gegeneinander,  war  er  seit 
dem  Zusammenbruch  des  russischen  Zarismus  im  März  1917  und  seit  dem 
Eingreifen  der  Vereinigten  Staaten  in  den  Krieg  zu  einem  Kampf  zweier 
politischer  Systeme  geworden. 

Drüben  standen  England,  Frankreich,  Italien,  die  Vereinigten  Staaten 
—  durchweg  parlamentarisch  regierte  Länder,  von  der  Bourgeoisie  in  den 
Formen  der  Demokratie  beherrscht.  Hüben  stand  das  Deutsche  Reich,  von 
der  Dynastie  und  vom  Junkertum  in  den  Formen  des  militärisch- 
bürokratischen Obrigkeitsstaates  regiert,  der  nur  die  Oberschicht  der 
Bourgeoisie,  das  Finanzkapital  und  die  Schwerindustrie  zu  tatsächlicher 
Mitherrschaft  zuließ;  stand  Österreich-Ungarn,  von  der  Dynastie,  der 
Generalität,  der  Bürokratie,  dem  Episkopat  beherrscht,  wobei  magyarische 
Magnaten,  böhmische  Feudale,  polnische  Schlachzizen,  die  deutschöster- 
reichische Bourgeoisie  mittelbar  mitregierten.  Drüben  die '  Herrschaft  der 
Bourgeoisie,  hüben  die  Vorherrschaft  der  Dynastien,  der  Generalität,  des 
Adels  —  das  war  der  tatsächliche  soziale  Gegensatz.  Drüben  die  Demo- 
kratie, hüben  der  Obrigkeitsstaat  —  das  war  der  Gegensatz  der  herrschen- 
den Ideologien. 

-     109    — 


Die  Wostniächto  mußten  die  ganze  Volkskraft  entfesseln,  um  zu  siegen 
Ihr  Sieg  hing  vom  Willen  und  von  der  Kraft  der  Massen,  der  Massen  im 
leide  und  der  Massen  in  der  Kriegsindustrie  ab.  Sie  bedienten  sich  der 
Kraft  der  demokratischen  Ideologien,  der  großen  Traditionen  der  bürger- 
lichen Revolution,  um  den  Siegeswillen  ihrer  Massen  zu  entflammen.  Sie 
konnten  ihren  Krieg  als  den  Krieg  der  Demokratien  gegen  Militarismus 
Absolutismus  und  Feudalismus  darstellen,  sobald  nicht  mehr  der  Zarismus 
an  ihrer  Seite  focht.  Woodrow  Wilsons  wirkungsvolles  Wort  gab  seither 
ihrem  Kriege  die  mächtige  demokratische  Ideologie. 

Der  Sieg  der  Bourgeoisie  über  die  Dynastien,  den  Adel,  die  Militärkaste; 
der  Sieg  der  Demokratie  über  den  autoritären  Obrigkeitsstaat  ist  der  Inhalt 
aller  bürgerlichen  Revolutionen.  Dieser  Sieg,  erkämpft  auf  den  Barrikaden 
aller  bürgerlichen  Revolutionen,  wurde  abermals  erkämpft  auf  den  fran- 
zösischen Schlachtfeldern  im  Jahre  1918.  Der  Sieg  der  Westmächte  über 
die  Mittelmächte  war  der  Sieg  der  Bourgeoisdemokratie  über  die 
oligarchischen  Militärmonarchien.  Es  war  die  größte,  die  blutigste  bürger- 
liche Revolution  der   Weltgeschichte. 

Im  Rahmen  dieser  allgemeinen  bürgerlichen  Revolution  vollzog  sich 
während  des  Krieges  die  österreichische  Revolution.  Auch  sie  war  eine 
bürgerliche  Revolution.  Sie  war  ihrem  Ursprung  und  Wesen  nach  die 
Revolution  des  jugoslawischen,  des  tschechischen  und  des  polnischen 
Bürgertums. 

Noch  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  waren  Tschechen  und  Jugoslawen 
Bauernvölker  gewesen,  von  fremden  Herrenklassen  beherrscht.  Im  Verlauf 
des  19.  Jahrhunderts  hatte  sich  in  ihrem  Schöße  ein  nationales  Bürgertum 
entwickelt.  Mit  der  Entwicklung  der  Volksschule  und  der  Presse,  mit  der 
Demokratisierung  des  öffentlichen  Lebens  hatte  dieses  nationale  Bürger- 
tum allmählich  die  Kleinbürger,  die  Bauern,  die  Arbeiter  mit  seiner 
nationalen  Ideologie  erfüllt,  sie  in  den  Kampf  gegen  die  aus  der  Zeit  des 
Feudalismus  und  des  Absolutismus  überlieferten  nationalen  Herrschafts- 
verhältnisse, in  den  Kampf  gegen  die  Vorherrschaft  der  deutschen 
Bourgeoisie  und  der  magyarischen  Gentry,  in  den  Kampf  um  die  nationale 
Staatlichkeit  geführt.  Seit  1903  und  1908  hatte  dieser  Kampf  bedrohliche 
Heftigkeit  angenommen. 

Auch  im  polnischen  Volk  hatte  sich  im  Verlauf  des  19.  Jahrhunderts 
ein  Bürgertum  entwickelt,  das  allmählich  statt  des  Adels  die  Führung  der 
Nation  übernommen  hatte.  Seit  der  Verschärfung  der  preußischen  Polen- 
politik geriet  es  in  immer  schärferen  Gegensatz  gegen  die  deutsche  Welt 
Seit  der  russischen  Revolution  1905  gewann  der  Einheitsdrang  des 
polnischen  Volkes  wieder  stärkere  Macht. 

Die  Verschärfung  der  nationalen  Gegensätze  erschütterte  das  Reich. 
Die  Monarchie  versuchte  es,  durch  den  Krieg  nach  außen  die  permanente 
innere  Krise  zu  überwinden.  Darum  stürzte  sie  sich  in  den  Krieg.  Aber 
damit  machte  sie  ihre  Existenz  selbst  vom  Ausgang  des  Krieges  abhängig. 

Die  furchtbcaren  Opfer  an  Blut  und  Gut,  die  der  Krieg  heischte,  trugen 
die  slawischen  Völker  doppelt  schwer;  erschienen  sie  ihnen  doch  als  Opfer 
für  einen  ihnen  fremden  Staat,  für  eine  ihnen  feindliche  SachS.  Je  länger 
der  Krieg  dauerte,  desto  mehr  erstarkte  daher  in  den  slawischen  Ländern 
die  nationalrevolutionäre  Bewegung  gegen  Österreich.  Zunächst  setzte  sia 


-.    110    — 


sich  als  ihr  Ziel  die  nationale  Staatlichkeit  in  einer  Völkerlüderation  unter 
Habsburgs  Zepter.  Aber  zwei  weltgeschichtliche  Ereignisse,  die  der  Krieg 
hervorrief,  ermöglichten  es  ihr  schließlich,  sich  den  vollständig  souveränen 
Nationalstaat  und  damit  die  vollständige  Zerstörung  der  Habsburger- 
monarchie zum  Ziel  zu  setzen. 

Das  erste  dieser  Ereignisse  war  die  russische  Revolution.  Solange  der 
russische  Zarismus  ungebrochen  war,  war  die  Existenz  der  österreichisch- 
ungarischen Monarchie  eine  europäische  Notwendigkeit;  wäre  sie  zerfallen, 
so  wären  die  slawischen  Staaten,  die  aus  ihr  entstehen  mußten,  unver- 
meidlich zu  Vasallenstaaten  Rußlands  geworden.  Ihr  Zerfall  hätte  daher  die 
Herrschaft  des  Zarismus  über  Europa  begründet.  ,,Der  einzige  Umstand, 
der  die  staatliche  Existenz  Österreichs  seit  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  recht- 
fertigt," schrieb  Marx  im  Jahre  1860,  „ist  sein  Widerstand  gegen  die  Fort- 
schritte Rußlands  im  Osten  Europas  ■ —  ein  Widerstand,  hilflos,  inkonse- 
quent, feig,  aber  zäh."  Diesen  „Widerstand,  hilflos,  inkonsequent,  feig,  aber 
zäh"  hat  das  kaiserliche  Heer  zum  letztenmal  in  der  großen  Winterschlacht 
1914/15  in  den  Karpathen  geleistet.  An  der  Duklasenke,  bei  Mezölaborcz, 
am  Uzsokpaß  zerbrach  die  Angriffskraft  des  Zarismus.  Die  russische  Kraft 
war  zermürbt;  im  Frühjahrsfeldzug  1915  v/urde  sie  zerbrochen.  Der  russi- 
schen Revolution  war  der  Weg  frei. 

Die  russische  Revolution  revolutionierte  alle  Völker  der  Habsburger- 
monarchie. Sie  ermutigte  die  jugoslawische  Bewegung.  Sie  einigte  die 
vorher  zwischen  österreichischer  iind  russischer  Orientierung  schwanken- 
den Polen  gegen  die  Mittelmächte.  Sie  gab  den  Tschechen  die  Gelegenheit, 
durch  ihr  selbständiges  Auftreten  an  der  Wolga  und  in  Sibirien  den 
Westmächten  ihre  Anerkennung  als  kriegführende  Macht  abzuringen.  Sie 
entschied  damit  den  Untergang  der  Habsburgermonarchie. 

Im  Jahre  1888  schrieb  Friedrich  Engels,  die  Sprengung  Österreichs  wäre 
unheilvoll  gewesen  ,,vor  dem  b(=vorstehenden  Sieg  der  Revolution  in  Ruß- 
land, nach  welchem  sie  überflüssig  wird,  weil  das  dann  überflüssig 
gemachte  Österreich  von  selbst  zerfallen  muß".  Dieses  Vonselbstzerfallen 
—  wir  haben  es  im  Oktober  und  November  1918  erlebt  in  der  Bildung  der 
Nationalstaaten  im  Hinterland,  in  der  Selbstauflösung  der  kaiserlichen 
Armee  in  der  venezianischen  Ebene. 

Der  Sieg  der  russischen  Revolution  hat  die  nationale  Revolution  der 
Tschechen,  Polen  und  Jugoslawen  bis  zum  Kampf  um  die  volle  staatliche 
Selbständigkeit,  um  die  vollständige  Auflösung  der  Habsburgermonarchie 
vorwärtsgetrieben.  Die  Niederlage  des  deutschen  Kaisertums  hat  dieser 
Revolution  den  Sieg  gesichert.  Solange  das  Deutsche  Reich  aufrecht  stand,, 
konnte  Österreich  nicht  zerfallen;  die  deutsche  Macht  verbürgte  Österreichs 
Bestand,  weil  sich  Deutschland  mittels  der  Deutschösterreicher  und  der 
Magyaren  die  slawischen  und  romanischen  Völker  der  Monarchie  in. 
seiner  Botmäßigkeit  erhielt.  Solange  das  Deutsche  Reich  aufrecht  stand,, 
konnten  selbst  die  slawischen  Völker  den  Zerfall  der  Monarchie  nicht 
wünschen;  mußten  doch  Tschechen  und  Slowenen  fürchten,  daß  das. 
Deutsche  Reich  bis  zur  Adria  vordringen,  sich  die  alten  deutschen  Bundes- 
länder einverleiben  werde,  wenn  Österreich  zerfällt.  Erst  als  gewaltige 
Übermacht  die  Kraft  des  deutschen    Heeres    an    der  West.front    zerbrach, 

—    111    — 


konnte  die  Revolution  der  Tschechen,  Südslawen  und  Polen  vollständ'gen 
Sieg  erkämpfen. 

So  setzte  die  nationale  Revolution  der  drei  slawischen  Völker  den  Sieg 
der  Westniächte  voraus.  In  den  ersten  dreieinhalb  Jahren  des  Krieges  hatten 
sich  die  Westmächte  keineswegs  die  Zerschlagung  der  Habsburger- 
nionarchie  zum  Ziel  gesetzt.  Erst  nachdem  die  Verhandlungen  mit  Öster- 
reich-Ungarn über  einen  Sonderfrieden  im  Jahre  1917  ergebnislos  geblieben 
v/aren;  erst  nachdem  das  Friedensdiktat  der  Mittelmächte  in  Brest-Litowsk 
und  in  Bukarest  und  Czernins  Angriff  auf  Clömenceau  am  2.  April  1918  die 
Wiederaufnahme  solcher  Verhandlungen  unmöglich  gemacht  hatten;  erst 
nachdem  die  tschechischen  Legionen  an  einer  für  die  Westmächte  lebens- 
wichtigen Stelle  die  „Ostfront  wiederherstellten",  erst  dann  gelang  es  der 
revolutionären  Emigration,  die  Westmächte  für  die  völlige  Auflösung  der 
Donaumonarchie  zu  gewinnen.  Jetzt  erst  wurde  das  Ziel  der  bürgerlichen 
Revolution  der  Tschechen.  Polen  und  Südslawen  zu  einem  Kampfziel  jener 
ungleich  größeren  allgemeinen  bürgerlichen  Revolution,  zu  der  der  Krieg 
der  Westmächte  gegen  die  Mittelmächte  geworden  war. 

Die  Deutschösterreicher  und  die  Magyaren  waren  nicht  die  Träger  dieser 
Revolution,  sondern  ihre  Opfer.  Als  sich  in  der  Stunde  des  Sieges  der  West- 
mächte die  anderen  Nationen  von  der  Habsburgermonarchie  losrissen, 
blieben  Deutsche  und  Magyaren  zurück.  Der  Staat,  in  dem  sie  bisher  die 
führende  Stellung  gehabt,  löste  sich  auf.  Die  Grundlagen  ihres  wirtschaft- 
lichen Lebens  waren  zerstört.  Großen  Teilen  beider  Völker  drohte  die 
Unterwerfung  unter  Fremdherrschaft.  Nun  erst  griff  die  Revolution  auch 
auf  Deutschösterreich  und  Ungarn  über.  Die  Revolution  der  Deutsch- 
österreicher und  der  Magyaren  begann  erst,  als  der  vollständige  Sieg  der 
Revolution  der  Tschechen,  Polen  und  Jugoslawen  bereits  unmittelbar  bevor- 
stand, bereits  unabwendbar  geworden  war.  Aus  der  nationalen  Revolution 
rings  um  sie  hervorgegangen,  setzte  sich  auch  die  Revolution  der  Deutsch- 
österreicher und  der  Magyaren  zunächst  nationale  Ziele.  Da  die  bisherigen 
Formen  ihres  staatlichen  Lebens  von  der  bürgerlichen  Revolution  rings  um 
sie  zerschlagen  wurden,  griffen  die  beiden  Nationen  zunächst  auf  die  Ideen 
ihrer  bürgerlichen  Revolution,  der  Revolution  von  1848,  zurück.  Die 
Magyaren  suchten  sich  aus  dem  Zusammenbruch  der  Habsburger- 
monarchie zu  retten,  indem  sie  ihre  Unabhängigkeit  proklamierten.  Die 
Deutschösterreicher,  an  der  Möglichkeit  verzweifelnd,  als  ein  bloßer  Rest 
des  alten  großen  Österreich  ein  wirtschaftlich  erträgliches,  national  selb- 
ständiges Leben  führen  zu  können,  proklamierten  den  Anschluß  an 
Deutschland. 

Aber  begann  auch  die  Revolution  der  Deutschösterreicher  und  der 
Magyaren  als  nationale  Revolution,  so  erlangte  sie  doch  ganz  anderen 
sozialen  Inhalt  als  die  nationalen  Revolutionen  der  Tschechen,  der  Polen, 
der  Jugoslawen. 

In  der  Tschechoslowakei,  in  Jugoslawien,  in  Polen  hatten  Bourgeoisie 
und  Proletariat  gemeinsam  um  die  nationale  Befreiung  gekämpft.  Der  ge- 
meinsam errungene  Sieg  ordnete  das  Proletariat  vorerst  vollständig  der 
nationalen  Idee  der  nationalen  Bourgeoisie  unter.  Im  Triumph  des  er- 
rungenen nationa'en  Sieges  fand  das  Proletariat  in.  den  Revolutions- 
monaten  volle   Befriedigung  in   der  Aufrichtung,   im  Ausbau,   in  der   Be- 

—    112    — 


iestigung  des  nationalen  Gemeinwesens.  Es  drängte  über  die  Scliranken 
einer  bürgerlichen,  nationalen  Revolution  nicht  hinaus.  Ganz  anders  war 
es  in  Deutschösierreich  und  in  Ungarn.  Die  deutschösterreichische 
Bourgeoisie  und  die  magyarische  lierrenklasse  hatten  im  Kriege  nicht  für 
die  nationale  Befreiung,  sondern  für  die  Aufrechterhaltung  ihrer  Herr- 
schaft über  die  anderen  Nationen  gekämpft.  Die  nationale  Revolution,  die 
die  Habsburgermonarchie  sprengte,  war  hier  nicht  der  endliche  Sieg, 
■sondern  die  endgültige  Niederlage  der  nationalen  Idee  der  Bourgeoisie.  Mit 
Habsburg  und  HohenzoUern  war  hier  auch  die  Bourgeoisie  besiegt.  Ihre 
Autorität  war  zusammengebrochen.  Ihre  Herrschaftsmittel  waren  mit  der 
Auflösung  der  kaiserlichen  Armee  zerstört.  Die  Volksmassen  erhoben  sich 
gegen  sie.  Die  Waffengewalt  fiel  in  Wien  und  .m  Budapest  in  die  Hände 
des  Proletariats.  Hier  drängte  die  Revolution  üb^ir  den  nationalen  Rahmen 
zur  sozialen,  zur  proletarischen  Revolution  hinaus. 

Das  alte  große  Reich,  das  alte  große  Wirtschaftsgebiet  ist  nicht  durcli 
die  soziale  Revolution  des  deutschüsterreichiscl>en  und  dos  magyarischen 
Proletariats  zerschlagen  worden,  sondern  durch/ die  nationale  Revolution 
der  tschechischen,  der  polnischen,  der  jugoslawischen  Bourgeoisie.  Solange 
das  Reich  lebensfähig  war,  hat  das  deutschöster.veichische  Proletariat  nicht 
gegen  den  Bestand  des  Reiches  gekämpft,  sondern  für  seine  Umbildung 
zu  einem  Bundesstaat  freier  Völker  —  für  die  einz-ige  Lösung  des  öster- 
reichisch-ungarischen Reichsproblems,  die,  wenn  überhaupt  eine,  den  Be- 
stand des  Reiches  hätte  retten  können.  Erst  als  die  slawitjchen  Nationen 
vom  Reiche  abfielen,  erst  als  der  Zusammenbruch  dys  Reiches  schon 
unabwendbar  geworden  war  und  unmittelbar  bevorstand,  erhob  sich  in 
Deutschösterreich  und  in  Ungarn  das  Proletariat.  Nicht  durch  die  prole- 
tarische Revolution  ist  das  Reich  aufgelöst,  sondern  durch  die  Auflösung 
des  Reiches  ist  die  proletarische  Revolution  geweckt  und  entfesselt  worden. 
{\.bev  gerade  weil  die  proletarische  Revolution  in  Deutschüsterreich  und  in 
Ungarn  erst  durch  den  Sieg  der  nationalen  Revolution  der  slawischen 
Völker,  die  das  Reich  sprengte,  ausgelöst  und  entfesselt  worden  ist,  blieb'jn 
in  ihrem  weiteren  Verlauf  das  nationale  und  das  soziale  Problem  der 
Revolution  eng  miteinander  verknüpft. 

Deutschösterreich  ist  kein  organisch  gewachsenes  Gebilde.  Es  ist  nichts 
als  der  Rest,  der  von  dem  alten  Reich  übriggeblieben  ist,  als  die  anderen 
Nationen  von  ihm  abfielen.  Es  blieb  zurück  als  ein  loses  Bündel  aus- 
einander strebender  Länder,  deren  politisches  Zusammengehörigkeitsgefühl 
und  deren  ökonomische  Existenzgrundlagen  durch  den  Zerfall  des  alten 
Reiches  und  des  alten  Wirtschaftsgebietes  zerstört  worden  waren.  Die 
Deutschösterreicher  waren  im  alten  Reich  das  politisch  herrschende  und 
das  wirtschaftlich  führende  Volk  gewesen:  Wien  war  nicht  nur  der  Sitz 
der  Reichsbürokratie,  sondern  auch  das  Zentrum  des  Bankwesens  und  des 
Handels  im  alten  Reiche,  die  Deutschen  hatten  dem  alten  Reiche  nicht 
nur  seine  Offiziere  und  Beamten,  sondern  auch  seine  Industrieorganisatoren 
und  Kaufleute  gestellt.  Die  Auflösung  des  alten  Reiches  mußte  daher  einen 
großen  Teil  des  deutschösterreichischen  Volkes  seiner  Funktion  und  damit 
auch  der  wirtschaftlichen  Grundlagen  seines  Lebens  berauben.  Deutsch- 
Österreich  war  das  Industriegebiet  des  großen,  überwiegend  agrarischen 
' Wirtschaftsgebietes  der  Habsburgermonarchie  gewesen:  seine  Industrie  war 

i  _   ii3    _  * 


auf  die  Rohstoffquellen  und  auf  die  Absatzgebiete,  die  Ernährung  soinos 
Induslrievolkes  auf   die    Landwirtschaft   und    die    Viehzuclit    der    anderen 
Länder    der    Monarchie    gegründet    gewesen.     Die   Auflösung    des    alten 
Reiches    mußte    daher    die    deutschösterreichische    Industrie    schwer    er- 
schüttern  und  die   Ernährung  des  deutschöslerreichischen  Industrievolkes 
empfindlich  erschweren.  Dal^  dieser  Rest  der  alten  Monarchie,  durch  eine 
gewaltsame   Operation   aus  ihrem   Wirtschaftskörper   herausgerissen,   selb- 
ständig ein  erträgliches  Leben  zu  führen  imstande  sein  werde,  hat  in  der 
Zeit  der  Revolution  niemand  geglaubt.     Das  Altösterreichertum  hatte  es  in 
letzter  Stunde  noch  versucht,  die  Verknüpfung  der  Nationen  der  Donau- 
monarchie in  neuer  Form  zu  retten;  das  war  der  Versuch  der  Regierung 
Lammasch.    Er  mußte  scheitern,  nachdem  die  Revolution  in  Rußland  und 
die  Niederlage  Deutschlands  den  Befreiungskampf  der  slawischen  Nationen 
zum  Kampf  um  die  volle,  uneingeschränkte  Souveränität  gesteigert  hatten. 
So  suchte  denn  Deutschösterreich  die  neue  Form  seines  staatlichen  Lebens^ 
in  'der  Heimkehr  zur  Mutternation,  im  Anschluß  an   Deutschland.     Aber 
damit    mußte    es    in    Widerstreit    gegen    den    gerade    in    dieser    Stunde 
triumphierenden     französischen     Imperialismus     geraten.     Selbständigkeit, 
Donauföderation  oder  Anschluß  —  das  war  das  Problem.  In  welcher  völker- 
rechtlichen    oder     staatsrechtlichen    Verbindung     kann    Deutschösterreich, 
nachdem  die  alten  Formen  seiner  Existenz  durch  die  nationale  Revolution 
der  slawischen  Völker  zerstört  waren,   neue  Grundlagen   staatlichen   und 
wirtschaftlichen  Lebens  finden?     Das    war    das    nationale  Problem    der 
deutschösterreichischen   Revolution. 

Mit  diesem  nationalen  Problem  war  aber  das  soziale  Problem  der  Revo- 
lution eng  verknüpft.  Nach  dem  vollständigen  Zusammenbruch  des  politi- 
schen   und   ökonomischen   Herrschaftssystems    der    deutschösterreichischen 
Bourgeoisie  mußte  die  Führung  des  deutschösterreichischen  Volkes  in  die 
Hände  des  Proletariats  fallen.     Die  nationale  Revolution  mußte  hier  zur 
proletarischen  Revolution  werden.  Aber  die  proletarische  Revolution  setzte 
hier  ein  in  einem  Augenblick,  in  dem  rings  um  uns  eine  bürgerliche  Revo- 
lution die  Dynastien  und  Aristokratien  nur  stürzte,  um  dir  Bourgeoisie  in 
die  Macht  zu  setzen.  Der  Sieg  der  Entente  war  eine  bürgerliche  Revoluticn: 
sie  brach   die   Vormachtstellung   der  Hohenzollern    und    der    preußischen 
Junker  in  Europa;  sie  setzte  an  ihre  Stelle  die  unbeschränkte  Herrschaft 
der  westeuropäischen  Bourgeoisie  über  ganz  West-  und  Mitteleuropa.  Der 
Sieg  der  Tschechen,  der  Polen,  der  Jugoslawen   war  eine  bürgerliche  Revo- 
lution;  sie   brach   die   Macht  der  Habsburger,   der  deutschösterreichischen 
Bürokratie,  der  magyarischen  Gentry;  sie  setzte  an  ihre  Stelle  die  Herr- 
schaft der  in  den  neuen  Nationalstaaten  organisierten  tschechischen,  polni- 
schen und  jugoslawischen  Bourgeoisie,  denen  die  triumphierende  nationale 
Idee  das  Proletariat  in  Gefolgschaft  erhielt.  Aber  in  demselben  Augenblick 
in  dem  sich  die  westeuropäische  Bourgeoisie  ganz  Mitteleuropa  unterwarf 
und  unter  ihrem  Schutze  die  slawischen  Bourgeoisien  ihre  Herrschaft  auf 
dem  Boden  der  alten  Habsburgermonarchie  aufrichteten,  brach  die  Autorität 
der  Bourgeoisie  in  Deutschösterreich  und   in   Ungarn   zusammen,     .n  der 
Stunde  des   größten  internationalen  Sieges  der   Bourgeoisie   erhob  sich   in 
Deutschösterreich  und  in  Ungarn  das  Proletariat.  Die  proletarische  Revo- 
lution in  Deutschösterreich  und  in  Ungarn  mußte  in  Gegensatz  gegen  die 


—    114    — 


bürgerliche  Revolution  rings  um  uns  geraten.  Eine  proletarische  Revolution 
in  Deutschesterreich  und  in  Ungarn  im  Schöße  der  sich  rings  um  uns  voll- 
ziehenden bürgerlichen  Revolution  —  das  war  das  Problem.  Kann  das 
deutschösterreichische  Proletariat  die  Macht  in  Deutschösterreich  erobern 
und  behaupten,  obwohl  Deutschösterreich  selbst  völlig  der  militärischen 
und  ökonomischen  Macht  der  triumphierenden  Bourgeoisien  der  West- 
mächte preisgegeben  ist,  obwohl  es  von  den  von  der  Bourgeoisie  der  West- 
mächte begründeten  und  ihr  darum  dienstbaren,  sich  eben  konstituierenden 
slawischen  Nationalstaaten,  in  denen  die  Revolution  nirgends  über  den 
Rahmen  einer  bürgerlichen  Revolution  hinausgreift,  umgeben  ist?  Das  war 
das  soziale  Problem  der  deutschösterreichischen  Revolution. 

Die  Entwicklung  dieses  , nationalen  und  dieses  sozialen  Problems,  der 
Kampf  um  ihre  Lösung  —  das  ist  die  Geschichte  der  deutschösterreichischen 
Revolution,  deren  Darstellung  wir  uns  nun  zuwenden. 


^     115     -  »3 


D  r  1  t  t  e  r    A  b  s  c  h  n  i  t  t. 

Die  Vorherrschaft  der  Arbeiterklasse. 

§  9.  Revolutionäre  und  konterrevolutionäre  Kräfte. 

Literatni: 

Anbaufläche  und  Ernteergebnisse  in  der  Republik  Österreich  im  Jahre  lOlS. 
Herausgegeben  vom  Staatsamt  für  Land-  und  Forstwirtschaft.  Wien  1919.  —  Der 
Bedarf  Deutschösterreichs  an  wichligeren  Nahrungs-  und  Futtermitteln.  Heraus- 
gegeben vom  Staatsamt  für  Yolksernährung.  "Wien  1919.  —  Bericht  der  Nieder- 
österreichischen Handels-  und  Gewerbekammer  über  die  Jahre  1914  bis  1918.  Wien 
1920.  —  Bericiitc  der  Staatsregierung  in  der  Sitzung  der  Provisorischen  National- 
versammlung a.ni  4.  Dezember  1918.  —  Bericht  der  Gewerbeinspektoren  über  ihre- 
Amtstätigkeit  im  Jahre  1919.  Wien  1920.  —  Böhm,  Die  sanitäre  Lage  der  Stadt 
Wien.  „Statistische  Monatsschrift'",  1920. 

Szende,  Die  Krise  der  mitteleuropäischen  Revolution.  Tübingen  1921.  — 
Braunthal,  Die  Arbeiterräte  in  Deutschösterreich.  Wien  1919.  —  Täubler,  Wesen 
und  Mission  der  Räte.  ,,Der  Kampf",  1919.  —  Diskussion  über  die  Aibeiterräte 
auf  dem  sozialdemokratischen  Parteitag  1919. 

Stenographisches  Protokoll  der  Vereinigten  Kommission  für  Kriegswirtschaft. 
Wien  1917.  —  Mises,  Die  politischen  Beziehungen  Wiens  zu  den  Ländern. 
Wien  1920. 

Die  Wahlen  für  die  Konstituierende  Nationalversammlung.  ,, Beiträge  zur 
Statistik  der  Republik  Österreich."  2.  Heft.  Wien  1919.  —  Kelsen,  Die  Verfassung 
der  Republik  Deutschösterreich.  3.  Teil.  Wien  1919.  —  Bauer,  Referat  über  die 
Koalition  auf  dem  sozialdemokratischen  Parteitag  1920. 

Habsb'urg  und  Hohenzollern  M'aren  auf  den  Schlachtfeldern  den  Heeren 
der  Westmächte,  im  Hinterland  der  Revolution  erlegen.  Als  Niederlage  und 
Revolution  die  Dynastien  hinweggefegt  hatten,  standen  die  beiden  Sieger 
einander  unvermittelt  gegenüber:  drüben  der  Imperialismus  der  West- 
mächte, hüben  die  mitteleuropäische  Revolution. 

Wie  sich  in  allen  bürgerlichen  Revolutionen  die  Bourgeoisie,  sobald  sie 
den  Feudalismus  und  den  Absolutismus  zertrümmert  hat,  gegen  das 
Proletariat  wendet,  das  sich  in  ihrem  Rücken  erhebt;  wie  die  Bourgeoisie, 
soeben  noch  revolutionär  gegen  die  alten  Gewalten,  am  Tage  nach  ihrem 
Siege  konterrevolutionär  wird  gegen  das  Proletariat,  so  wendete  sich  auch 
die  triumphierende  Bourgeoisie  der  Westmächte  am  Tage  nach  ihrem  Siege 
über  die  mitteleuropäischen  Dynastien  gegen  die  durch  diesen  Sieg  ent- 
fesselte mitteleuropäische  Revolution.  Revolutionär,  solange  sie  dem  Mittel- 
europa der  Habsburger  und  Hohenzollern  gegenüberstand,  wurde  die  Bour- 
geoisdemokratie des  Westens  konterrevolutionär,  sobald  sie  die  proletarische 
Revolution  sich  gegenüber  sah. 

—   iis   — 


Noch  im  Kriege  gegen  Habsburg  und  Hohenzollern  waren  die  West- 
Riächte  zugleich  schon  in  den  Krieg  gegen  die  russische  Sofvjetrepublik 
geraten.  Nach  ihrem  Siege  über  Habsburg  und  Hohenzollern  setzten  sie  sich 
den  Krieg  gegen  den  Bolschewismus  sofort  zu  ihrer  wichtigsten  Aufgabe. 
Die  Expansion  der  proletarischen  Revolution  über  Rußlands  Grenzen 
hinaus  zu  verhindern;  die  mitteleuropäische  Revolution  nicht  den  Rahmen 
einer  bürgerlichen  Revolution  sprengen,  sie  nicht  über  die  Aufrichtung 
bürgerlicher  Demokratien  hinaus  fortstürmen  zu  lassen,  wurde  zu  dem 
beherrschenden  Ziel  ihrer  Politik  in  dem  Augenblick,  in  dem  der  Sieg  ihrer 
Y^affen  ihnen  Mitteleuropa  unterwarf. 

Der  Waffenstillstand  von  Villa  Giusti  hatte  die  Blockade  der  Entente 
über  Österreich  aufrechterhalten.  Die  deutschösterreichische  Regierung 
hatte  sich  sofort  nach  dem  Waffenstillstand  an  Wilson  mit  der  Bitte  ge- 
wendet, dem  ausgehungerten  Lande  die  Einfuhr  ausländischer  Nahrungs- 
mittel zu  ermöglichen.  Am  24.  November  ging  uns  Wilsons  Aniwort  zu. 
Sie  versprach  Zufuhr  von  Lebensmitteln;  aber  sie  versprach  sie  nur  unter 
einer  Bedingung:  daß  „Ruhe  und  Ordnung"  aufrechterhalten  werden. 
Wilsons  Note  vom  18.  Oktober  hatte  die  nationale  Revolution  entfesseU. 
Wilsons  Note  vom  24.  November  forderte  den  Abschluß  der  sozialen 
Revolution.  Die  Westmächte  traten  nun.  als  Beschützer  der  bürgerlichen 
Ruhe,  der  bourgeoisen  Ordnung  der  proletarischen  Revolution  in  Deutscli- 
österreich  entgegen. 

Die  Selbstauflösung  des  kaiserlichen  Heeres  hatte  das  deutschöster- 
reichische Proletariat  entfesselt.  Die  Armee,  deren  Bajonette  das  Prole- 
tariat niedergehalten,  die  bourgeoise  Ordnung  beschützt  hatten,  existierte 
nicht  mehr.  Was  es  an  organisierter  bewaffneter  Macht  im  Lande  noch 
gab,  war  nicht  in  den  Händen  der  Bourgeoisie,  sondern  in  den  Händen  des 
Proletariats.  Das  Proletariat  fühlte  sich  allmächtig  gegen  die  Bourgeoisie. 
Aber  die  Selbstauflösung  des  kaiserlichen  Heeres  hatte  Deutschösterreich 
zugleich  völlig  wehrlos  gemacht  gegen  die  Mächte,  die  der  Sieg  auf  den 
Schlachtfeldern  zu  Herren  Mitteleuropas  machte.  Während  sich  da& 
deutschösterreichische  Proletariat  allmächtig  fühlte  gegen  die  heimische 
Bourgeoisie,  stand  es  ohnmächtig  der  Bourgeoisie  der  Westmächte  gegen- 
über, die  nun  als  Beschützerin  der  bourgeoisen  Ordnung  in  Deutschöster- 
reich auftrat. 

Das  große  österreichisch-ungarische  Wirtschaftsgebiet  war  aufgelöst. 
Es  ward  aufgelöst  in  einer  Zeit  der  furchtbarsten  Not.  Nach  vierjährigem 
Kriege,  vierjähriger  Blockade  herrschte  in  all  den  jungen  Nationalstaaten 
empfindlicher  Mangel  an  Nahrungsmitteln,  an  Kleidung,  Schuhwerk  und 
Wäsche,  an  Kohle  und  Rohstoffen.  Jeder  Staat  suchte  sich  zu  erhalten, 
was  in  seinem  Machtbereich  war.  Schon  in  den  Tagen  ihrer  Entstehung 
sperrten  sich  alle  die  neuen  Staaten  gegeneinander  ab,  verboten  sie  jede 
Ausfuhr.  Deutschösterreich  war  nicht  nur  von  der  Entente,  es  v/ar  auch 
von  den  neuen  Staaten  blockiert.  Von  Deutschböhmen  uiid  dem  Sudeten- 
land sperrte  uns  das  tschechische  Gebiet  ab;  Innerösterreich  —  Wien 
und  die  Alpenländer  —  war  ganz  auf  sich  selbst  gestellt. 

.  Innerösterreich  hat  keine  Kohle.  Unser  monatlicher  Kohlenbedarf 
betrug  1,150.000  Tonnen.  Aber  nur  155.000  Tonnen  zumeist  minderwertiger 
Kohle  konnte  der  heuTiische  Bergbau  liefern.  Wir  hatten  die  Kohle  immer 

—     117     — 


nus  dem  Osirau-Karwincr  Revier,  aus  Obcrschlcsien  und  aus  Nordwest- 
böhmen beaogen;  jetzt  sperrte  uns  die  tschechisciio  Regierung  jede  Zufuhr. 
Entsetzliche  Kohlennot  brach  herein.  Ungeheure  Anstrengungen  waren 
notwendig,  um  auch  nur  einen  kleinen  Teil  uriseres  Kohlenbedarfs  zu 
decken;  am  4..  Dezember  1918  berichtete  ich  der  Provisorischen  National- 
versammlung, daß  wir  fünf  diplomatische  Vorhandlungen  mit  der 
tschechischen  Regierung  führen  mußten,  um  das  Passieren  eines  einzigen 
Kohlenzuges  durch  tschechisches  Gebiet  durchzusetzen.  Schließlich  konnte 
unsere  Kohlenvcrsorgung  nur  dadurch  sich.ergestellt  werden,  daß  eine 
interalliierte  Kommission  die  Verteilung  der  schlesischen  Kohle  und  die 
Regulierung  der  Kohlentransporte  übernahm.  Auch  sie  konnte  uns  keine 
hinreichende  Versorgung  sichern.  iJnser  Eisenbahnverkehr  mußte  furchtbar 
gedrosselt,  der  Personenverkehr  auf  den  Eisenbahnen  immer  wieder 
wochenlang  ganz  eingestellt,  der  Frachtenverkehr  auf  die  Nahrungs- 
mitteltransporte beschränkt  werden.  In  Wien  mußte  der  Verkehr  der 
Straßenbahn  wiederholt,  insgesamt  durch  vierzehn  Tage  in  einem  Jahre, 
stillgelegt  werden,  weil  das  Elektrizitätswerk  nicht  mit  Kohle  versorgt 
werden  konnte.  In  kleineren  Orten  mußten  auch  die  Gaswerke  stillgelegt 
werden.  Die  Fabriken  mußten  die  Produktion  immer  wieder  unterbrechen, 
^veil  die  Elektrizitätsw^erke  ihnen  den  elektrischen  Strom  nicht  mehr 
liefern  konnten  und  weil  die  Kohle  zur  Heizung  der  Dampfkessel  nicht  zu 
beschaffen  war.  In  Obersteiermark  mußten  alle  Hochöfen  bis  auf  einen, 
von  den  14  Martinöfen  alle  bis  auf  drei  ausgelöscht  werden.  Hausbrand- 
kohle konnte  nicht  mehr  ausgegeben  werden.  Die  frierenden  Menschen 
fingen  in  die  Wälder,  schlugen,  um  alle  Eigentumsrechte  unbekümmert,  die 
Bäume  und  schleppten  das  Holz  nach  Hause.  Aber  selbst  diese  entsetzlich 
■dürftige  Kohlenversorgung  konnte  nur  mit  Hilfe  der  interalliierten 
Kommission  aulrechterhalten  werden;  hätte  sie  uns  ihre  Hilfe  entzogen, 
daim  hätten  der  Eisenbahnverkehr  und  die  industrielle  Produktion  voll- 
ständig eingestellt  werden  müssen.  So  warf  uns  die  Kohlennot  in  die 
•drückendste   Abhängigkeit   von   den   Siegermächten. 

Ebenso  schlimm  stand  es  mit  unserer  Lebensmittelversorgung.  Das 
innerösterreichische  Gebiet  war  immer  mit  ungarischem  Getreide,  mit 
böhmischen  und  galizischen  Kartoffeln,  mit  ungarischem  Vieh,  mit  böhmi- 
schem Zucker  ernährt  worden;  nach  vierjährigem  Krieg  war  es  weniger 
denn  je  imstande,  sich  selbst  zu  ernähren.  Unseren  Viehstand  hatte  der  Krieg 
zerstört;  die  viehreichen  Alpenländer  waren  ja  der  Etappenraum,  das  Re- 
quirierungsgebiet  der  Südarmee  gewesen.  Infolge  des  Mangels  an  Dünge- 
mitteln und  an  Arbeitskräften  war  unsere  landwirtschaftliche  Produktion 
weit  zurückgeworfen.  Die  Anbaufläche  war  gesunken,  die  Brache  von 
65.000  Hektar  auf  295.000  Hektar  ausgedehnt,  der  durchschnittliche  Hektar- 
ertrag von  1913  bis  1918  von  14-7  auf  8-7  Zentner  Weizen,  von  148  auf 
S-6  Zentner  Roggen,  von  936  auf  50-3  Zentner  Kartoffeln,  von  37-6  auf 
22-5  Zentner  Heu  und  Grumt  gesunken.  Die  Ernte  von  1918  gab  in 
WeizcH  nur  48  Prozent,  in  Roggen  45  Prozent,  in  Kartoffeln  39  Prozent  der 
Mengen  von  1913.  Unsere  heimische  Produktion  konnte  bestenfalls,  bei  An- 
nahme der  niedrigsten  Rationen  und  bei  denkbar  vollständigstem  Gelingen 
der  Aufbringv.ng,  ein  Viertel  unseres  Mehlbedarfes,  ein  Fünftel  unseres 
Bedarfs  an  Kartoffeln,  ein  Drittel  unseres  Fleischbedarfs,  ein  Zwanzigstel 

—    llfi    — 


unseres  Bedarfs  an  Speisefett,  ein  Vierzehnte!  unseres  Zuclierb'edarfg 
decl^en.  In  den  ersten  Wochen  nach  dem  Umsturz  lebten  wir  von  den 
Beständen  der  Militärverpflegsmagazine  und  von  Zuschüben,  die  das 
Deutsche  Reich  uns  trotz  eigener  Not  schiclite;  aber  mit  alledem  war  unser 
Bedarf  nur  für  wenige  Wochen  gedeckt.  Unseren  Anstrengungen  gelang  es 
schließlich,  die  Hilfe  der  Sieger  zu  erlangen.  Herbert  Hoover,  der  ameri- 
kanische Food  Controller,  organisierte  eine  regelmäßige  Lebensmittelzufuhr 
nach  Deutschösterreich.  Auch  diese  Versorgung  war  sehr  dürftig.  Die 
Rationen  blieben  weit  unter  dem  physiologischen  Existenzminimum.  Die 
Unterernährung  drückte  die  Arbeitsintensität.  Die  Unterernährung  hielt  die 
Sterblichkeit  hoch  über  dem  Friedensniveau.  Von  186.000  Wiener  Schul- 
kindern, deren  Ernährungszustand  ärztlich  überprüft  wurde,  wurden 
96.000  als  sehr  unterernährt,  63.000  als  unterernährt,  19.000  als  minder 
unterernährt,  nur  6732  als  nicht  unterernährt  klassifiziert.  Und  selbst  diese 
dürftige  Versorgung  beruhte  beinahe  ausschließlich  auf  den  Zuschüben 
Hoovers.  Vorräte  gab  es  keine  mehr.  Was  heute  zugeschoben  wurde,  mußte 
morgen  gegessen  werden.  Hätte  Hoover  seine  Lebensmittelzüge  nur  wenige 
Tage  eingestellt,  so  hätten  wir  kein  Brot,  kein  Kochmehl  mehr  gehabt.  So 
waren   wir  ganz  in  Hoovers  Händen. 

Und  wie  die  wirtschaftliche  Not  lieferte  uns  auch  die  militärische 
Ohnmacht  völlig  der  Entente  aus.  Der  Waffenstillstandsvertrag  gab  den 
alliierten  Mächten  das  Recht,  unsere  Städte  und  unsere  Eisenbahnlinien 
zu  besetzen.  Tirol  und  ein  Teil  Kärntens  wurden  von  italienischen  Truppen 
besetzt.  In  Wien  residierte  eine  interalliierte  Waffenstillstandskommission, 
an  deren  Spitze  der  italienische  General  Segre  stand.  Die  deutsch- 
österreichische Bourgeoisie,  zitternd  vor  dem  Proletariat,  bestürmte  seit  den 
ersten  Revolutionstagen  den  italienischen  General,  mit  italienischen 
Truppen  Wien  zu  besetzen;  die  Furcht  vor  der  Arbeiterklasse  hatte  ihren 
Haß  gegen  den  „Erbfeind"  ausgetilgt.  In  den  ersten  Monaten  nach  dem 
Waffenstillstand  verging  kaum  eine  Woche,  in  der  uns  der  General  Segre 
nicht  ein  Ultimatum  stellte;  bald  mit  der  Einstellung  der  Kohlen-  und  der 
Lebensmittelzufuhr,  bald  mit  dem  Einmarsch  italienischer  Truppen 
drohend,  erpreßte  er  bald  die  Auslieferung  von  Kriegsgerät,  von  Eisenbahn- 
material, von  Gemälden,  bald  Geldzahlungen  als  Sühne  für  die  Beleidigung 
eines  italienischen  Kuriers  auf  einer  stcirischen  oder  eines  in  italienische 
Uniform  gekleideten  tschechischen  Legionärs  auf  einer  Tiroler  Eisenbahn- 
station. So  drohte  uns  immer  wieder  die  Besetzung  durch  fremde  Truppen; 
wir  wußten;  daß  sie  die  Niederwerfung  des  Proletariats  unter  dem  Schutz 
der  fremden  Bajonette  bedeutet  hätte. 

Diese  Gefahr  wurde  noch  größer,  als  wir  m  Konflikt  mit  der  Tschecho- 
slowakei und  mit  Jugoslawien  gerieten.  Als  im  Norden  die  Tschechen,. 
sobald  ihre  Legionen,  die  im  Verband  der  italienischen  Armee  gekämpft 
hatten,  nach  Böhmen  gebracht  worden  waren,  zum  Angriff  auf  das 
Sudetenland  und  auf  Deutschböhmen  übergingen,  als  im  Süden  die 
Kämpfe  zwischen  den  Kärntner  Heimatwehren  und  den  slowenischen 
Truppen  begannen,  wurde  die  Gefahr  eines  militärischen  Konflikts  mit 
unseren  Nachbarstaaten  sehr  ernst.  Der  Waffenstillstand  hatte  die  Zahl 
der  Soldaten,  die  wir  unter  den  Fahnen  halten  durften,  sehr  eng  begrenzt. 
Zu  einem  Massenaufgebot  hätten  wir,  wenn  die  Tschechen  gegen  Wien  vor- 

—    119    — 


•gestoßen  wären,  keine  Zeit  gehabt;  denn  Wien  liegt  einen"  Tagmarsch 
von  der  tschechischen  Grenze.  Zudem  dm-ften  wir  den  Kampfwert  unserer 
Volkswehr  nicht  überschätzen;  die  Autorität  des  kaiserliclien  üftiziers- 
korps  war  zusammengebrochen,  ein  republikanisches,  gar  ein  proletarisches 
Ülfizierskorps  hatten  wir  noch  nicht. erziehen  können.  Gefiel  es  der  Entente, 
den  Tschechen  einen  Angriff  auf  Wien  zu  erlauben,  so  geriet  unsere  Haupt- 
stadt, geriet  die  entscheidende  Machtstellung  der  deutschösterreichischen 
Arbeiterklasse  in  die  schwerste  Gefahr. 

Der  Entcntcimperialismus  stellte  sich  der  proletarischen  Revolution  in 
Deutschösterreich  entgegen.  Und  die  Entente  konnte  uns  die  Kohlen-  und 
die  Lebensmitlelzufuhr  sperren,  uns  der  Hungerkatastrophe  überantworten; 
sie  konnte  unser  Land  durch  ihre  Truppen  besetzen  lassen  oder  uns  dem 
Angriff  der  Nachbarstaaten  preisgeben.  Die  Macht  der  Sieger  setzte  so 
der  proletarischen  Revolution  in  Deutschösterreich  unverrückbare 
•Schranken.  ' 

In  schroffem  Widerspruch  zu  dieser  objektiven  Lage  der  proletarischen 
Revolution  standen  die  subjektiven  Illusionen,  die  die  Revolution  in 
-breiten  Schichten  des  Proletariats  geweckt  hatte. 

Der  Krieg  hatte  die  Struktur  und  die  Geistesverfassung  des  Proletariats 
wesentlich  verändert.  Er  hatte  die  Arbeiter  aus  Fabrik  und  Werkstatt 
herausgerissen.  Im  Schützengraben  litten  sie  Unsägliches.  Im  Schützen- 
graben füllten  sie  ihre  Seelen  mit  Haß  gegen  die  Drückeberger  und  Kriegs- 
gewinner, die  im  Hinterland  Gold  aus  der  Not  münzten,  während  sie  stünd- 
lich dem'  Tod  ins  Auge  sahen,  und  gegen  die  Generale  und  Offiziere,  die 
üppig  tafelten,  während  sie  hungerten.  Im  Schützengraben  lasen  sie  die 
Zeitungen,  die  den  Helden,  die  das  Vaterland  verteidigten,  die  dankbare 
Fürsorge  des  Vaterlands  verhießen.  Im  Schützengraben  lauschten  sie  den 
Erzählungen  der  Heimkehrer,  die  in  russischer  Gefangenschaft  die  erste 
Phase  der  bolschewikischen  Revolution,  die  !Phase  des  Bürgerkrieges,  des 
blutigen  Terrors  gegen  Offiziere,  Kapitalisten,  Bauern,  die  Phase  der  Ex- 
propriationen, der  Requisitionen,  der  Nationalisierung  miterlebt  hatten.  Die 
Jahre  im  Schützengraben  hatten  sie  der  Arbeit  entwöhnt,  sie  an  gewalttätige 
Requisitionen,  an  Raub  und  Diebstahl  gewöhnt.  Die  Jahre  im  Schützen- 
graben hatten  sie  mit  dem  Glauben  an  die  Gewalt  erfüllt.  Nun  kam  die 
Revolution,  kam  der  Tag  der  Heimkehr  Aber  in  der  Heimat  harrten  ihrer 
Hunger,  Kälte.  Arbeitslosigkeit.  Der  vier  Jahre  lang  angesammelte  Haß  und 
Groll  mußte  Ausdruck  suchen.  Jetzt  heischten  sie  die  Rache  an  all  denen, 
von  denen  sie  vier  Jahre  lang  mißhandelt  worden  waren.  Jetzt  forderten 
sie,  die  Revolution,  die  den  Kaiser  verjagt,  solle  alle  die  Großen,  die 
Reichen,  die  Schuldigen  stürzen.  Jetzt  wollten  sie  ihn  sehen,  den  ver- 
sprochenen Dank  des  Vaterlandes  an  seine  Helden.  Und  da  ihnen  als  Ant- 
wort nichts  wurde  als  Not  und  Elend,  glaubten  sie,  ein  paar  tausend  ent- 
schlossene Männer  mit  Gewehr  und  Patronen  müßten  imstande  sein,  der 
ruchlosen  Gesellschaftsordnung,  die  Krieg  und  Not  und^  Elend  über  sie  ge- 
bracht, mit  einem  gewaltigen  Schlag  ein  Ende  zu  machen. 

Vier  Jahre  lang  hatte  in  den  Betrieben  der  Kriegsindustrie  der  mili- 
tärische Betriebsleiter  kommandiert.  War  die  Arbeitsdisziplin  in  den  Be- 
trieben auf  die  militärische  Gewalt  gegründet  gewesen,  so  löste  sich  mit 
dem  Zusammenbruch  der  militärischen  Gewalt  die  Arbeitsdisziplin  auf.  Die 

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Industrie  geriet  in  chaotischen  Zustand.  Die  Kriegsbestellungen  hörten  mit 
einem  Schlage  auf;  der  Umstellung  auf  die  Friedensproduktion  standen  die 
Kohlennot,  der  Mangel  an  Rohstoffen,  die  Auflösung  der  Arbeitsdisziplin, 
die  Arbeitsunlust  einer  durch  den  Hunger  entkräfteten,  von  der  Über- 
arbeit der  Kriegszeit  erschöpften,  durch  das  Erlebnis  der  Revolution  im 
Innersten  aufgewühlten  Arbeiterschaft  entgegen.  Die  Betriebe  verwandelten 
sich  in  Diskussionsstätten.  Die  Industrie  vermochte  die  von  der  Front  heim- 
kehrenden, die  aus  den  Produktionsstätten  der  Munitionsindustrie  ab- 
strömenden Massen  nicht  aufzusaugen.  Die  Masse  der  Arbeitslosen  schwoll 
von  Monat  zu  Monat  an;  sie  erreichte  ihren  höchsten  Stand  im  Mai  1919. 
Damals  wurden  186.030  Arbeitslose  gezählt,  131.500  in  Wien  allein. 

In  den  Kasernen  der  Volkswehr  herrschte  wilde  Gärung.  Die  Volks- 
wehr fühlte  sich  als  die  Trägerin  der  Revolution,  als  die  Vorhut  des  Prole- 
tariats. In  den  Diskussionen  der  Soldatenräte  kämpii^n  Sozialdemokraten 
und  Kommunisterf  ihre  heftigsten  Kämpfe  aus.  Die  Hoffnung,  alsbald  mit. 
der""  Waffe  in  der  Hand  den  Sieg  des  Proletariats  entscheiden  zu  können, 
erfüllte  die  Wehrmänner.  Und  unter  die  wild  erregten  Heimkehrer,  unter 
die  verzweifelnden  Arbeitslosen,  unter  die  von  der  Romantik  der  Revolution 
erfüllten  Wehrmänner  mischten  sich  die  Invaliden  des  Krieges,  die  ihr  per- 
sönliches Schicksal  an  der  schuldigen  Gesellschaftsordnung  rächen 
wollten;  mischten  sich  krankhaft  erregte  Frauen,  deren  Männer  seit  Jahren 
in  Kriegsgefangenschaft  schmachteten;  mischten  sich  Intellektuelle  und 
Literaten  aller  Art,  die,  plötzlich  zum  Sozialismus  stoßend,  von  dem 
utopistischen  Radikalismus  der  Neophyten  erfüllt  waren;  mischten  sich 
die  aus  Rußland  heimgeschickten  Agitatoren  des  Bolschewismus.  Jedes 
Zeitungsblatt  brachte  Nachrichten  über  die  Kämpfe  Spartakus'  in  Deutsch- 
land. Jede  Rede  verkündete  die  Glorie  der  großen  russischen  Revolution, 
die  mit  einem  Schlage  alle  Ausbeutung  für  immer  aufgehoben  habe.  Die 
Masse,  die  soeben  die  einst  so  gewaltigen  Kaiserreiche  zusammenstürzen  ge-  ~ 
sehen  hatte,  ahnte  nichts  von  der  Stärke  des  Ententekapitalismus;  sie 
glaubte,  daß  die  Revolution  nun  in  einem  Fluge  auch  die  Siegerländer 
erfassen  werde.  ,, Diktatur  des  Proletariats!"  „Alle  Macht  den  Räten!"  So 
hallte  es  nun  auch  hier  durch  die  Straßen-. 

Die  Arbeiterräte  waren  in  Deutschösterreich  schon  aus  dem  Jänner- 
streik hervorgegangen.  Die  Revolution  dehnte  die  junge  Institution  schnell 
aus.  In  ihr  suchten  und  fanden  nun  das  erstarkte  Machtbewußtsein,  der 
geweckte  Betätigungsdrang  der  entfesselten  Massen  ihr  erstes  Betätigungs- 
f'^Vd.  Di&  wirtschaftliche  Not  gab  diesem  Betätigungsdrang  die  Richtung,, 
die  Organisation  der  Kriegswirtschaft  gab  ihm  reiche  Wirkungsmöglichkeit. 
Sie  sicherten  sich  die  Kontrolle  der  Tätigkeit  der  eingeschüchterten  Rezirks- 
hauptmannschaften.  Sie  bildeten  mit  .den  Soldatenräten  und  mit  den  sich 
bildenden  Bauernräten  zusammen  Gemeinde-,  Bezirks-  und  Landes- 
wirtschaftskommissionen. Sie  kontrollierten  die  Aufbringung  der  Ernte  und 
des  Viehs,  die  Anforderung  und  die  Zuweisung  der  Wohnungen.  Sie  organi- 
sierten die  Jagd  auf  die  Schleichhändler.  Sie  suchten  den  Preiswucher  zu 
terrorisieren.  Sie  verhinderten  die  Ausfuhr  von  Nahrungsmitteln  aus  ihrem 
Gebiet  in  andere  Bezirke  und  Länder.  In  der  Regel  wirkten  sie  mit  den 
gesetzlichen  Behörden  zusammen;  der  Form  nach  bedienten  sich  die 
Behörden   der  Arbeiterräte  als  ihrer  Kontrollorgane,   in   der   Sache  unter- 

—    121     — 


warfen  sicli  die  Behörden  dem  Diktat  der  Räte.  Zuweilen  al.er  Ringen  die 
Räte  aueh  ohne  die  Behörden  und  gegen  sie  selbständig  vor.  Es  ka^m  vor, 
daß  sie  selbständig  Requisitionen   anordneten   und   mit  Unterstützung  der 
Volkswehr   durehführlen.     daß    sie   Personen,    die   sich    gegen    die   Kriegs- 
wirtsehaftsvorsehriften     vergingen,     vorluden     und    mit    dem    Terror    des 
Proletariats  bedrohten.  Die  ganze  Bewegung  war  in  den  ersten  Monaten  der 
Revolution   elementar,  unorganisiert;  zwischen  den  Arbeiterräten  der  ein- 
zelnen Gebiete  bestand  noch  kein  Zusammenhang.  Die  größte  Ausdehnung 
erlangte  sie  in  Oberösterreich;  dort  wurden  die  Arbeiterräte  vor  allem  zum 
Organ  der  Absperrung  des  Landes,  der  Verteidigung  seiner  vergleichsweise 
reichen  Getreide-  und  Viehbestände  gegen  den  sich  auf  das  Land  stürzenden 
Wiener  Schleichhandel.  In  dieser  Tätigkeit  der  Arbeiterräte  erwuchs  ihre 
ursprüngliche   Ideologie:    indem   die   Arbeiterräte   die  Verwaltungstätigkeit, 
die  sie  aus  dem  Recht  der  Revolution  an  sich  gerissen  haben,  in  dem  Maße 
ausdehnen,  als  es  das  praktische  Bedürfnis  des  Proletariats  erfordert  und 
seine  Macht  ermöglicht,  werden  sie  allmählich  die  gesetzlichen  Behörden 
teils  sich  unterordnen,  teils  ausschalten  oder  sprengen,  werden  sie  schließ- 
lich die  ganze  Macht  an  sich  reißen.  Daher  dürften  die  Räte  nicht  „in  der 
A^erfassung  verankert"   werden;  jede  gesetzliche  Abgrenzung   ihrer   Rechte 
könne    ja    nur  das    augenblickliche    Machtverhältnis    zwischen    der  Räte- 
organisation   und    dem    behördlichen    Verwaltungsapparat    fixieren      und 
dadurch  der  weiteren  revolutionären  Expansion  der  Rätemacht  gegen  den 
hehördlichen  Verwaltungsapparat  Hindernisse  bereiten.  Diese  Ideologie  der 
Rätebewegung     gewann    Macht    weit    über    die    Reihen     der    industriellen 
Arbeiterschaft    hinaus;    im    Frühjahr    1919    beteiligten    sich   Staatsbeamte, 
Privatangestellte,   Intellektuelle  in  Massen  an   den  Rätewahlen.   Auch   die 
sozialdemokratische  Literatur  jener  Tage  stand  unter  dem  Eindruck  dieser 
Bewegung.   Alexander   Täubler,    der   die   Entwicklung   der   Sowjets    in   der 
ersten   Phase    der    russischen   Revolution    miterlebt   hatte,    formulierte    die 
Theorie  der  autonomen  Expansion  der  revolutionären  Verwaltungstätigkeit 
der  Räte.  Ähnlich  feierte  Max  Adler  die  Räte  als  das   Organ  der  „Revo- 
lution in  Permanenz". 

Nicht  nur  das  städtische  und  industrielle  Proletariat  war  durch  den 
Krieg  revolutioniert  worden.  Auch  durch  die  bäuerlichen  Volksmassen  ging 
eine  gewaltige  Bewegung.  Aber  diese  Bewegung  war  von  Anfang  an  zwie- 
schlächtigen  Charakters.  Auch  der  Bauer  war  aus  dem  Schützengraben  voll 
Haß  gegen  Krieg  und  Militarismus,  gegen  Bürokratie  und  Plutokratie  zu- 
rückgekehrt. Auch  er  jubelte  der  jungen  Freiheit,  der  Republik,  dem  Sturz 
des  Militarismus  zu.  Er  freute  sich,  daß  Bauernvertreter  nun  in  den  Land- 
häusern regierten,  wo  bisher  die  k.  k.  Statthalter  geherrscht  hatten.  Nicht 
anders  als  der  Arbeiter  glaubte  auch  der  Bauer,  die  politische  Revolution 
müsse  den  Volksmassen  eine  Umwälzung  der  Eigentumsverhältnisse 
bringen.  Seit  den  siebziger  Jahren  hatten  in  den  Alpen  Feudalherren  und 
Kapitalisten  Bauern  gelegt,  um  das  Bauernland  zu  großen  Jagdgütern  zu 
vereinigen;  die  Hirsche  des  Herrn  grasten  nun,  wo  einst  die  Kühe  des 
-Bauern  geweidet  hatten.  Jetzt  sei  die  Zeit  gekommen,  das  geraubte  Bauern- 
land den  Nachkommen  „Jakobs  des  Letzten"  wieder  zurückzugeben.  In  den 
Kriegszeiten  hatten  Kriegsgewinner  ihren  neuen  Reichtum  "zum  Ankauf 
.großer  Güter  verwendet;    jetzt   sei   der   Augenblick   gekommen,   ihren   aus 


122    — 


dem  Blut  des  Volkes  gewonnenen  Besitz  auf  die  Bauern  zu  verteilen.  Die 
Wald-  und  Weidedienstbarkeiten,  die  1853,  nach  dem  Siege  der  Konter- 
revolution, gemäß  den  Bedürfnissen  der^  Feudalherren  reguliert  worden 
waren,  müßten  jetzt  abgelöst  werden;  so  werde  sich  der  Bauernwald  auf 
Kosten  des  Herrenwaldes  ausdehnen.  Das  Jagdrecht,  in  der  Monarchie  unter 
höfischem  Drucke  nur  nach  den  Bedürfnissen  der  Jagdherren  geregelt, 
müsse  jetzt  den  Bedürfnissen  der  Bauernschaft  angepaßt  werden.  Es  war 
eine  wirklich  demokratische  Bewegung,  die  damals  durch  die  Bauernschaft 
ging.  Aber  die  bäuerliche  Demokratie  ist  mit  der  proletarischen  nicht 
identisch.  Die  junge  Freiheit,  die  der  Bauer  wie  der  Arbeiter  ausnützen 
wollte,  bekam  in  den  Vorstellungen  der  Bauernschaft  sofort  eine  den  Bedürf- 
nissen des  Proletariats  schnurstracks  entgegengesetzte  Bestimmung. 

Mit  furchtbarer  Gewalt  hatte  während  des  Krieges  der  ungeheure  mili- 
tärische Requisitionsapparat  der  Kriegswirtschaft  auf  der  Bauernschaft  ge- 
lastet. Er  hatte  den  wertvollsten  Besitz  der  alpenländischen  Bauernschaft,, 
ihren  Viehstand,  zerstört.  Je  stärker  die  passive  Resistenz  gegen  den  staat- 
lichen Aufbringungsdienst  in  den  slawischen  Gebieten  war,  desto  mehr 
mußten  die  deutschen  Alpenländer  für  den  Heeresbedarf  leisten.  Die  Menge 
Heu,  die  die  einzelnen  Gebiete  aufzubringen  hatten,  wurde  nach  der  An- 
baufläche festgesetzt;  so  mußten  die  einmähdigen  Wiesen  im  Hochland 
ebensoviel  abführen  v.^ie  die  dreimähdigen  Wiesen  der  Ebene.  In  einem 
Erntejahr  wurde  dreimal  nacheinander  Heu  requiriert;  der  Bauer  war  nie 
sicher,  wieviel  Heu  ihm  bleiben,  wieviel  Vieh  er  werde  überwintern  können. 
Oft  blieb  das  requirierte  Heu  auf  den  Wiesen  liegen;  schließlich,  spät  im 
Herbst,  gab  es  die  Militärverwaltung  den  Bauern  frei,  nachdem  es,  auf 
feuchten  Wiesen  gestanden,  zugrunde  gegangen  war.  Der  Bauer  hatte  kein 
Heu;  aber  sein  Vieh  war  der  staatlichen  Aufbringung  vorbehalten,  er 
durfte  es  nicht  nach  seinem  Gutdünken  schlachten  oder  verkaufen.  In 
den  Frühlingsmonaten  der  letzten  Kriegsjahre  fütterten  die  Bauern  ihr  Vieli 
mit  Tannenreisig.  Dann  kamen  die  Requisitionsorgane.  Wahllos  schleppten 
sie  das  Vieh  aus  den  Ställen.  Hochklassige  Milchkühe  wurden  als  Schlacht- 
vieh weggeführt.  Der  Bauer  sah  sich  der  Willkür  korrupter  Einkaufs- 
kommissäre ausgeliefert.  Und  er  sah.  daß  die  Heeresverwaltung  das  Vieh,, 
das  sie  ihm  genommen,  nutzlos  zugrunde  gehen  ließ.  Tagelang  standen  auf 
den  Eisenbahnstationen  ganze  Züge  mit  vollen  Viehwaggons,  ohne  daß  das 
Vieh  gefüttert  und  getränkt  worden  wäre.  Der  Haß  gegen  dieses  Requi- 
sitionssystem hatte  die  Bauern  revolutioniert.  Der  Zwang,  die  Erzeugnisse 
ihrer  Arbeit  tief  unter  dem  freien  Marktpreis  abzuführen,  erschien  ihnen  als 
eine  neue  Robot,  die  die  neue  Revolution  aufheben  müsse.  Die  Freiheit,  die 
der  Bauer  von  der  Revolution,  die  den  Militarismus  vernichtet  hatte, 
erwartete,  war  vor  allem  die  Befreiung  von  der  Kriegswirtschaft. 

Aber  diese  Erwartung  mußte  die  Revolution  enttäuschen;  in  der  Zeit  der 
furchtbarsten  Lebensmittelnot  konnte  sie  das  zentrale  Anforderungs-  und 
Bewirtschaftstungssystem  nicht  entbehren.  Die  Versorgung  der  Städte  und 
Industriegebiete,  vor  allem  die  Versorgung  Wiens  hätte  in  dem  von  allen 
Nachbarstaaten  blockierten  Lande  ohne  staatliche  Bewirtschaftung  nicht 
gesichert  werden  können.  Der  Bauer  sah,  daß  die  Revolution  ihm  die 
, .Freiheit",  die  er  meinte,  verweigerte.  Er  sah,  daß  statt  der  militärischen 
Requisitionskommanden    nunmehr    die   Arbeiterräte    die   Aufbringung    er- 

—    123    — 


:2\vangen,  den  Schloichliandel  verfolgten,  die  Übertretung  der  Höchstpreis- 
Vorschriften  bokiimpllon.  Der  Bauer  erlebte  es  gelegentlich,  daü,  wie 
früher  k.  Ic.  Truppen,  jetzt  Volkswehrabteilungen  in  sein  Dorf  gelegt  wurden, 
bis  er  das  geforderte  Getreide.  Vieh.  Holz  ablieferte.  Der  Bauer  sah  im  Prole- 
.  lariat  den  Feind,  der  ihm  die  freie  Verfügung  über  seine  Arbeitsprodukte 
verweigerte.  Der  Bauer  begann  nun,  das  Prolelnriat  zu  hassen,  wie  er 
vordem  den  Militarismus  gehaßt  hat. 

Andere  Erscheinungen  vertieften  noch  den  Haß  der  Bauernschaft  gegen 
•das  Proletariat.  Die  Revolution  hatte  auch  die  Arbeiter  der  Landvvirtsx;li'aft 
geweckt.  Sie  begannen,  sich  zu  organisieren.  Sie  stellten  Lohnforderungen. 
Sie  setzten  sie  gelegentlich  durch  Streiks  durch.  Zuweilen  wurden  die 
Bauern  gezwungen,  förmliche  Kollektivverträge  mit  ihren  Knechten  u!id 
.Mägden  zu  schließen,  in  denen  genau  festgesetzt  wurde,  welche  Löhne 
das  „Grc.ßmensch"  und  das  „K^leinmensch"  zu  bekommen  haben.  Der 
Bauer  sah,  daß  die  Bewegung  des  Proletariats  in  sein  eigenes  Heim  über- 
zugreifen, seine  eigene  Autorität  zu  bedrohen  begann. 

Die  dem  Proletariat  feindliche  Stimmung  der  Bauernschaft  wurde  von 
dem  Stadtbürgertum  der  Alpenländer  und  vom  Klerus  genährt.  Das 
städtische  Händlertum  war  der  natürliche  Verbündete  des  Bauern  gegen 
■das  zentrale  Bewirischaftungssystem.  Die  städtische  Bourgeoisie  sah  in  der 
Bauernmasse  ihre  Stütze  gegen  das  Proletariat.  Der  Klerus  stärkte  und  or- 
ganisierte die  bäuerliche  Bewegung  als  die  mächtigste  Gegenkraft  gegen 
die  proletarische  Revolution.  Zeitung  und  Predigt  erzählten  dem  Bauern, 
daß  sein  Getreide,  Vieh  und  Holz  zu  dem  Zwecke  requiriert  werden,  damit 
in  Wien  hunderttausende  Arbeitslose,  vom  Staat  ernährt,  müßig' gehen 
können;  daß  die  Kriegswirtschaft,  die  den  Bauern  bedrückt,  von  einer 
Allianz  der  jüdischen  Kriegsgewinner  in  den  Zentralen  mit  den  jüdischen, 
Arbeiterführern  in  der  Regierung  aufrechterhalten  werde;  daß  die  Revo- 
lution sein  Eigentum  sozialisieren  und  seine  Kirche  zerstören  wolle. 

Der  Bauer  setzte  sich  zur  Wehr.  Er  sabotierte  die  Aufbringung.  Er 
setzte  den  Aufbringungsorganen  zuweilen  gewaltsamen  Widerstand  ent- 
gegen, Bauernräte  wurden  organisiert,  die  in  den  Bezirks-  und  Landeswirt- 
schaftskommissionen hartnäckigen  Ivampf  gegen  die  Arbeiterräte  führten. 
Suchten  die  Arbeiterräte  die  Bezirkshauptleute  zu  terrorisieren,  so  taten  die 
Bauernräte  dasselbe;  Arbeiter-  und  Bauernräte  standen  nun  im  Kampfe  um 
■die  Macht  über  den  Verwaltungsapparat.  Und  der  Bauer  wußte  sich  stark. 
Er  hatte  Lebensmittel  genug  in  seinem  Speicher;  der  Stadt  aber  kann  er  die 
Zufuhr  sperren.  Nicht  die  Bauern,  sondern  die  Arbeiter  werden  hungern, 
wenn  es  zum  Bürgerkrieg  kommt.  Und  auch  an  Waffen  fehlte  es  ihm  nicht! 
Als  sich  die  Armee  auflöste,  hatten  die  zurückflutenden  Soldaten  in  Tirol, 
Ivärnten,  Steiermark  ihre  W^affen  an  die  Bauern  verkauft  oder  sie,  den 
Bauern  zur  Beute,  liegen  lassen;  große  Waffenbestände  waren  in  den 
Händen  der  Bauernschaft.  In  Kärnten  und  in  Steiermark  hatten  sich  zur 
Abwehr  der  Einfälle  der  Jugoslawen  militärisch  geordnete  bäuerliche  Heimat- 
wehren gebildet,  die,  ursprünglich  gegen  den  äußeren  Feind  organisiert, 
sehr  bald  der  heimischen  Arbeiterschaft  als  bewaffnete  Klassenorgani- 
sationen des  Bauerntums  entgegentraten. 

Mit  dem  Gegensatz  der  Bauernschaft  gegen  die  Arbeiterklasse  war  der 
Gegensatz  der  Länder  gegen  Wien  eng  verknüpft.  Die   Versorgung  Wiens 


—    124 


hatte  vor  dem  Zusammenbruch  vornehmlich  auf  den  Zufuhren  aus  den 
Sudetenländern,  Galizien  und  Ungarn  beruht;  nunmehr  von  diesen  Gebieten 
abgeschnitten,  mußte  Wien  weit  mehr  Nahrungsmittel,  Brennholz  und  Roh- 
stoffe als  vordem  von  den  innerösterreichischen  Ländern  beanspruchen. 
Und  das  gerade  in  einer  Zeit,  in  der  in  Wien  infolge  des  Kohlen-  und  Roh- 
stoffmangels die  Produktion  ruhte;  in  der  Wien  daher  den  Ländern,  deren 
Agrarprodukte  es  beanspruchte,  keine  Gegenleistung  zu  bieten  vermochte. 
Wien  mußte  daher  den  Ländern  als  ein  Parasit  erscheinen,  der,  ohne 
selbst  zu  arbeiten,  von  ihrem  Körper  zehren  wollte.  Die  Länder,  die  selbst 
an  allem  Notwendigen  Mangel  hatten,  setzten  sich  gegen  die  Ansprüche 
Wiens  zur  Wehr.  Die  Arbeiterschaft  selbst  machte  damit  den  Anfang.  Die 
Arbeiterräte  verhinderten  die  Ausfuhr  von  Nahrungsmitteln  aus  den  ein- 
zelnen Ländern;  ihre  Kontrollorgane  übernahmen  die  Bewachung  der 
Eisenbahnlinien.  Die  Bauernschaft  unterstützte  diese  Absperrungspolitik  der 
Arbeiterräte.  Ihr  erschien  die  verhaßte  Kriegswirtschaft,  die  die  Republik 
aufrechterhielt,  als  ein  Requisitionsapparat,  dazu  bestimmt,  die  Länder 
zugunsten  Wiens  zu  plündern.  Die  Losreißung  von  Wien  bedeutete  ihr  vor 
allem  die  Befreiung  von  der  Kriegswirtschaft.  Konnte  sie  aber  die  Kriegs- 
wirts'chaft  nicht  sofort  zertrümmern,  so  wollte  sie  wenigstens  die  Ablieferung 
auf  das  zur  Versorgung  der  Städte  des  eigenen  Landes  erforderliche  Maß 
reduzieren;  sie  wollte  nicht  neben  den  Städten  im  eigenen  Lande  auch  noch 
Wien  ernähren.  So  heftig  die  Kämpfe  zwischen  Arbeiterräten  und  Bauern- 
räten um  die  Ablieferung  waren,  darin  waren  sie  einig,  daß  das  Abgelieferte 
nicht  über  die  Landesgrenzen  ausgeführt  werden  solle.  Der  Kampf  zwischen 
der  Arbeiterschaft  und  der  Bauernschaft  um  den  Fortbestand  der  Kriegs- 
v/irtschaft  führte  zunächst  zur  Verländerung  der  Kriegswirtschaft.  Die 
Länder  sperrten  sich  gegeneinander  und  gegen  Wien  ab.  Der  Auflösung 
des  großen  österreichisch-ungarischen  Wirtschaftsgebietes  in  die  nationalen 
Wirtschaftsgebiete  folgte  die  Auflösung  des  deutschösterreichischen  Wirt- 
schaftsgebietes in  die  zwerghaften  Wirtschaftsgebiete  der  Länder. 

Die  neuen  autonomen  Landesregierungen,  die  aus  der  Revolution  hervor- 
gegangen waren,  waren  die  Zentren  dieses  wirtschaftlichen  Partikularismus. 
Da  sich  die  Staatsregierung  gegen  die  wirtschaftliche  Absonderung  der 
Länder  zur  Wehr  setzen  mußte,  gerieten  die  Landesregierungen  in  schroffen 
Gegensatz  gegen  sie.  Sie  verweigerten  ihren  Weisungen  den  Gehorsam.  Sie 
drohten  mit  dem  Abfall  von  Vfien.  Die  Bourgeoisie  förderte  die  Auflehnung 
der  Länder  gegen  die  Staatsregierung;  in  den  industriearmen  Ländern  fand 
sie  in  der  großen  bäuerlich-bürgerlichen  Mehrheit  das  feste  Bollwerk  gegen 
die  von  dem  Wiener  Proletariat  beherrschte  Staatsregierung.  Hatte  die 
elementare  Aktion  der  Arbeiterräte  selbst  den  wirtschaftlichen  Parti- 
kularismus der  Länder  gefestigt,  so  w^ar  es  nun  eben  der  Länderpartikula- 
rismus,  in  dem  sich  die  Bourgeoisie,  auf  die  Bauernschaft  gestützt,  gegen 
die  in  Wien  konzentrierte  Kraft  der  proletarischen  Revolution  zu  ver- 
schanzen begann. 

Deutschösterreich  zerfällt  in  zwei  an  Volkszahl  beinahe  gleiche  Gebiete: 
einerseits  das  große  Industriegebiet,  das  Wien,  das  Viertel  unter  dem 
Wienerwald  und  Obersteiermark  umfaßt;  anderseits  das  große  Agrargebiet, 
das  alle  anderen  Länder  bilden.  In  dem  großen  Industriegebiet  war  alle 
tatsächliche  Macht  in  den  Händen  des  Proletariats.  In  dem  großen  Agrar- 

—     125     — 


% 

pcbicl,  in  dem  nur  wenige  volivreichc  Slädle  und  Induslriogobicle 
in  die  bäuerliche  Landwirtschaft  eingesprengt  sind,  war  das  Prnloiariat 
zwar  niclit  machtlos,  bildete  aber  doch  die  Bauernschaft  die  stärkste,  nicht 
niederzuwerfende  Macht.  Es  war  unmöglich,  das  große  Industriogebiet  gegen 
die  Arbeiterschaft,  es  war  ebenso  unmöglich,  das  große  Agrargebiet  gegen 
die  Bauernschaft  zu  rt^giercn.  Die  wirtschaftliche  Struktur  des  Landes  stellte 
so  einen  Gleichgewichtszusland  zwischen  den  Klassenkräften  her,  den  nur 
die  Gewalt  im  blutigen  Bürgerkrieg  hätte  aufheben  können.  Nach  solchem 
Bürgerkrieg  drängten  breite  Massen  des  Proletariats.  Der  Proletarier  in 
Wien,  in  Wiener-Neustadt,  in  Donawitz  sah  nur  seine  gewaltige  Macht- 
stellung in  dem  Industriegebiet.  Er  sah  nicht  die  unerschütterliche  Macht 
der  Bauernschaft  in  den  Agrargebieten.  Er  sah  noch  weniger  die  außerhalb 
der  Staatsgrenzen  drohende  Macht  des  Ententeimperialismus.  Darum  hielt 
er  die  Aufrichtung  der  Diktatur  des  Proletariats  für  möglich. 

Aber  der  Versuch  der  Aufrichtung  der  Rätediktatur  wäre  nichts  anderes 
gewesen  als  die  Selbstaufhebung  der  Revolution.  In  dem  großen  Industrie- 
gebiet hätte  das  Proletariat  seine  Diktatur  aufrichten  können,  ohne  auf 
unüberwindlichen  Widerstand  zu  stoßen.  An  dem  großen  Agrargebiet  \vär& 
der  Versuch  gescheitert.  Dort  war  die  Bauernschaft  stark  genug,  das  Prole- 
tariat niederzuhalten.  Die  Länder  hätten  die  Proklamierung  der  Diktatur 
beantwortet  mit  ihrer  Trennung  von  Wien,  mit  ihrem  Abfall  vom  Staate. 
Sie  hätten  uns  Verkehrswege  und  Zufuhr  gesperrt.  Sie  hätten  das  sich  da- 
gegen auflehnende  Proletariat  in  den  Ländern  selbst  niedergeworfen.  Der 
Kampf  gegen  die  Konterrevolution  der  agrarischen  Länder  hätte  den  - 
blutigen  Bürgerkrieg  unvermeidlich  gemacht.  Der  Bürgerkrieg  aber  hätte 
die  Entente  auf  defi  Plan  gerufen.  Sic  konnte  nicht  dulden,  daß  der  Verkehr 
in  dem  Lande,  das  ihren  Verkehrsweg  von  der  Adria  nach  der  Tschecho- 
slowakei und  nach  Polen  darstellt,  durch  Bürgerkrieg  unterbrochen  wird. 
Sie  war  entschlossen,  die  Fortentwicklung  der  Revolution  über  die 
Schranken  der  Demokratie  hinaus  nicht  zuzulassen.  Wäre  die  von  ihr  ge- 
forderte „Ordnung  und  Ruhe"  gestört  worden,  dann  hätte  sir  die  Lebens- 
mittel- und  Kohlenzüge  eingestellt  und  damit  das  ganze  Industriegebiet 
sofort  in  die  Hungerkatastrophe  gestürzt;  hätte  sie  Tschechen  und  Jugo- 
slawen die  Erlaubnis  zum  Vormarsch  gegeben  und  uns  damit  in  Krieg  ver- 
wickelt; hätte  sie  die  wichtigsten  Eisenbahnknotenpunkte  und  Städte  durch 
italienische  Truppen  besetzen  lassen  und  dadurch  der  Revolution  ein  Ende 
gemacht.  Die  Diktatur  des  Proletariats  hätte  geendet  mit  der  Diktatur  der 
fremden  Besetzungskommanden. 

Breite  Massen  des  Proletariats  sahen  diese  Gefahren  nicht.  Die  Sozial- 
demokratie mußte  sie  sehen  und  hat  sie  gesehen.  So  war  der  Sozial- 
demokratie eine  doppelte  Aufgabe  gestellt:  einerseits  die  gewaltige  revo- 
lutionäre Gärung  im  Proletariat,  die  tiefe  Erschütterung  der  ganzen  kapi- 
talistischen Gesellschaftsordnung  auszunützen,  um  dem  Proletariat  mög- 
lichst starke  und  dauerhafte  Machtpositionen  im  Staat  und  in  den  Ge- 
meinden, in  den  Fabriken,  in  den  Kasernen  und  in  den  Schulen  zu  er- 
obern; anderseits  aber  zu  verhindern,  daß  sich  diese  revolutionäre  Gärung 
bis  zum  offenen  Bürgerkrieg,  bis  zum  offenen  Zusammenstoß  mit  der  Über- 
macht des  Ententeimperialismus  weiterentwickelt  und  damit  die  Hunger- 
katastrophe, die  Invasion,  die  Konterrevolution  herbeiführt. 

—    126    — 


Sollte  der  Machtkampf  der  Klassen  nicht  mit  den  Waffen,  so  mußtfe 
er  in  den  Formen  der  Demokratie  geführt  und  entschieden  werden.  Darum 
war  es  unsere  erste  Aufgabe,  die  Wahl  der  Konstituierenden  National- 
versammlung zu  organisieren.  Am  16.  Februar  1919  fanden  die  Wahlen 
statt.  Sie  konnten  freilich  nur  in  Innerösterreich  stattfinden;  die  deutschen 
Gebiete  der  Sudetenländer  waren  s-rhon  von  den  Tschechen  besetzt.  Auf 
die  Sozialdemokraten  entfielen  1,211.814,  auf  die  Ghristlichsozialen 
1,068.382,  auf  die  deutschnationalen  Parteien  545.938  Stimmen.  Von  den 
159  Mandaten  fielen  den  Sozialdemokraten  69,  den  Christlichsozialen  63, 
den  deutschnationalen  Parteien,  die  sich  nunmehr  Großdeutsche  nannten, 
24  zu.  Die  Deutschnationalen,  in  der  Provisorischen  Nationalversammlung 
noch  die  stärkste  Partei,  wurden  in  der  Konstituierenden  Nationalversamm- 
lung zur  schwächsten.  Die  Sozialdemokraten,  in  der  Provisorischen 
Nationalversammlung  noch  die  schwächste  unter  den  drei  großen  Parteien, 
v."urden  in  der  Konstituierenden  Nationalversammlung  zur  stärksten.  Die 
absolute  Mehrheit  hatten  wir  in  dem  neugewählten  Parlament  freilich  nicht. 
Wir  hätten  sie  erobern  können,  wenn  das  industriereiche  Deutschböhmen 
mit  uns  hätte  vfählen  können;  die  tschechische  Okkupation  Deutsch- 
böhmens hat  dem  Bürgertum  und  der  Bauernschaft  die  Mehrheit  in  der 
deutschösterreichischen  Nationalversamm.lung  gerettet.  Aber  hatten  wir 
auch  nicht  die  Mehrheit,  so  waren  wir  doch  die  stärkste  Partei;  die 
Führung  des  neuen  Parlaments  fiel  uns  zu. 

Die  Wahlen  waren  zunächst  ein  Volksentscheid  zwischen  Monarchie 
und  Republik  gewesen.  Sein  ^Ergebnis  war  unzweideutig.  In  ihrem  ersten 
Gesetzesbeschluß  wiederholte  die  neugewählte  Nationalversammlung  feier- 
lich die  Beschlüsse  des  12.  November:  die  Erklärung  Deutschösterreichs 
zur  demokratischen  Republik  und  den  Anschluß  an  Deutschland.  Karl 
Habsburg  hatte  am  11,  November  versprochen,  sich  der  Entscheidung 
des  deutschösterreichischen  Volkes  über  seine  Staatsverfassung  zu  unter- 
werfen. Diese  Entscheidung  hatte  das  Volk  nunmehr  gefällt.  Renner  er- 
klärte dem  Habsburger  nun,  er  könne  in  Deutschösterreich  nur  bleiben, 
wenn  er  sein  Versprechen  erfüllt,  für  sich  und  sein  Haus  dem  Thron  ent- 
sagt. Karl  Habsburg  lehnte  die  geforderte  Thronentsagung  ab  und  fuhr  am 
23.  März  unter  englischem  Schutz  in  die  Schweiz.  Die  Nationalversamm- 
lung beantwortete  diesen  Entschluß  des  Habsburgers  mit  dem  Gesetz  vom 
2.  April  1919,  das  alle  Habsburger  des  Landes  verwies  und  ihr  Familien- 
vermögen  zugunsten  der  Kriegsbeschädigten   beschlagnahmte. 

Zugleich  ging  die  Nationalversammlung  daran,  die  Republik  ein- 
zurichten. Im  November  hatte  die  Provisorische  Nationalversammlung  selbst 
die  Macht  übernommen;  ihr  Exekutivorgan,  der  aus  allen  Parteien  zu- 
sammengesetzte Staatsrat,  war  die  eigentliche  Regierung  gewesen,  die 
Staatssekretäre  waren  bloß  seine  Organe.  Diese  Verfassung,  die  den  re- 
gierenden Staatsrat  durch  Proporzwahlen  aus  dem  Parlament  hervorgehen 
ließ,  war  den  Bedürfnissen  der  Zeit  der  Staatsbildung,  der  Konstituierung 
des  Staates  angepaßt  gewesen,  die  der  Kooperation  aller  Parteien,  des  Zu- 
sammenwirkens der  „Bürger,  Bauern  und  Arbeiter"  bedurfte.  Sie  war  nicht 
mehr  angemessen  einer  Zeit,  in  der  sich  auf  dem  Boden  des  bereits  kon- 
stituierten Staates  die  Klassengegensätze  weiterentwickelten  und  das 
Parlament  in  regierende  Mehrheit  und  Opposition  scheiden  mußten.  Daher 

-      127     — 


wurde  duroli  das  Vcrfassungsgeselz  vom  11.  März  der  Staatsrat  aurgehoben. 
Kinijic  seiner  Befugnisse  wurden  dem  Präsidenten  der  Nationalversaninilung: 
übertragen,  der  damit  zugleich  die  Funktion  eines  Präsidenten  der  Rcpul)Iilc 
üliernahnv.  zum  ersten  Präsidenten  wurde  Scitz  gcwärilt.  Die  eigentliche 
Regierungsgewalt  aber  ging  auf  die  Staatsregierung  über,  die  nunmehr  un- 
mittelbar vom  Parlament  gewählt  wurde.  Die  Zeit  der  Kooperation  aller 
Parteien  war  damit  vorüber.  Es  galt  nunmehr,  innerhalb  des  Parlaments- 
eine  Mehrheit  zu  bilden,  die  die  Regierung  wählen  und  stützen  sollte. 

Die  Regierung  stand  damals  immer  wieder  den  leidenschaftlichen  De- 
monstra Honen  der  Heimkehrer,  der  Arbeitslosen,  der  Kriegsinvaliden  gegen- 
über. Sie  stand  der  vom  Geiste  der  proletarischen  Revolution  erfüllten 
Volkswehr  gegenüber.  Sie  stand  täglich  schweren,  gefahrdrohenden 
Konflikten  in  den  Fabriken,  auf  den  Eisenbahnen  gegenüber.  Und 
die  Regierung  hatte  keine  Mittel  der  Gewalt  zur  Verfügung:  die 
bewaffnete  Macht  war  kein  Instrument  gegen  die  von  revolutio- 
nären Leidenschaften  erfüllten  Proletariermassen.  Nur  durch  den  täg- 
lichen Appell  an  die  eigene  Einsicht,  an  die  eigene  Erkenntnis, 
an  das  eigene  Verantwortungsgefühl  hungernder,  frierender,  durch  Krieg, 
und  Revolution  aufgewühlter  Massen  konnte  die  Regierung  verhüten,  daß 
die  revolutionäre  Bewegung  in  einem  die  Revolution  vernichtenden  Bürger-  ■ 
krieg  endet.  Keine  bürgerliche  Regierung  hätte  diese  Aufgabe  bevv^ältigen 
können.  Sie  wäre  wehrlos  dem  Mißtrauen  und  dem  Haß  der  Proletarier- 
massen  gegenübergestanden.  Sie  wäre  binnen  acht  Tagen  durch  Straßen- 
aufruhr gestürzt,  von  ihren  eigenen  Soldaten  verhaftet  worden.  Nur  Sozial- 
demokraten konnten  diese  Aufgabe  von  beispielloser  Schwierigkeit  bewäl- 
tigen. Nur  ihnen  vertrauten  die  Proletariermassen.  Nur  sie  konnten  die- 
Massen  überzeugen,  daß  die  entsetzliche  Not  dieses  ersten  Winters  nach 
dem  Kriege  nicht  die  Schuld  der  Regierung,  sondern  die  unentrinnbare 
Wirkung  weltgeschichtlicher  Umwälzung,  daß  sie  nicht  durch  gewaltsanrien 
Umsturz  zu  brechen,  sondern  nur  allmählich  zu  überwinden  war.  Nur 
Sozialdemokraten  konnten  wild  erregte  Demonstralionen  durch  Verhand- 
lungen und  Ansprachen  friedlich  beenden,  nur  Sozialdem.okraten  konnten 
sich  mit  den  Arbeitslosen  verständigen,  die  Volkswehr  führen,  die  Arbeiter- 
massen von  der  Versuchung  zu  revolutionären  Abenteuern,  die  der  Revo- 
lution zum  Verhängnis  gew^orden  wären,  abhalten.  Die  Funktion,  die  da- 
mals die  wichtigste  Funktion- der  Regierung  war,  konnte  nur  von  Sozial- 
demokraten erfüllt  werden.  Die  tiefe  Erschütterung  der  bürgerlichen  Ge- 
sellschaftsordnung fand  darin  ihren  anschaulichsten  Ausdruck,  daß  eiae 
bürgerliche  Regierung,  eine  Regierung  ohne  Sozialdemokraten  schlechthin 
unmöglich  geworden  war. 

Aber  so  wenig  wie  eine  bürgerliche  Regierung  möglich  war,  so  wenig 
war  eine  rein  sozialdemokratische  Regierung  möglich.  So  wenig  das  große 
Industriegebiet  Wiens,  Wiener-Neustadis  und  der  Obersteiermark  eine  rein 
bürgerliche  Regierung  ertragen  hätte,  so  wenig  hätte  das  große  Agrargebiet 
der  Länder  eine  rein  sozialdemokratische  Regierung  ertragen.  Eine  rein 
sozialdemokratische  Regierung  hätte  jeden  Einfluß  auf  die  Landes- 
regierungen verloren,  sie  hätte  den  Abfall  der  Länder  nicht  zu  hindern  ver- 
mocht, sie  wäre  ohnmächtig  der  offenen  Auflehnung  der  Bauernschaft 
gegenübergestanden.    Ohne    Mehrheit   im   Parlament,    hätte    sie    zu    dikla- 

—    128    — 


forischen  Mitteln  greifen  und  dadurch  den  Bürgerkrieg  entfesseln  müssen, 
in  dem  die  Revolution  untergegangen  wäre. 

Es  war  keine  Regierung  möglich  ohne  und  gegen  die  Vertreter  der  Arbeiter. 
Es  war  keine  Regierung  möglich  ohne  und  gegen  die  Vertreter  der  Bauern. 
Eine  gemeinsame  Regierung  der  Arbeiter  und  der  Bauern  war  die  einzige 
mögliche  Lösung.  Arbeiter  und  Bauern  mußten  sich  in  der  Regierung  zu 
verständigen,  sie  mußten  gemeinsam  zu  regieren  versuchen,  wenn  sie  nicht 
binnen  kurzem  im  offenen  Bürgerkrieg  einander  gegenüberstehen  sollten. 

Auf  dem  Lande  waren  die  Christlichsozialen  die  Massenpartei  der  Bauern. 
Die  Bauernvertreter,  die  die  überwiegende  Mehrheit  der  christlichsozialen 
Abgeordneten  bildeten,  standen  unter  dem'  Drucke  der  mächtigen  Bewegung, 
die  durch  die  Bauernschaft  ging.  Der  zwieschlächtige  Charakter  dieser  Be- 
wegung bestimmte  die  Politik  der  christlichsozialen  Bauernvertreter. 
Gegen  die  Diktatur  des  Proletariats  hätten  sie  die  Bauernschaft  zum 
Bürgerkrieg  aufgerufen;  auf  dem  Boden  einer  radikalen,  republikanischen, 
antimilitaristischen  und  antiplutokratischen  Demokratie  wünschten  sie  mit 
dem  Proletariat  zusammenzuwirken.  In  ganz  anderer  Stimmung  waren  die 
christlichsozialen  Abgeordneten  des  städtischen,  vor  allem  des  Wiener 
Bürgertums.  Dem  Bürgertum  bedeutete  die  Revolution  nichts  als  den  Zu- 
sammenbruch seiner  Herrschaft  in  sc»inen  Gemeinden  und  in  f-einen  Be- 
trieben, seine  Unterwerfung  unter  die  starke  Macht  der  Arbeiter.?c:iaft. 
Daher  war  es  in  offen  konterrevolutionärer  Stimmung,  stand  es  ganz 
unter  dem  Einfluß  der  monarchistischen  Kreise:  des  hohen  Klerus,  des 
klerikalen  Adels,  der  konterrevolutionären  Offiziere.  Während  die  christ- 
lichsozialen Bauernvertreter  gemeinsam  mit  den  Sozialdemokraten  die  Ver- 
folgung der  Kriegsverbrechen  der  Generale  und  Offiziere  forderten,  traten 
die  städtischen  Christlichsozialen  als  Beschützer  und  Verteidiger  der  Offi- 
ziere auf.  Bei  der  Beratung  der  Gesetze  über  die  Landesverweisung  der 
Habsburger,  über  die  Beschlagnahme  ihres  Vermögens,  über  die  Ab- 
schaffung der  Adelstitel  traten  bäuerliche  und  städtische  Christlichsoziale 
einander  offen  entgegen.  Der  Machtapparat  der  Kirche  konnte  die  eine 
Zeitlang  drohende  Spaltung  der  christlichsozialen  Partei  verhindern; 
aber  die  Zerklüftung  der  christlichsozialen  Partei  war  doch  tief  genug,  daß 
wir  uns,  ihren  städtischen  Flügel  abseits  lassend,  mit  ihrem  bäuerlichen 
Flügel  verständigen  konnten.  Die  Kooperation  der  Arbeiter  und  der  Bauern 
fand  ihren  parlamentarischen  Ausdruck  in  der  Koalition  der  Sozialdemo- 
kratie mit  der  von  ihrer  bäuerlichen  Mehrheit  beherrschten  christlich- 
sozialen Partei. 

Innerhalb  dieser  Koalition  aber  v/aren  die  Kräfte  keineswegs  gleich.  Die 
gewaltige  revolutionäre  Bewegung  in  den  Proletariermassen  nickte  die 
Bauernschaft  in  die  Defensive;  so  war  auch  innerhalb  der  proletarisch- 
bäuerlichen Koalition  die  Partei  des  Proletariats  der  bei  v.citem  stärkere 
Partner.  Dieses  Machtverhältnis  innerhalb  der  Koalition  spiegelte  sich  in 
der  Zusammensetzung  der  Koalitionsregierung,  die  am  15.  März  1919  gewählt 
wurde.  Alle  Staatsämter,  die  die  Herrschaftsfunktionen  des  Staates  auszu- 
üben haben,  fielen  den  Sozialdemokraten  zu:  Renner  übernahm  die 
Kanzlerschaft  und  das  Staatsamt  des  Innern,  Deutsch  das  Heerwesen,  ich 
das  Staatsamt  des  Äußern.  Außerdem  sicherten  wir  uns  die  Ressorts,  in 
denen    die    soziale  Revolution    zunächst    ihre  Betätigung    suchen    mußte: 

—    129    —  9 


Ilanusch  übernahm  das  Staalsamt  für  soziale  V'jrwallun?,  Glöckcl  das 
Staatsamt  für  Unterricht,  ich  .die  Leitung  der  nougöBründeten  Soziali- 
siorungskommission.  Von  den  Christlichso^zialen  trat  der  Vorarlberger  Bauer 
Fink  als  Vizekanzler  in  die  Regierung  ein,  der  niederüslerreichische 
Bauernfülirer  Stöckler  übernahm  das  Slaalb-aint  für  Landwirtschaft,  Zerdik 
das  Handels-,  Miklas  das  Kullusamt.  In  dieser  Verteilung  der  Staalsämter 
drückte  sich  die  führende  Stellung  aus,  die  der  Sozialdemokratie  zuge- 
fallen war.  Mit  der  Bildung  der  ersten  Koalitionsregierung  hatte  die  Ar- 
beiterklasse zwar  nicht  die  Alleinherrschaft,  aber  doch  die  Vorherrschaft 
in  der  Republik  erobert.  • 

§  10.  Zwischen  Imperialismus  vmd  Bolschewismus. 

Liteiatni: 

Tardieu,  La  Paix.  Paris  192L  —  Lansing,  Die  VersaiUer  Friedeiiäverhandluagen. 
Beilin  192L  —  Nitti,  Das  friedlose  Europa.  Frankfurt  a.  M.  1921.  —  Keynes,  Die 
wirlschaftlichen  Folgen  des  Friedensvertrages.  München  1920.  —  Bericht  Eenes'  und 
Kramäf  über  die  Friedensverhandlungen.  „Närodni  Shroraäzüeni  v  prvnim  roce 
Republiky."  Praha  1919.  —  Bericht  über  die  Friedensverhandlungen.  379  der  Bei- 
lagen zu  den  Protokollen  der  Konstituierenden  Nationalversammlung.  —  Bauer, 
Acht  Monate  auswäntiger  Politik.  Wien  1919. 

Freißler,  Vom  Zerfall  Österreichs  bis  zum  tschechoslowakischen  Staate.  Berlin 
1921.  _  Wutte,  Kärntens  Freiheitskampf.  Klagenfurt  1922.  —  Hülgerth,  Der 
Xärntner  Freiheitskampf  1918—1919.  „Carinthia",  111.  Jahrgang.  -^  Endor. 
Memoire  du  Conseil  d'Etat  du  Vorarlberg  ä  la  Societ6  des  Nations.  Berne  1920. 

*  ♦  *,  Entstehung  und  Zusammenbruch'  der  ungarischen  Rätediktatur.  Wien 
1919.  —  Jäszi,  Magyariens  Schuld,  Ungarns  Sühne.  München  1923.  —  Szanto, 
Klassenkämpfe  und  die  Diktatur  des  Proletariats  in  Ungarn.  Wien  1920.  —  Bettel- 
heim, Zur  Krise  der  kommunistischen  Partei  Ungarns.  Wien  1922.  —  Braunthal, 
Die  Arbeiterräte  in  Deutschösterreich.  Wien  1919.  —  Braunthal,  Kommunisten  urd 
Sozialdemokraten.  Wien  1920.  —  Deutsch,  Aus  Österreichs  Revolution.  Wien  1921. 
—  Dokumente  zum  15.  Juni.  „Der  Kampf",  1919.  —  Radek,  Die  Lehren  eines 
Putschversuches.   „Kommunistische  Internationale",  2.  Jahrgang,  Nr.  9. 

Aus  den  nationalen  Kämpfen  in  der  Habsburgermonarchie  war  der 
Weltkrieg  hevorgegangen.  Der  Weltkrieg  drohte  in  den  Krieg  zwischen  den 
Nationen  der  Habsburgermonarchie  umzuschlagen.  Während  des  Welt- 
krieges schon  waren  die  Soldaten  Habsburgs  mit  den  Waffen  in  der  Hand 
einander  entgegengetreten.  Am  Ural  und  in  Sibirien  halten  sie  gegen- 
einander gekämpft:  die  Deutschen  und  Magyaren  unter  roter,  die  Tschechen 
und  Jugoslawen  unter  weißer  Flagge.  Als  im  Oktober  1918  die  Fesseln  zer- 
brachen, die  die  zehn  Nationen  unter  Habsburgs  Herrschaft  aneinander  ge- 
kettet hatten,  war  es  die  größte  von  allen  Gefahren,  daß  die  befreiten 
Nationen  in  blutigem  Kriege  gegeneinander  um  das  Erbe  der  Habsburger- 
monarchie ringen  werden. 

Der  alte  Haß  der  slawischen  Nationen  gegen  Wien,  den  Sitz  und  das 
Zentrum  der  Fremdherrschaft,  er  kehrte  sich  jetzt  gegen  die  junge  Re- 
publik. Das  deutschösterreichische  Proletariat  trat  schuldlos  das  Erbe  des 
Hasses  der  Nachbarvölker  an,  mit  dem  die  Schuld  der  deutschöster- 
reichischen Bourgeoisie  das  deutschösterreichische  Volk  belastet  hatte. 
Nicht   nur   im    Herbst    1918,    sondern    noch   in   der   ganzen    ersten   Hälfte 

—    130    — 


des  Jahres  1919  drohte  uns  immer  wieder  die  Gefahr  kriegeri- 
scher Verwicklungen  mit  den  Tschechen  und  den  Südslawen.  Jede 
solche  kriegerische  Verwicklung  aber  hätte  für  die  junge  Republik 
den  wirtschaltlichen  Tod,  den  militärischen  Zusammenbruch,  den  Unter- 
gang unserer  Selbständigkeit  bedeutet:  den  wirtschaftlichen  Tod,  denn  der 
Krieg  hätte  uns  die  Kohlen-  und  Lebensmittelzuschübe  gesperrt;  den  militäri- 
schen Zusammenbruch,  denn  der  Krieg  hätte  unser  kampfmüdes,  infolge 
der  Niederlage  und  des  Elends  kleinmütig  gewordenes  Volk  den  durch 
ihren  historischen  Sieg  vom  Siegesrausch,  von  kriegerischer  Stimmung  er- 
füllten Nachbarvölkern,  er  hätte  unsere  schwachen  Volkswehren  den  auf 
dem  italienischen  Kriegsschauplatz  fest  zusammengeschweißten  tschechi- 
schen Legionen,  dem  kriegserprobten  eerbischen  Heere  entgegengestellt; 
den  Untergang  unserer  Selbständigkeit,  denn  der  Krieg  hätte  mit  der  Be- 
setzung unseres  Landes  durch  fremde  Armeen  geendet.  Den  Frieden  mit 
den  Nachbarvölkern  zu  erhalten,  war  unsere  wichtigste  Aufgabe.  Denn  nur 
der  Friede  sicherte  uns  das  bißchen  Brot.  Nur  der  Friede  ermöglichte  uns  die 
Behauptung  unserer  jungen   Freiheit. 

.  Das  alte  Reich  war  zerfallen  Aber  sein  Verwaltungsapparat  hatte  es 
überlebt.  In  Wien  bestanden  noch  zentrale  Behörden  und  Anstalten,  die 
noch  Geschäfte  abzuwickeln  hatten,  die  die  wirtschaftlichen,  rechtlichen, 
militärischen  Interessen  aller  Nachfolgestaaten  berührten.  Wollten  wir  Kon- 
flikte mit  den  Nachfolgestaaten  vermeiden,  so  mußten  wir  einen  Apparat 
schaffen,  der  eine  möglichst  reibungslose  Abwicklung  dieser  noch  gemein- 
samen Geschäfte  ermöglichen  konnte.  Nicht  ohne  große  Mühe,  nicht  ohne 
schwere  Opfer  ist  dies  gelungen.  Es  gelang  zunächst,  die  Wiener  Gesandten 
aller  Nachfolgestaaten  zu  einer  Gesandtenkonferenz  zu  vereinigen,  die  sich 
allwöchentlich  im  Staatsamt  des  Äußeren  versammelte  und  die  oberste 
Leitung  der  Abwicklung  der  noch  gemeinsamen  Angelegenheiten  übernahm. 
Sie  setzte  dann  als  ihre  Organe  eine  Internationale  Liquidationskommission 
und  internationale  Bevollmächtigtenkollegien  für  die  einzelnen  „liquidie- 
renden Ministerien"  ein.  Es  war  ein  umständlicher  und  kostspieliger 
Mechanismus.  Und  es  war  ein  schweres  Opfer,  daß  wir  bis  zum  Friedens- 
schluß von  St.  Germain  neben  unseren  Staatsämtern  auf  unserem  Boden 
auch  noch  „liquidierende  Ministerien"  dulden  mußten,  die  unter  der  Mit- 
kontrolle der  Nachfolgestaaten  standen.  Aber  nur  dieser  Mechanismus  hat 
es  ermöglicht,  die  alte  gemeinsame  Verwaltung  ohne  gefährliche  Konflikte 
mit  den  Nachfolgestaaten  abzuwickeln,  ihre  Geschäfte  allmählich  in  dief 
Verwaltung  der  Nationalstaaten  überzuführen. 

Ungleich  ernstere  Konflikte  gingen  aus  dem  Streite  um  die  Grenzen  der 
neuen  Staaten  hervor.  Wir  beanspruchten  alle  Gebiete  mit  deutscher  Be- 
völkerungsmehrheit. Wir  forderten,  daß  diese  Gebiete  unter  unserer  Ver- 
waltung bleiben,  bis  der  Friedensvertrag  über  ihre  staatliche  Zugehörigkeit 
entscheidet.  Wir  verlangten,  daß  diese  Entscheidung  über  alle  bestrittenen 
Gebiete  durch  freie  Volksabstimmung  unter  neutraler  Kontrolle  erfolgen 
solle.. Die  Tschechen  und  die  Jugoslawen  lehnten  diese  unsere  Forderungen 
ab.  Sie  suchten  sich  noch  vor  dem  Friedensschluß  gewaltsam  in  den  Besitz 
der  von  ihnen  beanspruchten  Gebiete  zu  setzen. 

Zunächst  gingen  die  Tschechen  zum  Angriff  gegen  Deutschböhmen  und 
das  Sudetenland  vor.  Diese  beiden  Gebiete  waren  von  uns  räumlich  voU- 

—    131    —  9* 


ständig  gelrennt.  Wir  konnten  ihnen  keine  Waffen  liefern.  Wir  konnten 
ihre  Lcbensnüttelversorgung  nicht  organisieren.*  Nicht  auf  üeutscb.österreich, 
sondern  nur  auf  das  Deutsche  Reich  gestützt,  hätten  sich  Dcutscliböhinen 
und  das  Sud^lenland  verteidigen  können.  Aber  das  Deutsche  Reich,  selbst 
in  schwerster  Bedrängnis,  wagte  es  nicht,  in  die  Kämpfe  außerhalb  der 
Reichsgrenzcn  mit  Waffen-  und  Lebcnsmittclsendungen  einzugreifen.  So 
waren  Deutschbohmcn  und  das  Sudetenland  auf  sich  selbst  gestellt.  Die 
Tschechen  sperrten  ihnen  zuerst  die  Lebcnsmittelzufuhr.  V'un  den  Agrar- 
gebieten  Mittelböhmens  und  Mährens  abgesperrt,  gerieten  sie  in  bitterste 
.\ot.  Der  Hunger  lähmte  die  Widerstandskraft  der  Volksmasscn.  Und  wenn, 
wie  in  Aussig,  Hungersnot  zu  Plünderungen  führte,  rief,  die  deutsche 
Bourgeoisie  selbst  nach  der  tschechischen  Okkupation.  So  konnten  die 
tschechischen  Truppen  in  der  Zeit  vom  28.  November  bis  zum  IG.  Dezember 
Deutschböhiuen  und  das  Sudetcnland  besetzen,  ohne  auf  Widersland  zu 
stoßen.  Die  deutschi)öhmische  Landesregierung  flüchtete  am  11.  Dezember 
nach  Dresden;  die  sudctenländische  Landesregierung  legte  am  19.  Dezember 
ihr  Amt  nieder.  Aber  hatten  sich  Deutschböhmen  und  das  Sudetenland  der 
tschechischen  Okkupation  nicht  mit  bewaffneter  Hand  erwehren  können, 
so  setzten  sie  der  tschechischen  Fremdherrschaft  doch  starken  moralischen 
Widerstand  entgegen.  Dieser  Widerstand  erreichte  seinen  Höhepunkt  im 
März  1019.  Die  Tschechoslowakei-  stempelte  die  Banknuten  ab;  den 
deutschen  Gebieten  war  die  Notenabstenipelung  als  die  wirtschaftliche 
Annexion  verhaßt,  die  der  militärischen  Okkupation  folgte.  Zugleich  trat 
am  4.  März  in  Wien  die  Konstituierende  Nationalversammlung  zusammen; 
Deutschböhmen  und  das  Sudetenland  protestierteji  dagegen,  daß  die 
tschechische  Okkupation  ihnen  die  Teilnahme  an  der  Wahl  der  National- 
versammlung verwehrt  halle.  Am  4.  März  ruhte  in  den  besetzten  Gebieten 
die  Arbeit;  durch  den  Generalstreik  und  große  Massenkundgebungen  demon- 
strierten die  Arbeiter  Deutschböhmens  und  des  Sudetenlandes  für  ihre 
Zugehörigkeit  zu  Deutschösterreich.  Die  tschechischen  Truppen  zersprengten 
die  demonstrierenden  Massen;  in  Kaaden  bezahlten  25,  in  Sternberg 
16  Deutsche  die  Kundgebung  mit  ihrem  Leben. 

Nach  der  Besetzung  Deutsch.böhmens  und  des  Sudetenlandes  gingen  die 
Tschechen  gegen  den  Böhmerwaldgau  und  den  Zuai-.ier  Kreis  vor.  Hier 
handelte  es  sich  um  Gebiete,  die  an  Ober-  und  Niederösterreich  grenzen; 
hier  waren  wir  vor  die  Frage  gestellt,  ob  wir  bewaffneten  Widerstand 
leisten  solllen  Die  Tschechen  beriefen  sich  auf  den  Waffenstillstands- 
vertrag, der  den  Ententemächten  das  Recht  gab,  alle  von  ihnen  als 
strategisch  wichtig  bezeichneten  Punkte  in  Österreich  zu  besetzen;  sie 
erklärten,  daß  sie  die  beiden  Kreise  auf  Grund  dieser  Bestimmung 
des  Waffenstillstandsverlrages  als  Ententemacht  besetzen  wollten.  Und  sie 
landen  bei  diesem  Vorgehen  in  der  lat  die  Unterstützung  der  Entente.  Als 
sie  bei  Znaim  und  Nikolsburg  auf  Wiener  Volkswehrkompagnien  stießen, 
gingen  den  tschechischen  Truppen  französische  Olfiziere  voraus,  um  zu 
markieren,  daß  die  tschechische  Okkupation  im  Namen  der  Entente,  auf 
Grund  des  Vertrages  von  Villa  Giusti  erfolge.  Erschwerte  schon  dies  jeden 
Widerstand,  so  machte  unsere  wirtschaftliche  Abhängigkeit  von  den 
tschechischen  Kohl  anzuschuhen  ihn  geradezu  unmöglich.  Unstre  Volks- 
wehrformationen  erhielten    daher    den    Befehl,   sich   zurückzuziehen,    falls 

—     132     — 


-die  tschecliischen  Truppen  unter  der  Führung  von  Ententeoffizieren  vor- 
stoßen. Auf  diese  Weise  konnten  die  Tschechen  die  deutschen  Grenz- 
bezirke Südböhmens  und  Südmährens  besetzen. 

Trotz  unseres  Zurückweichens  verwickelte  uns  die  Besetzung  der 
deutschen  Gebiete  der  Sudetenländer  in  eine  Reihe  ernster  Konflikte  mit 
der  Tschechoslowakei.  Zweimal,  Anfang  Dezember  und  Anfang  März, 
spitzten  sich  diese  Konflikte  gefährlich  zu;  da  gab  es  Stunden,  in  denen 
wir  ernste  Kriegsgefahr  zu  befürchten  Grund  hatten.  Dank  der  aus  alter 
Parteigenossenschaft  hervorgegangenen  vertrauensvollen  persönlichen  Be- 
ziehungen, die  zwischen  Tusar,  dem  tschechischen  Gesandten  in  Wien,  und 
mir  bestanden,  und  dank  der  Unterstützung  der  englischen  und  amerikani- 
schen Vertreter  in  Wien  ist  es  gelungen,  diese  Gefahr  abzuwehren. 

Ganz  anders  als  im  Norden  entwickelte  sich  der  Kampf  um 
die  Grenzen  im  Süden.  Im  Norden  standen  wir  der  tschecho- 
slowakischen Staatsgewalt  gegenüber,  die  sich  überaus  schnell  kon- 
solidiert hatte,  uns  vom  Anfang  an  militärisch  überlegen  war 
und  von  der  wir  vom  Anfang  an  wirtschaftlich  abhängig  waren. 
Im  Süden  dagegen  vollzog  sich  die  Staatsbildung  ungleich  schwie- 
riger. Der  am  29.  Oktober  1918  begründete  jugoslawische  Staat  umfaßte  zu- 
nächst nur  die  südslawischen  Gebiete  Österreich-Ungarns;  seine  Begründer 
wollten  erst  von  Macht  zu  Macht  mit  Serbien  über  den  Zusammenschluß 
verhandeln.  Aber  dieser  jugoslawische  Staat  geriet  vom  Tage  seiner  Be- 
gründung an  in  schwerste  Bedrängnis.  Sofort  nach  dem  Zusammenbruch 
der  österreichisch-ungarischen  Arniee  drangen  italienische  Truppen  tief  in 
das  südslawische  Gebiet  ein.  Italien  erkannte  die  Übergabe  der  öster- 
reichisch-ungarischen Flotte  an  Jugoslawien  nicht  an  und  verlangte  ihre 
Auslieferung  auf  Grund  des  Waffenstillstandsvertrages.  Die  vom  Narodno 
Vijece  am  2.  November  angeordiiete  Mobilisierung  mißlang;  die  kriegs- 
müden Bauern  rückten  nicht  ein.  Die  Zentralregierung  des  Narodno  Vijece 
vermochte  sich  gegen  die  Landesregierungen  —  die  Regierung  des  Banus  in 
Agram,  die  Regierungen  des  Narodni  Svet  in  Laibach  und  des  Narodno 
Vijece  in  Sarajewo  —  nicht  durchzusetzen.  So  blieb  dem  Narodno  Vijece 
nichts  anderes  übrig,  als  sich  Serbien  in  die  Arme  zu  werfen.  Am  24.  No- 
vember beschloß  es  die  Vereinigung  des  jugoslawischen  Staates  mit  Serbien; 
am  1.  Dezember  wurde  sie  in  Belgrad  proklamiert.  Aber  es  dauerte  viele 
Monate,  ehe  sich  die  Belgrader  Zentralregierung  die  lokale  Verwaltung  der 
einzelnen  südslawischen  Länder  wirklich  unterordnen,  ihre  selbständigen 
Truppen  dem  Heere  des  Königreiches  einfügen  konnte.  In  den  ersten 
Monaten  nach  dem  Umsturz  stand  uns  daher  im  Süden  noch  nicht  die  Bel- 
grader Staatsgewalt,  sondern  noch  die  Laibacher  slowenische  Landes- 
regierung gegenüber,  deren  selbständige  Aktionen  von  der  Belgrader  Re- 
gierung desto  argwöhnischer  betrachtet  und  desto  schwächlicher  unter- 
stützt wurden,  je  mehr  die  Kraft  des  südslawischen  Königreiches  durch 
seinen  schweren  Konflikt  mit  Italien  gebunden  war.  Slowenien  war  ein 
militärisch  ungleich  schwächerer  Gegner  als  die  Tschechoslowakei  und  von 
Slowenien  waren  wir  nicht  in  gleichem  Maße  wirtschaftlich  abhängig  als 
von  der  Tschechoslowakei.  So  konnten  wir  im  Süden  ungleich  wirksameren 
Widerstand  leisten  als  im  Norden.  Aber  freilich,  auch  die  Möglichkeiten 
dieses  Widerstandes  waren  eng  begrenzt;  denn  in  dem  Maße,  als  sich  im 

—    133    — 


Vorlauf  des  .lahrcs  IT)  19  dio  neue  staatliche  Ordnung  im  Süden  konsolidierte,, 
mußten  wir  damit  reelmen,  daß  uns  im  Falle  einer  ernsten  Krise  nicht  mehr 
l)loß  die  schwachen  Kräfte  Sloweniens  gegenüberstehen  werden,  sondern  die- 
ungleich  stärkeren  Kräfte  Großserbiens. 

In  den  Tagen  des  Umsturzes  besetzte  der  slowenische  General  Majslr 
nicht  nur  das  slowenische  Gebiet  der  üntersteiermark,  sondern  auch  die 
deutschen  Grenzstädte  Marburg  und  Radkersburg.  Zugleich  schob  er- 
schwache Streitkräfte  auch  nach  Kärnten  vor.  Hier  aber  stieß  er  sehr  bald 
auf  Widerstand. 

Die  Kärntner  Wenden,    von  Krain  durch    die  Mauer    der  Karawanken 
geschieden,  ohne  eigenes  städtisches  Zentrum,    hatten    an    der  nationalen: 
Bewegung  der  Slowenen  Sehr  geringen  Anteil.  In  dem  Bauernvölkchen  war 
das  Kärntner  Ileimatsgefühl    stärker    als    das    slowenische  Nationalgefühl. 
Der  Verlauf  der  Sprachgrenze  in  Kärnten  macht  eine  reinliche  Scheidung- 
der  beiden   Nationen   unmöglich;   die   windischen  Bauern  hätten   an   Slo- 
wenien nicht  fallen  können,  ohne  daß  deutsche  städtische  Siedlungen  unter 
slowenische  Fremdherrschaft  gefallen  wären.  Gegen  eine  solche  Zerreißung 
des  Landes    lehnte    sich    der  Kärntner  Landespatriotismus    auf.     Als  die 
Slowenen  die  Drau  überschritten  und  Völkermarkt  besetzten,  als  es  offenbar 
wurde,  daß  sie  einen  Vorstoß  gegen  Klagenfurt  vorbereiteten,  entschlossert. 
sich  die  Kärntner  zum  Kampf.  Am  28.  November  1918  erklärte  der  Landes- 
soldatenrat, die  Volkswehr  sei  zum  Kampf  gegen  die  slowenischen  über- 
griffe bereit.  Am  5.  Dezember  faßte  die  Landesversaramlung  den  Beschluß;. 
,, Ententetruppen     sind    ungehindert    passieren    zu    lassen,     südslawischen 
Truppen  ist  Widerstand  zu  leisten."  Als  am  14.  Dezember  ein  südslawische? 
Halbbataillon   Grafenstein,    15  Kilometer  östlich  von    Klagenfurt,    besetzte, 
griff  die  Volkswehr  das  Halbbataillon  an  und  nahm  es  gefangen.  Wenige- 
Tage  später  erhob  sich  die  Bevölkerung  des  Lavanttales  und  nahm  einen 
großen   Teil    der   schwachen   slowenischen   Besatzung   gefangen.   Nun   ent- 
schloß   sich    der  Landesbefehlshaber    Oberst'  Ludwig    Hülgerth    zu    einem 
größeren  Angriff.  Der  Angriff  begann  am  5.  Jänner.  Die  Volkswehr,  durch 
Freiwilligenformationen  verstärkt,  ging  in  vier  Gruppen  vor:  die  Gailtaler- 
Gruppe    nahm  die    slowenische  Besatzung    in    Arnoldstein    gefangen    und, 
rückte  gegen  Fürnitz  vor;  das  Villacher  Volkswebrbataillon  drang  bis  über 
den  Faakersee  hinaus  vor ;  die  Veldener  Gruppe  erstürmte  die  Brücke  von; 
Rosegg   und   vereinigte   sich    in  Rosenbach    mit   der   Villacher  Volkswehr;, 
endlich    gelang    es    Klagenfurter  Volkswehrbataillonen    und    Freiwilligen- 
formationen, die  Hollenburger  Brücke  und  Ferlach  zu  nehmen.  Damit  war; 
die  südslawische  Besetzung  auf  den  südöstlichen  Teil  des  Landes  und  den. 
Brückenkopf  von  Völkermarkt  beschränkt.  Dieser  Zustand  wurde  durch  den 
am   13.  Jänner  abgeschlossenen  Waffenstillstand  vorläufig  festgelegt. 

Indessen  war  es  uns  gelungen,  die  amerikanische  Studienkommission,. 
die,  von  Professor  Coolidge  geleitet,  in  Wien  weilte,  für  die  Teilnahme  an. 
den  Waffenstillstandsverhandlungen  zu  gewinnen.  Die  Verhandlungen 
führten  zu  dem  Ergebnis,  daß  die  Demarkationslinie  durch  Schiedspruch 
des  amerikanischen  Oberstleutnants  Miles  festgesetzt  werden  solle.  Miles 
bereiste  zu  diesem  Zweck  Kärnten.  Seine  Reise  hat  sehr  viel  dazu  bei- 
getragen, die  Friedenskonferenz  richtig  über  Kärnten  zu  unterrichten;  sein; 

_    13i    — 


'Offenbar  Deutschösterreich'  günstiger  Schiedsspruch  aber  ist  infolge  siid- 
slawischen  Einspruchs  in  Paris  nie  veröffentlicht  worden.  Daher  drohten 
die  Kämpfe  von  neuem  auszubrechen.  Beide  Teile  rüsteten.  Im  April  ent- 
■schlossen  sich  die  Südslawen  zu  einem  Angriff  auf  Klagenfwt. 

Am  29.  April  griffen  die  Jugoslawen  längs  der  ganzen  Front  an.  Es 
gelang  ihnen,  von  dem  Völkermarkter  Brückenkopf  aus  in  die  Nähe  von 
Klagenfurt  vorzudringen.  Die  Gefahr  schien  groß.  Wir  schickten  den 
Kärtnern  Wiener  Volkswehr,  Geschütze  und  Artilleriemunition  zu  Hilfe. 
Indessen  war  es  den  Kärntnern  bereits  gelungen,  den  feindlichen  Angriff 
zum  Halten  zu  bringen.  Sobald  die  Verstärkungen  eingelangt  waren,  konnte 
■Oberst  Hülgerth  zum  Gegenangriff  übergehen.  Am  2.  Mai  wurde  der 
Brückenkopf  von  Völkerraarkt  angegriffen  und  genommen.  Am  4.  Mai 
griffen  die  Kärntner  den  linken  Flügel  der  jugoslawischen  Front  an: 
.St.  Margareten  im  Rosental  und  die  Hochfläche  von  Abtei  wurden 
genommen  und  der  stark  befestigte  Ausgang  des  Karawankentunnels  bei 
Rosenbach  erstürmt.  Diese  Niederlagen  hatten  die  Widerstandskraft  der 
jugoslawischen  Truppen  gebrochen.  Sie  begannen  die  Draulinie  zu  räumen. 
Sie  wichen  ohne  Widerstand  zurück. 

Indessen  hatte  der  General  Segrfe,  der  Chef  der  Waffenstillstands- 
kommission der  Entente,  eingegriffen.  Er  protestierte  dagegen,  daß  wir  die 
Draulinie  überschreiten;  er  verlangte,  daß  eine  neue  Demarkationslinie 
in  Waffenstillstandsverhandlungen  unter  seiner  Vermittlung  festgesetzt 
werde.  Es  schien  uns  notwendig,  diesen  Vorschlag  anzunehmen.  Nach  dem 
•errungenen  Sieg,  unter  dem  Einfluß  der  den  Jugoslawen  wenig  geneigten 
italienischen  Vermittlung,  konnten  wir  eine  für  uns  günstige  Demarkations- 
linie erreichen.  Lehnten  wir  dagegen  Segres  Vermittlung  ab,  setzten  wir 
die  Verfolgung  des  geschlagenen  Gegners  fort,  so  mußten  wir  damit  rechnen, 
.sehr  bald  nicht  mehr  bloß  den  schwachen  jugoslawischen  Kräften,  die 
bisher  in  Kärnten  gekämpft  hatten  —  es  waren  im  ganzen  ungefähr 
40  Kompagnien,  unter  ihnen  höchstens  drei  serbische,  mit  nur  56  Ge- 
schützen —  sondern  starken  regulären  serbischen  Streitkräften  gegenüber- 
zustehen. Wir  forderten  daher  die  Kärntner  Landesregierung  auf,  den 
Vormarsch  ihrer  Truppen  aufzuhalten.  Aber  die  Kärntner  wollten  sich 
■durch  nichts  und  von  niemand  hindern  lassen,  ihren  Sieg  auszunützen. 
Während  die  Wiener  Volkswehr,  dem  Befehl  des  Staatssekretärs  für  Heer- 
wesen entsprechend,  an  der  Draulinie  stehen  blieb,  drängten  die  Kärntner 
trotz  allen  unseren  Warnungen  dem  kampflos  zurückweichenden  Feinde 
bis  zur  Landesgrenze  nach. 

Es  geschah  nun,  wovor  wir  Kärnten  vergebens  gewarnt  hatten.  Das 
vierte  serbische  Armeekommando  zog  neun  Infantericregimenter  mit  starker 
Artillerie  zum  Gegenangriff  zusammen,  der  am  23.  Mai  einsetzte.  Die 
Kärntner  Truppen  konnten  der  Übermacht  nicht  standhalten.  Arn  Abend  des 
ersten  Kampftages  mußten  sie  sich  an  die  Drau  zurückziehen.  Am  2.  Juni 
gelang  es  dem  Feind,  unseren  linken  Flügel  im  Lavanttal  aufzurollen. 
Infolge  seiner  Niederlage  fiel  am  4.  Juni  Völkermarkt  in  die  Hände  des 
Feindes.  Daher  mußte  am  folgenden  Tage  Klagenfurt  geräumt  werden;  am 
6.  Juni  wurde  es  von  den  Jugoslawen  besetzt.  In  den  folgenden  Tagen 
besetzten  italienische  Truppen  die  Eisenbahn  Tarvis-St.  Veit.  Damit  war 
4er  Kärntner  Abwehrkampf  beendet. 

~    135    — 


Der  Abwehrkampf  hatte  Kärnten  200  Tote  und  800  Verwundete  ge- 
kostet. Er  halte  nach  zwei  schönen  Siegen  schlieliiich  docli  mit  einer 
Niederlage  unserer  Waffen  geendet.  Aber  er  war  darum  nicht  erfolglus. 
Er  hat  den  Verkauf  der  Friedensverhandlungen  in  Paris  stark  beeinflußt 
und  auf  diese  Weise  sehr  viel  dazu  beigetragen,  Kärnten  vor  der  drohen- 
den slawischen  Fremdherrschaft  zu  retten.  Die  Regierung  der  Republik 
aber  haben  die  Kämpfe  in  Kärnten  vor  eine  sehr  schwierige  Aufgabe  gestellt. 
Wir  mußten  einerseits  Kärnten  unterstützen,  soweit  dies  möglich  war;  wir 
mußten  anderseits  verhindern,  daß  die  lokalen  Kämpfe  in  Kärnten  uns  iu 
einen  allgemeinen  kriegerischen  Konflikt  mit  dem  jugoslawischen  König- 
reich verwickeln.  Denn  ein  Vorstoß  regulärer  serbischer  Streitkräfte  gegen 
Graz  hätte  den  Zusammenbruch  Deutschösterreichs  herbeigeführt.  Wir 
mußten  daher  den  Konflikt  in  Kärnten  lokalisieren,  sein  Übergreifen  nach 
Steiermark  verhüten,  während  der  Kärntner  Kämpfe  die  diplomatischen 
Beziehungen  zu  dem  jugoslawischen  Königreich  aufrechterhalten  und  uns- 
in  mühevollen  Verhandlungen  immer  wieder  zu  friedlicher  Lösung  des 
Konflikts  bereit  zeigen.  Auf  diese  Weise  ist  es  uns  gelungen,  den  Bruch 
mit  Jugoslawien  zu  verhindern  und  dadurch  auch  im  Süden  den  Frieden, 
zu  erhalten. 

Aber  die  scliweren  Opfer,  die  wir  im  Norden  wie  im  Süden  hatten; 
bringen  müssen,  um  der  Gefahr  des  Krieges  mit  den  slawischen  Nachbar- 
völkern zu  entgehen,  genügten  nicht,  unsern  Frieden  zu  retten.  Denn 
die  schwerste  Kriegsgefahr  ging  nicht  aus  dem  Streit  um  unsere  Grenzen 
im  Norden  und  im  Süden  hervor,  sondern  aus  den  Wirkungen  der 
ungarischen  Revolution  auf  unsere  inneren  Verhältnisse  —  Wirkungen,  die- 
uns  in  den  Krieg  Ungarns  mit  seinen  Nachbarn  zu  verwickeln  drohten. 

Die  Oktoberrevolution  hatte  in  Ungarn  wie  in  Dcutschöslerreich  die 
Vorherrschaft  der  Arbeiterklasse  begründet.  Aber  ungleich  stärker  als  in. 
Deutschösterreich  drängte  in  Ungarn  das  Proletariat  danach,  seine  Vor- 
Iierrschaft  zu  seiner  Alleinherrschaft,  zu  seiner  Diktatur  weiterzuentwickeln. 
Deutschösterreich  konnte  ohne  die  Nahrungsmittel-  und  Kohlenzuschübe 
der  Entente  nicht  leben;  Ungarn  hatte  Nahrungsmittel  i:nd  Kohle  im 
eigenen  Lande.  Das  ungarische  Proletariat  fürchtete  daher  den  Konflikt 
mit  der  Entente  viel  weniger  als  das  deutschösterreichische.  In  Deutscli- 
österreich  stand  das  Proletariat  einer  in  jahrzehntelanger  politischer  Ent- 
wicklung geschulten  und  organisierten,  politisch  sehr  regsamen  und 
starken  Bauernschaft  gegenüber;  in  Ungarn  war  die  Bauernschaft  noch 
politisch  ungeschult  und  teilnahmslos,  das  flache  Land  fügte  sich  noch 
widerstandslos  den  politischen  Entscheidungen  der  Hauptstadt.  Das- 
deutschösterreichischc  Proletariat  verstand,  daß  es  die  Macht  mit  den 
Bauern  teilen  mußte;  das  ungarische  Proletariat  glaubte,  die  Bauern 
unschwer  seiner  Diktatur  unterwerlcn  zu  können.  In  Österreich  war  die 
nationale  Revolution  das  Ergebnis  jahrzehntelanger  nationaler  Kämpfe; 
üie  dcutschöslerreichische  Revolution  erkannte  das  Selbstbestimmungs- 
recht der  Nachbarvölker  an.  Die  ungarische  Revolution  dagegen  be- 
trachtete die  Besetzung  der  Slow:akei  durch  die  Tschechen,  Siebenbürgens, 
durch  die  Rumänen,  der  Bacska  und  des  Banats  durch  die  Jugoslawen  als 
•Annexion  durch  fremde  Eroberer;  sie  verteidigte  gegen  sie  die  „Integrität"" 
des  hiciorischcn  Ungarn.     Der  Kampf  um  die  „Integrität"  verknüpfte  sich 

-     136    —   . 


mit  dem  Kampfe  um  die  Diktatur  des  Proletariats.  Im  Oktober  hatte  Ungarii 
seine  Integrität  dadurch  zu  retten  gehofft,  daß  es  die  Herrenklassen,  die 
die  Träger  des  Bündnisses  mit  Deutschland  und  der  Union  mit  Österreich 
gewesen  waren,  stürzte  und  die  ententefreundliche  Demokratie  in  die 
Macht"  setzte.  Als  aber  die  Entente  ungarisches  Land  den  Tschechen,  den 
Rumänen,  den  Jugoslawen  zusprach,  wurde  der  Glaube  an  die  Demokratie 
schwer  erschüttert;  Ungarn  warf  sich  nun  der  kommunistischen  Diktatur 
in  die  Arme,  um  im  Bunde  mit  Sowjetrußland  seine  Integrität  gegen  die 
Entente  zu  verteidigen.  Als  am  20.  März  1919  der  französische  Oberstleutnant 
Vyx  der  Regierung  Karolyi  eine  Note  überreichte,  die  die  Demarkations- 
linie tief  in  magyarisches  Gebiet  vorschob,  dankte  die  Regierung  Karolyi 
ab  und  die  Sozialdemokratie,  allein  nicht  mehr  stark  genug,  sich  des 
kommunistischen  Ansturms  zu  erwehren,  unterwarf  sich  der  kommu- 
nistischen Eührung.  Am  21.  März  wurde  die  ungarische  Räterepublik  auf- 
gerichtet. 

Aus  dem  Kampf  um  die  Grenzen  entstanden,  geriet  die  Räterepublik 
sofort  in  den  Krieg  gegen  Rumänien  und  gegen  die  Tschechoslowakei. 
Rumänen  und  Tschechen  drangen  zu  der  neuen,  von  der  Entente  fest- 
gesetzten Demarkationslinie  vor.  Die  Rumänen  griffen  bei  Debreezin, 
Großwardein,  Arad  an.  Die  Tschechen  besetzten  Salgotarjan,  Miskolcz, 
Sarotalja-Ujhely.  Ungarn  war  im  Kriege  um  seine  Grenzen.  Ungarn 
brauchte  Kriegsmaterial  und  Munitionsfabriken.  In  Deutschösterreich 
glaubte  Ungarn  zu  finden,  was  es  zur  Kriegführung  brauchte.  Die 
ungarische  Räteregierung  versuchte  es  daher,  in  Deutschösterreich  die 
Gründung  einer  Räterepublik  zu  erzwingen,  die,  mit  der  ungarischen  Räte- 
republik verbündet,  ihr  die  Kriegsrüstung  liefern  sollte.  ,,In  Österreich", 
schrieb  Ernst  Bettelheim,  „war  die  ganze  Ausrüstung  der  imperialistischen 
Armee  Österreich-Ungarns,  ihre  ganze  Munition,  ihre  Waffen  angehäuft; 
Zehntausende  von  Maschinengewehren,  Tausende  von  Kanonen  ver- 
schiedenen Kalibers;  große  Waffen-  und  Munitionsfabriken,  von  wo  die 
im  Rückzug  befindlichen  ungarischen  roten  Truppen  hätten  versorgt 
werden  können.  In  Österreich  war  die  Österreichisch-Ungarische  Bank  mit 
ihrer  ganzen  technischen  Ausstattung.  Der  Fluch  des  weißen  Geldes,  das 
eine  gegenrevolutionäre  Wirkung  hervorrief,  wäre  mit  einem  Schlage  be- 
seitigt worden.  Österreich  ist  ein  Industriestaat,  und  der  ungarische  Bauer 
wäre  mit  Hilfe  der  österreichischen  Industricartikel  unzertrennbar  an  die 
proletarische  Diktatur  gekettet  worden."  Aber  diese  Bedeutung  Deutsch- 
Österreichs  für  die  Kriegführung  Unga,rns  erkannte  nicht  nur  Ungarn,  es 
erkannten  sie  auch  Ungarns  Gegner.  Es  war  vom  ersten  Augenblick  an 
klar:  die  Proklamierung  der  Räterepublik  in  Wien  bedeutet  die  Allianz 
Deutschösterreichs  mit  Ungarn;  die  Allianz  mit  Ungarn  bedeutet  den  Krieg 
mit  der  Tschechoslowakei,  bedeutet  die  Einstellung  der  Kohlen-  und 
Lebensmittelzufuhr,  bedeutet  den  Vormarsch  der  tschechischen  Legionen 
gegen  Wien. 

Sofort  nach  der  Märzrevolution  wandte  sich  die  ungarische  Räte- 
regierung an  uns.  Wir  verweigerten  der  proletarischen  Revolution  in 
Ungarn  nicht  unsere  Unterstützung.  Während  alle  anderen  Staaten  die 
ungarische  Räterepublik  blockierten,  ließen  wir  in  Wien  eine  Gesandtschaft 
und   eine   Handelsvertretung   der  Räterepublik    zu,   wir   schlössen    mit   ihr 

—    137    - 


einen  Handelsvcrtratr  aL  und  ermösliclüen  Ungarn  den  Bezug  großer 
Mengen  österrcicliischer  Industricprochlkte.  Wir  Iconnlen,  ohne  die 
niichten  der  Neutralität  dem  tschechisch-ungarischen  Krieg  gegenüber  zui 
verletzen,  Ungarn  niclit  von  Amts  wegen  Kriegsgerät  Hefern;  aber  die 
sozialdemokratischen  Arbeiter  des  Wicner-Neustädter  Gebietes  schmug- 
gelten unbehindert  bedeutende  Mengen  Kriegsgerät  über  die  ungarische 
Grenze.  Als  die  Entente  kurz  nach  der  Märzrevolution  die  Blockade  über 
Deutschösterreich,  die  im  Waffenstillstandsvertrag  noch  aufrechterhalten, 
worden  war,  nur  unter  der  Bedingung  aufhob,  daß  die  importierten  Waren 
nicht  nach  Ungarn  weitergebracht  worden  dürften,  mußten  wir  uns  dieser 
Bedingung  freilich  fügen;  aber  trotzdem  blieb  uns  noch  die  Möglichkeit, 
Ungarn  mannigfache  wirtschaftliche  Hilfe  zu  leisten.  Aber  freilich,  alle 
Hilfe,  die  wir  dem  ungarischen  Proletariat  leisten  konnten,  war  doch  damit, 
begrenzt,  daß  wir  uns  nicht  in  einen  kriegerischen  Konflikt  mit  unseren  . 
anderen  Nachbarn  verwickeln  lassen  durften.  Wir  konnten  die  ungarische 
Räterepublik  unterstützen;  aber  wir  mußten  die  Proklamicrung  der  Räte- 
republik in  Deutschösterreich  verhindern. 

Bela  Kun  hatte  zuerst  erwartet,  daß  die  deutschösterreichische  Sozial- 
demokratie das  Beispiel  der  ungarischen  nachahmen,  sich  mit  den  Kom- 
munisten vereinigen  und  selbst  die  Rätediktatur  in  Deutschösterreich  auf- 
richten werde.  Sobald  er  gewahr  wurde,  daß  wir  das  ablehnten,  begann  er 
den  Kampf  gegen  uns.  Die  Wiener  ungarische  Gesandtschaft  wurde  zur 
Agitationszentrale.  Der  kommunistischen  Partei  Deutschösterreichs  flössen 
aus  Ungarn  große  Geldmittel  zu,  die  nicht  nur  der  Verstärkung  ihrer  Propa- 
ganda dienten,  sondern  auch  dazu  verwendet  wurden,  einzelne  Vertrauens- 
männer der  Arbeiter  und  Soldaten  durch  Bestechung  zu  gewinnen.  Die 
kommunistische  Propaganda  suchte  den  Arbeitern  einzureden,  daß  Ungarn 
über  große  Lebensmittelvorräle  verfüge,  die  hinreichend  seien,  den  Bedarf 
Deutschösterreichs  reichlich  zu  befriedigen,  und  daß  die  Heere  der  russischen 
Sowjetrepublik  schon  in  Galizien  eingedrungen  seien  und  binnen  kurzem 
die  Karpathen  überschreiten,  sich  mit  der  ungarischen  Rotr-n  Armee  ver- 
einigen würden.  Die  furchtbare  Not.  die  in  Deutschösterreich  herrschte,  die- 
Massenarbeitslosigkeit,  die  im  Mai  die  größte  Ausdehnung  erreichte,, 
sicherten  der  kommunistischen  Propaganda  einen  empfänglichen  Boden. 
Sie  gewann  an  Kraft,  als  am  7.  April  auch  in  München  die  Räterepublik 
proklamiert  wurde  und  als  im  Mai  die  ungarische  Rote  Armee  in  der  Slo- 
wakei bedeutende  Siege  über  die  tschechischen  Truppen  errang. 

Der  Abwehrkampf  gegen  den  Kommunismus  wurde  auf  dem  Boden  der 
Arbeiterräte  geführt.  In  den  ersten  Wochen  nach  der  Oktoberrevolution 
wirkten  die  Arbeiterräte  der  einzelnen  Orte  unabhängig  voneinander  ur.di 
ihre  Wirksamkeit  war  auf  die  Kontrolle  der  Lehensmittelaufbringung  kon- 
zentriert. Erst  im  Verlauf  des  Frühjahrs  1919  wurden  die  lokalen  Arbeiter- 
räte zu  einer  einheitlichen  Organisation  zusammengefaßt  und  wurde  diese 
Organisation  zur  Stätte  der  entscheidenden  politischen  Kämpfe  innerhalb 
des  Proletariats,  zum  Instrument  der  wichtigsten  politischen  Ent- 
scheidungen des  Proletariats.  Den  Anstoß  dazu  gaben  die  oberösterreichi- 
schen Arbciterräte.  In  Oberösterreich,  dem  einzigen  Lande  Deutschöster- 
reichs,   das   über   Getreideüberschüsse    verfügte,    halte   die    wirtschaftlichem 

—     138    — 


Aktion  der  Arbeiterräte  die  größte  Ausdelmung  erlangt,  hatten  daher  auch 
-die  Arbeiterräte  den  stärksten  Einfluß  gewonnen.  Der  Linzer  Arbeiterrat 
gab  nun  die  erste  Anregung  zu  einer  Zusammenfassung  aller  lokalen 
Arbeiterräte.  Er  versammelte  am  19.  Februar  in  Linz  eine  Konferenz  der 
Arbeiterräte,  die  den  sozialdemokratischen  Parteivorstand  aufforderte,  eine 
allgemeine  Reichskonferenz  aller  Arbeiterräte  einzuberufen.  Diese  Reichs- 
konferenz, die  am  1.  März  zusammentrat,  gab  den  Arbeiterräten  einheitliche 
Satzungen,  die  die  Wahl  der  Ortsarbeiterräte  und  ihre  Zusammenfassung  zu 
Bezirks-,  Kreis-  und  Landesarbeiterräten  und  zum  Reichsarbeiterrat  regelten. 
Auf  Grund  dieser  Satzungen  wurden  in  den  folgenden  Wochen  die  Arbeiter- 
räte neugewählt.  Gaben  diese  Neuwahlen,  an  denen  sich  nicht  nur  die 
Massen  der  Arbeiter  und  Angestellten,  sondern  auch  ein  sehr  großer  Teil 
der  öffentlichen  Beamten  beteiligten,  den  Arbeiterräten  eine  verstärkte 
Autorität,  so  sicherte  die  Zusammenfassung  ihnen  eine  einheitliche 
■politische  Führung.  Diese  Führung  fiel  in  die  Hände  Friedrich  Adlers, 
dessen  revolutionäre  Haltung  während  des  Krieges  ihm  das  unbeschränkte 
Vertrauen  der  revolutionären  Arbeiterschaft  gesichert  hatte.  Unter  seiner 
Führung  wurde  der  in  jener  Zeit  überaus  schwere  Kampf  gegen  das  kom- 
munistische Abenteurertum  auf  dem  Boden  der  Arbeiterräte  durch- 
gekämpft; unter  seiner  Führung  rangen  sich  die  Arbeiterräte  zu  der 
Erkenntnis  durch,  daß  der  Versuch  der  Errichtung  der  Rätediktatur  in 
Deutschösterreich  unter  den  gegebenen  Umständen  nichts  anderes  bedeuten 
konnte  als  den  Selbstmord  der  deutschösterreichischen  Revolution.  Die 
revolutionäre  Autorität  der  Arbeiterräte  vermittelte  diese  Erkenntnis  den 
Arbeitermassen.  Die  Rätediktatur  wurde  unvollziehbar,  da  die  Räte  selbst 
die  Diktatur  ablehnten. 

Schwieriger  noch  als  auf  dem  Boden  der  Arbeiterräte  war  der  Kampf 
auf  dem  Boden  der  Soldatenräte.  Die  kommunistische  Propaganda  übte  auf 
die  Volkswehrbataillone  starken  Einfluß.  Josef  Frey,  der  an  der  Spitze  des 
V' ollzugsausschusses  der  Soldatenräte  stand,  war  unzuverlässig.  In 
schwerem  Ringen  kämpften  die  Vertrauensmänner  Julius  Deutsch',  an 
ihrer  Spitze  Braunthal,  Leo  Deutsch,  Hofmann,  Köhler,  Schuhbauer,  Weiß, 
gegen  die  kommunistischen  Versuchungen,  die  sich  an  die  Volkswehr  heran- 
drängten. Die  revolutionäre  Autorität  der  Arbeiterräte  entschied  auch  hier 
den  Kampf.  Die  Soldatenräte  beschlossen,  daß  sich  die  Volkswehr  als  die 
bewaffnete  Macht  der  Arbeiterklasse  betrachte  und  sich  daher  der  politischen 
Führung  der  Arbeiterräte  unterordne.  Da  die  Arbeiterräte  die  Rätediktatur 
ablehnten,  bedeutete  dieser  aus  der  Räteideologie  erwachsene  Beschluß  die 
Ablehnung  der  Rätediktatur  durch  die  Wehrmacht. 

Unsere  Aktion  auf  dem  Boden  der  Arbeiter-  und  Soldatenräte  hielt  die 
Massen  von  den  Kommunisten  fern.  Die  Kommunisten  versuchten  es  nun, 
gewaltsame  Zusammenstöße  der  unter  ihrem  Einfluß  stehenden  deklas- 
sierten Elemente  unter  den  Arbeitslosen.  Heimkehrern  und  Invaliden  mit 
der  Staatsgewalt  hervorzurufen,  um  die  Massen  gegen  die  Regierung  der 
Republik  aufzustacheln.  Am  18.  April,  dem  Gründonnerstag,  wenige  Tage 
nach  der  Aufrichtung  der  kommunistischen  Diktatur  in  München,  ver- 
leiteten die  Kommunisten  ein  paar  hundert  hungernde,  unwissende,  ver- 
zweifelte Arbeitslose  und  Kriegsinvalide  zu  einem  Angriff  auf  das  Parla- 

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menlssebäudc.  Die  Domonslrnnlcn  versufhlrn  es,  das  Parlamentsgebäude 
in  Brand  7ai  setzen;  luid  als  die  Polizei  ihnen  cnli^ceentrat,  machten  sie 
von  ihren  Feuerwaffen  gegen  die  Polizei  Gebrauch.  Ein  Feuorgefccht  begann. 
Die  Volkswehr  wurde  aufgeboten.  Trotz  der  kommunistischen  Agitation 
tat  sie  ihre  Pflicht.  Sie  löste  die  Polizei  ab.  besetzte  das  in  Brand  jjjeratene 
Parlamentsgebäude  und  verjagte  die  Demonstranten.  Der  Tag  hatte  schwere 
Opfer  gefordert:  sechs  Sicherheitswachleute  waren  gefallen,  zehn  Volks- 
wehrleute,  einige  Sicherheitswachmänner  und  dreißig  Demonstranten 
waren  verwundet.  Zugleich  hatte  der  Tag  die. entsetzliche  Not,  die  in  Wien 
herrschte,  furchtbar  demonstriert:  die  Demonstranten  hatten  sich  auf  die 
gefallenen  Pferde  der  Sicherheitswache  gestürzt,  aus  den  noch  warmen 
Körpern  der  toten  Tiere  Stücke  Fleisch  herausgerissen  und  sie  als  eine- 
willkommene Beute,  als  Leckerbissen,  wie  sie  lang  schon  keinen  genossen, 
nach  Hause  getragen.  Die  wichtigste  Lehre  des  Tages  aber  war  die  Haltung^ 
der  Volkswehr.  Der  Beweis  war  erbracht,  daß  die  kommunistische  Agitation 
in  den  Volkswehrkasernen  wirkungslos  geblieben  war. 

Die  kommunistische  Agitation  stürzte  sich  nun  mit  verstärkter  Kraft  auf 
die  Volkswehr.  Die  Entente  bot  ihr  die  willkommene  Gelegenheit  dazu.  Die 
interalliierte  Waffenstillstandskommission  verlangte  den  Abbau  der  Volks- 
wehr, da  die  Zahl  unserer  Soldaten  die  im  Waffenstillstandsvertrag  fest- 
gesetzte Höchstzahl  übersteige.  Die  Soldaten  fürchteten  in  dieser  Zeit  der 
Massenarbeitslosigkeit  die  Entlassung  aus  der  Volkswehr;  ihre  Erregung- 
suchten die  Kommunisten  auszunützen,  um  sie  zu  einem  Putschversuch  zu 
gewinnen.  In  der  zweiten  Hälfte  Mai  kam  Ernst  Bettelheim  als  Emissär  der 
ungarischen  Räteregierung  nach  Wien.  Er  trat  hier  als  Vertreter  der  Kom- 
munistischen Internationale  auf,  in  ihrem  Namen  stürzte  er  die  kom^- 
munistische  Parteileitung  und  setzte  an  ihre  Stelle  ein  Direktorium,  das  den 
Putsch  organisieren  sollte.  Da  die  interalliierte  Waffenstillstandskom- 
mission verlangte,  daß  die  Entlassung  der  abzubauenden  Wehrmänner  bis 
zum  15.  Juni  erfolgen  müsse,  setzte  Bettelheim  den  Putsch  für  diesen  Tag 
an.  Kommunistische  Flugblätter  forderten  die  Wehrmänner  5)uf,  bewaffnet 
an  der  für  den  15.  Juni  einberufenen  Straßendemonstration  teilzunehmen. 
Das  kommunistische  „Revolutionäre  Soldatenkomitee"  gab  an  die  „Initia- 
tivkomitees" in  den  Bataillonen  Weisungen  für  den  Straßenkampf  und  für 
die  Besetzung  der  öffentlichen  Gebäude  aus.  Gleichzeitig  verlangte  das 
kommunistische  Direktorium  von  Bela  Kun.  das  ungarische  trans- 
danubische  Korps  solle  bis  zum  14.  Juni  die  deutschösterreichische  Grenze 
besetzen,  am  folgenden  Tage  einige  Abteilungen  über  die  Grenze  vor- 
schieben. 

Wir  kannten  diese  Vorbereitungen  und    setzten    uns    zur  Wehr.     Am 

12.  Juni  teilte  ich  der  Militärmission  der  Entente  mit,  wir  seien  nicht  in  der 
Lage,  den  von  uns  geforderten  Abbau  der  Volkswehr  durchzuführen.  Die 
Entente,  die  das  Übergreifen  des  Bolschewismus  nach  Wien  fürchtete,  nahm 
diese  Ablehnung  ihrer  Forderungen  hin;  damit  waren  die  Wehrmänner  voq 
der  Gefahr  der  Entlassung,  die  sie  den  Kommunisten  zutrieb,  befreit.  Am 

13.  Juni  trat  der  neugewählte  Wiener  Kreisarbeiterrat  zu  seiner  ersten 
Sitzung  zusammen.  Nach  einem  Referat  Friedrich  Adlers  beschloß  der 
.^reisarbeiterrat,    er   allein   sei   berechtigt,   Aktionen    der    Wiener   Arhciler- 

—    HO     - 


Schaft  zu  beschließen  und  durchzuführen;  der  Putschversuch- der  Kom- 
munisten wurde  als  Auflehnung  gegen  die  revolutionäre  Kompetenz  des 
Arbeiterrates  erklärt  Am  14.  Juni  bewog  Julius  Deutsch  die  Soldatenräte 
des  aus  der  „Roten  üarde"  der  Umsturztage  hervorgegangenen  kommunisti- 
schen Volkswehrbataillons  Nr.  41  zu  dem  Versprechen,  das  Bataillon  werde 
Disziplin  halten,  sich  der  von  Deutsch  für  den  15.  Juni  angeordneten  Kon- 
signierung fügen,  ohne  Befehl  an  diesem  Tage  die  Kaserne  nicht  verlassen; 
überdies  verlegte  Deutsch  eine  verläßliche  Volkswehrabteilung  unter  dem 
Kommando  des  Hauptmanns  Marek  in  die  Nähe  der  Kaserne  der  kom- 
munistischen Einundvierziger,  damit  sie  ihnen  erforderlichenfalls  mit 
Waffengewalt  entgegentrete.  Unter  dem  Eindruck  unserer  Gegenmaßregeln 
wurdeii  die  Kommunisten  selbst  am  14.  Juni  unsicher;  ein  Teil  der  kom- 
munistischen Führer  wehrte  sich  gegen  den  Putschversuch.  Aber  noch  am 

14.  Juni  telegraphierte,  wie  Bettelheim  erzählt,  Bela  Kun  an  das  Wiener 
Direktorium:  „Ich  habe  alles  vorbereitet.  Klug  ufld  mutig  vorwärts!  Es  ist 
eme  Lebensfrage,  daß  die  Sache  gelingt."  Da  alle  Anzeichen  darauf 
deuteten,  daß  die  Putschabsicht  nicht  aufgegeben  war,  ließ  Eldersch,  der 
das  Staatsamt'  des  Innern  leitete,  seitdem  Renner  an  der  Spitze  der 
Friedensdelegation  in  St.  Germain  weilte,  in  der  Nacht  vom  14.  auf  den 

15.  Juni  die  kommunistischen  Vertrauensmänner  verhaften. 

Am  15.  Juni  zog  eine  Menge  von  einigen  Tausend  Kommunisten  zum 
Polizeigefangenhaus,  um  die  verhafteten  Führer  zu  befreien.  In  der  Ilörl- 
gasse  trat  eine  Abteilung  der  Stadtsclmtzwache,  einer  aus  sozialdemo- 
kratischen Arbeitern  zusammengesetzten  Polizeiformation,  den  Demon- 
stranten entgegen.  Als  die  Demonstranten  die  Reihen  der  Stadtschutzvi\ache 
zu  durchbrechen  versuchten,  machte  sie  von  der  Schußwaffe  Gebrauch. 
Zwanzig  Tote  und  achtzig  Verwundete  blieben  auf  dem  Platze.  Die 
Demonstranten  strömten  zurück;  einige  Volkswehrbataillone,  die  die 
Ringstraße  besetzt  hatten,  hielten  in  musterhafter  Ruhe  die  Ordnung  auf- 
recht und  verhinderten  jeden  weiteren  Zusammenstoß.  Indessen  ver- 
suchten es  die  Kommunisten,  das  kommunistische  Volkswehrbataillon 
Nr.  41  auf  die  Straße  zu  bringen.  Die  Soldatenräte  stellten  sich  dem  ent- 
gegen: mit  dem  Revolver  in  der  Hand  verteidigten  sie  das  Kasernentor  und 
verhinderten  den  Ausmarsch  der  kommunistischen  Wehrmänner.  Damit 
war  die  Gefahr  eines  bewaffneten  Zusammenstoßes  auf  der  Straße  ab- 
gewehrt. Nun  ließ  Eldersch  die  verhafteten  Vertrauensmänner  der  Kommu- 
nisten auf  freien  Fuß  setzen;  damit  trat  in  den  Kasernen  Beruhigung  ein. 
Der  Putschversuch  war  vereitelt. 

Die  Kommunisten  glaubten  zunächst  noch,  den  Versuch  wiederholen  zu 
können.  Die  zweite  Reichskonferenz  der  Arbeiterräte,  die  am  30.  Juni 
zusammentrat,  wurde  zu  einer  großen  Auseinandersetzung  mit  den  Kommu- 
nisten. Aber  indessen  begann,  die  Kraft  des  ungarischen  Kommunismus 
schon  zu  versiegen.  Belä  Kun  hatte,  einem  Ultimatum  Clernenceaus 
weichend,  die  Rote  Armee  in  der  Slowakei  bis  zur  Demarkationslinie 
zurückgenommen.  Im  Innern  Ungarns  zeigten  sich  wachsende  wirtschaft- 
liche Schwierigkeiten,  wachsende  Unzufriedenheit  der  Arbeiter,  wachsender 
Widerstand  der  Bauern.  An  der  Theiß  rüstete  Rumänien  zum  Angriff.  Der 
unverkennbare   Niedergang  der  ungarischen   Revolution    schwächte    auch 

-     141     -  . 


ihre  Vorposk'ü  in  Dculschöslcrroich.  Die  Erfahrungen  dos  15.  Juni  ver- 
scliärften  die  Gegensätze  innerhalb  der  korninunislischen  Partei.  Sie 
konnte  einen  zweiten  Versuch  nicht  mehr  wagen.  Als  am  1.  August  die 
ungarische  Jlätediktatur  zusammenbrach  und  ihr  die  blutige  Konter- 
revolution folgte,  sah  das  deutschösterreichische  Proletariat  anschaulich, 
vor  welchem  Schicksal  die  Sozialdemokratie  es  bewahrt  hatte.  Kurze  Zeit 
später  konnte  Deutscli,  ohne  auf  Widerstand  zu  stolzen,  das  Volkswehr- 
l.ataillon  Nr.  -Il  entwaffnen  und  aufjösen;  damit  war  den  Putschisten  ihre 
einzige  gefährliche  Machtposition  entrissen. 

Der  Ahwehrkampf  gegen  den  Bolschewismus  war  in  üeutschösterreich 
nicht  ein  Klassenkampf  zwischen  der  Bourgeoisie  und  dem  Proletariat, 
sondern  ein  Kampf  innerhalb  der  Arbeiterklasse.  Die  Bourgeoisie  sah  diesem 
Kampf  innerhalb  des  Proletariats  einflußlos  und  verständnislos  zu.  Sie  hat 
später  den  Verlauf  der  Ereignisse  so  zu  deuten  versucht,  die  Wiener 
Polizei,  der  Wiener  Polizfeipräsident  Schober  habe  Wien  vor  dem  Bolsche- 
wismus gerettet.  Das  ist  eine  törichte  Legende.  Selbst  am  Gründonnerstag 
und  am  15.  Juni  hat  nicht  die  Polizei,  sondern  nur  die  Volkswehr  die 
Ordnung  wiederherstellen  können;  und  doch  waren  das  nur  Aktionen  einer 
winzigen  Minderheit  des  Proletariats!  Hätten  sich  die  Arbeiter-  und  Sol- 
datenräte für  die  Rätediktatur  entschieden,  so  hätten  sie  über  die  ganze  Ar- 
beiterklasse, über  alle  seit  der  Oktoberrevolution  gebildeten,  aus  Arbeitern 
zusammengesetzten  bewaffneten  Formationen,  über  die  Volkswehr,  die 
Stadt.sc hutzwache  und  die  Bahngendarmerie  verfügt;  die  Bourgeoisie  hätte 
ihnen  in  Wien  und  in  den  Industriegebieten  Niederösterreichs  und  der 
Steiermark  keinerlei  Widerstand  entgegensetzen  können,  die  Polizei  wäre 
völlig  machtlos  gewesen.  Nur  in  dem  Ivampfe  innerhalb  der  Arbeiter-  und 
Soldatenräte  ist  der  Ansturm  des  Bolschewismus  abgewehrt  worden.  Und 
dieser  Kampf  innerhalb  der  Arbeiterklasse  ist  nicht  durch  Waffen,  sondern 
im  Ringen  der  Geister  entschieden  worden.  Die  zielbewußte  Führung 
Friedrich  Adlers  in  den  Arbeiterräten,  Julius  Deutsch'  und  seines  Freundes- 
kreises in  den  Soldatenräten  hat  den  Kampf  entschieden.  Dieser  Sieg  über 
den  Bolschewismus  bedeutete  aber  nichts  weniger  als  die  Selbstbehauptung 
der  deuCschösterreichischen  Revolution.  Hätte  der  Bolschewismus  auch  nur 
für  einen  Tag  gesiegt,  so  wären  die  Hungerkatastrophe,  der  Krieg,  die  Be- 
setzung des  Landes  durch  fremde  Truppen  die  unverm.eidlichen  Folgen 
gewesen. 

Die  ganze  Geschichte  der  deutschösterreichischen  Revolution  vom  Ok- 
jober  1918  bis  zum  Juli  1919  ist  die  Geschichte  ihres  Kampfes  um  den 
Frieden.  Wir  hatten  die  Auseinandersetzung  mit  dem  tschechischen  und 
dem  jugoslawischen  Nationalismus  um  unsere  Grenzen  so  führen  müssen, 
daß  der  Krieg  mit  den  beiden  Nachbarvölkern  vermieden  werde.  Wir 
hatten  den  Ansturm  des  ungarischen  Bolschewismus  abw^ehren  müssen, 
damit  wir  nicht  in  einen  Krieg  mit  den  Nachbarvölkern  verwickelt  werden. 
Die  zwingende  Notwendigkeit,  den  Frieden  zu  erhalten,  hat  der  nationalen 
und  der  sozialen  Revolution  schwere  Opfer  auferlegt.  Aber  nur  indem 
sich  die  Revolution  darauf  beschränkte,  was  sie  ohne  Krieg  mit  den 
Nachbarvölkern  behaupten  konnte,  konnte  sie  sich  vor  dem  Krieg  und  vor 
dem  sicheren  Untergang,,  vor  der  Konterrevolution  unter  dem  Schutze 
fremder  Bajonette  bewahren. 

-    142    — 


Aber  es  galt  nicht  nur,  den  Ausbruch  neuen  Krieges  zu  verhüten,  sondern 
auch  den  großen  Krieg  zu  liquidieren.  Die  Zeit  unserer  Auseinander- 
setzungen mit  dem  slawischen  Nationalismus  und  dem  magyarischen 
Bolschewismus  war  zugleich  auch  die  Zeit  unserer  Friedensverhandlungen 
mit  dem  Ententeimperialismus.  Die  Erhaltung  des  Friedens  mit  den 
Nachbarvölkern  hatte  unsere  staatliche  Existenz  gerettet;  nur  dank  der 
Erhaltung  des  Friedens  konnten  wir  die  Friedensverhandlungen  mit  der 
Entente  als  selbständiger  Staat  führen.  Die  Opfer  aber,  mit  denen  wir  den 
Frieden  mit  den  Nachbarvölkern  hatten  erkaufen  müssen,  und  das  furcht- 
bare Elend,  in  dem  wir  in  diesem  ersten  Jahre  nach  dem  Waffenstillstand 
als  selbständiger  Staat  lebten,  hatten  es  anschaulich  gemacht,  daß  Deutsch- 
österreich nur  in  bitterer  Not,  nur  in  drückender  Abhängigkeit  vom  Aus- 
land, nur  in  Ohnmacht  gegenüber  den  Nachbarvölkern  seluständig  leben 
kann.  Diese  Erfahrung  mußte  unserer  Auseinandersetzung  mit  dem  Entente- 
imperialismus ihr  Ziel  setzen;  unser  wichtigstes  Ziel  in  den  Friedens- 
verhandlungen mußte  es  sein,  uns  unser  Recht  auf  den  Anschluß  an 
Deutschland  zu  erstreiten. 

Als  die  Provisorische  Nationalversammlung  am  12.  November  Deutsch- 
österreich  zu   einem   Bestandteil   der   Deutschen   Republik  '  erklärte,  hatten 
wir    gehofft,    es    werde    vielleicht    möglich    sein,    den    Anschluß    an   das 
Deutsche  Reich  tatsächlich  zu  vollziehen,  ohne  die  Friedensverhandlungen 
abzuwarten,  und  dadurch  die  Friedenskonferenz  vor  eine  vollzogene  Tat- 
sache zu  stellen.  Sehr  bald  aber  wurden  die  Widerstände  sichtbar,  die  dem 
im  Wege  standen.  Aus  Frankreich  kam  sofort  energischer,  drohender  Ein- 
spruch.    Im    Deutschen   Reich   fürchtete    man,     durch    die   Einverleibung 
Deutschösterreichs   weite   deutsche   Gebiete  im   Westen  und   im   Osten  des 
Reiches  zu  gefährden.  Frankreich  forderte  die  Jlheingrenze.  Polen  forderte 
Danzig,   Westpreußen,   Oberschlesien.   Daß    der   verlorene   Krieg   mit   einer 
bedeutenden  Vergrößerung    der  Volkszahl    des   Deutschen  Reiches    enden 
werde,  war  unwahrscheinlich;   Deutschland  fürchtete  daher,  es  würde  den 
Anschluß  Deutschösterreichs  mit  dem  Verlaust  der  von  Frankreich  und  von 
Polen    geforderten    Gebiete   bezahlen   müssen.    Darum    zögerte    es,    in    dem 
Augenblick  an  der  Donau  vorzugehen,  in  dem  die  Entscheidung  über  den 
Rhein  und  die  Weichsel  bevorstand.  Ähnliche  Befürchtungen  standen  aber 
auch  in  Deutschösterreich  unserem  Handeln  im  Wege.  Mp.n  fürchtete  hier 
nicht   nur,   daß    die   tatsächliche   Vollziehung    des    Anschlusses    die    Ent- 
scheidung der  Friedenskonferenz    über    das     Schicksal     Deutsch-Südtirols, 
Kärntens,  der  Untersteiermark,  des  Znaimer  Kreises  und  des  Böhmerwaid- 
gaues ungünstig  beeinflussen   werde;  viel   näher  noch   drohte   die   Gefahr,, 
daß  Frankreich  in  dem  Augenblick,  in  dem  wir  den  Anschluß  tatsächlich 
zu  vollziehen  versuchten,  die  Tschechen  und  die  .Jugoslawen  zur  Besetzung 
deutschösterreichischen   Gebietes    veranlassen   und    uns    dadurch    in    Krieg 
mät  unseren  Nachbarn  verwickeln  könnte.  So  erschien  es  allzu  gefährlich,, 
den  Anschluß  mit  einem  Schlage  zu  vollziehen.  Wir  mußten  schrittweise 

vorgehen. 

In  den  ersten  Wochen  nach  dem  Waffenstillstand  standen  die  Regierung^ 
und  die  öffentliche  Meinung  im  Reiche  dem  Anschluß  ängstlicher  und 
zurückhaltender  gegenüber  als  in  Deutschösterreich  Wir  schickten  Ludo 
Hartmann  als  unseren  Gesandten  nach  Berlin;  seiner  Propaganda   gelan^^ 

—     143    — 


CS,  Verständnis  und  Kifcr  für  den  Anschluß  zu  wecken.  Als  die  doutschc 
Verfassunggebende  Nationalversammlung  in  Weimar  zusaminenlrat,  wurde 
dem  Staatenaussclnili,  der  an  die  Stelle  des  alten  Bundesrates  trat,  Hart- 
mann beijiozogen ;  zum  erstenmal  wieder,  seitdem  Bismarck  im  Jahre  186G 
den  Frankfurter  Bundc'srat  gesprengt  hatte,  nahm  ein  Vertreter  Doutsch- 
österrcichs  am  Rate  der  deutschen  Staaten  teil.  Der  Entwurf  der  Reichs- 
verfassung, den  Preuß  der  Weimarer  Konstituante  vorlegte,  hielt  Deutsch- 
(islerreicli  den  Beilritt  zum  Reiche,  unseren  Vertretern  den  Eintritt  in  das 
Reichsparlament  offen.  Aber  all  das  waren  doch  nur  demonstrative  Akte. 
Wollten  wir  einen  ernsten  Schritt  zur  tatsächlichen  Vollziehung  des  An- 
schlusses wagen,  dann  mußte  dies  auf  wirtschaftlichem  Gebiete  geschehen. 

Dazu  bot  sich  eine  Gelegenheit,  als  Jugoslawien  und  die  Tschecho- 
slowakei die  KroneTinoten,  die  in  ihren  Staatsgebieten  zirkulierten,  ab- 
stempelien.  Damit  wurde  die  Währungsgemeinschaft,  die  noch  alle  Nach- 
folgestaaten der  Habsburgermonarchie  umfaßte,  zerrissen.  Es  war  voraus- 
zusehen, daß  der  Wert  unserer  Krone  schnell  sinken  werde,  sobald  ihr  Um- 
laufgebiet auf  Deutschüsterreich  beschränkt  wird.  Der  Gedanke  lag  nahe, 
nicht  erst  eine  selbständige  deutschösterreichische  Währung  entstehen  zu 
lassen,  sondern  die  Notenabstcmpelung  in  Jugoslawien  und  der  Tschecho- 
slowakei mit  dem  Übergang  zur  Markwährung,  mit  (3em  Eintritt  Deutsch- 
österreichs in  die  deutsche  Währungsgemeinschaft  zu  beantworten.  Die 
Deutsche  Rcichsbank  sollte,  so  schlugen  wir  vor,  einer  deutschösterreichi- 
schen Notenbank  eine  Anleihe  in  Papiermark  gewähren.  Diese  Anleihe 
sollte  es  der  dcutschösterreichischen  Notenbank  ermöglichen,  die  Ver- 
pflichtung zu  übernehmen,  jede  deutschösterreichische  Kronennote  auf  Ver- 
langen des  Inhabers  zu  festem  Wertverhältnis  gegen  Mark  einzutauschen. 
Auf  diese  Weise  sollte  in  Deutschösterreicli  zunächst  eine  Markkern- 
währung begründet  werden,  die  die  Krone  in  ein  beständiges  Wertverhält- 
nis zur  Mark  gebracht  und  damit  unseren  tatsächlichen  Eintritt  in  die 
deutsche  Währungsgemeinschaft  bedeutet  hätte.  Um  über  diesen  Plan  mit 
der  deutschen  Regierung  zu  verhandeln,  fuhr  ich  Anfang  März  1919  nach 
Weimar  und  Berlin. 

Die  deutsche  Regierung  hielt  es  jedoch  nicht  für  möglich,  auf  unseren 
Vorschlag  einzugehen.  Der  Widerstand  ging  von  der  Reichsbank  aus.  Das 
Reich  und  wir  standen  vor  den  Friedensverhandlungen.  Niemand  konnte 
voraussehen,  was  der  Friedensvertrag  über  die  in  den  Nachfolgestaaten  und 
über  die  im  Ausland  umlaufenden  Kronennoten,  was  er  über  die  öster- 
reichisch-ungarische Bank  verfügen  werde;  niemand  konnte  voraussehen, 
wie  sich  die  Staatsfinanzen  drüben  und  hüben  nach  den  Friedensverträgen 
gestalten,  in  welchem  Ausmaß  beide  Staaten  gezwungen  sein  werden,  den 
Kredit  der  Notenbanken  zur  Deckung  des  Defizits  im  Staatshaushalt  zu 
beanspruchen.  Unter  solchen  Umständen  erschien  der  Reichsbank  die 
Durchführung  unseres  Vorschlages  als  eine  Belastung  von  unbestimmbarer, 
unberechenbarer  Schwere.  Die  Entscheidung  wurde  vertagt.  Und  damit  war 
entschieden,  daß  der  Anschluß  vor  der  Entscheidung  der  Friedenskonferenz 
nicht  vollzogen  werden  konnte. 

Die  Berliner  Verhandlungen  gewannen  dadurch  einen  andern 
Charakter.  Ich  schloß  mit  dem  Grafen  Brockdorff-Rantzau,  dem  deutschen 

_     144     — 


Reichsminister  des  Äußern,  einen  Vertrag  darüber,  in  welcher  Weise  die 
Eingliederung  Deuiscliösterreichs  in  das  Reich  vollzogen  werden  solle,  falls 
die  Friedensvcrlräge  sie  nicht  verhindern.  Dieser  Vertrag  war  für  Deutsch- 
österreich überaus  günstig.  Seine  Restimmungen  hätten  die  Anschluß- 
bewegung in  Deutschösterreich  mächtig  stärlcen  können,  wenn  es  möglich 
gewesen  wäre,  den  Vertrag  sofort  zu  veröffentlichen.  Aber  dies  erscliien 
damals  nicht  ratsam,  weil  es  die  Friedensverhandlungen  hätte  ungünstig 
beeinflussen  können.  Die  deutsche  Regierung  hatte  uns  zugestanden,  daß 
Deutschösterreich  im  Falle  seiner  Eingliederung  in  das  Reich  in  finanzieller 
Reziehung  so  behandelt  werden  solle,  als  ob  es  schon  seit  1914  dem  Reiche 
zugehört  hätte.  Es  wäre  demnach  ein  großer  Teil  unserer  Kriegsschulden 
vom  Reich  übernommen  w^orden.  Es  schien  nicht  ratsam,  diese  Vertrags- 
hestimmung  zu  veröffentlichen,  weil  sie  die  Entente  hätte  veranlassen 
können,  die  ganze  Kriegsschuld  des  alten  Österreich  der  deutschöster- 
reichischen Republik  aufzuerlegen.  Die  deutsche  Regierung  hatte  uns  zu- 
gestanden, daß  Deutschösterreich  auch  nach  seiner  Einverleibung  in  das 
deutsche  Zollgebiet  eine  Reihe  von  Jahren  noch  Binnenzölle  von  deutschen 
Industrieprodukten  einheben  dürfe,  um  seine  Industrie  zu  schützen, 
während  deutschösterreichische  Industrieprodukte  zollfrei  in  das  alt- 
deutsche Gebiet  eingeführt  werden  sollten;  wir  konnten  diese  Vertrags- 
bestimmung nicht  veröffentlichen,  ohne  befürchten  zu  müssen,  daß  die 
Entente  in  den  Friedensvertrag  handelspolitische  Bestimmungen  auf- 
nehmen werde,  die  die  Durchführung  unserer  Vereinbarung  unmöglich 
machen  würden.  So  konnte  der  in  Berlin  abgeschlossene  Vertrag  vorerst 
nicht  veröffentlicht  werden.  Er  konnte  daher  die  Entwicklung  der  Anschluß- 
bewegung nicht  beeinflussen. 

Die  Entscheidung  über  den  Anschluß  mußte  auf  der  Friedenskonferenz, 
in  den  Friedensverträgen  fallen.  Unsere  wichtigste  Aufgabe  war  daher, 
die  Friedenskonferenz  in  der  Richtung  zu  beeinflussen,  daß  sie  dem  An- 
schluß keine  Hindernisse  in  den  Weg  lege. 

In  den  letzten  Kriegsjahren  war  das  österreichische  Problem  in  den 
Ländern  der  Verbündeten  lebhaft  erörtert  worden.  Die  konservativen 
Parteien  waren  zumeist  dafür  eingetreten,  man  solle  die  Habsburger- 
monarchie nicht  zerstören,  sondern  nur  auf  ihrer  inneren  Umbildung  be- 
stehen; unter  slavv'ische  Führung  gestellt,  könne  sie  ein  Glied  des  eisernen 
Ringes  werden,  in  den  die  Entente  Deutschland  legen  wollte.  Die  demo- 
kratischen Strömungen  dagegen  wirkten  für  die  Anerkennung  des  Selbst- 
bestimmungsrechtes der  Tschechen,  Polen,  Jugoslawen;  sie  zogen  daraus 
den  Schluß,  daß  der  Rest  des  alten  Österreich,  der  nach  der  Begründung 
selbständiger  Nationalstaaten  der  slawischen  Völker  übrig  bleibe,  unver- 
meidlich an  Deutschland  fallen  müsse.  So  war  der  Gedanke,  daß  die  Auf- 
lösung der  Habsburgermonarchie  den  Anschluß  Deutschösterreichs  an 
Deutschland  zur  Folge  haben  müsse,  der  öffentlichen  Meinung  der  Ententc- 
länder  keineswegs  fremd;  er  war  dort  schon  1917  und  1918  sehr  oft  aus- 
gesprochen worden.  Wir  durften  daher  in  unserem  Kampf  um  -den  An- 
schluß auf  die  Unterstützung  starker  Strömungen  in  den  Siegerländern 
rechnen. 

Robert  Lansing,  der  amerikanische  Staatssekretär  des  Äußern,  hatte  am 
.21.  September  1918,  also  noch  vor  dem  Zusammenbruch  der  Mittelmächte, 

—     ilä     —  10 


ein  Moinorandum  übor  die  Friedensprol^lomc  für  den  inneren  Gobrnnch  der 
amerikanischen  Re^rierung  entworfen,  das  die  Auflösung  der  llabsburU'T- 
monarchie  die  Gründung  selbständiger  Nationalstaaten  der  Tschcciien, 
Jugoslawen  und  Polen  vorsali  und  über  den  Rest  Österreichs  folgenden 
Vorschlag  enthielt: 

..Roduzicrune  Österreichs  auf  die  allen  Grenzen  und  den  Titel  eines  Erzherzog- 
tums.    Einverleibung    des    Erzherzo.^tums    in    den   Bundesstaat    des   Deutschen: 
Rcielies." 
Dieses  Memorandum  war  ufts  damals  natürlich  nicht  bekannt;  Lansing 
hat  es  erst  1920  veröffentlicht.     Aber  wir    konnten    uns    den  Vereinigten 
Staaten  gegenüber  nicht  nur  darauf    berufen,    daß    die    programmatischen 
Erklärungen .  Wilsons,   auf  Grund  deren   der   Waffenstillstand  geschlossen 
worden  war,  auch  uns  das  Selbstbestimmungsrecht  verhießen;  wir  wußten 
auch,    daß    einflußreiche    Staatsmänner    der  Vereinigten  Staaten    den  An- 
schluß   Deutschüsterreichs    an   Deutschland    selbst    als    notwendige  Kon- 
sequenz der  Auflösung  der  Habsburgermonarchie  erkannt  hatten,  ehe  sich, 
noch  Deutschösterreich,  sich  auf  das  von  dem  amerikanischen  Präsidenten 
verkündete    Selbstbestimmungsrecht    berufend,     den    Anschluß    zum    Ziel 
gesetzt  hatte. 

Auch  von  Italien  erwarteten  wir  keinen  Widerstand  gegen  den  An- 
schluß. Ralien  betrachtete  die  Auflösung  der  Habsburgermonarchie  als  die 
eigentUche  Errungenschaft  seines  Sieges.  Es  fürchtete  nichts  mehr  als  ihre 
Wiederherstellung  unter  dem  Titel  einer  „Donauföderation".  Ein  kleines, 
schwaches  Deutschösterreich  konnte  in  eine  solche  Föderation  hinein- 
gezwungen, es  konnte  zur  Brücke  zwischen  der  Tschechoslowakei  und 
Jugoslawien  werden,  die  Verbindung  zwischen  der  jugoslawischen  Armee 
und  der  iJjchechischen  Industrie  herstellen;  fiel  Deutschösterreich  an  das 
Deutsche  Reich  zurück,  dann  waren  alle  Donauföderationspläne  abgetan, 
war  zwischen  Tschechen  und  Jugoslawen  ein  starker  Riegel  ein- 
geschobf^n.  Zugleich  würde  dadurch  Italien  zum  unmittelbaren  Nachbarn 
Deutschlands.  Je  mehr  sich  im  Verlauf  der  Pariser  Friedenskonferenz  die 
Gegensätze  Raliens  zu  Jugoslawien  und  zu  Frankreich  verschärften,  desto 
stärker  wurde  in  Italien  die  Strömung,  die  unseren  Anschluß  an  das  Reich, 
als  ein  Interesse  Italiens  betrachtete. 

In  England  war  man  dem  Gedanken  des  Anschlusses  weit  weniger 
geneigt.  Der  Gedanke,  daß  Deutschlands  Niederlage  gar  noch  mit  der  Ver- 
mehrung der  Volkszahl  des  Reiches  enden  solle,  war  der  englischen  Politik 
unsympathisch.  Die  unklaren  Pläne  einer  Föderation  der  Nachfolgestaaten 
hatten  in  England  am  meisten  Anhänger.  Trotzdem  schien  es  nicht  undenk- 
bar, daß  schließlich  doch  auch  England  die  französische  Forderung,  in  die 
Friedensverträge  ein  Verbot  des  Anschlusses  aufzunehmen,  ablehnen  werde. 
Im  März  und  April  stand  England  auf  der  Pariser  Friedenskonferenz  in 
heftigem  Gegensatz  zu  Frankreich.  Die  ungarische  Märzrevolution  hatte  auf 
Lloyd  George  einen  starken  Eindruck  gemacht;  er  fürchtete,  auch  Deutsch- 
land werde  sich,  von  einem  unannehmbaren  Frieden  bedroht,  dem  Bolsche- 
wismus in  die  Arme  werfen.  Am  25.  März  1919  überreichte  Lloyd  George 
der  Pariser  Konferenz  eine  —  später  von  Nitti  veröffentlichte  —  Denk- 
schrift, die  vor  der  Gefahr  des  „Spartakismus  vom  Ural  bis  zum  Rhein'' 
warnte.    „Gerade    die    gestern     aus    Ungarn     eingetroffenen    Nachriefen", 

—     146    — 


schrieb  Lloyd  George,  ,, beweisen  deutlich  genug,  daß  diese  Gefahr  kein 
Phantasiegebilde  ist.  Welche  Gründe  trieben  zu  dieser  gewaltsamen  Ent- 
scheidung? Furcht  war  es,  nackte  Furcht,  daß  eine  große  Anzahl  Ungarn 
der  Fremdherrschaft  unterworfen  werden."  Mit  dieser  Begründung  pro- 
testierte Lloyd  George  dagegen,  daß  ,,mehr  Deutsche,  als  unbedingt  not- 
wendig ist",  dem  polnischen  und  dem  tschechischen  Staat  unterworfen 
werden.  Konnten  wir  also  nicht  hoffen,  daß  sich  England  wenigstens  für 
den  Anschluß  Deutschböhmens  an  Deutschland  einsetzen  werde?  „Wären 
wir  klug,"  schrieb  Lloyd  George,  „so  böten  wir  Deutschland  einen  Frieden, 
der  seiner  Gerechtigkeit  wegen  von  allen  vernünftigen  Menschen  dem 
Bolschewismus  vorgezogen  würde."  Die  Entente  fürchtete  dam.als  zunächst 
das  übergreifen  des  Bolschewisnms  von  Ungarn  nach  Deutschösterreich; 
war  es  unc^enkbar,  daß  Lloyd  George  uns  einen  Frieden,  der  uns  den  An- 
schluß erlaubt,  zu  erwirken  sucht,  damit  wir  diesen  Frieden  der  national- 
bolschewistischen Rebellion  gegen  die  Entente  vorziehen?  ,, Unsere  Be- 
dingungen", schrieb  Lloyd  George,  „können  hart,  unerbittlich,  nieder- 
schmetternd sein  und  doch  können  sie  gleichzeitig  so  gerecht  erscheinen, 
daß  das  Volk,  dem  sie  auferlegt  werden,  notgedrungen  ihre  Gerechtigkeit 
empfinden  und  anerkennen  muß."  War  es  undenkbar,  daß  England,  wenn 
es  die  Ansprüche  des  französischen  und  des  polnischen  Imperialismus  nicht 
abzuwehren  vermag,  Deutschland  wenigstens  im  Süden  eine  Entschädigung 
zu  bieten  versuchen  wird?  Daß  es  den  Anschluß  zulassen  wird,  um  das 
deutsche  Volk  zu  überzeugen,  daß  der  Friede  trotz  aller  seiner  Härte  doch 
Gerechtigkeit  übe,  indem  er  das  Prinzip  des  Selbstbestimmungsrechtes  der 
Völker  nicht  nur  gegen  Deutschland,  sondern  auch  für  Deutschland  gelten 
lasse? 

Aus  solchen  Erwägungen  hielten  wir  es  nicht  für  unmöglich,  die  Ver- 
einigten Staaten,  Italien  und  Großbritannien  zu  bewegen,  daß  sie  der  Auf- 
nahme eines  Anschlußverbotes  in  den  Friedensvertrag  nicht  zustimmen. 
Daß  wir  die  Politik  der  drei  Großmächte  nicht  unrichtig  beurteilt  haben, 
hat  später  nicht  nur  die  Veröffentlichung  der  Denkschriften  Lansings  und 
Lloyd  Georges,  sondern  vor  allem  Tardieus  Geschichte  der  Friedensverhand- 
lungen bewiesen.  „Frankreich,"  erzählt  Tardieu,  der  intimste  Mitarbeiter 
€lemenceaus  auf  der  Friedenskonferenz,  , .Frankreich  trat  dafür  ein,  daß 
Österreich  von  Deutschland  getrennt  bleiben  müsse.  Großbritannien  und 
•die  Vereinigten  Staaten  schwankten  und  diskutierten  drei  Monate  lang 
über  diese  Frage." 

Drei  Monate  lang!  Was  konnten  wir  in  diesen  drei  Monaten,  in  denen 
über  das  Schicksal  Deutschösterreichs  entschieden  wurde,  tun,  um  die 
Entscheidung  zu  beeinflussen?  Zu  der  Konferenz  der  Siegermächte,  die  in 
Paris  tagte,  hatten  wir  keinen  Zutritt.  Wir  hatten  nur  eine  Waffe:  die  der 
Propaganda.  Wir  mußten  die  Staatsmänner  der  Ententemächte  überzeugen, 
daß  Deutschösterreich,  auf  sich  selbst  gestellt,  nicht  lebensfähig  sei;  daß 
■eine  Föderation  der  Nachfolgestaaten  an  dem  Widerstand  der  Tschecho- 
slowakei und  Jugoslawiens  scheitern  müsse;  daß  der  Anschluß  daher  die 
einzige  überhaupt  mögliche  Lösung  sei,  die  einzige,  die  den  völligen  wirt- 
schaftlichen Zusammenbruch  Deutschösterreichs  und  damit  schwere  soziale 
Erschütterungen  und  ernste  Kriegsgefahr    in  Mitteleuropa  verhüten  könne, 

—     147    —  in' 


Durch  Denkschriften,  Ahhandlunjien.  ZeUunirsarlikol  und  Reden  haben 
wir  den  Slanlsmänncrn  der  Ententemächte  diese  Thesen  zu  erweisen  ver- 
sucht. Zugleicli  aber  mußte  sich  unsere  Propaganda  auch  nach  innen 
wenden.  Sollte  unser  Appell  an  die  Staat?ni;inncr  der  Ententemächte  nicht 
wirkungslos  verhallen,  so  mußten  wir  ihnen  zeigen,  daß  unser  Kampf  um 
den  Anschluß  von  der  einheitlichen  Überzeugung  des  ganzen  deutsch- 
österreichischen  Volkes  getragen,  von  dem  einheitlichen  Willen  des  ganzen 
deutschöslerreichischcn  Volkes  bestimmt  sei.  Daß  der  Anschluß  eine 
ökonomische  Notwendigkeit  sei,  der  mechanische  Gewalt  die  Erfüllur? 
nicht  verweigern  könne,  und  daß  für  ihn  eine  moralische  Kraft  streite,  die 
auf  die  Dauer  durch  keine  Gewalt  zu  beugen  sei  —  das  war  es,  wovon 
wir  die  Ententemächte  zu  überzeugen  versuchen  mußten. 

Aber  dieser  Versuch  scheiterte  an  der  Auflehnung  der  Bourgeoisie.  Als 
wir  die  Siegermächte  von  der  wirtschaftlichen  Notwendigkeit  des  An- 
schlusses und  von  dem  einheitlichen  Anschlußwillen  des  deutsch- 
österreichischen  Volkes  zu  überzeugen  versuchten,  fiel  uns  die  deutsch- 
österreichische Bourgeoisie  in  den  Rücken. 

Die  schw^eren  sozialen  Erschütterungen,  die  Deutschland  im  Winter 
1918/19  erlebte,  schreckten  unsere  Bourgeoisie.  Sie  fürchtete,  Deutschland 
werde  in  die  Hände  des  Bolschewismus  fallen.  Sie  wollte  nicht  zu  dem 
„Deutschland  Spartakus'".  Und  mit  dieser  allgemeinen  Furcht  der 
Bourgeoisie  vor  der  sozialen  Revolution  verbündeten  sich  die  besonderen 
Interessen  des  Großkapitals.  Die  Großbanken  waren  vor  allem  um  die 
Behauptung  ihres  Besitzes  in  den  Nachfolgestaaten  besorgt.  Sie  glaubten, 
Wien  werde  das  Zentrum  des  Bankwesens  und  des  Geldverkehrs  der 
Nachfolgestaaten  bleiben,  wenn  Deutschösterreich  allein  bleibt;  die  Entente 
werde  ihre  Filialen  und  ihren  Besitz  in  den  Nationalstaaten  liquidieren, 
\venn  Deutschösterreich  in  Deutschland  aufgeht.  Ähnliche  Befürchtungen 
hegten  die  Großindustriellen.  Dieselben  Unternehmungen  hatten  Betriebe 
hier  in  Deutschösterreich  wie  drüben  in  den  Nachfolgestaaten.  Eine  Donau- 
föderation konnte  ihren  Besitz  wieder  in  einem  Wirtschaftsgel>iet  ver- 
einigen. Der  Anschluß  bedeutete  für  ihre  deutschösterreichischen  Betriebe 
die  Bedrohung  durch  die  überlegene  reichsdeutsche  Konkurrenz,  für  ihre 
Betriebe  in  den  Nachfolgestaaten  die  Gefahr  der  Liquidation  auf  Rechnung 
der  deutschen  Reparationsverpflichtungen. 

Mit  den  wirtschaftlichen  Klasseninteressen  der  Kapitalisten  verbündeten 
sich  die  politischen  Klasseninteressen  der  entthronten  Aristokratie,  des 
hohen  Klerus,  des  seiner  Privilegien  und  seines  Berufes  beraubten  Offiziers- 
korps. Diese  Klassen  hofften  noch  auf  eine  Restauration  der  Monarchie. 
Der  Anschluß  hätte  ihre  Hoffnung  auf  Habsburgs  Wiederkehr  begraben; 
Deutschösterreich  mußte  außerhalb  Deutschlands  bleiben,  damit  Habsburg 
heimkehren  könne. 

Die  wirtschaftliche  Gegnerschaft  der  Kapitalistenklasse  und  die  politische 
Gegnerschaft  der  Monarchisten  erweckten  die  altösterreichischen  Traditionen 
des  Wienertums  zu  neuem  Leben.  Der  alte  Zwiespalt  zwischen  öster- 
reichischer und  deutscher  Gesinnung  wurde  wieder  lebendig.  Das  Alt- 
Wiener  Patriziat  und  das  Wiener  Kleinbürgertum  wollten  es  nicht  glauben, 
daß  das  alte  große  Österreich  für  immer  dahin  sei.  Sie  hofften,  es  werde- 

-    148    — 


doch  noch,  sei  es  auch  in  veränderter  Gestalt,  sei  es  auch  unter  dem' 
Namen  einer  „Donauföderation"  wiedererstehen.  Ihre  alte  Abneigung  gegen 
preußisches,  norddeutsches  Wesen  erstarlite  wieder.  Sie  begannen,  gegen 
unsere  Anschlußpolitik  zu  frondieren. 

Die  Länder  machten  ihre  eigene  Außenpolitik.  Die  christlichsoziiilen 
Abgeordneten  Tirols  protestierten  am  12.  März  in  der  Konstituierenden 
Nationalversammlung  gegen  die  Wiederholung  des  Anschlußbeschlusses;. 
sie  glaubten,  Deutschsüdtirol  leichter  vor  der  Annexion  durch_  Italien 
retten  zu  können,  wenn  Tirol  nicht  an  Deutschland  fällt.  Ähnliche 
Stimmungen  herrschten  zur  Zeit  der  Kämpfe  gegen  die  jugoslawische 
Invasion  in  Kärnten.  Dort  wehrte  man  sich  überhaupt  gegen  das  Nationali- 
tätsprinzip, das  das  Land  zu  zerreißen  drohte: 

Nicht  den  Laibachern  und  nicht  den  Wienern, 
Nicht  den  Serben  und  nicht  den  Berlinern, 
Kärnten  den  Kärntnern! 

In  Vorarlberg  erklärte  die  Mehrheit  des  Landtages,  das  Land  dürfe 
keinesfalls  an  Deutschland  fallen.  Die  Landesversammlung  knüpfte  schon 
im  März  Verhandlungen  mit  der  Schweiz  an;  am  IL  Mai  sprach  sich  das 
Ländchen  in  einer  Volksabstimmung  mit  47.208  gegen  11.248  Stimmen 
für  den  Anschluß  an  die  Schweiz,  gegen  den  Anschluß  an  Deutschland  aus. 

So  verbündeten  sich  das  traditionelle  Österreichertum  des  Alt-Wiener 
Patriziats  und  des  Alt-Wiener  Kleinbürgertums  einerseits,  der  Partikula- 
rismus der  Länder  anderseits  mit  der  allgemeinen  Furcht  der  Bourgeoisie 
vor  dem  Spartakismus,  mit  den  besonderen  wirtschaftlichen  Interessen 
des  großen  Finanz-  und  Industriekapitals,  mit  den  politischen  Restaurations- 
hoffnungen der  monarchistischen  Aristokratie,  des  monarchistischen  hohen 
Klerus  und  des  monarchistischen  Offizierskorps;  alle  diese  Kräfte  vereint 
stritten  gegen  unsere  Anschlußpolitik. 

Der  französische  Imperialismus  bediente  sich  dieser  Opposition  für  seine 
Zwecke.  Französische  Preßagenturen  organisierten  von  der  Schweiz  aus 
einen  Nachrichtendienst  nach  Wien.  Der  französische  Gesandte  AUize 
verstand  es,  die  liberale  und  die  christlichsoziale  Presse  Wiens  in  seinen 
Dienst  zu  stellen.  Die  französische  Propaganda  suchte  ganz  plan- 
mäßig den  Eindruck  zu  erwecken,  Deutschösterreich  werde  die  umstrittenen 
deutschen  Grenzgebiete  in  Tirol,  Kärnten  und  Untersteiermark,  in  Süd- 
böhmen und  Südmähren  behalten  und  wirtschaftlich  viel  günstigere 
Friedensbedingungen  erhalten  als  das  Reich,  wenn  es  nur  auf  den  Anschluß 
verzichtet.  Die  Front  der  Anschlußgegner  wurde  nun  stärker  und  ein- 
heitlich. Die  ganze  große  liberale  Presse  Wiens  und  ein  großer  Teil  der 
christlichsozialen  Presse  in  Wien  und  in  den  Ländern  standen  in  ihrem 
Dienste. 

Unsere  Propaganda,  die  die  Vereinigten  Staaten,  Italien  und  Groß- 
britannien für  den  Anschluß  zu  gewinnen  bemüht  war,  wurde  durch  diese 
innere  Opposition  vereitelt.  Wir  überhäuften  die  Staatsmänner  der  Sieger- 
mächte mit  Denkschriften,  die  den  Nachweis  zu  erbringen  suchten,  daß 
Deutschösterreichs  wirtschaftlicher  Zusammenbruch  unvermeidlich  sei, 
wenn  uns  der  Anschluß  nicht  erlaubt  wird.  Die  französischen  Staats- 
männer  konnten   uns   antv/orten.   daß   gerade   die   führenden   Männer   der 

-    149     - 


«öslorreichischen  Volkswirtschaft,  die  Bankherren  und  die  Großindustriellen 
den  AViener  Ententediploinaten  täglich  versicherten,  daß  Deutschöslerreich 
den  Anschluß  nicht  brauche,  bei  einigermaßen  günstigen  Friedens- 
liedingungen  auch  allein  sehr  wohl  leben  könne.  Wir  suchten  die  Staats- 
nulnner  der  Entente  zu  überzeugen,  daß  das  ganze  deutschösterreichische 
Volk  den  Anschluß  wolle.  Die  französischen  Diplomaten  konnten  uns  leicht 
widerlegen,  indem  sie  beinahe  die  ganze  bürgerliche  Presse  Wiens  und  die 
•  Stimmungen  in  einem  großen  Teil  der  Alpcnländer  gegen  uns  als  Zeugen 
führten.  Frankreich  konnte  in  den  Pariser  Verhandlungen  nunmehr  darauf 
verweisen,  daß  den  Anschluß  in  Deutschösterreich  doch  nw  die  Sozialisten 
und  die  AUdc^utschon  wünschleh;  Bürgertum  und  Bauernschaft  wünschten 
ein  selbständiges  Österreich  und  hielten  ein  selbständiges  Österreich  für 
durchaus  lebensfähig.  Die  Auflehnung  der  Bourgeoisie  gegen  unsere  Führung 
wurde  so  zur  stärksten  Waffe  des  französischen  Imperialismus  in  jenen 
drei  Monate  dauernden  Diskussionen,  in  denen  nach-  Tardieus  Zeugnis  über 
üvn  Anschluß  entschieden  wurde. 

Wir  hatten  die  Absicht,  eine  Volksabstimmung  über  den  Anschluß 
zu  veranstalten,  um  die  Sieger  von  der  Einheitlichkeit  und  Festigkeit  des 
Anschlußwillens  dos  deutschösterreichischen  Volkes  zu  überzeugen.  Vor  der 
Entscheidung  der  Pariser  Friedenskonferenz,  in  der  Zeit,  in  der  die  drei  Groß- 
mächte noch  „schwankten  und  diskutierten",  wäre  eine  solche  Kundgebung 
nicht  wirkungslos  gewesen.  Wir  konnten  sie  nicht  wage|i,  da  die  heftige 
Gegenpropaganda  der  Anschlußgegner  die  Gefahr  hervorrief,  daß  starke 
.Minderheiten,  in  einzelnen  Ländern  vielleicht  sogar  die  Mehrheit  der 
Stimmberechtigten,  gegen  den  Anschluß  gestimmt  hätten. 

Am  7.  Mai  wurde  der  Entwurf  des  Friedensvertrages,  den  die  Entente 
dem  Deutschen  Reiche  zu  diktieren  gedachte,  der  deutschen  Friedens- 
delegation überreicht.  Seine  furchtbar  harten  Friedensbedingungen  wurden 
sofort  zu  Waffen  unserer  heimischen  Anschlußgegner.  Wird  der  Anschluß 
vollzogen,  so  werde  Deutschösterreich  die  furchtbare  Kriegsentschädigung, 
die  die  Sieger  dem  Deutschen  Reiche  auferlegen,  mitbezahlen  müssen.  Ver- 
zichten wir  auf  den  Anschluß,  dann  werde  die  Entente  uns,  wie  fs  Allize 
so  oft  versprochen,  „goldene  Brücken"  bauen.  Zugleich,  aber  erschütterte 
■der  Versailler  Vertragsentwurf  auch  die  Hoffnungen  der  Anschlußkämpfer. 
Der  Art.  80  des  Entwurfes  verpflichtete  das  Deutsche  Reich,  „die  Unab- 
hängigkeit Österreichs  anzuerkennen  und  sie  als  unabänderlich  zu  achten, 
-es  sei  denn,  daß  der  Völkerbundsrat  einer  Abänderung  zustimmt".  Die  Auf- 
nahme dieser  Bestimmung  in  den  Vertragsentwurf  schien  zu  beweisen,  daß 
•die  Zeit  des  Schwankens  und  Diskutierens  innerhalb  der  Entente  vorüber 
war.  Die  Diskussion  hatte,  wie  Keynes  erzählt,  mit  einem  jener  charakte- 
ristischen Kompromisse  zwischen  Clemenceau  und  Wilson,  zwischen  der 
Machtpolitik  Frankreichs  und  der  vom  amerikanischen  Präsidenten  ver- 
tretenen demokratischen  Ideologie  geendet,  in  denen  immer  der  Imperia- 
lismus in  der  Sache  und  die  Demokratie  in  der  Ausdrucksweise  siegte.  Man 
verbot  den  Anschluß  nicht  ohneweiters.  weil  ein  solches  Verbot  dem  Prinzip 
des  Selbstbestimmungsrechtes  der  Völker  widersprochen  hätte;  aber  man 
knüpfte  die  Ausübung  des  Selbstbestimmungsrechtes  an  die  Zustimmung 
■des  Völkerbundsrales  und  machte  sie  dadurch  tatsächlich  unmöglich.  „Wer 
v.-eiß,"  meint  Keynes,  „ob  der  Präsident  nicht  vergaß,  daß  ein  anderer  Teil 

—    150    — 


des  Friedensverlrages  zu  diesem  Zwecke  Einstimmigkeit  des  Völkerbunds- 
rates voraussetzt?" 

Unter  dem  Eindruck  dieser  Entscheidung  reiste  unsere  Delegation,  von 
Renner  geführt,  zu  den  Friedensverhandlungen  nach  Saint-Germain.  Am 
2.  Juni  wurde  ihr  der  erste  Entwurf  des  Friedensvertrages  überreicht.  Es 
war  ein  furchtbares  Dokument.  Die  Entente  sprach  Deutschböhmen,  das 
Sudetenland,  den  Böhmerwaldgau,  den  Znaimer  Kreis  und  nieder- 
österreichische Grenzgebiete  den  Tschechen.  Deutschsüdtirol  den  Italienern, 
den  größten  Teil  Kärntens  mit  der  Hauptstadt  Klagenfurt  und  die  deutschen 
Städte  der  Untersteierraark  den  Jugoslawen  zu.  Ebenso  furchtbar  waren  die 
wirtschaftlichen  Bestimmungen  des  Entwurfes.  Da  war  einfach  der  deutsche 
Friedensvertrag  abgeschrieben  worden;  das  Eigentum  deutschöster- 
reichischer Staatsbürger  m  den  Nachfolgestaaten  sollte  ebenso  beschlag- 
nahmt werden  wie  das  Eigentum  Reichsdeutscher  in  England  und  die 
Schulden  deutschösterreichischer  Staatsbürger  an  Bürger  .der  Nachfolge- 
staaten sollten  ebenso  valorisiert  werden  wie  unsere  Schulden  an  Trank- 
reich  oder  Italien.  Bei  der  engen  wirtschaftlichen  Verknüpfung  Wiens  mit 
den  Nachfolgestaaten  hätte  dies  den  wirtschaftlichen  Untergang  ^^  lens  in 
kürzester  Zeit  herbeiführen  müssen. 

Diese  furchtbaren  Bedingungen  erzeugten  in  Wien  die  Stimmung  zur 
Kapitulation.  Alles  schrie  nun.  wir  sollten  ausdrücklich  und  m  aller  Lorra 
auf  den  Anschluß  verzichten,  um  damit  eine  Milderung  der  Friedens- 
bedingungen zu  erkaufen.  Dieser  Kapitulationsstimmung  mußte  ich  niich 
widersetzen.  Denn  m  dem  Entwurf  vom  2.  Juni  war  vom  Anschluß  über- 
haupt keine  Rede;  eine  dem  Art.  80  des  Entwurfes  des  deutschen  Friedens^ 
Vertrages  analoge  Bestimmung  war  in  ihn  nicht  aufgenommen.  Dies  ließ- 
die  Annahme  zu.  daß  die  Zeit  des  „Schwankens  und  Diskuüerens  in  der 
Entente  doch  noch  nicht  vorüber  war;  gab  der  Hoffnung  1^/^^"^'/.^^^  ^ 
Sieger  vielleicht  doch  noch  den  Einwendungen  der  deutschen  Fnedens- 
delegation  gegen  den  Art.  80  stattgeben,  den  Art.  80  .  ^^^^^!^^^^^^ ,  °^^;- 
etwa  durch  die  Zulassung  einer  Mehrheitsentscheidung  im  Volkerbundbiat, . 
wie  eine  solche  für  die  Entscheidung  über  das  Saarrevier  vorgesehen  war  - 
wenigstens  mildern  werden.  Deshalb  trat  ich  dem  Gedanken,  durch  den 
Verzicht  auf  den  Anschluß  die  Besserung  der  Friedensbedingungen  zu 
erkaufen,  scharf  entgegen.  In  meitier  Parlamentsrede  vom  7.  Juni  mi  der 
ich  den  Friedensvertragsentwurf  beantwortete,  sagte  ich:  „Der  l^nedens- 
entwurf  widerlegt  die  traurigen  Illusionen  derer,  die  in  der  Absonderung 
von  dem  Deutschen  Reiche  das  Heil  suchten;  in  seinen  territorialen  und 
wirtschaftlichen  Bedingungen  noch  viel  härter  als  der  Entwurf,  der  dem 
Deutschen  Reich  vorgelegt  wurde,  beweist  er,  daß  nicht  das  Maß  des 
Hasses,  sondern  die  Schätzung  der  Kraft,  die  den  Besiegten  noch  geblieben 
ist  den  Inhalt  des  Friedensvertrages  bestimmt.  Stärker  denn  je  ist  heute 
darum'  in  unserem  Volke  die  Überzeugung,  daß  es  nur  im  Rahmen  der 
großen  Deutschen  Republik  eine  erträgliche  Zukunft  finden  kann." 

Die  französische  Diplomatie  sah,  daß  in  den  bürgerlichen  Parteien  und 
in  der  bürgerlichen  Presse  die  Kapitulationsstiramung  vorherrschte.  Sie  sah, 
daß  ich  mich  der  Kapitulation  widersetzte.  Sie  begann  daher  einen  persön- 
lichen Kampf  gegen  mich.  Dieser  Kampf  wurde  nicht  nur  in  der  Pariser,. 


—     151     — 


sondern  in  der  Wiener  bürgerliohen  Presse  geführt.  Es  war  ja  die  Zeil  des 
Kaniptes  luu  die  So7ialisierungsgeselze.  Ich  war  nicht  nur  Staatssekretär 
des  Äußern,  sondern  auch  Präsident  der  Sozialisicrungskommission.  Die 
bürgerliche  Presse  bekämpfte  den  Staatssekretär  des  Äußern,  nm  den  Präsi- 
denlen  der  Sozialisierungskonimission  zu  treffen.  So  stellte  sie  sich  immer 
vollständiger  in  den  Dienst  des  von  der  französischen  Mission  organisierten 

Feldzuges. 

Unser  Konflikt  mit  der  französischen  Diplomatie  wurde  gleichzeitig 
durch  andere  Umstände  verschärft.  Seit  der  ungarischen  MärzrevolutioM 
war  Frankreich  bemüht,  alle  Nachbarn  Ungarns  zu  einer  Koalition  gegen 
die  ungarische  Räterepublik  zu  vereinigen.  Es  mobilisierte  nicht  nur  Ru- 
mänien'^ die  Tschechoslowakei  und  Jugoslawien  gegen  Ungarn,  es  suchte 
auch  uns  in  diese  Koalition  hineinzuzwingen.  Es  war  unsere  Pflicht,  uns 
dieser  Zumutung  zu  erwehren.  Ging  die  ungarische  Revolution  Wege,  die 
wir  vom  Anfang  an  für  gefährlich,  für  verhängnisvoll  hielten,  so  war  es 
doch  eine  proletarische  Revolution,  gegen  die  wir  uns  nicht  mit  kapitalisti- 
schen Mächten  verbünden  durften.  ]\Iu3len  wir  uns  mit  aller  Kraft  dagegen 
wehren,  daß  der  ungarische  Kom.munismus  das  deutschösterreichische 
Proletariat  auf  seine  Wege  z.wingt,  so  war  unser  Kampf  gegen  den  ungari- 
schen Kommunismus  doch  nur  ein  Kampf  innerhalb  des  Proletariats;  gegen 
die  kapitalistischen  Mächte  hatte  das  rote  Ungarn  Anspruch  auf  unsere 
Unterstützung.  Nie  hätte  das  deutschösterreichische  Proletariat  eine  andere 
Politik  geduldet;  hätten  wir  gegen  Räteungarn  die  Geschäfte  des  Imperia- 
lismus besorgt,  so  hätte  sich  das  deutschöstcrreichische  Proletariat  dagegen 
aufgelehnt,  wäre  es  gerade  durch  eine  solche  dem  Kommunismus  feind- 
liche Politik  dem  Kommunismus  in  die  Arme  geworfen  worden.  Und  zu- 
gleich hätte  uns  eine  solche  Politik  unweigerlich  in  den  schwersten  Kon- 
flikt mit  der  uns  militärisch  weit  überlegenen  Räterepublik  verwickelt.  .Jede 
Feindseligkeit  Deutschösterreichs  gegen  Räteungarn  hätte  nicht  anders  ge- 
endet als  mit  dem  Aufstand  der  deutschösterreichischcn  Arbeiterschaft  und 
mit  dem  Einmarsch  der  ungarischen  Roten  Armee.  In  den  feindlichen  Ring, 
mit  dem  die  Entente  das  rote  Ungarn  umgab,  durfte  sich  DeutschÖLterreich 
nicht  einfügen. 

Wir  hatten  seit  der  Märzrevolution  Ungarn  mannigfache  wirtschaftliche 
Hilfe  geleistet.  Schon  dies  führte  zu  Reibungen  mit  den  Westmächten.  Aber 
ernster  wurden  diese  Konflikte  erst,  als  die  ungarische  Rote  Armee  im  Mai 
die  tschechischen  Truppen  in  der  Slowakei  geschlagen,  große  Teile  der 
Slowakei  wiedererobert  hatte.  Die  Tschechoslowakei  war  in  schwerer  Be- 
drängnis. Sie  konnte  die  neuen  Formationen,  die  sie  der  Roten  Armee  ent- 
gegenschickte, nicht  mit  Kriegsgerät  ausrüsten.  Frankreich  verlangte  von 
uns,  daß  wir  den  Tschechen  mit  Waffen  und  Munition  aus  unseren  Be- 
ständen aushelfen.  Wir  lehnten,  dies  ab.  Nun  stellte  Frankreich  uns  ein 
Ultimatum;  wenn  die  Verladung  der  Munition  bis  zum  6.  Juni  nicht  be- 
ginne, würden  die  Kohlenlieferungen  aus  der  Tschechoslowakei  eingestellt. 
Wir  fürchteten  die  Drohung  nicht;  gerade  damals  war  die  Furcht  der 
Entente  vor  dem  Übergreifen  des  Bolschewismus  nach  Deutschösterreich 
zu  groß,  als  daß  sie  es  hätte  wagen  können,  eine  v/irtschaftliche  Kata- 
strophe in  Wien  heraufzubeschwören.  Das  Kriegsgerät  wurde  nicht  ab- 
geliefert. Und    als    wir    kurze  Zeit    später    einiges  Kriegsgerät,    das    die 

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Entente  nach  dem  Waffcnstillstandsverlrag  beanspruchte,  liefern  mußten, 
Heferten  wir  es  nicht  den  Tscliechen  und  nicht  den  Franzosen  aus,  sondern 
schickten  es  den  Italienern  nach  Innsbruck;  so  waren  wir  sicher,  daß  es, 
wenn  überhaupt,  gewiß  nicht  rechtzeitig  in  die  Tschechoslowakei  werde 
kommen  können,  um  die  Kämpfe  dort  zu  beeinflussen.  Die  französische 
Diplomatie  und  die  französische  Militärmission  waren  über  diesen  unseren 
Widerstand  überaus  erregt.  Der  Pressefeldzug  gegen  mich  wurde  verschärft. 
Hatte  mich  die  Pariser  Presse  bisher  als  „Alldeutschen"'  bekämpft,  so  be- 
kämpfte sie  mich  nun  als  „Bolschewik".  Gerade  in  der  Zeit,  in  der  Bela 
Kuns  Emissäre  in  Wien  den  Putschversuch  gegen  uns  zu  organisieren  ver- 
suchten, in  der  Bela  Kuns  Gesandtschaft  zur  Zentrale  der  wütendsten 
Agitation  gegen  uns  geworden  war  und  in  der  Bela  Kun  immer  wieder 
Konflikte  mit  unserer  Budapester  Gesandtschaft  provozierte,  um  seiner 
Wiener  Gefolgschaft  Agitationsmaterial  gegen  uns  zu  liefern,  gerade  in  dem 
Monat  Juni,  in  dem  der  ungarische  Kommunismus  alle  Mittel  daransetzte, 
uns  zu  stürzen,  waren  wir  in  den  schwersten  Konflikt  mit  Frankreich 
geraten,  weil  wir  uns  weigerten,  uns  von  den  kapitalistischen  Zvlächteit 
gegen  die  proletarische  Revolution  in  Ungarn  benützen  zu  lassen. 

In  Wien  machten  Frankreich  und  Italien  einander  eifersüchtig  den' 
Einfluß  streitig.  Im  Konflikt  mit  Frankreich  suchten  wir  bei  Italien 
Anlehnung.  Italien  stand  unserer  Anschlußpolitik  nicht  so  feindlich 
gegenüber  wie  Frankreich.  Italien  hatte  auch  gegen  unsere  ungarische 
Politik  nichts  einzuwenden;  von  dem  Gegensatz  gegen  Jugoslawien 
beherrscht,  hat  Italien  die  Magyaren  immer  als  künftige  Verbündete  gegen 
die  Jugoslawen  behandelt;  es  trat  daher  auch  in  der  Rätezeit  Ungarn  weil 
weniger  feindlich  entgegen  als  die  Westmächte.  Wir  hatten  Italien  zuerst 
für  unseren  Grenzstreit  mit  den  Jugoslawen  zu  interessieren  versucht.  Das 
war  gelungen.  Italien  unterstützte  unsere  Ansprüche  auf  Kärnten,  auf 
Marburg  und  Radkersburg.  Nur  ItaUens  Ansprüche  auf  Deutschsüdtirol 
standen  zwischen  Italien  und  uns.  Wir  mußten  es  versuchen,  diesen 
Gegensatz  zu  überbrücken,  um  uns  den  Schutz  wenigstens  einer  der  Groß- 
mächte auf  der  Friedenskonferenz  zu  sichern. 

In  dem  Londoner  Vertrag  vom  26.  April  1915  hatten  Großbritannien 
und  Frankreich  dem 'Königreich  Italien  Südtirol  bis  zum  Brenner  zuge- 
sichert, wenn  Italien  in  den  Krieg  gegen  die  Mittelmächte  eintritt.  Aber 
diesem  Vertrag  waren  die  Vereinigten  Staaten  nie  beigetreten.  Und  Italien 
selbst  setzte  sich  nach  dem  Kriege  über  den  Londoner  Vertrag  hinweg, 
indem  es  Fiume  forderte,  das  gemäß  dem  Londoner  Vertrag  den  Jugoslawen 
zufallen  sollte.  Der  Streit  um  Fiume  ließ  es  möglich  erscheinen,  daß  der 
Londoner  Vertrag  revidiert  werden  könne.  Tardieu  bestätigt,  daß  Frankreich 
und  England  im  April  den  Italienern  eine  Revision  des  Londoner  Ver- 
trages anboten;  kam  es  dazu,  dann  durften  wir  hoffen,  daß  auch  die  Ent- 
scheidung über  Südtirol  geändert  werden  könnte.  In  dieser  Periode 
bemühten  wir  uns,  die  amerikanischen  ^Staatsmänner  für  die  Rettung- 
Deutschsüdtirols  zu  gewinnen.  Aber  der  Präsident  Wilson  war  ganz  von 
den  adriatischen  Problemen  in  Anspruch  genommen.  Er  verweigerte  den 
Italienern  nicht  nur  Fiume.  sondern  auch  die  Gebiete  in  Dalmatien  und 
in  Istrien,  die  der  Londoner  Vertrag  ihnen  zugesichert  hatte.  Da  Wilson' 
wegen   dieser   slawischen    Gebiete   in   den    schärfsLen   Konflikt   mit   Italien- 

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geriet,  wollte  er. den  Konflikt   nicht  auch   noch  äurch   den  Streit  um  die 
deutschen   Gebiete  ip   Südtirol   erweitern.   „Die  amerikanische  Regierung", 
erzählt  Tardieu,    „akzeptierte    die  Klauseln    des  Londoner  Vertrages   über 
die  Alpen,  aber  sie  lehnte  seine  Klauseln    über    einen  Teil    Istriens,    über 
Dalmatien  und  über  die  Inseln  des  Adriatischen  Meeres  ab."  England  und 
Frankreich  aber  erklärten  sich  durch  den  Londoner  Vertrag  gebunden;  es 
müsse,  wie  es  in  London    vereinbart    worden    war,    Südtirol    bei    Italien, 
Fiume  den  Jugoslawen  bleiben.  Trotzdem  hofften  wir  noch  immer.  Als  es 
zum    offenen    Bruch    zwischen    Italien    und    den    Westmächten   kam,    als 
Orlando    am  2-i.  April   von  Paris    abreiste,   hofften   wir    noch   immer,    der 
weitere  Verlauf  des  Konflikts  werde  vielleicht  doch  zu  einer  Revision  des 
Londoner  Vertrages    führen;    auch    in  dieser  Periode    noch    suchten    wir 
daher  die  Entscheidung    über  Tirol    durch  Propaganda   im  Westen    zu   be- 
einflussen. Erst  als  die  Italiener  am  5   Mai  nach  Paris  zurückkehrten,  war 
es  offenkundig,  daß  Tirol  von  den  Westmächten  seine  Rettung  nicht  mehr 
zu  hoffen  hatte.  War  Deutschsüdtirol  überhaupt  noch  zu  retten,  so  konnte 
es    nur    durch    unmittelbare  Verhandlungen    mit    Italien    gerettet    werden. 
Das    war    es,     was    wir    im    Mai    versuchten.     Italien     begründete     die 
Annexion    Deutschsüdtirols    mit   strategischen  Argumenten.    Wir    schlugen 
daher    der    italienischen    Regierung    vor,    Deutschsüdtirol     solle    zwar    bei 
Deutschösterreich  bleiben,    aber  es  solle    militärisch    neutralisiert    werden. 
Wir  erklärten  uns  selbst    bereit,    über    die  bloße  Neutralisierung    hinaus- 
zugehen, Italien  weitgehende  militärische  Rechte  bis  zum  Brenner  zuzu- 
gestehen, wenn  das  Gebiet  zwischen  der  Salurner  Klause  und  dem  Brenner 
nur  im  übrigen  bei  uns  bleibe.  Wir  boten  Italien  als  Preis  für  den  Verzicht 
auf  Deutschsüdtirol  wirtschaftliche  Gegenzugeständnisse.  Wir  wußten,  daß  ■ 
italienische  Kapitalisten  die  in  österreichischem  Besitz  befindlichen  Aktien 
vieler  Unternehmungen  an  der  Adria  und  in  Jugoslawien  zu  erwerben  und 
.  sich  an  deutschösterreichischen  Unternehmungen  zu  beteiligen  wünschten. 
Wir  erklärion  uns  bereit,    alle    diese  Wünsche    zu    erfüllen,    sobald    sich 
Rallen     nur     zu    Verhandlungen    über    Deutschsüdtirol    bereit     zeigt.     Die 
italienische  Regierung  ließ  uns    lang  auf    ihre  Antwort    warten.    Erst    im 
Juli  Heß    sie  uns    mitteilen,   daß    sie   unseren  Vorschlag   ablehnen    müsse. 
Italien  war  auf  der  Pariser  Konferenz  im  Kampfe  um   die  Adria  und  die 
Levante  unterlegen;  es  konnte  sich  nicht  dazu  entschließen,  auch  noch  auf 
einen  Teil   der  Kriegsbeute  zu  verzichten,  die  Paris  ihm  zusprach.  Damit 
war  unser  Versuch  einer  Verständigung  mit  Italien  gescheitert. 

So  vv-urde  denn  unsere  Lage  sehr  schwierig.  Wir  standen  in  schwerem 
Konflikt  mit  Frankreich.  Wir  konnten  uns  mit  Italien  nicht  verständigen. 
Und  gegen  unsere  Anschlußpolitik  lehnte  sich  ein  großer  Teil  der  mit- 
regierenden christlichsozialen  Partei  und  die  ganze  durch  die  kapitalistische 
Presse  repräsentierte  öffentliche  Meinung  auf.  Und  doch  hat  gerade  diese 
Konfliktsperiode  unserer  auswärtigen  Politik  den  größten  Erfolg  gebracht. 
Am  20.  Juli  wurde  unserer  Friedensdelegation  in  Saint-Germain  der  zweite 
Entwurf  des  Friedensvertrages  überreicht.  Dieser  zweite  Entwurf  stellte 
gegenüber  dem  ersten,  gegenüber  dem  Entwurf  vom  2.  Juni,  einen  be- 
deutenden Fortschritt  dar. 

Der  erste  Friodensentwurf  hatte  den  größten  Teil  Kärntens  mit  seiner 
Hauptstadt  den   Jugoslawen   zugesprochen.   Der   zweite   Entwurf  revidierte 


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diese  Entscheidung.  Das  Kärntner  Vollv  sollte  nunmehr,  wie  wir  es  vomi) 
Anfang  an  gefordert,  selbst  durch  eine  freie  Volksabstimmung  über  seine' 
staatliche  Zugehörigkeit  entscheiden.  Damit  war  der  größte  Teil  Kärntens 
für  Deutschösterreich  gerettet.  Am  31.  .Juli  1919  wurde  Klagenfurt  auf  Geheiß 
des  Obersten  Rates  in  Paris  von  den  Jugoslawen  geräumt.  Am  10.  Oktober- 
1920  hat  sich  das  Kärntner  Volk  in  freier  Wahl  für  die  österreichische 
Republik  entschieden.  Dieser  große  Erfolg  war  das  Ergebnis  einerseits  der- 
tapferen  Abwehrkärapfe  des  Kärntner  Volkes,  anderseits  der  Unterstützung 
Italiens  auf  der  ^Friedenskonferenz,  die  wenigstens  für  diese  Sache  zu  er- 
langen uns  gelungen  war. 

Mit  der  Rettung  Kärntens  brachte  uns  der  zweite  Entwurf  auch  die  Be- 
freiung des  Burgenlandes.  Schon  während  des  Krieges  war  in  Denk- 
schriften der  tschechischen  und  der  jugoslawischen  Emigration  —  zum 
erstenmal  wohl  in  einer  Denkschrift  Masaryks  an  Sir  Edward  Grey  im 
April  1915  —  die  Forderung  aufgetaucht,  die  zu  schaffenden  National- 
staaten der  Tschechen  und  der  .Südslawen  seien  durch  einen  „Korridor" 
zu  verbinden.  Zu  diesem  Zv/ecke  seien  die  überwiegend  von  Deutschen 
bewohnten  ungarischen  Komitate  ödenburg,  Wieselburg  und  Eisenstadt 
zwischen  dem  tschechoslowakischen  und  dem  jugoslawischen  Staat  zu 
teilen.  Diese  Forderung  vertraten  die  Tschechen,  von  Frankreich  unterstützt, 
auch  auf  der  Pariser  Friedenskonferenz.  Gegen  diese  Gefahr  einer  slawi- 
schen Barriere  zwischen  Deutschösterreich  und  Ungarn  mußten  wir  un.s 
zur  Wehr  setzen;  ihr  mußten  wir  die  Forderung  entgegenstellen,  daß  das 
Volk  der  deutschen  Komitate  Westungarns  selbst  entscheiden  solle,  zu 
welchem  Staat  es  gehören  will.  Als  im  Oktober  1918  das  revolutionäre 
Nationalitätsprinzip  die  historischen  Staatsgrenzen  niederriß,  forderten 
wir,  daß  das  Nationalitätsprinzip  nicht  nur  im  Norden  und  im  Süden 
zugunsten  der  Tschechen,  der  Südslawen,  der  Italiener  gelten  solle,.  Gondern- 
auch  im  Osten,  wo  ein  uns  benachbarter  deutscher  Stamm  unter  magyari- 
scher Herrschaft  lebte.  Wir  hatten  jede  Annexion  dieses  Gebietes  abgelehnt. 
Aber  wir  hatten  der  Friedenskonferenz  die  Forderung  unterbreitet,  daß  das 
Volk  in  Deutsch-Westungarn  selbst  in  freier  Volksabstimmung  entscheiden 
solle,  ob  es  bei  Ungarn  bleiben  oder  an  Deutschösterreich  fallen  will.  Als 
Großbritannien  und  die  Vereinigten  Staaten  die  tschechische  Forderung 
nach  dem  tschechisch-jugoslawischen  „Korridor"  in  Westungarn  ablehnten, 
empfahlen  die  Tschechen  die  Teilung  Westungarns  zwischen  Deutschöster- 
reich und  Ungarn.  Sie  wünschten  diese  Lösung,  um  erstens  Deutschöster- 
reich mit  Ungarn  zu  verfeinden,  eine  Allianz  beider  Staaten  gegen  die 
Tschechoslowakei  zu  verhindern.  Sie  wünschtens  sie  zweitens,  weil  sie  es 
für  ihre  Interessen  nützlich  hielten,  wenn  die  beiden  Eisenbahnen,  die  die 
Slowakei  mit  Kroatien  verbinden,  nicht  in  der  Hand  desselben  Staates  sind. 
In  der  Tat  lehnten  die  Siegermächte  die  von  uns  geforderte  Volksabstim- 
mung in  Westungarn  ab,  teilten  aber  in  dem  Entwurf  vom  20.  Juli  das  Land, 
indem  sie  den  größeren  Teil  uns,  den  kleineren  Ungarn  zusprachen.  In  einer 
Zeit,  in  der  im  Westen,  Osten  und  Süden  große  deutsche  Länder  fremdei 
Herrschaft  unterworfen  wurden,  war  es  hier  gelungen,  einen  deutschen 
Stamm  von  der  Fremdherrschaft  zu  befreien.  Die  Entente  hatte  diese  Ent- 
scheidung in  den  Wochen  gefällt,  in  denen  die  deutschösterreichische' 
Arbeiterschaft  den  Ansturm  des  von  Ungarn  mobilisierten  Bolschewisnius- 


abwies.  Sie  wollte  unsere  Stellung  gegen  den  Rolschewlsmiis  befeslisen, 
indem  sie  uns  für  die  großen  Verluste  in  Nord  und  Süd  im  Osten  eine  Ent- 
schädigung auf   Kosten  des   bolschewistischen  Ungarn  in  Aussicht  stellte. 

Endlich  brachte  uns  der  zweite  Friedensentwurf  auch  eine  wesentliche 
Verbesserung  der  wirtschaftlichen  Bestinnnungen  des  ersten  Entwurfes 
Während  der  Entwurf  vom  2.  Juni  unsere  w^irlschaftlichen  Beziehungen  zu 
den  Nachfolgestaaten  nach  denselben  Grundsätzen  regelte  wie  unsere  Be- 
ziehungen zu  den  Ententemächten,  wurde  dieses  Prinzip  in  dem  Entwurf 
vom  20.  Juli  durchbrochen.  So  wurde  insbesondere  die  gefährliclie  Bestim- 
mung über  die  Liquidierung  des  Eigentums  deutschöstcrreichischer  Staats- 
bürger in  den  Nachfolgestaaten  aufgehoben.  Auch  die  Bestimmungen  über 
die  Verteilung  der  Staatsschuld  kamen  unseren  Forderungen  einigermaßen 
entgegen.  Diese  sehr  wichtigen  Erfolge  waren  eine  Frucht  unseres  Kampfes 
um  den  Anschluß.  Im  Kampfe  gegen  unsere  These,  daß  Deutschosterreich, 
auf  sich  selbst  gestellt,  nicht  lebensfähig  sei,  hatte  der  französische 
Imperialismus  immer  wieder  versprochen,  er  werde  Deutscliösterreich 
durch  günstigere  wirtschaftliche  Bestimmungen  des  Friedensvertrages 
lebensfähig  machen.  Er  mußte  wenigstens  einen  Teil  seiner  Versprechungen 
einlösen;  mußte  wenigstens  diejenigen  Klauseln  des  ersten  Entwurfes 
•streichen,  die  den  sofortigen  wirtschaftlichen  Zusammenbruch  Wiens 
lierbeigeführt,  die  Lebensfähigkeit  Deutschösterreichs  vollends  vernichtet 
hätten. 

Aber  so  bedeutend  der  Fortschritt  auch  war,  den  wir  mit  dem  Friedens- 
entwurf vom  20.  Juli  erreicht  hatten,  so  mußten  die  Bemühungen,  eine  Ver- 
besserung des  Friedensvertrages  zu  erreichen,  doch  selbstverständlich  fort- 
gesetzt werden.  Dazu  erschien  uns  nun  eine  taktische  Wendung  notwendig. 
Aus  zwei  Gründen  waren  wir  in  Konflikt  mit  Frankreich  geraten:  erstens 
wegen  unseres  Festhaltens  am  Anschluß,  zweitens  wegen  unserer  W^eige- 
rung,  uns  in  die  gegen  die  ungarische  Räterepublik  geschlossene  Koalition 
hineinzwingen  zu  lassen.  Beide  Ursachen  des  Konflikts  hatte  aber  die  Ge- 
schichte indessen  aus  dem  Wege  geräumt.  Einerseits  hatte  die  Entente  die 
Einwendungen  der  reichsdeutschen  Friedensdelegation  gegen  der  Artikel  80 
des  deutschen  Friedensvertrages  zurückgewiesen;  das  Reich  hatte  sich 
fügen  müf^sen,  es  hatte  den  Friedensvertrag  am  28.  Juni  unterzeichnet. 
Damit  war  die  Bestimmung,  daß  Deutschösterreich  nur  im  Falle  einstim- 
jniger  Zustimmung  des  Völkerbundsrates  in  das  Deutsche  Reich  auf- 
genommen werden  dürfe,  zu  einem  Bestandteil  des  Völkerrechtes  geworden. 
Anderseits  wußten  wir,  daß  die  ungarische  Räteregierung  schwer  erschüttert 
war;  wir  konnten  nicht  mehr  bezweifeln,  daß  ihr  Zusammenbruch  un- 
mittelbar bevorstand.  Unter  solchen  Umständen  konnte  es  weder  die 
■deutsche  noch  die  ungarische  Frage  rechtfertigen,  im  Konflikt  mit  Frank- 
reich zu  verharren.  Und  eine  Annäherung  an  Frankreich  erschien  jetzt 
nicht  nur  möglich,  sondern  auch  notwendig.  Unser  Versuch,  in  Italien  eine 
Stütze  gegen  Frankreich  zu  finden,  war  daran  gescheitert,  daß  Italien  auf 
der  Annexion  Deutsch-Südtirols  beharrte.  Und  Frankreichs  Feindschaft 
gegen  uns  konnte  viel  gefährlicher  werden,  wenn  erst  der  Bolschewismus 
in  Ungarn  gefallen  war,  als  sie  sein  konnte,  solange  die  Furcht,  daß  der 
Bolschewismus  nach  Deutschösterreich  übergreifen  könnte,  der  französi- 
:  sehen  Feindschaft  Hemmungen  auferlegte.  So  mußten  wir  jetzt  den  Versuch 

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unternehmen,  Frankreich  uns  gnädiger  zu  stimmen.  Naclidem  der  zweite 
Friedensvertragsentwurf  unserer  Friedensdelegation  überreiclit  worden  war, 
kam  ich  mjt  Renner  in  Feldkirch  zusammen;  dort  vereinbarten  wir  die 
taktische  Wendung.  Natürlich  konnte  nicht  ich  die  Annäherung  an  Frank- 
reich durchführen;  dazu  war  mein  persönlicher  Konflikt  mit  der  französi- 
schen Diplomatie  allzu  schwer  gewesen.  Ich  demissionierte;  die  National- 
versammlung betraute  am  26.  Juli  Renner,  dessen  überaus  geschickte 
Haltung  in  Saint-Germain  seine  Stellung  in  Deutschösterreich  bedeutend 
gestärkt  und  ihm  auch  in  Frankreich  Sympathien  erworben  hatte,  mit  der 
Leitung  des  Staatsamtes  des  Äußern.  Renner  umriß  die  taktische  Wendung 
dieser  Tage  sehr  deutlich,  indem  er  öffentlich  erklärte,  Deutschösterreich 
wolle  nun  eine  „westliche  Orientierung"  einschlagen. 

Der  Erfolg  dieser  taktischen  Wendung  zeigte  sich,  als  uns  am 
2.  September  der  dritte,  endgültige  Text  des  Friedensvertrages  überreicht 
wurde.  Unzweifelhaft  brachte  uns  der  dritte  Entwurf  weniger  weitgehende 
Verbesserungen  als  der  zweite;  die  Annäherung  an  Frankreich  hat  uns  weniger 
gebracht,  als  wir  in  der  Zeit  des  Konflikts  mit  Frankreich  erreicht  hatten. 
Aber  das  widerlegt  nicht  die  Notwendigkeit  der  taktischen  Wendung  im 
Juii;  es  beweist  nur.  daß  nach  der  Unterzeichnung  des  Friedens  von 
Versailles  und  nach  dem  Zusammenbruch  der  ungarischen  Rätediktatur 
weniger  zu  erreichen  war  als  vorher.  Immerhin  gab  uns  der  dritte  Entwurf 
Radkersburg  zurück  und  er  brachte  uns  eine  nicht  unbeträchtliche  Ver- 
besserung vieler  wirtschaftlicher  Restimmungen  des  Friedensvertrages. 
Anderseits  freilich  fügte  die  Entente  erst  jetzt,  erst  in  den  dritten  Entwurf 
den  Artikel  188  ein,  der  uns  verpflichtet,  unsere  „Unabhängigkeit"  als 
„unveräußerlich"  zu  achten,  solange  der  Völkerbundsrat  uns  den  Anschluß 
nicht  erlaubt.  Diese  Reschränkung  unseres  Selbstbestimmungsrechtes  war 
noch  in  dem  Entwurf  vom  20.  Juli  nicht  enthalten  gewesen,  obwohl  die 
Entente  vorher  schon  dem  Deutschen  Reiche  die  Verpflichtung  auferlegt 
hatte,  uns  nicht  ohne  Zustimmung  des  Völkerbundsrates  in  das  Reich  auf- 
zunehmen; erst  nach  meinem  Rücktritt,  nach  der  „westlichen  Orientierung" 
unserer  Politik  wurde  diese  Restimmung  auch  in  den  österreichischen 
Friedensvertrag  eingefügt 

So  waren  wir  in  unserem  Kampf  um  den  Anschluß  unterlegen.  Trotzdem 
war  dieser  Kampf  keineswegs  wirkungslos.  In  dem  Augenblick,  in  dem  das 
alte  Österreich  zusammengebrochen  war,  hatte  er  der  neuen  Republik 
ein  neues  nationales  Ideal,  dem  aus  tausend  Wunden  blutenden  Körper 
des  deutschösterreichischen  Volkes  eine  Seele,  Lebensziel  und  Lebenswillen 
gegeben.  Dieses  nationale  Ideal  hat  die  junge  Republik  gewaltig  gefestigt. 
Die  Restauration  der  Habsburger  hätte  den  Anschluß  unmöglich  gemacht; 
das  nationale  Ideal  gewann  dem  republikanischen  Gedanken  breite 
Schichten  des  Rürgertums.  Dieses  nationale  Ideal  hat  das  deutschöster- 
reichische Rürgertum  mit  dem  Zerfall  seines  alten  Reiches  versöhnt  und  es 
dem  Grundsatz  des  Selbstbestimmungrechtes  der  Völker  gewonnen;  das 
Selbstbestimmungsrecht  bedeutete  ihm  nun  nicht  mehr  bloß  den  Zusammen- 
bruch seiner  Herrschaft  über  die  anderen  Völker,  sondern  auch  den  An- 
spruch auf  die  Einigung  des  eigenen  Volkes.  So  hat  es  nur  dieses  nationale 
Ideal  ermöglicht,  die  ganze  auswärtige  Politik  der  jungen  Republik  auf  die 

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unbeschränkte  Anerkennunj;  des  Selbstbcsümmungsrechlos  der  Nachbar- 
völker zu  stützen  und  sie  dadurch  vor  allen  jenen  VcrirrunKcn  des; 
Kampfes  um  die  „Integrität"  zu  bewahren,  der  die  ungarische  Revolution  in 
so  verhängnisvolle  Abenteuer  gestürzt  hat.  Vor  allem  war  aber  der  Kampf 
um  den  Anschluß  unsere  wuchtigste  Waffe  gegen  den  Entcnte- 
imperialismus.  Die  Befürchtung,  daß  sich  unsere  These  als  wahr  erweisen,. 
daß  Deutschösterreich,  auf  sich  selbst  gestellt,  lebensunfähig  sein  werde, 
hat  die  Entente  gezwungen,  uns  mildere  Friedensbedingungen  und  uns 
wirtschaftliche  Hilfe  zu  gewähren.  Aber  so  fruchtbar  auch  der  Kampf  um 
den  Anschluß  trotz  der  schließlichen  Niederlage  gewesen  war,  so  ver- 
JKxngnisvoll  war  doch  diese  Niederlage.  Aus  dem  großen  Wirtschaftsgebiet, 
dessen  Zentrum  Deutschösterreich  gebildet  hatte,  gewaltsam  herausgerissen,, 
ohne  hinreichende  Kraft,  die  Anpassung  an  die  neuen  Lebensbedingungen 
mit  eigenen  Mitteln  zu  voljziehen.  mußte  die  junge  Republik,  da  ihr  die 
Eingliederung  in  das  bei  weitem  wirtschaftsstärkere  Reich  ver- 
wehrt war,  ein  selbständiges  Leben  führen,  das  nur  ein  Leben  bitterer 
Not,  ein  Leben  drückender  Abhängigkeit  vom  Ausland  sein  konnte.  Die- 
letzte  Konsequenz  der  „Unabhängigkeit",  zu  der  uns  Saint^Germain  ver- 
urteilt hat,  ist  die  internationale  Finanzkontrolle,  der  uns  Genf  unterwirft. 
Der  Friedensvertrag  von  Saint-Germain  war  das  Ergebnis  einerseits  der 
bürgerlich-nationalen  Revolution  der  slawischen  Nationen,  anderseits  des 
Sieges  des  Ententeimperialismus.  Ein  Ergebnis  der  nationalen  Revolution,, 
hat  er  Tschechen,  Jugoslawen  und  Polen  von  der  Fremdherrschaft  befreit 
und  auf  den  Trümmern  der  aus  der  Epoche  des  Feudalismus  und  des 
Absolutismus  überlieferten  Herrschaftsverhältnisse,  denen  sie  unterworfen 
gewesen,  der  bürgerlichen  Demokratie  auf  ihrem  Boden  Raum  geschaffen. 
Aber  ein  Ergebnis  zugleich  des  Sieges  des  Ententeimperialismus,  hat  er  alle 
Ergebnisse  der  nationalen  Revolution  verfälscht  und  vergewaltigt.  Statt 
eines  tschechoslowakischen  Nationalstaates  schuf  er  einen  Nationalitäten- 
staat, in  dem  Millionen  Deutsche,  Magyaren,  Polen  und  Karpathorussen 
der  Herrschaft  der  tschechischen  Bourgeoisie  unterworfen  sind.  So  hat  der 
die  nationale  Fremdherrschaft  nicht  aufgehoben,  sondern  nur  den  Herrn 
zum  Knecht,  den  Knecht  zum  Herrn  gemacht.  Die  folgenschwere  Ent- 
scheidung, die  dieses  Gefüge  der  tschechoslowakischen  Republik  bestimmte,, 
war  nicht  nur  aus  'den  Machtinteressen  des  französischen  Imperialismus., 
der  in  der  Tschechoslowakei  einen  gefügigen  Vasallen  gegen  Deutschland 
zu  gewinnen  suchte,  sondern  auch  aus  konterrevolutionären  Motiven  her- 
vorgegangen. In  einer  von  Tardieu  verfaßten  Note  Frankreichs  an  die' 
Friedenskonferenz,  die  Ende  März  die  Notwendigkeit,  Deutschböhmen  dem 
Tschechenstaat  zu  unterwerfen,  erweisen  wollte,  war  zu  lesen:  ,,Wenn 
Polen  und  Tschechen  bisher  dem  Bolschewismus  widerstanden  haben, 
ist  es  aus  nationalem  Gefühl.  Wenn  man  dieses  Gefühl  ver- 
gewaltigt, werden  sie  dem  Bolschewismus  zur  Beute  "fallen;  die 
Barriere,  die  den  russischen  Bolschewismus  vom  deutschen  trennt, 
wird  zerstört  sein."  Es  war  die  Furcht  der  Ententebourgeoisie  vor- 
der Expansion  der  sozialen  Revolution,  die  den  tschechischen 
Staat  weit  über  die  nationalen  Grenzen  des  tschechischen  Volkes- 
hinaus  ausdehnte.  Und  da  konterrevolutionäre  Motive  seine  Grenzen  zogen,, 
haben  konterrevolutionäre  Elemente    das  Wesen    des    aus    der    Revolution 

—    158    — 


.geborenen  Staatsgebildes  verändert.  Da  es  Millionen  Bürger,  die  nur  die 
Gewalt  ihm  unterworfen  hat,  nur  mit  Gewalt  beherrschen  kann,  mußte  es, 
darin  des  alten  Österreich  echter  Erbe,  zum  militärischen  Herrschaftsstaat 
werden,  dessen  Gewalt,  gegen  die  beherrschten  Nationalitäten  aufgerichtet, 
auch  die  Arbeiterklasse  der  herrschenden  Nation  niederhält.  Es  gilt  nun 
für  die  Tschecher;,  was  so  lang  für  die  Deutschen  gegolten:  Sie  werden 
selbst  nicht  frei,  solange  sie  den  Nachbarvölkern  die  Freiheit  verweigern. 
Und  was  von  der  Tschechoslowakei  gilt,  gilt  auch  von  Polen,  das,  weit  über 
■die  nationalen  Grenzen  des  polnischen  Volkes  ausgedehnt,  auf  Rußlands 
und  Deutschlands  Kosten  zugleich  bereichert  und  dadurch  den  beiden 
großen  Nachbarvölkern  zugleich  verfeindet,  zum  Werkzeug  des  fran- 
zösischen Imperialismus  gegen  die  deutsche  Republik  und  gegen  die 
russische  Revolution  werden  mußte;  gilt  auch  von  Jugoslawien,  wo  der 
serbische  Militarismus  an  die  Stelle  der  freien  Föderation  der  südslawischen 
Stämme  sein  die  historischen  Stammesindividualitäten  vergewaltigendes 
Herrschaftssystem  gesetzt  hat,  gegen  das  sich  Kroaten  und  Slowenen  fast 
ebenso  leidenschaftlich  auflehnen,  wie  sie  sich  gegen  die  Fremdherrschaft 
Österreichs  und  Ungarns  aufgelehnt  haben. 

Deutschösterreich  aber  wurde  zum  Opfer  dieser  Vergewaltigung  der 
nationalen  Revolution  durch  deh  Imperialismus.  Der  Friedensvertrag  raubte 
der  Reput)lik  selbst  ihren  Namen.  Wir  hatten  sie  in  den  Oktobertagen,  in  den 
Tagen  des  Triumphs  des  Selbstbestimmungsrechtes  der  Völker,  Deutsch- 
österreich genannt;  der  Name  sollte  besagen,  daß  wir  nicht  Habsburgs  Erb- 
schaft antreten,  nicht  die  Herrschaft  über  die  von  Habsburg  unterjochten 
■fremden  Nationen  beanspruchen,  sondern  nur  die  deutschen  Gebiete  der 
Habsburgermonarchie  zu  einem  freien  Gemeinwesen  vereinigen  wollten. 
Der  Friedensvertrag  zwang  uns,  der  Republik  den  alten  Namen  Österreich 
wiederzugeben;  der  Imperialismus  zwang  uns  den  verhaßten  Namen  auf, 
weil  er  von  der  von  der  Arbeiterklasse  geführten  deutschösterreichischen 
Republik  Sühne  fordern  wollte  für  die  Verbrechen,  die  die  Herrenklassen 
der  habsburgischen  Monarchie  an  den  Völkern  begangen  hatten.  Der 
Friedensvertrag  raubte  unserer  Republik  Gebiete,  die  mehr  als  drei  Mil- 
lionen Deutsche  bewohnen;  ein  Drittel  des  deutschösterreichischen  Volkes 
fiel  unter  Fremdherrschaft.  Dem  Rest  aber  verweigerte  der  Friedens- 
vertrag nicht  nur  das  Recht  der  Selbstbestimmung,  das  Recht  auf  den  An- 
schluß; er  erlegte  ihm  zugleich  wirtschaftliche  Lasten  auf,  die  ihm  die  un- 
freiwillige staatliche  Selbständigkeit  doppelt  schwer  erträglich  machen 
mußten.  Zwar  konnte  die  Entente  die  Reparationsverpflichtungen,  die  der 
Friedensvertrag  uns  auferlegte,  nie  geltend  machen.  ■  Aber  das  General- 
'  Pfandrecht  zugunsten  dieser  Reparationsverpflichtungen  vernichtete 
unseren  Staatskredit.  Und  die  Bestimmungen  des  Friedensvertrages  über  die 
Valorisierung  der  Vorkriegsschulden,  über  die  Liquidierung  der  Öster- 
reichisch-Ungarischen Bank,  über  die  Sequestrierung  des  österreichischen 
Eigentums  im  Ausland,  über  die  Beschränkungen  unserer  zoll-  und  handels- 
politischen Bewegungsfreiheit  und  unserer  Tarifhoheit  auf  den  Eisen- 
bahnen zerrütteten  unsere  Währung  und  drückten  unsere  Volkswirtschaft 
nieder. 

Diese  Vergewaltigung  der  Revolution  durch  den  Imperialismus  be- 
stimmte zugleich  auch  das  weitere  Schicksal  der  Revolution  in  Deutsch- 

—    159    — 


Österreich.  Der  Sieg  der  Eiileiilelieere  im  Oktober  hatte  die  Vülker  der 
Uabsburgcrmonarcliie  entfesseil  und  dadurch  die  Arbeiterklasse  in  Dcutsch- 
osterreich  zur  Vorherrschaft  geführt.  Diese  Vorherrschaft  war  in  den 
ersten  Monaten  nach  den  Siegen  der  Ententelieere  nicht  nur  in  den  Macht- 
verhältnissen der  Klassen  im  Lande  selbst  begründet,  sie  war  zugleich 
auch  eine  außenpolitische  Notwendigkeit.  Nicht  die  bürgerlichen  Parteien, 
die  sich  bis  zur  letzten  Stunde  an  das  Herrschaftssystem  der  Habsburger- 
monarchie geklammert  hatten,  sondern  nur  die  Sozialdemokratie,  die  gegen 
dieses  Herrschaftssystem  das  Selbstbestimmungsrecht  der  Völker  verfochten 
hatte,  konnte  nach  Habsburgs  Sturze  Deutschösterreich  auf  die  Bahnen 
seiner  neuen,  nur  noch  auf  das  Selbstbestimmungsrecht  der  Völker  zu 
gründenden  Außenpolitik  führen.  Nicht  die  bürgerlichen  Parteien,  die  zu 
Kriegsbeginn  dem  Ultimatum  an  Serbien  zugejubelt  und  während  des 
Krieges  nach  der  blutigen  Niederwerfung  der  tschechischen  „Hoch- 
verräter" geschrien  hatten,  konnten  nach  dem  Siege  der  Serben  und  dpr 
Tschechen  den  Haß  der  befreiten  Nachbarvölker  gegen  Wien  allmählich 
entwaffnen,  ihr  Vertrauen  der  jungen  Republik  gewinnen,  freundnachbar- 
liche Beziehungen  zu  ihnen  begründen.  Nicht  die  bürgerlichen  Parteien,  die 
in  ohnmächtiger  Angst  dem  inneren  Ringen  innerhalb  der  Arbeiterklassen 
zusehen  mußten,' sondern  nur  die  Sozialdemokratie  konnte  den  Ansturm 
des  ungarischen  Bolschewismus  abwehren.  Die  zwingende  Notwendigkeit, 
den  Frieden  mit  den  Nachbarvölkern  zu  erhalten,  erforderte  also  in  den 
ersten  Monaten  nach  der  Oktoberrevolution  die  Führung  der  Sozial- 
demokratie. Aber  diese  Führung  wurde  im  Verlaufe  des  Jahres  1919 
erschüttert  durch  den  Verlauf  und  die  Ergebnisse  der  Friedensverhandlungen 
mit  den  Westmächten.  Als  der  französische  Imperialismus  Deutsch-' 
Österreich  in  den  eisernen  Ring  um  die  ungarische  Räterepublik  hinein- 
zwingen wollte,  war  ihm  die  Sozialdemokratie  das  widerspenstige 
Hindernis,  die  reaktionären  Elemente  der  Bourgeoisie  das  gefügige  Werk- 
zeug. •  Als  der  französische  Imperialismus  Deutschösterreichs  Willen  zum 
Anschluß  an  Deutschland  brechen  wollte,  widersetzte  sich  ihm  die  Sozial- 
demokratie, während  die  christlichsoziale  und  die  liberale  Bourgeoisie  seine 
Geschäfte  besorgten.  Der  ganze  Einfluß  des  französischen  Imperialismus 
begann  nun  in  Wien  für  die  bürgerliche  Reaktion  gegen  die  Sozial- 
demokratie zu  wirken.  Als  der  Enlenteimperialismus  mit  den  Waffen  seiner 
rumänischen  Vasallen  die  ungarische  Räterepublik  stürzte,  als  sich  unter 
dem  Schutze  seiner  Budapester  Missionen  die  Konterrevolution  in  Ungarn 
etablierte,  waxd  die  deutschösterreichische  Bourgeoisie  von  der  Angst  vor 
der  sozialen  Revolution  befreit,  ihr  Selbstbewußtsein  und  ihre  Wider- 
standskraft erstarkten  nun  sehr  schnell.  Als  der  französische  Imperia- 
lismus in  den  Pariser  Friedensverhandlungen  die  demokratischen  Ideen, 
deren  sich  die  Entente  während  des  Krieges  als  einer  Waffe  bedient  hatte, 
besiegte,  als  der  Ententeimperialismus  Deutschland  und  Deutschösterreich 
emen  brutalen  Gewaltfrieden  diktierte,  wendeten  sich  viele  Intellektuelle, 
Beamte,  Kleinbürger  in  Deutschösterreich  von  der  Sozialdemokratie  ab;  sie 
waren  im  Herbst  1918,  in  den  Tagen  des  höchsten  Triumphs  der  Entente- 
demokratie, von  der  Anziehungskraft  der  demokratischen  Ideen,  der 
Prinzipien  Wilsons  erfaßt,  der  Sozialdemokratie  als  der  einzigen  Wort- 
führerin der  Demokratie  in  Deutschösterreich  zugeströmt;  sie  wurden  nun, 

—    160    — 


da  sich  Wilson  als  zweideutig  und  machtlos,  da  sich  die  Ententedemokratie 
als  verhüllende  Maske  des  Ententeimperialismus  erwies,  in  ihrem  Glauben 
an  die  Demokratie  erschüttert  und  fielen  schnell  in  ihre  alte  reaktionäre 
Gedankenwelt  zurück.  Und  als  schließlich  die  wirtschaftliche  Bedrohung, 
die  die  Friedensentwürfe  enthielten,  den  Kurs  der  Krone  von  Woche  zu 
Woche  drückte,  als  diese  Entwertung  unseres  Geldes  die  Teuerung  in 
Deutschösterreich  verschärfte,  die  kleinen  Rentner,  die  Beamten,  die 
Intellektuellen  pauperisierte,  dem  Schiebertum  Gelegenheit  zu  mühe- 
losen Riesenprofiten  bot,  wendete  sich  die  Unzufriedenheit  der  ökonomisch 
iingeschulten  Volksmassen  nicht  gegen  den  Ententeimperialismus,  der 
diese  Geldentwertung  hervorgerufen  hat,  sondern  gegen  die  von  den  Sozial- 
demokraten geführte  Regierung,  die  die  unentrinnbaren  Folgeerscheinungen 
der  Geldentwertung  nicht  zu  verhindern  vermochte.  Auf  diese  Weise  hat  der 
Ententeimperialismus  die  Vorherrschaft  der  Arbeiterklasse  in  Deutsch- 
österreich untergrcwen.  Hat  der  Sieg  der  Ententeheere  im  Herbst  1918  die 
Revolution  entfesselt,  so  hat  der  Sieg  des  Ententeimperialismus  über  die 
Ententedemokratie  auf  der  Pariser  Konferenz  von  1919  der  Weiter- 
entwicklung der  nationalen  und  der  sozialen  Revolution  in  Mitteleuropa 
unverschiebbare  Schranken  gesetzt  und  damit  die  Kraft  der  Revolution, 
gebrochen,  der  bürgerlichen  Reaktion  den   Weg   gebahnt. 

Am  17.  Oktober  1919  hat  die  Konstituierende  Nationalversammlung  den 
Friedensvertrag  von  St.-Germain  ratifizieren  müssen;  an  demselben  Tage 
trat  die  erste  Koalitionsregierung  zurück  und  wurde  die  zweite  Koalitions- 
regierung gewählt.  Die  zweite  Koalitionsregierung  war  schon  ganz  anderen 
Wesens  als  die  erste.  Der  Tag,  an  dem  der  Vertrag  von  St.-Germain  rati- 
fiziert werden  mußte,  war  der  Tag  des  Endes  der  proletarischen  Vor- 
herrschaft in  Deutschösterreich. 


§  11.  Die  Revolution  in  den  Betrieben. 

Liteiatui: 

Braunthal,  Die  Sozialpolitik  der  Repubhk.  Wien  1919.  —  Pribram,  Die  SoziaT- 
politik  im  neuen  Österreich.  „Archiv  für  Sozialwissenschaft  und  Sozialpolitik", 
i8.  Band.  —  Der  erste  Betriebsrätekongreß  der  Arbeiter  und  Angestellten  der  Metall- 
industrie. Protokoll  der  Verhandlungen.  Wien  1921.  —  Berichte  der  Gewerbe- 
inspektoren über  ihre  Amtstätigkeit.  Wien  1920  und  1921.  —  Niox  Chateau,  Les 
conseils  d'Entreprise  et  le  controle  ouvrie"-  en  Autriche.  Paris  1923. 

Bauer,  Der  Weg  zum  Sozialismus.  Wien  1919.  —  Bauer,  Die  Sozialisierungs- 
aktion  im  ersten  Jahre  der  Republik.  Wien  1919.  —  Eilenbogen,  Sozialisierung  in 
Österreich.  Wien  1921.  —  Eilenbogen,  Die  Fortschritte  der  Gemeinwirtschaft"  in 
Österreich.  Wien  1922.  —  Inge  Debes,  Socialisering  i  Osterrike.  Kristiania  1920. 

Die  Revolution  hatte  die  kapitalistische  Produktionsverfassung  schwer 
erschüttert.  Die  ganze  Produktion  war  auf  die  Befriedigung  des  Kriegs- 
bedarfes eingestellt  gewesen;  als  der  Krieg  zu  Ende  war,  wurden  die 
Maschinen  mit  einem  Schlage  stillgesetzt.  Die  ganze  Produktion  hatte  aus 
den  Kohlenlagern  Schlesiens,  Mährens  und  Böhmens  die  bewegende 
Energie  bezogen;  als  die  Kohlenzuschübe  aus  der  Tschechoslowakei  auf- 
hörten,  erlosch  das  Feuer   in   den   Dampfkesseln.   Die  Arbeitsdisziplin   in 


—    161     — 


11 


der  Kriegsindustrie  war  auf  die  niililärischc  Bcfelilssewalt  gestützt  gewesen; 
als  die  Revolution  die  militärischen  Betriebsleiter  aus  den  Fabriken  ver- 
jagte, lösten  sich  alle  Bande  der  Fabrikdisziplin  auf.  Die  Kricgsgewalt 
hatte  vier  Jahre  lang  unterernährtcr  Arbeitskraft  mafMose  t'berarbeit  aufge- 
zwungen; als  die  Kriegsgewalt  gebrochen  war,  verweigerten  die  erschöpften, 
tibermüdelen  Nerven  und  Muskeln  den  Dienst,  dem  vierjährigen  Miß- 
verhältnis zwischen  Ernährung  und  Arbeitsleistung,  zwischen  zugeführtcr 
und  veraus^zabter  Energie  folgten  als  unvermeidliche  Reaktion  Arbeits- 
unlust und   Rückgang  der  Arbeitsintensität. 

Der  Zustand  der  Auflösung,  in  den  die  ganze  kapitalistische  Produktion 
geraten  war,  erschütterte  den  Glauben  an  den  Kapitalismus.  In  Rußland 
war  im  Verlauf  des  Jahres  1918  die  ganze  Industrie  nationalisiert  und  di.e 
große  Agrarumwälzung  vollzogen  worden.  Im  Deutschen  Reiche  begann  im 
■November  1918  die  Sozialisierungskomraission  ihre  Arbeit;  und  in  dem 
stürmereichen  Winter  von  1918  auf  1919  verkündete  die  deutsche 
Regierung  immer  wieder  von  Amts  wegen,  die  Sozialisierung  sei  „auf  dem 
Marsche".  Im  Frühjahr  1919  sozialisierte  die  ungarische  Räterepublik  die 
ganze  Industrie.  Auch  die  deutschösterreichische  Arbeiterschaft  forderte 
in  elementarer  stürmischer  Bewegung  ihr  Selbstbestimmungsrecht  in  ihren 
Produktionsstätten.  In  einzelnen  Fällen  —  so  in  dem  Donawitzer  Werk  der 
Alpinen  Montangescllschaft  am  7.  April  1919  — '  haben  die  Arbeiter  die 
Betriebsleiter  abgesetzt  und  ein  Direktorium  aus  ihrer  Mitte  gewählt,  das 
den  Betrieb  weiterleiten  sollte. 

Der  Glaube  der  kapitalistischen  Gesellschaft  an  sich  selbst  war  er- 
schüttert. Die  Kriegswirtschaft  hatte  die  kapitalistische  Produktion  unter 
dem  Kommando  der  Staatsgewalt  in  Zwangsverbänden  organisiert;  mußte 
jetzt  nicht  die  Arbeiterklasse  das  Erbe  der  Militärgewalt  antreten,  um  das 
große  Organisationsgebäude,  das  dem  Kriege  gedient  hatte,  zu  sozialistischer 
Organisation  weiterzuentwickeln?  Die  Finanzen  der  besiegten  Staaten 
waren  in  einen  Zustand  der  Zerrüttung  geraten,  den  mit  den  altgewohnten 
Mitteln  des  „Steuerstaates"  zu  überwinden  nicht  möglich  erschien;  war  es 
nicht  unvermeidlich,  daß  der  Staat  einen  großen  Teil  der  aufgehäuften 
Privatvermögen  an  sich  zieht,  um  seinen  Haushalt  in  Ordnung  zu  bringen? 
So  sah  auch  die  bürgerliche  Welt  eine  „Neue  Wirtschaft"  kommen.  Die 
Universitätsprofessoren  der  Nationalökonomie,  unter  den  Deutschöster- 
reichern vor  allen  Schumpeter,  Grünberg,  Lederer,  Ammon,  Schwiedland, 
Gelehrte,  die  aus  bürgerlichem  Lager  kamen,  wie  Goldscheid  und  Neurath, 
schrieben  Abhandlungen  über  die  Sozialisierung  als  die  Aufgabe  des  Tages, 
sie  stellten  sich  in  Wien  wie  in  Berlin,  in  Leipzig  wie  in  München  in  den 
Dienst  der  Sozialisierungskommissionen,  sie  arbeiteten Sozialisierungsprojekle 
aus,  sie  tadelten  nicht  selten  die  Sozialdemokratie,  daß  sie  allzu  zaghaft  an 
die  große  Aufgabe  herantrete.  Binnen  wenigen  Monaten  entstand  eine  ganze 
Sozialisierungsliteratur.  Sie  war  das  ideologische  Spiegelbild  jener  tiefen 
ökonomischen  Erschütterung,  die  die  kapitalistische  Gesellschaftsordnung 
in  Krieg  und  Revolution  erlitten  hatte.  Ist  auch  von  den  mannigfachen 
Projekten,  die  in  der  Sozialisierungsliteratur  der  ersten  Revolutionsmonate 
gegeneinander  rangen,  sehr  wenig  verwirklicht  worden,  so  hat  doch  jene 
tiefe  ökonom-sche  Erschütterung,  die  sich  in  der  Sozialisierungsliteratur 
spiegelte,  praktische,  nach  Befriedigung  drängende  Bedürfnisse  geschaffen, 

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die  talsäcblich  die  kapitalistische  Produktionsverfassung  sehr  wesentlich 
lungestaltet  und  ganz  neue  Elemente,  ICeimzellen  sozialistischer  Zukunfts- 
organisation, in  sie  eingefügt  haben.     . 

In  den  Tagen  der  Oktoberrevolution  hatte  Ferdinand  Hanusch  die  Leitung 
des  Staatsamtes  für  soziale  Verwaltung  übernommen.  Im  engsten  Ein- 
vernehmen mit  der  Gewerkschaftskommission  arbeitend,  verwandelte  er 
das  Staatsamt  in  ein  Exekutivorgan  der  Gewerkschaften.  Mit  ebensoviel 
Besonnenheit  wie  Tatkraft  ging  er  daran,  die  praktischen  Bedürfnisse  der 
Zeit  zu  befriedigen 

Vorerst  stellte  die  Demobilisierung  die  nächste  Aufgabe.  Die  zer- 
rüttete Industrie  konnte  die  von  der  Front  heimkehrenden  und  die  aus  den 
stillgelegten  Kriegsindustriebetrieben  hinausgeschleuderten  Arbeitermassen 
nicht  aufnehmen.  Die  Masse  der  Arbeitslosen  schwoll  an.  Es  galt  zunächst, 
die  Rückführung  der  Arbeitslosen  in  die  Produktionsstätten  zu  fördern. 
Schon  am  4.  November  1918  erließ  der  Staatsrat  zwei  Vollzugsanweisungen, 
von  denen  die  eine  die  Organisation  der  Arbeitsvermittlung  regelte,  die 
andere  die  aus  Unternehmer-  und  Arbeitervertretern  paritätisch  zusammen- 
gesetzten Industriellen  Bezirkskommissionen  als  Organe  zur  Organisierung 
und  Überwachung  der  Arbeitsvermittlung  schuf.  In  den  Industriellen 
Bezirkskommissionen  schuf  sich  Hanusch  Lokalstellen  der  sozialen  Ver- 
waltung, deren  Wirkungskreis  sehr  bald  weit  über  ihre  ursprüngliche 
Aufgabe  ausgedehnt  werden  konnte.  Schon  zwei  Tage  später,  am  6.  No- 
vember, folgte  die  Vollzugsanweisung  über  die  staatliche  Arbeitslosen- 
unterstützung. Hatte  der  Staat  bis  dahin  die  Fürsorge  für  die  Arbeitslosen 
den  Gewerkschaften  und  der  Armenpflege  überlassen,  so  sicherte  er  jetzt 
jedem  Arbeitslosen  eine  Unterstützung  aus  Staatsmitteln  in  der  Höhe  ,des 
Krankengeldes,  Familienerhaltern  überdies  Familienzulagen  zu;  damit 
wurden  nicht  nur  die  Arbeitslosen  vor  dem  physischen  und  moralischen 
Untergang  bewahrt,  es  wurde  auch  der  Druck  der  Arbeitslosen  auf  die 
Löhne  der  Arbeitenden  abgeschwächt.  Aber  sehr  bald  zeigte  es  sich,  daß 
in  einer  Zeit  tiefer  Zerrüttung  der  kapitalistischen  Produktion  die  Organi- 
sierung der  Arbeitsvermittlung  und  der  Arbeitslosenunterstützung  nicht 
hinreichte,  daß  es  tieferer  Eingriffe  bedurRe. 

Viele  Unternehmer,  durch  die  Auflösung  der  gewohnten  Produktions- 
bedingungen und  durch  die  Auflehnung  der  Arbeiterschaft  entmutigt, 
wendeten  keine  Mühe  auf,  ihre  Betriebe  auf  die  Friedensproduktion  ein- 
zustellen, ihren  Betrieben  Rohstoffe,  ihren  Waren  Absatz  zu  suchen;  sie 
zogen  es  vor,  ihr  Kapital  aus  der  Produktion  zurückzuziehen  und  es  in 
ausländischem  Gelde  anzulegen,  in  ausländischen  Banken  zu  deponieren. 
Es  galt  also,  dieser  Sabotage  des  Unternehmertums  entgegejizuwirken,  die 
Unternehmer  zur  Ausübung  ihrer  Unternehmerfunktionen  zu  zwingen. 
Hinderte  man  die  Unternehmer,  ihre  Arbeiter  zu  entlassen,  zwang  man  sie, 
ihre  Arbeiter  zu  entlohnen,  so  zv/ang  man  sie  damit,  sicli  um  die  Möglich- 
keit produktiver  Beschäftigung  dieser  Arbeiter  zu  bemühen.  Schon  am 
18.  November  verordnete  der  Staatsrat,  daß  die  dem  Ilandlungsgehilfen- 
gesetz  unterstehenden,  aus  dem  Kriege  heimkehrenden  Angestellten  in  die 
Dienststellen,  die  sie  vor  dem  Kriege  innegehabt,  wiederaufgenommen 
werden  müssen.  Im  Mai  1919  aber,  in  der  Zeit,  in  der  einerseits  die  Arbeits- 
losigkeit den  höchsten  Stand  erreichte   und  anderseits  die  Bedrohung  durch 

—     163    —  n' 


den  ungarischen  Bolscliowismus  die  Widerstandskraft  der  bürgerlichen 
l'arieien  am  meisten  s<li\vächte,  setzte  Hanusch  einen  viel  tiefergehenden  Ein- 
griff in  das  Herrnrecht  des  Unternehmens  durch.  Am  14.  Mai  verordnete 
Hanusch,  daß  jeder  Gewerbeinhaber,  der  am  26.  April  wenigstens  15  Ar- 
beiter oder  Angestellte  beschäftigt  hatte,  um  ein  Fünftel  mehr  Arbeiter  und 
Angestellte  in  seinen  Betrieb  einstellen  und  diesen  Arbeiterstand  nicht 
ohne  Erlaubnis  der  Industriellen  Bezirkskommission  verkleinern  dürfe.  Es 
gelar.g  auf  diese  Weise  in  der  Tat,  einen  Teil  der  Arbeitslosen  in  die  Be- 
triebe zurückzuführen.  Wohl  konnten  die  Industriellen  Bezirkskommissionen 
selbstverständlich  die  Erlaubnis  zur  Verkleinerung  des  Arbeiterstandes 
nicht  verv>'cigern,  wo  es  sich  als  unmöglich  erwies,  den  vergrößerten 
.Arbeiterstand  produktiv  zu  beschäftigen.  Aber  da  die  Verkleinerung  des 
Arbeiterstandes  fortan  der  Genehmigung  durch  die  Industriellen 
Bezirkskommissionen  bedurfte,  war  die  Entlassung  der  Arbeiter  doch 
der  Willkür  der  Unternehmer  entzogen,  die  Arbeitslosigkeit,  sei  es 
auch  um  den  Preis  der  Kurzarbeit  der  Arbeitenden,  eingedämmt,  der 
iSabotage  des  Unternehmertums  ein  Damm  gesetzt,  die  Ausübung  der 
Unternehmerfunktionen  unter  eine  paritätische  Kontrolle  gestellt.  Wie  gut 
sich  dieser  kühne  Eingriff  in  die  Selbstherrlichkeit  des  Unternehmertums 
bewährt  hat,  beweist  die  Tatsache,  daß  Hanusch'  Verordnung,  ursprünglich 
nur  als  Notstandsmaßregel  für  wenige  Monate  gedacht,  heute  noch  in 
Wirksamkeit  ist. 

Eine  zweite  Aufgabe  wurde  unserer  sozialen  Gesetzgebung  durch  den 
ph\>isciien  Zustand  gestellt,  in  dem  die  Arbeiterklasse  aus  dem  Kriege 
herv'orgegangen  war.  Vierjährige  Unterernährung  hatte  die  Körper  der 
Arbeiter  furchtbar  geschwächt.  Die "  Blockade,  die  die  neuerstandeneu 
Kationalstaaten  über  uns  verhängt  hatten,  hatte  unsere  Ernährungsverhält- 
nistie  zunächst  noch  verschlechtert;  der  Zustand  der  Unterernährung 
dauerte  daher  an.  Die  Arbeitsleistung  des  Arbeiters  mußte  seiner  durch 
die  Unterernährung  verkleinerten  Arbeitsfähigkeit  angepaßt  werden.  Die 
Erfüllung  der  alten  Forderung  der  Arbeiterschaft  nach  dem  Achtstundentag 
war  zu  einer  physiologischen  Notwendigkeit  geworden.  Für  den  Acht- 
stundentag sprachen  zwingende  ökonomische  Gründe:  einen  langen  Arbeits- 
tag hindurch  die  Kraftmaschinen  laufen,  die  Werkstätten  beleuchten  und 
beheizen  zu  lassen,  ist  eine  Vergeudung  der  Kohle,  wenn  der  geschwächte 
Körper 'des  Arbeiters  die  lange  Arbeitszeit  nicht  intensiv  ausnützen  kann; 
ein  kürzerer,  aber  intensiver  ausgenützter  Arbeitstag  mußte  daher  das  anzu- 
strebende Ziel  sein.  Für  den  Achtstundentag  sprachen  gewichtige  sozial- 
politische Erwägungen:  in  den  kontinuierlichen  Betrieben  erforderte  die 
Einführung  des  Achtstundentages,  der  Übergang  von  zwei  zwölfstündigen 
zu  drei  achtstündigen  Schichten  die  Vermehrung  des  Arbeiterstandes  um 
die  Hälfte,  sie  ermöglichte  daher  die  Überführung  eines  Teiles  der  Arbeits- 
losen in  diese  Betriebe.  Der  Widerstand  des  Unternehmertums  gegen  die 
Einführung  des  Achtstundentages  war  in  den  ersten  Monaten  nach  der 
Revolution  sehr  schwach.  Die  kontinuierlichen  Betriebe  hatten  schon 
während  des  Krieges  damit  gerechnet,  daß  die  Arbeiterschaft  die  zwölf- 
stündige,  bei  dem  wöchentlichen  Schichtenwechsel  achtzehnstündige  Arbeits- 
zeit nicht  rnehr  ertragen  werde;  einzelne  große  Unternehmungen  der  Eisen- 
industrie hatten  sich  schon  während  des  Krieges  auf  den  Übergang  zum 

—    164    — 


Achtstundentag  vorbereitet.  Die  nicht  Icontinuierlichen  Betriebe  aber  hatten 
damals  wohl  überhaupt  Icein  Interesse,  sich  gegen  den  Achtstundentag  zu 
wehren.  Der  Zentralgewerbein3peJi:tor  Tauß  schreibt  in  seinem  Bericht 
übur  das  Jahr  1919:  „Die  trostlose  Lage,  in  welche  die  industrielle  und 
gewerbliche  Produlvtion  nach  Beendigung  des  Krieges  geraten  ist  und 
welche  sich  infoige  der  fortschreitenden  "Verschärfung  der  Heiz-  und  Roh- 
materialnot  immer  kritischer  gestaltet  hat,  zwang  fast  alle  Unternehmungen 
zu  weitgehenden  Einschränkungen  der  Betriebe.  In  den  meisten  derselben 
konnten  daher  die  Arbeiter  nur  bei  einer  sehr  stark  gekürzten  Arbeitszeit 
■oder  nur  an  einzelnen  Tagen  der  Woche  beschäftigt  werden.  Es  ist  daher 
erklärlich,  daß  zu  der  Zeit  eines  solchen  Stillstandes  der  gewerblichen  Be- 
schäftigung die  Einführung  der  achtstündigen  Arbeitszeit  beziehungsweise 
der  achtundvierzigstündigen  Arbeitswoche  im  allgemeinen  ohne  wesent- 
liche Betriebsstörung  möglich  wurde."  Und  der  Wiener  Gewerbeinspektor 
Ingenieur  Ehrenhofer  sagt  geradezu:  „Die  gesetzliche  Einführung  des  Acht- 
stundentages hätte  kauip  zu  einer  passenderen  Zeit  erfolgen  können  als 
gerade  innerhalb  jener  Wochen,  in  welchen  Arbeitsgelegenheit  und  Be- 
triebsleben so  rapid  sanken." 

Anderseits  freilich  mußten  wir  auch  damit  rechnen,  daß  sich  eine 
Regelung  der  Arbeitszeit  für  die  Dauer  auch  den  Konkurrenzverhältnissen 
zwischen  der  deutschösterreichischen  Industrie  und  den  wichtigsten  kon- 
kurrierenden Industrien  des  Auslandes  anpassen  muß.  Deshalb  ging 
Hanusch  bei  der  Einführung  des  Achtstundentages  überaus  vorsichtig  vor. 
Das  Gesetz  vom  19.  Dezember  1918  setzte  den  achtstündigen  Höchstarbeitstag 
nur  für  die  fabriksmäßigen  Betriebe  fest;  und  die  Geltungsdauer  dieses  Ge- 
setzes war  mit  dem  Friedensschluß  befristet.  Erst  die  Erfahrungen  der 
folgenden  Monate  erlaubten  es,  weiterzugehen.  Einerseits  zeigte  es  sicli 
nämlich,  daß  sich  der  Achtstundentag  im  Verlauf  der  ersten  Monate  nach 
der  Revolution  in  fast  allen  Betrieben,  aJso  auch  in  denen,  die  dem  Gesetz 
nicht  unterworfen  waren,  tatsächlich  durchsetzte;  anderseits  wurde  im 
Verlauf  dieses  Jahres  der  Achtstundentag  nicht  nur  in  allen  von  der 
Revolution  erfaßten  Staaten,  sondern  auch  in  den  neutralen  und  in  den 
Siegerländern  teils  durch  Gesetz,  teils  durch  gewerkschaftliche  Aktionen 
durchgesetzt.  So  konnten  wir  denn  nunmehr  über  das  erste  Achtstunden- 
taggesetz weit  hinausgehen.  Das  Gesetz  vom  17.  Dezember  1919  hat  den 
achtstündigen  Höchstarbeitstag  allgemein  und  dauernd,  ohne  Beschränkung 
auf  die  fabriksmäßigen  Betriebe  und  ohne  zeitliche  Befristung,  festgelegt. 

Das  Achtstundentaggesetz  fand  seine  Ergänzung  in  dem  Gesetz  vom 
30.  Juli  1919,  das  jedem  Arbeiter  den  Anspruch  auf  einen  vollbezahlten  Urlaub 
in  jedem  Jahre  sichert;  dauert  der  Urlaub  in  der  Regel  je  nach  der  Dauer 
der  Beschäftigung  der  Arbeiter  im  Betrieb  eine  oder  zwei  Wochen,  so  wurde 
den  Lehrlingen  und  den  jugendlichen  Arbeitern  im  Jahre  1919  ein  vier- 
wöchiger Urlaub  gesichert,  um  die  während  des  Krieges  herangewachsene 
Jugend  durch  längeren  Urlaub,  den  sie  zum  Teil  in  staatlichen  Urlaubs- 
heimen verbringen  konnte,  vor  der  sie  besonders  schwer  bedrohenden 
Gefahr  der  Tuberkulose  einigermaßen  zu  schützen.  Einen  schweren  Verlust 
an  Arbeitsleistung  hat  die  Volkswirtschaft  durch  die  Einführung  der 
Arbeiterurlaube  nicht  erlitten,  da  die  Industriearbeiter  in  vielen  Kollektiv- 
'verträgen  auf  die  Arbeitsruhe  an  den  meisten  Feiertagen  der  katholischen 

—    iß.ö    — 


Kircho  verzichteten,  um  dafür  das  Recht  auf  den  Urlaub  einzutauschen, 
l'ür  die  Wiederherstelhing  der  durch  Krieg  und  Unterernährung  erschültcrleu 
Volksgesundheit  aber  bedeutet  ein  ununterbrochener  ein-  oder  zweiwöchiger 
Urlaub  im  Jahre  unzweifelhaft  mehr  als  die  Arbeitsruho  an  einigen  über 
das  ganze  Jahr  verstreuten  Feiertagen.  Neben  dem  Achtstundenlaggesetz 
hat  das  Gesetz  über  die  Arbeiterurlaubc  wohl  am  meisten  dazu  beigetragen, 
daß  sich  die  Gcsundheitsverliältiüsse  in  den  ersten  drei  Jahren  nach  dem 
Kriege  erstaunlich  schnell  gebessert  haben.  Nicht  geringer  aber  als  die 
voikshygienische  ist  die  kulturelle  Bedeutung  der  beiden  Gesetze.  Die  Ver- 
kürzung der  täglichen  Arbeitszeit  hat  den  Arbeitern  erst  die  Muße  ge- 
sichert zu  jener  reichen  kulturellen,  gesellschaftlichen  und  wirtschaftlichen 
l^etätigung,  über  die  wir  noch  zu  berichten  haben  werden.  Die  Einführuiig 
der  Arlieiterurlaube  hat  die  ungeahnte  Entwicklung  der  Arbeitertourislik. 
ermöglicht,  die  den  Arbeitern  edlere,  ihrer  körperlichen  und  geistigen  Ent- 
wicklung förderlichere  Erholungsfreuden  erschlossen  hat,  als  sie  sie  vordemi 
gekannt  haben. 

Aber  nicht  nur  in  diesen  Gesetzen  spiegelte  sich  die  neuerrungene  poli- 
tische Machtstellung  der  Arbeiterklasse.  Die  Arbeiterklasse  mußte  viel- 
mehr die  Vormachtstellung  in  der  Republik,  die  sie  der  Revolution  ver- 
dankte, ausnützen,  um  das  ganze  System  unserer  sozialpolitischen  Gesetz- 
gebung den  neuen  Machtverhältnissen  anzupassen.  So  war  denn  das- 
ganze  erste  Jahr  der  Republik  von  fruchtbarer  sozialpolitischer  .Gesetz- 
gebungsarbeit erfüllt.  Das  Arbeiterrecht  wurde  durch  die  Abschaffung  des 
Arbeitsbuches  und  der  Abschaffung  der  Strafbarkeit  des  Kontraktbruches 
der  Arbeiter  neugestaltet,  die  Arbeiterschutzgesetzgebung  durch  die  Gesetze 
über  das  Verbot  der  Nachtarbeit  der  Frauen  und  der  Jugendlichen,  über  dio 
Regelung  der  Kinderarbeit  und  der  Heimarbeit,  durch  Sondergesetze  für  die- 
Bäcker,  für  den  Bergbau,  für  das  Handelsgewerbe  ausgebaut. 

Aber  so  wichtig  auch  diese  sozialpolitische  Arbeit  war,  dem  drängendert 
Bedürfnis  der  Zeit  konnte  der  bloße  Ausbau  der  herkömmlichen  sozial- 
politischen Gesetzgebung  einer  vergangenen  Geschichtsepoche  nicht  ge- 
nügen. Die  Arbeiterschaft  forderte  mehr.  Die  Arbeiterschaft  drängte  nach 
der  Umwälzung  der  ganzen  Produktionsverfassung.  Sozialisierung  war  das- 
Schlagwort  des  Tages.  Aber  das  Schlagwort  bedeutete  im  Munde  der  Ar- 
beiter etwas  anderes  als  im  Munde  der  Bürokraten.  Den  in  der  Schule  der 
Kriegswirtschaft  erzogenen  Bürokraten  war  Sozialisierung  staatliche  Orga- 
nisierung und  Reglementierung  der  Volkswirtschaft.  Den  Arbeitern  bo- 
deutete  Sozialisierung  etwas  ganz  anderes.  Die  Arbeiter  wollten  nicht  mehr 
lebende  Werkzeuge  der  Unternehmer  sein.  Der  Arbeiter  wollte  mitherrschen,, 
wo  er  mitarbeitete;  die  Industrie  mitregieren,  in  der  er  mitproduzierte.. 
Sollte  auch  nur  der  erste  Schritt  zur  Sozialisierung  im  Sinne  der  Ar- 
beiter erfolgen,  so  galt  es  vor  allem,  die  Arbeiterschaft  jedes  Betriebes  als 
ein  Ganzes,  als  eine  Gemeinde  zu  konstituieren  und  sie  mit  eigenen  Organen 
auszustatten,  die  in  ihrem  Auftrage  den  Betrieb  ihrer  Kontrolle,  ihrer  Mit- 
bestimmung unterwerfen  sollen.  Dahin  drängte  die  Arbeiterklasse  überall.. 
In  Rußland  hatte  der  Bolschewismus  sofort  nach  der  Oktoberrevolution  Be- 
triebsräte als  Organe  der  „Arbeiterkontrolle  in  den  Betrieben"  geschaffen.. 
In  Deutschland  waren  Arbeiterausschüsse  schon  in  der  Kriegsindustrie  ent^ 
standen.    In    England    hatte    die   Whitley-Kommission    im  Wiederaufbau- 

—    166    — 


ministerium  ein  großes  Projekt  einer  Organisation  der  Industrie  entworfen, 
deren  Basis  die  Works'  Commitecs  bilden  sollten.  Als  in  Deutschösterreich 
nach  den  Februarwahlen  die  Sozialisierungsivommission  eingesetzt  und  ich 
zu  ihrem  Präsidenten  gewählt  wurde,  war  es  die  erste  Aufgabe,  die  ich  der 
ICommission  stellte:  einen  Gesetzentwurf  über  die  Betriebsräte  auszu- 
.arbeiten.  Nach  sorgfältigen  Vorarbeiten,  an  denen  die  Gewerkschaften 
hinter  der  Führung  Huebers,  Domes'  und  Wiedenhofers  regen  Anteil  nahmen, 
wurde  der  Entwurf  am  24.  April  in  der  Nationalversammlung  eingebracht, 
am  15.  Mai   1919  von  der  Nationalversammlung  beschlossen. 

Deulschüsterreich  war,  von  Sowjetrußland  abgesehen,  der  erste  Staat, 
dessen  Gesetzgebung  Betriebsräte  schuf;  erst  1920  ist  uns  das  Deutsche 
Reich,  erst  1921  die  Tschechoslowakei  gefolgt.  In  Deutschösterreich  haben 
wir  die  Zeit  der  Hochflut  der  mitteleuropäischen  Revolution,  den  Monat,  in 
dem  in  Budapest  und  in  München  zugleich  die  Sowjetdiktatur  herrschte, 
ausgenützt,  um  dem  Unternehmertum  das  Betriebsrätegesetz  aufzuzwingen; 
deshalb  greift  unser  Eetriebsrätegesetz  in  mancher  Hinsicht  tiefer  in  die 
kapitalistische  Produktionsverfassung  ein  als  die  später,  m  der  Zeit  ab- 
ebbender Revolution  erlassenen  Gesetze  Deutschlands  und  der  Tschecho- 
slowakei. Vor  allem  beschränkt  unser  Gesetz  die  Befugnisse  der  Betriebs- 
räte nicht  durch  eine  taxative  Aufzählung.  Es  gibt  den  Betriebsräten  ohne 
jede  Einschränkung  das  Recht,  die  „wirtschaftlichen,  sozialen  und 
kulturellen  Interessen"  der  Arbeiter  und  Angestellten  wahrzunehmen;  die 
einzelnen  Aufgaben  der  Betriebsräte  zählt  es  nur  beispielsweise  auf,,  aber 
es  beschränkt  die  Betriebsräte  nicht  auf  die  aufgezählten  Tätigkeitszweige. 
So  hängt  es  nur  von  der  Macht  der  Arbeiterschaft  und  von  der  Tüchtigkeit 
ihrer  Betriebsräte  ab,  wie  sie  die  neue  Institution  auszunützen  vermag. 

In  der  Tat  haben  sich  die  Betriebsräte  in  den  verschiedenen  Betrieben 
:sehr  verschieden  entwickelt.  In  der  Industrie  und  im   Gewerbe,  v/o  schon 
eine  alte,   gefestigte   gewerkschaftliche    Organisation  bestand,   übernahmen 
■die  erfahrenen  Vertrauensmänner  der  Gewerkschaften  die  Funktionen  der 
Betriebsräte.  Sie  verstanden  es  sehr  bald,  das  Gesetz  auszunützen.  Die  Be- 
•deutung  des  Gesetzes  bestand  hier  darin,  daß  es  die  Anerkennung  der  Ver- 
trauensmänner, die  vordem  von  dem  Willen  des  Unternehmers  abhing,  dem 
Unternehmer  zur  Pflicht  macht,  die  Vertrauensmänner  gegen  Maßregelung 
wegen    ihrer  Tätigkeit    schützt    und    den   Wirkungskreis    der  Vertrauens- 
.männer  weit  über  die  unmittelbar  gewerkschaftlichen  Aufgaben  hinaus  er- 
weitert. Aber  das  Gesetz  schrieb  die  Institution  der  Betriebsräte  nicht  nur 
-den  Industrie-  und  Gewerbebetrieben,  sondern  Betrieben  aller  Art  vor.  In 
Krankenhäusern  und  in   Theatern,  in    Gastwirtschaften   und   in   Handels- 
betrieben, in  den   Forsten  und  m   den   Steinbrüchen  wurden   Betriebsräte 
gewählt.  So  drang  die  neue  Institution  auch  in  Betriebe  ein,  in  denen  es 
vordem  noch  keine  oder  nur  eine  unentwickelte  gewerkschaftliche  Organi- 
sation gegeben  hatte.  Hier  nun  wurde  die  neue  Institution  zu  einem  Hebel 
der  Entwicklung  und  Ausbreitung  der  Gewerkschaften.  Anderseits  freilich 
fehlte  hier  zunächst  noch  ein  Stab  geschulter  Vertrauensmänner,  der  die 
neue  Institution  zweckmäßig  zu  benützen  verstanden  hätte;  in  solchen  Be- 
trieben kam  daher  in  der  ersten  Zeit  so  mancher  Mißgriff  und  Mißbrauch 
vor,    der   erst   durch   die   allmähliche    Selbsterziehung   der   Massen   in   der 
.Praxis  der  neuen  Institution  überwunden  werden  kann. 

—     167     - 


Die  Enlwii-klung  der  Delric-bsräte  wurde  sehr  wesentlivli  durch  die- 
Eigeiuut  der  Zeil  hesliiDiiit,  in  der  sie  ealslanden.  Es  war  eine  Zeit  schneller 
Geldentwertung,  die  immer  wieder  die  Anpassung  der  Arbeitslöhne  an  dea 
sinkenden  Geldwert  erforderte.  Die  einander  schnell  folgenden  Lohn- 
bewegungen beanspruchten  die  Aufmerksamkeit  und  Arbeitskraft  der  Be- 
triebsräte und  erschwerten  es  ihnen  daher,  sich  in  ihre  anderen  Tätigkeits- 
^welge  einzAiarbeiten.  In  dieser  Ilinsiclit  war  die  Zeit  der  Entwicklung  und 
Schulung  der  Betriebsräte  sehr  ungünstig.  Anderseits  aber  stellte  gerade  die 
Zeit  der  schwersten  wirtschaftlichen  Zerrüttung  den  Betriebsräten  be- 
sondere Aufgaben,  deren  Erfüllung  ihre  Bedeutung  für  den  Betrieb  und  ihre 
Autorität  sowohl  gegenüber  dem  Unternehmer  'als  auch  gegenüber  den  Ar- 
beitern und  Ar.gcstellten  schnell  und  wesentlich  erhöhte. 

Vor  allem  galt  es,  die  zerrüttete  Arbeitsdisziplin  wiederherzustellen.  Die- 
alte  autokratische  Betriobsdisziplin  war  zerstört;  sollte  die  Produktion 
wieder  in  Gang  kommen,  so  mußte  an  ihre  Stelle  eine  neue,  demokratische 
Arbeitsdisziplin  treten.  Gehorchten  die  Arbeiter  nicht  mehr  willenlos  dem 
Kommando  des  Betriebsleiters,  so  mußten  sie  selbst  dafür  sorgen,  daß  sich 
jeder  einzelne  Arbeiter  der  Ordnung  des  Ganzen,  der  Notwendigkeit  der 
Produktion  einfüge.  So  wurden  die  Betriebsräte  zu  Organen  der  Wieder- 
herstellung der  Arbeitsdisziplin.  Die  Gewerbeinspektoren  berichten,  daß^ 
einzelne  Betriebsleitungen  Betriebsräte  wählen  ließen,  noch  bevor  das^ 
Gesetz  in  Kraft  trat,  weil  sie  nur  mit  Hilfe  der  Betriebsräte  die  gelockerte 
Arbeitsdisziplin  wiederherstellen  konnten.  Der  Wiener  Gewerbeinspektor 
Ingenieur  Oßwald  schrieb  schon  in  seinem  Bericht  über  das  Jähr  1919,. 
daß  viele  Betriebsräte  „Ersprießliches  leisten,  indem  sie  ihr  Augenmerk 
auch  auf  die  Hebung  der  gesunkenen  Arbeitsdisziplin  richten".  Der  Wiener 
Gewerbeinspektor  Ingenieur  Hauck  schreibt  in  seinem  Bericht  über  das, 
Jahr  1020:  „In  vielen  der  größten  Unternehmungen  halten  die  Betriebs- 
räte unter  der  Arbeiterschaft  eine  strenge  Disziplin  und  unterstützen  in 
dieser  Beziehung  die  Leitungen  der  Unternehmen.  In  mehreren  Betrieben^ 
wurden  von  selten  der  Betriebsräte  Geldstrafen  für  jedwede  Lockerung- 
d^r  Disziplin  oder  für  Vergehen  gegen  die  Bestimmungen  des  Arbeiter- 
schutzes eingeführt.  Die  Einhebung  der  Strafen,  die  Verwaltung  der  Gelder- 
und  deren  entsprechende  Verv,'endung  besorgt  der  Betriebsrat." 

Selbstverständlich  konnte  die  Arbeitsdisziplin  nur  allmählich  wieder- 
hergestellt werden.  Sie  v/urde  wiederhergestellt  in  dem  Maße,  als  einerseits- 
die  Arbeiterschaft  den  Zustand  der  Erschöpfung,  der  Übermüdung,  in  dem. 
sie  aus  dem  Kriege  herausgetreten  war,  und  den  Zustand  der  leidenschaft- 
lichen Erregung,  in  den  sie  durch  die  Pievolution  gestürzt  worden  war,, 
überwand,  als  anderseits  bessere  Kohlen-  und  Rohstoffzuschübe  wieder  eine 
regelmäßige,  ununterbrochene  Arbeit,  bessere  Nahrungsmittelzuschübe 
■wieder  eine  bessere  Ernährung  der  Arbeiter  ermöglichten.  Aber  war  die 
W^iederherstellung  der  Arbeitsdisziplin  nur  allmählich,  nur  mit  der  all- 
mählichen Wiederherstellung  ihrer  physiologischen,  psychologischen  und 
produktionstechnischen  Voraussetzungen!  möglich,  so  konnte  doch  diese 
Möglichkeit  m  den  Groß-  und  Mittelbetrieben  nur  mit  den  Betriebsräten. 
und  durch  die  Betriebsräte  ausgenützt  w^erden.  Gerade  diese  ihre  Funktion 
rhachte  die  Betriebsräte  zu  unentbehrlichen  Organen  der  Produktion  selbst. 
und  sicherte  ihnen  dadurch  eine  starke  Machtstellung  in  den  Produktions- 

—    Iß8    — 


statten.  Die  Unternehmer  mußten  den  Betriebsräten  desto  stärkeren  Einfluß 
in  den- Betrieben  einräumen,  je  melir  sie-erlvannten,  daß  nur  der  Emtluß 
der  Betriebsräte  die  Wiederlierstellung  der  Arbeitsdisziplin  ermöglichte. 
So  wurde  die  Anarchie,  in  die  die  Revolution  die  Betriebe  gestürzt  hatte, 
allmählich  überwunden;  aber  das  Ergebnis  ihrer  Überwindung  ist  eine 
neue  Betriebsverfassung,  innerhalb  derer  die  Machtstellung  der  Arbeiter- 
schaft Uli  Betrieb  wesentlich  erweitert  ist,  die  Arbeiterschaft  als  Ganzes 
,  durch  den  von  ihr  gewählten  Betriebsrat  den  Betrieb  mitregiert  und  jeder 
einzelne  Arbeiter  in  der  verstärkten  Machtstellung  der  Gesamtheit  die 
Bürgschaft  seiner  persönlichen  Freiheit,  Würde  imd  Wohlfahrt  innerhalb 
des  Betriebes  findet. 

Die  Not  der  Zeit,  in  der  die  Betriebsräte  entstanden,  stellte  ihnen  noch 
andere  Aufgaben.  Vor  allem  organisierten  sie,  oft  in  Verbindung  mit  den 
Konsumgenossenschaften  der  Arbeiter,  die  Versorgung  der  Arbeiter  mit 
Nahrungsmitteln,  mit  Heizmaterial,  mit  Volksbekleidungsstoffen.  Bald  aber 
begannen  sie  auch,  sich  um  die  Versorgung  des  Betriebes  mit  Kohle  und 
Rohstoffen  zu  kümmern.  Die  Betriebsräte  der  Fabriken  fuhren  in  die 
Kohlenreviere  und  bewogen  dort  die  Bergarbeiter  in  Betriebsversamm- 
lungen, überstunden-  und  Sonntagsarbeit  zu  leisten,  um  die  Fabriken  oder 
auch  um  die  Volksschulen  der  Industricorte  mit  Kohle  zu  versorgen;  die 
Betriebsräte  der  Bergarbeiter  kontrollierten  dann,  daß  die  in  den  Über- 
stunden geförderte  Kohle  auch  wirklich  dem  von  ihnen  bestimmten  Zweck 
zugeführt  we;-de.  In  vielen  Fällen  fuhren  die  Betriebsräte  nach  Wien  und 
wandten  sich  an  die  in  den  Staatsämtern  tätigen  Genossen,  um  für  ihre 
Industrioorte  eine  stärkere  Zuteilung  von  Lebensmitteln,  für  ihre  Betriebe 
stärkere  Kohlenzuteilung,  Einfuhr-  oder  Ausfuhrbewilligungen  zu  er- 
langen. Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  sich  unerfahrene  Betriebsräte 
in  dieser  ihrer  wirtschaftlichen  Tätigkeit  oft  von  den  Unternehmern  miß- 
brauchen ließen.  Trotzdem  hatte  auch  diese  Tätigkeit  große  Bedeutung, 
indem  auch  sie  einerseits  die  Betriebsräte  don  Unternehmern  selbst  unent- 
behrlich machte  und  dadurch  ihre  Machtstellung  gegen  die  Unternehmer 
stärkte,  indem  sie  anderseits  die  Betriebsräte  in  den  Fragen  der  wirtschaft- 
lichen und  technischen  Betriebsführung  schulte  und  sie  dadurch  befähigte 
imd  lehrte,  ihre  Tätigkeit  allmählich  über  den  gewerkschaftlichen  Aufgaben- 
Icreis  hinaus  auf  die  Betriebsführung  selbst  zu  erstrecken. 

Als  später  die  Lebensmittel-  und  Kohlennot  allmählich  überwunden  und 
■die  zentrale  Bewirtschaftung  allmählich  abgebaut  wurde,  verlor  dieser 
Wirkungskreis  der  Betriebsräte  freilich  an  Bedeutung.  Dafür  aber 
erschlossen  sich  den  Betriebsräten  immer  neue  Tätigkeitsgebiete.  In  den 
Großbetrieben  entwickelten  sich  die  Betriebsräte  zu  großen  Verwaltungs- 
■organismcn  mit  eigenen  Büros  und  mit  einer  oft  recht  komplizierten 
Arbeitsteilung  innerhalb  des  Betriebsrates.  Der  Wiener  Gewerbeinspektor 
Ingenieur  Ehrenhofer  konnte  schon  in  seinem  Bericht  über  das  Jahr  1919 
erzählen,  daß  sich  die  Betriebsräte  der  Großbetriebe  in  Unterausschüsse  zu 
gliedern  beginnen,  von  denen  jeder  besondere  Funktionen  auszuüben  hat. 
Die  Betriebsverfas-sung  der  gemeinwirtschaftlichen  Anstalten  sieht  vor,  daß 
jeder  Betriebsrat  je  einen  Referenten  für  betriebstechnische  Fragen,  für  den 
Arbeiterschutz,  für  Lohn-  und  Akkordfragen  und  für  Stcuerwesen  wählen 
■und    besondere  Unterausschüsse    für  Organisation    und    Bilanz,    für  Wohl- 

^    ir.n    — 


fahrtseinrichtungen  und  für  das  Lc'hrlinjrswosen  einzusetzen  habe  Auch 
diese  Gliederung  erschöpft  den  Wirkungskreis  der  Betriebsräte  keineswegs. 
So  haben  zum  Beispiel  viele  Betriebsräte  auch  Betriebsbibliotheken  angelegt 
und  ünterrichtskurse  organisiert;  der  Betriebsrat  der  gemeinwirtschaftlichea 
Anstalt  „österreichische  Werke"  hat  sogar  die  Leitung  einer  Fachschule 
für  Maschinenbau,    die  Arbeiter  zu  Werkmeistern    ausbildet,    übernommen. 

Selbstverständlich  können  die  Betriebsräte  nur  allmählich  die  Er- 
fahrungen und  Kenntnisse  erwerben,  die  sie  brauchen,  um  ihre  mannig-, 
fachen  Funktionen  mit  Erfolg  zu  versehen.  Die  Berichte  der  Gcwerbe- 
inspcktoren  liefern  Beispiele  auch  dafür,  wie  die  Betriebsräte  allmählich 
zur  Erfüllung  ihrer  Aufgaben  heranreifen.  So  kehrt  in  den  Berichten  über 
das  Jahr  1919  die  Klage  immer  wieder,  daß  die  Betriebsräte  den  Fragen 
der  Gewerbeb^giene  und  der  Unfallverhütung  wenig  Verständnis  entgegen- 
bringen. Dagegen  schreibt  schon  1920  der  Wiener  Gewerbeinspektor  Inge- 
nieur Naske:  „Die  wertvolle  Mitarbeit  der  Betriebsräte  bei  Vornahme  der 
Inspektionen  verdient  es,  anerkennend  hervorgehoben  zu  werden;  nicht, 
allein,  daß  die  Anwesenheit  der  Betriebsräte  bei  Inspektionen  das  Ver- 
antwortungsgefühl der  Gewerbeinhaher  hebt  und  die  Verbindlichkeit  der 
Unternehmer  gegenüber  ihren  Arbeitern  in  wirksamer  Weise  festgelegt 
erscheint,  übernehmen  die  anwesenden  Arbeitervertreter  gleichzeitig  in  der 
ilegel  die  Gewähr,  daß  die  vom  Gewerbeinspektor  getroffenen  Maßnahmen 
auch  wirklich  zur  Durchführung  gelangen,'  ohne  daß  es  notwendig  wäre, 
von  Amts  wegen  einen  besonderen  Druck  auf  die  Gewerbeinhaber  ausüben. 
zu  müssen.  Die  Betriebsräte  bilden  aber  auch  aus  dem  Grunde  eine  wert- 
volle Unterstützung  für  den  amtierenden  Gewerbeinspektor,  weil  sie,  mit 
den  örtlichen  Verhältnissen  besonders  gut  vertraut,  auf  Gefahren  auf- 
merksam zu  machen  in  der  Lage  sind,  welche  unter  Umständen  dem 
Gewerbeinspektor  leicht  entgehen  können.  Es  hat  sich  auch  öfter  ereignet, 
daß  Betriebsräte  sich  schriftlich  an  das  Amt  gewandt  haben  und  um  Ab- 
stellung dieser  Übelstände  ersuchten."  Ähnlich  urteilte  in  dem  Bericht  über 
1920  auch  der  Wiener-Neustädter  Gewerbeinspektor  Ingenieur  Astolfi, 
während  die  Inspektoren  aus  Gebieten  mit  rückständigerer  Arbeiterschaft, 
zum  Beispiel  der  Vorarlberger  Inspektor  Ingenieur  Eberl,  noch  erzählen,  daß 
die  Betriebsräte  die  Fragen  des  technischen  Arbeiterschutzes  noch  nicht 
zu  würdigen  verstehen. 

Die  Entwicklung  der  Betriebsräte  hängt  in  sehr  hohem  Maße  auch  von 
der  Entwicklung  der  Beziehungen  zwischen  den  Arbeitern  und  den  Ange- 
stellten ab.  Die  Verschiedenheiten  der  Erziehung,  der  Lebensweise,  der  poli- 
tischen Ansichten  und  die  Tatsache,  daß  der  Angestellte  dem  Arbeiter  als. 
Vorgesetzter  gegenübersteht,  dem  Arbeiter  gegenüber  Unternehmer- 
funktionen auszuüben  hat,  erschweren  jenes  enge  Zusammenwirken 
zwischen  den  Betriebsräten  der  Arbeiter  und  der  Angestellten,  das  allein 
einerseits  den  Angestelltenbetriebsräten  die  starke  Stütze  der  Arbeiterschaft 
sichern,  anderseits  die  höheren  technischen  und  kommerziellen  Kenntnisse 
der  Angestellten  in  den  Dienst  der  Arbeiterbetriebsräte  stellen  kann.  Auch 
diese  Schwierigkeiten  können  nur  allmählich,  nur  durch  die  Selbsterziehung- 
der  Betriebsräte  im  Prozeß  ihrer  Tätigkeil  überwunden  werden. 

So  stehen  die  Betriebsräte  erst  am  Anfang  ihrer  Entwicklung.  Die 
Revolution   hat   nur  die   Institution   der   Betriebsräte  schaffen  können;  die 

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■Entfaltung  der  Keime,  die  in  dieser  InsiituUon  gelegen  sind,  kann  nur  in 
der  Pr&xis  der  Betriebsräte  erfoloen.  Nur  in  allmählicher  Entwicklung, 
allmählicher  Selbsterziehung  in  der  Praxis  der  Betriebsratstätigkeit  wird  • 
>die  Arbeiterschaft  aus  ihrem  Schöße  einen  Stab  geschulter  Vertrauens- 
männer hervorbringen  können,  der  zur  vollen  Ausnützung  der  neuen  Insti- 
tution befähigt  sein  wird.  Diese  Selbsterzichung  der  Arbeiterschaft  in  der 
und  durch  die  Betriebsratspraxis  schafft  aber  erst  die  Voraussetzungen  einer 
sozialistischen  Produktionsverfassung.  Das  Beispiel  Rußlands,  wo  die  nach 
•der  Oktoberrevolution  anfänglich  versuchte  demokratische  Betriebs- 
verfassung so  schnell  einem  bürokratischen  Staatskapitalismus  weichen 
mußte,  beweist,  daß  nur  ein  bürokratischer  Staatssozialismus,  der  den 
Despotismus  des  Unternehmers  bloß  durch  den  Despotismus  des  Bürokraten 
ersetzt,  möglich  ist,  solange  sich  die  Arbeiterschaft  die  Fähigkeit  zur  Selbst- 
regierung in  ihrem  Arbeitsprozeß  noch  nicht  erworben  hat.  Der  demo- 
kratische Sozialismus,  der  Sozialismus,  den  die  Arbeiterschaft  memt  und 
will,  der  Sozialismus,  der  das  Selbstbestimmungsrecht  der  Arbeitenden  m 
ihrem  Arbeitsprozeß  verwirklicht,  ist  erst  möglich,  wenn  die  Arbeiterschaft 
die  Produktion  zu  regieren  vermag,  ohne  die  Produktion  zu  zerstören.  Als 
die  sroße  Schule  der  proletarischen  Selbstregierung  im  Produktionsprozeß 
sind'  die  Betriebsräte  eine  Vorstufe  der  sozialistischen  Produktionsweise. 
Darum  bedeutet  die  Entstehung  und  Entwicklung  der  Betriebsräte  für  die 
Entwicklung  zur  sozialistischen  Gesellschaftsordnung  weit  mehr  als  jede 
gewaltsame  Expropriation,  wenn  ihr  Ergebnis  nichts  als  bürokratisch 
regierte  Staats-  oder  Gemeindebetriebe  sind. 

Die  Kriegswirtschaft  hatte  die  kapitalistischen  Unternohrnungen  unter 
Lürokratischer  Oberleitung  syndiziert  und  diese  kapitalistisch-bürokrati- 
■schen  Zwangssyndikate  zum  Requisitionsapparat  für  die  Bedürfnisse  des 
Heeres  gemacht.  Sie  hatte  die  einzelnen  kapitalistischen  Unternehmungen 
militarisiert,  die  Zwangsgewalt  der  militärischen  Bürokratie  in  den  Dienst 
der  Kapitalsherrschaft,  die  Kapitalsherrschaft  in  den  Dienst  der  militäri- 
schen Zwangsorganisation  gestellt.  In  beiden  Formen  waren  kapitalistisches 
Unternehmen  und  staatliche  Bürokratie  gegen  die  Arbeiterklasse  verbündet. 
Die  Auflehnung  der  Arbeitermassen  richtete  sich  gegen  beide  Mächte:  so- 
wohl gegen  das  kapitalistische  Unternehmertum  als  auch  gegen  die  staat- 
liche Bürokratie.  War  das  erste  Resultat  der  Auflehnung  gegen  die  Herr- 
schaft des  kapitalistischen  Unternehmertums  die  Institution  der  Betriebs- 
Täte,  so  war  das  erste  Resultat  der  Auflehnung  gegen  die  Herrschaft  der 
staatlichen  Bürokratie  die  den  Betriebsräten  analoge  Institution  der  Per- 
sonalvertretungen, die  zunächst  in  den  staatlichen  Verkehrsbetrieben  ge- 
schaffen wurden  und  auf  die  Verwaltung  dieser  Betriebe  überaus  starken 
Einfluß  erlangten.  Aber  beide  Institutionen  genügten  den  Arbeitermassen 
nicht.  Die  Arbeiterklasse  drängte  nach  der  Sozialisierung  der  Industrie,  die 
Sozialisierung  sollte  die  Industrie  von  der  Herrschaft  des  kapitalistischen 
Unternehmers  befreien,  ohne  sie  doch  der  Herrschaft  der  staatlichen  Büro- 
kratie zu  unterwerfen.  Es  galt,  eine  Betriebsverfassung  zu  finden,  die  weder 
kapitalistisch  noch  bürokratisch  sein  sollte.  Das  war  die  Aufgabe,  die  ich 
zunächst  in  einigen  Zeitungsartikeln  zu  lösen  versuchte,  die  zuerst  in  der 
,,Arbeiter-Zeitung"erschienen  sind,  später  unter  dem  Titel  „Der  Weg  zum 
Sozialismus"  als  Broschüre  herausgegeben  wurden.  Der  Organisationsplan, 


—    171    — 


den  ich  in  jenen  Zeilungsarlikoln  onlwarf,  war  angeregt  einorscils  durch 
den  englischen  Gildonsozialisnius,  dessen  Grundgedanken  ich  schon  vor 
dem  Kriege  aus  G.  ü.  II.  Cole's  „The  wurld  of  lahour"  (London  1913) 
kennengelernt  halle,  anderseits  durch  die  ursprünglichen  Organisations- 
versuche des  russischen  Bolschewismus,  wie  sie  der  Ivongreß  der  Volks- 
wirlschaflsräle  im  .Mai  1918  formuliert  hatte.  Beide  hatten  die  Verwaltung 
der  sozialisierten  Industrie  gründen  wollen  auf  die  Kooperation  des  Staates 
als  des  Vertreters  der  Gesamtheit  und  der  Gcwerkscliaft  als  der  Vertreterin 
der  Sonderintcrossen  der  in  dem  sozialisierten  Industriezweig  tätigen  Ar- 
beiter und  Angestellten.  Mein  Organisationsplan  schaltete  in  diese  Koope- 
ration als  drittes  gleichberechtigtes  Glied  die  Organisation  der  Konsumenten 
ein.  Ich  schlug  vor,  daß  jeder  sozialisierte  Industriezweig  von  einer 
besonderen  Verwaltungskörporschaft  verwaltet  werden  solle,  die  zusammen- 
zusetzen sei  aus  Vertretern  der  Arbeiter  und  Angestellten,  die  in  dem  In- 
dustriezweig arbeiten,  aus  Vertretern  der  Konsumenten,  für  die  der  In- 
dustriezweig arbeitet,  und  aus  Vertretern  des  Staates  als  Schiedsrichters 
zwischen  den  widerstreitenden  Intc^ressen  der  Produzenten  und  der  Kon- 
sumenten. Ähnliche  Vorschläge  sind  damals  überall  aufgetaucht,  wo  die 
Arbeiterschaft  den  Kampf  um  die  Sozialisierung  begann;  so  in  dem  von  der 
deutschen  Sozialisierungskommission  entworfenen  Plan  einer  ,, Deutschen 
Kohlengemeinschaft",  m  dem  Organisationsplan  Mr.  .Justice  Sankey's  für 
den  britischen  Kohlenbergbau,  in  dem  „Plum-Plan"  für  die  Organisation 
der  Eisenbahnen  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  in  dem  Vorschlag 
der  Confederation  Generale  du  Travail  über  die  Sozialisierung  der  französi- 
schen Eisenbahnen,  später  auch  in  den  Organisationsplänen,  die  Sidney 
und  Beatrice  Webb  in  ihrer  „Constitution  for  the  socialist  commonwealtli" 
(London  1920)  entwarfen.  Blieb  es  aber  dort  überall  bei  bloßen  Projekten, 
so  konnten  wir  m  Deutschösterreich  zur  Verwirklichung  dieser  Projekte,, 
wenngleich  vorerst  nur  in  bescheidenem  Ausmaß,  übergehen. 

Nachdem  ich  die  Leitung  der  Sozialisierungskommission  übernommen 
hatte,  unternahm  ich  es  zunächst,  die  Rechtsform  für  die  von  mir  vor- 
geschlagene neue  Unternehmungsform  zu  schaffen.  Zu  diesem  Zwecke  legte 
ich  der  Nationalversammlung  gleichzeitig  mit  dem  Entwurf  des  Betriebs- 
rätegesetzes auch  einen  Gesetzentwurf  über  die  gemeinwirtschaftlichen 
Unternehmungen  vor;  der  Gesetzentwurf  wurde  im  Sozialisierungsausschuß 
der  Nationalversammlung  sorgfältig  umgearbeitet  und  am  29.  Juli  1919  von 
der  Nationalversammlung  beschlossen.  Sobald  damit  die  rechtlichen  Vor- 
aussetzungen geschaffen  waren,  gingen  wir  daran,  die  neue  Unternehmungs- 
form zu  erproben. 

Es  waren  praktische,  aus  der  Auflösung  der  Kriegswirtschaft  hervor- 
gegangene Bedürfnisse,  die  die  neue  Unternehmungsform  heischten.  Die  Re- 
publik hatte  viele  große  Betriebe  geerbt,  die  Eigentum  des  Heeresärars  ge- 
wesen waren  und  unter  militärischer  Leitung  für  den  Kriegsbedarf  gearbeitet 
hatten.  Nach  dem  Waffenstillstand  waren  diese  Betriebe  von  der  Zivil- 
verwaltung übernommen  worden;  die  „Generaldirektion  der  staatlichen  In- 
dustriewerke" übernahm  ihre  Leitung.  Aber  die  bürokratische  Leitung  ver- 
stand es  nicht,  die  Kriegsbetriebe  zur  Friedensproduktion  überzuführen. 
Sie  lieferte  einen  großen  Teil  der  wertvollen  Rohstoffe,  die  in  den  Betrieben 
aufgehäuft  waren,  dem  Schiebertum  aus.  Sie  entließ  die  Arbeiter  nicht,  um 

—     172     — 


die  Zahl  der  Arbeitslosen  nicht  zu  vergrößern,  aber  sie  versuchte  es  nicht, 
sie  produktiv  zu  bescliäfiigen.  So  wurden  die  Betriebe  zu  einer  schweren 
Last  füfr  den  Staat.  Die  Betriebe  an  das  Privatkapital  zu  verpachten  oder  zu 
verkaufen,  war  nicht  ratsam;  in  einer  Zeit,  in  der  der  Unternehmungsgeist 
gelähmt  war,  die  Betriebe  mit  Riesendefiziten  belastet  waren  und  die  schnelle 
Geldentwertung  jede  Bewertung  der  wertvollen  Betriebsanlagen  unmöglich 
machte  und  jeden  Kaufschilling,  den  der  Staat  vereinbarte,  schnell  ent- 
wertete, hätte  die  Veräußerung  der  Betriebe  die  Vergeudung  wertvollen 
Staatsbesitzes  bedeutet.  Aber  ebenso  unmöglich  war  es  auch,  die  Betriebe 
in  den  Händen  der  technisch  und  kommerziell  unfähigen  bürokratischen 
Leitung  zu  lassen.  So  forderte  der  jämmerliche  Zustand,  iri  den  die  staat- 
lichen Kriegsindustriebetriebe  geraten  waren,  eine  neue  Unternehmungs- 
form, die  die  Betriebe  im  öffentlichen  Eigentum  erhalten,  ihnen  aber  eine 
kommerziell  bewegliche,  von  der  bürokratischen  Zwangsjacke  freie 
Leitung  geben  mußte.  Und  an  dieser  Leitung  mußte  die  Arbeiterschaft  der 
Kriegsindustriebetriebe  starken  Anteil  haben.  Nach  dem  Umsturz  hatten  die 
Arbeiter  der  Kriegsindustrie,  um  ihre  Arbeitsstellen  besorgt,  die  Betriebe 
gegen  die  Plünderung  durch  das  mit  der  Bürokratie  zusammenspielende 
Schiebertum  verteidigt.  Die  Arbeiterschaft  hatte  die  Betriebsanlagen  und 
die  Rohstoffvorräte  für  den  Staat  gerettet.  Die  Arbeiterschaft  hatte,  da  die 
bürokratische  Verwaltung  die  Betriebe  nicht  zu  leiten,  die  Ordnung  in  ihnen 
nicht  wiederherzustellen  vermochte,  die  Macht  über  die  Betriebe  immer 
mehr  an  sich  gerissen.  Es  war  daher  offenbar,  daß  die  Betriebe  nur  unter 
tätiger  Teilnahme  der  Betriebsräte  zu  geordneter  Produktion  zurückgeführt 
werden  konnten.  Die  unmittelbare  Beteiligung  der  Betriebsräte  an  der  Ver- 
waltung der  Betriebe  war  also  unabweisbar.  So  drängten  die  praktischen 
Bedürfnisse  hier  nach  der  neuen  gemeinwirtschaftlichen  Unternehmungs- 
form. 

'Wir  machten  den  ersten  Versuch  im  kleinen  Maßstab.  Die  erste  , .ge- 
meinwirtschaftliche Anstalt",  die  wir  gründeten,  waren  die  ,, Vereinigten 
Leder-  und  Schuhfabriken".  Sie  wurden  vom  Staat  gemeinsam  mit  der 
Großeinkaufsgesellschaft  österreichischer  Konsumvereine  als  der  Vertre- 
terin der  proletarischen  Konsumenten  und  der  Landwirtschaftlichen  Waren- 
verkehrsstelle als  der  Vertreterin  der  bäuerlichen  Konsumenten  begründet. 
Der  Staat  brachte  seine  Schuhfabrik  in  Brunn  a.  G.  ein;  die  beiden  Kon- 
sumentenorganisationen stellten  das  Betriebskapital  bei  und  übernahmen 
den  Vertrieb  der  Erzeugnisse.  Die  „Anstallsversammlung",  die  die  oberste 
Leitung  der  Anstalt  besorgt  und  die  Geschäftsleitung  einsetzt, 
ist  zusammengesetzt  aus  Vertretern  des  Staates,  aus  Vertretern 
der  beiden  Konsumentenorganisationen  und  aus  Vertretern  des 
Betriebsrates  und  der  Gewerkschaft  der  Arbeiter,  die  in  dem  Betrieb 
arbeiten.  Diese  erste  Gründung  hatte  durchschlagenden  Erfolg.  Binnen 
kur;:em  gelang  es,  die  Produktion  in  Gang  zu  bringen  und  die  Arbeit  zu  in- 
tensivieren. Schon  die  erste  .Jahresbilanz  wies  einen  bedeutenden  Rein- 
gewinn aus.  Ebenso  gut  war  der  Erfolg  der  zweiten  Gründung,  die  sofort 
folgte:  der  , .Österreichischen  Heilmittelstelle",  die,  vom  Staat  gemeinsam  mit 
dem  Wiener  Krankenanstaltenfonds  und  den  Krankenkassen  gegründet,'  den 
Betrieb  der  ehemaligen  Militärmedikamentendirektion  übernahm.  Sie  hat 
die    Versorgung    der    ötientlichen   He:l-    und  Pflegeanstalten    init  Arznei- 

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millGlii  lind  Ilcilboliclfen  organisiert  und  durch  die  Kinfülirung  ihrer  tib- 
gepacklen  Arzp.cimiKel  die  allgemeine  Ileilniillolversorgung  reformiert.  Die 
Erfolge  dieser  beiden  ersten  gemcinwirtschafllieheu  Anstalten  ermutigten 
zur  Fortführung  der  Arbeit.  Sie  wurde,  nachdem  ich  bei  der  Bildung  der 
zweiten  Koalitionsregierung  im  Oktober  1919  die  Leitung  der  Soziali- 
sierungskommission  niedergelegt  hatte,  von  Ellenbogen  als  Präsidenten  der 
Süzialisierungskonnnission  und  von  dem  Oberbau'rat  Ried  als  dem  Leiter 
ihres  Büros  mit  großem  Eifer  fortgesetzt.  So  entstand  allmählich  ein  ganzes 
System  gemeinwirtschaftlicher  Unternehmungen. 

Einige  kriegsärarischc  Betriebe  wurden  zur  Gänze  gemeinwirtschaft- 
lichen Anstalten  übergeben;  so  die  großen  Industrieanlagen  des  Wiener 
Arsenals  der  gemcinwirtschaftlichon  Anstalt  „Österreichische  Werke",  der 
Betrieb  in  Puntigam  den  „Steirischen  Fahrzeugwerken".  In  anderen  Fällen 
wurden  die  kriegsärarischen  Industrieterrains  gemeinwirtschaftlichen  An- 
stalten übergeben,  die  aber  die  einzelnen  Betriebe  gemischtwirtschaftlichen, 
gemeinsam  mit  dem  Privatkapital  gegründeten  und  betriebenen  Unter- 
nehmungen übergaben;  so  geschah  es,  in  verschiedenen  Formen,  in  Blumau 
und  in  Fischamend.  Daneben  entstanden  gemeinwirtschaltliche  Anstalten, 
die  nicht  auf  ehemals  kriegswirtschaftliche  Betriebe  gegründet  sind,  son- 
dern neuerstandenen  Bedürfnissen  dienen;  so  die  „Gemeinwirtschaftliche 
Siedlungs-  und  Baustoffanstalt"  und  die  gemeinwirtschaftliche  Anstalt  „Holz- 
inarkt".  Endlich  wurden  auch  Unternehmungen  gebildet,  die  der  Rechtsform 
nach  nicht  gemeinwirtschaftliche  Anstalten,  sondern  Aktiengesellschaften 
sind,  aber  in  gleicher  oder  ähnlicher  Weise  zusammengesetzt  sind  wie  die 
gemeinwirtschaftlichen  Anstalten;  so  zum  Beispiel  die  Wäsche-  und  Be- 
ileidungs-A.-G.,  die  vom  Staat  gemeinsam  mit  der  Großeinkaufsgesell- 
schaft der  Konsumvereine  und  der  Landwirtschaftlichen  Warenverkehrs- 
stelle betrieben  wird,  und  die  von  der  Gemeinde  Wien  gemeinsam  mit  der 
Großeinkaufsgesellscbaft  betriebene  „Wiener  Holz-  und  Kohlengesellschaft". 

So  schuf  die  Revolution  eine  neue  Unternehmungsform.  Hatte  man  vor- 
her die  bürokratisch  geleiteten  Staats-  und  Gemeindebetriebe  auf  der  einen, 
die  Produktionsbetriebe  der  Konsumgenossenschaften  auf  der  anderen  Seite 
gekannt,  so  entstand  hier  nun  eine  Mischform:  die  gemeinwirtschäftliche 
Anstalt  wird  in  der  Regel  vom  Staat  (oder  von  einer  Gemeinde)  gemeinsam 
mit  konsumgenossenschaftlichen  Unternehmungen  geleitet.  Der  Staat  stellt 
die  Betriebsanlagen,  die  Konsumgenossenschaft  stellt  kaufmännisch  ge- 
schulte Betriebsleiter  bei  und  sie  organisiert  den  Absatz  der  Erzeugnisse.  In 
diese  Kooperation  des  Staates  mit  den  konsumgenossenschaftlichen  Organi- 
sationen fügen  sich  aber  als  wesentliches  Glied  die  Betriebsräte  und  Ge- 
werkschaften der  in  den  gemeinwirtschaftlichen  Betrieben  beschäftigten 
Arbeiter  und  Angestellten  ein.  Sie  sind  nicht  nur  in  der  Anstaltsversamm- 
lung, sondern  oft  auch  in  der  Geschäftsleitung  selbst  unmittelbar  vertreten, 
sie  haben  daher  hier  viel  unmittelbareren  Einfluß  auf  die  Geschäftslührung 
als  in  den  Staats-  und  Gemeindebetrieben  einerseits,  den  Produktions- 
betrieben der  Konsumgenossenschaften  anderseits.  Der  Gedanke  der  un- 
mittelbaren Kontrolle  der  Industrie  durch  die  in  ihr  tätigen  Arbeiter  und 
Angestellten  hat  hier  eine  über  den  Rahmen  des  Betriebsrätegesetzes 
weit  hinausgehende  Verwirklichung  gefunden.  Die  Machtverhältnisse 
zwischen  den   drei  Partnern  der  Gemeinwirlschaft  sind  in   den  einzelnen 

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Anstalten  verschieden.  In  den  Anstalten,  die  unmittelbar  für  den  Bedarf 
öffentlicher  Körperschaften  arbeiten  —  so  zum  Beispiel  in  der  Heilmittel- 
stelle oder  in  der  Wiener  Holz-  und  Kohlengesellschaft  —  überwiegt  der 
Einfluß  der  öffentlichen  Körperschaften,  des  Staates  oder  der  Gemeinde. 
In  den  Anstalten,  die  unmittelbar  für  den  Bedarf  der  Genossenschaften  ar- 
beiten —  so  zum  Beispiel  in  den  Vereinigten  Leder-  und  Schuhfabriken 
und  in  der  Siedlungs-  und  Baustoffanstalt  —  überwiegt  der  Einfluß  der  Ge- 
jiossenschaften.  In  den  Anstalten,  die  im  freien  Wettbewerb  mit  den  kapitali- 
stischen Unternehmungen  für  den  freien  Markt  arbeiten  —  wie  vor  allem 
die  Österreichischen  Werke  —  überwiegt  der  Einfluß  der  Gewerkschaften 
und  der  Betriebsräte.  In  allen  Fällen  aber  ist  die  Gemeiuwirtschaft  das 
Mittel  gewesen,  an  die  Stelle  der  bürokratischen  Alleinherrschaft  über  die 
öffentlichen  Betriebe  ihre  Mitverwaltimg  durch  proletarische  Organisationen, 
durch  Genossenschaften  auf  der  einen,  Betriebsräte  und  Gewerkschaften 
auf  der  anderen  Seite  zu  setzen.  Freilich,  nicht  durch  proletarische  Or- 
ganisationen allein.  Denn  in  allen  Anstalten  finden  wir  neben  der  Groß- 
oinkaufsgesellschaft  der  Konsumvereine  auch  die  von  den  landwirtschaft- 
lichen Genossenschaften  mitkontrollierte  Warenverkehrsstelle;  damit  hat 
der  Gedanke  der  Kooperation  der  Arbeiter  mit  den  Bauern,  der  der  ersten 
Koalitionsregierung  zugrunde  lag,  seine  wirtschaftliche  Anwendung  ge- 
funden und  damit  wurde  zugleich  der  Versuch  unternommen,  die  Bauern 
für  die  „sozialisierten"  Unternehmungen  zu  interessieren  und  sie  dadurch 
für  den  Gedanken  der  Sozialisierung  zu  gewinnen. 

Die  gemeinwirtschaftlichen  Anstalten  hatten  und  haben  überaus  große 
Schwierigkeiten  zu  überwinden.  Die  Betriebe,  die  sie  übernommen  haben, 
v.-aren  ausschließlich  der  Befriedigung  des  Kriegsbedarfes  angepaßt 
gewesen;  sie  können  nur  mit  sehr  großen  Schwierigkeiten  und  Kosten  auf 
die  Friedensproduktion  umgestellt  werden.  So  haben  zum  Beispiel  die 
österreichischen  Werke  eine  große  Kanonenfabrik  übernommen;  die  Be- 
triebe, die  nun  nicht  mehr  zu  ihrem  ursprünglichen  Zwecke  verwendet 
werden  können,  mußten  sie  nun  den  verschiedensten  neuen  Zwecken 
anpassen.  Aus  der  Kanonenfabrik  gingen  so  allmählich  eine  W^erkzeug- 
maschinenfabrik,  ein  Jagdwaffenfabrik,  eine  Erzeugungsstätte  landwirt- 
schaftlicher Maschinen,  eine  Kraftwagenfabrik,  eine  Bau-  und  Möbel- 
tischlerei hervor.  Dabei  fehlte  es  den  Anstalten  an  Kapital,  diese  Umstellung 
schnell  durchzuführen.  Die  Anstalten  waren  in  einer  Zeit  schneller  Geld- 
entwertung entstanden.  In  einer  solchen  Zeit  muß  jede  industrielle  Unter- 
nehmung ihr  Betriebskapital  immer  wieder  erhöhen.  Die  kapitalistische 
Aktiengesellschaft  tut  dies,  indem  sie  von  Zeit  zu  Zeit  neue  Aktien  ausgibt 
und  indem  sie  den  Bankkredit  stärker  in  Anspruch  nimmt.  Für  die  gemein- 
wirtschaftlichen Anstalten  waren  beide  Wege  nicht  gangbar.  Sie  können 
natürlich  keine  Aktien  ausgeben.  Das  Gesetz  über  die  gemeinwirtschaft- 
lichen Unternehmungen  hatte  ihnen  allerdings  das  Recht  eingeräumt,  fest- 
verzinsliche Obligationen  auszugeben.  Aber  die  Begebung  festverzinslicher 
Obligationen  ist  in  einer  Zeit  schneller  Geldentwertung  unmöglich.  Der 
§  8  des  Gesetzes  gab  allerdings  dem  Staatssekretär  für  Finanzen  das  Recht, 
die  Banken  zu  zwingen,  daß  sie  einen  vom  Staatssekretär  bestimmten  Teil 
ihrer  fremden  Gelder  und  ihrer  Reservefonds  in  Schuldverschreibungen  der 
''emeinwirtschaftlichen  Anstalten  anlegen   Aber  die  Regierungen  haben  sich 

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nie  cnlschlosson,  von  diesem  Recht  Gebrauch  zu  machen.  Aber  auch  in 
anderen  Formen  konnten  die  gcmeinwirtschaftlichcn  Anstalten  hin- 
reichenden Bankkredit  nicht  bekommen.  Die  Banken  gewähren  Kredit  den 
Unternehmungen,  an  denen  sie  beteiligt  sind  und  die  sie  kontrollieren; 
den  Anstalten,  die  ihrer  Kontrolle  nicht  unterworfen  sind,  verweigerten  sie 
den  Kredit  um  so  melir.  da  die  ständige  feindliche  Agitation  der  kapitali- 
stischen Presse  das  Vertrauen  zu  diesen  Unternehmungen  erschütterte.  So 
waren  die  gemeinwirtschaftlichen  Anstallen  darauf  angewiesen,  immer 
wieder  vom  Staat  Zuschüsse  zu  ihrem  Betriebskapital  zu  verlangen.  Infolge 
der  Notwendigkeit,  ihr  Betriebskapital  zu  vergrößern,  blieben  sie  auf 
Staatszuschüsse  angewiesen,  obwohl  ihre  Bilanzen  schon  am  Ende  des 
ersten  Geschäftsjahres  nicht  unbeträchtliche  I^einerträgnisse  auswiesen. 
Der  Staat  aber,  in  ärgster  Finanznot,  konnte  den  Geldbedarf  der  Anstalten 
immer  nur  unzureichend  befriedigen;  dadurch  wurde  ihre  Entwicklung, 
wurde  besonders  die  Durchführung  der  zur  Umstellung  auf  die  Friedens- 
produktion erforderlichen  Investitionen  verlangsamt.  Die  Anstalten  sahen 
sich  gezwungen,  einzelne  ihrer  Betriebe,  die  sie  infolge  ihrer  Geldnot  nicht 
in  Gang  setzen  konnten,  an  gemischtwirtschaftliche  Unternehmungen,  die 
sie  mit  privaten  Kapitalisten  zusammen-  begründeten,  zu  übertragen.  So 
konnte  zum  Beispiel  das  Stahlwerk  des  Arsenals  nur  auf  diese  Weise  in 
Gang  gebracht  werden.  Auf  diese  Weise  entwickelten  sich  mannigfache 
Verbindungen  und  Mischformen  zwischen  den  gemeinwirtschaftlichen  An- 
stalten und  kapitalistischen  Unternehmungen.  Diese  finanziellen  Schwierig- 
keiten werden  wohl  überwunden  werden,  wenn  der  Geldwert  nicht  weiter 
sinkt.  Aber  erst  die  Erfahrung  wird  zeigen  können,  wie  die  noch  nicht 
hinreichend  gefestigten  Anstalten  die  Gefahren  der  Absatzkrise  bestehen 
werden,  die  der  Stabilisierung  des  Geldwertes  gefolgt  ist. 

Aber  wenn  auch  die  Schwierigkeiten""  der  Anfänge  der  Gemeinwirtschaft 
noch  keineswegs  als  überwunden  gelten  können,  so  hat  sich  doch  die 
gemeinwirtschaftliche  Unternehmungsform  der  bürokratischen  schon  jetzt 
unzweifelhaft  überlegen  erwiesen.  Die  Kriegsindustriebetriebe  gew^annen 
sofort  ein  ganz  anderes  Aussehen,  sobald  sie  aus  den  Händen  der  büro- 
kratischen „Generaldirektion  der  staatlichen  Industriewerke"  in  die  Hände 
der  gemeinwirtschaftlichen  Anstalten  übergingen.  Die  Leitung  wurde  kauf- 
männisch beweglich,  die  Produktion  wurde  in  Gang  gebracht,  Arbeits- 
intensität und  Arbeitsdisziplin  wurden  unter  tätiger  Mitwirkung  der  Be- 
triebsräte und  Gewerkschaften  schnell  verbessert,  die  Betriebsdefizite,  die 
unter  der  bürokratischen  Leitung  überaus  groß  gewesen  waren,  sehr 
schnell  reduziert.  Gelingt  es,  die  Anstalten  mit  hinreichendem  Betriebs- 
und  Investitionskapital  auszustatten,  dann  ist  ihre  Lebens-  und  Leistungs- 
fähigkeit nicht  zu  bezweifeln. 

Das  Gesetz  über  die  gemeinwirtschaftlichen  Unternehmungen  hatte  den 
Anstalten  auch  die  Möglichkeit  zu  sichern  gesucht,  ihren  Einfluß  über 
ihre  eigenen  Betriebe  hinaus  zu  erstrecken,  in  die  kapitalistischen  Unter- 
nehmungen einzudringen.  Der  §  37  des  Gesetzes  gibt  der  Staatsverwaltung 
das  Recht,  bei  der  Gründung  von  Aktiengesellschaften  und  bei  Kapitals- 
erhöhungen der  Aktiengesellschaften  eine  Beteiligung  am  Gesellschafts- 
kapital bis  zur  Hälfte  zu  Bedingungen  zu  verlangen,  die  nicht  ungünstiger 
sein  dürfen  als  die  bevorzugten  Bedingungen,  zu  denen  die  neuen  Aktien 

'  _     176     — 


^en  Gründern  der  Aktiengesellschaft  oder  den  Inhabern  der  alten  Aktien 
überlassen  werden.  In  einer  Zeit,  in  der  die  Geldentwertung  alle  Aktien- 
•gosellschaften  immer  wieder  zur  Erhöhung  ihres  •Aktienkapitals  zwang, 
konnte  diese  Bestimmung  benützt  werden,  um  einerseits  dem  Staat  oder 
■den  yom  Staat  errichteten  gemeinwirtschaltlichen  Anstalten  Beteiligungen 
.an  kapitalistischen  Unternehmungen  zu  erzwingen,  um  anderseits  den 
„Gründergewinn",  der  bei  dem  Bezug  neuer  Aktien  zu  den  begünstigten 
Bedingungen  erlangt  wird,  dem  Privatkapital  zu  entziehen  und  ihn  dem 
'Gemeinwesen  zuzuführen.  Die  Finanznot  hat  es  freilich  dem  Staat  zunächst 
xmrnöglich  gemacht,  das  Recht  des  §  37  wirksam  auszunützen.  Später  aber 
hat  die  Gemeinde  Wien  den  §  37  benützt,  um  Beteiligungen  an  vielen 
industriellen  Unternehmungen  zu  erwerben;  und  auch  den  gemein- 
wirtschaftlichen  Anstalten  konnten  mittels  des  §  37  in  einigen  Fällen  Be- 
teiligungen an  Aktiengesellschaften  zu  begünstigten  Bedingungen  erworben 
v/erden.  So  haben  zum  Beispiel  die  Vereinigten  Leder-  und  Schuhfabriken 
Beteiligungen  an  einer  großen  Lederfabrik  und  an  einer  kapitalistischen 
Schuhfabrik  erworben.  Wenn  erst  einerseits  die  finanzielle  Kraft  der 
■gemeinwirtschaftlichen  Anstalten  stärker  wird,  anderseits  die  politische 
Macht  der  Arbeiterklasse  die  regelmäßige,  planmäßige  Anwendung  des 
§  37  durchsetzt,  kann  der  §  37  zu  einem  Mittel  werden,  die  kapitalistischen 
Unternehmungen  selbst  einer  sich  allmählich  verstärkenden  Kontrolle 
durch  die  gemeinwirtschaftlichen  Anstalten  zu  unterwerfen. 

Die  Gemeinwirtschaft  ist  heute  schon  in  viele  Industriezvv^eige  einge- 
-drungen:  in  die  Metall-  und  Maschinenindustrie  durch  die  Öste-rreichischen 
Werke  und  die  Steirischen  Fahrzeugv/erke,  in  die  chemische  Industrie 
■durch  die  lieilmittelstelle  und  die  Blumauer  gemischtwirtschaftlichen  Unter- 
nehmungen, in  die  Holzindustrie  durch  die  Wiener  Holzwerke,  die  von  den 
Österreichischen  Werken  gemeinsam  mit  der  Siedlungs-  und  Baustoff- 
anstalt begründet  wurden  und  die  Tischlerei  im  Arsenal  betreiben,  in  die 
Textilindustrie  durch  die  Wäsche-  und  Bekleidungs-A.-G.,  die  Webereien 
in  den  ehemaligen  Militärbetrieben  in  Brunn  a.  G.  und  in  Fischamend  in 
Gang  gebracht  hat,  in  die  Bauindustrie  durch  die  Siedlungs-  und  Baustoff- 
anstalt. So  sind  innerhalb  aller  dieser  Industrien  gemeinwirtschaftliche 
Kcin^iZellen  entstanden,  die,  wenn  sie  hinreichende  Wachstumse'nergie  zu 
•entfalten  vermögen,  allmählich  auf  Kosten  der  kapitalistischen  Industrie 
Raum  gewinnen  und  die  kapitalistische  Industrie  durchdringen  können. 
Vor  allem  aber  bieten  die  gemeinwirtschaftlichen  Anstalten  die  Möglichkeit, 
allmählich  die  Methoden  der  gemeinwirtschaftlichen  Verwaltung  dieser 
Industriezweige  zu  erarbeiten  und  allmählich  Staatsbeamte,  Genossen- 
schafter und  Gewerkschafter  zur  gemeinvv^irtschaftlichen  Verwaltung  dieser 
Industriezweige  zu  erziehen.  Und  das  ist  wohl  die  wichtigste  Funktion 
dieses  gemeinwirtschaftlichen  Aufbaus  im  Entwicklungsgang  zu  einer 
sozialistischen  Gesellschaftsordnung.  Die  Arbeiterklasse  kann  nicht,  ohne 
die  Produktion  zu  zerstören,  die  Kapitalisten  expropriieren,  solange  sie 
nicht  selbst  die  Fähigkeiten  besitzt,  .die  expropriierten  Produktionsmittel 
zu  verwalten;  diese  Fähigkeiten  zu  entwickeln,  die  Methoden  zweckmäßiger 
gemeinwirtschaftlicher  Verwaltung  der  Industrie  zu  finden^  einen  zu  dieser 

—     177     - 


Aufgabe   der   Gemeinwirlschaft,     die   sich   im   Srlioße   der   kapitalisüschen 
Gesellschaft  entwickelt. 

Der  stürmischen  Zeit,  in  der  das  Gesetz  über  die  genieinwirlschaftlichen 
Unternehmungen  entstanden  ist,  konnte  freilich  eine  so  langsame  Ent- 
wicklung der  Elemente  der  sozialistischen  Zukunft  nicht  genügen.  In  den 
Winter-  und  Frühjahrsmonaten  1919,  in  der  Zeit  der  großen  Kämpfe  um 
Rätediktalur  und  Sozialisierung  in  Deutschland,  in  der  Zeit  der  Räte- 
diktatur in  Ungarn,  drängten  die  Massen  auch  in  Deutschösterreich  nach 
der  Sozialisierung  der  Privatindustrie  und  auch  wir  konnten  nicht  voraus- 
sehen, ob  nicht  Siege  der  Sozialisierungsbewegung  in  den  Nachbarstaaten 
auch  in  unserem  Lande  die  Soziahsierung  einzelner  Zweige  der  Produktion 
mäglich  und  notwendig  machen  werden.  In  der  Sozialisierungskommission 
und  in  ihrem  Büro  wurden  unter  der  Leitung  des  Heidelberger  Professors 
Emil  Lederer  Projekte  für  die  Sozialisierung  einzelner  Produktionszweige 
ausgearbeitet.  Wir  nahmen  zunächst  die  Sozialisierung  der  großen  Eisen- 
industrie, des  großen  Forstbesitzes,  des  Großhandels  mit  Kohle  und  des 
Kohlenbergbaus  in  Aussicht  und  entwarfen  ein  Projekt,  den  Ausbau  der 
Wasserkräfte  in  gemeinwirtschaftlichen  Formen  durchzuführen.  Das 
Gemeinwesen  sollte  also  zunächst  die  Verfügung  über  die  beiden  widitigstcn 
Rohstoffe,  Eisen  und  Holz,  und  über  die  beiden  wichtigsten  Energiequellen, 
Kohle  und  Wasserkraft,  an  sich  ziehen.  Aber  schon  im  Verlauf  -des 
Sommers  1919  wurde  immer  deutlicher  erkennbar,  daß  sich  der  Ver- 
wirklichung dieser  Projekte  unüberwindliche  Hindernisse  entgegentürmten. 

Der  Widerstand  der  Kapitalisten  gegen  die  Expropriation  einiger 
Produktionszweige  fand  zunächst  im  Länderpartikularismus  einen 
mächtigen  Bundesgenossen.  Die  Landesregierungen  von  Steiermark  und  von 
Kärnten  verlangten,  daß  die  Eisenindustrie  nicht  durch  den  Staat  soziali- 
siert, sondern  verländert  werde.  Alle  Landesregierungen  erklärten,  daß  ein 
jedes  Land  allein  über  seine  Wasserkräfte  verfügen  könne.  Der  Soziah- 
sierung des  Forstbesitzes  stellten  die  Länder  ganz  entgegengesetzte  Pläne 
gegenüber;  sie  gingen  daran,  durch  Landesgesetze  die  bäuerlichen 
Servituten'  auf  den  Staatsforsten  gegen  Abtretung  von  Boden  abzulösen, 
also  die  Forste,  siatt  sie  zu  soziahsieren,  auf  die  Bauern  zu  verteilen. 
Dieser  Widerstand  der  Länder  hat  die  Verhandlungen  über  die  Soziali- 
sierung gerade  in  der  für  sie  günstigsten  Zeit  in  die  Länge  gezogen.  In- 
dessen aber  wurden  viel  schwerere  Hindernisse  anderen  Ursprungs  wirksam. 

Wir  hatten  als  erste  Aktion  die  Sozialisierung  der  Eisenindustrie  ins 
Auge  gefaßt;  sie  mußte  mit  der  Sozialisierung  der  Alpinen  Montangesell- 
schaft beginnen.  Die  Bedingungen  für  sie  waren  günstig.  Die  Prager  Eisen- 
industriegesellschaft hatte  ihren  Besitz  an  Alpineaktien  abgestoßen;  die 
Gesellschaft  war  nunmehr  zur  Gänze  im  Besitz  deutschösterreichischer 
Kapitalisten,  Der  Kurs  der  Aktien  war  sehr  niedrig;  wir  wären  bei  voller 
Entschädigung  der  Aktionäre  sehr  billig  in  den  Besitz  des  Unternehmens 
gekommen.  Aber  die  bereits  in  Angriff  genommene  Aktion  wurde  durch 
eine  Gegenaktion,  die  von  einem  Mitglied  der  Regierung  selbst  ermöglicht 
und  gefördert  wurde,  durchkreuzt.  Professor  Schumpeter,  der  Staats- 
sekretär für  Finanzen  der  ersten  Koalitionsregierung,  war  ein  entschiedener 
Anhänger  der  Sozialisierung  gewesen.  Er  hatte  in  den  ersten  Revolutions- 
wochen mit  dem  Bolschewismus  kokettiert,  hatte  dann  an  den  Arbeiten  der 

—    178    — 


Berliner  Sozialisierungskommission  regen-  Anteil  genonamsn  und  hatte 
damals  in  Berlin,  aber  auch  später  noch,  in  der  Zeit  der  ungarischen  Räte- 
diktatur, in  Wien  die  Sozialisierungspolitik  der  Sozialdemokratie  nicht 
selten  als  nicht  energisch  und  nicht  radikal  genug  bekämpft.  Aber  sehr 
bald  vollzog  er  eine  vollständige  Wendung.  Er  hatte  Beziehungen  zu  dem 
Wiener  Bankier  Richard  Kola  angeknüpft;  Kola  unternahm  in  Schumpeters 
Auftrag  eine  Stützungsaktion  für  die  deutschösterreichische  Krone  und 
kaufte  für  das  Staatsamt  für  Finanzen  ausländische  Zahlungsmittel  auf. 
In  Schumpeters  Auftrag  fuhr  Kola  nach  Zürich;  dort  vereinbarte  er  mit 
einer  italienischen  Finanzgruppe  eine  große  Transaktion:  Kola  begann  die 
Aktien  der  Alpinen  Montangesellschaft  für  eine  italienische  Finanzgruppe 
aufzukaufen.  Schumpeter  unterstützte  diese  Aktion  seines  Bankiers,  weil 
Kola  die  Lire,  die  er  für  die  Alpineaktien  löste,  dem  Finanzamt  ablieferte, 
das  ausländische  Zahlungsmittel  zur  Bezahlung  der  Lebensmittel-  und 
Kohlenbezüge  dringend  brauchte.  Schumpeter  unterstützte  diese  Aktion, 
■obwohl  er  wußte,  daß  wir  die  Sozialisierung  der  Alpinen  Montangesellschaft 
in  Aussicht  genommen  hatten.  Er  unterstützte  sie,  ohne  die  anderen 
Regierungsmitglieder  von  ihr  zu  verständigen.  Wir  erfuhren  von  der  ganzen 
Transaktion  erst,  als  ihr  Fortgang  nicht  mehr  zu  hindern  war.  Dieses  Vor- 
gehen Schumpeters  führte  zu  einem  heftigen  Konflikt  innerhalb  der  Koali- 
tionsregierung, in  dem  Schumpeter  die  Unterstützung  der  Wiener 
Christlichsozialen  suchte  und  fand;  dieser  Konflikt  endete  damit,  daß 
Schumpeter  bei  der  Wahl  der  zweiten  Koalitionsregierung  ausgeschieden 
wurde.  Da«  Ergebnis  dieser  Aktion  Schumpeters  aber  war,  daß  uns 
in  der  Alpinen  Montangesellschaft  nunmehr  ausländisches  Kapital 
gegenüberstand.  Nun  trat  der  italienische  General,  der  an  der  Spitze 
der  interalliierten  Waffenstillstandskommission  in  Wien  stand,  ganz 
offen  als  Sachwalter  der  italienischen  Aktionäre  der  Alpinen  Montan- 
gesellschaft auf.  Als  die  deutschösterreichische  Regierung  junge  Aktien, 
die  die  Alpine  Montangesellschaft  ausgegeben  hatte,  auf  Grund  des  §  37 
des  Gesetzes  über  die  gemeinwirtschaftUchen  Unternehmungen  be- 
anspruchte, erzwang  die  italienische  Regierung  den  Verkauf  der 
angeforderten  Aktien  an  eine  italienische  Bankengruppe.  So  war  an  die 
Sozialisierung  der  Alpinen  Montangesellschaft  nicht  mehr  zu  denken, 
sobald  sie  in  italienische  Hände  gefallen  war.  Der  dem  Ausland  gegenüber 
so  schwache  Staat  konnte  es  nicht  wagen,  ausländische  Kapitalisten  zu 
enteignen. 

Aber  auch  unsere  anderen  Sozialisierungsprojekte  stießen  auf  Hinder- 
nisse, die  im  Ausland  ihren  Ursprung  hatten.  Die  Sozialisierung  der  Kohlen- 
wirtschait  hätte  in  Deutschösterreich  nicht  von  unserem  Kohlenbergbau, 
der  ja  nur  einen  kleinen  Teil  des  Bedarfes  deckt,  sondern  von  dem  Groß- 
handel mit  Kohle  ausgehen  müssen.  Die  in  der  Kriegszeit  geschaffene 
Kohlenbewirtschaftung  hätte  von  einer  gemeinwirtschaftlichen  Anstalt 
übernommen  werden  müssen.  Indessen  war  die  staatliche  Kohlen- 
bewirlschaftung  damals  nicht  imstande,  den  Kohlenbedarf  zu  decken, 
während  sich  private  Unternehmer  durch  Ausnützung  individueller 
geschäftlicher  Beziehungen  in  der  Tschechoslowakei  und  in  Oberschiesien 
auf  Schleichwegen  Kohle  beschaffen  konnten,  die  dem  Staat  nicht  er- 
reichbar    war.     Insbesondere  die  Handelsunternehmungen,     an  denen  die 


obcrscl)lesischen  Kohlengroßhändler  selbst  beteiligt  waren,  waren  für 
unsere  Kohlenversorgung  kaum  enlluiirlicli.  Unter  diesen  Vcrliällnissen 
halte  die  Monopolisierung  des  Kohlenhandels  durch  erne  gemeinwirtschaft- 
liche Anstalt  unsere  Kohlenversorgung  nm-  verschlechtern  können.  Sie 
mußte  daher  vertagt  werden. 

Der  Ausbau  der  Wasserkräfte  war  ohne  Heranziehung  ausländischen 
Kapitals  nicht  möglich.  Wir  glaubten  zuerst,  die  gesamte  Elektrizitäts- 
wirtschaft einer  gemeinwirtschaftlichen  Anstalt  übertragen  zu  können,  die 
dann  zum  Ausbau  und  Betrieb  der  einzelnen  Wasserkräfte  gemischt- 
wirtschaftliche Unternehmungen  mit  lleranziehun;?  ausländischen  Kapitals 
bilden  sollte.  Aber  alle  Verhandlungen  mit  ausländischen  Kapitalisten  be- 
wiesen, daß  das  ausländische  Kapital  selbst  einer  solchen  Sozialisierung 
argwöhnisch  gegenüberstand.  Man  glaubte  daher,  die  Sozialisierung  der 
Wasserkräfte  nicht  wagen  zu  können,  ohne  den  Ausbau  der  Wasserkräfte 
zu  gefährden. 

Alle  diese  äußeren  Hindernisse  der  Sozialisierung  waren  auf  eine  ge- 
meinsame Hauptursache  zurückzuführen.  Seit  der  Aufhebung  der  Blockade 
war  unsere  Wareneinfuhr  aus  dem  Ausland  bedeutend  gestiegen.  Aber  die 
Zerrüttung  unserer  Produktion  machte  es  unmöglich,  so  viel  auszufü^iren,  daß- 
wir  mit  dem  Erlös  unserer  Ausfuhr  die  eingeführten  Waren  hätten  bezahlen 
können.  Konnten  wir  die  Einfuhr  nicht  mit  der  Ausfuhr  unserer  Produkte, 
so  mußten  wir  sie  mit  dem  Verkauf  unserer  Produktionsmittel  bezalilen.  Es 
war  unvermeidlich,  daß  deutschöslerreichische  Aktien  und  Unternelimungenr 
an  das  Ausland  verkauft  werden;  unvermeidlich,  daß  ausländisches 
Kapital  in  unsere  Produktion  eindringt.  Das  Passivum  unserer  Zahlungs- 
bilanz mußte  durch  Kapitalsimport  gedeckt  werden.  Jede  Expropriation  des 
Privatkapitals  aber  mußte  den  für  unsere  Volkswirtschaft  unentbehrlichen 
Kapitalsiniport  gefährden.  Man  konnte  nicht  erwarten,  daß  Ausländer  unsere 
Aktien  und  Unternehmungen  kaufen,  ihr  I\apital  in  unsere  Industrie  an- 
legen, wenn  sie  befürchten. mußten,  hier  enteignet  zu  werden.  So  fand  der 
Widerstand  der  heimischen  Kapitalisten  gegen  die  Sozialisierutig  ihrer 
Produktionsmittel  eine  starke  Unterstützung  in  dem  realen  Bedürfnis  einer 
Volkswirtschaft,  die  den  Zustrom  des  ausländischen  Kapitals  nicht  ent- 
behren konnte.  Dieser  Widerstand  wurde  daher  desto  stärker,  je  deutlicher 
seit  der  Aufhebung  der  Blockade  dieses  reale  Bedürfnis  erkennbar  wurde. 

Ein  unbedingtes  Hindernis  jeder  Sozialisierung  der  Privatindustrie  war 
die  Notwendigkeit  des  Kapitalsimports  gewiß  nicht.  Hätte  die  mächtige  Be- 
wegung, die  aus  dem  Kriege  hervorgegangen  war,  auch  in  den  anderen 
Ländern  die  Sozialisierung  einzelner  Produktionszweige  durchgesetzt,  dann 
hätte  auch  die  Sozialisierung  einzelner  Produktionszweige  in  Deutsch- 
österreich den  notwendigen  Kapitalsimport  nicht  hemmen  müssen,  wenn 
sie  nur,  wie  wir  das  ja  in  Aussicht  genommen  halten,  in  rechtlichen  Formen- 
und  gegen  angemessene  Entschädigung  durchgeführt  worden  .wäre  und  sich 
auf  wenige,  im  voraus  bestimmte  Produktionszweige  beschränkt,  alle 
anderen  aber  der  freien  Bewegung  des  Marktes  überlassen  hätte.  Sobald 
aoer  die  Westmächte  die  soziale  Krise  der  Demobilisierungsmonate  über- 
wunden hatten  und  sobald  im  Deutschen  Beiche  die  Reichswehr  die 
revolutionären  Bewegungen  der  Arbeiter  niedergeworfen,  das  Proletariat  in 
die   D"fefensive   gedrängt  und   damit   die   Sozialisierung    auch   dort   von   der 

—    180    — 


Tagesordnung  abgesetzt  hatte,  sobald  sich  also  in  ganz  West-  und  Mittel- 
europa der  Kapitalismus  wieder  befestigt,  den  Ansturm  des  Sozialismus 
abgewehrt  hatte,  galt  nun  freilich  wieder  jede  Sozialisierung  eines  ein- 
zelnen Industriezweiges,  sei  es  auch  in  allen  Formen  Rechtens  und  gegen 
volle  Entschädigung  der  Eigentümer,  als  „Bolschewismus".  Nun  freilich 
konnte  der  abhängigste,  auf  den  Kapitalzufluß  aus  dem  Ausland  am 
stärksten  angewiesene  Staat  Europas  keine  Expropriation  mehr  wagen, 
wenn  er  sich  nicht  selbst  den  zur  Deckung  seiner  Lebensmittel-,  Kohlen- 
und  Rohstoffbezüge  erforderlichen  Zufluß  ausländischen  Kapitals  sperren 
wollte.  Daher  erstarkte  im  Sommer  1919  der  Widerstand  gegen  alle 
Sozialisierungsbestrebungen  überaus  schnell;  sobald  dann  die  ungarische 
Rätediktatur  zusammengebrochen  war,  war  es  offenkundig,  daß  nun  keine 
Aussicht  mehr  bestand,  die  Sozialisierung  durchzusetzen. 

In  seinen  „Klassenkämpfen  in  Frankreich"  kritisiert  Marx  die  Illusionen 
der  Pariser  Arbeiter  von  18-i8,  die  meinten,  „innerhalb  der  nationalen 
Wände  Frankreichs  eine  proletarische  Revolution  vollziehen  zu  können. 
Aber  die  französischen  Produktionsverhältnisse  sind  bedingt  durch  den 
auswärtigen  Handel  Frankreichs,  durch  seine  Stellung  auf  dem  Weltmarkt, 
und  die  Gesetze  desselben."  Aber  wenn  es  wahr  ist.  daß  selbst  den 
Produktionsverhältnissen  des  Frankreich  von  1848  der  Weltmarkt  seine 
Gesetze  aufzwang,  wie  erst  den  Produktionsverhältnissen  des  auf  ausländische 
Lebensmittel  und  ausländische  Kohle,  auf  ausländische  Kredite  und  auf  den 
Zufluß  ausländischen  Kapitals  angewiesenen  Deutschösterreich  von  1919! 
Innerhalb  der  allzu  engen  und  allzu  brüchigen  „nationalen  Wände" 
Deutschösterreichs  war  die  soziale  Revolution  gewiß  nicht  zu  vollziehen. 
Wir  hatten  auch  hier  um  die  Sozialisierung  kämpfen  müssen,  solange  auch 
nur  die  geringste  Hoffnung  bestand,  daß  die  aus  dem  Kriege  geborene 
mitteleuropäische  Revolution  über  den  Rahmen  der  bürgerlichen  Eigentums- 
ordnung hinwegschreiten,  zur  „Expropriation  der  Expropriateurs"  fort- 
schreiten werde.  Sobald  es  gewiß  waT,  daß  sich  der  Kapitalismus  nicht  nur 
in  den  Siegerländern,  sondern  auch  in  den  revolutionierten  mittel- 
europäischen Staaten  behauptet  und  befestigt  hatte,  mußten  wir  den  Kampf 
um  die  Expropriation  der  Privatindustrie  einstellen  und  unsere  Soziali- 
sierungsaktion  auf  den  Aufbau  der  Gemeinwirtschaft  auf  der  engen  Basis 
der  Überbleibsel  der  staatlichen  Kriegsindustrie  beschränken. 

Unser  Kampf  um  die  Sozialisierung  war  darum  nicht  erfolglos  ge- 
blieben. Es  ist  ein  Gesetz,  jeder  Revolution,  daß  sie  sich  Ziele^über  das  int 
Augenblick  Erreichbare  hinaus  setzen  muß,  um  auch  nur  das  Erreichbare 
durchzusetzen.  Nur  der  Generalangriff,  den  die  Arbeiterklasse  gegen  das 
kapitalistische  System  überhaupt  führte,  indem  sie  nach  der  Expropriation 
des  Kapitals  drängte,  konnte  den  Kapitalismus  so  schwer  erschüttern,  daß 
er  die  weitestgehenden  Zugeständnisse  machen  mußte,  die  innerhalb  des 
kapitalistischen  Systems  überhaupt  noch  möglich  sind.  Die  gewaltig  ge- 
stärkte Machtstellung  der  Arbeiterschaft  in  den  Betrieben,  die  Umwälzung 
des  Arbeiterrechtes  und  der  Arbeiterschutzgesetzgebung,  die  neue  demo- 
kratische Arbeitsverfassung,  die  sich  in  den  Betriebsräten  und  Personal- 
vertretungen verkörpert,  die  Ersetzung  der  bürokratischen  Betriebsver- 
waltung durch  gemeinwirtschaftliche  Anstalten,  so  tiefgreifende  Eingriffe 
in  die  Souveränität  des  Kapitals,  wie  es  die  zwangsweise  Einstellung  von. 

—    181    — 


JVrboilslosen  in  die  Betriebe  oder  wie  es  die  §§  8  ui)d  37  des  Gesetzes  über 
die  gcnieinwirljichafllichen  Unternehmungen  waren  —  das  sind  die  realen 
Ergebnisse  unseres  Kampfes  um  die  Sozialisicrung.  Das  kapitalisliselie 
System  selbst  konnten  wir  freilieli  nicht  sprengen.  In  derselben  Zeit,  in  der 
•unsere  nationale  Revolution,  auf  den  sieghaften  Im[)erialisnius  Frankreichs 
gestoßen,  mit  der  „westlichen  Orientierung"  dem  Ziel  des  Anschlusses  an 
Deutschland  entsagen  mußte,  mußte  unsere  soziale  Revolution,  dem  wieder 
befestigten  Kapitalismus  in  ganz  West-  und  ganz  Mitteleuropa  gegenüber, 
dem  Ziel  der  sofortigen  Expropriation  der  Expropriateurs  entsagen.  Es  war 
eine  bürgerlich«  Revolution,  was  sich  rings  um  Deutschüsterreicli  voll- 
zogen hatte;  im  Rahmen  der  bürgerlichen  Revolution  rings  um  uns  konnte 
sich  nicht  die  sozialistische  Revolution  in  unserem  kleinen  und  schwachen 
Lande  vollziehen.  Aber  konnte  auch  unsere  Revolution  die  Kapitals- 
lierrschaft  über  die  Produktion  nicht  brechen,  so  hat  sie  doch  in  die  kapita- 
listische Produktionsverfassung  Keimzellen  der  sozialistischen  Produktions- 
verlassung  der  Zukunft  eingefügt,  Elemente  einer  die  Selbstbestimmung  der 
Arbeiterklasse  in  ihrem  Produktionsprozefi  verwirklichenden  Produktions- 
verfassung, die,  wie  vor  allem  die  Betriebsräte  und  die  gemeinwirtschaft- 
lichen Anstalten,  die  in  ihnen  liegenden  Keime  nur  zur  l^lnlwicklung 
■iDringen  müssen,  um  die  Herrschaft  des  Kapitals  allmählich  einzudämmen 
•und  schließlich  zu  sprengen. 


§  12.  Der  Staat  und  die  Arbeiterklasse. 

Liieralur: 

Bericlile   der  Parteivertrelung  der  sozialdemokraüschen  Arbeiterpartei  Deutsch 
Österreichs  an  die  Parteitage  1919  und  1920.  —  Stärke  und  Leistungsfähigkeit  der 
•Gewerkschaften  Deutschösterreichs   im  Jahre   1919.  „Die   Gewerkschaft",  192ö. 

Über  die  Siedlungsbewegung:  Neurath,  Gildensozialismus,  Klassenkampf,  Voll- 
sozialisierung.  Anhang:  Siedlungs-,  Wohnungs-  und  Baugilde  Österreichs. 
Dresden  1922.  —  Ellenbogen,  Fortschritte  der  Gemeinwirtschaft  in  Österreich. 
Wien  1922. 

Ausführungen  des  Unterstaatssekretärs  für  Unterricht  über  den  Stand  der 
Schulreform  in  den  Sitzungen  des  Ausschusses  für  Erziehung  und  Unterricht  am 
22.  April,  23.  Juli,  22.  Oktober  1919,  12.  Februar  und  15.  Juh  1920.  —  Glöckel, 
.Schulreform  und  Volksbildung  in  der  Bepublik.  Wien  1919.  —  Burger,  Bilanz  der 
Glöckelschen  Schulreform.  „Monatshefte  für  pädagogische  Reform",  1920.  — 
Lehmann,  Deutschösterreich  bei  Aufbau  und  Abbau.  „Deutsche  Schule",  1922.  — 
j, Volkserziehung",  Zeitschrift  des  Unterrichtsamles,  Wien  1919  ff. 

Die  Revolution  hatte  den  militärischen  Herrschaftsapparat,  der  die  Ar- 
Ijeiterklasse  niedergehalten  hatte,  zerschlagen.  Die  Arbeiterklasse  war  frei 
geworden.  Keine  bewaffnete  Gewalt  hielt  das  Proletariat  nieder.  Aber  die 
Revolution  hatte  zugleich  auch  das  alte  österreichisch-ungarische 
Wirtschaftsgebiet  aufgelöst.  Sie  hatte  damit  Deutschösterreich  in  furcht- 
bares Elend,  in  drückende  Abhängigkeit  vom  Auslande  gestürzt.  Das  war 
der  zwiefache  innere  Widerspruch  der  deutschösterreichischen  Revolution: 
der  Widerspruch  zwischen  der  starken  politischen  Macht  der  Arbciler- 
-klasse   und    ihrem    furchtbaren    wirtschaftlichen    Elend;    der    Widerspruch 

—    182    —  •     ■ 


zwischen  der  Freiheit  der  Arbeiterklasse  im  Innern  und  ihrer  drüclvenden 
Abhängigl^eit  von   dem  kapitalistischen   Ausland. 

Dieser  Widerspruch  konnte  nur  gelöst  werden  durch  die  Selbst- 
beschränkung des  Proletariats;  nur  dadurch,  daß  sich  das  Proletariat  selbst, 
aus  eigener  Erkenntnis  und  eigenem  Willen,  im  Gebrauche  seiner  Freiheit, 
im  Gebrauche  seiner  Macht  die  Selbstbeschränkung  auferlegte,  die  not- 
wendig war,  wenn  es  nicht  in  einen  Konflikt  mit  dem  Ausland  geraten 
sollte,  der  die  Hungerkatastrophe,  die  Invasion,  den  Untergang  der  jungen 
Freiheit  herbeigeführt  hätte. 

Die  Eisenbahner,  die  Arbeiter  der  lebensnotwendigen  Betriebe  hätten 
dem  Staat  durch  große  Massenausstände  alles,  was  sie  nur  begehrten,  auf- 
zwingen können.  Es  gab  ja  keine  Gewalt,  sie  zur  Versehung  ihres  Dienstes 
zu  zwingen;  keine  Technische  Nothilfe,  ihre  Arbeitskraft  zu  ersetzen.  Keine 
Gewalt,  sondern  nur  eigene  Einsicht  konnte  sie  dazu  bestimmen,  ihre 
Forderungen  darauf  zu  beschränken,  was  der  arme  Staat  leisten  konnte, 
ohne  die  ganze  Volkswirtschaft  zu  zerstören. 

In  den  Kasernen  war  die  tatsächliche  Macht  nicht  in  den  Händen  der 
Offiziere,  sondern  in  den  Händen  der  Soldatenräte.  Keine  militärisctie 
Zwangsgewalt  stellte  die  Volkswehr  in  den  Dienst  der  Koalitionsregierung. 
Nur  solange  Soldatenräte  und  Volkswehrmänner  überzeugt  waren,  daß  der 
Weg  der  Koalitionsregierung  der  allein  mögliche,  der  notwendige  war, 
stellte  die  von  revolutionärem  Geist,  von  proletarischem  Klassenbewußtsein 
erfüllte  Volkswehr  ihre  Waffen  in  den  Dienst  der  Regierung. 

Arbeiter  und  Soldaten  hätten  jeden  Tag  die  Diktatur  des  Proletariats 
aufrichten  können.  Es  gab  keine  Gewalt,  sie  daran  zu  hindern.  Nur  ihre 
eigene  Einsicht,  daß  dem  roten  Terror  unter  den  gegebenen  internationalen 
Bedingungen  unvermeidlich  der  weiße  Terror  folgen  werde,  konnte  sie  vor 
dieser  Versuchung  bewahren. 

Jede  Revolution  hat  ihren  Gang  gegen  Massen  verteidigen  müssen,  die, 
von  revolutionären  Illusionen  erfüllt,  von  revolutionären  Leidenschaften 
getrieben,  über  das  unter  den  gegebenen  sozialen  Bedingungen  Mögliche, 
über  das  unter  den  gegebenen  historischen  Bedingungen  Erreichbare  und 
Behauptbare  hinauszustürmen  versuchten.  Aber  die  Koalitionsregierung 
der  deutschösterreichischen  Revolution  besaß  keine  Gewaltmittel,  von 
revolutionären  Leidenschaften  erfüllte  Massen  niederzuwerfen.  Die  deutsch- 
österreichische Revolution  mußte  in  Hungersnot  und  Invasion  untergehen, 
wenn  sich  die  revolutionären  Massen  nicht  selbst  die  Beschränkung  auf- 
erlegten, sich  mit  dem  wirtschaftlich  Möglichen,  mit  dem  unter  den  ge- 
gebenen internationalen  Machtverhältnissen  Erreichbaren  und  Behaupt- 
baren zu  begnügen. 

Das  war  das  eigentliche,  das  schwierigste  Problem  der  Revolution: 
hungernde,  verzweifelnde,  von  allen  Leidenschaften,  die  der  Krieg  und  die 
Revolution  aufgewühlt  hatten,  bewegte  Massen  nicht  mit  Gewaltmitteln 
niederzuhalten,  sondern  mit  geistigen  Mitteln  dazu  zu  bestimnien,  daß  sie 
aus  freiem,  aus  eigener  Erkenntnis  stammenden  Entschlüsse  die  Grenzen 
nicht  überschreiten,  die  das  wirtschaftliche  Elend  und  die  wirtschaftliche 
und  militärische  Ohnmacht  des  Landes  der  Revolution  setzten. 

Das  war  die  Eigenart  des  Regierens  der  Revolutionsregierung:  sie 
konnte  nicht,  wie  alle  Regierungen  vor  und  nach  ihr,  regieren  durch  Ge- 

—    183    — 


wall,  die  die  Regierten  im  Gehorsam  crliäll;  sie  homile  nur  iiiil  fjelstigen 
MiUelu  reftiei-en:  regieren  mittels  der  lu'weckun?;  der  Einsiclit  der  Massen, 
r.'.'ilels  des  Appells  an  ihr  Verständnis  der  La?:e  des  Landes,  mittels  des 
Api<'lls  an    ihr   Vcraütwtirtliehkeitssiefülil, 

Konnte  die  Hej-MerunR  nur  mit  geistigen  Mitteln  die  Massen  führen,  so 
kcmnte  sie  sie  nur  durch  die  großen  gesellschaftlichen  Organisationen 
führen.  Dies  setzte  voraus,  daß  die  Regierung  im  engsten  EinvcTnehmon 
mit  den  Organisationen  luindelte,  keine  wichtige  Regierungshandlang 
ohne  Einvornehmen  mit  ihnen  setzte.  Nur  der  Einfluß  der  Soldatenräte 
auf  die  Wehrmänner  sicherte  den  Refehlen  des  Staatssekretärs  für  Heer- 
wesen Gehorsam,  darum  konnte  der  Staatssekretär  für  Heerwesen  seine 
]h\!.Merungsgcsclfäfte  nicht  anders  führen  als  im  ständigen  Einvernehmen 
mit  den  Soldatenräten.  Nur  der  Einfluß  der  Gewerkschaften  und  der 
Pi'rsonalvertretungen  der  Eisenbahner,  der  Postler,  der  Telegraphen-  und 
Telephonangestellten  verbürgte  die  ungestörte  Aufrechterhaltung  des 
Verkehrs;  darum  konnte  der  Staatssekretär  für  Verkehrswesen  sein  Amt 
Glicht  anders  vervvalten  als  im  engsten  Einvernehmen  mit  den  Gew.erlc- 
schaften  und  Personalvertretungen.  Wenn  die  Nahrungsmittel-,-  die  Kohlen- 
2usehübe  stockten,  wenn  sich  die  Arbeiter  bald  da,  bald  dort  gegen  die 
furclitbare  wirtschaftliche  Not  auflehnten,  dann  konnte  nur  der  Arbeiterrat 
die  erregten  Massen  beruhigen;  der  Staatssekretär  für  Inneres  konnte 
■daher  seine  Amtsgeschäfte  nicht  anders  führen  als  im  engsten  Ein- 
vernehmen mit  den  Arbeiterräten.  Ebenso  konnte  das  Staatsamt  für  soziale 
Verwaltung  nur  im  engsten  Einvernehmen  mit  den  Gewerkschaften,  das 
Staalsamt  für  Volksernährung  nur  im  engsten  Einvernehmen  mit  den 
Konsumgenossenschaften  verwaltet  werden.  So  gewannen  die  Organi- 
>ationen  bestim.menden  Einfluß  auf  die  ganze  Staatsverwaltung.  Eß  war  die 
zwingende  Maxime  dieses  Regierens:  keine  Regierungshandkmg  zu 
:setzen  ohne  Einvernehmen  mit  der  Organisation  der  durch  diese  Regierungs- 
handlung unmittelbar  Betroffenen. 

Öamit  aber  veränderte  sich  auch  die  Funktion  der  Organisationen. 
Entschieden  die  Organisationen  über  alle  wichtigen  Regierungshandlungen 
mit,  so  mußten  sje  diese  Regierungshandlungen  vor  der  Masse  verant- 
worten. Setzten  die  Organisationen  in  täglichen  Verhandlungen  mit  der 
Regierung  durch,  was  möglich,  was  erreiclibar  war,  so  lag  es  ihnen  ob,  in 
•den  Massen  Forderungen  nach  Unmöglichem,  Unerreichbarem  abzuwehren. 
War  einerseits  die  Regierung  zum  Vollzugsorgan  des  Willens  der  Organi- 
sationen geworden,  so  mußten  anderseits  die  Organisationen  zu  den 
Organen  werden,  durch  die  die  Regierung  die  Massen  beherrschte.  So  waren 
-die  Sozialdemokratie  und  die  Gewerkschaften,  die  Soldatenräte  und  die 
Arbeiterräte  Teilhaber  an  der  Regierungs'gewalt  und  Organe  der  Regierungs- 
gewalt zugleich. 

Die  Struktur  der  Sozialdemokratie  und  der  Gewerkschaften  hatte  sich 
vollständig  verändert.  Die  Revolution  führte  ihnen  neue  Massen  zu.  Die 
Sozialdemokratie  hatte  im  .Jahre  1913  in  den  deutschen  Gebieten  Inner- 
■östcrrcichs  91  900  Mitglieder.  Im  Jahre  1919  waren  es  332.391.  Die  Gewerk- 
schaften hatten  in  demselben  Gebiet  im  .lahre  1913  253.137  Mitglieder,  im 
Jahre   1919    772.146.     Zwei   Drittel    der  Partei-    und    der   GewerkschaTts- 

—    184    — 


mitgliedschaft  waren  ncii gewonnene,  erst  nach  der  Oktoberrevolution  zu- 
den  alten  Kaders  gestoßene  Genossen.  Die  Gleichgültigen,  die  vor  dem 
Kriege  an  der  Arbeiterbewegung  keinen  Anteil  genommen;  die  Unter- 
würfigen, die  der  Fabriksfeudalismus  vor  dem  Kriege  in  die  gelben  Gewerk- 
schaften hineingezwungen  hatte;  die  Angestellten,  die  sich  vor  dem  Kriege 
von  den  Arbeitern  abgesondert  hielten  —  sie  alle  waren  nun  der  Partei  und 
den  Gewerkschaften  zugeströmt.  Politisch ,  und  gewerkschaftlich  un- 
erfahrene  und   ungeschulte    Massen   füllten   die   Organisationen. 

Mit  der  Struktur  hatte  sich  aber  auch  die  Funktion  der  Partei  und  der 
Gewerkschaften  verändert.  Vor  dem  Kriege  und  während  des  Krieges  war 
CS  unsere  wichtigste  Aufgabe,  die  Massen  zu  revolutionieren:  die  Unter- 
w^ürfigen  aus  dem  ererbten  Untertanenglauben  an  die  Obrigkeit  im  Staat 
und  in  der  Fabrik  herauszureißen,  die  Kleinmütigen  zu  der  Erkenntnis 
der  Kraft,  die  die  Organisation  der  Masse  verleiht,  zu  führen,  in  den 
Zaghaften  Kampfeswillen,  Mut  und  Opferwilligkeit  zu  wecken.  In  der 
Revolution  und  nach  der  Revolution  fiel  uns  eine  ganz  andere,  eine 
geradezu  entgegengesetzte  Aufgabe  zu.  Nun  galt  es,  die  Massen,  die  der 
Zusammenbruch  des  alten  Herrschaftsapparats  mit  überschwenglichem 
Kraftbewußtsein  erfüllt  hatte,  besonnenen  Gebrauch  ihrer  Kraft  zu  lehren. 
Nun  galt  es,  zu  verhüten,  daß  die  neuerrungene  Freiheit  der  durch 
vierjährigen  Krieg  verrohten  Massen  zu  zügelloser  Gewalttätigkeit 
entarte;  daß  die  furchtbare  Not  der  Massen  sie  zu  blindem,  selbst- 
mörderischem Darauf  losschlagen  verführe;  daß  die  durch  die  Revolution 
hervorgerufenen  Rlusionen  die  Massen  zu  Taten,  die  sie  selbst  zum  Unter- 
gang geführt  hätten,  verleiten.  Wir  mußten  vor  der  Revolution  „Hetzer",, 
wir  mußten  in  der  und  nach  der  Revolution  ,, Bremser"  sein.  Die  neue 
Aufgabe  war  leicht,  wo  wir  unseren  alten,  gut  geschulten,  disziplinierten,, 
in  jahrzehntelangen  Kämpfen  mit  Vertrauen  zur  Führerschaft  erfüllten 
Kaders  gegenüberstanden ;  sje  wurde  ungleich  schwerer,  w^o  wir  den 
neugewonnenen  Massen  gegenübertreten  mußten,  denen  noch  jede  politische 
und  gewerkschaftliche   Schulung  fehlte. 

Das  nun  war  ^  der  Mechanismus  des  Regierens:  Alle  wichtigen 
Regierungshandlungen  wurden  von  den  sozialdemokratischen  Mitgliedern 
der  Regierung  mit  den  Leitern  der  großen  proletarischen  Organisationen,, 
mit  den  führenden  Organen  der  Partei  und  der  Gewerkschaften,  der 
Arbeiter-  und  der  Soldatenräte  vereinbart.  Den  sozialdemokratischen 
Regierungsmitgliedern  fiel  dann  die  Aufgabe  zu,  das  Vereinbarte  im  Schöße 
der  Koalitionsregierung  und  in  der  Nationalversammlung  durchzusetzen. 
Die  Leiter  der  proletarischen  Organisationen  aber  mußten  für  den 
Regierungskurs,  den  sie  mit  den  Regierungsmitgliedern  vereinbart  hatten,, 
das  Einverständnis  der  Masse  gewinnen,  die  Masse  selbst  zum  Verzicht 
auf  die  über  das  Vereinbarte  hinaus  drängenden  Forderungen  bewegen. 
Die  Leiter  der  proletarischen  Organisationen  mußten  zuerst  Verständnis 
und  Zustimmung  der  Vertrauensmänner  gewinnen:  der  Partei-  und  der 
Gewerkschaftsvertrauensmänner,  der  Arbeiter-  und  der  Soldatenräte.  Und 
diese  Vertrauensmänner  erst  hatten  dann  die  schwierigste  und  die  wichtigste 
Arbeit  zu  leisten:  in  Betriebs-  und  Kasernenversammlungen  vor  der  Masse 
selbst  die  Politik  der  Organisationen  durchzusetzen.  Da  stand  vor  der  wild 
erregten  Masse  ein  Parieivcrtrauensmann,  ein  Betriebsrat,  ein  Soldatenrat 

—    185    — 


nuf  dor  Rednertribüne.  Die  Masse  war  im 7:11  frieden.  Die  Masse  fordorte 
mehr,  als  dor  Verlrnuensniann  bringen  konnte.  Die  Masse  schrie  nach 
srewallsainer  l\ntscheidung.  Der  Vertrauensmann  sprach  von  der  wirtschaft- 
lichen Not  der  Republik,  von  ihrer  Abhängigkeit  vom.  Ausland,  von  den 
Gefahren  des  Kftnflikts  mit  den  überni<ächtigen  ausländischen  Kapitals- 
inächten.  Hunger,  Verzweiflung,  Leidenschaft  im  -Saal;  Einsicht  in  das 
wirtschaftlicli  Mögliche,  Erkenntnis  der  internationalen  Bedingtheit  der 
Revolution.  Mahnung  zur  Besonnenheit  und  Verantwortlichkeitsgefühl  auf 
der  Rednertribüne.  Es  war  ein  schwerer  Kampf;  ein  Kampf,  der  an  die 
Vertrauensmänner  nicht  nur  die  höchsten  intellektuellen,  sondern  vor 
allem  die  höchsten  moralischen  Anforderungen  stellte:  die  Fähigkeit,  sich 
um  der  großen  Sache  willen  den  eigenen  Genossen  furchtlos  entgegen- 
zustellen, Beschimpfungen,  Anklagen,  zuweilen  selbst  Bedrohungen,  ja 
Mißhandlungen  durch  die  erregten  Menschen  zu  ertragen  und  doch 
unerschüttert,  in  zähem  Kampfe  gegen  Verzweiflung  urvd  Erregung 
das  als  notwendig  Erkannte  schließlich  durchzusetzen.  Friedrich  Adler, 
dem  seine  revolutionäre  Tat  höchste  Popularität  geworben,  hat  in  solcher 
Stunde  gesagt:  ,,Die  Popularität  ist  ein  Kapital,  das  nur  dazu  verwendet 
werden  darf,  konsumiert  zu  werden."  Nach  dieser  höchsten  moralischen 
Maxime  haben  nicht  nur  die  paar  Dutzend  Partei-  und  Gewerkschafts- 
beamten, nein,  nach  ihr  haben  viele  Tausende  schlichter  Vertrauensmänner, 
Betriebsräte,   Arbeiter-  und  Soldatenrätc   gehandelt. 

In  solchen  Betriebs-  und  Kasernenversammlungen  ist  die  große  Ver- 
-suchung  des  Bolschewismus  abgewehrt  worden.  In  solchen  Betriebs- 
versammlungen ist  allmählich  die  Wiederherstellung  der  aufgelösten 
Arbeitsdisziplin  durchgesetzt  worden.  In  solchen  Betriebsversammlungen 
wurden  wilde  Streiks  beigelegt,  wurden,  wenn  Hunger  und  Erregung  die 
Masse  zu  Gewalttaten  und  Ausschreitungen  verleitet  hatte,  Disziplin  und 
Ordnung  wiederhergestellt.  Die  Geschichte  der  Betriebs-  und  Kasernen- 
versammlungen —  sie  ist  die  innere,  geistige  Geschichte  der  deutsch- 
österreichischen Revolution;  der  Bourgeoisie  gegenüber,  die  diesen  großen 
Prozeß  der  geis'igen  Selbstbeherrschung,  Selbstüberwindung  der  Arbeiter- 
Idasse   kaum  bemerkt,   gewi-ß   nie   verstanden    hat,   ihre   Geheimgeschichte. 

In  der  amerikanischen  Unabhängigkeitserklärung  von  1776  ist  die  Demo- 
kratie definiert  worden  als  das  System  des  Regierens  im  Einvernehmen  mit 
■den  Regierten.  Nie  und  nirgends  ist  die  Demokratie  in  diesem  Sinne  voll- 
kommener verwirklicht  worden  als  in  dieser  ersten  Phase  der  deutsch- 
österreichischen  Revolution.  Denn  ihre  Regierung,  alle  Gewaltmittel  gegen 
die  Regierten  entbehrend,  konnte  gar  nicht  anders  regieren,  als  indem  sie 
sich  täglich  und  stündlich  das  Einvernehmen  mit  den  Regierten  mühevoll 
erarbeitete.  Es  war  die  Schwäche  der  aus  der  Revolution  hervorgegangenen 
Staatsgewalt,  die  ihr  diese  Regierungsmethoden  aufzwang.  Sie  mußte  mit 
diesen  Methoden  zu  regieren  versuchen  unter  den  denkbar  ungünstigsten 
Bedingungen:  in  einer  Zeit  außerordentlich  schwerer  Massennot,  in  einer 
Zeit  außerordentlich  großer  Massenerregung,  in  einer  Zeit,  in  der  ein  großer 
Teil  der  Massen  durch  vierjährigen  Krieg  demoralisiert  war.  Der  Versucli 
konnte  nur  um  den  Preis  manches  schweren  Opfers,  auch  manches  Opfers 
Kies  Intellekts,  gelingen.  Aber  er  ist  gelungen.  Daß  er  gelungen  ist,  ist  das 
^menschlich  Größte  an  der  Geschichte  der  deutschösterreichischen  Revolution. 

—    186    — 


Es  ist  wichtig,  den  Inhalt  und  Sinn  der  Regierungsmethoden,  durch- 
die  dies  gelungen  ist,  noch  näher  zu  bestimmen. 

Die  parlamentarische  Demokratie  sucht  die  Übereinstimmung  zwischen 
den  Regierenden  und  den  Regierten  zu  sichern  durch  das  Mittel  der  WahL 
Sie  glaubt,  diese  Übereinstimmung  sei  gesichert,  wenn  nur  die  Volksgesamt- 
heit in  jedem  dritten  oder  vierten  Jahr  zur  Wahl  des  Parlaments  berufen 
wird,  das  die  Zusammensetzung  der  Regierung  bestimmt  und  die  Tätigkeit  der 
Regierung  kontrolliert.  Die  Arbeiterklasse  hat  es  überall  erfahren,  daß  dieser 
Glaube  eine  Illusion  ist;  daß  die  Macht  der  Bourgeoisie  über  die  Presse,  über 
die  Kanzel,  über  den  VVahlapparat  es  ihr  ermöglicht,  den  Ausgang  der  Wahlen. 
so  zu  bestimmen,  daß  die  aus  allgemeinen  Volkswahlen  hervorgehende 
Regierung  zur  Klassenregierung  der  Bourgeoisie,  zur  Regierung  einer 
Minderheit  des  Volkes  wird.  Darum  zieht  sich  durch  die  ganze  revolutionäre 
Bewegung,  die  der  große  Krieg  hervorgerufen  hat,  überall  der  Kampf  der- 
Arbeiterklasse  gegen  die  bloß  parlamentarische  Demokratie.  Aus  diesem 
Kampf  geht  die  russische  Idee  des  Sowjetstaates  ebenso  hervor  wie  die- 
britische  Idee  des  Gildenstaates.  So  grundverschieden  beide  Ideen  sind,  in 
beiden  sucht  das  Proletariat  nach  einem  Mittel,  die  Übereinstimmung 
zwischen  den  Regierenden  und  den  Regierten  vollkommener  zu  sichern,, 
als  sie  durch  die  bloß  parlamentarische  Demokratie  gesichert  werden  kann. 

In  der  modernen  kapitalistischen  Gesellschaft  hat  sich  neben  der  poli- 
tischen Demokratie,  die  in  der  demokratischen  Organisation  des  Staates 
und  der  Gemeinden  verkörpert  ist,  die  industrielle  Demokratie  entwickelt,, 
die  in  den  großen  demokratisch  organisierten  Gevv^erkschaften  und 
Konsumvereinen  der  Arbeiter,  in  den  Berufsorganisationen  der  Angestellten 
und  Beamten,  in  den  Genossenschaften  der  Bauern  lebt.  Die  politische 
Demokratie  kennt  nur  den  Staatsbürger  schlechthin;  sie  sieht  von  der 
wirtschaftlichen  Stellung,  von  dem  Beruf,  von  der  gesellschaftlichen 
Funktion  des  Staatsbürgers  ab,  sie  beruft  alle  Staatsbürger  ohije  Unter- 
schied zur  Wahlurne,  sie  gliedert  sie  nicht  anders  als  in  territorial  ab- 
gegrenzte Wahlbezirke.  Die  industrielle  Demokratie  dagegen  gliedert  die 
Menschen  nach  ihren  Berufen,  nach  ihren  Arbeitsstätten,  nach  ihrer  Funk- 
tion in  der  Volkswirtschaft;  nach  ihrer  .gesellschaftlichen  Funktion  faßt 
sie  sie  zu  Betriebs-,  Berufs-,  Industrieorganisationen  zusammen.  Im  Kampfe 
gegen  die  bloß  parlamentarische  Demokratie  hat  nun  die  Arbeiterklasse 
überall,  wenngleich  in  sehr  verschiedenen  Formen,  der  politischen  Demo- 
kratie, die  die  Staatsbürger  ohne  Unterschied  zur  Bildung  des  Staats- 
willens beruft,  den  Gedanken  der  funktionellen  Demokratie  entgegen- 
gestellt, das  heißt  die  Forderung,  daß  die  Regierung  kontrolliert  werde 
durch  die  nach  Beruf  oder  Arbeitsstätte,  also  nach  ihrer  gesellschaftlichen 
und  volkswirtschaftlichen  Funktion  zusammengefaßten  und  gegliederten 
Staatsbürger.  Fordert  die  politische  Demokratie,  daß  die  Regierung  im  Ein- 
vernehmen mit  dem  Parlament,  das  alle  paar  Jahre  einmal  von  der  Volks- 
gesamtheit gewählt  wird,  regiere,  so  fordert  die  funktionelle  Demokratie, 
daß  die  Regierung  in  jedem  einzelnen  Zweige  ihrer  Wirksamkeit  im  stän- 
digen Einvernehmen  mit  der  organisierten  Gesamtheit  der  nach  ihrem  Beruf 
oder  ihrer  Betriebsstätte,  nach  ihrer  gesellschaftlichen  und  wirtschaftlichen 
Funktion  von  diesem  Zweige  des  Regierens  unmittelbar  betroffenen  Staats- 
bürger bleibe.  Eine  Kombination  der  politischen  und  der  funktionellen  Demo- 

—     187     — 


kralle  —  das  war  das  "Wesen  der  Rcj2;ierungspraxl?,  die  der  T^opicnirc:  der 
Republik  durch  die  aus  der  Revolution  hervorgejrangonen  IVIachtvcrhäll- 
nisse  aufgezwungen  wurde. 

Die  Bourgeoisie  sah  in  dem  starken  Einschlag  funlctioneller  Demokratie 
in  der  Praxis  dos  Regicrens  nichts  als  das  Walten  illegaler  „Neben- 
regierungen", nichts  als  „schleichenden  Bolschewismus".  In  Wirklichkeit 
war  es  nicht  nur  eine  Vertiefung  des  demokratischen  Gedankens  der  Re- 
gierung im  Einvernehmen  mit  den  Regierten,  war  es  nicht  nur  die  legale 
Form  der  Machlübung  und  Machterweiterung  der  Arbeiterklasse,  war  es 
jücht  nur  die  Rettung  des  Landes  vor  der  Gefahr  blutiger  Katastrophe.  Es  war 
mehr.  Es  war  das  gewalligste  Mittel  der  Selbslerziehung  der  Massen.  Es 
war  das  Mittel  zu  völliger  Umwälzung  des  Verhältnisses  der  Massen  zum 
.Staat.  Es  war  das  Mittel  zur  Weckung  der  Initiative,  der  fruchtbarsten 
Selbstbetätigung  der  Massen. 

Zunächst  hat  das  ständige  Ringen  in  den  Versammlungen  der  Partei- 
und  Gewerkschaftsvertrauensmänner,  in  den  Arbeiter-  und  Soldatenräten, 
in  den  Betriebs-  und  Kasernenversammlungen,  in  denen  das  Einvernehmen 
der  Regierung  mit  den  Regierten  Tag  für  Tag  in  harten  Kämpfen  erarbeitet 
werden  mußte,  den  Gesichtskreis  der  Arbeitermassen  bedeutend  erweitert.  In 
diesen  leidenschaftserfüUten  Diskussionen  mußte  es  die  Masse  allmählich 
■erlernen,  Geldentwertung  und  Teuerung  aus  wirtschaftlichen  Gesetzen  zu 
begreifen,  die  Abhängigkeit  der  Lebensmittelversorgung  und  des  Arbeits- 
marktes von  internationalen  Beziehungen  zu  verstehen,  die  Umwälzung 
im  eigenen  Lande  im  Rahmen  der  internationalen  Entwicklung  zu  sehen. 
Aber  die  Betriebs-  und  Kasernenversammlung  mußte  nicht  nur  den  in- 
tellektuellen Gesichtskreis  der  Massen  erweitern,  sondern  auch  moralische 
Kräfte  in  ihnen  wirksam  machen;  sie  mußte  die  Massen  dazu  führen, 
ihre  Leidenschaften  nüchterner  Erkenntnis  unterzuordnen,  ihre  Macht  mit 
Besonnenheit,  ihre  Freiheit  mit  Verantwortungsbewußtsein  zu  gebrauchen. 
Denn  nur  auf  diese  Weise  war  es  möglich,  das  Volk  durch  die  Zeit  der 
schwersten  wirtschaftlichen  Not  und  der  schwerstem  äußeren  Gefahren, 
ohne  Gewaltanwendung,  ohne  Blutvergießen  hindurchzuführen. 

Damit  aber  veränderte  sich  das  ganze  Verhältnis  der  Massen  zum  Staat. 
Die  Massen  sahen,  daß  ihre  Organisationen  die  Staatsregierung  be- 
herrschten. Die  Massen  sahen,  daß  sich,  die  Staatsregierung  durch  die 
proletarischen  Organisationen  in  ständigem  engem  Einvernehmen  mit  den 
Massen  selbst  halten  mußte.  Die  Massen  sahen,  daß  sie  selbst  durch  ihre 
Vertrauensmänner  den  Kurs  der  Regierung  bestimmen  konnten.  Die  Massen 
sahen,  daß  die  Staatsregierung  die  Arbeiterklasse  nicht  mit  Mitteln  der 
Gewalt  beherrschen,  sondern  nur  im  Einvernehmen  mit  der  Arbeiterklasse 
den  Staat  führen  konnte.  Die  Republik  —  das  vi^ar  den  Massen  nicht  bloß 
■eine  Staatsverfassung,  in  der  es  keinen  Kaiser  mehr  gibt;  sondern  eine 
•Staatsordnung,  die  die  Staatsregierung  unter  den  wirksamen  Einfluß  der 
proletarischen  Organisationen  stellt.  Die  Demdiratie  —  sie  war  den 
Massen  nicht  mehr  bloß  die  Regierung  durch  Erwählte  des  allgemeinen 
Wahlrechtes,  sondern  die  Regierungsmethode,  die  sich  für  jeden  einzelnen 
Hegierungsakt  die  Zustimmung  der  von  ihm  betroffenen  Massen  selbst 
erwerben,  erarbeiten  mußte.  Die  Republik  hatte  den  Massen  zunächst  nur 
Hungerrationen,  nur  Arbeitslosigkeit,  nur  Not  und  Elend  bringen  können, 

—    188    — 


sie  hatte  so  manche  der  überschwenglichen  Hoffnungen  ihrer  Anhänger 
entläUichen  müssen.  Aber  sie  hatte  den  Massen  die  Freiheit  gebracht: 
nicht  die  Freiheit  der  Zügellosiglceit,  aber  die  Freiheit,  die  darin  bestand, 
daß  dem  Handeln  des  Proletariats  seine  Schranke  nicht  mehr  gesetzt 
war  durch  eine  Gewalt,  die  ihm  entgegenzutreten  vermocht  hätte,  sondern 
nur  noch  gesetzt  war  durch  seine  eigene  Einsicht,  dufch  sein  eigenes  Ver- 
antwortlichkeitsgefühl, durch  den  von  der  eigenen  Vernunft  geleiteten 
Willen,  zu  dem  es  sich  in  seinen  bewegten  Vertrauensmänner-  und  Be- 
triebs- und  Kasernenversammlungen  durchrang.  Diese  Erfahrung  war  es, 
die  die  Arbeiterklasse  mit  republikanischem  Patriotismus  erfüllte;  die  sie 
befähigte,  ohne  Auflehnung  schwere  Not  zu  leiden  und  schwere  Opfer  zu 
bringen,  die  eigenen  Leidenschaften  zu  zügeln  um  der  Erhaltung  und  Be- 
festigung der  Republik  willen. 

Endlich  aber  wurde  der  ständige  innere  Kampf  in  den  Vertrauens- 
männer- und  Betriebs-  und  Kasernenversammlungen  zur  Triebkraft 
stärkster  geistiger  Bewegung^ in  den  Massen.  Der  Zusammenbruch  des 
Kaisertums  hatte  alle  Autoritäten  im  Staat  und  in  der  Gesellschaft  er- 
schüttert. War  die  älteste  und  mächtigste  von  allen  Autoritäten  gefallen, 
so  sah  jeder  Vorstand  in  seinem  Büro,  jeder  Betriebsleiter  in  seiner  Fabrik, 
ja,  selbst  jede  Hausfrau  in  ihrer  Küche  ihre  Autorität  erschüttert.  Die 
Damen  der  Bourgeoisie  erzählten  entrüstet,  die  Herren  spottend  die  Ge- 
schichte von  der  Köchin,  die  ihrer  Hausfrau  zugerufen:  „Ich  lasse  mir 
von  Ihnen  nicht  vorschreiben,  wie  ich  kochen  soll.  Denn  jetzt  leben  wir 
in  der  Republik  und  ich  kann  besser  kochen  als  Sie."  Es  war  zum  Spott 
kein  Grund.  Denn  die  Erschütterung  des  Untertanenglaubcns  an  die  über- 
lieferten Autoritäten,  das  Erwachen  so  lang  in  Unterwürfigkeit  gehaltener 
Seelen  zum  Bewutßsein  des  eigenen  Wertes  waren  Triebkräfte  stärkster 
geistiger  Entwicklung.  In  den  Massenversammlungen,  in  denen  die  wich- 
tigsten, folgenschwersten  Entscheidungen  des  staatlichen  Lebens  der  Be- 
ratung und  dem  Beschluß  der  Massen  unterworfen  waren,  wurde  das  er- 
wachte Selbstbewußtsein  der  Massen  gewaltig  gestärkt.  Die  geweckte 
■geistige  Regsamkeit  der  Massen  drängte  nach  Betätigung.  Und  die  Republik 
erschloß  dem  Betätigungsdrang  der  Massen  viele  neue  Arbeitsfelder. 

In  den  ersten  Monaten  nach  der  Oktoberrevolution  fand  der  Be- 
tätigungsdrang der  Massen  seine  Befriedigung  in  der  wirtschaftlichen 
Aktion  der  Arbeiterräte.  Aber  diese  Aktion,  von  elementarer  Massenbe- 
wegung getragen,  sehr  oft  dilettantisch  in  der  Wahl  ihrer  Mittel,  von  dem 
Wahn,  mit  bloßer  Gewalt  die  Gesetze  der  Volkswirtschaft  unwirksam 
machen  zu  können,  erfüllt,  konnte  die  Masse  nicht  lang  befriedigen.  Sehr 
bald  erkannten  die  Arbeiter,  daß  die  Jagd  auf  kleine  Hamsterer,  die  im 
Rucksack  ein  paar  Kilogramm  Kartoffeln  nach  Hause  trugen,  das  Elend 
nicht  lindern,  die  Absperrung  der  Bezirke  gegeneinander  das  Elend  nur 
verschärfen  konnte.  Allmählich  verlor  diese  Aktion  der  Arbeiterräte  an 
Bedeutung.  Desto  höher  stieg  im  P>ühjahr  1919,  in  der  Zeit  des  Abwehr- 
kampfes gegen  den  ungarischen  Bolschewismus  die  politische  Bedeutung 
der  Arbeiterräte.'  Sie  verwandelten  sich  allmähhch  aus  Organen  revo- 
lutionären Eingriffs  in  die  Wirtschaftsverwaltung  in  Organe  des  politischen 
Klassenkampfes.  In  derselben  Zeit  aber  entstanden  die  Betriebsräte.  In 
ihnen    fand  nun  der  Drang    der  Massen    nach    unmittelbarer    sozialer    und 

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wirlschafUicher  Betätigung  reiche,  zweckmäßigere  Befriedigung.  Viele 
tausende  Arbeiter  leisteten  in  den  Betriebsräten  fruchtbare  soziale  und 
wirtschaftliche  Arbeit  für  die  Arbeiterschaft  ihrer  Betriebe;  und  da  sie  sie 
in  engster  Verbindung  mit  der  Arbeiterschaft  ihres  Betriebes,  unter  der 
täglichen  Kontrolle  der  Betriebsversammlung  leisten  mußten,  war  so  die 
ganze  Masse  der  Arbeiter  ständig  mit  den  PrnbliMncn  dieser  sozialen  und 
wirtschaftlichen  Arbeit  beschäftigt. 

Neben  der  Rätebewegung  erschloß  die  Demokratisierung  der  Verwaltung 
dem  Drang  der  Massen  nach  Selbstbetätigung  neue  Arbeitsgebiete.  Die 
Revolution  hob  das  Privilegienwahlrecht,  aus  dem,  die  Gemeindever- 
tretungen hervorgegangen  waren,  auf.  Das  allgemeine  Wahlrecht  wälzte 
die  Zusammensetzung  der  Gemeindevertretungen  um.  In  236  Gemeinden 
eroberte  die  Soziafdemokratie  die  Mehrheit  in  der  Gemeindevertretung, 
in  103  Gemeinden  die  Hälfte  der  Gemeinderatssitze,  in  1050  Gemeinden 
wurden  Sozialdemokraten  in  die  Gemeindevertretung  gewählt.  Hunderte 
Schlosser  und  Tischler,  Eisenbahnschaffner  und  Forstarbeiter,  Industrie- 
angestellte und  Volksschullehrer  übernahmen  nun  die  Ämter  von  Bürger- 
meistern und  'Gemeindevorstehern,  die  bisher  von  HausbesitzeYn,  Rechts- 
anwälten, Kaufleuten  versehen  worden  waren.  Es  war  eine  Revolution,  was 
sich  da  in  den  Gemeindestuben  der  Städte  und  Industriedörfer  vollzog: 
die  Klasse,  die  die  Gemeinden  bisher  beherrscht  hatte,  wurde  entthront 
imd  eine  neue  Klasse  übernahm  die  Herrschaft.  Die  Arbeiterschaft  mußte 
die  Verwaltung  der  Gemeinden  unter  den  schwierigsten  Bedingungen 
übernehmen;  denn  Krieg  und  Geldentwertung  hatten  die  Gemeindefinanzen 
zerrüttet.  Die  Arbeiter  mußten  die  Gemeindeverwaltung  übernehmen,  ohne 
je  Gelegenheit  gehabt  zu  haben,  die  Führung  der  Verwaltungsgeschäfte  zu 
erlernen;  denn  das  Privilegienwahlrecht  hatte  die  Arbeiter  von  den  Ge- 
meindestuben ferngehalten.  Es  ist  daher  nicht  ersiaunlich,  daß  in  den  An- 
fängen so  manche  Fehler  in  der  Auswahl  der  leitenden  Personen  und  in 
der  Führung  der  Geschäfte  begangen  wurden.  Aber  ein  gewaltiges  Gebiet  der 
Schulung,  der  Selbsterziehung  der  Arbeiterklasse  war  mit  der  Eroberung 
der  Gemeinden  errungen;  die  Schulung  einer  neuen,  aufsteigenden  Klasse 
zur  Herrschaftsübung  ist  mit  einzelnen  Mißgriffen  nicht  zu  teuer  bezahlt. 
Zum  erstenmal  hatten  tausende  Arbeiter  die  Möglichkeit,  die  Führung 
öffentlicher  Vexwaltungsgeschäfte  zu  erlernen.  Und  da  sie  ihre  Geschäfte 
unter  der  ständigen  Kontrolle  der  lokalen  Parteiorganisationen  führen 
mußten,  wurden  die  Sorgen  der  Gemeindeverwaltung  zu  Sorgen  der  ge- 
samten organisierten  Arbeiterschaft;  nicht  nur  die  auserlesenen  Funk- 
tionäre, sondern  die  ganze  Masse  der  tätigen  Genossen  wurde  mit  den 
Problemen  der  öffentlichen  Lokalverwaltung  beschäftigt,  mit  ihnen  ver- 
traut. So  erweiterte  auch  dieser  neue  Belätigungskreis  das  Gesichiefeld  der 
Masse»,  auch  er  vertiefte  ihren  Einblick  in  die  Bedingungen  und  in  die 
Verantwortlichkeit  öffentlicher  Verwaltung. 

Die  Basis  dieser  ganzen  eifrigen  Selbstbetätigung  der  Massen  vvar  der 
Achtstundentag.  Er  gab  zchntausenden  Arbeitern  die  Muße,  die  ihnen  .erst 
die  Betätigung  in  Gemeinde-  und  Bezirksvertretungen,  in  Ortsschulräten 
und  Fürsorgeräten,  in  Gemeinde-  und  Bezirkswirtschaftsämtern,  in  den 
Aufbringungskommissionen,  in  den  Wohnungsanforderungs-  und 
Wohnungszuweisungskommissionen    ermöglichte.    Der   Achtstundentag   war 

__    190    — 


aber  zugleich  auch  die  Basis  zu  anderen  Formen  der  Selbstbetätigung  der 
Masse.  Die  Masse  versuchte  es,  die  errungenen  Mußestunden  auszunützen, 
um  unmittelbar  die  wirtschaftliche  Not  zu  bekämpfen.  Schon  während  des 
Krieges  war  eine  ^Kleingartenbewegung  entstanden:  die  Arbeiter  begannen 
den  Boden  rings  um  die  Städte  und  Industrieorte  urbar  zu  machen,  auf 
ihm  Gemüse  zu  bauen  und  Kleintiere  zu  züchten.  Der  Achtstundentag  gab 
dieser  Bewegung  neuen  Anstoß;  Tausende  benützten  die  eroberten  Muße- 
stunden zur  Arbeit  im  Schrebergarten.  So  wurde  Wien  allmählich  von 
60.000  Kleingärten  umgürtet.  Die  Wohnungsnot  drängte  weiter:  die  Klein- 
gärtner begannen  in  ihren  Gärten  auch  Wohnhütten  zu  bauen.  Aus  solchen 
vereinzelten  Versuchen  ging  schließlich  die  Siedlerbewegung  hervor. 
Siedlergenossenschaften  entstanden,  die  die  hohen  Kosten  des  Wohnungs- 
baus dadurch  zu  verkleinern  unternahmen,  daß  die  Siedler  selbst  die 
Verpflichtung  übernahmen,  ihre  durch  den  Achtstundenta;;  freigesetzte 
Arbeitszeit  zur  Mitarbeit  am  Bau  auszunützen.  Allmählich  wuchs  so  aus 
der  Initiative  der  Massen  selbst  ein  ganzes  System  gemeinnütziger  Bau- 
tätigkeit hervor.  Die  Siedlergenossenschaften  bauen  Häusergruppen  von 
Einfamilienhäusern.  Die  Bauarbeit  wird  teils  von  den  Siedlern  selbst  neben 
ihrer  Berufsarbeit  geleistet,  teils  vom  ,, Grundstein",  der  vom  Bauarbeiter- 
verband gegründeten  Produktivgenossenschaft  der  Bauarbeiter.  Das  Bau- 
büro der  „Siedlungs-,  Wohnungs-  und  Baugilde",  in  der  sich  die  Siedler- 
Genossenschaften  mit  den  Bauarbeitern  vereinigten,  stellt  die  Baupläne 
bei  und  leitet  den  Bau.  Die  vom  Staat,  der  Gemeinde  Wien  und  dem  Haupt- 
verband der  Siedlungsgenossenschaften  begründete  „Geraeinwirtschaftliche 
Siedlungs-  und  Baustoffanstalt"  liefert  die  Baustoffe.  Staat  und  Gemeinde 
decken  den  verlorenen  Bauaufwand.  Diese  ganze  Bewegung  ist  in  vieler 
Hinsicht  bemerkenswert.  Ihr  Ursprung  aus  der  Initiative  der  Massen  selbst 
zeigt  die  Schöpferkraft  des  durch  die  Revolution  geweckten  Betätigungs- 
drangs der  Masse.  Ihr  Aufbau  zeigt  die  Verknüpfung  mannigfacher 
Formen  genossenschaftlicher  und  gewerkschaftlicher  Organisation.  Ihre 
Basierung  auf  der  Arbeitskraft  der  Siedler  selbst  zeigt,  wie  der  Acht- 
stundentag in  der  Fabrik  keineswegs  die  Arbeit  auf  acht  Stunden  be- 
schränken muß.  Der  Arbeiter  weigert  sich,  dem  Kapital  mehr  ^  als  acht 
Stunden  zu  fronen;  aber  er  nimmt  es  auf  sich,  nach  der  achtstündigen 
Arbeit  im  Dienste  des  Kapitals  noch  einige  Arbeitsstunden  für  sich  selbst 
im  eigenen  Kleingarten  oder  am  eigenen  Siedlungsbau  zu  arbeiten.  Der 
Organismus  des  Arbeiters  erträgt  nicht  mehr  als  achtstündige  Arbeit  im 
ewigen  Einerlei  des  Fabriksaales;  aber  er  verweigert  nach  den  acht 
Stunden  nicht  eine  andere  Arbeit,  die  unter  anderen  Bedingungen  geleistet 
wird,  andere  Muskeln  und  andere  Nerven  beansprucht. 

Aber  nicht  nur  die  wirtschaftliche  Not  der  Zeit  gab  der  Initiative  der 
Massen  Inhalt  und  Ziel.  Die  geistige  Bewegung,  die  durch  die  Massen  ging, 
mußte  sich  auch  geistige  Ziele  setzen.  Es  war  vor  allem  das  große  Unter- 
nehmen der  Schulreform,  das  dem  Betätigungsdrang  der  Massen  höhere, 
geistige  Ziele  setzte. 

Nach  den  Februarwahlen  hatte  Otto  Glöckel  die  Leitung  des  Staats- 
amtes für  Unterricht  übernommen.  Er  gliederte  sofort  dem  aus  juristisch 
gebildeten  Verwaltungsbeamten  zusammengesetzten  Amte  eine  aus  er- 
fahrenen Schulmännern,  an  deren  Spitze  Viktor  Fadrus  steht,  zusammen- 

—    191    — 


jTosplzle  Sclnilrcformablcilung  an.  Sie  Ring  sofort  ans  Werk.  Zwei  Auf- 
gaben waren  es.  die  sie  sieh  setzte:  einerseits  die  Umgestaltung  der  Scluil- 
organisalion,  anderseits  die  Umgestaltung  der  Unterrichtsmethoden. 

Das  Ziel  der  neuen  Schuhjrganisation  ist  die  Einheitsschule:  alle  Kinder 
vom  C).  bis  zum  14.  Lebensjahr,  ohne  Unterschied  der  Klassenzugehörigkeit 
ihrer  Eltern,  in  einer  Einheitsschule.  Vom  6.  bis  zum  10.  Lebensjahr  die 
allgemeine  Grundschule;  vom  11.  bis  zum  14.  Lebensjahr  eine  Mittelschule 
für  alle.  Dann  erst  die  Differenzierung:  Fortbildungs-  und  Fachschulen 
einerseits,  Oberschulen  humanistischer  und  realistischer  Richtung  ander- 
seits. Zunächst  galt  es,  diesen  Organisationsplan  praktisch  zu  erproben. 
Zu  diesem  Zweck  wurden  die  alten  militärischen  Unterrichtsanstalten  in 
Staatserziehungsanstalten  umgewandelt.  Es  ist  ein  Versuch  der  Durch- 
brechung des  Bildungsmonopols  der  besitzenden  Klassen:  besonders  be- 
gabte Proletarierkinder  werden  im  10.  Lebensjahr  in  diese  Anstalten  auf- 
genommen und  auf  Staatskosten  zu  höherer  Bildung  geführt.  Es  ist  zu- 
gleich ein  Versuch  zur  Erprobung  der  geplanten  neuen  Schulorganisation: 
die  neuen  Schultypen  der  Einheitsmittel  schule  für  das  Lebensalter  vom  11. 
zum  14.  Lebensjahr  und  der  neuen  „Deutschen  Mittelschule"  wurden  hier 
zuerst  praktisch  erprobt.  Es  ist  endlich  auch  eine  Stätte  zum  Studium  neuer 
Unterrichts-  und  Erziehungsmethoden:  die  Staatserziehungsanstalten  sind 
zugleich  Versuchsschulen  für  methodische  Neuerungen.  Die  Einheitsmittel- 
schule als  Pflichtschule,  in  den  Staatserziehungsanstalten  zuerst  praktisch 
erprobt,  soll  dann  allgemein  eingeführt  werden;  den  ersten  Schritt  dazu 
machte  der  Wiener  Stadtschulrat  im   Schuljahr   1922  23. 

Viel  wichtiger  als  die  neue  Unterrichtsorganisation  ist  die  neue«  Unter- 
richtsmethode. Und  da  konnte  die  Reform  viel  schneller  durchgreifen.  Die 
Lehrpläne  unserer  Volksschulen  beruhten  noch  auf  Bestimmungen  aus 
dem  Jahre  1883.  Nun  wurde  ein  neuer  Lehrplan  für  die  Grundschule  ent- 
worfen, zuerst  an  150  Versuchsklassen  erprobt,  dann  vom  Schuljahr  1920 
an  allgemein  eingeführt.  Arbeits-  statt  der  Lernschule  —  das  w^ar 
die  Parole.  Die  Kinder  sollen  nicht  mehr  auswendig  lernen,  was 
der  Lehrer  ihnen  vorgesprochen  liat;  sie  sollen  sich  aus  eigener  An- 
schauung, eigener  Beobachtung,  eigener  Betätigung,  eigener  Aibeit  das 
Wissen  erarbeiten.  Die  Gliederung  des  Unterrichts  wird  nicht  mehr  durch 
das  System  der  Wissenschaften  bestimmt,  sondern  durch  die  Erlebnisse  der 
Kinder.  Die  Fessel  des  Stundenplans  ist  gesprengt;  es  gibt  keine  getrennten 
Unterrichtsstunden  für  Sprachlehre,  Rechnen,  Schreiben  mehr.  Auf  Lehr- 
spaziergängen schauen  die  Kinder,  und  um  das  auf  jedem  Lehrspaziergang 
Geschaute  gruppiert  sich  dann  der  Unterricht.  Da  werden  die  Kinder  zum 
Beispiel  zu  einem  Er.hnhof  geführt.  Und  wenn  sie  dann  in  die  Schule 
zurückgekehrt,  wird  das  Gesehene  verarbeitet.  Da  wird  vor  allem,  v^^as 
die  Kinder  auf  dem  Bahnhof  gesehen  haben,  gezeichnet  und  modelliert;, 
eine  Schule,  die  Menschen  nichi^,  für  die  Studierstube,  sondern  für  die 
Werkstätte  erziehen  soll,  muß  Auge  und  Hand  ausbilden,  nicht  nur  Be- 
griffsbildung und  Gedächtnis.  Zugleich  schreiben  Vv'ir  die  Namen  der  Gegen- 
stände, die  wir  zeichnen  und  modellieren;  so  lernen  wir  Rechtschreibung. 
Zwischendurch  rechnen  wir  einmal:  Wenn  in  einem  Eisenbahnvragen  30 
Sitze  sind,  -wie  viele  sind  im  ganzen  Zug?  Was  kostet  die  Fahrt  bis  zur 
nächsten  Station?  Was  würde  es  kosten,  wenn  wir  alle  zusammen  führen?' 

—    192    — 


So  lernen  wir  multiplizieren.  Wohin  kann  man  mit  der  Bahn  fahren? 
Durch  welche  Täler,  über  welche  Flüsse  fahren  wir  da?  So  lernen  wir 
Geographie.  Wer  ist  schon  mit  der  Eisenbahn  gefahren?  Schreibt  nun 
einmal  die  Geschichte  dieser  Fahrt!  Es  wird  eine  Aufsatzübung.  Wie 
kommt  es,  daß  die  Lokomotive  den  Zug  bewegt?  Wir  sind  schon  mitten  in 
der  Physik. 

Die  neue  Unterrichtsmethode  stellt  an  Können  und  Wissen  der  Lehrer 
bedeutend  höhere  Anforderungen  als  die  alte.  Die  ganze  Lehrerschaft 
mußte  umlernen.  In  Bezirkslehrerkonferenzen  wurde  die  Reform  der 
Unterrichtsmethode  vorbereitet.  Die  Lehrer  schlössen  sich  zu  Arbeits- 
gemeinschaften zusammen,  die  allmonatlich  den  Arbeitsplan  für  den 
nächsten  Monat  ausarbeiteten.  Fortbildungskurse  für  die  Lehrer  wurden 
eingerichtet.  Neues  geistiges  Leben  pulsierte  in  der  Lehrerschaft 

Und  diese  Bewegung  griff  sofort  auch  tief  in  das  Volksganze  ein.  Die 
Elternvereinigungen  und  Elternräte  sind  ein  wesentliches  Glied  im  System 
der  Schulreform.  Sie  stellten  zwischen  Lehrern  und  Eltern  eine  ständige 
persönliche  Beziehung  her.  Mit  großem  Eifer  suchten  und  fanden  sich  die 
neugegründeten  Elternvereinigungen  schnell  Betätigungsgebiete.  Sie 
sammelten  große  Beträge,  um  die  Schulen  mit  den  Lehrmitteln  für  den 
Arbeitsunterricht,  mit  Arbeitsstoffen  und  Werkzeugen,  mit  Büchern  und 
Bildern  auszustatten.  Bald  gingen  sie  weiter.  Sie  besoldeten  Lehrer,  die 
den  Nachhilfeunterricht  für  die  schwächeren  Kinder  oder  den  Förder- 
unterricht für  die  besonders  Begabten  übernahmen.  Sie  bestellten  Jugend- 
fürsorgerinnen und  Schulpflegerinnen.  Die  Mitglieder  der  Elternräte  be- 
gannen den  Schulbesuch  zu  überwachen;  sie  gingen  von  Haus  zu  Haus 
und  mahnten  säumige  Eltern,  ihre  Kinder  in  die  Schule  zu  schicken. 

Alle,  denen  das  Alte,  das  Überlieferte  heilig  gilt,  sahen  diese  Revolution 
in  den  Schulen  mit  Mißtrauen  und  Unbehagen.  Als  Glöckel  die  Ver- 
pHichtung  der  Lehrer  und  Schüler  zur  Teilnahme  an  den  religiösen 
Übungen  aufhob,  begann  sich  der  Klerikalismus  offen  gegen  die  Schul- 
reform aufzulehnen.  Die  Schulreform  wurde  zum  Gegenstand  des  politi- 
schen Kampfes.  Desto  leidenschaftlicher  wurde  die  Teilnahme  breiter 
Arbeitermassen  an  ihr. 

Das  Interesse  der  Massen  für  die  Erziehungsfragen  war  geweckt.  Es  be- 
gann nun  auch  in  den  Arbeiterorganisationen  wirksam  zu  werden.  Die 
Bewegung  der  „Kinderfreunde"  erstarkte  überaus  schnell.  In  Niederöster- 
reich zum  Beispiel  zählte  der  Verein  „Kinderfreunde'"  1913  3000,  1917 
3881  Mitglieder,  1919  schon  18.432,  1920  35.918.  In  der  Zeit  der  schwersten 
Not  führten  vor  allem  die  Fürsorgeeinrichtungen  des  Vereines,  die  Kinder- 
ausspeisungen  in  seinen  Heimstätten  und  Horten,  seine  Erholungsstätten 
und  Ferienkolonien  dem  Verein  die  prc^letarischen  Mütter  zu.  Aber  in  dem 
Maße,  als  das  Interesse  der  Massen  für  die  Erziehungsfragen  wuchs,  be- 
gann sich  der  Verein  aus  einem  Fürsorgeverein  in  eine  Erziehungsorgani- 
sation umzuwandeln.  Es  ging  dabei  nicht  ohne  manches  dilettantisch 
unternommene  Experiment  ab.  Aber  alle  diese  Versuche  regten  doch  viele 
tausende  Arbeiterfrauen  zum  Nachdenken  über  Erziehungsfragen  an,  be- 
gannen doch  die  Erziehung  der  Proletarierjugend  vom  Banne  alter,  über- 
lebter Tradition  zu  befreien. 


—    193     — 


lä 


So  erschloß  sich  der  durch  die  Revolution  geweckte  Drang  der  Massen 
nach  .  Eigenbelälifrung  immer  neue  Wirkungskreise.  Zehnlauccnde 
Mensclien,  deren  Loben  vorher  nur  zwischen  dem  ewigen  Einerlei  einer 
ontgoistigtcn.  mechanischen  Fabriksarbeit  und  dem  animalischen  Dasein 
in  den  spärlichen  Mußestunden  im  Familienkreis  oder  im  Wirtshaus  ge- 
teilt gewesen  war,  fanden  nun  in  den  Organisationen  der  Partei,  der  Ge-, 
werkschaften  und  der  Genossenschaften,  in  den  Betriebsräten  und  in  den 
Arbeitcrrälen,  in  den  Gemeindevertretungen  und  in  den  mannigfachen  In- 
stituten der  kommunalen  Selbstverwaltung,  in  der  Kleingärtner-  und  der 
Siedlerbcwegung,  in  den  Elternvereinen  und  bei  den  „Kinderfreunden" 
neuen  Wirkungskreis  und  neuen  Lebensinhalt.  Es  ist  ein  neuer  Menschen- 
typus, den  diese  soziale  Selbstbetätigung  der  Masse  hervorbringt. 

In  den  Umsturztagen  war  der  Typus  des  Revolutionärs  der  „Heim- 
.kehrer":  der  durch  furchtbarstes  Erleben  mit  wilden  Leidenschaften 
<^rfüllte  heimkehrende  Soldat,  der  mit  Gewehr  und  Handgranate  alles 
Bestehende  gewaltsam  umstürzen  zu  können  glaubte.  Und  zu  dem  Heim- 
i\ ehrer  hatte. sich  der  Konjunkturrevolutionär  gesellt,  der  vorn  Umsturz  des 
Bestehenden  Aufstieg  und  Macht,  Stelle,  Würde  und  Einkommen  für  sich 
erhoffte.  Sehr  bald  aber  gelang  es  einem  ganz  anderen,  einem  intellektuell 
imd  moralisch  ungleich  höher  stehenden  Menschentypus,  die  Führung  der 
Bewegung  an  sich  zu  .liehen.  Das  waren  jene  zehntausende  Partei-  und 
Gewerkschaftsvertrauensmänner,  Arbeiter-,  Betriebs-  und  Soldatenräte,  die 
in  einem  Wirken  voll  grüßten  Verantwortungsbewußtseins  die  durch  die 
Revolution  geweckten  ]\Iasscnenergien,  die  in  revolutionärem  Ungestüm  die 
Revolution  selbst  zu  vernichten  drohten,  zu  fruchtbarer  Schaffensarbeit 
überzuleiten  verslanden.  Das  waren  jene  zehntausende  Arbeiter,  die  in 
den  Gemeinden,  in  den  Genossenschaften  aller  Arten,  in  den  Erziehungs- 
organisationen aufbauende  Arbeit  für  ihre  Klasse  zu  leisten  lernten.  Der 
Aufstieg  dieser  geistigen  Elite  der  Arbeiterklasse  aus  dem  Schöße  der 
Masse  und  die  Führung  und  Erziehung  der  Masse  durch  diese  ihre  aus 
ihrem  Fleisch  und  Blut  hervorgegangene  geistige  Elite  —  das  ist  die 
eigentliche  Errungenschaft  der  Revolution.  Denn  die  Umwälzung  staat- 
licher und  gesellschaftlicher  Institutionen  ist  nicht  Selbstzweck;  sie  bedeutet 
in  der  Entwicklung  der  Völker  nur  so  viel,  als  sie  für  die  Erweckung,  für 
die  innere  Wandlung,  für  die  Aufwärtsentwicklung  der  Menschen  selbst 
bedeutet. 

Die  Deutschösterreicher  waren  das  herrschende  Volk  der  Habsburger- 
monarchie gewesen.  Als  die  nationale  Revolution  der  Tschechen,  Jugo- 
slawen und  Polen  die  Habsburgermonarchie  sprengte,  blieb  Deutsch- ~ 
Österreich  in  furchtbarster  Not  und  furchtbarster  Ohnmacht  zurück.  Unsere 
Ohnmacht  und  unsere  Not  setzten  unserer  Revolution  unüberwindliche 
Schranken.  Sie  konnte  ihr  nationales  Ziel,  den  Anschluß  an  Deutschland, 
nicht  erreichen.  Sie  konnte  die  soziale  Umwälzung  nur  innerhalb  sehr 
enger  Schranken  vollziehen.  Zur  Selbstbescheidung,  Selbstbeschränkung 
gezwungen,  blieb  sie  an  heroischen  Taten,  an  dramatischen  Episoden,  an 
romantischen  Kämpfen  überaus  arm.  Aber  gerade  die  Not  und  Ohnmacht 
dieser  Revolution  begründete  ihre  eigenartige  Größe.  Gerade  weil  Not  und 
Ohnmacht  uns  hinderten,  eine  starke  revolutionäre  Gewalt  aufzurichten, 
konnten  wir  nur  mit  geistigen  Mitteln  die  Masse  beherrschen.  Gerade  weil 

~     194     — 


r:ot  und  Ohnmacht  die  Revolution  zur  Selbstbeschränkung  zwangen,  mußte 
die  Selbstüberwindung,  die  Zügelung  der  Massenleidenschaften  durch  die 
Alasseneinsicht,  im  schv/ersten  geistigen  Ringen  m  der  Masse  selbst  durch- 
gesetzt werden'  Diese  Beherrschung  der  Masse  mit  rein  geistigen  Mitteln, 
diese  Selbstüberwindung  der  Masse  im  rein  geistigen  Kampfe,  sie  haben 
den  geistigen  Gesichtskreis  der  Masse  erweitert,  ihre  geistige  Regsamkeit 
geweckt,  ihren  Selbstbetätigungsdrang  aufs  höchste  gesteigert.  Gerade  die 
äußere  Armut  und  Ohnmacht  der  Revolution  ward  so  zur  Ursache  tief- 
schürfender innerer  Umwälzung.  Die  Zehntausende,  die  in  verantwortungs- 
vollem Wirken  in  den  Organisationen  und  in  der  Verwaltung  über- 
persönlichen Lebensinhalt  fanden;  die  Hunderttausende,  deren  Gesichtskreis 
weit  erweitert  und  deren  Gefühl  für  ihre  persönliche  Mitverantwortung  für 
das  Schicksal  ihrer  Klasse  und  ihres  Volkes  geweckt  worden  ist,  sie  zeugen 
von  der  Seelen  weckenden,  Seelen  erziehenden  Kraft  dieser  Revolution. 
Aus  vielen  müden,  im  ewigen  Einerlei  des  Überlieferten  geistlos  dahin- 
lebenden Arbeitstieren  sind  mitdenkende,  mitarbeitende,  mitkämpfende,  ihrer 
Mitverantwortung  bewußte  Persönlichkeiten  geworden.  Diese  Revolution  im 
geistigen  Leben  der  führenden  Schicht  der  Masse  ist  der  Revolution  größtes 
Ergebnis.  Denn  alle  Revolution  im  Staat  und  in  den  Gemeinden,  in  den 
Kasernen,  in  den  Betrieben  und  in  den  Schulen  ist  bloßes  Mittel,  das  dem 
letzten  Zweck,  der  Revolution  in  den  Seelen  selbst,  dient. 

Die  ganze  Geschichte  der  Klassenkämpfe  des  Proletariats  ist  nicht  nur 
die  Geschichte  der  Umwälzung  der  Bedingungen,  unter  denen  die  Arbeiter- 
schaft lebt,  sondern  auch  die  Geschichte  der  Entwicklung  der  Arbeiterschaft 
selbst.  Am  Anfang  dieser  Entwicklung  war  der  Arbeiter  im  Betrieb  nichts 
als  ein  v/illenloses  Werkzeug  in  der  Hand  des  Fabriksherrn,  in  den  kargen 
Mußestunden  am  Feierabend  nichts  als  ein  rohes,  erschöpftes  Tier.  Am  Ende 
dieser  Entwicklung  muß  der  Arbeiter  zur  allseitig  entwickelten  Per- 
sönlichkeit gereift  sein,  die,  zur  Selbstregierung  ihres  Lebens  und  ihrer 
Arbeit  fähig  geworden,  keinen  Herrn  mehr  erträgt,  weil  sie  keines  Herrn 
mehr  bedarf.  Diese  Entwicklung  vom  Arbeitstier  zur  Persönlichkeit  —  sie 
ist  die  Entwicklung  zum  Soziahsmus.  Jede  Revolution  staatlicher  und 
gesellschaftlicher  Institutionen  bedeutet  für  die  Entwicklung  zum  Sozialis- 
mus so  viel,  als  sie  für  die  Entwicklung  vom  Arbeitstier  zur  Persönlichkeit 
bedeutet. 


^     195    —  M» 


^'  i  0  r  t  0  r    Abschnitt, 

Die  Zeit  des  Gleichgewichts  der 
Klassenkräfte. 

§  13.  Wirtschaftliche  Umwälzung  und  soziale 
Umschichtung. 

Liieiatni: 

Trotzki,  Die  neue  Etappe.  Berlin  1921.        ► 

Steiner,  Die  Währungsgesetzgebung  der  Sukzessionsstaaten  Österreich- 
Ungarns.  "Wien   1921.  —  Dub,    Katastrophenhausse  und  Geldentwertung.    Stuttgart 

1920.  _  Hamp,  Die  Goldsucher.  Basel  192Ü.  —  Statistische  Übersichten  über  den 
iiuswärtigen  Handel.  Wien  1920-22.  —  Statistik  der  Arbeitslosigkeit  in^  den 
„Amtlichen  Nachrichten  des  Bundesministeriums  für  soziale  Verwaltung".  — 
Sterblichkeitsstatistik  im  Statistischen  V^ochenbericht  des  Wiener  Magistrats.  — 
Lebzelter,  Größe  und  Gewicht  der  Wiener  Arbeiterjugend.  „Mitteilungen  des  Volks- 
gesundheitsamtes." Wien  1922.  —  Engels,  Der  Anfang  des  Endes  in  Österreich. 
„Der  Kampf",  VI.  Band.  —  Madie,  Die  Besoldungsverhältnisse  der  österreichischen 
'Staatsbeamten  1914  bis  1920.  „Statistische  Monatsschrift",  1920. 

Karl  Kraus,  Die  letzten  Tage  der  Menschheit.  Wien  1921.  —  Die  Botschaft. 
Neue  Gedichte  aus  Österreich.  Gesammelt  von  E.  A.  Rheinhardt.  Wien  1920.  — 
Strobl,  Gespenster  im  Sumpf.  Leipzig   1920.  —  Bartsch,  Ein  Landstreicher.  Wien 

1921.  —  Rittner,  Geisler  in  der  Stadt.  Wien  1921.  —  Werfel,  Bocksgesang. 
München  1922.  —  Spann,  Der  wahre  Staat.  Leipzig  1921.  —  Mises,  Die  Gemein- 
v.-irtschaft.  Jena  1922. 

Schäfer,  Sozialdemokratie  und  Landvolk.  Wien  1920. 

In  den  ersten  Monaten  nach  der  Beendigung  des  Krieges  erschien 
der  internationale  Kapitalismus  schwer  erschüttert.  Die  russische  Sowjet- 
republik wies  in  blutigem  Bürgerkrieg  die  Angriffe  der  Generale  der  Konter- 
revolution siegreich  zurück.  Im  Deutschen  Reiche  herrschten  die  Arbeiter- 
und Soldatenräte;  in  einer  Reihe  von  Aufständen  suchte  Spartakus  die 
deutsche  Revolution  über  die  Schranken  der  bürgerlichen  Demokratie 
hinauszutreiben.  In  München  und  in  Budapest  ward  die  Diktatur  des 
Proletariats  aufgerichtet.  Aber  auch  die  Siegerländer  waren  von  der 
revolutionären  Welle  nicht  unberührt  geblieben.  Als  die  Ententemächte 
Während  der  Friedensverhandlungen  die  Demobilisierung  hinauszogen,  führte 
die  Gärung  in  ihren  Heerlagern  zu  einer  Reihe  von  Meutereien,  und  auch 
in  den  Siegerländern  zogen  die  Arbeiter,  aus  dem  Feld  heimgekehrt, 
arbeitslos  und  erbittert  durch  die  Straßen.  Der  Krieg  schien  unmittelbar  in 
die  Weltrevolution  umschlagen  zu  sollen. 

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Aber  schor.  nach  wenigen  Monaten  fluteten  die  Wellen  der  Revolution 
zurück.  Schon  im  Frühling  1919  trat  in  den  Ländern  der  Siegermächte 
■eine  Periode  wirtschaftlichen  Aufschwungs  ein.  Die  Industrie  sog  die 
Arbeitslosen  schnell  auf.  Die  demobilisierten  Soldaten  fanden  in  den 
Fabriken  bei  schnell  steigendem  Lohn  Beschäftigung.  Die  Prosperitäts- 
periode, die  dem  Kriege  folgte,  überwand  die  Demobilisierungskrise.  In  den 
Staaten,  die  durch  ihren  Sieg  zu  Herren  der  Welt  geworden  waren,  hatte 
der  Kapitalismus  die  soziale  Krise,  die  die  Periode  der  Rückführung  der 
Massen  aus  der  Armee  in  die  Produktion  überall  hervorrief,  schnell  und 
ohne  ernste  Erschütterung  überwunden.  Aber  auch  in  <dem  besiegten 
Mitteleuropa  befestigte  sich  der  Kapitalismus  wieder.  In  Deutschland  hatten 
die  kommunistischen  Aufstände  im  Dezember,  Jänner  und  März  mit 
schweren  Niederlagen  geendet;  ihr  einziges  Ergebnis  war  die  Aufstellung 
der  konterrevolutionären  Reichswehr,  die  fortan  das  Proletariat  nieder- 
hielt. In  Bayern  war  die  kommunistische  Diktatur  im  Mai,  in  Ungarn  im 
Juli  zusammengebrochen;  die  Konterrevolution  triumphierte.  Im  Osten 
blieben  die  Kräfte  der  Sowjetrepublik  durch  die  bewaffnete  Intervention 
der  Entente  gebunden.  Im  Spätsommer  1919  war  es  bereits  offenbar,  daß 
der  Kapitalismus  die  schwerste  Erschütterung  überwunden  hatte. 

Aber  noch  fühlte  sich  das  Proletariat  nicht  besiegt.  Das  Jahr  1920  brachte 
eine  ganze  Reibe  von  Erhebungen  des  Proletariats. '  Aber  alle  diese  Er- 
hebungen endeten  mit  schweren  Niederlagen.  Im  März  forderte  der  Kapp 
Putsch  das  deutsche  Proletariat  zu  gewaltiger  Erhebung  heraus.  Der 
Generalstreik  des  Proletariats  rettete  die  Republik;  aber  wo  das  Proletariat 
über  die  bürgerliche  Republik  hinaus  zu  stürmen  versuchte,  ward  es 
blutig  niedergeworfen.  Im  Mai  erhoben  sich  die  französischen  Arbeiter; 
aber  ihr  Massenstreik  endete  mit  schwerer  Niederlage.  In  den  Sommer- 
monaten entflammte  der  sieghafte  Einbruch  der  Roten  Armee  in  Polen  die 
Hoffnungen  des  Proletariats;  breite  Massen  hofften,  die  Rote  Armee  werde 
Polen  überrennen,  die  Brücke  zwischen  der  russischen  und  der  deutschen 
Revolution  schlagen,  den  Sozialismus  auf  den  Spitzen  ihrer  Bajonette  nach 
Mitteleuropa  tragen.  Die  schwere  Niederlage  der  Russen  vor  Warschau 
bereitete  im  August  allen  diesen  Hoffnungen  ein  jähes  Ende.  Im  September 
erlebte  Italien  den  Höhepunkt  der  sozialen  Krise;  die  italienischen  Arbeiter 
bemächtigten  sich  der  Fabriken,  die  Staatsgewalt  wagte  es  nicht,  das 
Eigentum  des  Kapitals  zu  schützen,  ein  paar  Tage  lang  waren  die 
Produktionsmittel  in  den  Händen  des  Proletariats.  Aber  nach  wenigen  Tagen 
mußten  die  Arbeiter  die  besetzten  Fabriken  wieder  räumen.  Im  Dezember 
wurde  die  Tschechoslowakei  durch  einen  Massenstreik  erschüttert:  auch 
er  brach  ergebnislos  zusammen.  Am  Ende  des  Jahres  1920  hatte  der  Kapi- 
talismus die  Offensivstöße  des  Proletariats  überall  abgewehrt. 

Indessen  war  die  Periode  der  wirtschaftlichen  Hochkonjunktur,  die  im 
Frühling  1919  eingesetzt  hatte,  jäh  zu  Ende  gegangen.  Schon  im  Frühjahr 
1920  war  in  Japan  und  in  Amerika,  im  Sommer  auch  in  den  Siegerländern 
und  den  neutralen  Ländern  Europas  die  industrielle  Krise  hereingebrochen. 
In  allen  Ländern  mit  stabilem  und  mit  steigendem  Geldwert  schwoll  die 
Arbeitslosigkeit  an  und  sanken  die  Arbeitslöhne.  Die  Arbeiter  setzten  sich 
gegen  den  Lohndruck  zur  Wehr.  Das  Jahr  1921  brachte  eine  Reihe  gewerk- 
.schaftlicher  Riesenkämpfe,    unter  denen    die  Aussperrung    der    britischen 

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Bergarbeiter  die  gewalligste  war.  In  einer  Zeit  schwerer  industrieller 
Depression  unternommen,  endeten  diese  Lohnkämpfe  mit  Niederlagen.  In 
allen  von  der  Krise  erfaßten  Ländern  leerten  die  Anforderungen  für  die- 
Arbeitslosenunterstützung  und  die  Streikunterstützung  die  Kassen  der 
Gewerkschaften  und  brach  die  Furcht  vor  der  Arbeitslosigkeit  die  Kampfes- 
onergien  der  Arbeiterschaft.  Die  Arbeiter  mußten  immer  wieder  Lohn- 
reduktionen ohne  Widerstand  hinnehmen.  Ihre  Machtstellung  in  den  Be- 
trieben wurde  empfindlich  geschwächt.  War  so  im  Westen  der  Kapitalismus 
in  sieghafter  Offensive,  so  brach  zugleich  im  Osten  die  Offensivkraft  des 
Kommunismus  zusammen.  In  Bußland  lehnten  sich  die  Massen  gegen  den 
Kommunismus  auf.  Der  Kronstädter  Aufstand  und  Massenausstände  der 
Arbeiter  zwangen  die  Sowjetregierung  zur  Umkehr.  Der  „neue  Kurs"" 
stellte  den  Kapitalismus  in  Bußland  wieder  her.  Nach  dem  Zusammenbruch 
des  Märzputsches  in  Deutschland  mußte  der  Kommunismus  auch  in, 
Mitteleuropa  seine  Putschtaktik  liquidieren.  Das  Proletariat  war  nun 
überall  in  die  Defensive  gedrängt. 

So  ist  die  Geschichte  der  Jahre  1919  bis  1921  die  Geschichte  der- 
schrittweisen  W^iederbefestigung  des  durch  den  Krieg  erschütterten  inter- 
nationalen Kapitalismus.  Unter  dem  Drucke  dieser  internationalen  Ent- 
wicklung mußten  sich  auch  in  Deutschösterreich  die  Machtverhältnisse 
zwischen  den  Klassen  verändern. 

In  den  ersten  Monaten  nach  dem  Umsturz  hatte  sich  die  deutsch- 
österreichische  Bourgeoisie  der  Vorherrschaft  der  Arbeiterklasse  beinahe 
widerstandslos  unterworfen.  Die  soziale  Bevolution  schien  ja  damals  in 
Deutschösterreich  viel  weniger  weit  zu  gehen  als  in  den  anderen  besiegten 
Ländern.  Im  November  1918  hatten  in  Deutschland  die  Arbeiter-  und' 
Soldatenräte  die  Begierungsgewalt  übernommen;  in  Deutschösterreich  war 
die  Bevolution  in  den  Formen  parlamentarischer  Demokratie  geblieben. 
Im  Winter  tobte  immer  wieder  blutiger  Bürgerkrieg  in  den  Straßen  der 
deutschen  Großstädte;  Deutschösterreich  bUeb  blutiger  Straßenkampf 
erspart.  Im  Frühjahr  1919  ward  die  Diktatur  des  Proletariats  in  Ungarn  und 
in  Bayern  proklamiert;  in  > Deutschösterreich  wehrte  die  Sozialdemokratie- 
den  Ansturm  des  Kommunismus  ab.  Damals  war  die  deutschösterreichische 
Bourgeoisie  glücklich,  daß  sie  von  dem'  Schlimmeren  verschont  blieb,  das 
die  Bourgeoisie  der  anderen  besiegten  Länder  betroffen  ,  hatte.  Damals 
unterwarf  sie  sich  widerstandslos  der  Vorherrschaft  der  Sozialdemokratie. 

Aber  schon  die  ersten  Siege  der  internationalen  Beaktion  im  Jahre  1919 
veränderten  die  Stimmung  der  deutschösterreichischen  Bourgeoisie.  In- 
Deutschland  war  die  Beichswehr  entstanden,  die  das  Proletariat  niederwarf 
und  niederhielt;  in  Österreich  hielt  immer  noch  die  sozialistische  Volkswehr 
die  Beaktion  im  Banne.  In  Deutschland  wehrte  die  Technische  Nothilfe 
jede  Stillegung  lebenswichtiger  Betriebe  ab;  in  Österreich  konnte  der  Staat. 
die  öffentlichen  Betriebe  immer  noch  nur  im  Einvernehmen  mit. 
den  proletarischen  Organisationen  führen,  weil  er  ohne  sie  den, 
Fortgang  der  lebenswichtigen  Betriebe  nicht  sicherstellen  konnte.  In 
Deutschland  war  der  Herrschaft  der  Arbeiter-  und  Soldatenräle- 
sehr  schnell  ihre  Auflösung  gefolgt;  in  Österreich  hatten  Arbeiter- 
und Soldaten:  äte  nie  die  Herrschaft  geübt,  aber  sie  blieben  eine.- 
stark  wirkende  Macht,  als  in  Deutschland  keine  Arbeiter-  und  Soldatenräte." 

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tmehr  existierten.  In  Ungarn  und  in  Bayern  war  der  kommunistisdion 
Diktatur  die  blutige  Niederwerfung  des  Proletariats  gefolgt;  in  Österreich 
liatte  die  Mäßigung  der  sozialdemokratischen  Führung  dem  Proletariat  die 
Niederlage  erspart,  seine  Machtmittel  unversehrt  erhalten.  Im  Sommer  1919, 
nach  den  Siegen  der  Konterrevolution  in  Deutschland  und  in  Ungarn, 
erkannte  die  österreichische  Bourgeoisie,  daß  der  bolschewistische  Schrecken 
in  Deutschland  und  in  Ungarn,  dem  das  konterrevolutionäre  Ende  so  bald 
gefolgt  war,  für  die  Bourgeoisie  viel  vorteilhafter  gewesen  war  als  der 
.Schrecken  ohne  Ende  der  sozialdemokratischen  Führung,  der  das  öster- 
reichische Proletariat  vor  Niederlagen  bewahrt  hatte.  Als  seit  dem 
Herbst  1919  die  flüchiigen  Revolutionäre  aus  Ungarn  und  aus  Bayern, 
aus  Jugoslawien  und  aus  Polen  in  Österreich  ihr  Asyl  fanden,  sah 
die  Bourgeoisie,  daß  in  Österreich  allein  noch  die  Macht  des  Prole- 
tariats ungebrochen  war,  während  rings  um  uns  das  Proletariat 
schon  schwere  Niederlagen  erlitten  hatte.  In  einer  Zeit,  m  der  die 
•österreichische  Bourgeoisie  schon  die  weiße  Armee  in  Ungarn  und 
die  Orgesch  in  Bayern  als  ihre  Reservearmeen  betrachten  konnte,  die  sie 
notfalls  gegen  das  österreichische  Proletariat  zu  Hilfe  rufen  könnte,  erschien 
ihr  die  ungebrochene  Machtstellung  des  österreichischen  Proletariats  als 
ein  unerträglicher  Anachronismus;  nun  gilt  es,  meinte  sie,  nach  dem 
offenen  Bolschewismus  in  Ungarn  und  m  Bayern  auch  den  „schleichenden 
Bolschewismus"  in  Österreich  niederzuwerfen. 

In  dem  Maße,  wie  sich  im  Verlauf  der  Jahre  1919  bis  1921  der  inter- 
nationale Kapitalismus  wieder  befestigte,  erstarkte  auch  in  Österreich  das 
Selbstbewußtsein  der  Bourgeoisie.  Sie  wagte  wieder  den  Widerstand  gegen 
das  Proletariat,  nachdem  1919  die  deutsche  und  die  ungarische  Revolution 
schwere  Niederlagen  erlitten  hatten.  Sie  faßte  wieder  Mut,  allein  zu  regieren, 
nachdem  1920  die  internationale  Reaktion  die  Angriffe  des  Proletariats 
abgewehrt  hatte.  Sie  ging  zur  Offensive  über,  nachdem  1921  das  Proletariat 
in  ganz  Europa  in  die  Defensive  gedrängt  war.  Auch  in  Österreich  ist  die 
Geschichte  der  Jahre  1919  bis  1922  eine  Geschichte  fortschreitenden 
Erstarkens  des  Selbstbewußtseins,  der  Widerstandskraft,  der  Offensivkraft 
der  Bourgeoisie  und  fortschreitender  Ralliierung  aller  besitzenden  Klassen 
gegen  das  Proletariat. 

Und  dieser  Prozeß  des  Erstarkens  des  bourgeoisen  Klassenbewußtseins 
wurde  beschleunigt  und  verstärkt  durch  die  wirtschaftlichen  und  sozialen 
Umwälzungen,  die  der  Zerfall  des  alten  großen  Wirtschaftsgebietes 
herbeiführte. 

Die  folgenschwerste  Wirkung  der  Auflösung  des  österreichisch- 
ungarischen Wirtschaftsgebietes  war  die  Revolution  des  Geldwesens.  Der 
Zertrümmerung  der  alten  Reichsgemeinschaft  folgte  die  Auflösung  der  alten 
Währungsgemeinschaft.  Am  8.  Jänner  1919  ordnete  die  südslawische 
Regierung  die  Abstempelung  der  in  den  ehemals  österreichisch-ungarischen 
Gebieten  Jugoslawiens  umlaufenden  Kronennoten  an.  Am  25.  Februar 
wurde  die  Abstempelung  der  Kronennoten  in  der  Tschechoslowakei 
beschlossen.  Deutschösterreich  beantwortete  diese  Maßregeln  mit  der  Ver- 
ordnung vom  27.  Februar,  die  auch  hier  die  Abstempelung  der  Kronen- 
noten verfügte.  Damit  war  die  alte  österreichisch-ungarische  Währungs- 
.gemeinschaft    aufgelöst;     an    die    Stelle-     der    österreichisch-ungarischen 

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Krone  trat  die  doutschöslcrreu-liischo.  Per  Wert  der  österreicliischi^n  Krone 
war  nun  nieht  mehr  bestimmt  durch  ihre  Kaufkraft  in  der  Tschcchoslowalvci^ 
in  Jugoslawien,  in  Polen,  sondern  nur  noch  durch  ihre  weit  niedrigere 
Kaufkraft  in  dem  von  allen  Nachbarstaaten  blockierten,  an  empfindlichstem 
Warenmangel  leidenden  Deutschösterreich.  Wer  im  Ausland  tschechische 
Kohle  oder  tschechischen  Z.ucker,  galizisches  Petroleum  oder  sieben- 
bürgisches  Holz,  un^iarisches  Vieh  oder  jugoslawisches  Getreide  kaufen 
wullte,  brauchte  nun  nicht  mehr  österreichische  Kronennoten,  sondern 
tschechische  oder  jugoslawische  Kronen  oder  die  in  Polen,  Ungarn  und 
[{umänien  vorläufig  noch  weiter  verwendeten  ungestempelten  Kronen- 
iiuten.  österreichische  Kronen  brauchte  der  Ausländer  nur  noch,  wenn  er 
ileutschösterreichische  Waren  kaufen  wollte;  aber  die  infolge  der  Kohlen- 
und  Rohstoffnot  zerrüttete  deutschösterreichische  Industrie  hatte  dem 
Ausland  wenig  zu  verkaufen.  So  mußte  die  Nachfrage  nach  österreichischen 
Kronen,  mußte  daher  auch  ihr  Kurs  bedeutend  sinken.  Der  Kurssturz  der 
österreichischen  Krone  war  also  damals  unvermeidliche  Wirkung  der  Auf- 
lösung des  österreichisch-ungarischen  Wirtschaftsgebietes;  unvermeidliche 
Wirkung  der  Tatsache,  daß  der  Wert  der  österreichischen  Krone  nicht  mehr 
auf  die  fruchtbaren  Ebenen,  die  Kohlen-  und  Rohöllager,  die  Industrie-  und 
llafenanlagen  des  alten  großen  Wirtschaftsgebiets,  sondern  nur  noch  auf 
die  Armut  des  deutschösterreichischen  Berglandes  basiert  war. 

Der  Kronensiurz  wurde  durch  andere  Umstände  beschleunigt.  Hatte 
schon  in  der  Kriegszeit  die  Kapitalsflucht  in  das  Ausland  großen  Umfang 
erreicht,  so  hatte  die  Revolution  die  Kapitalsflucht  noch  vergrößert.  Die 
Kapitalisten,  vor  der  Enteignung  zitternd,  brachten  ihre  Vermögen  in  die 
Schweiz;  die  strengen  Verbote,  die  die  beiden  ersten  Regierungen  der 
Republik  erließen,  wurden  umgangen  oder  durchbrochen.  Insbesondere  in  der- 
zeit des  Ansturms  des  ungarischen  Bolschewismus  nahm  die  Kapitals- 
flucht große  Dimensionen  an.  Damit  wuchs  natürlich  das  Angebot  öster- 
reichischer Kronenwerte  im  Ausland;  wurde  also  der  Druck  auf  den- 
Kronenkurs  verschärft.  In  derselben  Zeit  hob  die  Entente  die  Blockade  über 
Deutschösterreich  auf  Viereinhalb  Jahre  lang  war  Deutschösterreich  vom 
Ausland  abgeschnitten  gewesen.  Jetzt  stürzte  sich  der  viereinhalb  Jahre 
lang  ausgehungerte  Konsum  giej-ig  auf  die  ausländischen  Waren,  die  mit 
einem  Male  wieder  erreichbar  v/urden.  Jetzt  beeilten  sich  die  Kaufleute, 
ihre  längst  geleerten  Vorratslager  wieder  aufzufüllen.  Das  stürmische  Ver- 
langen nach  ausländischen  Waren  vergrößerte  sprunghaft  die  Nachfrage 
nach  ausländischen  Zahlungsmitteln  und  verstärlde  daher  abermals  den- 
Druck  auf  den  Kronenkurs.  Wenige  Wochen  später  wurde  der  erste  Ent- 
wurf der  Friedensbedingungen  bekannt.  Die  furchtbar  harten  Bedingungen, 
zerstörten  alles  Vertrauen  zu  Deulschösterreichs  wirtschaftlicher  Zukunft. 
Nun  schlugen  die  ausländischen  Spekulanten  ihre  Vorräte  an  Kronennoten 
los.  Nun  verkauften  die  österreichischen  Kapitalisten  ihre  Kronenwerte,  um 
mit  dem  Erlös  ausländische  Devisen  und  Effekten  zu  kaufen.  Der  Kronen- 
kurs bekam  damit  einen,  weiteren  mächtigen  Stoß. 

Sc  verknüpften  sich  in  dieser  ersten  Phase  der  Geldentwertung  alle 
Wirkungen  der  großen  Katastrophe,  den  Kurs  der  Krone  zu  drücken.  In 
dem  ersten  Jahre  der  Republik,  in  der  Periode  der  Vorherrschaft  der- 
Arbeiterklasse  war  die  Geldentwertung  unmittelbare,  durch  keinerlei  finanz- 

• 
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politische  Maßregeln  zu  verhindernde  Wirkung  der  großen  historischen 
Katastrophe  selbst:  des  Zerfalls  des  alten  großen  Wirtschaftsgebiets,  der 
revolutionären  Umwälzung  ganz  Mitteleuropas,  des  vom  Entente- 
imperialismus diktierten  Gewaltfriedens.  Das  Ergebnis  dieser  Umwälzungen 
war,  daß  die  Krone  binnen  einem  Jahr  neun  Zehntel  ihres  Wertes  verlor. 
Der  Kurs  der  Krone  in  Zürich,  der  sich  noch  in  den  ersten  Wochen  nach 
dem  Umsturz  über  30  Gentimes  gehalten  hatte,  sank  bis  zum  Ende  des 
Jahres  1919  auf  3  Gentimes. 

Aber  damit  war  die  Geldentwertung  nicht  beendet.  Die  stürmische  Ent- 
wertung des  Geldes  im  ersten  Jahre  der  Republik  hatte  den  Staatshaushalt 
schwer  zerrüttet.  Während  die  Staatsausgaben  mit  der  Geldentwertung 
stiegen,  konnten  die  Staatseinnahmen  in  der  Zeit  des  vollständigen  Stockem: 
der  Produktion  und  der  schwersten  sozialen  Krise  nur  langsam  erhöht 
werden.  Das  Defizit  im  Staatshaushalt  m.ußte  daher  durch  Ausgabe  von 
Papiergeld  gedeckt  werden.  In  gleichem  Maße,  wie  die  Masse  der  umlau- 
fenden Banknoten  anschwoll,  sank  ihr  Wert.  Der  Kurs  der  Krone  sank 
daher  immer  weiter.  Er  sank  in  Zürich  bis  Ende  1S20  auf  1*05,  bis  Ende 
1921  auf  O'll  Gentimes.  War  die  Geldentwertung  im  ersten  Jahre  der 
Republik  unmittelbare  Wirkung  der  Auflösung  des  alten  Wirtschafts- 
gebiets, so  war  sie  in  der  Folgezeit  Wirkung  der  Zerrüttung  des  Staats- 
haushalts, die  zu  fortwährender  Vermehrung  des  Papiergeldes  zwang. 

Aber  die  Geldentwertung  war  nicht  nur  die  Folge  der  großen  histo- 
rischen Katastrophe,  die  1918  Österreich  befallen  hat,  sie  war  damals 
zugleich-  auch  ein  unentbehrliches  Mittel,  das  durch  diese  Katastrophe 
völlig  zerrüttete  Wirtschaftsleben  wiederherzustellen.  Der  elementare 
Prozeß  der  Geldentwertung  setzte  den  kapitalistischen  Warenaustausch 
und  die  kapitalistische  Warenproduktion  wieder  in  Gang. 

Im  Sommer  1919  setzte  an  der  Wiener  Börse  die  große  Hausseperiode 
ein.  Die  Effektenkurse  begannen  sich  dem  von  Tag  zu  Tag  sinkenden  Geld- 
wert anzupassen.  Die  Kapitalisten  suchten  ihr  Kapital  der  Entwertung  zu 
entziehen,  indem  sie  es  in  Effekten  und  Devisen  anlegten.  Die  Kurse  der 
Börsenpapiere  stiegen  überaus  schnell.  Die  großea  Spekulationsgewinne 
verlockten  immer  breitere  Schichten  des  Bürgertums,  der  Beamtenschaft, 
der  Angestelltenschaft  zum  Börsenspiel.  Was  gestern  an  der  Börse  gCAVonnen 
wurde,  wurde  heute  in  wildem  Luxuskonsum  verjubelt. 

Von  der  Börse  griff  die  Bewegung  auf  den  Handel  über.  Die  Börse 
spekulierte  auf  immer  weiteres  Sinken  der  Krone;  der  Kurs  der  Krone 
eilte  daher  in  schnellem  Sturz  dem  Niedergang  ihres  inneren  Wertes, 
ihrer  Kaufkraft  voraus.  Die  Spannung  zwischen  dem  Kurs  und  der  Kauf- 
kraft der  Krone  drückte  sich  darin  aus,  daß  die  Inlandpreise  der  öster- 
reichischen Waren  tief  unter  den  Weltmarktpreisen  standen.  Wer  öster- 
reichische Waren  in  das  Ausland  bringen  konnte,  konnte  große  Gewinne 
erzielen.  Dem  standen  freilich  die  mannigfachen  Verkehrsbeschränkungen, 
die  Aus-  und  Einfuhrverbote  gegenüber,  mittels  deren  die  Staaten  in  der 
Zeit  der  schwersten  Not  ihre  Volkswirtschaft  zu  schützen  versuchten.  Ein 
.skrupelloses  Schiebertum,  das  es  verstand,  die  Verbote  auf  tausenderlei 
Schleichwegen  zu  umgehen  und  sich  die  Bürokratie,  die  diese  Verbote  zu 
handhaben  hatte,  dienstbar  zu  machen,  durchbrach  diese  Hindernisse.  Und 

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zu  dem  inländischen  Schieber  gesellte  sich  der  auslcändische.  Infolge  des"^ 
krassen  Mißverhällnisscs  zwischen  dem  Binnenwerl  und  dem  Außenwert 
der  Krone  konnte  jeder  Kommis  aus  den  valutaslarken  Ländern  in  Wien 
als  reicher  Mann  auftreten  und  jeder,  der  mit  ausländischem  Geld  in  Wien 
W\iren  aufkaufte,  die  größten  Exportprofite  erlangen.  Die  Zeit  des  großen 
„Ausverkaufs"  kam,  in  der  ausländische  Händler  die  Rohstoffvorräte,  die 
die  Heeresverwaltung  der  Republik  hinterlassen  hatte,  und  den  Hausrat  und 
Schmuck  der  durch  die  Geldentwertung  verelendeten  Wiener  Patrizier  um 
einen  Bettel  an  sich  rissen  und  in  das  Ausland  schafften.  Pierre  Hamp' 
hat  es  in  grotesken  Bildern  geschildert,  wie  sich  die  „Goldsucher"  aller 
Länder  auf  das  verelendete  Land  stürzten.  Aber  diese  Periode  des  Schieber- 
tums  bereitete,  so  parasitisch  sie  auch  erschien,  in  Wirklichkeit  doch  die 
Wiederherstellung  des  Wiener  Handels  vor.  Die  Anziehungskraft,  die  Wien 
dank  der  großen  Spannung  zwischen  der  Kaufkraft  und  dem  Kurs  der 
Krone,  zwi'schen  ihrem  Binnen-  und  ihrem  Außenwert,  zwischen  Inland- 
und  Weltmarktpreisen  auf  die  ausländischen  Händler  übte,  stellte  Wien 
als  großen  Handelsplatz  wieder  her.  Nun  kamen  wieder  jugoslawische 
und ''rumänische,  polnische  und  ungarische  Händler  nach  Wien,  um  hier 
die  Erzeugnisse  nicht  nur  der  österreichischen,  sondern  auch  der  tschecho- 
slowakischen Industrie  zu  kaufen.  Wien  erlangte  seine  alte  Funktion  der 
Handelsvermittlung  zwischen  den  Industriegebieten  der  Sudetenländer  und 
den  Agrargebieten  des  Donaubeckens  wieder  zurück.  Und  mit  dem  Handel 
begannen  schließlich  auch  Gew^erbe  und  Industrie  wiederzuerstehen. 

"zuerst     wurden    die    Luxusgewerbe    wiederbelebt;     ihnen    brachte    die 
Periode  der   großen  Börsen-   und  Schiebergewinne   und  des   Zustroms  der 
ausländischen    Händler     eine    Periode     der    Hochkonjunktur.     Die     große 
Industrie  dagegen  erstand  langsamer  wieder.  Zwar  wirkte  auch  für  sie  die- 
Spannung   zwischen   dem   Binnen-   und   dem   Außenwert   der   Krone   einer 
hohen   Exportprämie   gleich.   Aber   sie  konnte   die   große   Exportkonjunktur 
nicht    ausnützen,     solange     Kohlen-     und     Rohstoffnot     ihre     Produktion 
drosselten.   Erst  allmählich,  mit  der  Wiederherstellung  der  Produktion  in 
den  Nachbarländern  strömten  auch  Österreich  Kohle  und  Rohstoffe  wieder- 
etwas  reichlicher  zu.  Und  als  im  Sommer  1920  die  industrielle  Krise  in 
den   valutastarken  Ländern   hereinbrach,   als   dort   der  Absatz   von  Kohle 
und  Rohstoffen  stockte,  konnte  die  österreichische  Industrie  so  viel  Kohle- 
und  Rohstoffe  beziehen,  als  sie  brauchte.  Wir  haben  im  zweiten  Halbjahr- 
1919- 12  Millionen  Meterzentner  Kohle  und  Koks  importiert,  im  Jahre  1920 
40  Millionen    im  Jahre  1921  58-4  Millionen  Meterzentner.  Unsere  Einfuhr 
an   Baumwolle    betrug    im    zweiten    Halbjahr   1919    26.511   Zentner,     im 
Jahre  1920  126.464,    im  Jahre  1921    260.511  Zentner.    In    ähnlichem   Ver- 
hältnis stieg  die  Einfuhr  aller  wichtigen  industriellen  Rohstoffe.  Vor  dem- 
Übergreifen    der   internationalen    Absatzstockung   auf   Österreich   bewahrte 
uns   die  Geldentwertung,  die   die  Produktionskosten  unserer  Industrie  tief- 
unter  dem  internationalen  Niveau  erhielt;    die  Kohlen-    und    Rohstoffnot 
aber      die    uns     die     Ausnützung     der     internationalen     Hochkonjunktur- 
von' 1919/20  unmöglich  gemacht  hatte,    wurde   gerade    durch    die    inter- 
nationale Industriekrise  überwunden.   Darum  kam   für  die   österreichische 
Industrie   die   Zeit   der  Hochkonjunktur   erst,   als   sie   auf   dem   ^A' eltmarkt- 
schon  vorüber  war. 

—    202     — 


Nun  erst  konnte  unsere  Industrie  die  Exportprämie,  die  in  der  Spannung 
a;wischen  Inland-  und  Weltmarktpreisen  lag,  voll  ausnützen.  In  einer 
■-Zeit,  in  der  der  Weltmarkt  bereits  unter  dem  Drucke  der  internationalen 
Depression  stand,  konnte  unsere  Industrie  ihren  Absatz  auf  dem  Welt- 
•onarkt  bedeutend  ausdehnen.  Unser  Export  betrug: 

im  zweiten  im  Jahre  im  .lahre 

Halbjahr  1919  1920  1921 

Meterzentner 

Papier  und    Papierwaren 310.688  957.056         1,144.300 

Leder   und   Lederwaren       J  2.2.32  40.443  59.280 

Möbel  und    Möbelteile 24.052  91.914  90.966 

Eisen  und  Eisenwaren 755.557         1,918.523         1,951.928 

Maschinen   und   Apparate       1-:5.441  411.642  538.015 

Elektrische    Maschinen   und    Apparate     25.366  81.488  111.757 

(  43.611  144.379       '     178.477 

Stück 

Fahrzeuge       .^ 2.081  12.49  L  13.411 

I  Tonnen 

.      ''•  13  40  38 

'  Meterzentner 

Edelmetalle  und  Waren  daraus     .  ' .  ..         937  1.878  4.920 

Chemische    Hilfsstoffe   und   Produkte  .  155.624  471.086  510.540^ 

Kleider    und    Putzwaren     ......      4.043  12.189  5.121 

Wäsche        263  3.273  4.814 

Durch  dieses  Anschwellen  des  Exports  belebt,  sog  die  Industrie  nun  die 
'Massen  der  Arbeitslosen  auf.  Die  Zahl  der  xlrbeitslosen  hätte  im  Mai  1919 
mit  186.000  den  höchsten  Stand  erreicht.  Nun  sank  sie  schnell.  Anfang  1920" 
•standen  noch  62.427,  im.  Juli  23.970,  am  Ende  des  Jahres  16.637  Arbeitslose 
im  Bezüge  der  Arbeitslosenunterstützung;  in  dem  ganzen  Jahre  1921  blieb 
die  Arbeitslosigkeit  sehr  klein.  Die  Geldentwertung  war  das  Mittel  gewesen, 
durch  die  Belebung  der  Industrie  die  Arbeitermassen,  die  der  Krieg  aus 
-den  Produktionsstätten  gerissen  hatte,  in  die  Produktionsstätten  zurückzu- 
führen, sie  wieder  an  regelmäßige  Arbeit  zu  gewöhnen. 

Die  industrielle  Prosperität  ermöglichte  es  der  Arbeiterschaft,  sich 
'höhere  Löhne  zu  erringen.  Die  Exportihdustrien,  die  ihre  Erzeugnisse  gegen 
ausländisches  Geld  austauschten,  konnten  die  Kronenlöhne  in  dem  M^ße 
erhöhen,  als  der  Wert  der  Lohnkrone  sank.  Das  Steigen  der  Arbeitslöhne 
in  den  Exportindustrien  trieb,  wenn  auch  nicht  im  gleichen  Verhältnis, 
auch  die  Löhne  in  den  anderen  Industriezweigen  empor.  Das  schnelle 
Tempo  der  Geldentwertung  erforderte  schnelle  Anpassung  der  Lohnsätze 
.an  die  Veränderungen  des  Geldwertes.  Eine  Lohnbewegung  folgte  schnell 
der  anderen.  Die  fortwährende  Beschäftigung  der  gesamten  Arbeiter-  und 
Angestelltenschaft  mit  den  Lohnbewegungen  stärkte  die  Anziehungskraft 
der  Gewerkschaften.  Im  Jahre  1922  waren  bereits  mehr  als  eine  Million 
Arbeiter  und  Angestellte,  beinahe  ein  Sechstel  der  Gesamtbevölkerung  des 
Landes,  in  den  freien  Gewerkschaften  vereinigt.  Auf  ihre  starken  Gewerk- 
:3chaften  gestützt,  konnte  die  Arbeiterschaft  die  industrielle  Hochkonjunktur 
ToU  ausnützen.  In  der  Bemessung  der  Teuerungszulagen  nach  dem  amtlich 
•  erhobenen  Teuerungsindex  wurde  das  Mittel  gefunden,  die  Arbeitslöhne 
allmonatlich  den  Veränderungen  der  Kaufkraft  der  Krone  automatisch  an- 
zupassen, um  schwere  Kämpfe  um  die  Besserung  der  Arbeitslöhne  zu  ver- 
«hüten.  Diese  Entlohnungsmethode   wurde  im   November  1919  von  Renner 

—    203    — 


einer  von  der  Regierung  cinberufenon  {lomoinsamon  Konferenz  der  Untcr- 
nehmervcrbcände  und  der  Gewerkscliaften  vorgeschlagen,  im  folgenden 
Monat,  wenn  auch  zunächst  noch  in  sehr  unvollkommener  Gestalt,  in  den 
Kollektivvertrag  der  Metallindustrie  eingeführt,  in  der  Folgezeit  dann  all- 
inählieh  ausgebaut  und  auf  fast  alle  großen  Industriezweige  ausgedehnt. 

So  wurde  die  Lebenshaltung  der  Arbeitermassen  allmählich  verbessert. 
Die  Einfuhrstatistik  zeigt  das  Ansteigen  des  Massenkonsums.  Die  Rinfuhr 
nach  Osterreich  betrug: 

im  zweiten  im  Jahre  im  Jahre 

Halbjahr  1919  192ü  1Ö21 

Meterzentner 

Getreide    und    .Mehl       2,359.571         0,131.404         7..560.5.58 

S  t  ü  c  Ic 

Schlacht-   und  Zugvieh 18.487  37.141  130.928 

Meterzentner 

Speisefell  0  122.03ß  432.396  402.867 

Tabak       7.845  60.074  113.777 

Die  Gesundheitsverhältnisse  der  Arbeitermassen  besserten  sich  schnell. 
In  Wien  betrug  die  Zahl  der  Sterbefälle: 

im  Jahre  Ster'oefälle  überhaupt  Sterbefälle  an  Tuberkulose. 

1918  51.497  11.531 

1919  40.932  10.606 

1920  34.197  7.464 

1921  28.297  5.265 

Die  Verbesserung  des  Ernährungszustandes  der  Arbeiterjugend  zeigen 
die  Messungen  in  den  Lehrlingserholungsheimen  des.  Volksgesundheits- 
amtes. Das  durchschnittliche  Körpergewicht  der  Lehrlinge  betrug: 

im    Jahre 

im  .-Vlter  von  Jahren  1919  ^^-'• 

Kilogramm 

14  bis  15        ^0-93  44-35 

15  16  42-66  45-45 

Iß    ^"     17        47'48  5013 

In  dem  Maße,  als  sich  die  arbeitslosen  „Heimkehrer"  in  regelmäßig  be- 
schäftigte Industriearbeiter  rückverwandelten,  als  die  Arbeitsunter- 
brechungen infolge  Kohlen-  und  Rohstoffnot  aufhörten,  als  sich  der  Er- 
nährungszustand der  Arbeitermassen  besserte,  beruhigte  sich  auch  die 
Stimmung  der  Arbeiterschaft.  Die  stürmischen  Zwischenfälle  in  den  Be- 
trieben und  auf  den  Straßen,  die  in  den  ersten  Monaten  nach  dem  Umsturz 
die  Bourgeoisie  in  Furcht  erhalten  hatten,  wurden  seltener.  In  den  Be- 
trieben stiegen  Arbeitsintensität  und  Arbeitsdisziplin.  Im  Staat  wurde 
wieder  ein  Regieren  möglich,  das  nicht  mehr  täglich  Erhebungen  der 
Arbeiterschaft  zu  fürchten  hatte,  nicht  mehr  täglich  des  Einvernehmens 
mit  den  Arbeiterorganisationen  bedurfte.  Der  revolutionäre  Spannungs- 
zustand wurde  durch  die  industrielle  Hochkonjunktur  überwunden. 

Damit  erstarkte  das   Selbstbewußtsein   des  industriellen  Unternehmer- 

'   tums.  Es  war  eingeschüchtert,  solange  seine  Betriebe  in  Auflösung  waren; 

es  wurde   wieder   selbstbewußt,    sobald   seine   Betriebe   wieder    in   vollem 

Gange  waren.  Es  hatte  sich  in  der  Zeit  der  schweren  Krise,  in  der  Kohlen- 

und  Rohstoffnot    die  volle  Produktion  unmöglich  machten,  gegen  die  Ein- 

—    204    — 


führung  des  Achtstundentages  nicht  gewehrt;  jetzt,  da  der  Achtstundentag 
es  i%  der  Ausnützung  der  Hochkonjunktur  beschränkte,  klagte  es  über  die 
„sozialpolitischen  Experimente".  Es  hatte  in  der  Zeit  der  schweren  revo- 
lutionären Erschütterung  die  neue  sozialpolitische  Gesetzgebung  ohne 
Widerstand  hingenommen;  jetzt  begann  es  wieder,  sich  gegen  die  „sozial- 
politischen Lasten"  aufzulehnen.  Das  industrielle  Unternehmertum  begann 
nun,  alle  besitzenden  Klassen  gegen  die  Machtstellung  der  Arbeiterklasse 
im  Staat  zu  organisieren. 

Aber  die  Geldentwertung  stellte  nicht  nur  den  Handel,  das  Gewerbe,, 
die  Industrie  wieder  her.  Sie  rief  auch  eine  folgenschwere  Umschichtung 
innerhalb  der  ganzen  Bourgeoisie  hervor.  Unter  den  Wirkungen  der  Geld- 
entwertung ist  eine  neue  Bourgeoisie  entstanden,  ist  das  alte  Bürgertum 
zugrunde  gegangen. 

Zunächst  wurden  durch  die  Geldentwertung  diejenigen  Schichten  der 
alten  Unternehmerklasse  begüristigt,  deren  Unternehmungen  in  Wien  ihre 
Büros,  aber  außerhalb  Deutschösterreichs,  zumeist  in  der  Tschechoslowakei, 
ihre  Fabriken  haben.  Diese  Unternehmer  bezogen  ihr  Einkommen  in 
tschechischen,  sie  verausgabten  es  in  österreichischen  Kronen.  Sie  vor 
allem  waren  daher  die  Nutznießer  der  großen  Differenz  zwischen  dem 
inneren  und  dem  äußeren  Wert  der  Krone.  Neben  ihnen  zog  eine  neue 
Schicht  der  Bourgeoisie  aus  dieser  Differenz  große  Gewinne.  Aus  Valuten- 
spekulation und  Schiebertum  entstanden  neue  große  Vermögen.  Die 
schweren  Hindernisse,  die  die  staatliche  Gesetzgebung  der  Valuten- 
spekulation und  dem  Schiebertum  entgegenzustellen  versucht  hatte, 
konnten  nur  von  besonders  gerissenen,  besonders  bedenkenlosen  Händlern 
überwunden  werden.  Es  waren  Methoden  der  „ursprünglichen  Akkumu- 
lation" in  Marxens  Sinne,  aus  deren  Anwendung  die  neuen  großen  Ver- 
mögen entstanden.  Den  an  die  normalen  Formen  kapitalistischer  Betäti- 
gung in  bochindustriellem  Milieu  gewohnten  Kapitalisten  waren  diese 
Methoden  nicht  vertraut.  Desto  besser  vertraut  waren  sie  dem  Händlertum 
aus  den  agrarischen  Ländern  des  Ostens,  wo  das  Kapital,  noch  gleichsam^ 
in  den  Poren  tiner  noch  vorkapitalistischen  Gesellschaft  lebend,  noch  die 
brutaleren  und  korrxiplercn  Methoden  der  „ursprünglichen  Akkumulation' 
anzuwenden  gewohnt  war.  Die  galizischen  Juden,  die  der  Krieg  in  großen 
Massen  na-^h  Wien  gev/orfen  hatte,  die  ungarischen  Händler,  die  vor  der 
Revolution  in  Österreich  Zuflucht  gi^sucht  hatten,  stellten  zu  den  Nutz- 
nießern der  Geldentwertungskonjunktur  ein  starkes  Kontingent.  Und  zu  ihnen 
gesellten  sich  noch  d'e  zahlreiiiheii  „Goldsucher"  aus  den  valutastarken 
Ländern,  die  nach  Österreich  kamen,  um  die  Konjunktur'  des  „Ausverkaufs" 
auszunützen.  So  entwickelte  sich  aus  der  Geldentwertungskonjunktur  eine 
neue  Bourgeoisie,  die  zum  großen  Teil  aus  landfremden,  kulturell  '.ief- 
stehenden  Elementen,  die  ihren  Erfolg  ihrer  geschäftlichen  Findigkeit  und 
ihrer  moralisciicn  Skrupellosigkeit  verdanken,  zusammengesetzt  ist.  Es  war 
wahr  geworden,  was  der  junge  Friedrich  Engels  im  Jahre  1848,  wenige 
Wochen  vor  der  österreichischen  Märzrevolution,  vorausgesagt  hatte:  ,,daß 
es  recht  gemeine,  recht  schnmtzige,  recht  jüdische  Bourgeois  sein  werden, 
die  dies  altehrwürdige  Reich  ankaufen".  Der  kulturlose  Luxus  der  an  der 
Not  des  Landes  bereicherten  neuen  Bourgeoisie  erbitterte  die  Volksmasse. 
Eine  Welle  des  Antisemitismus  ergoß  sich  über  das  Land. 

—    -205    — 


Derselbe  Prozeß  der  Gcldenlwerlung,  der  die  neue  Bourgeoisie  empor- 
gclragen  hat,  hat  breite  Schichten  der  alten  Bourgeoisie  pauperisiert.  Zu- 
nächst traf  dieses  Schicksal  die  Rentner.  Während  des  Krieges  hatte  der 
weitaus  größte  Teil  des  mobilen  Kapitals  der  Bourgeoisie  die  Gestalt  der 
Kriegsanleihetitres  angenommen.  Die  Republik  bezahlte  die  Zinsen  der 
Kriegsanleihen,  aber  sie  bezahlte  sie  in  Papierkronen.  In  dem  Maße,  als  der 
Wert  der  Papierkrone  sank,  wurde  die  Rentnerklasse  expropriiert.  Die 
Zinsen,  die  der  Staat  den  Rentnern  bezahlte,  stellten  1920  nur  noch  ein 
Hundertstel,  1922  nur  noch  ein  Zehntausendstel  des  versprochenen  Wertes 
dar.  Der  Millionär,  der  sein  Vermögen  in  Kriegsanleihe  angelegt  hatte, 
war  zum  Bettler  geword<^n. 

Mit  den  Rentnern  wurden  auch  die  Hausbesitzer  expropriiert.  Die 
während  des  Krieges  erlassene  Mieterschutzverordnung  wurde  aufrecht- 
orhallcn.  Die  Mietzinse,  ■  in  Papierkronen  ausgedrückt,  stiegen  nur  sehr 
langsam,  während  der  Wert  der  Papierkrone  schnei]  sank.  Die  Aufrecht- 
erhaltung des  Mieterschutzes  war  eines  der  wirksamsten  Mittel,  die  Lebens- 
haltung der  Volksmassen  zu  heben.  Der  Wohnungsaufwand  verschlang 
bald  nur  noch  einen  sehr  geringen  Teil  des  Lohneinkommens.  Die  Volks- 
niassen  konnten  ihr  Wohnungsbedürfnis  viel  besser  befriedigen  als  vor 
dem  Kriege.  Aus  den  Wohnungen  der  Arbeiter  verschwanden  die  Bett- 
geher und  Aftermieter.  Die  Tatsache,  daß  in  Wien  Wohnungsnot  herrscht, 
obwohl  die  Bevölkerung  infolge  der  Kriegsverluste,  infolge  der  Abnahme 
cer  'Geburtenhäufigkeit  und  infolge  der  starken  Abwanderung  nach  der 
Revolution  beträchtlich  abgenommen  hat,  beweist,  daß  die  Volksmassen 
in  den  Arbeitervierteln  nicht  mehr  so  dicht  gedrängt  wohnen  wie  vor  dem 
Kriege.  Aber  diese  Hebung  der  Wohnkultur,  eines  der  erfreulichsten  Er- 
gebnisse der  sozialen  Umwälzung,  erfolgte  auf  Kosten  der  Hauseigentümer. 
Die  Hausrente  wurde  zugunsten  der  Mieter  konfisziert.  Damit  wurde  eine 
der  zahlreichsten  Schichten  des  Bürgertums  wirtschaftlich  expropriiert. 

Auch  die  höhere  Beamtenschaft  wurde  von  der  Geldentwertung  nieder- 
gedrückt. Staat,  Länder  und  "Gemeinden,  infolge  der  Geldentwertung  mit 
den  größten  finanziellen  Schwierigkeiten  käm.pfend,  konnten  die  Bezü'je 
ihrer  Angestellten  nur  viel  langsamer  erhöhen  als  die  für  den  Export 
arbeitende  Industrie  und  als  die  durch  die  Geldentwertungskonjunktur  be- 
günstigten Banken  und  Handelsunternehmungen.  Die  Bezüge  der  untersten 
Kategorien  der  öffentlichen  Angestellten,  die  auch  vordem  nur  gerade  das 
nackte  Leben  ermöglichten,  mußten  freilich  in  dem  Maße  erhöht  werden, 
als  die  Kaufkraft  des  Geldes  sank;  desto  mehr  mußten  die  notleidenden 
öffentlichen  Haushalte  an  den  Bezügen  der  höheren  Angestellten  sparen. 
Ihre  Bezüge  stiegen  viel  langsamer,  als  der  Geldwert  sank.  So  wurden  von 
Ende  1915  bis  zum  März  1920  die  Bezüge  der  ledigen  Staatsbeamten  in  der 
XI.  Rangsklasse  immerhin  um  718  Prozent,  in  der  IV.  Rangsklasse  nur 
um  215  Prozent  erhöht.  Ein  Hofrat  hatte  im  Jahre  1915  noch  8-6mal,  im 
Jahre  1920  nur  noch  SSmal  höhere  Bezüge  als  ein  Beamter  der  untersten 
Rangsklasse. 

Endlich  wurden  auch  die  freien  Berufe  von. der  Bewegung  erfaßt.  Das 
verarmte  Volk  mußte  sein  ganzes  Einkommen  für  die  Bestreitung  der  alier- 
unentbehrlichsten,  unaufschiebbarsten  Lebensbedürfnisse  verwenden.  An 
«.^'t-n-i  Entbehrlicheren  mußte    es  sparen.    Mit    der  Verelendung    der    zahl- 

—    206    — 


reichsten  Schichten  des  Bürgertums  verloren  der  Arzt,  der  Schriftsteller, 
der  Künstler  ihre  Klientel.  Auch  sie  gerieten  nun  in  bittere  Not. 

Während  eine  neue  landfremde  Bourgeoisie  aus  der  Not  des  Landes 
neue  große  Vermögen  schöpfte,  wurde  der  alte  Reichtum  des  altöster- 
reichischen Bürgertums  durch  die  Geldentwertung  vernichtet.  Das  altöster- 
reichische Bürgertum  wurde  aus  seiner  gewohnten  bürgerlichen  Lebens- 
haltung tief  hinabgestürzt.  Tausende,  die  vor  dem  Kriege  reich  gewesen, 
konnten  ihr  Leben  nur  noch  fristen,  indem  sie  alten  Hausrat  und  Schmuck 
verkauften  und  ihre  Stuben  an  Fremde  vermieteten.  Sie  konnten  keine 
Hausgehilfinnen  mehr  halten.  Buch,  Theater,  Konzert  wurden  ihnen  zu 
unerschwinglichem  Luxus. 

Es  war  das  Altwiener  Patriziat,  es  waren  die  führenden  Schichten  der 
österreichischen  Intelligenz,  es  waren  große  Teile  des  mittleren  und  kleinen 
Bürgertums,  die  durch  die  Geldentwertung  verelendet  wurden.  Sie  waren 
die  eigentlich  herrschende  Klasse  der  Habsburgermonarchie  gewesen.  Sie 
hatten  der  Habsburgermonarchie  ihre  Beamten,  ihre  Offiziere  gestellt.  Sie 
waren  die  Träger  des  österreichischen  Patriotismus,  der  altösterreichischen 
Traditionen  gewesen.  Sie  waren  seit  einem  Jahrhundert  die  Träger  der 
spezifisch  österreichischen  Kultur,  der  Wiener  Literatur,  der  Wiener  Musik, 
des  Wiener  Theaters  gewesen.  Sie  waren  die  eigentlich  Besiegten  des 
Krieges.  Es  war  ihr  Reich,  das  im  Oktober  1918  zusammengebrochen  war. 
Und  mit  ihrem  Reich  hatten  sie  auch  ihren  Reichtum  "verloren. 

Ihr  wirtschaftliches  Schicksal  bestimmte  ihre  soziale  und  politische 
Ideologie.  Im  letzten  Kriegsjahr  waren  sie  voll  Sehnsucht  nach  dem  Frieden 
gewesen.  Damals  haßten  sie  den  deutschen  Imperialismus,  der  den  Krieg 
in  die  Länge  zog.  Damals  hofften  vieje  von  ihnen  durch  die  Trennung 
von  Deutschland  ihr  Reich  zu  retten;  durch  Demokratie  und  nationale 
Autonomie  innerhalb  des  Reiches  dem  Sonderfrieden  den  Weg  zu  bahnen. 
Ihr  Pazifismus  näherte  sie  damals  der  Sozialdemokratie.  Und  als  im  Ok- 
tober 1918  die  Demokratie  siegte,  wurden  auch  von  ihnen  viele  völlig  von 
dem  Geist  der  neuen  Zeit  erfaßt.  Bereit,  sij^h  der  aufsteigenden  Macht  der 
Arbeiterklasse  zu  gesellen,  nannten  sie  sich  nun  „geistige  Arbeiter".  Aber 
nach  wenigen  Wochen  schon  schlug  ihre  Stimmung  um.  Die  neue  Zeit 
hatte  sie  pauperisiert.  Ihre  Verelendung  erbitterte  sie!  Ihre  Erbitterung- 
wandte sich  gegen  die  beiden  Klassen,  die  aus  der  Katastrophe,  die  das 
alte  Bürgertum  zugrunde  gerichtet  hatte,  aufgestiegen  waren:  gegen  die 
neue  Bourgeoisie,  die  wirtschaftlich  die  Katastrophe  genützt,  und  gegen  die 
Arbeiterklasse,  die  die  Katastrophe  zu  politischer  Vorherrschaft  gehoben 
hatte.  Sie  sahen  viele  Juden  unter  den  reich  gewordenen  Schiebern.  Sie 
sahen  Juden  unter  den  Führern  der  Arbeiter.  Ihr  zwiefacher  Haß  fand  im 
Antisemitismus  seine  Vereinigung. 

Sehr  bald  wurde  ihre  Erbitterung  gegen  die  Arbeiter  stärker  als  ihre 
Erbitterung  gegen  die  Schieber.  Am  Ende  war  der  Schieber  nichts  als  ein 
erfolgreicher  Kaufmann;  daß  aus  Kauf  und  Verkauf  Gewinne  und  Reich- 
tümer entstehen,  erschien  ihrem  bürgerlichen  Denken  am  Ende  natürlich. 
An  der  neuen  Machtstellung,  dem  neuen  Selbstbewußtsein  der  Arbeiter  da- 
gegen stieß  sich  täglich  ihr  bürgerliches  Vorurteil.  Dem  Arzt  erschien  es 
als  der  Welten  Ende,  daß  auch  Pflegerinnen  und  Spitaldicner  im  Kranken- 

-    207    — 


haus  milonlschcldcn  wollten.  Der  Bürovorsland  ärgerte  sich  über  die  vcr- 
ändorle  Haltung  seines  Dieners,  die  Hausfrau  über  das  plötzlich  erwachte 
Selbstbewußtsein  ihrer  Köchin.  Sie  alle  aber  erbitterte  vor  allem  die  Be- 
wegung der  Arbeitslöhne.  Das  Kroneneinkommen  des  Rentners  und  des 
Hausherrn  blieb  trotz  der  Entwertung  der  Krone  unverändert,  das  Kronen- 
einkommen des  hohen  Beamten,  des  Künstlers,  des  Arztes  stieg  weit  lang- 
samer, als  die  Krone  sank;  die  Arbeiter  der  von  der  Geldentwertung  be- 
günstigten Exportindustrie  aber  konnten  ihr  Einkommen  viel  schneller 
erhöhen.  Die  Intellektuellen  sahen  nicht,  daß  die  Lohnerhöhungen  doch 
imr  Anpassungen  des  Gcldlohnes  an  den  sinkenden  Geldwert  waren;  sie 
sahen  nur,  daß  die  Löhne  der  Arbeiter  schnell  stiegen,  während  ihr  Ein- 
kommen gar  nicht  oder  viel  langsamer  stieg.  Die  Intellektuellen  sahen 
nicht,  daß  die  Arbeiterschaft  trotz  aller  Lohnerhöhungen  auf  weit 
niedrigerem  Niveau  der  Lebenshaltung  als  vor  dem  Kriege  blieb;  sie  sahen 
nur,  daß  sich  die  Lebenshaltung  der  Arbeiter  doch  allmählich  immerhin 
besserte,  während  ihre  Lebenshaltung  mit  dem  Fortschritt  der  Geld- 
entwertung immer  tiefer  sank.  Die  Intellektuellen  verstanden  nicht,  daß 
die  Umwälzung  der  Einkommensverteilung  Ergebnis  eines  elementaren 
ökonomischen  Prozesses  war,  unentrinnbare  Wirkung  der  Geldent- 
wertung, die  selbst  wieder  unentrinnbare  Wirkung  der  großen  histori- 
schen Katastrophe,  des  Krieges,  der  Auflösung  des  alten  Wirtschafts- 
j^ebietes,  des  Gewaltfriedens  war.  Sie  hielten  die  Lohnerhöhungen,  die  die 
Folge  der  Geldentwertung  waren,  für  die  Ursache  der  Geldentwertung  und 
damit  auch  für  die  Ursache  der  Verelendung  des  „Mittelstandes".  _Daß  da 
lind  dort  die  Löhne  von  Handarbeitern  über  die  Einkommen  akademisch 
Gebildeter  stiegen,  hielten  sie  für  willkürliche  Wirkung  der  neuen 
politischen  Machtstellung  der  Arbeiterklasse.  Daß  die  V/aschfrau  besser 
entlohnt  werde  als  der  Universitätsassistent,  wurde  zum  Schlagwort  der 
Agitation.  Der  Klassenneid  gegen  die  Arbeiterschaft  wurde  zur  stärksten 
Leidenschaft  der  untergehenden  Schichten  des  Bürgertums.  Er  erfüllte  die 
breiten  Schichten  des  mittleren  und  kleinen  Bürgertums  mit  Haß  gegen 
die  Revolution,  gegen  die  Arbeiterklasse,  gegen  die   Sozialdemokratie. 

Es  ist  nicht  ohne  Reiz,  den  Niederschlag  dieser  schnellen  Entwicklung 
•der  Stimmungen  der  bürgerlichen  Intelligenz  in  der  österreichischen 
Literatur  zu  verfolgen.  Die  Auflehnung  eines  nicht  geringen  Teiles  der 
■deutschösterreichischen  Intelligenz  gegen  die  Schrecken  und  den  Schmutz 
des  Krieges  hatte  in  den  letzten  Kriegsjahren  und  in  der  Zeit  des  Um- 
sturzes in  einer  Reihe  von  Dichtungen  ihren  Ausdruck  gefunden.  Hoch 
Tagt  aus  ihnen  Karl  Kraus'  Dichtung  „Die  letzten  Tage  der  Mensch- 
lieit"  hervor,  in  ihrer  grauenvollen  Wahrheit  und  Fülle  das  gewaltigste 
Denkmal  des  Krieges.  Diese  Auflehnung  gegen  den  Krieg  erfüllte  nicht 
wenige  junge  Intellektuelle  mit  revolutionärer  Stimmung.  Da  saß  so  mancher 
von  ihnen  als  Reserveoffizier  mitten  in  dem  lärmenden  Treiben  der 
Offiziersmesse,  wie  es  Ernst  Angel  geschildert: 

Draußen     verreckte     der    Heiland     eiternd     in    Stacheldrähten, 
Drinnen  reicht  Judas  den  Braten,  die  schleichende  Ordonnanz. 

Und  mitten  unter  den  Kameraden  harrte  der  junge  Dichter  hoffend 
der  drohenden,  rächenden  Revolution: 

—  '208    — 


Aber  schon   könnt   ihr   es   hören,   Türen   sprengt  das  Empören. 
Kamst  du  uns  endhch  zu  stören,  Sohn  des  Verzichts? 
Speiest  Revolte  und  Fusel  uns  schäumenden  Mundes. 
Lüstern  und  drohend.  Zerrbild  des  künftigen  Bundes. 
Henker  von  morgen.  Richter  des  Jüngsten  Gerichts. 

Und  als  die  Revolution  gekommen  war,  als 

Denker  in  Stahl  mit  Denkern  im  Geiste  verschworen 
Schlössen   der   opferfeisten   Maschine   den    Schlund, 

da  grüßte  der  Dichter  die  Revolution  in  überschwenglichster  Erwartung: 

Zukunft  dichtet  dein  Zorn;  und  Eden  entsprießt  unsern  Sünden, 
Menschheit  heil  und  blühend  von  Gärten  umsäumt. 
Freundschaft  friedet  die  Zwiste,  bindet  zu  Bünden, 
Traum  der  Propheten   wird  in  die  Tat  geträumt 

Aber  nur  allzubald  kam  die  furchtbare  Enttäuschung:  statt  der  Volks- 
befreiung in  romantischem,  heroischem  Kampf  der  durch  Wirtschaftsnot 
und  Ohnmacht  in  Form  und  Inhalt  bestimmte  harte  Klassenkampf;  statt 
des  Zwistes  friedenden  Menschheitsbundes  wehrlose  Ohnmacht  der  Be- 
.^legten,  brutale  Gewalt  der  Sieger;  statt  des  ersehnten  Eden  die  wirtschaft- 
liche Katastrophe  des  Landes,  der  wirtschaftliche  Untergang  der  Kl-asse, 
die  ein  Jahrhundert  lang  die  Trägerin  seines  geistigen  Lebens  gewesen  war. 
Daß  diese  Umwälzung  die  anderen,  die  Nachbarvölker  von  alten  Fesseln 
befreit  hat,  die  Deutschösterreicher,  Opfer  dieser  Umwälzung,  die  ihnen 
neue  Fesseln  auferlegte,  konnten  es  nicht  mitfühlen.  Daß  diese  Revolution 
in  den  Arbeitermassen  Deutschösterreichs  selbst  schlafende  Seelen  geweckt, 
breiten  Massen  neuen,  höheren  Lebensinhalt  gegeben,  hat  von  den  Dichtern 
und  Künstlern  unseres  Bürgertums  auch  nicht  einer  bemerkt;  die  Kunde 
von  der  seelischen  Umwälzung,  die  sich  in  den  Fabriken,  in  den  Arbeiter- 
vierieln  vollzog,  ist  bis  zu  ihren  Schreibtischen,  in  ihre  Kaffeehäuser 
nicht  gedrungen.  So  erlebten  sie  nur  den  Niedergang  ihrer  eigenen  Klasse. 
Sie  flüchteten  in  die  Bilder  der  Vergangenheit.  In  der  Zeit  des  Zusammen- 
bruchs'des  alten  Österreich  malten  sie  die  Bilder  seiner  vergangenen  Größe; 
die  Zeiten  des  Barock,  die  Zeiten  des  Biedermeierlums  erstanden  ihnen 
wieder.  Und  ihr  Erinnern  an  Zeiten,  die  ihrer  Klasse  reicher,  glücklicher 
w-aren,  endete  dann  immer  wieder  in  Worten  der  Klage,  wie  sie  Felix  Gräfe 

gedichtet: 

Wo  ging  dies  hin?  Wer  hat  den  Traum  zertreten? 
Ihn  bringt  kein  Weinen,  ihn  erweckt  kein  Beten, 
Verschwendet  liegt  uns  Tag  und  Überfluß. 
Und  wo  wir  einst  im  Rausch  des  Schauens  lagen, 
Entatmend   überschwenglich   Wort   und    Kuß: 
Hat  schrecklich  uns  die  Faust  der  Tat  erschlagen. 

In  dem  furchtbaren  Elendsjahre,  das  dem  Kriege  folgte,  glaubte  die 
Intelligenz,  ihr  Wien,  das  alte,  große  Wien  völlig  untergehen  zu  sehen.  In 
■  dieser  Stimmung  schrieb  Karl  Hans  Strobl  seinen  phantastischen  Roman 
„Gespenster  im  Sumpf".  Da  ist  Wien  in  Hungersnot  und  Bürgerkrieg 
zugrunde  gegangen.  Die  Bevölkerung  ist  ausgestorben,  die  Häuser  sind  zer- 
fallen, Ratten  hausen  in  den  Trümmern.  Im  Trümmermeer  treiben  sich 
noch  ein  paar  Menschen  herum;  sie  nennen  sich  Staatssekretäre  und  ein 
Mann  namens  —  Laufer,  der  sich  Staatskanzler  nennt,  ist  der  Führer  der 
Bande.  Zuweilen  gelingt  es  ihnen,  eine  reiche  Amerikanerin,  die  neugierig 

—     f:03     —  u 


die  Trümmer  der  zerfallenen  Stadt  besichtigt,  zu  fanden  und  Lösegeld  Tür 
ihre  Befreiung  zu  fordern;  das  nennen  sie  Verniögcnsabgahe.  Am  Randfr 
der  Stadl  aber  liausen  in  Erdiiöhlen  noch  vertierte  Menschen;  unter  ihnen 
geht  die  Sage,  daß  einst  in  ihrer  Mitte  niächtige  Dämonen  gelebt  haben^ 
die  man  Betriebsräte  genannt  hat ... 

Dann,  als  sich  Wiens  Wirtschaftsleben  wicderlierzustellen  begann, 
sah  die  Intelligenz  zwar  nicht  mehr  den  Untergang  ihrer  Stadt,  aber  doch 
noch  den  Untergang  ihrer  Klasse.  Für  sie,  für  den  verelendeten  Mittelstand 
gibt  es  keine  Zukunft  in  der  Stadt  mehr.  Es  ist  die  Stimmung,  in  der 
Rudolf  Hans  Bartsch  seinen  , .Landstreicher"  geschrieben  hat.  Zur  Scholle 
müssen  wir  zurück,  wenn  wir  noch  leben  wollen.  Bauern  müssen  wir 
werden;  aber  freilich  „sublimierte  Bauern,  Bücher  lesende  Bauern,  Musik 
hörende  Bauern".  Und  der  Dichter,  von  allem  anderen  Geschehen  der 
Revolutionszeit  angewidert,  feiert  überschwenglich  die  Kleingarten-  und 
Siedlerbewegung  als  den  Beginn  der  Rückkehr  zur  Scholle. 

Gegen  das  emporsteigende  Schiebertum  auf  der  einen,  gegen  die 
erstarkte  Arbeiterklasse  auf  der  anderen  Seite  richtete  sich  der  Haß  der 
wirtschaftlich  verelendeten  Intelligenz.  Es  war  bürgerliche  Durchschnitts- 
auffassung des  Geschehens,  was  Thaddäus  Rittner  in  seinem  Roman 
„Geister  in  der  Stadt"  zu  einer  von  feiner  Ironie  durchzogenen  Erzählung 
gestaltete.  Da  herrschen  in  der  Stadt  „die  Muskeln  und  die  Finanzen".  Ihre 
Dienerschaft  aber  setzt  sich  aus  Künstlern  und  Gelehrten  zusammen;  sie 
bilden  nun  die  , .niederste  Schicht  der  Gesellschaft".  Sie  bemühen  sich, 
möglichst  unmanierlich  zu  essen  und  möglichst  ungebildet  zu  reden,  um 
nur  ihren  neuen  Herren  zu  gleichen.  Sie  verbeugen  sich  tief  vor  jedem 
„Straßenkehrer  und  Tramwayschaffner".  Es  ist  der  „Sieg  der  Materie  über 
den  Geist".  Aber  plötzlich  entsteht  in  der  Sta^dt  ein  Gespenstertheater,  das 
bald  alle  vergiftet.  Da  spricht  man  mit  einem  Male  wieder  von  anderen 
Dingen  als  vom  Gelde.  Das  Bedürfnis  nach  Kunst  und  Wissenschaft 
entsteht  wieder.  Und  nun  können  es  plötzlich  die  Unterdrücken,  die 
Künstler  und  Gelehrten,  wieder  wagen,  Forderungen  zu  stellen.  Nun 
bekommen  mählich  sie  wieder  die  Oberhand.  Die  Zeit  kommt,  wo  sich 
wieder  die  manuellen  Arbeiter  geknechtet  fühlen,  wieder  sie  sich  gegen  die 
herrschenden  Intellektuellen  verschwören  werden  . . . 

Das  gebildete  Bürgertum  sieht  seine  Zeit  wieder  kommen.  Freilich, 
die  alte  Herrschaft  in  dem  weiten  Reiche  ist  zerstört.  Alter  Reichtum  ist 
vernichtet.  Aber  man  kann  sich  auch  im  engeren  Räume  ein  neues  Haus- 
bauen.  Franz  Werfet  gestaltet  dieser  Hoffnung  den  Mythos  in  seinem 
„Bocksgesang".*  Da  hat  sich  der  „Ungetaufte",  das  Halbtier,  das  der  Gospo- 
dar  Milic  in  seinem  Stalle  gehalten  hat,  von  seinen  Fesseln  gerissen;  und 
sein  Anblick  hat  die  Revolte  der  „Landlosen"  entfesselt.  Es  ist  das 
Ungetaufte,  Ungezügelte,  das  Tierisch-Dämonische  im  Menschen,  Vi^as  die 
Revolution  entfesselt  hat;  und  die  satanische  Messe,  der  Kult  des  Tierisch- 
Dämonischen  ist  ihr  Inhalt.  Aber  die  Janitscharen  kommen  und  werfen  die 
„Landlosen"  nieder.  Wohl  ist  der  Besitz  des  Gospodars  zerstört;  aber  von 
der  ewigen  Furcht  vor  dem  Ungetauften  befreit,  der  Last  der  Herrschaft 
und  des  Besit>.es  ledig,  geht  er  daran,  sich  ein  neues  Haus  zu  bauen,  um 
mit  seinem  Weibe  ärmer  zwar,  aber  glücklicher  zu  wohnen. 

—    210    — 


Dieselbe  Eniwicklung  der  Stimmungc-n,  die  sich  so  deutlich  in  der 
Poesie  spiegelt,  können  wir  auch  in  unserer  wissenschaftlichen  Literatur 
beobachten.  Am  deutlichsten  natürlich  im  Bereich  der  Nationalökonomie. 
In  den  ersten  Monaten  nach  der  Revolution  entstand  die  umfangreiche 
akademische  Sozialisierungsliteratur.  Nach  wenigen  Monaten  schon 
schlug  die  Stimmung  um.  Nun  entstand  eine  Literatur  ganz  anderen 
Schlages.  Bücher  wie  Othmar  Spanns  „Wahrer  Staat"  und  Ludwig  Mises' 
„Gemeinwirtschaft"  sind  die  Repräsentanten  der  Gattung.  Jener  will  uns 
zu  Adam  Müller  zurückführen,  dieser  zu  Bentham.  Jener  zur  romanti- 
schen Staatsphilosophie,  dieser  zum  liberalen  Manchestertum.  Jener  ver- 
ficht das  Recht  der  „Arbeit  edleren  Stammes",  der  Arbeit  des  Künstlers 
und  Gelehrten;  dieser  verficht  weit  nüchterner  die  Freiheit  der  „Eigen- 
-tümer  der  Produktionsmittel".  Spann  repräsentiert  die  Flucht  der  durch  die 
Geldentwertung  verelendeten  bürgerlichen  Intelligenz  zum  romantischen 
Ideal  ständischer  Staatsordnung;  Mises  repräsentiert  das  wiedererwachte 
Selbstbewußtsein  des  durch  die  Geldentwertungskonjunktur  empor- 
getragenen Unternehmertums,  das  die  Befreiung  seiner  Unternehmer- 
tätigkeit von  allen  staatlichen  und  gewerkschaftlichen  Fesseln  heischt. 
Aber  beiden  gemein  ist  die  leidenschaftliche  Ablehnung  des  SoziaUsmus, 
der  leidenschaftliche  Haß  gegen  die  Arbeiterbewegung. 

So  gering  die  bürgerliche  Intelligenz  a.n  Zahl  ist,  so  groß  ist  ihr  Ein- 
fluß auf  die  Gesellschaft.  Immer  ist  es  sie  vor  allem,  die  die  „öffentliche 
Meinung"  formt.  Die  „öffentliche  Meinung"  begann  sich  gegen  die  Macht- 
stellung der  Arbeiterklasse,  gegen  den  Sozialismus  zu  wenden.  Breite 
Schichten  der  Intelligenz,  der  Beamtenschaft,  der  Angestelltenschaft,  des 
Kleinbürgertums,  die  im  Herbst  1918  von  der  roten  Flut  mitgerissen 
worden  waren,  standen  im  Sommer  1919  der  Sozialdemokratie  todfeind 
gegenüber.  Die  Herrschaft  des  Bürgertums  in  Staat  und  Gesellschaft 
wiederherzustellen,  alle  der  Arbeiterklasse  feindlichen  Kräfte  zu  diesem 
Zwecke  zu  vereinigen,  erschien  ihnen  nun  als  die  höchste  Aufgabe. 

Zugleich  aber  hatte  sich  auch  die  Stimmung  der  Bauernschaft  wesent- 
lich verändert.  In  sein  Dorf  zurückgekehrt,  war  der  ,, Heimkehrer"  gar 
bald  wieder  zum  Bauern  geworden.  In  seinem  Dorfe  litt  er  keine  Not.  Ihm 
fehlte  es  nicht  an  Nahrungsmitteln.  Die  Geldentwertung  erlaubte  es  ihm, 
seine  Hypothekenschulden  zurückzuzahlen.  Die  Grundsteuer  war  infolge 
der  Geldentwertung  bedeutungslos  geworden.  In  behaglichem  Besitz  vergaß 
der  Bauer  schnell,  was  er  in  der  Kaserne,  was  er  an  der  Front  erlebt, 
wie  das  Requisitionssystem  der  Kriegswirtschaft  in  seinem  Dorfe  gehaust 
hatte;  die  mächtige  demokratische,  dem  Militarismus,  der  Bürokratie,  dem 
Kriegsgewinnertum  feindliche  Bewegung,  die  in  den  ersten  Monaten  nach 
dem  Umsturz  durch  die  Dörfer  gegangen  war,  war  kurzer  Dauer. 
Damals  hatte  auch  der  Bauer  an  eine  Umwälzung  der  Eigentumsverhält- 
nisse gedacht.  Die  Bewegung  war  nicht  ganz  ohne  Ergebnis  geblieben. 
Nach  dem  Wiederbesiedlungsgesetz  vom  Mai  1919  sollten  die  Bauern- 
güter, die  seit  den  siebziger  Jahren  in  die  Hände  des  Großgrundbesitzes 
gefallen  waren,  enteignet,  zur  Begründung  neuer  Bauerngüter  und 
Häusleranwesen  verwendet  werden.  Durch  einige  Landesgesetze  wurden 
die  Servituten-  und  die  Jagdgesetzgebung  revidiert.  Aber  sehr  bald 
'erkannten  die  Herrenbauern,  daß  die  Revision  der  Grundeigentumsverhält- 

—     211     —  14. 


nisse  ihnen  selbst  gefährlich  zu  werden  drohte.  Die  Revolution  halte  die 
kleinen  Leute  im  Dorfe  geweckt.  Das  allgemeine  Wahlrecht  stärkte  ihne 
Macht  in  den  Gemeinden.  Der  Kampf  zwischen  den  Gemeinden  und  den 
Agrargemeinschaften,  zwischen  den  Häuslern  und  den  Rustikalisten  um 
das  Eigentum  an  den  alten  Gemeindoländereicn,  um  das  Nutzungsrecht 
am  Gemeindewald  und  an  der  Gemcindeweide  lebte  wieder  auf.  Die 
Pächterschutzverordnung  vom  5.  August  1919,  die  die  Anpassung  der 
Pachtzinse  an  die  Geldentwertung  hemmte  und  dadurch  einen  Teil  der 
Grundrente  vom  Grundeigentümer  auf  den  Pächter  übertrug,  war  ein  Sieg 
der  Kleinen  über  die  Großen  un  Dorfe.  Die  Großbauern  begannen  sich 
gegen  die  Revision  der  überlieferten  Eigentumsverhältnisse  zu  wehren. 
Nun  war  es  der  Bourgeoisie  leicht,  sie  gegen  die  „Sozialisierung"  aufzu- 
bieten. 

Die  Bewegung,  die  seit  dem  Umsturz  durch  die  Dörfer  ging,  war  vom 
Anfang  an  zwieschlächtigcn  Charakters  gewesen.  Aber  ihr  demokratischer 
Charakter  schwand  schnell;  desto  stärker  trat  ihr  der  Arbeiterklasse 
leindlicher  Klassencharakter  hervor.  Die  Revolution  hatte  ja  das  Dorf- 
proletariat erweckt.  Die  überaus  schnelle  Entwicklung  und  die  überaus 
großen  Erfolge  der  jungen  gewerkschaftlichen  Organisation  der  Land- 
und  Forstarbeiter  schreckte  den  Bauern.  Zugleich  erkannte  der  Bauer  den 
engen  Zusammenhang  zwischen  der  Bewegung  der  Landarbeiter  und 
der  Bewegung  des  Industrieproletarials.  Wenn  nach  acht  Stunden  die 
Fabrikpfeife  ertönte,  legte  auch  der  Bauernknecht  die  Hände  in  den  Schoß. 
Im  Dorfwirtshaus  hänselte  der  Eisenbahnarbeiter  den  Bauernknecht,  der 
mehr  als  acht  Stunden  arbeitete.  Im  Dorf  fehlte  es  an  Arbeitskräften, 
während  der  Staat  den  Arbeitslosen  in  der  Stadt  Unterstützungen  bezahlte. 
Überall  sah  der  Herrnbauer  seine  Interessen  denen  der  Arbeiterklasse 
entgegengesetzt:  im  Kampfe  um  die  Übernahmspreise  der  staatlichen 
Getreideverkehrsanstalt,  um  die  Wiederherstellung  des  freien  Handels,  um 
den  Ausbau  der  Besitzsteuern.  War  nicht  der  städtische  Unternehmer  sein 
natürlicher  Bundesgenosse  im  Kampfe  gegen  Achtstundentag  und  Arbeits- 
losenunterstützung, der  städtische  Kaufmann  sein  natürlicher  Bundes- 
genosse im  Kampfe  um  den  freien  Handel,  der  städtische  Kapitalist  sein 
natürlicher  Verbündeter  im  Kampfe  gegen  die  Vermögensabgabe  und  die 
Besitzsteuern?  Auch  im  Bauercwirtshaus  hieß  es  nun:  die  Sozialdemokratie 
ist  der  Feind! 

So  entwickelte  sich  allmählich  die  Einheitsfront  der  besitzenden 
Klassen  gegen  die  Arbeiterklasse.  Das  Bankkapital,  das  den  freien 
Devisenhandel  forderte;  das  industrielle  und  gewerbliche  Unternehmertum, 
das  sich  gegen  die  „sozialpolitischen  Lasten"  zur  Wehr  setzte;  das 
Handelskapital,  das  uni  den  freien  Handel  kämpfte;  die  neuen  Reichen, 
die  vor  der  Vermögensabgabe  zitterten;  die  untergehenden  Schichten  des 
Bürgertums  und  der  Intelligenz,  die  sich  über  die  „hohen  Löhne"  ent- 
rüsteten; die  Bauern,  die  die  Bewegung  der  Landarbeiter  schreckte  — 
sie  alle  vereinigten  sich  gegen  die  Arbeiterklasse.  Alle  inneren  Gegensätze 
innerhalb  der  Stadt-  und  Dorfbourgeoisie  erschienen  bedeutungslos  gegen- 
über dem  gemeinsamen  Gegensatz  gegen  das  Proletariat.  Der  jüdische 
Schieber  spendete  gern  für  den  Wahlfonds  der  bürgerlichen  Parteien, 
deren   Sieg  allein  ihn  vor  hohen  Resitzsteuern  und  vor  der  Anforderung 

212    — 


seiner  Devisen,  vor  schweren  „sozialpolitischen  Lasten"  und  vor  der  staat- 
lichen Reglementierung  seines  Handels  schützen  konnte;  was  verschlug 
es  ihm,  daß  sie  die  Sozialdemokratie  mit  antisemitischen  Argumenten 
bekämpften?  Was  gilt  die  Waffe,  mit  der  den  Feind  man  schlägt?  Die 
Waffe,  die  ihn  schlägt,  sie  ist  die  beste!  Der  Antisemitismus,  aus  der 
Erbitterung  des  untergehenden  Bürgertums  gegen  die  aufsteigende  neue 
Bourgeoisie  entstanden, '  wurde,  als  volkstümliches  Kampfmittel  gegen  die 
Sozialdemokratie  verwendet,  zum  Instrument  dieser  neuen  Bourgeoisie- 
selbst. 

Das  Erstarken  der  besitzenden  Klassen  war  ein  allmählich  fortschrei- 
tender Prozeß.  Er  begann  im  Sommer  1919  mit  dem  Siege  der  Konter- 
revolution in  Ungarn.  Er  wurde  beschleunigt,  als  seit  Mitte  1920  die- 
industrielle  Prosperitätsperiode  den  revolutionären  Erregungszustand  der- 
Arbeitermassen  überwand  und  das  Selbstvertrauen  der  Unternehmerklassen 
wieder  herstellte.  Er  schritt  weiter  fort,  als  die  Oktoberwahlen  1920  den 
Abfall  breiter  Mittelschichten  von  der  Sozialdemokratie  offenbarten  und  als 
die  Niederlagen  des  internationalen  Proletariats  in  den  .Jahren  1920  und  1921 
das  Proletariat  überall  in  die  Defensive  drängten.  So  flutete  nun  auch  in 
Österreich  die  Welle  der  Revolution  zurück. 


§  14.  Der  Kampf  um  die  Institutionen  der  Republik. 

Liteiatni : 

Die  Tätigkeit  des  Verbandes  der  sozialdemokratischen  Abgeordneten.  13.  Heft. 
Wien  1920. 

Deutscli,  Aus  Österreichs  Revolution.  Wien  1921.  —  Bauer,  Die  Offiziere  und 
die  Repubhk.  Wien  1921. 

Leichter,  Die  neue  „Linke".  „Der  Kampf",  1919.  —  Bauer,  Die  alte  und  die 
neue  Linke.  „Der  Kampf",  1920.  —  Rothe,  Die  Arbeitsgemeinschaft  revolutionärer 
Sozialdemokraten  Deutschösterreichs.  „Der  Kampf",  1920.  —  Friedrich  Adler, 
Referat  über  die  Arbeiterräte  und  die  Internationale  auf  dem  Parteitag  der  deutsch- 
österreichischen Sozialdemokratie  1921. 

Kelsen,  Die  Verfassungsgesetze  der  Republik  Österreich.  5.  Teil:  Die  Bundes- 
verfassung. Wien  1922.  —  Danneberg  und  Leuthner,  Verfassung  und  Sozial- 
demokratie. Wien  1920. 

Statistik  der  Nationalratswahlen  des  Jahres  1920.  , .Beiträge  zur  Statistik  der- 
Repubhk  Österreich."   11.  Heft.  Wien  1921. 


Nach  der  Ratifizierung  des  Friedensvertrages  von  St.  Germain  legte  die 
im  Februar  1919  gewählte  Koalitionsregierung  ihr  Amt  zurück.  Am 
17.  Oktober  1919  wurde  die  zweite  Koalitionsregierung  gewählt.  Der 
äußeren  Erscheinung  nach  handelte  es  sich  um  keine  Änderung  des 
Regierungssystems,  nur  um  eine  Änderung  der  persönlichen  Zusammen- 
setzung der  Regierung.  In  Wirklichkeit  zeigte  sich  schon  bei  der  Bildung,, 
erst  recht  in  der  Wirksamkeit  dieser  Regierung  die  Verschiebung  der  gesell- 
schaftlichen Machtverhältnisse,  die  seit  der  Konterrevolution  in  Ungarn, 
wirksam  geworden  war. 

In  der  Zeit  der  Bildung  der  ersten  Koalitionsregierung  bestanden  die 
stärksten  Gegensätze  zwischen  den  bäuerlichen  und  den  Wiener  Christlich - 

—    213    — 


•sozialen.  In  dem  Maße,  als  der  „Heimkehrer"  wieder  7.uni  Bauern  geworden 
war,  als  die  bäuerliche  Bewegung  den  starken  demokratischen  Charakter 
der  Umslur'zzeit  verloren  und  sich  immer  einseitiger  gegen  die  Arbeiter- 
klasse gewendet  hatte,  war  dieser  Gegensatz  überwunden  worden.  Es  w^ar 
den  Wiener  Klerikalen  gelungen,  die  bäuerlichen  Abgeordneten  allmählich 
wieder  ihrer  Führung  unterzuordnen.  Der  Prälat  Seipel  wurde  zum  tat- 
säclilichen  Führer  der  christlichsozialen  Partei.  So  trat  die  christlichsoziale 
Partei  in  die  zweite  Koalition  viel  gefestigter  ein  als  in  die  erste.  Die  erste 
Koalition  war  eine  Klassenallianz  der  Arbeiter  mit  den  Bauern.  Die  zweite 
Koalition  war  eine  banale  Parteienkoalition  der  Sozialdemokraten  mit  den 
Christlichsozialen. 

Die  Sozialdemokratie  teilte  die  Herrschaft  nun  nicht  mehr  mit  den 
Vertretern  der  Bauernschaft,  sondern  mit  dem  durch  die  städtischen 
Christlichsozialen  repräsentierten  Teil  des  Bürgertums,  der  nun  wieder  die 
bäuerlichen  Stimmen  kommandierte.  Das  Selbstbewußtsein  dieses  Bürger- 
tums aber  war  bereits  mächtig  erstarkt,  seitdem  es,  nach  den  Siegen  der 
Konterrevolution  in  Ungarn  und  in  Bayern,  vor  der  proletarischen 
Revolution  nicht  mehr  zitterte.  Es  beengte  die  Aktion  der  neuen  Regierung 
durch  die  Koalitionsvereinbarungen,  die  bei  der  Bildung  der  neuen 
Regierung  geschlossen  wurden,  und  durch  das  Koalitionskomitee,  unter 
dessen  Kontrolle  die  Tätigkeit  der  neuen  Regierung  gestellt  wurde.  Alle 
wichtigen  Regierungsakte  und  Gesetzesvorlagen  mußten  nunmehr  im 
Koalitionskomitee  zwischen  den  beiden  Parteien  vereinbart  werden.  Im 
Koalitionskomitee  hielten  die  Kräfte  beider  Parteien  einander  die  Wage. 
Die  erste  Regierung  Renner  war  das  Organ  der  Vorherrschaft  der  Arbeiter- 
klasse gewesen;  in  der  zweiten  Koalitionsregierung,  an  deren  Spitze 
gleichfalls  Renner  als  Staatskanzler  stand,  herrschte  bereits  ein  Gleich- 
gewichtsverhältnis zwischen  den   Kräften  der  in  ihr   vertretenen   Klassen. 

Nun  folgte  ein  unfruchtbarer  Stellungskrieg  zwischen  den  beiden 
koalierten  Parteien.  Jede  der  beiden  Parteien  war  stark  genug,  die  andere 
am  Handeln  zu  hindern,  keine  stark  genug,  der  anderen  ihren  Willen 
aufzuzwingen.  Die  Aktionskraft  der  Regierung  und  der  Gesetzgebung  war 
gelähmt.  Der  Friedensvertrag  zwang  uns,.,  unsere  Wehrverfassung  zu 
ändern.  Die  Konstituierende  Nationalversammlung  mußte,  nachdem  der 
Friedensvertrag  unser  Staatsgebiet  umgrenzt  und  uns  den  Anschluß  an 
Deutschland  verwehrt  hatte,  der  Republik  ihre  Verfassung  geben.  Die 
Geldentwertung  erforderte  Maßregeln,  die  den  zerrütteten  Staatshaushalt 
in  Ordnung  bringen  sollten;  über  die  von  der  Sozialdemokratie  geforderte 
Vermögensabgabe  mußte  die  Entscheidung  fallen.  Aber  über  alle  diese 
Probleme  konnten  sich  die  koalierten  Parteien  nicht  einigen.  Die  Maschine 
der  Gesetzgebung  stand  still. 

Koch  einmal  gelang  es,  diesen  Lähmungszustand  zu  überwinden.  Es 
tedurfte  dazu  eines  mächtigen  äußeren  Anstoßes.  Am  13.  März  192Ü 
wurde  in  Österreich  der  Einmarsch  der  Döberitzer  Truppen  in  Berlin, 
der  Putschversuch  der  reichsdeutschen  Konterrevolution,  bekannt.  Die 
Massen  sahen  die  deutsche  Republik  bedroht.  Die  Massen  begriffen  sofort, 
daß  damit  auch  die  österreichi?che  Republik  in  Gefahr  geriet.  Große  Er- 
regung packte  die  Betriebe  und  die  Kasernen.  Schon  am  folgenden  Tage 
demonstrierten   die   Volkswehrbataillone   und   die   Arbeitermassen    auf   der 

—    2U    — 


Ringstraße  gegen  die  KonterreA'olution.  Im  Deutschen  Reich  erhob  sich,. 
von  der  Regierung  selbst  zum  Kampf  gerufen,  das  Proletariat.  Es  war  nicht 
vorauszusehen,  wie  weit  der  Generalstreik  des  deutschen  Proletariats- 
.führen,  nicht  vorauszusehen,  wie  weit  er  die  erregten  Massen  des  öster- 
reichischen Proletariats  mitreißen  werde.  Die  österreichische  Bourgeoisie 
war  eingeschtichtert.  Wir  benützten  diese  Krise,  um  den  Widerstand  der 
Christlichsozialen  gegen  das  von  Julius  Deutsch  vorgeschlagene  Wehr- 
gesetz zu  brechen.  Die  Christlichsozialen  gaben  nach.  In  den  Tagen  des 
Kapp-Putsches  v/urde  das  Wehrgesetz  von  der  Nationalversammlung  be- 
schlossen. 

Der  äußere  Rahmen  der  Wehrverfassung  war  uns  durch  den  Friedens- 
vertrag vorgeschrieben.  Die  Organisation  der  Volkswehr  entsprach  den 
Bestimmungen  des  Friedensvertrages  nicht.  An  Stelle  der  Volkswehr  mußte 
also  eine  neue  Wehrmacht  geschaffen  werden.  Seit  dem  Siege  der  Konter- 
revolution in  Ungarn  fühlten  wir  uns  vom  Osten  her  bedroht;  wir  brauchten 
ein  kampffähiges  Heer,  um  erforderlichenfalls  unsere  Grenzen  gegen  Ein- 
bruch der  ungarischen  Truppen,  unsere  republikanische  Verfassung  gegen 
die  auf  Ungarn  gestützte  habsburgische  Konterrevolution  zu  schützen.  Die 
Kampffähigkeit  des  Heeres  setzt  Disziplin  voraus.  Im  Oktober  1918  war  die 
Kommandogewalt  der  Offiziere  zusammengebrochen.  In  der  Volkswehr 
waren  die  Offiziere  machtlos.  Die  v/irkliche  Macht  lag  in  den  Händen  der- 
Soldatenräte,  unter  deren  Kontrolle  allein  die  Offiziere  befehlen  konnten. 
Dabei  konnte  es  nicht  bleiben.  Wollten  wir  ein  kampffähiges  Heer  haben, 
so  mußte  die  Befehlsgewalt  der  Offiziere  wiederhergestellt  werden.  Aber  so 
notwendig  die  Wiederherstellung  der  militärischen  Disziplin  in  unserem 
Heere  war,  so  gefährlich  war  sie.  Wohl  hatte  Deutsch  seit  dem  Umsturz, 
viele  Mannschaftspersonen  zu  Offizieren  ernannt;  diese  „Volkswehr- 
leutnants" sollten  nun  auch  in  die  neue  Wehrmacht  als  Offiziere  über- 
treten. Aber  die  überwiegende  Mehrheit  der  Offiziere  mußte  doch  dem 
Offizierskorps  der  alten  k.  u.  k.  Armee  entnommen  werden.  Es  war  ein 
reaktionär  gesinntes,  ein  in  monarchistischen  Traditionen  erzogenes- 
Offizierskorps,  dessen  Kommandogewalt  wiederhergestellt  werden  sollte.- 
Hätten  wir  die  Wehrmänner  schrankenloser  Gewalt  eines  solchen  Offiziers- 
korps ausgeliefert,  dann  wäre  die  neue  Wehrmacht  zu  einem  blinden' 
Werkzeug  der  Monarchisten  gegen  die  Republik,  der  nach  gewaltsamer 
Konterrevolution  lüsternen  Bourgeoisie  gegen  das  Proletariat  geworden.  Wie- 
groß diese  Gefahr  war,  zeigte  soeben  der  Kapp-Putsch  in  Deutschland:  dort 
hatte  sich  ja  soeben  die  Armee  der  Republik  gegen  die  Republik  erhoben. 
Es  galt  also,  zwar  einerseits  die  Befehlsgewalt  der  Offiziere  und  die  Disziplin 
der  Mannschaft  wiederherzustellen,  aber  anderseits  hinreichende  Bürg- 
schaften dafür  zu  schaffen,  daß  Befehlsgewalt  und  Disziplin  nicht  dazfu. 
mißbraucht  werden  können,  die  Wehrmacht  in  ein  Werkzeug  der  politi- 
schen und  der  sozialen  Reaktion  zu  verwandeln.  Das  war  die  überaus^ 
schwierige  Aufgabe,  die  unsere  Wehrgesetzgebung  lösen  sollte. 

Wir  stellten  die  alten  Militärgerichte  nicht  wieder  her,  die  Recht- 
sprechung über  militärische  Delikte  wurde  den  Zivilgerichten  übertragen.. 
Die  Bestimmungen  des  Militärstrafgesetzes  wurden  gemildert.  Aber  es 
traten  nun  doch  wieder  Bestimmungen  in  Kraft,  die  jede  Verletzung  der 
militärischen.  Gehorsamspflicht  mit  strengen  Strafen  bedrohen.  Wir  stellten.. 

-    215    — 


die  Diszipliimrslrafgowalt  der  Vorgesetzten  und  die  en lehrenden  Freiheils- 
inid  Körperstrafen  des  Disziplinarslrafrechles  der  k.  u.  k.  Armee  niclit 
wieder  her.  Die  Disziplinarstrafgewalt  über  die  Wehrniänner  wurde  aus 
der  Mannschaft  selbst  gebildeten  Disziplinarkonunissioncn  übertragen.  Aber 
die  Strafen,  die  diese  Disziplinarkommissionen  zu  verhängen  haben  — 
Kürzung  der  Bezüge,  Ausschließung  aus  dem  Heere  —  sind  doch  hart  genug, 
um  die  Disziplin  in  dem  neuen  Heere  zu  erzwingen.  Durch  die  Militär- 
strafgesetznovelle und  das  Disziplinargesetz  wurde  die  eine  Aufgabe  wirk- 
sam gelöst:  die  militärische  Disziplin  wieder  herzustellen.  Das  VVehrgesetz 
mußte  die  andere  Aufgabe  lösen:  die  Garantien  zu  schaffen,  daß  die  Wehr- 
männer freie  Männer  bleiben,  die,  diszipliniert  im  täglichen  gesetzlichen 
Dienstbetrieb,  doch  selbstbewußt  genug  bleiben,  den  Gehorsam  zu  ver- 
weigern, wenn  die  Befehlshaber  sie  zu  Zwecken  der  Reaktion,  der  IConter- 
revolution  mißbrauchen  wollen.  Zu  diesem  Zwecke  bestimmt  das  Wehr- 
gesetz zunächst,  daß  die  Wehrmänner  im  vollen  Genuß  aller  Rechte  als 
Staatsbürger,  vor  allem  des  Wahl-,  des  Vereins-  und  des  Versammlungs- 
rechtes bleiben;  diese  Bestimmung  ermöglichte  es  uns,  die  Wehrmänner  im 
,, Militärverband",  der  Gewerkschaft  der  Heeresangehörigen,  zusammen- 
zufassen, der  nicht  nur  die  materiellen  Interessen  der  Wehrmänner  zu 
wahren,  sondern  auch  für  die  Erziehung  der  VVehrmänner  im  republikani- 
schen und  sozialistischen  Geist  zu  sorgen  hat.  Zu  demselben  Zwecke  führte 
das  Wehrgesetz  auch  in  die  neue  V^ehrmacht  die  Institution  der 
Soldatenräte,  'wenngleich  mit  verändertem  Aufbau  und  engerem  Kom- 
petenzenkreis, ein;  nicht  nur  als  Wahrer  der  Rechte  und  Interessen  der 
Wehrmänner,  sondern  auch  als  Hüter  des  republikanischen  Charakters  der 
Armee  wurden  von  den  Wehrmännern  freigewählte  Vertrauensmänner  jeder 
Kommandostelle  beigegeben.  Wie  die  Wehrmänner  diese  Rechte  zu  ge- 
brauchen verstehen,  hängt  freilich  von  der  Zusammensetzung  der  Wehr- 
mannschaft ab.  Wir  waren  darum  darauf  bedacht,  in  das  Wehrgesetz  Be- 
stimmungen aufzunehmen,  die  die  Werbung  tüchtiger,  selbstbewußter  Ar- 
beiter für  das  neue  Heer  erleichtern  sollten.  Zu  diesem  Zwecke  ermöglicht 
das  Wehrgesetz  den  Wehrmännern  den  Aufstieg  in  das  Offizierskorps;  zu 
demselben  Zwecke  bestimmt  das  Wehrgesetz,  daß  den  Wehrmännern,  die 
nicht  in  die  Offiziersschulen  aufgenommen  werden,  in  ihrer  Dienstzeit  Ge- 
legenheit zu  ihrer  beruflichen  Aus-  und  Fortbildung  für  ihr  späteres  Leben 
geboten  werden  soll. 

Das  Wehrgesetz  schuf  so  einen  eigenartigen,  sich  in  keinem  Heere 
der  Welt  wiederholenden  Dualismus,  der  sich  durch  die  ganze  Struktur 
der  Wehrmacht  der  Republik  zieht;  den  DualismiUS  zwischen  militärischer 
Disziplin  und  staatsbürgerlicher  Freiheit,  zwischen  militärischer  Hierarchie 
und  gewerkschaftlicher  Organisation,  zwischen  der  Kommandogewall 
des  Vorgesetzten  und  dem  Kontrollrecht  des  Vertrauensmannes,  zwischen 
militärischer  und  beruflicher  Ausbildung.  Daß  dieser  Dualismus  innere 
Schwierigkeiten  innerhalb  der  Wehrmacht  hervorruft,  ist  unleugbar.  Aber 
dieser  Dualismus  ist  unentbehrlich,  wenn  nicht  die  Kommandogewalt  der 
aus  der  kaiserlichen  Armee  übernommenen  Offiziere  die  Armee  in  ein 
Instrument  zum  Umsturz  der  republikanischen  Staatsverfassung,  zur 
gewaltsamen  Niederwerfung  der  Arbeiterklasse  verwandeln  soll. 
Erst   wenn    das    alte   kaiserliche   Offizierskorps   durch    ein   neues,   aus   der 

—     216     - 


Mannschaft  des  republikanischen  Heeres  selbst  hervorgegangenes,  nicht 
mehr  von  monarchistischen  Traditionen  beherrschtes,  nicht  mehr  sozial 
und  politisch  reaktionäres  Offizierskorps  ersetzt  sein  wird,  werden  wir  jenes 
System  von  Gegengewichten  gegen  die  Kommandogewalt  des  Offizierskorps, 
jenes  System  von  Institutionen  entbehren  können,  durch  die  das  Welir- 
gesetz  den  Mißbrauch  der  Kommandogewalt  zu  den  Zwecken  der  sozialen 
und  der  politischen  Reaktion  zu  verhüten  versucht. 

Sobald  das  Wehrgesetz  beschlossen  war,  ging  Deutsch  daran,  die  neue 
Wehrmacht  —  das  „Bundesheer",  wie  sie  seit  dem  November  1920  heißt  — 
aufzustellen.  Ihre  Aufstellung  in  kurzer  Zeit  war  eine  bedeutende  organi- 
satorische Leistung;  die  Leistung  vor  allem  des  Amtsleiters  des  Staatsamtes 
für  Heerwesen,  des  Generals  Körner,  eines  der  besten  Offiziere  der  alten 
kaiserlichen  Armee,  der  seit  dem  Umsturz  sein  großes  militärisches  Können 
und  seinen  im  besten  Sinne  des  Wortes  soldatischen  Charakter  treu  in  den 
Dienst  der  Republik  gestellt  hat.  Die  Füllung  der  Kaders  des  Bundesheeres 
war  vor  allem  die  Sorge  der  Sozialdemokratie;  es  gelang  uns,  die  besten 
Elemente  der  Volkswehr  in  das  Bundesheer  überzuführen,  viele  junge 
Parteigenossen  zum  Eintritt  in  das  Bundesheer  zu  bewegen,  die  über- 
wiegende Masse  der  Wehrmänner  in  dem  „Militärverband"  zu  vereinigen 
und  die  überwiegende  Mehrheit  der  Soldatenräte  unter  unsere  Führung 
zu  stellen.  Der  Übergang  von  der  Volkswehr  zum  Bundesheer  konnte  sich 
freilich  nicht  ohne  Schwierigkeiten  vollziehen.  Einerseits  lehnten  sich  die 
Wehrmänner,  an  die  so  ganz  anderen  Verhältnisse  innerhalb  der  Volks- 
wehr gewöhnt,  in  der  ersten  Zeit  sehr  oft  und  sehr  leidenschaftlich  gegen 
die  Wiederherstellung  der  Kommandogewalt  der  Offiziere  auf.  Anderseits 
versuchten  es  die  Offiziere  sofort,  die  auf  dem  Wehrgesetz  beruhende 
Tätigkeit  der  Soldatenräte  zu  hindern  und  den  militärischen  Dienstbetrieb 
wieder  in  die  alten,  ihnen  aus  der  kaiserlichen  Armee  vertrauten,  mit  dem 
Selbstbewußtsein  der  republikanischen  Wehrmannschaft  unvereinbaren 
Formen  zu  zwingen.  Dies  führte  zu  häufigen  Konflikten,  die  schließlich 
mit  Anklagen  wegen  Meuterei  und  Gehorsamsverletzung  vor  den  Gerichten 
endeten;  die  harten  Urteile,  von  dem  Klassenhaß  der  Bourgeoisie  gegen 
die  Wehrmannschaft,  die  die  Bourgeoisie  als  eine  Stütze  der  Machtstellung 
des  Proletariats  haßte,  eingegeben,  verschärften  nur  die  Gegensätze  inner- 
halb des  Bundesheeres.  Allmählich  aber  gelang  es  doch,  diese  Schwierig- 
keiten der  Übergangsperiode  zu  überwinden,  die  Institutionen  der  neuen 
Wehrverfassung  in  regelmäßigen  Gang  zu  setzen,  der  in  dem  Maße,  als 
sie  sich  einlebten,  immer  seltener  durch  Reibungen  und  Konflikte  gestört 
wurde. 

Die  Volkswehr,  in  den  Sturmtagen  der  Revolution  entstanden,  war  ein 
Instrument  proletarischer  Offensivkraft  gewesen.  Aber  eine  revolutionäre 
Improvisation,  konnte  sie  nur  in  der  Revolutionszeit  bestehen  bleiben;  ohne 
geordneten  Dienstbetrieb,  ohne  militä'/ische  Disziplin,  konnte  sie  ein  dauer- 
haftes Gebilde  nicht  sein.  Das  Bundesheer,  in  einer  Zeit  aufgestellt,  in  der 
die  Wogen  der  Revoluton  bereits  zurückfluteten,  ist  ganz  anderen  Wesens. 
Es  ist  in  einer  Zeit  entstanden,  in  der  das  Proletariat  nicht  neue  Eroberungen 
machen  konnte,  aber  die  wesentlichen  Errungenschaften  der  voraus- 
gegangenen Revolutionsperiode  befesiigen,  sie  in  dauerhafte  Institutionen 
der  Republik  verwandeln  mußte.  Das  ist  durch  die  Aufstellung  des  neuen 

—    217    — 


"Bundesheeres  in  hohem  Maße  gelungen.  In  dem  GleichgcwichlsverhäUnis 
zwischen  der  Konimandogewalt  des  Offizierskorps  einerseits  und  der  Or- 
ganisation dor  .Mannschaft  durch  MiUtärverband  und  Vertrauensmänner 
anderseits  spiegelt  sich  das  Gleichgewicht  zwischen  den  Kräften  der 
Klassen,  das  m  der  Periode  der  Entstehung  des  Bundesheeres  bestand.  In- 
folge der  Wiederherstellung  der  Kommandogewalt  des  Offizierskorps  kein 
Instrument  proletarischer  Offensivkraft  mehr,  ist  das  Bundesheer  doch 
dank  der  Zusammensetzung  und  der  Organisation  seiner  Mannschaft  und 
dank  den  Rechten,  mit  denen  das  Wehrgesetz  seine  Mannschaft  ausstattete, 
auch  kein  Instrument  der  Offensive  der  Konterrevolution.  Die  Garantien 
gegen  den  Mißbrauch  der  Ivommandogewalt,  die  das  Wehrgesetz  enthält, 
sichern  vor  allem  die  Republik  dagegen,  daß  das  Bundesheer  zu  einem  Werk- 
zeug monarchistischer  Konterrevolution  wird,  wie  es  die  deutsche  Reichswehr 
in  den  Tagen  des  Kapp-Putsches  geworden  ist.  Die  Waffen  in  den. Händen 
einer  klassenbewußten  proletarischen  Wehrmannschaft  schützen  darüber 
hinaus  das  Proletariat  vor  gewaltsamer  Niederwerfung  durch  eine  bewaff- 
nete Konterrevolution.  In  der  Zeit  der  schwersten  Gefahr,  in  der  Zeit  der 
Kämpfe  um  das  Burgenland  ist  dieser  Heeresmechanismus  zum  erstenmal 
in  Wirksamkeit  getreten  und  hat  sich  damals  unzweifelhaft  bewährt.  Die 
Wiederherstellung  der  militärischen  Disziplin  hat  dem  Bundesheer  die 
innere  Ordnung  und  die  Aktionsfähigkeit  gegeben,  die  sich  bei  der  Be- 
setzung des  Burgenlandes  bewährt  hat.  Der  republikanische  Geist  und  die 
sozialistische  Überzeugung  der  Wehrmannschaft  haben  ihre  Wachsam- 
keit und  ihre  Kampfkraft  im  Kampfe  gegen  die  Banden  der  magyarischen 
Konterrevolution  gewaltig   erhöht. 

Die  bürgerlichen  Parteien  hatten  in  den  Tagen  der  großen  Erregung, 
die  der  Kapp-Putsch  hervorrief,  dem.  Wehrgesetz  zugestimmt.  A»ls  aber  der 
Generalstreik  der  Arbeiter  im  Deutschen  Reiche  ohne  anderes  Ergebnis 
endete  als  mit  der  bloßen  Wiederherstellung  der  Republik,  bereuten  es  die 
Christlichsozialen,  daß  sie  sich  in  den  Tagen  der  großen  Erregung  hatten 
überrumpeln  lassen.  Jetzt  empfanden  sie  das  Wehrgesetz  als  eine  schwere 
Niederlage  des  Bürgertums.  Die  Gegensätze  zwischen  den  koalierten 
Parteien  verschärften  sich.  Der  Stellungskrieg  im  Koalitionskabinett  und  im 
Koalitionskomitee  begann  von  neuem.  Der  Widerstand  der  Christlichsozialen 
gegen  alle  unsere  Forderungen  erstarkte  nun  wieder. 

Je  stärker  innerhalb  der  Koalition  der  Widerstand  des  Bürgertums  wurde, 
desto  stärker  lehnte  sich  die  Arbeiterschaft  gegen  die  Koalitionspolitik  auf. 
Es  gab  innerhalb  der  Arbeiterschaft  keine  starke  Opposition  gegen  die 
Koalitionspolitik,  solange  die  Koalitionsregierung  ein  Instrument  der  Vor- 
herrschaft der  Arbeiterklasse  war.  Sobald  sich  aber  innerhalb  der  Koalition 
die  Kräfte  der  Klassen  die  Wage  hielten  und  ihre  Opposition  gegeneinander 
die  Koalitionsregierung  unfruchtbar  machte,  entwickelte  sich  innerhalb  der 
Arbeiterschaft  eine  schnell  erstarkende  Opposition  gegen  die  Koalitions- 
politik. Schon  im  Jahre  1919  hatte  sich  innerhalb  der  Wiener  Arbeiterräte 
eine  Gruppe  von  Parteigenossen  zusammengeschlossen,  die  sich  —  im 
Gegensatz  zu  der  „Linken"  der  Kriegszeit  —  die  „neue  Linke"  nannte,  sich 
innerhalb  der  Wiener  Arbeiterräte  als  „Sozialdemokratische  Arbeits- 
gemeinschaft revolutionärer  Arbeiterräte"  konstituierte  und  eine  eigene 
Wochenschrift  herausgab.   Diese  Gruppe   forderte  grundsätzlich   die   Räte- 

—    21Ö    — 


diktatur,  sie  glaubte,  die  Koalitionspolitik  sei  ein  Abfall  der  Partei  von  den' 
Grundsätzen  des  Klassenkampfes,  sie  näherte  sich  in  der  Opposition  gegen 
die  Parteiführung  den  Kommunisten.   Im  Frühjahr  und  Sommer  1920  er- 
langte diese  Opposition  innerhalb  der  Partei  einige  Bedeutung. 

Es  war  dies  die  Zeit,  in  der  die  militärischen  Siege  der  russischen  Sowjet- 
republik den  leidenschaftlichen  Enthusiasmus  des  ganzen  internationalen 
Proletariats  erweckten.  In  der  Zeit  des  russisch-polnischen  Krieges  setzten 
die  Arbeiterräte  Kontrollausschüsse  ein,  die  den  Eisenbahnverkehr  ihrer 
Kontrolle  unterwarfen  und  mit  sehr  großem  Erfolg  den  Schleichhandel  mit 
.Waffen  und  Munition  nach  Polen  und  Ungarn  bekämpften.  Aber  waren  die 
Arbeiterräte  einig  in  dieser  Aktion  der  Solidarität  mit  der  russischen  Revo- 
lution, so  wurde  ein  Teil  der  Arbeiterräte  durch  den  allgemeinen 
Enthusiasmus  für  die  russische  Revolution  der  bolschewistischen  Ideologie 
in  die  Arme  geworfen.  In  der  Unabhängigen  Sozialdemokratie  Deutschlands, 
in  der  sozialistischen  Partei  Frankreichs,  in  beiden  sozialdemokratischen 
Parteien  der  Tschechoslowakei  bereitete  sich  damals  die  Parteispaltung  vor; 
große  Teile  dieser  Parteien,  bereits  in  den  Bann  des  Bolschewismus  geraten, 
forderten  den  Anschluß  an  die  Moskauer  Internationale.  Diese  Welle  des 
Bolschewismus,  die  durch  ganz  Europa  ging,  mußte  auch  die  Denkweise 
breiter  Schichten  der  österreichischen  Arbeiterschaft  beeinflussen.  Und 
dieser  Einfluß  mußte  um  so  stärker  werden,  da  die  österreichische  Arbeiter- 
schaft fühlte,  daß  ihr  Einfluß  innerhalb  der  Koalition  schwächer  wurde,  die 
Ergebnisse  ihrer  auf  dem  Boden  der  Demokratie  geführten  Kämpfe  spärlicher 
wurden.  So  wuchs  der  Einfluß  der  „neuen  Linken".  Sie  gab  der  Opposition 
der  Massen  gegen  die  Koalitionspolitik  Ausdruck;  ihre  Agitation  nährte  und- 
stärkte  die  Auflehnung  der  Massen  gegen  die  Koalitionspolitik. 

In  den  Arbeiterräten  traten  die  Kommunisten  und  die  in  der  „Arbeits- 
gemeinschaft" organisierte  „neue  Linke"  als  kleine,  aber  geschlossene 
Gruppen  auf.  Die  anderen  Arbeiterratsmitglieder,  die  die  überwiegende 
Mehrheit  bildeten,  waren  nicht  in  einer  Fraktion  organisiert;  von  ihnen 
stimmte  jeder  nach  seiner  persönlichen  Überzeugung.  Je  unzufriedener  die 
Massen  mit  der  Koalitionspolitik  wurden,  desto  häufiger  gelang  es  den  Kom- 
munisten und  der  „Arbeitsgemeinschaft",  einen  großen  Teil  der  keiner  Frak- 
tion angehörigen  Arbeiterratsmitglieder  mitzureißen,  sie  für  ihre  Anträge 
zu  gewinnen.  Auf  diese  Weise  verfügte  die  „neue  Linke"  in  der  dritten 
Tagung  des  Reichsarbeiterrates  Anfang  Juni  1920  bereits  über  die  Mehrheit 
der  Stimmen. 

Wir  sahen,  daß  die  Koalition  infolge  des  erstarkten  Widerstandes  des 
Bürgertums  unfruchtbar  geworden  war;  daß  keine  Aussicht  mehr  bestand, 
uns  mit  den  Christlichsozialen  über  die  großen  aktuellen  Fragen,  über  die 
Verfassung,  über  die  Vermögensabgabe,  über  die  Organisation  der  Getreide- 
bewirtschaftung im  nächsten  Erntejahr  zu  verständigen.  Wir  sahen  ander- 
seits, daß  immer  breitere  Schichten  der  Arbeiterschaft  die  Auflösung  der 
Koalition  forderten.  Schon  lange  vor  der  dritten  Tagung  des  Reichsarbeiter- 
rates waren  wir  entschlossen,  die  Koalition  zu  sprengen.  Aber  wir  durften 
das  nicht  sofort  tun.  Vorerst  mußte  die  Partei  noch  kurze  Zeit  in  der  Re- 
gierung bleiben,  um  noch  einige  für  das  Proletariat  wichtige  Arbeiten  abzu- 
schließen. Deutsch  beschleunigte  die  Aufstellung  des  neuen  Bundesheeres 
\.nd  den  Abbau  des  alten  Offizierskorps;  Glöckel  barg  noch  die  wichtigsten  . 

—    219    — 


Maßregeln  der  Scliulrclonn;  llaiuisch  becillc  sieh,  noch  einige  wichtige 
Gesetze  und  -Verordnungen,  die  die  sozialpolitische  Gesetzgebung  der  ersten 
Koalitionsregierung  ergänzen  sollten,  durchzusetzen.  Die  Gesetze  über  die 
Einigungsämtor  und  die  kollektiven  Arbeitsverträge,  über  die  Errichtung 
der  Arbeiter-  und  Angestelltenkanunern,  Sondergesetze  und  Verordnungen 
über  den  üienstverlrag  der  Hausgehilfinnen  und  über  die  Arbeitsverhält- 
nisse einzelner  Arbeiterkategorien  (Gastgewerbe,  Rechtsanwaltskanzleien), 
vor  allem  aber  das  Gesetz  vom  24.  März  1920,  das  an  die  Stelle  der  nur 
als  provisorische  Einrichtung  geschaffenen  staatlichen  Arbeitslosenunter- 
stützung die  dauernde  Institution  der  Arbeitslosenversicherung  setzte,  sind 
die  sozialpolitischen  Früchte  der  zweiten  Koalition.  Erst  als  diese 
wichtigen  Errungenschaften  der  Arbeiterklasse  geborgen  waren,  durften 
wir  dem  Druck  der  Arbeitermassen  nachgeben,  die  Koalition  auflösen. 

Den  Anlaß  dazu  bot  der  Streit  um  die  Durchführung  des  Wehrgesetzes. 
Am  25.  Mai  hatte  Deutsch  einen  Erlaß  ausgegeben,  der  die  Befugnisse  der 
Soldatenräte  regelte.  Dieser  Erlaß  wurde  von  den  bürgerlichen  Parteien  heftig 
bekämpft.  In  der  Sitzung  der  Nationalversammlung  am  10.  Juni  sahen  wir 
uns  einer  Koalition  der  Ghristlichsozialen  und  der  Großdeutschen  gegenüber, 
die  vereint  gegen  Deutsch  losgingen.  Im  Verlauf  der  heftigen  Debatte  wagte 
es  Kunschak,  mit  der  Auflösung  der  Koalition  zu  drohen,  Wir  nahmen  ihn 
beim  Worte.  Die  sozialdemokratischen  Regierungsmitglieder  demissionierten. 
Die  Arbeiterschaft  nahm  die  Nachricht  von  der  Sprengung  der  Koalition  mit 
Jubel  auf. 

Wir  forderten  die  bürgerlichen  Parteien,  die  am  10.  Juni  gegen  uns 
vereinigt  gewesen  waren,  auf,  allein  eine  Regierung  zu  bilden.  Die  bürger- 
lichen Parteien  wagten  dies  nicht.  Sie  lehnten  jede  Regierungsbildung  ohne 
unsere  Teilnahme  ab.  So  war  die  Nationalversammlung  nicht  mehr  fähig, 
eine  Regierung  aus  ihrem  Schöße  hervorzubringen.  Die  Parteien  einigten 
sich  daher,  Neuwahlen  auszuschreiben  und  mit  der  Führung  der  Re- 
gierungsgeschäfte bis  zu  den  Wahlen  eine  aus  allen  Parteien  mi  Verhältnis 
ihrer  Stärke  zusammengesetzte  Regierung,  die  sogenannte  Proporzregierung, 
-ZU  betrauen.  Die  Proporzregierung  wurde  am  7.  Juli  1920  gewählt. 

Die  Wirkungen  der  Sprengung  der  Koalition  zeigten  sich  sofort.  So- 
lange die  Koalition  bestand,  wurden  die  Streitfragen  zwischen  den  koalierten 
Parteien  innerhalb  des  Koalitionskomitees  bereinigt;  war  im  Komitee  eine 
Vereinbarung  geschlossen,  so  mußten  in  der  Nationalversammlung  die 
koalierten  Parteien  vereint  stimmen.  Die  Christlichsozialen  konnten  also 
ihre  Stimmen  nicht  mit  denen  der  Großdeutschen  gegen  uns  vereinigen. 
Nicht  die  bürgerliche  Mehrheit  entschied  gegen  die  sozialdemokratische 
Minderheit,  sondern  durch  das  Kompromiß  zwischen  zwei  gleich  starken 
Parteien  innerhalb  des  Koalitionskomitees  wurde  die  Entscheidung  gefällt. 
Das  wurde  nun  anders.  Es  gab  keine  Koalition  mehr.  Der  Proporzre^ierung 
gegenüber  hatten  sich  alle  Parteien  volle  Freiheit  gewahrt.  Jede  Partei 
konnte  nun  stimmen,  wie  es  ihr  beliebte.  Die  Christlichsozialen  und  die 
Großdeutschen  konnten  ihre  Stimmen  gegen  uns  vereinigen,  uns  nieder- 
stimmen. Jetzt  erst  wurde  die  Tatsache  wirksam,  daß  die  Nationalver- 
sammlung eine  bürgerliche  Mehrheit  hatte. 

In  der  Tat  standen  wir  sofort  nach  der  Auflösung  der  Koalition  einer 
bürgerlichen   Koalition  gegenüber.   Wir  hatten   uns  innerhalb  der  zweiten 

—     220     — 


Koalition  mit  den  Cliristl ichsozialen  über  die  Gestaltung  der  Vermögens- 
abgabe und  über  den  Aufbau  der  staatlichen  Getreidebewirtschaftung  nicht 
einigen  können;  jetzt  entschied  die  bürgerliche  Koalition  gegen  uns  über 
beide  Fragen.  Am  21.  Juli  stimmte  die  Nationalversammlung  über  die  Ver- 
mögensabgabe ab.  Die  bürgerliche  Mehrheit  stimmte  unsere  Anträge  nieder. 
Die  Fassung,  die  sie  dem  Gesetz  gab,  setzte  die  Abgabe  so  niedrig  fest  und 
sie  verteilte  die  Einzahlungsfristen  auf  einen  so  großen  Zeitraum,  daß  der 
Zweck  des  Gesetzes,  das  Staatsdefizit  für  längere  Zeit  auf  Kosten  der  be- 
sitzenden Klassen  zu  bedecken  und  dadurch  die  Stillegung  der  Banknoten- 
presse zu  ermöglichen,  nicht  erreicht  werden  konnte.  Am  6.  Juli  wurde  über 
das'Getreidebewirtschaftungsgesetz  abgestimmt.  Die  bürgerliche  Mehrheit  hob 
die  straffe  Getreidebewirtschaftung  auf;  das  von  ihr  gegen  uns  beschlossene 
Gesetz  war  der  erste  entscheidende  Schritt  zur  Wiederherstellung  des  freien 
Handels.  Die  beiden  obersten  Grundsätze  unserer  Wirtschaftspolitik:  die 
Deckung  eines  möglichst  großen  Teiles  des  Staatsdefizits  auf  Kosten  des 
Besitzes  und  die  Aufrechterhaltung  der  Planwirtschaft  in  der  Lebensmittel- 
versorgung, hatten  eine  Niederlage  erlitten. 

Weit  günstiger  war  unsere  Machtstellung  im  Streit  um  die  dritte  der 
drei  großen  Streitfragen,  an  denen  die  zweite  Koalitionsregierung  ge- 
scheitert war:  im  Streit  um  die  Verfassung.  Die  Konstituierende  National- 
versammlung war  gewählt  worden,  um  der  Republik  die  Verfassung  zu 
geben.  Alle  Parteien  wünschten  nicht  vor  die  Wähler  zu  treten,  ohne  diese 
Aufgabe  erfüllt  zu  haben.  Die  Verfassung  konnte  aber  nur  mit  Zweidrittel- 
mehrheit beschlossen  werden;  da  konnte  uns  die  bürgerliche  Mehrheit 
nicht  überstimmen.  So  gelang  es  schließlich,  im  August  auf  der  Grundlage 
eines  von  Professor  Hans  Kelsen  ausgearbeiteten  Verfassungsentwurfes 
ein  Kompromiß  zu  schließen.  Noch  unmittelbar  vor  den  Neuwahlen,  am 
1.  Oktober  1920,  beschloß  die  Konstituierende  Nationalversammlung  das 
Bundesverfassungsgesetz. 

Seit  dem  Umsturz  bargen  sich  die  Klassengegensätze  in  den  Kämpfen 
zwischen  dem  Staat,  den  Ländern  und  den  Gemeinden.  Die  Bauernschaft 
und  das  Bürgertum  der  Landstädte  vertraten  den  Partikularismus  der 
Länder.  Die  Arbeiterklasse  verfocht  gegen  den  Partikularismus  der  Länder 
einerseits  die  Einheit  des  Staates,  anderseits  die  Lokalverwaltung  der  Ge- 
meinden, Bezirke  und  Kreise.  Die  Verfassung  konnte  nur  ein  Kompromiß 
zwischen  diesen  widerstreitenden  Kräften  herstellen.  Sie  konnte  den 
Ländern  nicht  entreißen,  was  sie  sich  schon  in  den  Sturmtagen  des  No- 
vember 1918  auf  Kosten  des  Staates  erobert  hatten.  Der  Staat  wurde  also 
als  Bund  der  Länder  konstituiert.  Aber  die  Verfassung  mußte  dem  anar- 
chischen Weiterwuchern  des  Länderpartikularismus  auf  Kosten  des 
Bundes  ein  Ende  setzen  und  die  Befugnisse,  die  die  Länder  an  sich  ge- 
rissen hatten,  so  weit  einengen,  daß  die  Einheit  des  Bundes  als  Wirt- 
schafts- und  Rechtsgebiets  gesichert  und  die  Vergewaltigung  der  Minder- 
heiten in  den  Ländern  verhütet  werde.  Dies  hat  die  Verfassung  bewirkt. 
Sie  hat  die  Einheit  des  Währungs-,  Wirtschafts-  und  Zollgebietes  festgelegt 
und  die  Länder  zu  allmählichem  Abbau  der  Absperrungsmaßregeln,  die 
sie  gegeneinander  und  gegen  Wien  getroffen  hatten,  gezwungen.  Sie 
schützt  die  sozialen  und  politischen  Minderheiten  in  den  Ländern,  indem 
sie  den  Ländern   die  Grundsätze  der  Landesverfassungen,  die  Grundsätze 

~    221     — 


des  Landtags-  und  Gemoindewahlrecliles  und  die  rechtliche  Gleichslcllung" 
aller  Pundeshürger  mit  den  Landesbürgern  vorschreibt.  Sie  hat  der 
weiteren  anarchischen  Entwickhing  der  Ländersouveränität  einen  Hieo;el 
vorgeschoben,  indem  sie  der  Bundesregierung  das  Recht  zur  Erteilung  von 
"Weisungen  an  die  Landeshauptleute  und  ein  Einspruchsrecht  gegen 
Landesgesetze  gewährt  und  dem  Verlassungsgerichtshof  das  Recht 
einräumt,  verfassungswidrige  Landesgesetze  und  Landesverordnungen  auf- 
zuheben und  verfassungswidrig  handelnde  Landeshauptleute  ihres  Amtes 
zu  entheben.  Die  Verfassung  brachte  also  den  Ländern  zwar  die  rechtliche 
Anerkennimg,  aber  zugleich  auch  die  rechtliche  Begrenzung  und  Ein- 
engung der  ALichtbefugnisse,  die  sie  in  der  Revolutionszeit  an  sich  ge- 
rissen hatten. 

Weit  schwieriger  als  die  Regelung  des  Verhältnisses  zwischen  dem 
Bund  und  den  Ländern  war  die  Regelung  des  Verhältnisses  zwischen  den 
Ländern  und  der  Lokalverwaltung  in  den  Gemeinden,  Bezirken  und 
Kreisen.  Denn  hier  handelte  es  sich  nicht  um  die  rechtliche  Regelung  einer 
bereits  vollzogenen  Entwicklung,  sondern  um  die  Entwicklung  erst  zu 
schaffender  Rechtsinstitutionen.  Die  Revolution  hatte  im  Staat  und  in  den. 
Ländern  an  die  Stelle  der  bürokratischen  Obrigkeitsregierung  die  Re- 
gierung durch  von  den  Volksvertretungen  gewählte  Volksbeauftragte  gesetzt; 
in  den  Bezirken  aber  hatte  die  bürokratische  Obrigkeitsverwaltung  durch. 
die  Bezirkshauptleute  die  Revolution  überdauert.  Die  Unterstellung  der  Be- 
zirkshauptleute  unter  die  Landeshauptleute  bedeutete  die  Unterwerfung  der 
proletarischen  Industriebezirke  unter  die  bürgerlich-agrarischen  Landtags- 
mehrheiten. Wir  konnten  daher  keine  Erweiterung  der  Gesetzgebungs-  und 
Verwaltungskompetenzcn  der  Länder  zulassen,  wenn  nicht  gleichzeitig  die 
Lokalverwaltung  demokratisiert  wird,  die  Ortsgemeinden  zu  Gebiets- 
gemeinden vereinigt  werden,  die  sich  durch  freigewählte  Bezirks-  oder 
Kreisvertretungen,  denen  die  Verwaltungsbehörden  zu  unterstellen  sind,  selbst 
regieren.  In  der  Tat  setzt  die  Bundesverfassung  die  allgemeinen  Grundsätze 
einer  solchen  Demokratisierung  der  Lokalverwaltung  fest;  aber  die  Durch- 
führung dieser  Grundsätze  überließ  sie  späterer  Gesetzgebung.  Daher 
mußten  wir  darauf  bestehen,  daß  diejenigen  Bestimmungen  der  Verfassung,, 
die  die  Verteilung  der  Kompetenzen  zwischen  dem  Bund  und  den  Ländern 
regeln,  erst  dann  in  Wirksamkeit  treten,  wenn  ein  besonderes  Verfassungs- 
gesetz über  die  Durchführung  der  demokratischen  Lokalverwaltung  in  den 
Bezirken  oder  Kreisen  erlassen  wird.  Während  also  diejenigen  Bestim- 
mungen der  Verfassung,  die  die  Länder  rechtlich  dem  Bunde  ein-  und 
unterordnen,  in  Wirksamkeit  traten,  blieben  diejenigen  Bestimmungen,  die 
den  Kompetenzenkreis  der  Länder  erweitern,  vorläufig  suspendiert.  Sie  sind 
auch  jetzt  noch  nicht  m  Wirksamkeit  getreten. 

Die  wichtigste  Neuerung  m  dem  Verfassungswerk  aber  war  die  Neu- 
regelung der  Rechtsstellung  Wiens.  Im  Mai  1919  hatte  die  Sozialdemo- 
kratie die  Mehrheit  m  der  Wiener  Gemeindevertretung  erobert;  Jakob  Reu- 
mann stand  seither  als  Bürgermeister  an  der  Spitze  der  Gemeinde- 
verwaltung. Die  sozialdemokratische  Mehrheit  hatte  der  großen  Gemeinde 
eine  neue  Gemeindeverfassung  gegeben,  die,  von  Robert  Danneberg  ent- 
worfen, von  dom  Magistratsdirektor  Hartl  mit  Geschick  und  Tatkraft  durch- 
geführt, das  Ministerialsystem  in  die  Gemeindeverwaltung  eingeführt,  die 

—    222     — 


?ii;izelnen  Magistratsabteilungen  den  vom  Gemeinderat  gewählten  „amis- 
führenden Stadträten"  unterstellt  und  damit  an  die  Stelle  der  bürokrati- 
schen Magistratsherrschaft  die  demokratische  Selbstverwaltvmg  durch 
Yolksbeauftragte  gesetzt  hatte.  Die  sozialdemokratische  Mehrheit  hatte  zu- 
gleich, von  Hugo  Breitner  mutig  und  verantwortungsbewußt  geführt, 
durch  ein  neugeschaffenes  kommunales  Steuersystem  und  durch  festes  Be- 
harren auf  der  Deckung  der  Selbstkosten  der  städtischen  Betriebe  durcii 
ihre  Einnahmen  die  durch  den  Krieg  völlig  zerrütteten  Finanzen 
der  Stadt  trotz  der  fortschreitenden  Geldentwertung  in  Ordnung  ge- 
bracht. Dank  dieser  Politik  war  die  Herrschaft  über  die  Gemeindever- 
waltung der  Großstadt,  die  beinahe  drei  Zehntel  des  ganzen  Bundesvolkes 
umfaßt,  zu  einer  der  wichtigsten  Stützen  der  Machtstellung  der  Arbeiter- 
klasse im  Staat  geworden.  Nun  galt  es,  diese  wichtige  Machtsphäre  von  den 
Fesseln  zu  befreien,  die  ihr  die  Zugehörigkeit  Wiens  zum  Lande  INiederöster- 
reich,  die  Unterwerfung  Wiens  unter  die  niederösterreichische  Landes- 
regierung und  Landesgesetzgebung  auferlegte.  Die  Trennung  Wiens  von 
.Niederösterreich,  die  Konstituierung  Wiens  als  eines  selbständigen  Bundes- 
landes wurde  durch  die  Bundesverfassung  ermöglicht  und  vorbereitet,  im 
Dezember  1921  vollständig  durchgeführt.  Der  Bürgermeister  von  Wien  er- 
langte zugleich  die  Rechte  eines  Landeshauptmannes,  der  Stadtsenat  die 
Rechte  einer  Landesregierung,  der  Gemeinderat  die  Befugnisse  eines  Land- , 
tages.  Die  Erhebung  Wiens  zum  selbständigen  Bundesland  befestigte  nicht 
nur  das  stärkste  Bollwerk  der  Arbeiterklasse  innerhalb  des  Bundes,  sie 
schwächte  zugleich  auch  die  Triebkräfte  der  Länderrebeliion  gegen  den 
Bund.  Sobald  jedes  Recht,  das  sich  die  Länder  auf  Kosten  des  Bundes  er- 
-stritten,  nicht  mehr  bloß  zu  einem  Machtinstrument  der  bürgerlich-agrari- 
schen Landesregierungen  der  Länder,  sondern  zugleich  und  vor  allem  zu 
einem  Machtinstrument  der  proletarischen  Landesregierung  in  Wien  wurde, 
entwickelte  sich  innerhalb  der  Bourgeoisie  selbst  schnell  erstarkender 
Widerstand   gegen   den   Länderpartikularismus. 

So  endete  die  Beratung  der  Bundesverfassung  mit  einer  Niederlage 
des  Länderpartikularismus.  In  ihrem  formalen  Aufbau  und  in  ihrer  Ter- 
minologie ist  freilich  das  föderalistische  Prinzip  mit  peinlicher  Sorgfalt 
festgehalten.  In  der  Sache  aber  bedeutete  die  Bundesverfassung  einen 
wichtigen  Schritt  zur  Überwindung  der  Rechtsanarchie,  die  durch  die 
R",bellion  der  Länder  seit  den  Umsturztagen  entstanden  war,  und  eine 
wesentliche  Schwächung  der  reaktionären  Triebkräfte  des  Länderpartikula- 
rismus zugleich. 

Neben  der  Ordnung  der  Beziehungen  zwischen  dem  Bunde  und  den 
Ländern  war  die  Regelung  der  Bundesorgane  die  wichtigste  Aufgabe  des 
Verfassungswerkes.  Die  deutschösterreichische  Revolution  hatte  als  eine 
parlamentarische  Revolution  begonnen;  ihr  Ergebnis  war  die  Parlaments- 
lierrschaft  gewesen.  Der  Präsident  der  Nationalversammlung  versah  die 
Funktionen  eines  Staatsoberhauptes,  die  Regierung  wurde  von  der  National- 
versammlung gewählt,  der  Hauptausschuß  der  Nationalversammlung 
wirkte  unmittelbar  an  Verwaltungsakten  mit,  die  Nationalversammlung  ver- 
fügte über  das  Heer.  Es  war  die  parlamentarische  Form  der  politischen 
Demokratie  in  schärfster  Ausprägung.  Dagegen  stürmten  die  "bürgerlichen 
Parteien  bei  der  Beratung  der  Verfassung  an.  Sie  wollten  die  Befugnisse  des 

—    223    — 


aus  allgemeinen  Volkswahlen  hervorgehenden  Nationalrales  doppelt  be- 
scliriinken:  neben  den  Nationalrat  sollte  als  gleichberechtigte  zweite  Kammer 
ein  von  den  Landtagen  gewählter  Bundesrat  treten;  und  den  beiden 
Kammern  sollte  ein  Bundespräsident  mit  großen  Befugnissen  entgegen- 
gestellt werden.  In  den  Bundesrat  sollte  jedes  Land  gleich  viele  Vertreter 
entsenden-,  \'orarlberg  mit  seinen  140.000  Einwohnern  ebenso  viele  wie 
Wien  mit  seinen  1,800.000  Einwohnern.  So  sollten  der  Bundespräsident  und 
der  Bundesrat  als  Organe  bürgerlicher  Klassenherrschaft  die  Macht  de» 
demokratischen  Nationalrates  einengen.  Es  gelang,  diesen  Anschlag  voll- 
ständig abzuwehren.  Zwar  stimmten  wir  der  Einsetzung  eines  Bundes- 
präsidenten und  eines  Bundesrates  zu.  Aber  beider  Befugnisse  wurden  so 
eng  umgrenzt,  daß  die  durch  die  Revolution  begründete  Herrschaft  des  aus 
allgemeinen  Volkswahlen  hervorgegangenen  Parlaments  ungeschmälert 
blieb.  Und  die  Zusammensetzung  des  Bundesrates  wurde  so  geregelt,  daß 
die  Arbeiterklasse  in  ihm  ebenso  stark,  derzeit  sogar  etwas  stärker  ver- 
treten ist  als  im  Nationalrat. 

Ein  Katalog  der  ,, Menschen-  und  Bürgerrechte"  konnte  in  die  Bundes- 
verfassung nicht  aufgenommen  werden,  da  sich  die  Parteien  über  die  Re- 
gelung der  Beziehungen  der  Kirche  zum  Staat  und  zur  Schule  nicht  einigen 
konnten.  Doch  wurden  einige  besonders  wichtige  „Grund-  und  P'reiheits- 
rechte",  die  die  Revolution  erobert  hatte,  als  Verfassungsgrundsätze  in  der 
Verfassung  festgelegt.  So  schließt  die  Verfassung  alle  „Vorrechte  der  Geburt,, 
des  Geschlechtes,  des  Standes,  der  Klasse  und  des  Bekenntnisses"  aus.  Sie 
sichert  allen  öffentlichen  Angestellten  einschließlich  der  Angehörigen  des 
Bundesheeres  die  ungeschmälerte  Ausübung  ihrer  politischen  Rechte.  Sie 
legt  für  alle  Vertretungskörper  im  Bunde,  den  Ländern  und  den  Gemeinden 
das  allgemeine  und  gleiche  Wahlrecht  aller  Bundesbürger  ohne  Unterschied 
des  Geschlechtes,  das  Verhältniswahlrecht,  das  Verbot  aller  Wahlrechts- 
beschränkungen fest.  Sie  erklärt  den  Beschluß  der  Provisorischen  National- 
versammlung über  die  Aufhebung  der  Zensur  und  der  Beschränkungen  der 
Vereins-  und  Versammlungsfreiheit,  die  Gesetze  über  die  Landesverweisung 
der  Habsburger  und  über  die  Aufhebung  des  Adels  für  Bestandteile  der  Ver- 
lassung. Sie  hebt  das  Recht  der  Regierung,  den  Ausnahmezustand  zu  ver- 
hängen, auf. 

Neben  dem  Wehrgesetz  ist  die  Bundesverfassung  das  wichtigste  Er- 
gebnis dieser  Entwicklungsphase.  Diese  beiden  Gesetze  gaben  der  Republik 
ihre  wichtigsten,  grundlegenden  Institutionen.  In  einer  Zeit  des  Rück- 
flutens  der  revolutionären  Welle  erlassen,  hatten  beide  Gesetze  die  Aufgabe,, 
die  wesentlichsten  Errungenschaften  der  vorausgegangenen  revolutionären 
Periode  zu  kodifizieren,  sie  aus  Improvisationen  der  Revolutionszeit  in 
dauerhafte  Institutionen  der  Republik  zu  verwandeln.  In  diesem  Sinne 
stellen  diese  beiden  Gesetze  den  legislativen  Abschluß  der  Revolutions- 
periode dar. 

Mit  diesen  beiden  Gesetzen  hatte  die  Konstituierende  National- 
versammlung ihre  Aufgaben  erfüllt.  Am  17.  Oktober  wurde  der  erste 
Nationalrat  gewählt.  Die  Wahlergebnisse  zeigten",  daß  die  Massen  der  Ar- 
beiter unerschütterlich  im  Lager  der  Sozialdemokratie  standen;  die  Kom- 
munisten erlangten  eine  ganz  unbeträchtliche  Stimmenzahl.  Aber  die 
Y^ahlergebnisse  zeigten    auch,    daß    Massen    von    Beamten,    Angestellten^ 

-     224     — 


Kleinbürgern,  Bauern,  die  im  Jahre  1910  unter  dem  mächtigen  Eindruck 
des  Krieges  und  der  Revolution  sozialdemokratisch  gewählt  hatten,  nun- 
mehr in  das  Lager  der  bürgerlichen  Parteien  zurückgekehrt  v/aren.  Die 
Zahl  der  sozialdemokratischen  Stimmen  sank  von  1919  bis  1920  von 
1,211.814  auf  1,022.606,  während  die  Zahl  der  christlichsozialen  Stimmen 
A-on  1.068.382  auf  1,204.912  stieg.  Die  Zusammensetzung  des  Parlaments 
veränderte  sich  wesentlich.  Die  Zahl  der  christlichsozialen  Mandate  stieg 
von  63  auf  82,  der  großdeutschen  Mandate  von  24  auf  26,  während  die 
Zahl  der  sozialdemokratischen  Mandate  von  69  auf  66  sank.  Wir  zogen 
aus  diesem  Wahlergebnis  sofort  unseren  Schluß:  am  22.  Oktober 
demissionierten  die  sozialdemokratischen  Mitglieder  der  Proporzregierung 
und  die  Sozialdemokratie  lehnte  die  Teilnahme  an  der  Bildung  einer  neuen 
llegierung  ab.  Am  21.  Oktober  1918  hatte  sich  die  Provisorische  National- 
versammlung konstituiert,  am  22.  Oktober  1920  schieden  die  sozialdemo- 
kratischen Staatssekretäre  aus  der  Regierung  aus;  nach  zweijähriger 
Führung  durch  die  Sozialdemokratie  fiel  die  Regierungsgewalt  in  die  liände 
des  Bürgertums  zurück. 


§  15.  Der  Kampf  gegen  die  Konterrevolution. 

Liteiatnr: 

österreichisches  Jahrbuch  1921.  Wien  1922.  —  Berichte  der  sozialdemokra- 
tischen Parteivertretung  an  die  Parteitage  1921  und  1922.  —  Deutsch,  Die- 
Fascistengefahr,  Wien  1923. 

Bauer,  Die  Aufgaben  der  deutschen  Sozialdemokratie  in  der  tschecho- 
slowakischen Republik.  Teplitz  1920.  —  Documents  diplomatiques  concernant  las 
tentatives  de  restauration  des  Habsbourg.  Prague  1922.  —  Werkmann,  Der  Tote- 
auf  Madeira.  München  1923.  —  Miltschinsky,  Das  Verbrechen  von  Ödenburg. 
Wien  1922. 


Am  20.  November  1920  wurde  die  erste  bürgerliche  Regierung  der 
Republik  gewählt.  An  ihre  Spitze  trat  als  Bundeskanzler  der  Tiroler 
christlichsoziale  Abgeordnete  Dr.  Michael  Mayr.  Zu  Ministern  wurden 
christlichsoziale  Abgeordnete  und  parteilose  Bürokraten  gewählt.  Die  Groß- 
deutschen unterstützten  zwar  die  christlichsoziale  Regierung,  entsendeten 
aber  keinen  Vertreter  in  sie. 

Im  ersten  Jahre  der  Republik  hätte  die  Arbeiterklasse  keine  Woche 
lang  eine  bürgerliche  Regierung  geduldet.  Das  war  nun  anders  geworden. 
Die  einsetzende  industrielle  Prosperität,  die  den  Arbeitern  regelmäßige  Be- 
schäftigung und  auskömmlichere  Ernährung  gab,  hatte  die  revolutionäre 
Spannung  in  den  Massen  aufgelöst.  Nach  den  Niederlagen  der  Arbeiter- 
klasse in  Ungarn  und  in  Deutschland  drängten  die  Massen  nicht  mehr 
]iach  der  Diktatur  des  Proletariats.  Nach  den  Erfahrungen  der  zweiten 
Koalitionsregierung,  unter  dem  Einfluß  der  Agitation  der  „neuen  Linken"' 
gegen  die  Koalition  hielt  die  Arbeiterklasse  eine  rein  bürgerliche  Re- 
gierung für  ein  kleineres  Übel  als  eine  neue  Koalition.  So  überließ  die 
Arbeiterklasse  die  Regierung  der  Republik  dem  Bürgertum  und  der 
Bauernschaft. 

—    225    —  .  16 


Aber  war  die  neue  Regierung  eine  bürgcrliihe  Regierung,  so  war  sie 
doch  die  Regierung  eines  noch  sehr  schwächlichen,  sehr  ängstlichen 
Biir.wrlunis.  eines  Rürgortums.  dessen  Selbslverlrauen  erst  aün^ählich 
wicdcrerslarkle.  Die  Regierung  suchte  jedem  ernsteren  Konflikt  mit  der 
sozialdemokratischen  Opposition  im  Nationalrat  um  so  mehr  auszuweichen, 
da  sie  der  Unterstützung  der  Großdeutschen  nie  ganz  sicher  war.  Die  Be- 
ziehungen zwischen  der  Regierung  und  den  proletarischen  Organisationen 
wurden  zwar  lockerer,  seitdem  nicht  mehr  Vertreter  des  Proletariats  der 
Regierung  angehörten,  aber  sie  wurden  keineswegs  vollständig  zerrissen. 
Auch  die  bürgerliche  Regierung  konnte  die  Eisenbahnen,  die  Staatsbetriebe 
aiicht  anders  als  im  Einvernehmen  mit  den  Gewerkschaften  und  Pcrsonal- 
verlrctungen  verwalten;  der  Einfluß  der  Gewerkschaften  auf  die  Verw^al- 
tung  blieb  daher  sehr  .groß.  An  die  Spitze  des  Bundesheeres  war  ein 
bürgerlicher  Heeresminister  getreten;  aber  als  vom  Nationalrat  gewählte, 
dem  Heeresminister  beigegebene  Zivilkommissäre  konnten  die  Sozialdemo- 
kraten Deutsch  und  Smilka  immer  noch  die  Heeresverwaltung  stark  beein- 
flussen. Die  Arbeiterklasse  hatte  es  in  der  Zeit  der  zv/eiten  Koalitions- 
regierung erfahren,  wue  begrenzt  unsere  Macht  nun  schon  w^ar,  auch  w^enn 
•unsere  Vertreter  in  der  Regierung  saßen;  die  Arbeiterklases  sah  nun,  daß 
•sie  nicht  machtlos  wurde,  auch  wenn  sie  die  Regierung  dem  Bürgertum 
überließ.  So  fand  sich  die  Arbeiterklasse  mit  diesem  bürgerlichen  Re- 
gierungssystem unschwer  ab. 

In  der  Zeit  der  Koalitionsregierung  hatte  die  Initiative  der  Regierung 
die  Gesetzgebung  in  Gang  erhalten.  Das  hörte  nun  auf.  Die  bürgerliche 
Regierung  wollte  und  konnte  nicht  in  proletarischer,  sie  wagte  es  nicht, 
in  bürgerlicher  Richtung  zu  führen.  Also  führte  sie  überhaupt  nicht  mehr. 
Sie  regierte  nicht,  sie  verwaltete  nur  die  Staatsgeschäfte. 

Nur  auf  einem  Gebiet  war  die  bürgerliche  Regierung  zielbewußt  tätig: 
sie  hat  die  Kriegswirtschaft,  die  staatliche  Regelung  des  Wirtschaftslebens 
zwar  nur  allmählich,  aber  planmäßig  abgebaut.  Hatte  schon  in  den  letzten 
Kriegsjahren  der  Schleichhandel  immer  weitere  Ausdehnung  erlangt,  so 
war  nach  "dem  Zusammenbruch  der  Militärgewalt  die  bei  weitem 
schwächere  Regierung  der  Republik  nicht  mehr  imstande  gewesen,  die 
kriegswirtschaftlichen  Bewirtschaftungsmaßnahmen  gegen  die  passive 
Eesistenz  des  Händlertums  und  der  Bauernschaft,  gegen  die  Anarchie  der 
Landesregierungen,  gegen  die  Korrumpierung  eines  nicht  geringen  Teiles 
der  schlecht  entlohnten  Bürokratie  durch  das  Schiebertum  wirksam  durch- 
zusetzen. War  schon  dadurch  das  ganze  System  der  staatlichen  Lebens- 
mittel- und  Rohstoffbewirtschaftung  untergraben  worden,  so  erwuchsen 
ihm  seit  1920  noch  größere  Schwierigkeiten  aus  der  allmählichen  Wieder- 
belebung des  Warenaustausches  mit  dem  Ausland;  die  Ein-  und  Ausfuhr- 
verbote, ohne  die  die  zentrale  Bewirtschaftung  unmöglich  ist,  erschienen 
nun  als  Fesseln  des  sich  wieder  entwickelnden  Handelsverkehrs.  Hatte 
schon  das  Gesetz  vom  6.  Juli  die  staatliche  Getreidebewirtschaftung  durch- 
brochen, so  hat  nun  die  bürgerliche  Regierung,  dem  Drängen  des  Handels- 
kapitals und  der  Bauernschaft  nachgebend,  eine  der  kriegswirtschaftlichen 
Verordnungen  nach  der  anderen  aufgehoben  und  so  den  „freien  Handel" 
allmähhch   wiederhergestellt.   Dadurch   verlor   der   Staat   jede  Macht  über 

—    226    — 


die  Preisbewegung,  der  Verfall  der  Kaufkralt  der  Krone  wurde  beschleunigt, 
die   Staaisausgaben   stiegen    in   beschleunigtem   Tempo. 

Das  war  um  so  verhängnisvoller,  da  seit  dem  Übergang  der  Regierungs- 
macht  in  die  Hände  des  Bürgertums  alle  Bemühungen,  die  Steuereinnahmen 
des  Staates  zu  erhöhen,  aufgehört  hatten.  Das  Bürgertum  war  über  die 
neuen  Besitzsteuern,  die  die  zweite  Koalitionsregierung  im  Staat,  die  sozial- 
demokratische Gemeinderatsmehrheit  in  der  Gemeinde  Wien  eingeführt 
hatte,  sehr  erbost  gewesen.  Die  bürgerlichen  Parteien  hatten  den  Wahl- 
kampf im  Herbst  1920  unter  der  Parole  „gegen  die  Übersteuerung"  geführt. 
Als  sie  die  Regierung  übernahmen,  konnten  sie  die  Besitzsteuern  nicht 
weiter  erhöhen,  aber  sie  wagten  es  zunächst  auch  nicht,  den  Massen  er- 
liölite  Verbrauchsabgaben  aufzuerlegen.  Es  geschah  also  nichts,  das  Defizit 
im  Staatshaushalt  zu  verkleinern,  die  Vermehrung  des  Papiergeldes  einzu- 
schränken. Die  ganze  Finanzpolitik  des  Finanzministers  Grimm  er- 
schöpfte sich  in  den  Bemühungen,  Auslandskredite  zu  erlangen.  Und  da 
die  Kredite  nicht  kamen,  sank  der  Geldwert  immer  tiefer. 

Sehr  bald  wurde  im.  Lager  des  Bürgertums  selbst  wachsende  Unzu- 
friedenheit mit  diesem  Regierungssystem  bemerkbar.  Das  Bürgertum  war 
enttäuscht,  weil  trotz  seinem  Wahlsieg,  trotzdem  die  Regierungsmacht  in  die 
Hände  der  bürgerlichen  Parteien  übergegangen  war,  die  Macht  der  Arbeiter- 
klasse sehr  stark  geblieben  war.  In  breiten  Schichten  des  Bürgertums  er- 
starkte die  Überzeugung,  nur  eine  konterrevolutionäre  Gewalt  könne  die 
starke  Machtstellung  des  österreichischen  Proletariats  brechen.  In  breiten 
Schichten  des  Bürgertums  wurde  der  Glaube  an  die  Lebensfähigkeit  der 
österreichischen  Republik  im  Herbst  1920  und  im  Jänner  1921  durch  die 
schnell  fortschreitende  Geldentwertung  erschüttert.  Die  österreichischen: 
Konterrevolutionäre,  allein  dem  Proletariat  gegenüber  zu  schwach,  eine  Tat 
zu  wagen,  begannen  ihre  Hoffnungen  auf  die  beiden  Nachbarstaaten  zu 
setzen,  in  denen  der  rote  Terror  des  Kommunismus  dem  weißen  Terror  der 
Konterrevolution  den  Weg  gebahnt  hatte-   auf  Ungarn  und  auf  Bayern. 

Seit  der  Konterrevolution  in  Ungarn  hatte  sich  dort  eine  starke  Be- 
wegung für  die  Restauration  des  Hauses  Habsburg  entwickelt.  Eine  doppelte 
Gefahr  drohte  uns  seither  von  Ungarn  aus.  Erstens  die  Gefahr  für  unsere 
republikanische  Verfassung:  die  Restauration  der  Habsburger  in  Ungarn 
hätte  die  Konterrevolutionäre  in  Österreich  ermutigt  und  ihnen  Ungarns 
Waffenhilfe  für  die  Restauration  Habsburgs  in  Österreich  gesichert. 
Zweitens  die  Gefahr  für  unsere  Grenzen:  es  war  vorauszusehen,  daß  die 
konterrevolutionäre  Offiziersdiktatur  in  Ungarn  das  Burgenland,  das  uns 
der  Friedensvertrag  von  Saint-Germain  zugesprochen  hatte,  nicht  friedlich 
räumen,  sich  seiner  Übergabe  gewaltsam  widersetzen  werde.  Aus  beiden 
Gründen  mußten  wir  seither  mit  der  Möglichkeit  eines  gefährlichen  Kon- 
flikts mit  Ungarn  rechnen.  Schon  in  der  Zeit  der  zweiten  Koalitionsregierung- 
hatten wir  es  unternommen,  uns  gegen  diese  Gefahr  zu  schützen.  Die 
ungarische  Gefahr  hatte  uns  bewogen,  durch  das  Wehr-  vmd  das  Disziplinar- 
gesetz die  Kampffähigkeit  unserer  Wehrmacht  zu  stärken.  Die  ungarische 
Gefahr  hatte  uns  zugleich  bewogen,  unsere  Beziehungen  zu  der  Tschecho- 
slowakei zu  verbessern. 

Von  ihrer  Entstehungszeit,  von  den  Kämpfen  der  tschechischen  Legionen 
an  der  Wolga  und  in  Sibirien  an  trug  die  tschechische  Revolution  zwie- 

—    227     —  15« 


schUlchtigcn  Cluirakler:  sie  war  revolutionär  gegen  llabsburg,  sio  war 
konlcrrevolutionär  gegen  die  proletarische  Revolution.  In  der  Zeit  der  Revo- 
lution gegen  Ilabsbur;;  war  in  Österreich  die  tschechische  Bewegung  die 
stärkste  revolutionäre  Macht.  Damals  sind  wir  der  Ischcchischen  Bewegung 
nicht  entgegengetreten,  wir  sind  damals  für  das  Selbstbestiminungsrecht 
■der  Tschechen  eingetreten,  um  auch  für  das  deutsche'isLerreichische  Volk  das 
Selbstbestimmungsrecht  zu  erobern.  Nach  dem  Umsturz  trat  der  konter- 
revolutionäre Charakter  der  tschechischen  Republik  hervor.  Nunmehr 
standen  wir  im  heftigsten  Gegensatz  zu  ihr;  wir  mußten  das  proletari- 
sche Dcutschbühmen  gegen  die  tschechische  Annexion  verteidigen  und 
mußten  uns  des  Zwanges,  dem  tschechischen  Heere  gegen  das  proletarische 
Ungarn  Waffen  zu  liefern,  erwehren.  Nachdem  aber  die  Proletarierdiktatur 
in  Ungarn  gestürzt  war  und  nachdem  der  Friedensvertrag  Deutschböhmons 
Schicksal  entschieden  hatte,  veränderten  sich  abermals  unsere  Beziehungen 
zu  der  tschechischen  Republik.  Der  nunmehr  von  Ungarn  aus  drohenden 
(Gefahr  der  Konterrevolution  gegenüber  war  die  tschechische  Republik  die 
stärkste  Beschützerin  der  Ergebnisse  der  Revolution  von  1918.  Sie  war 
nunmehr  unser  natürlicher  Bundesgenosse  gegen  die  drohende  Restauration 
Habsburgs  in  Ungarn  und'  gegen  den  drohenden  Angriff  Ungarns  auf 
Österreich. 

In  der  Zeit  der  zweiten  ICoalitionsregierung,  am  9.  Jänner  1920,  war 
Renner  nach  Prag  gereist,  um  engere  Beziehungen  Österreichs  zur  Tschecho- 
slowakei zu  begründen.  Das  Ergebnis  dieser  Reise  war  nicht  nur  eine  Reihe 
von  Verträgen,  die  unsere'  wirtschaftlichen  Beziehungen  zur  Tschecho- 
slowakei verdichteten  und  die  Durchführung  des  Friedensvertrages  erleich- 
terten, sondern  auch  eine  politische  Vereinbarung  zwischen  Renner  und 
Benes,  in  der  sich  die  beiden  Minister  verpflichteten,  einander  in  der 
Abwehr  konterrevolutionärer  Bestrebungen  zu  unterstützen.  Renner  sicherte 
der  tschechischen  Republik  für  den  Fall  eines  tschechisch-ungarischen 
Krieges  die  „wohlwollende  Neutralität"  Österreichs,  Benes  sicherte  Öster- 
reich für  den  Fall  eines  ungarischen  Angriffs  Unterstützung  zu.  Diese  Ver- 
einbarungen erregten  leidenschaftliche  Entrüstung  nicht  nur  des  Wiener 
monarchistischen  Flügels  der  christlichsozialen  Partei,  sondern  auch  der 
regierenden  Mächte  in  Ungarn.  Die  ungarischen  und  die  österreichischen 
Konterrevolutionäre  gingen  nun  gegen  uns,  vor  allem  gegen  Renners  Außen- 
politik im  engsten  Einvernehmen  miteinander  vor,  die  Wiener  ungarische 
Gesandtschaft  organisierte  und  finanzierte  den  christlichsozialen  Preßfeld- 
zug gegen  Renner. 

In  der  Zeit  der  Proporzregierung  verschärften  sich  die  Gegensätze 
zwischen  Österreich  und  Ungarn.  Am  20.  Juni  1920  hatte  der  Amsterdamer 
Internationale  Gewerkschaftsbund  den  Boykott  über  das  konterrevolutio- 
näre, die  Arbeiterschaft  knebelnde  und  mordende  Ungarn  verhängt.  Die 
österreichischen  Eisenbahner,  Postler,  Telegraphen-  und  Telephon- 
angestellten haben  den  Boykott  restlos  durchgeführt;  sieben  Wochen  lang 
blieb  jeder  Verkehr  zwischen  Österreich  und  Ungarn  vollständig  gesperrt. 
Aber  was  in  Österreich  gelang,  gelang  nicht  in  den  anderen  Nachfolge- 
staaten; über  die  Slowakei  und  über  Jugoslawien  konnte  Ungarn  seinen 
Verkehr  mit  dem  Ausland  aufrechterhalten.  Daher  blieb  der  Boykott  wir- 
kungslos; er  mußte  am  8.  August  aufgehoben  werden,  ohne  daß  er  Horthy- 

—    228    — 


"Ungarn  hätte  beugen  können.  Der  Boykott  hat  aber  nicht  nur  neue  Kon- 
flikte zwischen  der  österreichischen  und  der  ungarischen  Regierung  herbei- 
geführt, er  hat,  da  er  Österreich  einige  Wochen  lang  die  Lebensmittelzufuhr 
aus  Ungarn  sperrte,  auch  zu  heftigen  Auseinandersetzungen  in  den  Volks- 
massen  für  und  wider  eine  gegen  Horthy-Ungarn  gerichtete  Außenpolitik 
geführt.  Diese  Auseinandersetzungen  nahmen  in  dem  Wahlkampf  im  Ok- 
tober 1920  große  Heftigkeit  an. 

Als  nun  nach  den  Wahlen  die  christlichsoziale  Partei  die  Regierung 
übernahm,  versuchte  sie  in  der  Tat  zuerst  freundschaftliche  Beziehungen 
zu  dem  „christlichen  Ungarn"  herzustellen.  Aber  alle  diese  Bemühungen 
scheiterten  daran,  daß  Ungarn  als  Preis  jeder  Annäherung  den  Verzicht 
Österreichs  auf  das  Burgenland  oder  wenigstens  auf  den  größeren  Teil  des 
Burgenlandes  forderte.  Darauf  konnte  auch  die  christlichsoziale  Regierunri: 
nicht  eingeherr,  ohne  auf  den  heftigsten  ¥/iderstand  nicht  nur  der  Sozial- 
demokraten und  der  Großdeutschen,  sondern  auch  eines  Teiles  ihrer  eigenen 
Anhänger  zu  stoßen.  So  endeten  die  Verhandlungen  nur  mit  neuen  kriege- 
Tischen  Drohungen  Ungarns,  die  schließlich  die  Regierung  Mayr  zwangen, 
auf  den  Weg  zurückzukehren,  den  Renner  eingeschlagen  hatte.  Mayr  hielt 
die  politischen  Vereinbarungen,  die  Renner  mit  Benes  abgeschlossen  hatte, 
ausdrücklich  aufrecht. 

Diese  Vereinbarungen  erlangten  praktische  Bedeutung,  als  am  2G.  März 
1921  Karl  Habsburg  plötzlich  in  Steinamanger  auftauchte.  Nun  standen  wir 
Tinmittelbar  vor  der  lange  vorausgesehenen  Gefahr  der  Wiederherstellung 
des  habsburgischen  Königtums  in  Ungarn.  Wieder,  wie  in  den  Tagen  des 
Kapp-Putsches,  ging  eine  starke  Bewegung  durch  die  österreichischen  Ar- 
beitermassen. Der  Bundeskanzler  Mayr  war  nicht  nur  persönlich  ein  An- 
hänger des  Anschlusses  an  Deutschland  und  aus  diesem  Beweggrund  Re- 
publikaner, er  kannte  auch  die  drohende  Kraft  der  Bewegung,  die  die 
proletarischen  Massen  in  Österreich  erfaßt  hatte.  Er  ließ  sich  in  den 
kritischen  Tagen  nicht  von  dem  monarchistischen  Flügel  seiner  Partei  be- 
einflussen, sondern  war  darauf  bedacht,  im  Einvernehmen  mit  der  Sozial- 
demokratie zu  handeln.  In  der  Sitzung  des  Nationalrates  am  1.  April,  die 
zu  einer  mächtigen  Kundgebung  für  die  Republik  wurde,  erklärte  Mayr, 
die  Regierung  werde  den  Großmächten  und  den  Nachfolgestaaten  mitteilen, 
daß  sie  die  Restauration  eines  Habsburgers  in  Ungarn  als  eine  Bedrohung 
der  friedlichen  Entwicklung  der  österreichischen  Republik  ansehen  müsse. 
Damit  hatte  sich  Österreich  an  die  Seite  der  Tschechoslowakei,  Jugo- 
slawiens und  Rumäniens  gestellt,  die  die  habsburgische  Restauration  in 
Ungarn  für  eine  Bedrohung  des  europäischen  Friedens  erklärt  hatten  und, 
mit  Blockade  und  militärischen  Maßregeln  drohend,  die  Entfernung  Karl 
Habsburgs  aus  Ungarn  forderten.  Als  Karl  Habsburg,  dem  Drucke  der  Großen 
und  der  Kleinen  Entente  weichend,  am  4.  April  von  Steinamanger  in  die 
Schweiz  zurückreiste,  erlaubte  ihm  die  Regierung  Mayr  die  Durchreise 
•  durch  Österreich  nur  unter  den  von  der  sozialdemokratischen  Partei  for- 
mulierten, von  Mayr  angenommenen  Bedingungen.  Als  Gefangener  einer 
Abteilung  des  republikanischen  Bundesheeres,  die  von  einem  sozialdemo- 
kratischen Offizier  kommandiert  wurde,  von  den  sozialdemokratischen  Ab- 
geordneten Sever  und  Adolf  Müller  eskortiert,  mußte  Karl  Habsburg  durch 
»Österreich  reisen.  In  Brück  an  der  Mur  bedurfte  es  der  größten  Anstren- 

—    229    — 


ijurint'n    der   sozialdcniDkratischon   Abgeordneion,   mn    den   Z.ug   dc5   llal)s- 
>urgers  ungefährdet  durch  die  demonstrierenden  ArLioilermasson  zu  führen. 

Diese  Ereitrnissc  riefen  die  gröLUe  Erbitterung  in  den  reaktionärcni' 
Schichten  des  Bürgertunis  iiervor.  Seine  monarcliistischon  Traditionen,, 
seine  monarchistischen  Gefühle  waren  tief  vorletzt  worden.  Seine  Er- 
bitterung kehrte  sich  gegen  die  Regierung  Mayr;  die  christlichsozialen. 
Landesregierungen  begannen  nun  gegen  die  christlichsoziale  Bundes- 
regierung zu  frondieren.  Die  Erbitterung  darüber,  daß  die  Wiener  Re- 
gierung, selbst  nachdem  sie  in  die  Hände  des  Bürgertums  gefallen  war,.., 
unter  dem  mä'.-htigen  Einfluß  der  Arbeiterklasse  geblieben  war,  ließ  im. 
Bürgertum  und  in  der  Bauernschaft  der  westlichen  L-ändcr  die  Bewegung' 
für  den  Abfall  von  Wien,  für  die  Losreißung  der  Länder  vom  Bunde  noch, 
einmal  aufJoben.  Die  internationale  Schwäche  der  ungarischen  Konter- 
revolution, die  internationalen  Schwierigkeiten,  die  einer  Restauration  der 
Habsburger  entgegenstanden,  hatte  die  Geschichte  des  Habsburgerputsches 
gezeigt;  je  schwächer  sich  Budapest  erwiesen  hatte,  desto  stärker  ward  die- 
Anziehungskraft  Münchens,  des  anderen  Zentrums  der  Konterrevolution, 
auf  die  österreichischen  Konterrevolutionäre.  Abfall  von  Österreich,  An- 
schluß an  Bayern  —  das  erschien  nun  den  Führern  des  Länderpartikula- 
rismus  in  den  westlichen  Bundesländern  als  der  einzige  4usweg,  die 
einzige  Rettung  aus  der  österreichischen  Republik,  deren  Entwicklung  so; 
gar  nicht  ihren  Wünschen  entsprach. 

Längst  schon  bestanden  sehr  enge  Verbindungen  zwischen  der- 
bayrischcn  Reaktion  und  den  führenden  reaktionären  Klüngeln  in  Tirol, 
und  in  Salzburg.  In  den  Tagen  des  Kapp-Putsches  hatte  sich  Kahr  der  Re- 
gierungsgewalt in  Bayern  bemächtigt,  die  brutale  Herrschaft  der  Reaktion- 
in  Bayern  begründet.  Seitdem  war  Bayern  der  österreichischen  Reaktion' 
zum  bewunderten  Vorbild  geworden.  Das  revolutionäre  Ideal  des  An- 
schlusses Deutschösterreichs  an  die  deutsche  Republik  hatte  sich  den. 
Tiroler  und  Salzburger  Bauernführern  zu  dem  reaktionären  Kampfziel  des^ 
Ansclilusses  Tirols  und  Salzburgs  an  das  reaktionäre  Bayern  konkretisiert.- 
Die  Entwicklung  des  bayrischen  Partikularismus,  seine  zeitweilige  Unter- 
stützung durch  den  französischen  Imperialismus  schienen  die  Vereinigung' 
der  österreichischen  Alpenländer  mit  Bayern  zu  einem  von  Deutschland  ge- 
trennten klerikalen  bajuvarischen  Königreich  in  den  Bereich  des  Denk- 
baren zu  rücken.  Und  so  phantastisch  dieses  Ziel  vorerst  auch  war:  im  Auf- 
bau der  Heimatwehren  hatte  die  Verbindung  zwischen  der  bayrischen  Re- 
aktion und  der  Reaktion  in  den  Alpenländern  doch  schon  im  Jahre  1920* 
ein  ergiebiges  Feld  praktischer  Betätigung  gefunden. 

Die  Heimatwehren  waren  in  den  ersten  Monaten  nach  dem  Umsturz  in 
Kärnten  und  in  Steiermark  entstanden;  damals  hüteten  sie  die  Grenze- 
gegen  die  Jugoslawien.  In  der  Zeit  der  ungarischen  und  der  bayrischen  Räte- 
diktatur hatte  sich  die  Bewegung  ausgedehnt;  in  vielen  Dörfern  hatten  sich. 
die  Bauern  bewaffnet  und  organisiert,  um  sich  gegen  Getreide-  und  Vieh- 
requisitionen durch  die  Arbeiterräte  zu  schützen  und  sich  gegen  den. 
Bolschewismus  zu  rüsten.  Aber  erst  im.  Jahre  1920  gewann  die  Bewegung-» 
größeren  Umfang  und  einheitliche  Organisation.  Am  stärksten  wurde  die- 
Bewegung  in  Tirol.  Dort  wurden  die  Heimatwehren  durch  die  am  15.  Maü 
1920  erlassenen  Satzungen  einheitlicJi  unter  dem  Kommando  des  christlich- 

—    230    — 


rsozialen  Landesrats  Steidle  zusammengefaßt.  Da.s  Tiroler  Beispie!  wurde 
iin  Salzburg  nactigeahmt.  Die  Bewaffnung  der  Tiroler  und  der  Salzburger 
Heimatwehren  wurde  durch  Waffenschmuggel  aus  Bayern  erleichtert; 
^die  bayrische  Orgesch  entzog  ihre  Waffen  und  ihre  Munition  dem  Zugriff 
-der  Entwaffnunskommissionen  der  Entente,  indem  sie  sie  nach  Tirol  und 
Salzburg  schmuggelte.  Im  Juni  und  im  Oktober  1920  gelang  es  den  Tiroler 
Eisenbahnern,  bayrische  Waffentransporte  nach  Tirol  zu  beschlagnahmen; 
im  Oktober  1920  fielen  Dokumente  in  unsere  Hände,  die  den  bayrischen 
Waffenschmuggel  nach  Salzburg  erwiesen.  Später  ergänzten  die  Heimat- 
wehren ihre  Rüstung,  indem  sie  staatliche  Waffenmagazine  überfielen  und 
plünderten;  so  wurden  in  Tirol  die  staatlichen  Waffendepots  in  Kramsach, 
Höttinger-Au  und  Hall  von  den  Heimatwehren  beraubt.  Die  Tiroler  und  die 
.Salzburger  Heimatwehren  traten  in  engste  Verbindung  mit  der  bayrischen 
■Orgesch;  Ende  Juli  1920  fand  in  München  .eine  Zusammenkunft  ])ayrischer 
'Tand  österreichischer  Heimatwehrführer  statt,  auf  der  nach  einer  Rede 
.Escherichs  die  Tiroler  und  die  Salzburger  erklärten,  daß  sie  sich  dem 
Kommando  der  bayrischen  Orgesch  -.mterstellen  Am  20.  November  1920 
-verhinderten  die  Eisenbahner  eine  j;emein?5ame  Demonstration  der  Tiroler 
•und  der  bayrischen  Orgesch  durch    Stillegung  des  Eisenbahnverkehrs. 

Etwas  anderen  Charakter  trug  die  Br»wegung  in  Steiermark  und  in 
"Kärnten.  Die  enge  Verbindung  mit  Bayern,  das  politische  Ziel  des  An- 
schlusses an  Bayern,  fehlten  hier.  Die  Heimatwehr&n  hatten  hier  kein 
anderes  Ziel  als  das,  der  Bourgeoisie  und  der  Bauernschaft  gegen  die  Ar- 
-beiterschaft  zu  dienen.  Desto  leichter  ge\cannen  sie  hier  die  finanziefle 
Unterstützung  der  Großindustriellen  und  der  Banken,  die  sich  in  diesen 
iändern  zuerst  zur  Leistung  regelmäßiger  Abgaben  an  die  Heimatwehren 
■verpflichteten. 

Die  Rüstungen  der  Reaktion  zwangen  die  Arbeiterschaft  zu  Gegen- 
rüstungen. Die  Arbeiterräte  übernahmen  die  Aufgabe,  die  Abwehr  der 
Arbeiterschaft  zu  organisieren.  Die  Tätigkeit  der  Arbeiterräte'  hatte  sich 
:seit  den  Wahlen  im  Oktober  1920  wesentlich  verändert.  Im  Wahlkampf 
waren  die  Führer  der  „neuen  Linken",  Dr.  Frey  und  Rothe,  der  Sozial- 
demokratie entgegengetreten;  es  bestand  nun  kein  Zweifel  mehr,  daß  sie  die. 
Geschäfte  der  Kommunisten  besorgten.  Daher  hatte  sich  die  Mass-e  der  Ge- 
!no;5sen,  die  unter  dem  Einfluß  der  „neuen  Linken"  gestanden  war,  von 
■  diesen  Führern  getrennt.  Der  Streit  um  die  Koalitionspolitik  war  beendet, 
als  nach  den  Wahlen  die  Sozialdemokraten  aus  der  Regierung  austraten. 
Nunmehr  schlössen  sich  alle  sozialdemokratischen  Mitglieder  der  Arbeiter- 
räte zu  Fraktionen  zusammen,  die '  den  kommunistischen  Fraktionen  ge- 
:Schlossen  entgegentraten.  Dr.  Frey  und  Rothe,  die  sich  der  Fraktions- 
disziplin  der  sozialdemokratischen  Arbeiterratsfraktionen  nicht  unterwerfen 
wollten,  traten  aus  der  Partei  aus  und  gingen  zu  den  Kommunisten  über; 
nur  ein  sehr  kleiner  Teil  ihrer  einstigen  Gefolgschaft  ging  mit  ihnen. 
Da  nun  in  allen  Arbeiterräten  einer  kleinen  kommunistischen  Fraktion 
.die  große,  organisierte,  einheitlich  geführte,  einheitlich  stimmende  sozial- 
.'tlemokratische  Mehrheit  gegenüberstand,  verloren  die  politischen  Debatten 
innerhalb  der  Arbeiterräte  an  Bedeutung  und  Interesse.  Zugleich  verloren 
•die  Arbeiterräte  auch  ihre  wirtschaftlichen  Funktionen.  Mit  dem  Abbau 
fder    Kriegswirtschaft,    mit    der    Wiederherstellung    des    „freien    Handels" 

-     231    — 


lösten  sich  allmälilicli  die  maiiniiiraclu'n  wiiiscliaflliclien  Verwaltungs- 
Juirpcrschaflen  auf,  innerhalb  dei-en  die  Verlreler  der  Arbciterräle  gewirkt; 
hatten.  Mit  dem  Niederrang  der  Revolution  verloren  so  allmählich  auch  die' 
Organe  der  Revolution  ihren  Wirkungskreis.  Aber  die  Rüstungen  der 
Konterrevolution  gaben  den  Arbcilcrrätcn  noch  einmal  eine  neue  Funktion.. 
Sie  gingen  nun  daran,  die  Ordnerorganisation  als  Gegenwehr  gegen  die 
reaktionären  ,, Heimatwehren",  „Selbstschutzverbände",  ,, Frontkämpfer- 
organisationen" zu  schaffen  und  auszubauen. 

Der  Habsburgerputsch  im  März  19lM  gab  den  Rüstungen  beider  Parteien 
neuen  Anstoß.  Die  Arbeiterklasse  halte  die  Republik  bedroht  gesehen;  sie 
verstärkte  nun  ihre  Bemühungen  um  den  Ausbau  der  Ordnerorganisation, 
um  gegen  jeden  monarchistischen  Putschversuch  gerüstet  zu  sein.  Ander- 
seits hatte  der  Habsburgerputsch  die  inneren  Gegensätze  im  Lager  der- 
Reaktion  weiterentwickelt.  Das  geschah  insbesondere  in  Tirol.  Einen  Augen- 
blick lang  hatte  das  Auftauchen  Karl  Habsburgs  in  Ungarn  die  Zuversicht 
des  legitimistischen  Flügels  der  Tiroler  Christlichsozialen  gestärkt,  der,  von 
Schöpfer  geführt,  auf  den  Klerus  und  die  städtischen  Christlichsozialen 
gestützt,  auf  Habsburgs  Wiederkehr  hoffte.  Aber  sehr  bald  hatte  der- 
klägliche  Ausgang  des  Habsburgerputsches  die  Anhänger  des  Anschlusses 
an  Bayern  gestärkt,  die,  von  Schraffl  geführt,  auf  die  bäuerlichen  Organi- 
sationen u-nd  die  Heimatwehren  gestützt,  nicht  in  der  Restauration  Habs- 
burgs in  Österreich,  sondern  in  der  Losreißung  von  Österreich  und  dem 
Anschluß  an  das  reaktionäre  Bayern  ihr  Ziel  erblickten.  Nach  dem  Ende 
des  Karl-Putsches  glaubten  in  Tirol  die  Anhänger  der  bayrischen  Orien- 
tierung den  Anhängern  der  habsburgischen  Orientierung  eine  entscheidende 
Niederlage  bereiten,  den  Anschluß  an  Bayern  als  einmütigen  Willen  des 
ganzen  Tiroler  Volkes  feststellen  zu  können.  Sie  konnten  das  ganze  Volk 
für  ihr  Ziel  aufbieten,  indem  sie  das  konkrete  Ziel  des  Anschlusses  an/ 
Bayern  hinter  der  allgemeinen,  auch  Großdeutsche  und  Sozialdemokraten 
mitreißenden  Parole  des  Anschlusses  an  Deutschland  verbargen.  Der 
Tiroler  Landtag  beschloß,  für  den  24.  April  1921  eine  Volksabstimmung- 
darüber  auszuschreiben,  ob  das  Tiroler  Volk  den  Anschluß  an  Deutschland 
wünsche. 

Mit  diesem  Beschluß  des  Tiroler  Landtages  setzte  eine  neue  Bewegung 
für  den  Anschluß  an  Deutschland  ein.  Sie  war  von  der  Anschlußbewegung 
des  November  1918  und  des  Jahres  1919  sehr  verschieden.  Die  Anschluß- 
bewegung von  1918  war  aus  dem  Geiste  der  nationalen  Revolution  hervor- 
gegangen; die  Anschlußbewegung  von  1921  war  reaktionären  Ursprungs, 
v/enngleich  sie  für  die  revolutionäre  Parole  des  Anschlusses  auch  die  der 
.Reaktion  feindlichen  Klassen  aufbieten  konnte.  1918  war  die  Bewegung  von 
der  Sozialdemokratie  getragen,  von  der  Wiener  Regierung  geführt,  der  Au- 
fschluß Deutschösterreichs  an  Deutschland  war  das  Ziel;  1921  war  die  Be- 
wegung von  den  Landesregierungen  der  Alpenländer  geführt,  gegen  die 
Wiener  Regierung  gerichtet  und  ihr  Ziel  war  der  Abfall  der  Länder  vom 
Bund  und  der  Anschluß  der  einzelnen  Länder  an  Bayern.  Im  Jahre  1919" 
hatte  die  Tiroler  Landesregierung  den  Anschluß  bekämpft  und  unserem 
Kampf  um  den  Anschluß  die  größten  Schwierigkeiten  bereitet;  im  Jahre 
1921  stellte  sich  dieselbe  Tiroler  Landesregierung  an  die  Spitze  der 
Anschlußbevv^egung.   Im  Jahre  1919,  in  einer  Zeit,  in  der  Großbritannien,, 


•die  Vereinigten  Staaten  und  Italien  drei  Monate  lang  „schwankten  und 
diskutierten",  ehe  die  Pariser  Friedejiskanferenz  über  den  Anschluß  ent- 
schied, war  es  ein  ernster  Kampf;  im  Jahre  1921,  dem  ratifizierten 
Friedensvertrag  gegenüber,  war  die  Bewegung  aussichtslos. 

Trotzdem  bewährte  yich  auch  in  dieser  Bewegung  die  mächtige  Werbe- 
kraft des  Anschlußgedankens.  Am  24.  April  stimmten  in  Tirol  146.468 
Männer  und  Frauen,  beinahe  neun  Zehntel  aller  Stimmberechtigten,  über 
den  Anschluß  ab;  von  ihnen  stimmten  144.342  für,  nur  1794  gegen  den 
Anschluß  an  Deutschland.  Von  Tirol  griff  die  Bewegung  nach  Salzburg 
über.  Auch  hier  wurde  darüber  abgestimmt,  ob  das  Volk  den  Anschluß 
wünscht;  103.000  Stimmen  wurden  für,  800  gegen  den  Anschluß  abgegeben. 
Aber  indessen  hatte  schon  Frankreich  eingegriffen.  Die  französische  Re- 
gierung verlangte  die  Einstellung  der  Volksabstimmungen.  Sie  drohte, 
Österreich  werde,  wenn  die  Abstimmungen  nicht  eingestellt  Vv-erden,  die 
in  Aussicht  gestellten  Auslandskredite  nicht  bekommen,  die  Reparations- 
kommission werde  von  Österreich  Reparationen  fordern,  das  Bürgenland 
werde  Österreich  nicht  übergeben  werden.  Unter  dem  Druck  Frankreichs 
mußte  der  Bundeskanzler  Mayr  von  den  Ländern  die  Einstellung  der  Ab- 
stimmungen verlangen.  Aber  Mayr  hatte  seit  dem  Habsburgerputsch  den 
Einfluß  auf  seine  Parteigenossen  verloren.  Trotz  Mayrs  Einspruch  be- 
schloß der  steirische  Landtag  am  31.  Mai,  auch  in  Steiermark  die  Ab- 
stimmung über  den  Anschluß  auszuschreiben.  Infolge  dieses  Beschlusses 
demissionierte  die  Regierung  Mayr.  Niemand  konnte  eine  neue  Regierung 
bilden,  ohne  sich  Bürgschaften  c'afür  zu  sichern,  daß  die  Anschlußbewegung 
der  Länder  die  neue  Regierung  nicht  in  £chv,"eren  Konflikt  mit  Frankreich 
.bringen  wird.  Schließlich  gelang  dies:  Christlichsoziale  und  Großdeutsche 
vereinbarten,  für  ein  halbes  Jahr  auf  die  Abstimmungen  über  den  An- 
schluß zu  verzichten;  die  Bewegung  für  den  Anschluß  solle  erst  dann  wieder 
aufgenommen  werden,  wenn  die  versprochenen  Auslandskredite  nicht  bis 
Ende  des  Herbstes  1921  einlangen  Auf  Grund  dieser  Vereinbarung  wurde 
am  21.  Juni-  eine  neue  Regierung  gewählt,  an  deren  Spitze  der  Wiener 
Polizeipräsident  Johann  Schober  trat;  es  war  eine  Beamtenregierung,  in 
der  die  christlichsoziale  und  di*^  großdeutsche  Partei  durch  je  einen  Ab- 
geordneten vertreten  waren. 

Die  Anschlv-ßbewegung  der  Länder  hatte  nicht  nur  in  Steiermark,  wo 
der  Landtag  den  Beschluß  über  die  Volksabstimmung  widerrufen  mußte, 
sondern  auch  in  Tirol  und  in  Salzburg,  wo  die  Volksabstimmung  eine 
wirkungslose  Demonstration  geblieben  war,  mit  einer  Niederlage  geendet. 
Die  Länder  hatten  die  Macht  der  äußeren  Widerstände,  die  ihrem  Abfall 
vom^  Bunde  entgegenstanden,  kennengelernt.  Sie  mußten  erkennen,  daß  sie 
nicht  von  der  deutschösterreichischen  Republik  abfallen  können,  sondern 
sich  in  ihr  einrichten  müssen.  Diese  Erfahrung  förderte  die  Einfügung  der 
Länder  in  den  Bund.  Und  diese  Einfügung  wurde  zugleich  durch  die  wirt- 
schaftliche Entwicklung  gefördert.  In  den  Jahren  1918  und  1919  war  die 
Lebensmittelnot  eine  der  stärksten  Triebkräfte  des  Länderpartikularismus, 
der  Kampf  gegen  die  Ausfuhr  von  Lebensmitteln  und  Rohstoffen  aas  dem 
Lande  sein  volkstümlichstes  Betätigungsgebiet  gewesen;  seitdem. 'aber  die 
Lebensmittel-,  Kohlen-  und  Rohstoffnot  allmählich  überwunden  wurde, 
: seitdem  Österreich  seit  dem  Einbruch   der   internationalen  Absatzkrise  im 

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Jahre  1920  aus  dem  Ausland  wioder  so  viel  Lebensmittel,  Kohle  und  lluh- 
stoffe  beziehen  konnte,  als  es  zu  bezahlen  vermochte,  war  diese  wirtschaft- 
liche Grundlage  des  Länderpartikularismus  allmählich  verschwunden.  Im 
Jahre  1919,  als  infolge  der  Kohlen-  und  Rohstoffnot  die  Wiener  Industrie 
stillstand,  hatten  die  Länder  Wien  als  den  „Wasserkopf"  betrachtet,  der 
den  Alpenländcrn  nur  ihre  Lebensmittel  entziehe,  ohne  ihnen  etwas  bieten 
zu  können;  seitdem  seit  1920  die  Wiener  Industrie  und  der  Wiener  Handel 
\vieder  in  vollem  Gange  waren,  war  Wien  kein  ,, Wasserkopf  mehr,., 
sondern  die  große  Steuerquelle,  aus  der  der  Bund  vier  Fünftel  der  Steuer- 
einnahmen schöpfte,  und  die  große  Industrie-  und  Handelsstadt,  deren 
Export  dem  Bunde  die  ausländischen  Zahlungsmittel  lieferte,  die  allein  es 
ilim  ermöglichten,  auch  für  die  Alpenländer  ausländisches  Getreide  und 
ausländische  Kohle  zu  kaufen.  So  schwand  allmählich  die  wirtschaftliche 
Basis  der  Abfallsbewegung.  Die  Anschlußbewegung  im  Frühjahr  1921  war 
die  letzte  große  Auflehnung  der  Länder  gegen  den  Bund. 

Sie  war  zugleich  das  letzte   starke  Aufflammen  des  Kam.pfes  um  die 
deutsche  Einheit    gewesen.  Daß    nach    dem  Friedensschluß    der   Anschluß* 
nicht    mehr    ein    unmittelbar    erreichbares  Ziel    der  Tagespolitik,  sondern 
nur  chi  nationales  Ideal  sein  kann,  das  festgehalten  werden  muß,  bis  eine- 
grundstürzende  Umwälzung   der   Machtverhältnisse   in   Europa  seine   Ver- 
wirklichung ermöglicht,  war  nun  selbst  den  Spießbürgern  an  den  Biertischen 
der  Provinzstädte  anschaulich  geworden.  Und  ihre  Begeisterung  für  dieses 
nationale    Ideal    wurde    sehr    bald    kühler.   Hatte    die    hoffnungslos    fort- 
schreitende Entwertung  der  österreichischen  Krone  ihre  Überzeugung  von. 
der  Lebensunfähigkeit  Österreichs  begründet,  so  sahen  sie  in  dem  Anschluß 
keine  Rettung  mehr,  sobald  unter  dem  Drucke  der  französischen  Reparations_ 
lasten  auch  die  deutsche  Mark  immer  tiefer,   immer  hoffnungslosor  sank 
Noch  im  Juni  1921,  bei  der  Bildung  der  Regierung  Schober  hatten  sich  die 
Großdeutschen  das  Recht  vorbehalten,  die  Fortsetzung  der  Abstimmungen- 
über  den  Anschluß  zu  fordern,  wenn  die  Republik  die  in  Aussicht  gestellten 
Auslandskredite  nicht  bis  zum  Herbste  1921  erlangt.     Die  Auslandskrcdite 
kamen  in  dieser  Zeit  nicht,  aber  von  den  Anschlußabstimmunpcn  war  trotz- 
dem keine  Rede  mehr. 

Die  Sozialdemokratie  hatte  die  Bemühungen  der  Regierungen  Mayr,  die 
Länder  zum  Verzicht  auf  die  Fortführung  der  Anschlußabstimmungen  zu 
bewegen,  unterstützt.  Wir  wußten,  daß  die  Anschlußabstimmungen  unter- 
den  gegebenen  Machtverhältnissen  in  Europa  nicht  den  Anschluß,  sondern 
nur  einen  schweren  Konflikt  mit  Frankreich  herbeiführen  konnten.  Wir 
halfen  der  Regierung,  diesen  Konflikt  zu  verhüten;  denn  wir  sahen  voraus,, 
daß  die  Republik  in  der  nächsten  Zeit  in  eine  schwere  Krise  geraten  werde,, 
in  der  ihr  jeder  Konflikt  mit  den  Großmächten  sehr  gefährlich  werden 
konnte.  Die  Ratifizierung  des  Vertrages  von  Trianon  stand  unmittelbar 
bevor.  Damit  mußte  die  Frage  der  Übergabe  Deutsch-Westungarns  an  Öster- 
reich aktuell  w^erden;  der  schwierigste,  gefährlichste  Konflikt  mit  der- 
ungarischen  Konterrevolution  stand  vor  uns. 

Am  26.  Juli  1921  wurde  der  Friedensvertrag  von  Trianon  ratifiziert.. 
Nunmehr  sollte  eine  interalliierte  Generalskommission  der  Entente,  an. 
deren   Spitze  der  italienische  General  Ferrario  stand,  das  Burgenland  vohj 


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XJngarn  übcrnelunon  und  es  Österreich  ül)ergeben.  Ungarn  bereitete  oflen- 
:sichtlich  bewaiineton  Widerstand  gegen  die  Übergabe  vor. 

Die  österreichische  Sozialdemokratie  hätte  niemals  die  Annoxi;rn,  sie 
hatte  immer  nur  das  Selbstbestimmungsrecht  des  Burgenlandes  gefordert. 
Bei  den  Friedensverhandlungen  in  Saint-Germain  hatte  unsere  Friedens- 
-delegation  nicht  die  einfache  Abtretung  Deutsch-Westungarns  an  Österreich 
verlangt;  sie  hatte  nichts  anderes  verlangt,  als  daß  Deutsch-Westungarn 
.in  freier  Volksabstimmung  unter  neutraler  Besetzung  und  Kontrolle  selbst 
entscheide,  zu  welchem  Staat  es  gehören  will.  Die  Entente  hatte  freilich 
-diese  Forderung  damit  beantwortet,  daß  sie  Deutsch-Westungarn  teilte. 
Der  Entwurf  des  Friedensvertrages,  der  am  20.  Juli  1919  unserer  Friedens- 
•delegation  überreicht  wurde,  sprach  Preßburg  der  Tschechoslowakei, 
.Ungarisch-Altenburg,  Wieselburg,  Güns,  St.  Gotthard  sprach  er  Ungarn, 
einige  Grenzgememden  Jugoslawien,  nur  den  Rest  des  deutschen  West- 
ungarn Österreich  zu.  Unsere  Friedensdelegation  hat  gegen  diese  Verfügung 
der  Mächte  über  das  Land  protestiert;  sie  hat  in  ihrer  Antwortnote  auf  den 
Friedensentwurf  am  6.  August  1919  den  Mächten,  die  uns  einen  Teil 
Deutsch-Westungarns  schenken  wollten,  geantwortet,  Deutschösterreich  , 
wünsche  ein  solches  Geschenk  gar  nicht;  Deutschösterreich  wolle  Deulsch- 
Westungarn  nur  dann  erwerben,  wenn  dies  der  Wille  der  Bevölkerung 
.Deutsch-Westungarns  selbst  ist.  Die  Friedensdelegation   sagte: 

„Die  deutschösterreichische  Republik  hält  daran  fest,  daß  das  Prinzip  des 
Selbsibestimmungsrechles  der  Völker  gewissenhaft  durchgeführt  werde.  Um  von 
vornherein  den  Verdacht  einer  Maßnahme  gegen  den  Willen  des  Volkes  zu  zer- 
streuen, erlaubt  sich  Deutschösterreich,  darauf  zu  bestehen,  im  Wege  einer  unter 
der  Leitung  und  Aufsicht  der  alliierten  und  assoziierten  Hauptmächte  vorzu- 
nehmenden Volksabstimmung  die  unumwundene  Erklärung  der  Einwohner  West- 
ungarns darüber  einzuholen,  welchem  Staate  sie  eingegliedert  zu  werden 
wünsclien."  ^ 

Diese  Forderung  entsprach  nicht  nur  den  demokratischen  Grundsätzen, 
sondern  auch  den  Interessen  Österreichs.  V/ir  forderton  ja  in  derselben  Note, 
daß  Kärnten,  daß  Deutsch-Südtirol,  der  Böhmerwaldgau  und  der  Znaimer 
Kreis,  die  die  Entente  uns  entreißen  wollte, 'durch  freie  Volksabstimmung 
über  ihre  staatliche  Zugehörigkeit  entscheiden  sollen;  wir  mußten  diese 
Forderung  stützen,  indem  wir  die  Volksabstimmung  unter  denselben  Be- 
dingungen auch  für  das  Burgenland,  das  die  Entente  uns  zusprechen 
wollte,  forderten.  Überdies  aber  stützte  unsere  Forderung,  daß  das  burgen- 
ländische  Volk  selbst  über  seine  Staatlichkeit  entscheiden  solle,  unseren 
Protest  gegen  die  Teilung  Deutsch-Westungarns;  wir  verlangten,  daß  die 
Volksabstimmung  nicht  nur  in  dem  uns  zugesprochenen  Teile  des  Burgen- 
landes, sondern  in  dem  ganzen  deutschen  Siedlungsgebiet  Westungarns 
■stattfinde.  Die  Entente  lehnte  diese  Forderungen  ab.  In  ihrer  Note  vom 
2.  September  1919  beharrte  sie  auf  den  schon  in  dem  Entwurf  vom  20.  Juli 
festgestellten  Grenzen.  „Innerhalb  dieser  Grenzen",  sagte  die  Mantelnote 
.zu  dem  endgültigen  Text  des  Friedensvertrages,  „empfehlen  der  Volks- 
charakter und  das  nationale  Empfinden  der  Bewohner  zu  klar  den  An- 
schluß an  Österreich,  als  daß  es  die  Mächte  für  notwendig  erachten 
würden,  eine  Volksabstimmung  durchzuführen." 

•Als   es    im  Sommer   1921    offenbar    wurde,    daß    Ungarn    bewaffneten 
'iWiderstand  gegen  die  Übergabe  des  Burgenlandes  vorbereite,  verlangte  die 

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SozialdtMuokriitio  abiTinals,  daß  Oslorrcich  die  Ihedlichc  Schlichtung  des- 
Streites  nach  deinokratischcn  Grundsätzen  vorsclüage.  Wir  hielten  es 
für  notwendig,  daß  sich  Osterreich  zu  einer  demokratischen  Lösung 
bereit  zeige,  um  womöghch  einen  bewaffneten  Konfhkt  zu  vermeiden.  Des- 
lialb  schlugen  wir  am  13.  August  dem  Ausschuß  für  Äußeres  vor,  Öster- 
reich Sülle,  um  einen  bewaffneten  Konflikt  mit  Ungarn  zu  vermeidsn,.. 
Ungarn  eine  A'ercinbarung  anbieten,  durch  die  beide  Staaten  die  Eat- 
scheidung  über  die  Zukunft  des  Burgcnlandes  dem  burgenländischen  Volke 
selbst  überlassen  sollen.  Österreich  solle  sich  bereit  erklären,  die  Ent- 
scheidung durch  eine  Abstimmung  des  burgenländischen  Volkes  anzu- 
erkennen, wenn  diese  Abstimmung  nicht  nur  in  dem  durch  den  Friedens- 
vertrag uns  zugesprochenen,  sondern  auch  in  dem  Ungarn  belassenen 
Teile  Deutsch- Westungarns  vorgenommen  und  wenn  diese  Abstimmung  erst 
nach  Abzug  der  ungarischen  Truppen  und  Behörden  und  unter  hin-reichenden 
Bürgschaften  für  die  volle  Freiheit  der  Abstimmung  vorgenommen  werde. 
Die  bürgerlichen  Parteien  konnten  sich  jedoch  am  13.  August  nicht  ent- 
schließen, Ungarn  einen  solchen  Vorschlag  zu  machen.  Erst  am  27.  August 
nahm  der  Ausschuß  für  Äußeres  einen  Antrag  an,  die  Regierung  solle  sich 
bereit  erklären,  nach  der  Übergabe  des  Burgenlandes  an  Österreich  mit 
Ungarn  über  eine  „einvernehmliche  Lösung  der  Abgrenzungsfragen  auf 
Grund  der  Willensäußerung  des  burgenländischen  A^'olkes"  ■  zu  ver- 
handeln. Aber  nun  war  es  dazu  schon  zu  spät.  Die  militärischen  Vorbe- 
reitungen Ungarns  im  Burgenland  waren  schon  in  vollem  Gang.  In 
Ödenburg  stand  eine  ungarische  Truppe  unter  dem  Kommando  des  Majors 
Osztenburg;  die  Offiziere  der  Pronay-  und  Hejjas-Detachements  führten 
bewaffnete  Freischärler,  die  zumeist  aus  Szeklern  und  anderen  aus  Sieben- 
bürgen und  der  Slowakei  geflüchteten  Magyaren  angeworben  worden 
waren,  in  das  Land.        4 

Wir  hatten  uns  bemüht,  der  österreichischen  Politik  eine  Richtung  zu 
geben,  die  eine  friedliche  und  demokratische  Lösung  des  Streites  um  das 
Burgenland  ermöglichen  konnte.  Aber  wir  hatten  keine  Illusionen  darüber,, 
daß  die  Aussicht,  die  ungarische  Offiziersdiktatur  für  eine  solche  Lösung 
zu  gewinnen,  auch  dann  sehr  gering  sei,  wenn  sich  Österreich  rechtzeitig 
zu  der  Entscheidung  des  Konflikts  nach  demokratischen  Grundsätzen  bereit 
zeigte.  Deshalb  hatten  wir  schon  seit  dem  Frühjahr  1921  immer  wieder 
verlangt/ daß  die  Stände  und  die  Ausrüstung  des  Bundesheeres  so  ergänzt 
werden,  daß  es  in  dem  drohenden  Konflikt  mit  Ungarn  unsere  Freiheit 
und  unsere  Grenzen  zu  verteidigen  imstande  sei.  Dabei  waren  wir  aber 
auf  unüberwindUchen  Widerstand  gestoßen.  Die  herrschende  christlich- 
soziale Partei  wünschte  keinen  Ausbau  des  Bundesheeres.  Schon  im  Früh- 
jahr 1921  hatten  führende  christlichsoziale  Abgeordnete,  vor  allen  Doktor- 
Mataja,  und  führende  christlichsoziale  Zeitungen,  vor  allen  die  „Reichs- 
post", verlangt,  Österreich  solle  bei  der  Besetzung  des  Burgenlandes  das 
Bundesheer  überhaupt  nicht  verwenden.  Diese  Agitation  gegen  die  Ver- 
wendung des  Bundesheeres  war  von  den  klerikalen  Elementen  im  Burgen- 
land selbst  ausgegangen.  Die  ödenburger  Klerikalen  waren  Magyaronen;  sie 
zogen  trotz  ihrer  deutschen  Nationalität  das  „christliche  Ungarn"  dem 
demokratischen  Österreich  vor.  Das  Burgenland  hatte  in  der  Zeit  der 
ungarischen  Rätediktatur  unter  dem  roten  Terror  schwer  gelitten;  die  kleri- 

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kalen  Magyaren  im  Burgonland  betrieben  darum  ihre  Agitation  gegen  Öster- 
reich mit  dem  Argument,  daß  in  Österreich  der  „schleichende  Bolsche- 
wismus" herrsche,  das  österreichische  Bundesheer  eine  bolschewistische 
Rote  Armee  sei.  Sie  schrien  in  die  Welt  hinaus,  das  burgenländische  Volk 
werde  sich  gegen  den  Einmarsch  dieser  Roten  Armee  auflehnen.  Diese  Agi- 
tation der  Ödenburger  Magyaronen  fand  in  den  Yviener  klerikalen  Kreisen 
Widerhall.  Sie  glaubten,  das  burgenländische  Volk  sei  durch  die  Er- 
fahrungen in  der  Zeit  der  ungarischen  Rätedildatur  mit  reaktionärer  Ge- 
sinnung erfüllt  worden.  Sie  hofften,  das  Burgenland  zu  einem  Bollwerk 
der  Reaktion  innerhalb  Österreichs  ausbauen  zu  können.  Sie  fürchteten, 
die  Besetzung  des  Burgenlandes  durch  das  republikanisch-proletarische 
Bundesheer  könnte  dies  erschw-eren.  Deshalb  wünschten  sie,  das  Burgen- 
land solle  nur  durch  Gendarmerie  besetzt  werden;  nach  seiner  Besetzung 
solle  dann  sofort  im  Burgenland  selbst  ein  ihren  Zwecken  dienstbares. 
Truppenkontingent  aufgestellt  werden.  Es  gelang  der  Agitation  der  burgen- 
ländischen  und  der  Wiener  Klerikalen,  die  interalliierte  Generalskommis- 
sion  in  Ödenburg  zu  gewinnen.  Sie  ordnete  an,  daß  Österreich  bei  der  Be- 
setzung des  Eurgenlandes  nur  Gendarmerie,  nicht  das  Bundesheer  ver- 
wenden dürfe.  Trotz  unseren  Protesten  fügte  sich  die  österreichische  Re- 
gierung dieser  Anordnung  der  Ententegenerale,  weil  Ja  die  in  Österreich 
regierende  Partei  selbst  die  Verwendung  des  Bundesheeres  bei  der  Land- 
nahme nicht  wünschte. 

So  rückte  denn  am  28.  August  die  Gendarmerie,  insgesamt  nur  .1950' 
Mann,  in  elf  Kolonnen  m  das  Burgenland  ein.  Sofort  warfen  sich  ihr  die 
magyarischen  Freischärler  entgegen.  Die  an  Zahl  viel  zu  schwachen  und 
zum  Kampf  nicht  ausgerüsteten  Gendarmerieabteilungen  konnten  den 
Widerstand  der  Banden  Horthys  nicht  brechen.  Im  Süden  konnte  die  Gen- 
darmerie über  die  steirische  Grenze  nicht  hinausdringen.  Im  Norden  konnte 
sie  einen  Teil  des  Burgenlandes  besetzen,  geriet  aber  dort  in  opfervollen 
Kleinkrieg  mit  den  Banden.  Immerhin  waren  die  Freischärler  an  diesem 
Tage  noch  sehr  schwach.  W^äre  am  28.  August  das  Bundesheer  in  das 
Burgenland  eingerückt,  so  hätte  es  die  magyarischen  Banden  unschwer 
vertreiben  können.  Die  Gendarmerie  aber  war  dazu  viel  zu  schwach  ge- 
wesen; und  der  wohlfeile  Erfolg,  den  die  Freischärler  gegen  die  Gen- 
darmerie errungen  hatten,  rief  in  Ungarn  großen  E